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Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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44. Eine Kleinkinderbewahranstalt

In diesem Zimmer waren sechs Kinder, von denen drei kleine im Alter von nahe an einem Jahr auf elenden, zerrissenen und durchfeuchteten Strohsäckchen lagen, die sich im Hintergrunde auf einem Schragen befanden. Eine einzige geflickte Decke war über alle drei ausgebreitet und zu beiden Seiten mit Bindfaden festgebunden, was verhindern sollte, daß die Kinder, die sehr, sehr oft allein waren, ihre Bedeckung nicht von sich strampelten. Das war ihnen denn auf diese Art allerdings unmöglich, dafür aber hatten sich die zwei außenliegenden, vielleicht von Schmerzen geplagt und ohne Hilfe allein gelassen, nach allen Richtungen herum geworfen, und so war es denn gekommen, daß sie auf beiden Seiten so weit heruntergerutscht waren, daß ihre nackten, entsetzlich mageren Füße und Beine über den Strohsack herabhingen und der Kopf unter der Decke stak, wodurch die armen Geschöpfe Gefahr liefen, erstickt zu werden.

Das mittlere dieser unglücklichen Kinder lag aber um so ruhiger, und zwar so regungs- und bewegungslos, daß die eingetretene Frau, nachdem sie die beiden anderen etwas zurecht gelegt, sich eifrig um dieses beschäftigte. Es durchzuckte sie seltsam, als sie ihre Hand auf die Stirne des Kindes legte, und darauf unter das zerrissene Hemdchen fuhr, um nach dem Herzschlag zu forschen. Die Stirne war feucht und kalt, und das Herz schlug wohl noch, aber oftmals machte es lange Pausen, und dann öffnete das Kind die bläulichen Lippen und zog gurgelnd eine Idee von Athem in die kleine Brust.

»Da ist nichts mehr zu machen,« sprach die Frau zu sich selbst, indem sie die Hände übereinander schlug und das arme Wesen einige Sekunden lang betrachtete. »Du hast nächstens ausgelitten.«

Bei ihrem Eintritte in das Zimmer hörte das Geschrei der drei größeren Kinder plötzlich auf. – Es waren dies zwei Buben und ein Mädchen. Der älteste der Buben, vielleicht sechs Jahre alt, hatte im Verein mit dem anderen, der fünf zählen mochte, den vergeblichen Versuch gemacht, die beiden Kinder auf den Seiten aus ihrer erstickenden Lage zu befreien, und da dies nicht gelungen war, hatten sie beide ein großes Geschrei erhoben.

Das Mädchen war vielleicht etwas über zwei Jahre alt und gekleidet in ein blaues, verschossenes und zerrissenes Wollenkleidchen; es saß neben der Thüre am Boden, hatte den Kopf auf die fast unkenntlichen Ueberbleibsel eines hölzernen Pferdes gelegt, dessen Hals es mit seinen Aermchen umklammerte. Es zitterte, wahrscheinlich zugleich vor Angst und Kälte, und duckte sich tief herab, als es die Frau mit der Peitsche hereintreten sah. Im nächsten Augenblicke aber mußte das Kind wohl bemerkt haben, daß es nicht das rothe Gesicht der Madame Schwemmer war, welches sie anblickte, sondern ein ihr bekanntes, ja befreundetes. Es erkannte wohl die Frau Bilz, welche es bisher gepflegt, ehe es in diesen schrecklichen Aufenthaltsort gekommen, und nun zuckte in seinen matten Augen ein seltsamer Blitz empor; vielleicht war es die Erinnerung an bessere Tage, vielleicht war es die Hoffnung, es werde wieder von hier fort genommen werden, genug, – das Kind hob seinen Kopf empor, öffnete die Augen so weit als möglich und fing dann an bitterlich zu weinen.

»Ja, ja, ich bin es,« sprach Frau Bilz, deren Herz eine augenblickliche Rührung durchzuckte, indem sie sich zu dem Kinde niederbeugte. »Sei ruhig, ich bin's ja, es soll dir auch nichts zu Leide geschehen.«

»Aber du hast doch die Peitsche mitgebracht,« sagte der ältere Knabe, während er sich trotzig vor die Frau hinstellte und sie keck ansah.

