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Christoph Martin Wieland: Euthanasia - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleEuthanasia
pages142
created20131123
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Gespräch

Das nächstemal, da die beiden Freunde wieder zusammen kamen, vergaß Selmar nicht, Wilibalden an sein Versprechen zu erinnern. Ich berge nicht, sagte er, daß ich noch stark an der Meinung hange, daß eine über alle Möglichkeit von Täuschung hinweggesetzte Erscheinung eines Verstorbenen ein großer Gewinn für die Menschheit wäre. Noch vor Kurzem stand ich in dem Wahn, daß D. W**l uns mit einer solchen Erscheinungsgeschichte beschenkt habe. Du hast mir Zweifel gegen sie beigebracht, die meinen Glauben an sie gewaltig erschüttert haben. Es ist also nicht mehr als billig, daß du mich für meinen Verlust entschädigest, und ich bin begierig zu hören, wie du die Erwartung, in welche dein Versprechen mich gesetzt hat, zu befriedigen vermögend seyn wirst.

Wilibald. Ob eine über alle Zweifel weggesetzte Geistererscheinung überall unter die möglichen Dinge gehöre, ist eine Frage, lieber Selmar, die wir vor jetzt noch dahin gestellt seyn lassen wollen. Ich versprach dir nur ein paar Erzählungen aus diesem Fache, die von viel größerer Wichtigkeit und Beweiskraft für das Leben nach dem Tode seyn sollten, als die W**lsche; und ich denke dir Wort zu halten. In beiden Geschichten spielt der bekannte schwedische Bergrath Swedenborg die Hauptrolle. Ich erinnere mich noch sehr wohl, daß vor mehr als dreißig Jahren allenthalben von diesen Anekdoten als von ganz neuerlich geschehenen Dingen gesprochen wurde. Indessen, da mir die nähern 168 Umstände entfallen waren, und ich mich auf keinen glaubwürdigen Zeugen namentlich hätte berufen können, würde ich ihrer schwerlich erwähnt haben, wenn ich nicht in diesen Tagen zwar unverhofft auf einen Gewährsmann gestoßen wäre, der – nach meiner Schätzung wenigstens – eine ganze Wolke von gewöhnlichen Zeugen aufwiegt. Es ist kein geringerer als der Verfasser der Souvenirs de vingt ans de séjour à Berlin, Herr Dieudonné Thiébault, Mitglied der königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin u. s. w., der diese Anekdoten, so wie er sie unmittelbar aus dem Munde der zunächst dabei betroffenen Personen erhalten hatte, dem zweiten Bande des besagten Werks, unter der Rubrik: la Princesse Ulrique, Reine Douairière de Suede, einverleibt hat. Herr Thiébault hatte, so wie mehrere damalige Gelehrte seiner Nation, während des Aufenthalts dieser Königin zu Berlin öfters die Ehre, von ihr zur Tafel und zu ihren zwangfreien Abendgesellschaften gezogen zu werden. Bei einer solchen Gelegenheit begab sich's, daß die Rede auf den damals vielbesprochenen Geisterseher Swedenborg fiel. Thiébault und sein College Merian wünschten zu wissen, was die Königin von diesem außerordentlichen Manne halte. Vermuthlich um den Weg hiezu zu bahnen, erzählte Thiébault folgende Anekdoten, die er von dem damals noch lebenden preußischen Kammerherrn und gewesenen Minister in Holland und Frankreich, Baron v. Ammon (der französische Autor nennt ihn d'HamonEs ist eine seltsame Eigenheit beinahe aller Franzosen, daß es ihnen so schwer fällt, ausländische Geschlechtsnamen unverfälscht zu lassen. Herr Thiebault hat sich in zwanzig Jahren Aufenthalt in Berlin von diesem tic nicht los machen können. So schreibt er (um nur einige Beispiele anzuführen) durchgängig Splickgerb, Schaffkotsch, Kap-hensk, Fink-Einstein, statt Splitgerber, Schafgotsch, Kapphengst, Finkenstein. W.), unmittelbar erhalten habe. Der Schwager dieses Herrn von Ammon war vor einiger Zeit als holländischer Gesandter zu Stockholm plötzlich mit Tod abgegangen. Bald nachher brachte eine dortige Handlung der Wittwe, Schwester des besagten Barons, die Rechnung für eine beträchtliche Tuchlieferung, welche sie an ihren verstorbenen Gemahl noch zu fordern hätte. 169 Die Dame glaubte gewiß zu seyn, daß diese Rechnung bei Lebzeiten ihres Mannes schon bezahlt worden, konnte aber unglücklicher Weise die Quittung nirgends finden und würde sich folglich, da die Rechnungsbücher der Kaufleute gegen sie zeugten, zuletzt genöthigt gesehen haben, noch einmal zu zahlen. In dieser Verlegenheit rieth man ihr, sich an Swedenborg zu wenden, der, vermittelst seines freien Umgangs mit den Verstorbenen, Gelegenheit finden würde, sich bei ihrem Gemahl selbst nach der Sache zu erkundigen. Sie folgte dem Rath; Swedenborg versprach, sein Bestes zu thun, und nach einigen Tagen berichtete er ihr: »der verstorbene Gesandte habe die Quittung wirklich an dem und dem Tage, zu der und der Stunde in seinem Cabinet empfangen, als er eben den und den Artikel in Bayle's Wörterbuche gelesen; und da er gleich darauf durch ein anderes Geschäft unterbrochen worden, habe er die Quittung, zum Zeichen, wie weit er im Lesen gekommen, in dem Buche liegen lassen.« Und hier fand sie sich denn auch wirklich, in dem angegebenen Theil und auf der angegebenen Seite. Die Königin (so fährt Herr Thiébault in seiner Erzählung fort) sagte hierauf: die Anekdote, deren Herr Thiébault so eben erwähnt habe, sey eine von denen, die auch ihr erzählt worden, und die ihr am meisten aufgefallen, ohne daß sie gleichwohl die Wahrheit davon zu erkundigen gesucht hätte, da sie wenig geneigt sey, an dergleichen Wunderdinge zu glauben. Indessen habe sie doch den Bergrath Swedenborg, den sie von Person kenne, auf eine Probe stellen wollen. Wie er sich also eines Abends bei ihrer Cour eingefunden, habe sie ihn auf die Seite genommen und ihn ersucht, er möchte ihren verstorbenen Bruder (den Prinzen von Preußen, Großvater des jetzigen Königs) fragen: was er ihr in dem letzten Augenblick, wo sie ihn 170 vor ihrer Abreise nach Stockholm gesehen, gesagt habe? – Der Gegenstand dieser Frage sey so beschaffen, daß der Prinz unmöglich das, was er ihr gesagt, irgend einer andern Person habe wieder sagen können; und eben so wenig habe es ihr selbst einfallen können, mit irgend Jemand davon zu reden. Einige Tage darauf wäre Swedenborg wieder gekommen, da sie eben beim Spiel gesessen, und habe sie um eine besondere Audienz gebeten, worauf sie ihm zur Antwort gegeben: er könne ihr vor Jedermann sagen, was er anzubringen habe. Aber Swedenborg habe geäußert: das, was er ihr wiederzusagen gekommen sey, lasse keine Zeugen zu. Diese Antwort habe sie gleich sehr unruhig gemacht; sie habe ihr Spiel einer andern Dame gegeben und den hier gegenwärtigen schwedischen Reichsrath von Schwerin ersucht, mit ihr zu kommen. Sie habe sich darauf in ein anderes Zimmer, wo sonst Niemand gewesen, verfügt, den Herrn von Schwerin an die Thür gestellt und sey mit Swedenborgen bis an das andere Ende des Zimmers gegangen, der ihr dann gesagt habe: »Gnädigste Königin, Sie haben Ihrem Herrn Bruder, dem hochseligen Prinzen von Preußen das letzte Lebewohl zu Charlottenburg gesagt an dem und dem Tag, in der und der Stunde Nachmittags; wie Sie darauf über die lange Galerie des Schlosses gingen, begegneten Sie ihm wieder, und da nahm er sie bei der Hand, führte Sie an dieses und dieses Fenster, wo er von Niemand als von Ihnen gehört werden konnte und sagte Ihnen folgende Worte: –« – »Die Königin (fährt Herr Thiébault in seiner Erzählung fort) theilte uns diese Worte nicht mit, versicherte aber, es wären eben dieselben gewesen, die ihr Bruder zu ihr gesprochen, und die sie sicherlich nicht vergessen habe; sie setzte hinzu, es wäre ihr in selbem Augenblick beinahe übel geworden; 171 auch forderte sie den Herrn von Schwerin zum Zeugen auf, der sich begnügte, in seinem gewöhnlichen lakonischen Styl zu sagen: Madame, das Alles ist wahr, wenigstens in dem, was mich betrifft.« – Hier, lieber Selmar, hast du nun meine Anekdote aus der Geisterwelt, und ich hoffe, du wirst gegen die Glaubwürdigkeit einer Dame, wie die ehemalige Königin Ulrike, welche die Sache als ihr selbst begegnet, bezeugt, und eines Mannes wie Thiébault, der sie unmittelbar aus dem Munde der Königin der ganzen Welt wieder erzählt, nichts einzuwenden haben.

Selmar. Bei Gott! das ist eine erstaunliche Geschichte –

Blandine. In der That etwas ganz Unglaubliches, wenn es nicht von so unverwerflichen Zeugen bekräftiget wäre.

Wilibald. Das Schönste an der Sache ist, daß, wenn auch an allen den Geister- und Gespenster-Historien, wovon alle Lande und alle Spinnstuben der Welt voll sind, sammt und sonders kein wahres Wort wäre, nur diese einzige Erzählung der Königin Ulrike in ihren wesentlichsten Umständen auf einer wirklich geschehenen Thatsache beruhen dürfte, um uns von dem Leben und der fortdauernden Persönlichkeit nach dem Tode die größte Gewißheit zu geben und alle Experimente, wozu Herr D. W. die gesammte philosophische Innung auffordert, überflüssig zu machen. Swedenborg, ein angesehener und begüterter schwedischer Edelmann, ein Mathematiker, Naturforscher und Mineralog von Profession, der sich in diesen Fächern einen Namen gemacht und in den ersten fünfzig Jahren seines Lebens immer für einen sehr vernünftigen Mann gehalten worden war, versichert, daß ihm durch Gottes besondere Vergünstigung die unsichtbare Welt aufgethan worden sey, und daß er unter Anderem auch die 172 verstorbenen Menschen, in derselben Gestalt, worin sie sich bei Leibesleben gezeigt, im Reich der Geister auffinden und sich von Angesicht zu Angesicht mit ihnen besprechen könne. Diesem Manne trägt seine Königin (um ihn auf eine Probe, bei welcher ihr kein Betrug möglich schien, zu stellen) auf, ihren verstorbenen Bruder um etwas zu fragen, was außer ihr selbst und dem Verstorbenen keine Seele wissen konnte. Nach einigen Tagen kommt Swedenborg und sagt ihr von Wort zu Wort, mit Bemerkung aller Umstände des Orts und der Zeit, was sie zu wissen verlangte. Er mußte es also nothwendig von dem Verstorbenen selbst vernommen haben: er hatte ihn folglich gesehen und gesprochen: der Verstorbene lebte also noch in einer für uns Andern unsichtbaren Welt fort, erinnerte sich noch genau der besondersten Umstände seines vorigen Lebens und hatte folglich seine ganze Persönlichkeit behalten. Alles dieß ist gewiß und unleugbar, wofern es die Erzählung der Königin ist. Was können wir, billiger Weise, von dem Leben nach dem Tode mehr zu wissen verlangen?

Blandine. Ich berge nicht, daß ich, nachdem ich einmal so viel davon weiß, noch gar viel mehr wissen möchte.

Selmar. Dazu könnten also doch wohl die von D. W**l anempfohlenen Experimente dienlich seyn?

Wilibald. Es ging einmal (ich erinnere mich nicht, vor wie langer Zeit) eine Sage durch ganz Europa, daß einem Knaben (ich weiß nicht mehr wo) ein Zahn von gediegenem Golde gewachsen sey. Gelehrte aller Arten, Theologen, Philologen, Naturforscher, Aerzte und Chemiker beeiferten sich in die Wette, dieses Wunder zu erklären; es wurde viel darüber gesprochen, geschrieben und gestritten; eine Hypothese verdrängte die andere, und der Knoten wurde immer 173 verwickelter, je mehr Hände sich mit seiner Auflösung beschäftigten. Endlich, da man des Dings müde zu werden anfing, gerieth ein wackerer schlichter Mann, der weder Arzt noch Apotheker, weder Theolog noch Philolog noch Mineralog war, auf den Einfall: ob es nicht wohlgethan gewesen wäre, bevor man sich mit Erklärung des goldenen Zahns so viele Mühe gegeben, dem wirklichen Daseyn desselben genauer nachzufragen. Er that es, und es fand sich, daß der Knabe, dem der Wunderzahn gewachsen seyn sollte, einen Zahn hatte, der aus irgend einer zufälligen Ursach etwas gelblich geworden, übrigens aber ein so natürlicher Zahn war, als alle übrige. – Wäre es nicht auch von uns wohl gethan, wenn wir, bevor wir uns über die von Swedenborg gefundene Nordwest-Einfahrt in die Geisterwelt und die daher zu hoffenden Entdeckungen freuten, vor allen Dingen in Erwähnung nähmen, ob es mit der Anekdote selbst richtig sey?

Selmar. Könnte eine so respectable Garantie noch einen Zweifel zulassen?

Wilibald. Wenigstens scheint die Königin selbst, welche dieses wunderbare Abenteuer erzählt, von ihrem Unglauben nicht dadurch geheilt worden zu seyn. »Tausend Dinge, sagte sie zu den Herren Thiébault und Merian, scheinen übernatürlich und sind uns unerklärbar, weil wir nur die Resultate derselben kennen; und Personen von Verstand, die das Wunderbare lieben, profitiren davon, um sich in einen außerordentlichen Ruf zu setzen. Herr Swedenborg war ein gelehrter und in seinem Fache sehr geschickter Mann; auch hat er immer für einen rechtschaffenen Mann gegolten; ich begreife nicht, wie er dazu gekommen ist, etwas zu wissen, was Niemand hätte wissen sollen; aber dessenungeachtet glaube ich nicht, daß er eine Unterredung mit meinem verstorbenen 174 Bruder gehabt habe.« – Und, aufrichtig zu reden, ich glaub' es eben so wenig als die Königin.

Blandine. Was sagt denn Herr Thiébault dazu?

Wilibald. Kein Wort.

Blandine. Das ist der kürzeste Weg, aus der Sache zu kommen.

Wilibald. Vermuthlich denkt er eben so davon wie die Königin.

Blandine. Am Ende könnten Ihre Majestät leicht eine sehr gute Ursache zu Ihrem Unglauben gehabt haben. Es wäre drollig genug, wenn sie die ganze Anekdote aus dem Stegreif blos darum erdichtet hätte, um die beiden Philosophen, die sich so ernstlich nach ihrer Meinung von einem Geisterseher erkundigten, zum Besten zu haben.

