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Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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43. Hehlerei

Nachdem Herr Sträuber durch den Hof geschritten war, klopfte er leise an die Thüre des anderen Hauses; diese wurde augenblicklich geöffnet und er trat in einen Gang und von da in ein Zimmer, in welchem eine sehr unangenehme warme Atmosphäre herrschte. Der Ofen schien übermäßig geheizt zu sein, und es roch hier nach kleinen Kindern, mit deren Reinlichkeit man es nicht gerade sehr genau zu nehmen pflegt. Frau Bilz saß am Fenster, sie hatte ihren Kopf in die Hand gestützt und sprach mit einem Manne, der neben dem Ofen in einem alten ledernen schmutzigen Lehnsessel ruhte. Dieser Mann war nicht über vierzig Jahre, sah aber aus wie ein kranker Sechziger; er war angethan mit einem dunkeln Schlafrock von nicht mehr zu erkennender Farbe, und seine Füße, die in dicken Filzschuhen staken, lagen übereinander auf einem kleinen Fußschemel; auf seinen Knieen hatte er ein rothkarrirtes Schnupftuch ausgebreitet, mit dem er sich häufig die Nase putzte und das er oft vor seinen Mund hielt, wenn er nämlich anfing zu husten, was alle Augenblicke geschah. Es war ein schlimmer Husten, der ihn sehr zu plagen schien; er brachte ihn ganz außer Athem und röthete dann auf Sekunden seine tief eingefallenen bleichen Wangen.

Auf diesen Mann ging Herr Sträuber zu, reichte ihm nachlässig seine Hand und begrüßte ihn, wobei er aber seinen Hut auf dem Kopfe behielt. Jener dagegen nickte ihm lächelnd zu, nahm dann eine Schnupftabaksdose, die neben ihm auf dem Tische stand, öffnete sie und bot dem eben Eingetretenen eine Prise. Herr Sträuber nahm einige Körner und that nur so, als schnupfe er, indem er seine Finger leicht hinauf an die Nase warf, in Wahrheit aber ließ er den Tabak auf den Boden fallen und schnüffelte dazu auf eine unangenehme Art.

»Aber es ist hier verdammt heiß,« sagte er hierauf, während er sich auf einen Sitz am Fenster niederließ, seinen Hut abnahm und mit dem bewußten feinen Spitzentuch, das er aus der Brusttasche gezogen, seine Stirne abtrocknete.

Die Frau neben ihm sah diese Bewegung, und da sie wohl wissen mochte, welcher Art Taschentücher sich der Herr Sträuber gewöhnlich zu bedienen pflegte, so lächelte sie verschmitzt und streckte die Hand nach dem kostbaren Spitzengewebe aus, indem sie sagte: »Was soll der Lappen kosten?«

»Ich habe Euch den Lappen noch gar nicht angeboten,« entgegnete der Andere, während er Miene machte, das Tuch wieder in seine Brusttasche zu stecken. »Ihr seid ein furchtbar rohes und habgieriges Weib, Frau Bilz; aber ich will Euch verzeihen, da Ihr nicht eine Spur von Bildung genossen habt, sonst müßte offenbar dies zudringliche Fragen nach Sachen, die Euch durchaus nichts angehen, mit einem stolzen Stillschweigen beantwortet werden. – Im Uebrigen kostet das Tuch zwei Gulden, nicht einen Kreuzer weniger.«

»Zwei Gulden!« lachte die Frau mit geringschätzender Miene, erfaßte aber eifrig einen Zipfel des fraglichen Gegenstandes, um ihn näher zu betrachten.

»Halt da!« sprach Herr Sträuber mit großer Gelassenheit, »zwei Gulden und dann das Tuch.«

»Aber ich darf es doch vorher ansehen?«

»Nicht die Idee einer Tertie vorher; das Tuch hat zehnmal so viel wirklichen Werth. – Dann kommt es auch,« setzte er seufzend hinzu, »von einer schönen Herzogin, die –«

Der Mann am Ofen wollte laut hinaus lachen, brachte es aber nur zu einem gräßlichen Hustenanfall; worauf sich der Andere geringschätzend nach ihm umwandte und verächtlich die Achseln zuckte.