»Vielleicht für dich,« entgegnete diese, »denn du bist wohl nicht anders zu zwingen.«

»Hier nicht,« versetzte trotzig das Kind. »Früher that ich Alles, was man von mir haben wollte.«

»Aber du siehst, wie es dir alsdann geht,« fuhr Frau Bilz fort; »sie haben dir zur Strafe deine guten Kleider genommen, und jetzt mußt du in den Lumpen da einhergehen.«

»Das ist wahr,« entgegnete der Knabe, indem eine augenblickliche Bewegung seine Züge überflog, »meine Kleider haben sie mir gestohlen, geschlagen werde ich ebenfalls, auch friert's mich und ich habe Hunger, aber das wird Alles noch einmal aufhören, wenn ich groß bin, und dann wartet nur!«

»Und was geschieht dann?« fragte die Frau und erhob ein klein wenig ihre Peitsche, aber nur zum Drohen, nicht zum Schlagen.

»Was dann geschieht? – Das will ich dir sagen: dann gehe ich hinaus auf die Straße und suche meinen Vater und dann wehe euch Allen!«

»Ja, das würde ich auch thun,« entgegnete die Frau achselzuckend; »aber bis die Zeit kommt, rathe ich dir, dich ruhig zu verhalten, sonst wirst du noch viel mehr Schläge kriegen.«

»Dann wehre ich mich,« sagte trotzig der Knabe.

»Und womit?«

»Ich beiße,« erwiderte er. Und damit öffnete er den Mund und zeigte seine kleinen weißen Zähne, die vor Zorn zusammenklapperten.

Der andere Knabe hatte sich scheu in eine Ecke gedrückt. Es war das eine wahre Jammergestalt mit dem Aussehen eines alten Zwerges. Spärliches Haar bedeckte seinen spitzen Schädel, seine Augen waren tief eingesunken, und die Unterlippe seines großen Mundes hing schlaff herab. Er blickte ängstlich auf die Peitsche und kroch, ohne ein Auge davon abzuwenden, langsam rückwärts, bis er unter dem Schragen verschwand, auf dem die kleinen Strohsäcke lagen.

Frau Bilz hatte sich zu dem Mädchen niedergekauert und zuerst das Kleidchen betrachtet, das noch vor kurzer Zeit gut und frisch gewesen war, dann hatte sie kopfschüttelnd weiter untersucht, seine Haare, sein Hälschen, in dem sich tiefe rothe und wunde Streifen zeigten, und dann seine Füße, die aufgeschwollen zu sein schienen.

»Zieht man dich Abends nicht aus?« fragte sie zögernd nach einer Pause.

Das Kind blickte sie überrascht an und schien ihre Frage nicht zu verstehen.

»Mich hat man nur ein einziges Mal ausgezogen,« sagte der Bube, indem er näher trat und die Hände und Arme heftig übereinander schlug, um sich zu erwärmen, »nur ein einziges Mal, als man meine Kleider gestohlen. Die aber haben sie noch gar nicht ausgezogen; ich habe wohl versucht, ihr die Stiefeln aufzuschnüren, aber es ging nicht, die Knoten an den Riemen sind mir zu fest. Die Frau da drinnen mit der rothen Nase hat's auch einmal probirt, aber sie ließ es ebenfalls bleiben, denn sie sagte: es ist nicht der Mühe werth, man bekommt doch nichts für das schlechte Schuhwerk.«

»Das hätte ich gesagt, du Galgenstrick?« rief in diesem Augenblick Madame Schwemmer, die leise eingetreten war. Darauf stemmte sie ihre Arme in die Seiten und fuhr fort, indem sie sich an Frau Bilz wandte: »Habt Ihr je ein so böses kleines Thier gesehen? Ein völlig wildes Thier, – er beißt!«

»Ja, er beißt,« entgegnete der Knabe, »aber nur Euch.«

»Wart, ich will dir's vertreiben!« schrie das halb betrunkene Weib und ergriff die Peitsche, welche Frau Bilz neben sich gelegt hatte. Doch faßte sie unglücklicherweise den Riemen statt des Griffs, und da sie nun in blinder Wuth auf das Kind losschlug, so traf sie es mit dem ersten Streiche so heftig auf den Kopf, daß ihm das Blut augenblicklich über eine Seite des Gesichts herab lief.