Selmar. Welch ein Einfall! Fast sollte man glauben, Blandine, Sie wären an der Königin Stelle fähig gewesen, der Philosophie einen solchen Streich zu spielen.

Blandine. Ich würde, wie es scheint, wenig damit über sie gewonnen haben.

Wilibald. So wenig als über den gemeinen Menschenverstand, der, ungeachtet des unauslöschlichen Hangs der Menschheit zum Wunderbaren und trotz der Millionen Zauber- und Geister-Mährchen, die seit Jahrtausenden aus einem Mund in den andern übergegangen sind, dennoch immer unverrückt seinem Glauben an die Natur treu geblieben ist. Bei allen Vorfallenheiten, in allen Lagen und unter allen Umständen unseres Lebens erwarten wir immer, daß Alles natürlich zugehen werde. Trotz den Zauberinnen, die den Mond durch ihre Beschwörungen vom Himmel herab zogen, rechneten die alten Thessalier so sicher als wir, daß in der achten Nacht nach dem ersten Viertel der Vollmond am 175 Himmel zu sehen seyn werde, und seit undenklichen Zeiten hat noch Niemand, wenn er einen Palast oder Tempel oder nur einen Gänsestall bauen wollte, sich nach einem Zauberer umgethan, der durch einen blosen Schlag mit seinem Stab oder mit einem einzigen Wort alle sieben Wunder der Welt aus nichts hervorgehen lassen kann; sondern man stellt Zimmerleute, Steinmetzen, Maurer u. s. w. an, wiewohl sie in der Wirklichkeit binnen Jahr und Tag nicht so viel ausrichten, als die Sklaven der Lampe im persischen Mährchen in wenigen Minuten. Eben so ist es auch mit den Erzählungen von Spukereien und Erscheinungen verstorbener Menschen. Es gibt keine Stadt, kein Dorf, kein ehemaliges Mönchs- oder Nonnen-Kloster, kein altes Schloß, keine alte noch neue Familie, worin sich nicht solche Wunderdinge zugetragen haben sollten, und schwerlich lebt, von den höchsten Classen bis zu den niedrigsten, eine Person in der Welt, die nicht eine oder mehrere Geschichten dieser Art zu erzählen hätte. Wahr ist's, diejenigen, die in selbsteigener Person dergleichen Erscheinungen gehabt zu haben versichern, machen bei Weitem die kleinste Zahl aus; hingegen betheuern alle Uebrige, ihr Mährchen von vollkommen glaubwürdigen Augen- oder Ohrenzeugen empfangen zu haben; und wäre dieß, so müßte die Zahl derer, welchen solche Dinge begegnet wären, unendlich groß seyn. Wenn nun alle diese Zeugen wirklich Glauben verdienten, oder, um mich unzweideutiger auszudrücken, wenn die Erscheinungen, denen sie Zeugniß geben, weder Betrug noch Täuschung der Einbildungskraft zur Ursache hätten: müßte nicht der Glaube, daß wir überall von den Geistern der Verstorbenen umgeben sind, daß sie mitten unter uns wohnen und ihr Wesen treiben, daß sie noch immer in Verbindung mit uns stehen und Antheil an uns 176 nehmen, müßte nicht dieser Glaube schon längst allgemein festgesetzt seyn und einen sehr merklichen und mannigfaltigen Einfluß auf die Vorstellungsart und die Handlungen der Lebenden haben? Müßt' es uns nicht immer seyn, als ob unsere Verstorbenen noch lebten und alle Augenblicke wiederkommen könnten, uns über tausend Dinge zur Rechenschaft zu ziehen, die wir jetzt thun, aber schwerlich thun würden, wenn wir sie unter ihren Augen zu thun glaubten? Dieß ist aber lange noch nicht Alles. Wenn es wahr wäre, daß schon so viele Millionen Menschen sich nach ihrem Tode hätten sehen lassen: so müßte das, was Swedenborg für ein besonderes, ihm allein von Gott verliehenes Vorrecht hielt (die Gabe, die Verstorbenen zu sehen, mit ihnen zu reden und, nach ihrem und unserm Belieben, Umgang mit ihnen zu pflegen), allen Menschen gemein seyn. Denn, da uns kein Verstorbener sichtbar werden kann, wofern er nicht einen organischen Körper hat, der, wie fein auch der Grundstoff seyn mag, dicht genug ist, um von menschlichen Augen deutlich gesehen zu werden: so ist klar, daß z. B. der verstorbene Cajus, wofern er z. B. von mir gesehen werden kann, allen Andern, welche Augen zu sehen haben, eben so sichtbar seyn muß als mir. Und da er mir nur vermittelst eines organischen Körpers, der der seinige, d. i. ein mit seiner Seele innigst vereinigtes Organ derselben, ist, sichtbar werden könnte: so ist nicht weniger klar, daß er immer mit diesem seinem Körper vereinigt bleiben, und also immer in dem Falle seyn muß von Jedermann gesehen werden zu können.

Blandine. Es wäre denn, daß er sich vorsätzlich verstecken wollte.

Wilibald. Das mag er thun! Alle die Milliarden Verstorbener, womit Luft, Erde und Meer angefüllt sind, 177 können oder werden sich doch nicht immer, wie die Maulwürfe, in die Erde verkriechen wollen? Denn du mußt bedenken, daß, wenn unter tausend vorgeblichen Geistererscheinungen auch nur eine wahr wäre, noch immer eine ansehnliche Zahl von Verstorbenen herauskäme, welche vermittelst ihres Körpers sichtbar werden könnten. Wären ihrer aber auch nur hundert oder fünfzig oder noch weniger, so ist nicht abzusehen, warum sie allein ausschließlich mit Patentkörpern, so zu sagen, begabt seyn sollten, die zur Sichtbarkeit besonders privilegirt wären. Nein! was von Einem gilt, muß von Allen gelten; und wenn folglich alle nur seit den nächsten 6000 Jahren verstorbene Menschen mit sichtbaren Körpern versehen sind, so muß unser Planet, außer den tausend Millionen lebender Menschen, die (nach den Regeln der politischen Rechenkunst) sich dermalen auf seiner Oberfläche befinden, wenigstens noch mit zwei- bis dreihunderttausend Millionen sichtbarer Verstorbener bevölkert seyn, so daß auf einen sichtbaren Lebenden wenigstens zweihundertundfünfzig sichtbare Todte kämen. Das wäre doch, wahrlich! beinahe so viel, als ob alle diese Millionen von Menschen gar nicht gestorben wären. Aber auch das ist noch nicht Alles. Ein organischer Körper, wär' er auch aus Aether gewebt, kann nicht ohne eine seiner Natur angemessene Nahrung bestehen. Man ist zwar, soviel ich weiß, noch nicht so weit gekommen, die Quantität von Lichtstoff und von den verschiednen Luft- und Gasarten genau angeben zu können, die ein Mensch binnen einer gewissen Zeit zu Unterhaltung seines Lebens unumgänglich nöthig hat; von den Verstorbenen, die, besage des Swedenborgischen, durch unzählige Erscheinungen bestätigten Zeugnisses, in sichtbarer menschlicher Gestalt auf der Erde fortleben, läßt sich dieß noch weniger bestimmen: aber 178 so viel ist doch ziemlich klar, daß der tägliche Aufwand, welchen 200,000,000,000 Verstorbene von den besagten Nahrungsstoffen machen würden, den 1000,000,000 Lebenden schwerlich so viel übrig ließe, als zu ihrer nothdürftigsten Subsistenz erforderlich ist.

Blandine. Du machst mir angst und bange, Bruder! Wer weiß, ob nicht die unendliche Menge von Krankheiten, die unsern armen Aerzten so viel aufzurathen geben, besonders die großen Epidemien, z. B. das gelbe Fieber zu Malaga, woran die Menschen hinsterben wie die Fliegen, keine andere Ursache hat; und ob nicht die Nothwendigkeit, unsern Lebensstoff mit einer so ungeheuren Masse von Verstorbenen zu theilen, der wahre Grund ist, warum die Dauer des menschlichen Lebens von einem Jahrtausend zum andern so sehr abgenommen hat; da hingegen die Menschen in den ersten 1000 Jahren der Welt, wo die Anzahl der Verstorbenen noch sehr gering war, ihr Leben bis auf acht und neun Jahrhunderte brachten.

Wilibald. Deine Vermuthung läßt sich hören, Blandine, und wird den Gönnern des Swedenborgischen Systems nicht unwillkommen seyn.

Blandine. Wenn das Alles aber auch nicht wäre, so muß ich doch gestehen, daß die Vorstellung, mitten in einem so fürchterlichen Gedränge von lebendigen Todten zu leben, etwas höchst Widerliches für mich hat und, wenn ich ihr nachhängen wollte, fähig wäre, mir das Leben gänzlich zu verleiden. Aber sollte denn kein Mittel seyn, uns wenigstens die große Masse dieser Beschwerlichen vom Halse zu schaffen? – Da fällt mir zum Glück die Unterwelt der alten Griechen ein. Könnt' es dieses in allem Andern so sinnreiche Volk nicht auch hierin getroffen haben? Gewiß hat das Innere der Erde, wohin sie ihren Tartarus und ihr Elysium setzten, Raum 179 genug für eine weit größere Menge von Todten, als man dermalen zählt; wenigstens in der Voraussetzung, daß von Zeit zu Zeit ein beträchtlicher Transport in irgend einen andern Planeten abgeführt würde.

Wilibald. Genug, Blandine, und schon zu viel in diesem Ton über etwas, worüber so Wenige Scherz verstehen; wiewohl es unbefangenen Menschen wirklich schwer wird, ernsthaft über einen Gegenstand zu bleiben, der dem Scherz von allen Seiten so viele Blösen gibt. Ich sage also in ganzem Ernst: Wäre die Wahrheit auch nur einer einzigen Erscheinung oder Unterredung eines Verstorbenen mit einem Lebenden unwidersprechlich zu erweisen, so daß es z. B. vollkommen gewiß wäre, daß der Bergrath Swedenborg mit dem Prinzen von Preußen nach dessen Tode gesprochen und von ihm erfahren hätte, was dieser Prinz mit der Königin Ulrike ingeheim geredet habe; so würde aus dieser Thatsache folgen: daß der besagte Prinz nach seinem Tode als eben dieselbe Person, die er vor demselben war, im Geisterreich fortgelebt und in seinem neuen Leben das Vermögen beibehalten habe, sich mit einem noch in diesem Erdenleben befangenen Sterblichen zu unterreden; und diese beiden Resultate würden, trotz aller Ungereimtheiten, die aus ihnen hervorzugehen scheinen mögen, eben so gewiß seyn, als die Thatsache selbst, wovon sie unmittelbare Folgen sind. Daß aber diese vorgebliche Thatsache oder irgend eine andere dieser Art jemals zu einer solchen historischen Gewißheit zu bringen sey, daß kein Vernünftiger ihr seinen Glauben versagen könnte: dieß ist, was ich schlechterdings leugne.

Selmar. Wie erklärst du dir denn das, was die Königin Ulrike, als etwas zwischen ihr und Swedenborg wirklich Vorgegangenes, erzählte? 180

Wilibald. Ich befinde mich gänzlich in demselben Fall wie diese Majestät selbst; ich begreife nichts davon, aber ich glaube nicht, daß Swedenborg weder mit dem verstorbenen Prinzen noch irgend einem andern Verstorbenen wirklich gesprochen habe.

Selmar. Die Königin müßte also (wie Blandine schon vermuthete) die ganze Geschichte geradezu er – dichtet haben? –

Wilibald. Oder Swedenborg hätte auf irgend einem natürlichen Wege die geheimen Worte, die der Prinz in dem und dem Fenster der Galerie zu Charlottenburg zu ihr gesprochen, erfahren und hätte das Vorgeben, sie erst nach dem von der Königin erhaltenen Auftrag aus dem Munde des Verstorbenen entnommen zu haben, blos erdichtet oder, deutsch zu reden, erlogen, um sich dadurch in den Credit eines außerordentlichen Mannes zu setzen und sein vorgeblich erhaltenes Vorrecht, zugleich in dieser und in der unsichtbaren Welt zu leben, durch ein recht auffallendes Factum in den Augen des großen Haufens zu begründen. Dieses Letztere scheint auch die Meinung der Königin gewesen zu seyn, und es muß ihr also die Möglichkeit wenigstens dunkel vorgeschwebt haben, wie Swedenborg hinter etwas gekommen seyn könnte, wovon sie geglaubt hatte, daß es ein ausschließliches Geheimniß zwischen ihr und ihrem Bruder geblieben sey. In der That ist auch das Unwahrscheinlichste und Unglaublichste, wenn es nur nicht ganz aus dem natürlichen Wege heraustritt, eher zu glauben, als etwas, das mit allen bekannten Naturgesetzen in offenbarem Widerspruch steht.

Selmar. Es müßte also auch mit der Entdeckung der verlornen Quittung die nämliche Bewandtniß gehabt haben? 181

Wilibald. Ich sehe nicht, warum ich nicht sollte annehmen dürfen, daß Swedenborg zufälliger Weise gerade derjenige, der den holländischen Gesandten beim Lesen in Bayle's Wörterbuch unterbrochen, gewesen sey und also auch habe bemerken können, daß der Gesandte eine Quittung in das Buch gelegt, um den Ort zu bezeichnen, wo er im Lesen stehen geblieben. Um auf den ersten Blick auch die Rubrik des Artikels zu bemerken, brauchte Swedenborg nichts als ein Paar gute Augen und, des Bemerkten sich bei Gelegenheit wieder zu erinnern, nichts als ein gutes Gedächtniß. Uebrigens verdient noch in Betrachtung gezogen zu werden, daß Swedenborg weder in der ersten noch in der andern Anekdote ausdrücklich sagt, daß er die Nachrichten, die er der Wittwe des Gesandten und der Königin ertheilt, aus dem Munde der Verstorbenen habe: er begnügt sich, beiden Damen die verlangte Auskunft zu geben, und überläßt es ihnen selbst, sich die Frage, wie er dazu gekommen sey, zu beantworten. Da die Meinung von seinem Umgang mit den Geistern damals in Stockholm bereits Credit zu gewinnen anfing, so konnte er sich darauf verlassen, daß man diesen Ereignissen die wunderbarste Ursache unterlegen würde.

Selmar. Du hältst also, wie ich sehe, den guten Swedenborg geradezu für einen Betrüger?

Wilibald. Ich spreche nicht gern über außerordentliche Menschen ab. Wer kann sagen, was eine sehr starke Anlage zur Schwärmerei, mit der Begierde, etwas Außerordentliches zu seyn und zu scheinen, vereinigt, bei dieser oder jener einzelnen Person für seltsame Ausweichungen aus der gemeinen Bahn der Vernunft und Moralität bewirken kann? Auch hierüber glaube ich dem Urtheil der Königin ohne Bedenken beitreten zu können. 182

Selmar. Und so wären wir denn mit diesen Swedenborgischen Anekdoten, wovon du mich so viel erwarten ließest, noch gerade da, wo uns die Erscheinungen der Frau Doctorin W. gelassen haben?

Wilibald. Mir ist leid, daß ich Ja sagen muß. Indessen tröste ich mich mit der Ueberzeugung, daß uns keine andere Geschichte, die in dieses Fach gehört, nur ein Haarbreit weiter bringen würde. Denn, kurz und gut, es ist unmöglich, daß ein Mensch, der seiner Vernunft mächtig ist, wenn er selbst etwas dieser Art erfahren zu haben vermeint, sich von der objectiven Realität einer solchen Vision so völlig überzeuge, daß nicht immer, wenigstens einige Zeit nachher, Zweifel in ihm entstehen sollten, ob er nicht entweder von seinen Sinnen oder von seiner Phantasie oder durch die Wirkung eines außerordentlichen Zustandes seines Nervensystems oder durch fremden künstlichen Betrug oder auf irgend eine andere ihm unerforschliche Weise getäuscht worden sey. Ist nicht Herr D. W. selbst, wiewohl er ein Buch über die wirkliche Erscheinung seiner Frau geschrieben hat, ein auffallendes Beispiel hievon? – Und wie könnt' es anders seyn? Wenn wir uns auch in dem Augenblick selbst, da wir von einem solchen Gesichte überrascht würden, nicht erwehren könnten, unsern Sinnen zu glauben: so ist doch der Eindruck, den eine plötzlich erscheinende und eben so schnell wieder verschwindende, unbetastbare Nebelgestalt auf die Sinne machen kann, nicht stark genug, daß er gegen die Wirkung des Nachdenkens und der Zeit lange aushalten könnte. Eine solche Erscheinung ist eine isolirte Begebenheit, von einer unbekannten Ursache in den natürlichen Zusammenhang unsers Lebens eingeschoben, welcher dadurch zwar auf einen Augenblick unterbrochen, aber im geringsten nicht 183 verändert wird. So wie sie aus nichts entstand, zerfließt sie wieder in nichts und läßt, gleich den Begebenheiten im Traum, keine bleibende Spur zurück. Einem mehr oder minder lebhaften Traum ähnlich, verliert auch das Bild, das im Gedächtniß von ihr zurückblieb, nach und nach von der Wärme seiner Farben; und eine natürliche Folge davon ist, daß wir endlich selbst an der objectiven Realität der gehabten Erscheinung zweifeln und wenigstens ungewiß bleiben, ob wir geträumt oder gewacht haben, oder, wofern wir uns auch des Letztern deutlich bewußt zu seyn glauben, dennoch nie mit uns selbst einig werden können, welcher unbekannten Ursache wir das, was wir einige Augenblicke lang sahen oder hörten, beizumessen hätten. Gesetzt aber, ich selbst z. B. glaubte mein ganzes Leben durch vollkommen gewiß zu seyn, daß eine verstorbene Person mir bei völlig wachen Sinnen und ruhiger Geistesgegenwart erschienen sey, würde ich darum bei andern anständigen und nicht ganz unaufgeklärten Menschen Glauben finden? Sie würden meine Erzählung wie ein anderes Mährchen anhören; und wenn ich mich auch, wie D. W**l, erböte, meine Aussage vor allen Gerichten in der Welt eidlich zu bekräftigen, so würde ich bei den Vernünftigen nicht mehr dadurch bewirken, als daß sie mich von dem Vorsatz, sie wissentlich zu betrügen, frei sprächen; den Glauben, daß ich selbst getäuscht sey, würde ich ihnen nie benehmen können.

Selmar. Leider scheinen mir die Gründe deiner Meinung so einleuchtend, daß ich alle Hoffnung aufgebe, durch Erscheinungen und Experimente auf dem von Herrn W. vorgeschlagnen Wege einiges Licht über den Zustand der Seele nach dem Tode zu erhalten. Aber sonderbar ist doch, wie bei so bewandten Sachen eine so ungeheure Menge von Geister- 184 und Gespenster-Geschichten sich über den Erdboden verbreiten und sogar in Ländern, die sich schon seit Jahrhunderten einer immer steigenden Cultur rühmen, bis auf diesen Tag nicht ausgerottet werden konnte. Ein so unverdränglicher und allgemeiner Volksglaube kann doch schwerlich einen schwachen, zufälligen, auf blosen Sagen und Mährchen beruhenden Grund haben – er muß in der menschlichen Natur selbst tief gewurzelt seyn. Ist es vielleicht eine allen Menschen angeborne dunkle Ahnung der Unsterblichkeit unsers Wesens, was den Erscheinungen verstorbener Personen den Ursprung gab, und was uns den Erzählungen dieser Art, wenn sie nur einigen Schein von Wahrheit von sich werfen, so gernglaubig entgegenkommen macht?

Wilibald. Mir ist's nicht unwahrscheinlich, daß ein solches Ahnungsvermögen in dem räthselhaftesten, noch viel zu wenig gekannten und erforschten Theil unsrer Natur, den man die Einbildungskraft nennt, schlummere und vielleicht im Wachen sowohl als im Schlafe die Quelle mancher unsrer Träume sey. Indessen erkläre ich nicht gern Dunkles aus eben so Dunkelm. Irr' ich nicht, so liegt uns der Schlüssel zu diesem Geheimniß näher, als wir vermuthen. – Es ist eine alte, unzählige Mal gemachte Erfahrung, daß eine lange Zeit hingeht, bis ein Mensch, der durch irgend einen Zufall einer Hand, eines Armes oder Fußes verlustig worden ist, auch ein dunkles Bewußtseyn, das verlorne Glied noch immer zu besitzen, verliert, wiewohl er beinahe alle Augenblicke Gelegenheit hat, den Gebrauch desselben zu vermissen. Ich halte mich gewiß, eben dasselbe müsse, vermöge der innern Oekonomie unsrer Natur, auch der Fall seyn, wenn wir einer Person, mit welcher wir lange in sehr nahen und innigen Verhältnissen gelebt haben, durch den Tod beraubt werden. 185 Ein Beispiel, das ich anführen könnte, – überzeugt mich, daß tausend andere – oder vielmehr, daß alle nicht ganz gefühllose Menschen in diesem Falle mehr oder weniger – das Nämliche erfahren müssen –

Erlaube mir, lieber Bruder, sagte Blandine, da sie aus der veränderten Stimme und dem Stocken ihres Bruders schloß, daß es ihm zu schwer fallen würde, fortzufahren, erlaube mir, daß ich meine eigene Erfahrung für dich reden lasse. Unser Freund weiß, wie herzlich die Freundschaft war, die mich von früher Jugend an mit meiner vor drei Jahren verewigten Schwester verband. Ohne den Umstand, daß eine langsame Abnahme ihrer Kräfte und endlich eine sehr beschwerliche und aller Hülfe der Heilkunst hartnäckig widerstehende Krankheit uns in die traurige Nothwendigkeit setzten, zwischen immer wechselnder Furcht und Hoffnung den Augenblick der Trennung täglich näher heranschleichen zu sehen, würde es denen, die so innig an ihr hingen, kaum möglich gewesen seyn, sie zu überleben –

Blandine hatte sich zu viel zugetraut, da sie sich für stark genug hielt, ihren Bruder abzulösen. Ihre Thränen, die sie vergeblich zurückzuhalten strebte, erstickten auf einmal ihre Stimme, und die wehmüthigste Erinnerung fiel so warm und lebhaft auf ihr Herz, daß es ihr unmöglich war, fortzureden. Gute Seele, sagte Wilibald, indem er ihr mit abgewandtem Gesicht die Hand drückte – schäme dich nicht, daß du doch aus noch weicherm Thon gebildet bist, als ein Mann. Die Zeit hat mich endlich stark genug gemacht, sobald nur die erste Bewegung vorüber ist, von dem, was in dieser wichtigsten Epoche meines Lebens in mir vorging, zu einem Freunde wie Selmar reden zu können. 186

Selmar. Auch würde ich es ohne diese Rücksicht nicht über mein Herz gewinnen, dich fortfahren zu lassen, wie sehr ich auch die Erfahrungen zu hören wünsche, worin du den Schlüssel zu jenem so alten und allgemeinen Glauben der Menschen zu finden vermeinst.

Wilibald. Glücklicher Weise ist es zu meinem Zwecke nicht nöthig, mich in eine umständliche und ins Einzelne gehende Erzählung der Geschichte meiner Seele in jenem – Zeitraum einzulassen. Ich sage glücklicher Weise, theils, weil es nach Verfluß einiger Jahre schwer, wo nicht unmöglich, ist, das, was in einer ungewöhnlichen Lage in unserm Innersten unwillkürlich und ohne unser Zuthun vorging, ganz rein von allen Einmischungen der Phantasie und der Urtheilskraft darzustellen; theils, weil Alles, was sich auf das besondere und in seiner Art, wo nicht einzige, doch gewiß höchst seltene Verhältniß, worin ich sechsunddreißig Jahre mit der Verewigten gelebt hatte, bezieht, meinem Gefühl nach etwas Heiliges für mich ist und bleiben soll, wovon ich, ohne eine mir selbst unverzeihliche Profanation, mit keinem Dritten reden kann.

Was ich mir also überhaupt von meinem damaligen Gemüthszustand am deutlichsten bewußt bin, ist, daß über ein Jahr lang eine Art von innigem Gefühl, daß sie lebe und mir nahe sey, mich nie verließ; auch dann nicht, wenn ich mit Arbeiten beschäftigt war, wobei die Seele ganz in sich selbst gesammelt seyn muß, um alle ihre Kräfte desto freier und harmonischer zusammenspielen zu lassen. Dieses Gefühl war sehr verschieden von demjenigen, was uns die körperliche Gegenwart einer geliebten Person, mit welcher wir lange gelebt haben, aller Orten, wo wir sie zu sehen gewohnt waren, eine mehr oder weniger lange Zeit, lebhaft 187 vermissen macht. Dieses letztere Gefühl ist immer schmerzlich; jenes hingegen gewährte mir das einzige Vergnügen, dessen ich damals fähig war. Es war mit keiner mir bemerklichen Täuschung der Einbildung verbunden: ich glaubte nicht, sie zu sehen oder zu hören; aber mir war, sie sehe und höre mich. Ich fühlte ihre Nähe in meinem Innern, und kein Dogmatiker noch Skeptiker hätte mir die Gewißheit, daß sie lebe und Antheil an mir nehme, wegvernünfteln können. Sobald ich allein war, unterhielt ich mich mit ihr, ohne des ewigen Monodrama's jemals müde zu werden. Sogar unter den literarischen Arbeiten, die mich im ersten halben Jahr den größten Theil des Tages über beschäftigten, wurde sie so oft apostrophirt, als ich die Feder auf einen Augenblick niederlegte, ohne daß ich in der vorhabenden Arbeit im geringsten dadurch gestört wurde. Im Gegentheil, dieses Gefühl ihrer geistigen Nähe hatte die Wirkung auf mich, welche die griechischen Dichter dem Anhauch einer Muse zuschrieben; es belebte meine Lebensgeister und stärkte meinen Kopf nicht weniger als mein Herz kräftiger als das beste Cordial; ja, ich bin überzeugt, daß ich ohne dasselbe damals nicht nur nichts Erträgliches hervorbringen, sondern das Daseyn selbst schwerlich hätte ertragen können.

Selmar. Was mich am meisten wundert, ist, daß bei einer solchen Gemüthsstimmung deine Phantasie immer so unthätig blieb, als du sagst, und dir die Freundin, die dir unsichtbar immer so nahe war und so stark auf dich wirkte, nie in sichtbarer Gestalt vor Augen stellte, da doch vielleicht nur ein einziger Grad höherer Spannung dazu vonnöthen war.

Wilibald. Ich würde mich selbst darüber wundern, wenn es nicht zu den Eigenheiten meiner Einbildungskraft 188 (die überhaupt nie so feurig war) gehörte, daß sie mir die individuelle Gesichtsbildung und Gestalt der Personen, die ich am meisten liebte, sogar in meiner Jugend, nie so lebendig und mit so scharfen Zügen vorbilden konnte, daß ich, wenn ich ein Maler gewesen wäre, nach dem Bilde, das mir von ihnen in der Phantasie vorschwebte, ein sehr ähnliches Porträt hätte zu Stande bringen können. Dieß war nun auch der Fall bei ihr, die ich inniger als je eine Andere geliebt hatte; und daher erkläre ich mir auch, warum ich sie so selten in Träumen sah. Denn, wiewohl mir ihre geistige Gegenwart sehr wohlthätig war, so gestehe ich doch, daß es Augenblicke gab, wo mir daran nicht genügen wollte; so daß ich sie nicht selten mit dringenden Bitten bestürmte, mir im Traum zu erscheinen, da dieß doch die einzige Möglichkeit, sie wiederzusehen, sey.

Selmar. Hoffentlich ließ sie dich keine Fehlbitte thun.

Wilibald. Ich kann nicht sagen, daß sie mir diese Gefälligkeit nur ein einziges Mal erwiesen; auch dann nicht, wenn ich mein Möglichstes gethan hatte, ihr die Mühe dadurch zu erleichtern, daß ich meine Phantasie mit Erinnerungen an die schönsten Scenen unsers Lebens zu erwärmen suchte. Indessen störte mich dieß wenig in jenem wohlthätigen Gefühl ihrer unsichtbaren Nähe, und ich wußte mir allerlei Gründe anzugeben, warum sie meine Bitte nicht erfüllen wolle, wenn sie es auch könnte. Kurz, ich gewöhnte mich an den Gedanken, daß, seit ihrem Verschwinden aus der sichtbaren Welt, keine andere als eine geistige Gemeinschaft – as soul approches soul, wie ein englischer Dichter sagt – zwischen uns möglich sey. Ich suchte mich nun durch die Vorstellung zu entschädigen, daß sie, die einst mein guter Engel in irdischer Gestalt gewesen war, nun eben dieses 189 Verhältniß gegen mich und die Ihrigen unsichtbarer Weise fortsetze; und es wurde mir um so leichter, diese Vorstellung lebendig zu erhalten, da ich ein sonderbares Vergnügen daran fand, jeden meiner bessern Gedanken ihrer Eingebung und jedes noch so kleine glückliche Ereigniß meines Lebens ihrer Leitung und Mitwirkung zuzuschreiben. – Doch ich sehe, daß ich ziemlich weit über die Grenzen, die ich mir gezogen habe, hinaus gerathen bin, und will also nichts hinzusetzen, als, daß auch jenes selige Gefühl, nachdem es über ein volles Jahr fast in gleicher Stärke gedauert hatte, endlich dem Einfluß der Zeit und der Zerstreuungen des Lebens unterlag, unvermerkt von seiner Lebhaftigkeit verlor und sich endlich in die Masse jener dunkeln Gefühle zurückzog, deren wir uns zwar gewöhnlich nicht bewußt sind, die aber durch die geringste Veranlassung alle Augenblicke wieder hervorgerufen werden und die Kraft, womit sie auf unser Gemüth wirken, nie ganz verlieren.