Der Knabe stand einige Sekunden wie angedonnert, vielleicht auch von dem Hiebe etwas betäubt, dann aber zuckte er auf einmal zusammen, sprang in die Höhe und schoß wie eine wilde Katze auf das Weib los, ergriff plötzlich deren Hand, hielt sie fest und biß so stark hinein, daß sogleich das Blut heftig floß.

Jetzt erhob Madame Schwemmer ein mörderisches Geschrei und tobte in ihrer Wuth um so ärger, als sie sich mit Hilfe der Frau Bilz vergeblich bemühte, den wüthenden Knaben von sich abzuschütteln. Dieser ließ ihren Arm nicht los, sondern er hatte sich mit seinen Fingern und Nägeln fest daran geklammert und bleckte immerfort die Zähne, während er mit dem Kopfe bald hierhin bald dorthin fuhr. Dabei flammten seine Augen, sein Mund schäumte, und es war zu gleicher Zeit schrecklich anzusehen, wie das Blut aus seiner Kopfwunde langsam über sein zerrissenes graues Wamms herabrieselte.

Auf das Zetergeschrei der Weiber ließen sich bald im Gange, der zu der vorderen Stube führte, schwere Tritte vernehmen, die eilig näher kamen, und im nächsten Augenblicke trat ein großer breitschultriger Mann unter die Thüre, der kaum gesehen, um was es sich handelte, als er mit einem lauten: »Hollah, Bursche, was gibt's denn da?« den Knaben am Nacken faßte und in die Höhe hob.

Dieser, die mächtige Faust fühlend, ließ augenblicklich seine Hände los und schaute scheu auf die Seite, um seinen Angreifer zu erkennen.

»Nun,« fuhr dieser fort, »was ist denn hier wieder für eine Teufelswirthschaft? – Zwei erwachsene Weibsbilder, und können nicht einmal mit einem einzigen Knaben fertig werden! – Ah! der Kopf des Buben da sieht gut zugerichtet aus. – Was hat's wieder gegeben? – He, Hexe!« Damit wandte er sich an Madame Schwemmer, nachdem er vorher den Knaben ruhig auf den Boden niedergesetzt.

»Was wird's gegeben haben!« entgegnete die Hauswirthin und hielt ihre verwundete Hand empor. »Das Thier da hat mich gebissen.«

»Nachdem Ihr ihn vorher so über den Kopf gehauen?« sagte der Mann, indem er die Arme übereinander schlug und das Weib mit einem finsteren Blick fest ansah. »Ihr bringt's doch noch so weit, daß es wahr wird, was die Leute von diesem verfluchten Hause sagen: es sei dies eine Mördergrube. – Pfui Teufel!« fuhr er mit leiser Stimme fort, während er dicht an sie hintrat, »Ihr miserables, betrunkenes Weibsbild!«

Die Finger der Madame Schwemmer krallten sich vor Wuth zusammen, und sie zuckte mit der Hand, als wollte sie dem Manne in das Gesicht fahren.

Doch hob dieser verächtlich die Achseln und sprach nach einer Pause: »Nun möchte ich aber doch wissen, was es denn eigentlich wieder gegeben hat? – Sprecht Ihr, Frau Bilz!«

»Na, was wird's gegeben haben!« versetzte diese in einiger Verlegenheit, »der Bube sagte allerlei garstige Dinge über die Frau.«

»Und was hast du gesagt, Bube? – Ich rathe dir, sprich die Wahrheit!«

»Das thu' ich immer,« erwiderte trotzig der Knabe. »Und auch vorhin habe ich es gethan, als ich erzählte, man habe mir meine Kleider gestohlen und man würde dem kleinen Mädchen da am Boden auch seine Schuhe genommen haben, wenn es der Mühe werth gewesen wäre. Und das hat das Weib mit der rothen Nase selbst gesagt.«

Madame Schwemmer wollte bei dieser ungebührlichen Schilderung ihrer Person abermals mit der Peitsche auf das Kind losfahren.

Doch streckte der Mann seinen Arm dazwischen und sprach: »Seid jetzt ruhig,« worauf er sich wieder an den Knaben wandte: »das sind häßliche Reden; wenn du dergleichen aussagst, so wird man dich prügeln, bis du kein Glied mehr rühren kannst.«

»Und wenn man mich so arg schlägt, werde ich abermals beißen,« entgegnete der Knabe.

»Mich auch?« fragte der Mann, indem er einen Schritt näher auf ihn zutrat.

»Euch nicht, aber das Weib; denn das Weib mit der rothen Nase schlägt auch auf uns los, wenn wir Alle nichts gethan haben, und nicht blos auf mich, sondern auch auf die anderen Kinder, die nie ein Wort sprechen. – Seht mich nur so an und hebt Eure Peitsche, es ist doch wahr und ich sag' es auch. – Wenn sie herein kommt und hat eine rothe Nase, so schlägt sie gleich auf uns los, und wenn wir ganz ruhig in einer Ecke bei einander sitzen und ganz stille sind. – Wir dürfen nicht sagen, daß wir Hunger haben, und auch nicht, daß uns friert.«

»Ja, ich glaub's,« murmelte der Mann zwischen den Zähnen.

»Und dann,« fuhr der Knabe fort, indem sich seine kleinen Finger vor Wuth öffneten und schlossen, und seine Stimme wie vor dem Ausbruch eines heftigen Weinens zitterte, »was habe ich gethan, daß man mich hier einsperrt? Habe ich nicht in der Schule gelernt, wie die anderen Kinder auch, und bin ich unartiger gewesen als diese? – Nein! nein! nein! der Lehrer hat mich belobt und hat gesagt, ich sei fleißig und könne meine Sache mit am besten machen. – Nun bin ich schon vier Wochen hier eingesperrt, habe keinen von meinen Kameraden gesehen und kein Lesebuch, keine Rechentafel und nichts. – Aber ich weiß schon, was ich hier soll: sie will mich todt machen, wie – wie –«

»Wie was?« schrie Madame Schwemmer, welche einen neuen vergeblichen Versuch machte, auf den Knaben loszustürzen. »Wie was? – du Thier!«

»Ja, todt machen will man mich,« sagte der Knabe ermuthigter, denn er sah, daß ihn der Mann schützte. »Todt machen will man mich, wie dort das kleine Kind.«

Das Weib warf einen schrecklichen Blick um sich, und Frau Bilz schlug die Augen zu Boden.

»Wie – was?« fragte der Mann im höchsten Erstaunen, indem er sich dem Holzschragen näherte, wo allerdings das Kind in der Mitte in den letzten Zügen zu liegen schien. – »Das sieht jammervoll aus,« sagte er zu Frau Bilz, die ihm gefolgt war. – »Teufel auch! Ihr hättet doch wohl ein besseres Gelaß finden können, als dies Loch hier, es ist ja nicht einmal ein Ofen da. – Und dann der Geruch! Ich bin doch mein Lebtag schon in viel Spelunken gewesen, aber so was habe ich doch noch nicht erlebt. – Nehmt Euch in Acht! nehmt Euch in Acht! Erfährt Er von der Geschichte einmal ein Wort, so ist es um Euch geschehen, darauf könnt Ihr Gift nehmen. – Hier muß freilich Alles zu Grunde gehen; und dazu Euer elendes Essen und Trinken, da braucht kein Mensch nachzuhelfen und den armen Würmern sonst etwas zu thun.«

»Aber sie thut's doch,« flüsterte der Knabe dem Manne zu, als er sah, daß ihn Madame Schwemmer nicht beachtete, sondern das verscheidende Kind anblickte. »Gestern, wie es fortfuhr zu schreien und nicht stille sein wollte, hat sie es mit der Peitsche in die Seite gestoßen.«

»Bst!« machte ebenso leise der Mann, indem er mit der Hand herum fuhr und dem Knaben den Mund zuhielt. – – »Dort ist nichts mehr zu helfen,« sagte er achselzuckend mit lauter Stimme. »Aber laßt jetzt das Schlagen sein und gebt wenigstens für heute Ruhe.«

Er wandte sich nach der Thür, um fortzugehen.