Wenn ich von diesem Gefühl alles Individuelle beseitige, so bleibt vermuthlich nichts übrig, als was alle Menschen in ähnlichen Fällen von jeher erfahren haben und immer erfahren werden: nämlich etwas, demjenigen sehr ähnlich, was jeder Mensch, der durch einen Zufall einen Arm oder ein Bein verloren hat, erfährt, indem er, wiewohl dieses Verlustes sich vollkommen bewußt, eine Zeit lang das verlorne Glied noch immer zu besitzen wähnt und seines Irrthums meistens nur in dem Augenblick deutlich gewahr wird, da er Gebrauch davon machen will. Daß auch jenes Gefühl, wie dieses, sich aus der Macht der Gewohnheit ganz natürlich erklären lasse, davon soll jetzt nicht die Rede seyn. Aber dünkt es dich nicht auch, Selmar, daß es eine eben so natürliche Grundlage des mit der Länge der Zeit so gemein gewordenen 190 Glaubens an Geistererscheinungen habe werden können? Dieses Gefühl oder, wenn du willst, dieser gefühlähnliche Wahn, daß eine verstorbene Person noch da sey, leiht natürlicher Weise allen Erinnerungen an dieselbe einen höhern Grad von Lebhaftigkeit und Wärme; Beides spannt – und bei schwerblütigen oder nervenkranken Personen überspannt es auch wohl – die Einbildungskraft. Bei manchen, zumal zum Träumen ohnehin geneigten Personen bringt es öftere Träume hervor, worin die verstorbene Person lebt und handelt; und so wie (nach Agathodämons Meinung) Träume dieser Art im Kindesalter des menschlichen Geschlechts und bei allen Völkern, die noch auf den untersten Stufen der Bildung stehen, den Glauben an das fortdauernde Leben der Verstorbenen im Lande der Seelen erzeugt zu haben scheinen, so könnten sie auch gar wohl den ersten Gespenstergeschichten das Daseyn gegeben haben.

Wenn dieß aber auch nicht wäre, so bedurfte es, um den Glauben an Geistererscheinungen zu begründen, schwerlich mehr als einige wenige Fälle, wo der individuelle Nervenzustand bei Personen von starker Einbildungskraft die Idee eines Verstorbenen bis zur Anschaulichkeit außer sich erhöht hatte. Leichtglaubigkeit und Hang zum Wunderbaren setzten dann solche vermeinte Ereignisse gar bald in Umlauf, und sie erhielten, wie gewöhnlich, in jedem neuen Munde, der sie weiter beförderte, irgend einen Zusatz, der sie geschickter machte, Erstaunen und Schauder zu erregen. In der Folge bemächtigten sich Schamanen, Priester und religiöse Gaukler aller Arten dieser reichhaltigen Fundgrube und wußten sie auf mancherlei Weise zu Vergrößerung ihrer Macht über den Unverstand und die Leidenschaften roher Menschen zu benutzen. Die Geistererscheinungen wurden nun immer gemeiner; viele 191 brachte künstlicher Betrug, viele unerkannte Selbsttäuschung hervor; tausende gewannen ihre Gestalt blos dadurch, daß sie von Mund zu Mund fortrollend, unvermerkt zu Volksmährchen wurden; viele, vielleicht die meisten, waren und sind noch jetzt blose Erzeugnisse der Furcht und des Aberglaubens. Indessen ist wohl nichts gewisser, als daß diese lichtscheuen phantastischen Wesen, so wie sie sich gewöhnlich nur bei Nacht und Nebel sehen lassen, meistens auch nur von solchen Personen gesehen werden, deren Verstand noch mit Nacht und Nebel umhüllt ist, – und wirklich der Philosoph Eukrates in Lucians LügenfreundDer Philosoph Eukrates sagt in dem angeführten Dialog Lucians: »Gibt es nicht Viele, die bei Tag oder Nacht Gelegenheit gehabt haben, Geister zu sehen? Ich selbst habe nicht einmal, sondern zehntausendmal Geister gesehen. Anfangs, ich gestehe es, war mir nicht wohl dabei zu Muthe. Jetzt aber bin ich es so gewohnt, daß ich gar nichts Außerordentliches mehr zu sehen glaube.« Der ganze Dialog verdient nachgelesen zu werden. und der Philosoph W**l in unseren Tagen sind, soviel ich weiß, die einzigen ihrer Zunft, denen ihre verstorbenen Gattinnen bei hellem Tage erschienen sind.

Selmar. Wie wenig ich auch meine Rechnung dabei finde, so scheint es doch, ich werde meine Hoffnung, Nachrichten von dem Leben nach dem Tode aus dem Munde wiederkommender Todten zu erhalten, ein für alle Mal aufgeben müssen. Aber, daß du mir, wie ich besorgen muß, auch den Glauben, »dein so inniges Gefühl der geistigen Nähe deiner verewigten Freundin, das dir selbst ein so tröstliches Pfand ihres fortdauernden Daseyns seyn mußte, sey in der That eine Wirkung ihrer Gegenwart gewesen,« daß du mir auch diesen Glauben, und wär' es nur ein süßer Wahn, wegzuvernünfteln gesucht hast, ist beinahe mehr, als ich dir verzeihen kann.

Wilibald. Das wolle der Himmel nicht, lieber Selmar, daß ich dir irgend einen süßen Wahn rauben sollte, der zu deiner Glückseligkeit oder Ruhe nöthig wäre! Ich selbst bin ein zu großer Freund von unschuldigen Täuschungen – und wenn du jenen süßen Wahn vollends gar zu wirklichem 192 Glauben erhöhen könntest, was würden dich alle meine Vernünfteleien kümmern?

Selmar. Du selbst hast ja gestanden, daß du eine beträchtliche Zeit lang jenen Glauben –

Wilibald. Verzeihung, Freund! Es war mehr als Glauben; es war wirklich eine Art von Gefühl; wenigstens weiß ich ihm keinen andern Namen zu geben, wiewohl mir jetzt nur allzu wahrscheinlich ist, daß etwas Täuschendes darin war; ich will sagen, daß die Ursache davon blos in mir selbst, nicht in einer unmittelbaren Einwirkung der Verewigten zu suchen war. Würde es wohl, wofern das Letztere stattgefunden hätte, mit der Zeit immer schwächer geworden seyn? und würde es nicht, wenigstens zuweilen, in seiner ganzen ehmaligen Stärke wiederkehren?

Selmar. Warum dieß nicht geschieht, davon ließe sich eine sehr natürliche Ursache angeben. Könnte sie dir nicht anfangs noch nahe geblieben seyn und erst eine geraume Zeit nachher eine Bestimmung, die sie von dir entfernte, erhalten haben?

Wilibald. Ich kann freilich nicht beweisen, daß dieß schlechterdings unmöglich sey; aber ich habe meine Ursachen, es nicht zu glauben.

Selmar. Zum Beispiel?

Wilibald. Gerade heraus zu reden, Freund Selmar, ich bin überzeugt, daß der Tod aller Gemeinschaft und allen Verhältnissen zwischen den Verstorbenen und den Lebenden ein Ende macht.

Blandine. Der Himmel bewahre mich vor einer so trostlosen Ueberzeugung! O des leidigen Vernünftelns über Dinge, worüber wir allein die Stimme des Herzens hören sollten! Vor zwei Jahren, Bruder, hattest du doch einen ganz andern Glauben. 193

Wilibald. Auch war es glücklich für mich, daß ich ihn hatte. Leider! beruhte er auf einer blosen Täuschung; aber ohne diese Täuschung würde ich vermuthlich das Vergnügen nicht haben, mich jetzt mit dir und meinem Freund zu unterhalten.

Selmar. Mir geht es wie den Eifersüchtigen, die nichts so sehr fürchten, als die Zweifel, so man ihnen gegen die Treue ihrer Geliebten beigebracht hat, bestätiget zu sehen, und dennoch nicht aufhören, zu fragen und zu forschen, bis ihnen die verhaßte Wahrheit in die Augen blitzt.

Wilibald. Dieß ist, denke ich, ein Zug, den du mit allen Sterblichen gemein hast. Eine innere Nothwendigkeit treibt uns, in Allem nach Wahrheit zu streben, auch wenn sie unsern Neigungen und Wünschen entgegen steht. Irrthum kann uns angenehm seyn, aber nie befriedigen. Ich sagte dir, ich sey überzeugt, daß der Tod alle Gemeinschaft zwischen Todten und Lebenden aufhebe. Man kann aber auch von der Wahrheit eines Irrthums überzeugt seyn, und warum sollte dieß nicht auch der Fall mit mir seyn können? Höre also meine Gründe und urtheile dann selbst! Nur bitte ich, daß die Rede nicht mehr von mir, sondern von irgend einem Cajus oder Titius sey, der in der Sache, wozu wir ihn gebrauchen, Stellverweser des ganzen männlichen Geschlechts seyn kann. Denke dir also einen solchen Cajus, der mit tausend Anderen das Unglück gemein hatte, einer geliebten Gattin (die uns Fannia heißen mag) durch den Tod beraubt zu werden. Er hatte sie einst (wie wir voraussetzen wollen) beim ersten Anblick für die Einzige zu erkennen geglaubt, die ganz nach seinem Herzen sey; und so hatte er sie in einer langen Reihe von Jahren immer gefunden. Sie besaß alle Tugenden ihres Geschlechts und war von allen Gebrechen, Unarten und 194 Schwächen desselben frei. Mit der treuesten Anhänglichkeit lebte sie allein für ihn, ertrug seine Fehler mit der Sanftmuth eines Engels und fand keine Aufopferung zu schwer, wenn sie ihm einen Kummer, eine Sorge, ja nur einen unangenehmen Augenblick ersparen konnte. Ihre Liebenswürdigkeit, ihr Verstand, ihre sich selbst immer gleich heitere, sanfte und angenehme Sinnesart, ihre anspruchlosen Tugenden und ihre unendlichen Verdienste um ihn hatten sie ihm so unentbehrlich gemacht, daß er sich kein größeres Elend denken konnte, als sie zu verlieren. Ich setze Alles dieß voraus, weil die Verbindung mit einem solchen Weibe nothwendig die schönsten und zartesten Verhältnisse des menschlichen Lebens in sich schließt; gerade solche, von welchen man am sichersten hoffen sollte, daß ihre Erinnerung und die davon unzertrennlichen Gesinnungen ihr ins andere Leben folgen müßten. Und doch fürchte ich sehr, diese Fannia – die hier blos für die Stellvertreterin aller Frauen ihrer Art gelten soll – sie, die ihrem Manne so viel war, konnt' es doch blos dadurch seyn, daß sie ein Weib war. Alle jenen schönen Verhältnisse entsprangen (wenn ich mich eines von einem alten Minnesänger gestempelten Wortes bedienen darf) aus ihrer Weibheit, und mit dieser mußten sie also auch verschwinden. Wäre sie ein Engel, ein zehnfacher Engel gewesen, es half nichts; um Fannia zu seyn, mußte der Engel ein Weib, aber freilich gerade dieses individuelle Weib seyn, das sie war; durch Alles, was sie mehr oder weniger gewesen wäre, hätte sie aufgehört, Fannia zu seyn, und alle ihre individuellen Verhältnisse gegen Cajus, die das Glück seines Lebens machten, hätten aufgehört. Dieß ist Natur der Sache und kann, trotz Allem, was von und über die platonische Liebe je geschwärmt worden ist, nicht anders seyn. Unfehlbar liebte Cajus ihre Seele – was 195 hätte sie ihm ohne diese seyn können? – aber er liebte Fanniens Seele, und diese, um Alles für ihn zu seyn, was sie ihm war, mußte gerade mit Fanniens Leib und keinem andern vereinigt seyn.

Selmar. Alles dieß dünkt mich so klar, daß es keines weitern Beweises bedarf noch fähig ist.

Wilibald. Gut, lieber Selmar. Es ist dir also ohne Zweifel auch klar, daß, wenn der große Zauberer Merlin sie in irgend eine andere Person ihres Geschlechts oder in den vollkommensten aller Männer oder in irgend ein anderes Wesen verwandelt hätte, eben dasselbe erfolgt, und mit jener individuellen Fannia alle ihre eigenthümlichen Verhältnisse zu Cajus verschwunden wären.

Selmar. Nun sehe ich, wo du hinaus willst. Der Tod ist dieser leidige Zauberer, der, indem er Fanniens Form zerstörte, sie selbst und Alles, was sie dem armen Cajus war, vernichtete. Die Platoniker mögen sagen, was sie wollen, Fanniens Seele ist nicht Fannia; das Sichtbare und das Unsichtbare gehören zusammen: die Person ist nicht mehr, sobald das Band zerschnitten ist, das Leib und Seele zu einem harmonischen Ganzen zusammenschlang; und an dieses Ganze waren ja alle die schönen Verhältnisse gebunden, die zwischen ihr und Cajus bestanden. Nicht wahr, dieß ist, was du meinst?

Wilibald. Du scheinst mich sehr wohl begriffen zu haben.

Selmar. Aber können und müssen dann nicht nach der Auflösung jenes Bandes andere ähnliche Verhältnisse eintreten? Muß denn der Geist, der Fannien beseelte, weil er seinen ehemaligen Leib verlassen hat, darum aufhören, diejenigen zu lieben und Theil an ihnen zu nehmen, die er in 196 seinem vorigen Leben am meisten geliebt, und deren Wohlfahrt ihn einzig beschäftigt hatte?

Wilibald. Ich will hier nicht die unbeantwortliche Frage, was ist der Geist im Menschen? gegen dich geltend machen; denn diese würde allem Philosophiren über den Gegenstand, womit wir uns unterhalten, auf einmal ein Ende machen. Wir wollen thun, als wüßten wir so gut, was Geist ist, als alle andere Menschen in der Welt, und so antworte ich: was dem armen Cajus von der todten Fannia noch übrig ist, kann ihm ohne ihren Geist nichts mehr seyn und muß unter die Erde. Ihren Geist kann er weder sehen noch hören; aber das Uebel ist gegenseitig, ihr Geist kann auch ihn weder sehen, noch hören, noch ansprechen, denn er hat weder Augen, noch Ohren, noch Sprachorgane mehr. Dessenungeachtet würde er unfehlbar noch immer liebevollen Antheil an Cajus nehmen, wenn er nicht, zugleich mit jenen Gliedmaßen, auch das Erinnerungs-Organ und mit diesem alle Vorstellungen von seinem vorigen Leben und dessen Verhältnissen verloren hätte.

Selmar. Das ist erbärmlich!

Blandine. Geben Sie sich zufrieden, guter Selmar – Es ist kein wahres Wort an Allem, was er da sagt – Es kann unmöglich so seyn, und ich wette, er glaubt es selbst nicht.

Wilibald. Ruhig, Blandine!