»Und ich muß hierbleiben?« rief der Knabe mit einem herzzerreißenden Tone der Verzweiflung; »ich werde wieder eingeschlossen und soll nicht wieder nach Haus dürfen zu der alten Frau Fischer, die ich so lieb gehabt?«

»Wir wollen sehen, was sich machen läßt,« entgegnete der Mann. »Heute kann ich nichts für dich thun, aber sei ruhig und verständig, so will ich an dich denken, das verspreche ich dir.« – Damit winkte er der Frau Schwemmer, ihm zu folgen, und verließ das Gemach.

Draußen auf dem Gange blieb er stehen und sprach zur Hauswirthin, die gefolgt war: »Ich will Euch nur sagen, daß ich öfters hier Inspektion halten werde; das ist ja eine wahre Schande, wie Ihr Eure Sachen betreibt. Habt Ihr denn keine Furcht, daß Euch einmal der leibhaftige Teufel holt? – Weib! Weib! so was ist mir noch nie vorgekommen. Nehmt Euch in Acht! – Und jetzt laßt die Bilz da bei dem Kinde und sorgt ihr Beide für den armen Wurm, was zu sorgen ist; nehmt Euch aber in Acht, daß ich von dem Zimmer kein lautes Wort mehr vernehme, keinen Schrei oder dergleichen. Glaubt mir, ich habe feine Ohren und will sie offen halten.«

Damit ging er in die vordere Stube.

Das Weib blickte ihm einen Moment mit unsicherem Blicke nach, dann schwankte sie zurück in den Stall und sagte dort zu der Frau Bilz, die sich über das Kind niedergebeugt hatte: »Ihr solltet eine Stunde dableiben und nach ihm sehen. Wenn Ihr was braucht, so könnt Ihr's meinetwegen haben. Aber macht mir keine unnöthigen Kosten, da ist doch nichts mehr zu helfen, das müßt Ihr selbst einsehen.«

Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer wieder und taumelte in ihre Küche.

Die Frau Bilz, die zurückblieb, schüttelte den Kopf und sagte still für sich, indem sie das Kind betrachtete: »Nein, nein, da ist mit allen Schätzen der Welt nicht mehr zu helfen.« Doch sah sie umher, und als sie am Ende des Schragens ein altes wollenes Tuch erblickte, nahm sie es auf, faltete es zusammen und schob es dem Kinde unter das Köpfchen, das noch einmal seine Augen aufschlug und die Frau mit einem seltsamen Blicke anstarrte. Das kleine Kind hatte schöne blaue Augen, und als es so in die Höhe sah, waren sie von einem eigentümlichen Ausdrucke beseelt; es war das letzte Aufflackern der Lebensgeister, welche noch einmal in den bis jetzt so matten Blicken glänzten, und unendlich viel sagen zu wollen schienen. Es war wie eine schmerzliche Anklage über sein elendes, armes Leben, oder auch wie ein Dank für die Hilfe, welche ihm die Frau in diesem letzten Augenblicke geleistet. – Das dachte diese sich auch, als sie es betrachtete und diesen ersterbenden Blick bemerkte. Er drang in ihr Herz und preßte es krampfhaft zusammen. Sie seufzte tief und schmerzlich auf, als nun das Kind zum letzten Male den Athem von sich blies und darauf die Augen gläsern wurden und aussahen, als habe die Hand des Todes plötzlich einen weißen Staub darauf gestreut; da beugte sie sich tief herab auf die kalte Stirne, und nachdem sie lange so gelegen, glaubte sie, es erwärme sich wieder. Aber es waren nur ihre eigenen heißen Thränen, die über die falten Wangen und blauen Lippen der kleinen Gestorbenen herab rannen.– – – –