Blandine (zu Selmar). Denken Sie nur an D. W**ls ätherisches Organ, das die Seele mit sich nimmt, indem sie sich von ihrer irdischen Schale ablöst.

Selmar. Beinahe hätt' ich es in der ersten Angst vergessen. Wenn ich recht berichtet bin, so haben die berühmtesten Philosophen aller Zeiten der Seele einen solchen 197 unsichtbaren Leib zugeschrieben, den sie nie verläßt, und mittelst dessen sie immer im Zusammenhang mit der materiellen Welt bleibt.

Wilibald. Alle jene scharfsinnigen Herren wußten so wenig als du und ich, was Geist und Materie ist, und haben auch ihre Idee von einem der Seele eigenthümlichen ätherischen Leibe nie für mehr als eine Vermuthung ausgegeben. Aber, es sey, wie du willst! was gewinnen wir dabei? Fürs Erste kann dieses unter keinen unserer Sinne fallende Seelenorgan eben darum auf keinen unserer Sinne wirken und ist also schlechterdings ungeschickt, den Geist, dem es zugehört, in Gemeinschaft mit uns zu bringen. Aber, auch dieses physische Unvermögen bei Seite gesetzt, wie sollte Fanniens Geist sich noch immer mit ihren vormaligen häuslichen, ehelichen und mütterlichen Verhältnissen beschäftigen können, da durch die Trennung von seinem weiblichen Körper alle die zarten Fäden zerrissen sind, wodurch er in ihrem irdischen Leben an diesen Verhältnissen hing? Sollten ihm auch einige Spuren davon zurückgeblieben seyn, so müssen sich diese doch in dem neuen geistigen Leben, das er begonnen hat, sehr bald verwischen, und höchstens mag er sich ihrer noch eine Zeit lang, so wie erwachsene Personen der Spiele, Freuden und Leiden ihrer frühen Kindheit, erinnern. Kurz, alle diese schönen Verhältnisse, die einst zwischen Fannia und ihrem Gatten bestanden und die Quellen ihrer reinsten Glückseligkeit waren, liegen nun in Fanniens Grab und leben nur noch im Andenken des letztern, bis er selbst aufhören wird, zu seyn, was er jetzt ist.

Blandine (mit Wärme). Kannst du diesen Gedanken ertragen, Bruder?

Wilibald. Ich muß. 198

Blandine. Ich nicht! Mein Herz übertäubt alle deine Vernunftschlüsse. Es sagt mir, daß sie nicht wahr sind, wiewohl ich sie nicht zu widerlegen vermag. Mit einem Wort, ich fühl' es, daß Fannia noch lebt und mich liebt, und –

Wilibald. Ich fühlt' es nicht weniger als du, gute Blandine, und wähn' es öfters noch zu fühlen; – aber ich weiß, leider! daß es blose Täuschung ist. Wir sahen Fannien in mehr als hundert Millionen Augenblicken lebend und nur wenige Augenblicke todt: der Eindruck, der uns von ihrem Leben blieb, ist also hundert Millionen Mal stärker als der von ihrem Tode; und so geht es ganz natürlich zu, daß das innere Gefühl, worin alle jene Eindrücke, wie Millionen einzelner Dünste in einem Regentropfen, zusammenfließen (das Gefühl, das uns sagt, sie lebe), ein so mächtiges Uebergewicht für unser Herz hat.

Blandine. Du bist ein grausamer Mensch!

Wilibald. Das bin ich nicht, Blandine! Was für eine Freude könnt' ich darin finden, mir selbst eine tröstliche Vorstellung zu rauben, wenn es in meiner Willkür stände, anders zu denken? Aber gib dich zufrieden, Liebe! Was dir das Resultat meiner Schlüsse so verhaßt macht, ist bloser Wahn; und ein Wahn, der noch dazu nicht aus reiner Liebe, sondern aus einem sehr eigennützigen Gefühl entspringt. Oder warum genügt dir nicht an dem Gedanken, daß die geliebte Todte, die du beweinst, noch lebt und glücklicher ist als wir, obgleich das Wie von Beiden außerhalb der Gränzen unseres Wissens liegt? Warum willst du ihr noch immer wichtig genug seyn, daß sie sich mit dir beschäftige?

Blandine. Dafür könnt' ich einen sehr guten Grund angeben – aber ich schweige. 199

Wilibald. O, ich weiß recht gut, was du verschweigst, liebes Trotzköpfchen! Aber die Rede ist jetzt nicht von dem, was wir wünschen oder unserm Herzen zu Gefallen glauben, oder was vielleicht ein moralisches Bedürfniß für uns ist.

Selmar. Du behauptest also, wie ich höre, daß unser Geist mit dem Körper, den er beseelte, auch des Bewußtseyns dessen, was er im Leben war, erfuhr und that, durch den Tod verlustig werde? daß kein ihm selbst deutlicher Zusammenhang zwischen seinem neuen und vorigen Leben Statt habe? mit einem Wort, daß er aufhöre, die Person zu seyn, die er war, und, wofern anders ein neues Daseyn für ihn beginnt, eine ganz neue Person zu seyn anfange?

Wilibald. Ich kenne die Geisterwelt zu wenig, als daß ich so ganz positiv über diese Dinge absprechen möchte. Es können uns unbegreifliche Einrichtungen in ihr getroffen seyn; und wie weit sind wir noch entfernt, die Kräfte und innern Formen unseres Geistes ergründet zu haben? Indessen leugne ich nicht, daß mir der Verlust der Erinnerung unseres vorigen Lebens ein nothwendiges Resultat meiner Behauptungen zu seyn scheint.

Selmar. Ein gräßliches Resultat, Freund Wilibald. Denn, wofern es so ist, wie du sagst, so ist mit dem Tod Alles aus; die Welt, worin ich bisher gelebt und gewirkt habe, verschwindet auf ewig vor mir; Ich bin nicht mehr, denn das Wesen, das nun statt meiner zu leben beginnt, ist nicht Ich; es ist ein ganz neues Individuum, und es mag sich in seinem neuen Zustande noch so wohl befinden, Ich genieße nichts davon; denn Ich bin im eigentlichen Sinn des Wortes todt und abgethan. Kann etwas Trostloseres seyn, als dieser Glaube? 200

Blandine. Schwerlich! Ich wollte lieber auf der Stelle dem Leben entsagen, als dem Gedanken, daß der Tod mich mit denen wieder vereinigen wird, die ich im Leben geliebt habe.

Wilibald. Wer sagt, daß dieß nicht geschehen könne?

Blandine. Keine Sophistereien, Wilibald! Was hälfe mir's, meine Schwester wieder zu finden, wenn wir uns nicht wieder erkennen würden?

Wilibald. Liebe Kinder, ich sehe, daß ihr vor Gespenstern erschreckt. Das Resultat, das Selmar ganz richtig aus meinen vorigen Behauptungen gezogen hat, sieht nur darum so gräßlich aus, weil ihr ihm noch nicht recht ins Gesicht gesehen habt, oder vielmehr, weil ihr es noch durch einen Nebel seht, der seine wahre Gestalt verzerrt und verdüstert. Eine kleine Aufmerksamkeit wird euch, denke ich, überzeugen, daß der Verlust, der uns Allen bevorsteht, im Grunde wenig zu bedeuten hat. Fürs Erste scheint es sonderbar, wie wir uns vor einem Verlust so sehr fürchten können, den wir nicht nur unser ganzes Leben durch stückweise täglich erleiden, sondern bereits, vielleicht schon öfters, erlitten haben. Verwischen sich denn nicht täglich eine Menge Eindrücke, welche die Vergangenheit in unserm Gedächtniß zurückgelassen hat? Werden diese Erinnerungen nicht immer schwächer, so wie ihre Gegenstände sich von uns entfernen, und verlieren sie sich nicht endlich ganz in dem Dunkel, das den größten Theil unseres Innern bedeckt? Wird dieser anfangs unmerkliche Verlust nicht von Zeit zu Zeit sehr merklich, und nimmt nicht nur die Masse unserer Erinnerungen, sondern auch die Lebhaftigkeit unseres Bewußtseyns der übrigbleibenden im hohen Alter allmählich so sehr ab, daß die meisten Greise sich endlich selbst überleben und in einem Zustand, der nicht einmal den 201 Namen des Vegetirens werth ist, ein sichtbares Bild dessen darstellen, was sie nach dem Tode seyn werden? Wir sind hierin einem Reichen ähnlich, der zwar täglich einnimmt, aber auch täglich ausgibt, und das Letztere in einem so ungleichen Verhältniß zur Einnahme, daß er endlich unvermerkt sein Capital selbst aufgezehrt hat. Daß die Lebhaftigkeit der Gegenwart, in welcher wir gewöhnlich mit unserer ganzen Energie befangen sind, das Vergangene überhaupt verdunkelt, lehrt die tägliche Erfahrung. Aber es gibt auch überdieß gewisse Epochen im Leben, wo die Veränderung, die mit uns vorgeht, so groß ist, wo die Umgebungen und der Wirkungskreis, worein wir uns auf einmal gesetzt sehen, von Allem, was uns vorher umgab und beschäftigte, so stark absticht und so wenig Beziehung darauf hat, daß wir gewissermaßen ein ganz neues Leben beginnen, und unser voriges Daseyn dadurch in ziemlich kurzer Zeit in einen Schatten gesetzt wird, worin das Ganze desselben uns kaum mit schärfern Umrissen und hellern Farben erscheint, als ein Traum, der etwas mehr Sinn und Zusammenhang zu haben schien, als sonst in Träumen gewöhnlich ist. Ich könnte hievon aus Erfahrung reden; aber ich bin gewiß, daß alle Menschen, deren Schicksal es war, in eine große Mannigfaltigkeit von Veränderungen verflochten zu werden, ihren Wohnort öfters zu wechseln, in neue Verhältnisse zu kommen und in eine für sie ganz neue Welt versetzt zu werden, das Nämliche erfahren haben müssen. Aufs wenigste eine Epoche dieser Art haben alle Menschen mit einander gemein, nämlich die drei oder vier ersten Jahre der Kindheit, deren wohl Niemand in seinem fünfzigsten sich mehr bewußt ist. Denn, wofern uns auch einige schwache Erinnerungen aus diesem Alter geblieben scheinen, so sind es wohl blos Erinnerungen dessen, was uns von unsern Müttern 202 und andern mit unserer Kindheit beschäftigten Personen davon erzählt wurde.

Selmar. Verzeihe, wenn ich die Folge deiner Gedanken unterbreche, um zu bemerken, daß die Ursache, warum wir in reifen Jahren das Bewußtseyn unserer Kindheit verlieren, schwerlich eine andere ist, als weil der Mensch in diesem Alter nur sehr uneigentlich eine Person genennt werden mag, da er noch, ohne Gewalt über sich selbst, bei dem schwachen Schein einer nur langsam aufdämmernden Vernunft in einer Fluth von sinnlichen Gefühlen und Trieben schwimmt und sich von andern thierischen Wesen blos durch höhere, aber noch unentwickelte Anlagen unterscheidet. In diesem Allem ist der Abstand des Kindes vom erwachsenen vollständigen Menschen so groß, daß meines Erachtens von dem Verlust des Bewußtseyns unserer Kindheit auf den Verlust der Persönlichkeit nach dem Tode nicht richtig geschlossen werden kann.

Wilibald. Deine Bemerkung, lieber Selmar, ist meiner Behauptung günstiger, als du dir vorstellst. Nichts davon zu sagen, daß du einen sehr beträchtlichen Theil des menschlichen Geschlechts, nämlich aufs wenigste alle Kinder, die unter sieben Jahren sterben, von dem Vorrecht der Unsterblichkeit, welche nach dir lediglich von der Persönlichkeit abhängt, ausschließest: läßt sich denn etwa leugnen, daß bei Weitem die größte Anzahl der Menschen, in Ansicht ihres Verstandes und ihrer Sittlichkeit oder, richtiger zu reden, wegen ihres Unverstandes und der unheilbaren Inconsequenz und Unsittlichkeit ihres Benehmens im Leben, immer Kinder bleiben? Ist der gegenwärtige Zustand dieser nie zur Reife gelangten Thiermenschen – und wie ungeheuer groß ist nicht ihre Anzahl auf dem ganzen Erdboden! – nicht, wenigstens in Vergleichung mit dem geistigen Leben, worein uns der Tod versetzt, 203 wahre Kindheit? Wenn der Abstand des Kindes von dem Manne, der sich in vollständigem Besitz aller seiner vielgeübten Kräfte und ausgebildeten Anlagen befindet, groß genug ist, das ganze Gemälde des kindischen Alters aus der Erinnerung des Mannes auszulöschen; wenn die blose Versetzung in einen von dem vorhergehenden sehr verschiedenen Zusammenhang von Gegenständen, Verhältnissen und Beschäftigungen des gegenwärtigen Lebens hinreichend ist, jenen in unserm Gesichtskreise so weit zurückzurücken, daß wir uns seiner kaum lebhafter als eines Traumgesichtes erinnern: wie dürfen wir hoffen, daß eine gänzliche Abtrennung von der Welt, worin wir bisher gelebt haben, dieselbe Wirkung nicht in einem noch viel höhern Grade hervorbringen werde? Wahrscheinlich werden wir uns unseres Menschenlebens nicht einmal als eines Traums erinnern, da uns der Tod des Organs beraubt, mit dessen bloser Verletzung, folglich um so gewisser mit dessen gänzlichem Verlust, diese ganze Sinnenwelt, aus welcher wir alle unsere Vorstellungen schöpfen, und auf welche wir alle unsere Gedanken und Kraftäußerungen beziehen, auf einmal rein vor uns verschwinden muß. Wie undurchdringlich auch das Dunkel ist, in welches die innere Beschaffenheit des Gehirns und dessen, was es zu Erzeugung unserer sinnlichen Vorstellungen beiträgt, sich unseren Forschungen entzieht, so ist doch so viel gewiß, daß es uns zu diesen Vorstellungen überhaupt unentbehrlich ist, folglich auch zu jeder Erinnerung ehmaliger Anschauungen und Gefühle, an welche die Besinnung dessen, was wir waren, oder, mit andern Worten, die innere Anschauung des Zusammenhangs zwischen unserem gegenwärtigen und vergangenen Leben gebunden ist.

Selmar. Alles, was du mit diesem Raisonnement von mir erhalten kannst, ist, daß ich mich in meinem Glauben 204 befestigt fühle, daß unsere Seele im Tode ein unsichtbares Organ mit sich nehme, welches vermuthlich mit dem Gehirn und durch dasselbe mit dem ganzen Nervensystem in der engsten Verbindung stand. Angenommen, daß dieses ätherische Organ das wahre Sensorium der Seele sey, und daß es die materiellen Bilder ihrer ehmaligen Vorstellungen in sich enthalte, so dünkt mich, ich begreife einigermaßen, wie es möglich sey, daß die Seele, ohne durch den Tod im Zusammenhang ihrer Vorstellungen unterbrochen zu werden, das Bewußtseyn dessen, was sie in ihrem vorigen Leben gewesen, gedacht und gethan, beibehalten könne.

Wilibald. Du beweisest also das Daseyn deines übrigens völlig unbekannten Seelenorgans durch die Unmöglichkeit, die Fortdauer der Persönlichkeit ohne dasselbe beweisen zu können; und du beweisest die Fortdauer der Persönlichkeit aus dem Daseyn dieses Organs. Dieß scheint, mit deiner Erlaubniß, ein Cirkel zu seyn, wodurch Keines von Beiden bewiesen wird. Wenn ich aber auch so gefällig seyn wollte, dir das Daseyn eines solchen Organs zuzugeben, so gewännest du damit wenig oder nichts für die Meinung, die dir und Blandinen so sehr am Herzen liegt. Denn vor allen Dingen müßtest du außer Zweifel setzen können, daß dieser ätherische Leib durch den Tod nicht paralysirt und zu den Diensten der Seele ungeschickt gemacht worden sey, was doch schon zuweilen die Folge außerordentlicher Nervenkrankheiten ist; denn man hat Beispiele von Personen beides Geschlechts, die auf diese Weise die Erinnerung eines beträchtlichen Zeitraums ihres Lebens und also mit ihr einen Theil ihrer Persönlichkeit auf längere oder kürzere Zeit verloren haben.

Selmar. Vorausgesetzt, daß der Seele ein unzerstörbares Organ zum Behuf ihrer Verbindung mit der Körperwelt 205 auf immer zugegeben ist, läßt sich nicht zweifeln, daß es seiner Natur nach (außerordentliche Fälle etwan ausgenommen) immer geschickt sey, seine Bestimmung zu erfüllen. Auch kann ich den Beispielen, deren du erwähnst, andere von bewährter Gewißheit entgegen setzen, wo in einer gewissen Art von Verzückung die Seele sich zum Anschauen überirdischer Gegenstände erhoben und von unbeschreiblichen Wonnegefühlen überströmt fühlte, während eine todtenähnliche Erstarrung des ganzen Körpers alle äußere Sinne in gänzliche Unthätigkeit setzte. Ich selbst habe eine Person, auf welche kein Verdacht eines Betrugs fallen konnte, gekannt, welche diese Art von Ekstasen öfters erfuhr und, sowie sie ihrer äußern Sinne wieder mächtig wurde, sich dessen, was sie in jenem außerordentlichen Zustande gesehen und empfunden, noch innigst bewußt zu seyn versicherte, wiewohl sie keine Worte fand, es zu beschreiben. Durch solche Beispiele glaube ich hinlänglich zu dem Schluß begründet zu seyn, daß der Körper paralysirt und außer aller Thätigkeit gesetzt seyn könne, ohne daß das innerste unmittelbare Organ der Seele deßwegen in seinen Verrichtungen gestört wird.

Wilibald. Ich, lieber Selmar, schließe aus solchen außerordentlichen Erscheinungen oder Erfahrungen – nichts. Die innerste Organisation unseres Körpers, die Natur unseres Gehirns und Nervensystems, das Band zwischen Seele und Leib, das Wesen des Geistes und der Materie, Alles dieß bedeckt jener undurchdringliche Schleier der Isis, den noch kein Sterblicher aufgehoben hat. Von dem ätherischen Leibe der Seele ist nicht einmal das Daseyn bekannt. Was für Resultate sollen also mit einiger Sicherheit aus einzelnen Erfahrungen gezogen werden können, deren wahre Beschaffenheit und Ursache (wenn es auch mit der Wahrheit des Factums 206 seine Richtigkeit hat) so weit außer dem Gebiet aller uns bekannten Naturgesetze und dem Kreise alles menschlichen Wissens liegt, wie das Beispiel, worauf du dich berufst? Aus eben diesem Grunde lege ich auf die von mir angeführten Thatsachen kein entscheidendes Gewicht. Ich kann dein ätherisches Seelenorgan unangefochten lassen; ich kann dir sogar zugeben, unsere Seele könne nach dem Tode, so oft es ihr beliebt, ihr ehmaliges Leben oder wenigstens dessen denkwürdigste Ereignisse und Momente darin wie in einer Bildergalerie beschauen: Alles, was du damit gewinnst, ist höchstens der Gedanke, daß du noch im Andenken des geliebten Verstorbenen lebest. Ich gestehe gern, dieß ist z. B. sehr viel für einen in Schmerz und Verzweiflung versunkenen Admet, der in seiner leidenschaftlichen Begeisterung den geliebten Schatten im Begriff sieht, mit einem Trunk aus dem Lethe ein »ewiges Vergessen ihrer Liebe« einzuschlürfen, und das nicht natürlicher ist, als die schwärmerische (von dem großen Tonsetzer Schweizer so unübertrefflich ausgedrückte) Heftigkeit, womit ihn der Dichter ausrufen läßt:

O, flieh, geliebter Schatten, fliehe!
Ich unterläge dem Gewicht
Von diesem schrecklichsten der Schmerzen!
Noch lebt Admet in deinem Herzen,
Dieß ist sein Alles! O entziehe
Dieß einz'ge letzte Gut ihm nicht!

Ich kenne die stärkende Kraft, die uns mit dem schwärmerischen Gedanken, auch im Lande der Schatten noch geliebt zu seyn, anweht; aber in die Länge will sich weder Herz noch Sinn durch eine blos idealische Gemeinschaft zwischen uns und der geliebten Seele beschwichtigen lassen. Beide sehnen sich nach fühlbaren Zeichen einer wirklichen Gegenwart 207 und Nähe derselben; man möchte gern von seinen Verstorbenen noch immer gesehen, noch gehört werden und von dem Antheil, den sie an uns nehmen, wirklichen Genuß und Nutzen haben, kurz, wir möchten, daß Alles noch so wäre, als ob sie nicht gestorben wären. Aber dazu kann ihnen und uns ihr ätherischer Leib nicht verhelfen. Er ist zu fein, um ohne die Hülfe der vermittelnden und stufenweise sich vergröbernden Organe, durch welche er mit den sichtbaren verwebt war, und deren er durch den Tod beraubt wurde, irgend eine merkliche Wirkung auf Körper wie die unsrigen zu thun. Seine Berührung wird nicht gespürt, seine Stimme nicht gehört, seine Gestalt nicht gesehen, kurz, er ist für uns eben so viel, als ob er gar nicht vorhanden wäre. Bei dieser Bewandtniß bleibt freilich Jedem die Freiheit unbenommen, sich zum Behuf der Bedürfnisse seines Herzens mit so angenehmen Einbildungen und Dichtungen zu behelfen, als er nur immer kann. Wenn aber (wie dermalen zwischen uns) die Rede von dem ist, was wir vernünftiger Weise als wahr oder wenigstens als das Wahrscheinlichste anzunehmen genöthigt sind, so sehe ich wenig Grund für die Hoffnung, nach meinem Tode dieselbe Person zu bleiben, die ich im Leben war, und folglich die Verhältnisse und Verbindungen, die einst das Glück meines Lebens ausmachten, auch im künftigen fortzusetzen. Das Weiseste dürfte also wohl seyn, uns in das gemeinschaftliche Loos aller Sterblichen zu ergeben und etwa die Gründe aufzusuchen, die uns über diesen Verlust trösten können.

Selmar. Mich dünkt, ich werde mich nie mit dem Gedanken aussöhnen, daß ein Augenblick kommen werde, wo ich aufhöre zu seyn. Denn das wäre doch der Fall, wenn ich durch den Tod die Erinnerung dessen, was ich im Leben war, 208 und das Bewußtseyn, daß ich noch dieselbe Person sey, verlieren sollte. Ich sehe ganz und gar keinen wahren Unterschied zwischen gänzlicher Vernichtung und einer Fortdauer ohne Persönlichkeit. Was geht mich das neue Leben an, das nun für eine mir gänzlich fremde Person beginnen mag?

Wilibald. Ich will nicht schlechterdings behaupten, daß der Geist unmittelbar nach der Trennung vom Körper sich nicht seiner selbst bewußt sey und einige Erinnerung aus seinem vorigen Zustand mit sich nehme. Aber, was mir gewiß scheint, ist, daß diese Erinnerung sich sehr bald in seiner neuen Art zu seyn verlieren müsse, weil alle die Fäden, worin sie hing, abgeschnitten sind, und die neue Welt, die vor ihm aufdämmert und von derjenigen, die er verließ, so sehr verschieden ist, sich natürlicher Weise seiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtigt.

Selmar. Nur allzu wahrscheinlich! Aber das ist es eben, was ich beklage.

Wilibald. Und ich, lieber Selmar, möchte dich überzeugen können, daß hier wenig oder nichts zu beklagen ist. Ich müßte mich sehr irren, oder der wahre Grund, warum man sich den Verlust der Erinnerung des vergangenen Lebens als etwas so Schreckliches vorstellt, liegt in einem Trugschlusse, den wir vom gegenwärtigen auf das Leben nach dem Tode machen. In jenem kann uns nichts Unglücklicheres widerfahren, als wenn wir durch irgend einen Unfall aller Besinnung des Vergangenen beraubt werden. Aber warum dieß? Blos darum, weil dieser Verlust uns auf einmal aus allen unseren Verhältnissen, aus unserem ganzen Wirkungskreise, aus allen unseren Verbindungen, Entwürfen, Bestrebungen und Erwartungen herauswirft, unserem Leben alles Interesse benimmt und uns mit einem Wort in den Zustand der ersten 209 Kindheit zurücksetzt. Wahr ist's, Alles dieß bewirkt der Tod ebenfalls; nur die Folgen sind nicht eben dieselben. Der Mensch hat aufgehört; aber der Geist, der sich in einen neuen, seiner Natur angemessenen Zustand versetzt findet, verliert dabei nichts, was von einiger Bedeutung für ihn seyn könnte. Alle seine vormaligen Verhältnisse, Verbindungen, Entwürfe, kurz, seine ganze Empfänglichkeit und Thätigkeit bezog sich auf sein Menschenleben; sowie dieses aufhört, kann das Vergessen derselben nicht die mindesten schlimmen Folgen für ihn haben und ist in mancher Rücksicht eher Gewinn als Verlust. Denn, da es nicht länger in seiner Gewalt ist, denen, die er einst liebte, Beweise seiner Theilnahme zu geben, so würde die Erinnerung an sie eher seine Ruhe stören, als sein Glück erhöhen. Ueberhaupt was sollte dem entfesselten Geist das Andenken an sein Menschenleben helfen? Dessen, was in einem höhern Leben der Erinnerung werth seyn möchte, ist so wenig; dessen, was wir schon in diesem zu vergessen wünschen, so viel! Das Andenken an begangene Fehler und Thorheiten, an vereitelte Entwürfe, an vergebliche Bemühungen, vornehmlich an alle Ausbrüche der Leidenschaften und Launen, wodurch wir uns an Andern und an uns selbst versündigten, kann in diesem Leben vielleicht einigen Nutzen bringen, in jenem ganz und gar keinen. Sogar das Andenken an gelungene Bemühungen und bewirktes Gutes würde nur ein sehr unerheblicher Zuwachs zu der innern Glückseligkeit eines Geistes seyn, dessen Wahrheitssinn, von allen Blendwerken der Eigenliebe, der Vorurtheile und der Leidenschaften gereinigt, nun hell und lauter genug ist, Alles nach innerem Werthe zu würdigen und folglich einzusehen, wie wenig Gutes selbst der beste Mensch zu wirken vermag, wie wenig auch von diesem Wenigen auf seine eigene 210 Rechnung kommt, wie viel falscher Schein und Gleißnerei selbst in seinen Tugenden ist, und wie oft er Böses gewirkt hat, wenn er Gutes zu schaffen wähnte.

Selmar. Wenn wir denn auch von dieser Seite nichts verlören, wer kann sich an den trostlosen Gedanken gewöhnen, seine Geliebten in jenem Leben nicht wieder zu finden? Wer kann der süßen Hoffnung entsagen, sie wieder zu erkennen und sich an ihnen und mit ihnen eines schönern vollkommnern Daseyns zu erfreuen?

Blandine. Ich bekenne rund heraus, daß ohne diese Hoffnung der Tod für mich aller schrecklichen Dinge schrecklichstes wäre.

Wilibald. Das Uebel, meine Lieben, ist nicht halb so groß, als es euch vorkommt. Setzen wir einmal den Fall, zwei liebenswürdige Personen wären als Kinder etwa bis ins vierte oder fünfte Jahr mit einander aufgekommen und hätten sich in dieser Zeit so herzlich geliebt und so viele Freude an und mit einander gehabt, als Kinder dieses Alters nur immer fähig sind. In ihrem vierten oder fünften Jahre wären sie getrennt worden und würden erst nach vierzig Jahren durch irgend einen glücklichen Zufall wieder zusammen gebracht. Ohne Zweifel hätten sich binnen dieser langen Zeit alle Bilder der ersten vier bis fünf Jahre ihres Lebens verwischt, und sie würden sich so wenig erinnern, einander je gekannt zu haben, als ob sie sich nie gesehen hätten. Würde dieß aber verhindern, daß sie einander jetzt, vielleicht schon auf den ersten Blick oder doch nach sehr kurzer Bekanntschaft, tausendmal inniger lieb gewännen als ehmals in ihrer Kindheit? Würden sie nun etwa weniger Wohlgefallen an einander haben und sich in ihrer Freundschaft weniger glücklich fühlen, weil sie vergessen hätten, daß sie schon als kleine Kinder 211 mit einander gegessen, gespielt, Wiesenblumen gepflückt, Kartenhäuschen zusammengebaut, ihre Puppen an- und ausgezogen, mitunter auch ihrentwegen einander bei den Köpfen gekriegt hätten und dergleichen? Wie unbedeutend wäre das, was ihrem dermaligen gemeinschaftlichen Glücke dadurch zuwüchse, wenn sie sich dieser Kindereien noch erinnerten? Ihr seht, daß dieß gerade der Fall mit Allen, die durch Freundschaft und Liebe in diesem Leben vereinigt waren, seyn wird wenn sie im künftigen wieder zusammen gebracht werden, woran ich nicht zweifle, und was wenigstens nichts Unmögliches ist.

Blandine. Daß du doch immer Recht behalten mußt!

Selmar. Weil es denn einmal nicht anders seyn kann, so gestehe ich, daß mich diese Vorstellung mit dem Verlust der Freude, meine Geliebten dereinst wieder zu erkennen, so ziemlich aussöhnt. Diese Freude, die in unserem Erdeleben oft so unaussprechlich süß ist, ist es doch wohl im Grunde blos darum, weil wir noch Menschen sind und durchs Wiedersehen in den Genuß aller der schönen und zarten menschlichen Verhältnisse wieder eintreten, worin wir uns ehmals glücklich fühlten. Dieß ist z. B. der Fall mit der vorgedachten, aus dem Elysium ins Menschenleben zurück versetzten Alceste, und der Dichter hat, meines Erachtens, die Natur rein getroffen, wenn er sie zu ihrem Admet sagen läßt:

Ich hab' Elysiums Glück empfunden,
Allein dem Augenblick, da ich dich wieder gefunden,
Ist keine andre Wonne gleich.