Sie kannte dieses Kind wohl, aber bis zu dem jetzigen Moment war ihr das kleine Geschöpf gänzlich bedeutungslos gewesen, wie so viele dieser armen Kinder, die schon durch ihre Hände gegangen waren. Nun aber trat vor ihr inneres Auge der Anfang und das Ende dieses kleinen armseligen Lebens. Und der Kontrast desselben war fürchterlich. – Ja, sie hatte dieses Kind gekannt, sie hatte es gesehen, hatte es in ihren Armen gewiegt, nachdem es erst wenige Tage alt war. – Es war das eine eigentümliche Geschichte, die, obgleich sie nicht neu ist, doch Jedem, der sie hört, das Herz erbeben macht, – namentlich Anfang und Ende. Die Mutter dieses Kindes war ein reizendes, frisches, blühendes Mädchen, die Tochter bemittelter Eltern; der Vater war ein reicher und vornehmer junger Mann. Beide sahen sich zufällig, er zeichnete sie aus, er ritt auf prächtigen Pferden bei ihrem Fenster vorbei, und sie, ohne auf die Ermahnung ihrer Eltern zu hören, lächelte ihn an, blickte ihm nach und gewährte ihm endlich heimliche Zusammenkünfte, wie das in der Welt so der Brauch ist, und wie man es anfänglich als nichts Schlimmes betrachtet. – Da kam eines Tages der Fasching mit seiner tollen Lust und Freude, mit seinen Bällen, Maskeraden und sonstigen Vergnügungen, welche das Herz betäuben und die Sinne aufregen, und in einer Nacht besuchte das Mädchen im reizenden Maskenanzug einen jener Bälle, wohl unter der Aufsicht einer befreundeten Familie, aber sehr entschlossen, sich dieser Aufsicht so bald als möglich zu entziehen. – Und das that sie denn auch; er hatte für ein heimliches Winkelchen in der Nähe gesorgt, wo sie unbemerkt zusammen sitzen, wo sie über Liebe plaudern und feurige Küsse austauschen konnten. – Sie befanden sich in einem reichen Kabinete und saßen nebeneinander auf schwellenden Kissen von schwerem krachendem Seidenstoffe; des Mädchens Augen blitzten, ihre Wangen waren sanft geröthet von einem Trunke feurigen Weines, den sie aus seinem Glase nehmen mußte; Spiegel und Vergoldungen bedeckten die Wände, – es war das ein Moment der Herrlichkeit und der höchsten Lust, während in dem nicht weit davon entfernten Tanzsaale die tolle, begeisternde Musik ertönte, während man das Lachen der Tanzenden vernahm und laute Rufe des wildesten Vergnügens. – – Da begann dieses arme kleine Leben, da begann es in Glanz und Pracht auf seidenen Kissen, um hier zu endigen unter Noth und Elend, um hier auszulöschen auf einem hölzernen Schragen, auf einem halb verfaulten und vermoderten Lager von Stroh. – Die unglückliche Mutter hatte das freilich nicht erlebt: sie war zur rechten Zeit gestorben, und er hatte die Stadt verlassen, achselzuckend, aber bald getröstet über das kleine Unglück, das er angerichtet; er hatte allerdings seinen Geschäftsmann beauftragt, für die gute Unterkunft des Kindes zu sorgen, ohne sich aber weiter um dieses zu bekümmern, – und nun war es, so vortrefflich untergebracht – elend gestorben. Gewiß aber dachte er noch zuweilen an jenen Maskenball und an das unglückliche unschuldige Mädchen, das ihm Alles und sich selbst geopfert. Gewiß tönte noch zuweilen in seinen Ohren jene rauschende Musik, die ihm zur höchsten Lust aufgespielt. – Gewiß aber drang auch manchmal ein seltsamer, schrecklicher Ton durch diese Melodieen; gewiß sah er zuweilen, wenn er an jene Nacht dachte, einen kleinen Schatten langsam vor sich aufsteigen, ein kleines, bleiches, verkümmertes Wesen, das mit geschlossenen Augen bis dicht vor ihn hinschwebte und ihn dann plötzlich mit seinem starren, glänzenden Blicke gespensterhaft anschaute. – – – –

 

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