Allerdings wäre der Fall ganz anders gewesen, wenn sie sich in der unsichtbaren Welt als Geister wieder gefunden hätten.

Wilibald. Wenig Andere haben wohl jene Wonne, von welcher Alceste singt, in einem höheren Grad empfunden, als 212 ich selbst: denn schwerlich geht sie über die Seligkeit, die Geliebte vom Rande des Grabes ins Leben zurückgebracht zu sehen. Ja sogar das überschwängliche Wonnegefühl, sie aus dem Grabe selbst ins Leben zurückgekehrt zu sehen, hab' ich, wiewohl leider nur im Traum, so lebendig erfahren, als Admet in dem Singspiel, dessen du dich bei dieser Gelegenheit erinnerst. Denn wenige Wochen nach Fanniens Tode träumte mir: ich hätte mich im Kreise aller meiner Angehörigen und Freunde befunden, welche meinen Schmerz mehr durch stille Theilnahme als unzeitige Tröstungen zu lindern gesucht hätten: auf einmal wäre die Thür aufgegangen, und sie, die wir Alle für todt und begraben gehalten, wäre, wie von einer weiten Reise, frisch und gesund zurückgekommen und mit ihrem eigensten schönen Ausdruck der reinsten Freude und Liebe in meine Arme geflogen. Die Einbildungskraft hat kein Bild und die Sprache keine Worte, das Entzücken dieses Augenblicks zu schildern. – Aber die wahre Quelle desselben hast du ganz richtig angegeben, Selmar, und es wäre täuschende Verwirrung reinmenschlicher Verhältnisse mit reingeistigen, wenn ich mir einbilden wollte, das Nämliche könnte beim Wiedersehen in der Geisterwelt stattfinden.

Blandine. Dieser Zusatz ist nicht dazu gemacht, uns eine große Sehnsucht nach der Versetzung unter die Geister einzuflößen.

Wilibald. Auch war er nicht zu diesem Ende gemacht, liebe Blandine.

Selmar. Jetzt, lieber Wilibald, möchte ich dich an etwas erinnern, das meiner Aufmerksamkeit nicht entging, wiewohl es dir nur im Vorbeigehen zu entfallen schien. Wir könnten, sagtest du, uns vielleicht schon mehrmal in dem 213 Falle befunden haben, die Erinnerung unsers vergangenen Zustandes gänzlich zu verlieren. Darf ich fragen, was du damit meintest?

Wilibald. Bald hätte ich vergessen, dieses Punktes wieder zu erwähnen; nicht, als ob ich die Sache selbst für zweifelhaft hielte, sondern, weil sie zu Begründung meiner Behauptung entbehrlich ist. Du bist doch auch der Meinung, Selmar, daß unsre Seele vor ihrer Vereinigung mit ihrem dermaligen Körper schon da gewesen ist?

Selmar. Ich gestehe, daß ich mich über diesen Punkt immer mit dichterischen Phantasiespielen beholfen und nie ernstaft darüber nachgedacht habe. Indessen, da ich mir nicht vorstellen kann, daß Nichts zu Etwas werden, oder das blos idealische Daseyn im Reich der Möglichkeiten ein wahres Daseyn genannt werden könne: so sehe ich mich genöthigt anzunehmen, daß unsre Seele schon vor unserm gegenwärtigen Leben existirt haben müsse.

Wilibald. Wenn dieß ist, so entsteht natürlicher Weise die Frage, wie sie existirt habe?

Selmar. Vermuthlich ebenfalls in Verbindung mit irgend einem organischen Leibe. Denn, hätte sie jemals als reiner Geist existirt, so wäre unbegreiflich, was sie gesündigt haben könnte, um eine so harte Strafe zu verdienen, wie die Einsperrung in einen irdischen Leib für einen solchen Geist seyn müßte; zumal da es offenbar scheint, daß alles physische und moralische Elend der Menschheit eine natürliche Folge derselben ist.

Wilibald. Die Untersuchung des letztern Punktes würde uns zu weit aus unserm Wege führen. Aber vielleicht gibt es im ganzen Weltall keine vollkommen reine Geister, d. i. solche, für welche keine materielle Welt vorhanden 214 wäre, und welche ohne Verbindung mit einem organischen Körper außer sich wirken könnten? – Wie dem aber auch sey, immer bleibt gewiß, daß wir von dem Zustand unsrer Seele vor diesem Leben, von welcher Beschaffenheit er auch gewesen seyn mag, nicht die mindeste Erinnerung haben; und ich sehe keinen Grund, warum wir von dem, was uns schon begegnet ist, als wir einen neuen Körper zu beleben bekamen, nicht auf das sollten schließen dürfen, was uns begegnen wird, wenn wir von diesem Leibe wieder geschieden werden. So wie das Menschenleben, das wir mit unsrer Geburt begannen, keine Fortsetzung des vorigen uns gänzlich unbekannten Lebens ist, so wird auch das Leben, in welches wir durch den Tod geboren werden, aus gleichem Grunde keine Fortsetzung des gegenwärtigen, sondern der Anfang eines ganz neuen seyn.

Selmar. Ich habe dem, was du zum Behuf deiner Meinung vorgebracht, keine Einwürfe aus der Natur der Seele entgegen zu setzen, da Alles, was ich von dieser mit Gewißheit sagen kann, aus Anschauungen geschöpft ist, zu welchen der Körper unentbehrlich scheint. Was sie nach der Trennung von demselben seyn wird, liegt außer dem Gesichtskreis meines Verstandes. Aber noch sehe ich nicht, wie die moralischen Einwürfe zu heben seyn könnten, die deiner Behauptung im Wege stehen. Fürs Erste, so fällt mit dem Verlust dessen, was man die Persönlichkeit nennt, alle Bestrafung der Bösen und Belohnung der Guten im künftigen Leben weg. Wie kann ein Bösewicht bestraft werden, wenn er sich nicht mehr erinnert, womit er die Strafe verdient hat?

Wilibald. Mir fällt hier der Apolog von einem frommen muselmännischen Derwisch bei, der in einem Gesicht 215 eine majestätische Frau von kolossalischer Größe mit einer flammenden Fackel in der einen Hand und einem Eimer voll Wassers in der andern aus den Wolken herabsteigen sah. Der Derwisch erkühnte sich, sie zu fragen, was sie vorhabe? Ich gehe, sagte sie, mit dieser Fackel das Paradies in den Brand zu stecken und mit diesem Wasser das Höllenfeuer auszulöschen, damit reine Liebe Gottes künftig das Einzige sey, was die Menschen zum Guten antreibe und vom Bösen zurückhalte. Diese Frau hatte ein sehr gutes Werk vor, und desto besser, wenn es ihr gelungen wäre, Hölle und Paradies aus der Phantasie der Menschen zu vertilgen. Denn die Furcht, in jene, und das Verlangen, in dieses zu kommen, verändern nichts an der innern Beschaffenheit des Gemüths, und nur der ist gut, der es aus Liebe des Guten oder (was ganz dasselbe sagt) aus reiner Liebe Gottes ist. Unschuld, Güte des Herzens und Rechtschaffenheit des Lebens, jede Tugend und jede gute That, jedes Opfer, das wir der Pflicht bringen, jede Besiegung einer unedeln Leidenschaft belohnt sich selbst und begehrt keinen andern Lohn.

Selmar. Aber die Gerechtigkeit –

Wilibald. Gibt Jedem, was ihm gebührt. Gute und Böse werden durch die natürlichen Früchte ihrer Sinnesart und ihrer Werke belohnt oder bestraft.

Selmar. Nicht immer in richtigem Verhältniß mit ihren Werken.

Wilibald. Woher weißt du das? Wer kann den Grad der Qualen angeben, womit das Gewissen eines großen Verbrechers gepeinigt wird?

Selmar. Ruchlose Verbrecher haben wenig Gefühl für die strafende Geißel des Gewissens. Auch gibt es Bösewichter, die so ungeheure Thaten begangen haben, daß der 216 Gedanke, sie nicht härter als durch Gewissensbisse bestraft zu wissen, kaum erträglich ist.

Wilibald. Wir sind oft grausam, lieber Selmar, indem wir blos gerecht zu seyn wähnen. So ist es z. B. ziemlich allgemein, daß man für einen Menschen, der große Abscheulichkeiten mit Ueberlegung und kaltem Blute begangen hat, z. B. für einen Giftmischer, einen Vatermörder, einen Räuber, der die Beraubten unmenschlich mißhandelte, keine martervolle Bestrafung zu grausam findet. Und doch ist nichts gewisser, als daß ein Auge, welches tief genug in das Innerste der Menschen und des Zusammenhangs der Dinge blicken könnte, tausend Umstände entdecken würde, welche, wie abscheulich ein Verbrechen an sich selbst seyn mag, dennoch den Unglücklichen, der es beging, mehr zu einem Gegenstand des Mitleidens als des Abscheues machen müssen. Viele dieser Art sind von Kindheit an zu dem, was sie in männlichen Jahren wurden, erzogen worden. Manche sind vielmehr Verrückte und Wahnsinnige, als vorsätzliche Bösewichter. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der unmenschliche Robespierre in vollem Ernst ein Brutus, ein echter Patriot zu seyn wähnte, der, um der vermeinten guten Sache den Sieg zu verschaffen, so, wie er verfuhr, verfahren müsse. Die Vorstellung des Glücks vieler tausend Millionen Menschen, welches er in seinem Wahnsinn durch den Tod einiger Hunderttausend fest zu gründen wähnte, machte ihn taub gegen die Stimme der Menschlichkeit, die er auf einem Posten wie der seinige für weibliche Schwäche hielt. Gegen alle Sünder dieser Art wären grausame Strafen ungerecht. Aber bei Weitem der größte Theil der Menschen kann weder gut noch böse genannt werden: sie sind Beides, aber weder das Eine noch das Andere so, daß es ihnen von einem recht richtenden 217 moralischen Gerichtshofe anders zugerechnet werden könnte, als wie man einem Berauschten den Unfug zurechnen kann, den er in der Trunkenheit begeht. Sie folgen dem Antrieb mechanischer Angewöhnungen oder ungeregelter Begierden und Leidenschaften, von welchen sie mit der Gewalt eines Stroms fortgerissen werden. Das bürgerliche Gesetz ist genöthigt, indem es das Verbrechen bestraft, sich selbst an dem Verbrechen zu rächen: die rein moralische Gerechtigkeit hingegen weiß von keiner Rache; und da das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden kann, so begnügt sie sich, das Uebel zu vergüten und den, der es beging, in einen Zustand möglicher Besserung zu setzen. – Was die Guten betrifft, so ist nur zu wahr, daß viele in diesem Leben ohne ihre Schuld leiden und öfters beklagenswerthe Opfer eines unvermeidlichen Schicksals werden. Was hat jene liebenswürdige und glückliche Familie verbrochen, um, bei einem Erdbeben von der Erde verschlungen oder von einstürzenden Gebäuden halb zermalmt, eines langsamen qualvollen Todes zu sterben? Womit hat diese gute Mutter verdient, bei einer nächtlich ausgebrochnen Feuersbrunst mit ihrem Säugling, den sie retten wollte, den schrecklichsten Tod in den Flammen zu finden? Tausend Beispiele dieser Art, die den Glauben an eine wohlthätige Vorsehung für die Individuen erschüttern, scheinen einen reichen Ersatz für die Leiden dieses Lebens in dem zukünftigen zu fordern – und werden ihn ohne Zweifel auch erhalten. Aber, wie groß diese Vergütung auch seyn möchte, kann sie machen, daß ich nicht gelitten habe, was ich leiden mußte? Ein Zug aus dem Lethe ist in solchen Fällen die beste Entschädigung. Ich bemerke nur noch im Vorbeigehen, daß man auch bei der gemeinen Vorstellungsart von den Belohnungen in der künftigen Welt den Fehler begeht, von 218 dem, was sich zwischen Menschen und Menschen gebührt, auf das, was der höchsten Gerechtigkeit anständig ist, zu schließen. Wir glauben, mit Recht denjenigen Belohnung schuldig zu seyn, welche freiwillig etwas für uns thun, wozu sie ohne Unrecht nicht gezwungen werden konnten; und es ist unser eigener Vortheil, wenn wir sie durch den ihrigen aufmuntern, sich immer mehr Verdienste um uns zu machen. Aber die Nemesis, deren Wage das Weltall im Gleichgewicht erhält, fordert von Niemand weder mehr, als er schuldig, noch mehr, als ihm möglich ist. Um vollkommen gerecht zu seyn, bedurfte sie, menschlicher Weise zu reden, keiner andern Einrichtung, als daß die innere Richtigkeit unsrer Gesinnungen und Handlungen jeder Zeit den Grad der innern Glückseligkeit bestimmt, die mit dem Bewußtseyn derselben unmittelbar verbunden ist. Der Weise und Gute begehrt und erwartet nie eine andere Belohnung; und daraus erkläre ich mir die ruhige Gleichmüthigkeit, mit welcher Sokrates in der Stunde des gewaltsamen Todes, den seine bethörten Mitbürger über ihn verhängten, sich gegen seine Freunde über Seyn und Nichtseyn erklärt. Er glaubt in einem Leben von siebenzig Jahren des Guten genug genossen zu haben und unterwirft sich ruhig dem unbekannten Naturgesetze, kraft dessen er mit dem Tode entweder Sokrates zu seyn aufhören oder in einem neuen Leben, in der unsichtbaren Welt, auf eben die Art, wie er es in dieser war – durch sich selbst und die Verbindung mit andern Weisen und Guten – glücklich seyn werde.

Selmar. Bei Allem dem läßt sich schwerlich leugnen, daß der Glaube, vom Bewußtseyn unsrer Gesinnungen und Handlungen in das künftige Leben begleitet zu werden, öfters ein wirksames Mittel seyn kann, zum Guten aufzumuntern 219 oder vom Bösen zurückzuhalten; und sollte uns nicht jedes auch noch so gering scheinende Mittel, das der Schwäche unsrer moralischen Natur zu Hülfe kommt, heilig seyn?

Wilibald. Ich möchte dieß nicht ohne viele Einschränkung behaupten; denn es würde sonst allen Arten von frommen Täuschungen und Gaukeleien, deren man sich zur Beförderung guter Zwecke bedient, zu Statten kommen müssen. Doch ich habe nicht nöthig, diesen Einwurf gegen dich geltend zu machen. So wie ich die Menschen kenne, dürfte wohl der moralische Einfluß, den du jenem Glauben beilegst, etwas unendlich Kleines seyn. Es liegt nun einmal in der menschlichen Natur oder vielmehr in der Natur des Lebens selbst, daß der Mensch an den Tod und das, was auf denselben folgen mag, ohne besondere Veranlassung von außen nur sehr selten und auch alsdann meistens nur sehr flüchtig denkt und in dem warmen Lebensgefühl, worin er wie in seinem wahren Element webt und strebt, sich eines so fremdartigen Gedankens gar bald wieder entledigt.

Selmar. So wirst du mir doch dieß zugeben, daß jener Glaube, wenigstens guten Menschen, keinen geringen Trost in unverschuldeten Leiden gewähren müsse.

Wilibald. Ich hoffe, du kennst mich zu gut, als daß du mir die Absicht zutrauen könntest, irgend eine gute Seele durch meine Behauptung in ihrem Glauben irremachen zu wollen. Wenn du auf den Gang unsrer bisherigen Unterhaltung zurücksehen willst, so wirst du finden, daß wir durch Erfahrungssätze und Vernunftschlüsse, denen wir nichts Befriedigendes entgegen zu setzen hatten, zu jenen Resultaten genöthigt wurden, die du, in Ermanglung anderer aus der Natur der Sache geschöpften Gründe, mit moralischen zu bestreiten suchst, welche meistens nur so viel gelten, als man 220 sie gelten lassen will. Ich bin weit entfernt, das ewige Leben unsers Geistes zu leugnen: aber, da wir uns, unversehens und auf die unschuldigste Weise von der Welt, in ziemlich starke Zweifel an der Realität des gemeinen Begriffs von der Persönlichkeit nach dem Tode verwickelt fanden, glaubte ich etwas sehr Menschenfreundliches zu thun, wenn ich euch zu überzeugen suchte, der Verlust, womit wir uns bedroht sehen, dürfte wohl vielmehr Gewinn als wahrer Verlust für die Menschheit seyn. Daß unser eigentliches, den Tod überlebendes Ich dadurch, daß es aufhört, der individuelle Mensch zu seyn, den es im vorigen Leben vorstellte, nichts Bedeutendes verliere, denke ich bereits hinlänglich gezeigt zu haben. Nun hoffe ich euch zu überzeugen, wie paradox meine Behauptung auch klingen mag, daß wir in unserm gegenwärtigen Menschenleben an Humanität und echtem Lebensgenuß sehr viel gewinnen würden, wenn der sadducäische Glaube, daß der Tod allen unsern jetzigen Verhältnissen und Verbindungen ein Ende mache, allgemein werden könnte.

Blandine. Ich will im voraus von ganzem Herzen auf diesen Gewinn Verzicht gethan haben, wie groß er auch immer seyn mag; aber ich bin doch begierig zu hören, worin er bestehen kann.

Wilibald. Die Sache wäre wohl einer tiefen und vollständigen Ausführung werth, wozu jetzt nicht die Zeit ist. Ich will mich also blos auf zwei oder drei Stücke einschränken, die in meinen Augen alle moralische Vortheile, welche der entgegenstehende Glaube nur immer gewähren kann, weit aufwiegen.

Selmar. Laß hören, lieber Wilibald! Du spannst meine Erwartung bis zur Ungeduld.

Wilibald. Und wenn ich euch das Geheimniß entdeckt haben werde, wird mir's damit gehen, wie dem Columbus 221 mit seinem auf die Spitze gestellten EiDem Columbus sagte man ins Gesicht, America habe jeder Andere auch entdecken können. Er nahm ein Ei und fragte, wer dieß auf die Spitze stellen könne, so daß es nicht umfalle. Jeder versuchte, Keinem gelang es. Columbus nahm es, drückte es derb auf, und es stand. Ja, rief man, wenn wir das gewollt hätten! – Eben so, sagte er, ging's mit America's Entdeckung.. Sey es darum! die Sache bleibt, was sie ist. Aber Eins muß ich mir doch vorher ausbedingen, um allen Mißverständnissen und nicht treffenden Einwürfen vorzubeugen. So oft die Frage ist, wie viel oder wenig moralischen Nutzen irgend ein Glaube haben könne, kommen alle eigentlich böse, d. i. von Grund aus verdorbene Menschen in gar keine Betrachtung. Denn für diese kann nichts gleichgültiger seyn, als ob dieses oder jenes System das wahre, dieser oder jener Glaube der rechte ist. Ihnen ist Alles wahr, was ihren Leidenschaften schmeichelt, Alles recht und gut, was ein Mittel ist, ihrem Egoism die möglichste Befriedigung zu verschaffen; sie sind dermaßen in Kern und Wurzel verdorben, daß kein Glaube sie weder besser noch schlimmer machen kann. Diese aber und die noch ganz rohe Menschenclasse, die wie alle andere Thiere blos im Augenblick der Gegenwart lebt, abgerechnet, glaube ich, daß meine folgenden Behauptungen so ziemlich auf alle Menschen passen, wenn sie auch gleich in ihrem ganzen Umfang und vollen Werth nur auf die edleren und gebildeteren Classen anwendbar seyn sollten. Ich sage also, wenn die Menschen von jeher nicht anders gewußt und geglaubt hätten, als daß der Tod die letzte Linie und das eigentliche Ende ihres Menschenlebens sey, so würde dieser Glaube alle Bande der Liebe und Freundschaft, besonders alle die engern und zärtlichern Verhältnisse zwischen Mann und Weib, Eltern, Kindern und Geschwistern stärker zusammen gezogen haben. Zum Maßstab kann uns hierin dienen, was wir erfahren, wenn wir im Begriff sind, uns von einem sehr theuren Freund ohne alle Hoffnung des Wiedersehens zu trennen, oder wenn wir mit hoffnungsloser Gewißheit voraussehen, daß wir eine geliebte Person in Kurzem durch den Tod verlieren werden. Wie ganz anders 222 ist uns da zu Muthe, als ehedem, da wir uns mit der Aussicht schmeicheln konnten, noch eine lange Reihe von Jahren mit ihnen zu durchleben! Welch ein ganz anderes Interesse haben jetzt diese Personen und Alles, was sie sagen und vornehmen, für uns! Wie wichtig wird uns jeder noch so geringe Beweis, den wir ihnen von unserer Liebe geben, jeder frohe Augenblick, den wir ihnen noch machen können. Wie sorgsam suchen wir jede Minute, die uns jetzt mehr als ehemals ganze Tage werth ist, zu benutzen, um jeden leisesten Wunsch des Geliebten zu errathen und zu befriedigen, ihm jede Unlust zu ersparen, jede Beschwerde zu erleichtern! Alles das würde, in diesem Grade wenigstens, nicht Statt finden, wenn unsere Einbildung noch den unabsehbaren Raum von zwanzig oder dreißig Lebensjahren vor sich ausgedehnt zu sehen wähnte, in welchen alle diese, jetzt in einen so engen Zeitraum zusammengepreßten Aeußerungen unserer Zärtlichkeit sich vertheilen würden. Dieß Letztere ist nun der Fall, da ein leises, verworrenes, dunkles Gefühl, die Frucht des Glaubens, daß wir als Menschen ewig leben werden, unser Daseyn, unsere Zeit wie ins Unendliche vor uns ausdehnt. Wie nachlässig macht uns dieses dumpfe Gefühl, welches uns um einen so großen Theil wahren Lebensgenusses betrügt, in Erstattung von tausend kleinen Pflichten, von denen die Anmuth des geselligen Lebens großen Theils abhängt! Wie viele Gelegenheiten, denen, die wir lieben, Vergnügen zu machen und nützlich zu seyn oder sie mit unangenehmen Augenblicken zu verschonen, lassen wir entschlüpfen, ohne uns sonderliche Vorwürfe darüber zu machen, weil der Glaube, der unser gegenwärtiges Daseyn ins Unendliche fortlaufen läßt, der herrschende Gedanke, daß wir unsere Lieben wiedersehen und wenigstens einen Theil der alten Verhältnisse mit 223 ihnen in einem neuen Leben fortsetzen werden, unvermerkt das Gefühl des hohen Werthes und der vollen Wichtigkeit des Gegenwärtigen vermindert. Wären wir fest überzeugt, daß unsere zärtlichsten Verbindungen in die enge Dauer dieses Lebens eingeschränkt sind und mit dem Tode gänzlich aufhören; brächte alles auf Leben und Tod sich Beziehendes, was wir von Kindheit an hören und sehen, eine Gewißheit hierüber in uns hervor, welche unvermerkt zum dunkeln Gefühle würde und als solches im Grund unserer Seele wirkte: alle unsere sympathetischen Empfindungen würden unendlich dabei gewinnen. Wir würden milder, menschlicher, mitleidiger und nachsichtiger gegen Andere und vornehmlich weit zarter, aufmerksamer und behutsamer in unserem Benehmen gegen diejenigen seyn, mit denen wir durch engere Bande der Freundschaft und Liebe zusammenhangen. – Einen starken Beweis, daß ich mich in dieser Meinung nicht täusche, scheint mir eine Erfahrung abzugeben, welche vermuthlich die Meisten, die einer sehr geliebten Person durch den Tod beraubt wurden, gemacht haben werden. Wie lebhaft wir uns auch bewußt seyn mögen, diese Person innigst geliebt und unserer Absicht und Meinung nach Alles gethan zu haben, was sie davon überzeugen und unserm eigenen Herzen hierin ein Genüge thun konnte: so erwachen doch, wenn sie auf immer für uns verloren ist, tausend quälende Vorwürfe in unserem Innern, daß wir viel mehr, unendlich mehr hätten thun können und sollen, und unsere Einbildungskraft vereinigt sich mit unserem Gewissen, uns an unzählige besondere Fälle zu erinnern, wo wir uns ganz anders benommen hatten, als sie von uns zu erwarten berechtigt war, und als unfehlbar geschehen wäre, wenn uns in dem Augenblick, da wir fehlten, der Gedanke des Todes und einer ewigen 224 Trennung vorgeschwebt hätte. Ich glaube hieraus mit Grund auf die Wirkung schließen zu können, welche das vorerwähnte dunkle Gefühl auf eine strengere und sorgfältigere Erfüllung aller Pflichten der Humanität und der Liebe, wenigstens bei der bessern Art von Menschen, thun müßte. – Und wie viel sparsamer würde uns nicht der Glaube, dem ich das Wort rede, mit dem kostbarsten aller Güter machen, dessen unschätzbarer Werth durch den Umstand noch erhöht wird, daß wir es mehr als irgend ein anderes in unserer Gewalt haben, ich meine die Zeit, mit welcher wir jetzt so verschwenderisch umgehen? Was für ein ganz anderes Maß für unsere Jahre, Tage, Stunden und Minuten würde er, wenn er von jeher herrschend gewesen wäre, in unsere gewöhnliche Zeitberechnung gebracht haben? Welchen Werth würde ein Tag in unsern Augen erhalten, sobald wir ihn als einen ansehnlichen Theil unserer so enge beschränkten und überdieß noch ungewissen Existenz betrachteten? Was aber der wichtigste von allen Vortheilen ist, die jener Glaube schaffen würde, welch ein mächtiger Antrieb, dieses kurze Daseyn wohl anzuwenden, es mit guten Handlungen anzufüllen, uns um die Menschheit verdient zu machen und in Allem, was wir thun und hervorbringen, nach Vollkommenheit zu streben, müßte die Gewißheit seyn, daß es für uns, als Menschen, keine andere Unsterblichkeit gebe, als im Andenken unserer Freunde und Zeitgenossen – und, da auch diese so vergänglich sind, wie wir selbst – im Gedächtniß und in der Achtung einer nie aussterbenden Nachwelt fort zu leben, noch geliebt zu seyn, noch zu nützen, wenn wir nicht mehr sind, und durch das, was wir Schönes, Gutes und Großes im Leben gewirkt, auch nach unserm Tode noch Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende, unter ihnen fortzuwirken. Wer mit den Schriften 225 der Griechen und Römer vertraut ist, weiß, wie mächtig dieser herzerhebende Gedanke die Edlern unter ihnen begeisterte, weil sie das Leben im Herzen der Nachwelt für die einzige Art von Unsterblichkeit hielten, die wir in unserer Gewalt haben, und deren wir uns also mit Gewißheit versichern können.

Dieß mag genug seyn, lieber Selmar, dich vielleicht zu weiterem Nachdenken über dieses Capitel zu veranlassen. Ich für meinen Theil bin von der Wahrheit des Gesagten so durchdrungen, daß ich wenig angelegenere Wünsche habe, als daß die Zeit, je bälder je lieber, kommen möchte, wo ein für die Menschheit so wohlthätiger Glaube die Sanction der Gesetzgebung und Religion erhielte und so mächtig genug würde, alle ihm entgegenstehende chimärische Einbildungen gänzlich zu verdrängen, deren reelle Schädlichkeit durch die süßen Täuschungen, welche sie einigen zarten und schwärmerischen Seelen verschaffen, nur sehr schwach vergütet wird.

Selmar. Wie kannst du hoffen, daß dieser Glaube jemals von der Religion werde unterstützt werden, da du unter allen, die jemals auf dem Erdboden geherrscht haben, schwerlich eine einzige nennen kannst, welche den Glauben an Belohnung und Bestrafung in einem andern Leben nicht sogar zu ihrer Selbsterhaltung für nöthig gehalten hätte?

Wilibald. Führe mich nicht in Versuchung, Freund Selmar! – Alles Wünschenswürdige erwarte ich von den Fortschritten der Nachwelt. Des guten Samens ist viel ausgestreut, und ein Theil wenigstens wird aufgehen und Früchte bringen. Die Menschheit, wie langsam auch ihre aufsteigende Bewegung seyn mag, wird sich mit immer wachsender Geschwindigkeit von jeder erstiegenen Stufe zu einer höhern erheben und auf jeder sich irgend eines ihr noch anhängenden 226 gemeinschädlichen Vorurtheils, Irrsals und Mißbrauchs entledigen. Die Religion ist das Palladium der Menschheit, oder vielmehr, sie selbst ist die reinste, höchste Humanität, steht durch sich selbst und bedarf keiner stützenden Rohrstäbe. Jede Verfinsterung, durch welche das Menschengeschlecht schon gegangen, zog auch um ihre himmlische Gestalt einen düstern Nebel, der sie hinderte, ihm ihr Licht und ihre Wärme mitzutheilen. Aberglauben, Schwärmerei, Magie, Dämonism, Möncherei, und wie sie alle heißen, jene der Menschheit feindseligen Geister, sie setzten sich im Dunkeln an ihren Platz und wirkten, längere oder kürzere Zeit, unter ihrem Namen – was sie vermöge ihrer Natur wirken konnten. Sowie die Menschheit sich der Quelle des Lichts wieder näherte, trat auch die Religion wieder aus dem Nebel hervor, erhob sich mit ihr und wird sich von einer Lichtstufe zur andern so lang erheben, bis sie dereinst in ihrer ganzen Schöne über unsern glücklichen Nachkommen stehen und die ganze Fülle ihrer wohlthätigen Einflüsse auf sie herabschütten wird. – Möchte diese Zeit näher seyn, als einige Zeichen von böser Vorbedeutung besorgen lassen! – Und hiemit, lieber Selmar, für heute gute Nacht! 227


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