»Nun, ich will Euch was sagen,« meinte Frau Bilz, »für das Tuch gebe ich Euch einen Gulden und lege noch dreißig Kreuzer darauf für das Andenken an die schöne Herzogin. – Hier ist klingendes Geld, nehmt es, denn ich weiß, daß Ihr sehr auf dem Trockenen seid.«

»Da irrt Ihr Euch,« entgegnete gelassen Herr Sträuber und zog das gefundene Portemonnaie heraus. »Seht her, wie ich bei Kasse bin, – das Honorar eines Klienten, für den ich einen schwierigen Prozeß gewonnen; es handelte sich dabei um nichts Geringeres, als die ersten Advokaten des Gerichtshofes total hinter das Licht zu führen. – Ich that es.«

»O weh! er hat Geld,« rief die Frau; »da kostet mich das lumpige Tuch zwei Gulden.«

»Und vierundzwanzig Kreuzer,« sagte gravitätisch Herr Sträuber; »sein Werth steigt mit jedem Zaudern.«

»Nun denn, in's Teufels Namen, gebt her!« versetzte ärgerlich das Weib, warf einen Fünffrankenthaler auf den Tisch und zog dann das Tuch hastig an sich. – »Das sind vier Kreuzer weniger, das hält uns aneinander.«

Bei diesen Worten breitete sie das Tuch gegen das Licht aus, und als sie sah, daß es vollkommen unversehrt war, steckte sie es schmunzelnd ein.

»Braucht Ihr auch Ohrringe?« fragte Herr Sträuber nach einer kleinen Pause, während welcher er aus seiner Cigarre mächtige Züge gethan. – »Fast neue goldene Ohrringe.«

»Auch von einer Herzogin?«

»Nein, Herzoginnen tragen nur Brillanten. Doch wie solltet Ihr das wissen? Diese Ohrringe ließ ich für ein Pathchen von mir machen, sie waren aber etwas zu groß ausgefallen, und nun will der Spitzbub' von Juwelier sie nur für den Goldwerth zurücknehmen. – Da sind sie.«

»Ei!« rief der Mann am Ofen, »Goldsachen! – Das ist mein Geschäft; laßt die Finger davon, Frau Bilz, und begnügt Euch mit Euren Lumpen. – Gebt mir die Ohrringe einmal her!«

»Hier sind sie,« sagte die Frau; worauf sie dem Meister Schwemmer die Ringe gab. »Aber Euer Pathchen,« wandte sie sich hierauf an Herrn Sträuber, »muß ein recht ungewaschenes Ding sein: von einmaligem Anprobiren sind die Ohrringe schon ganz angelaufen! – Da ist auch ein Blutflecken.«

»Laßt mich aus mit Euren Dummheiten!« schnauzte sie Herr Sträuber an. – – »Blut, Blut! Mit Eurem miserablen Gewäsch! Ihr wißt wohl, daß ich das nicht leiden kann.«

»Richtig,« sprach der Mann am Ofen, »er kann das nicht leiden, kann's auch weder sehen noch riechen, das hat er bei vielen Veranlassungen bewiesen. – Nun, Ihr braucht Euch nicht zu ärgern, es ist einmal Eure Art so, Ihr habt Sympathien für schöne Herzoginnen, aber nicht für das Dreinschlagen.«

Meister Schwemmer hustete hierauf gewaltig, dann erhob er seinen Knotenstock und klopfte damit auf ein Blech hinter dem Ofen, worauf eine Weiberstimme aus dem Nebenzimmer sogleich fragte: »Was gibt's denn?«

»Bring' mir den Probirstein und die Goldwage.«

Bei dem Schlag auf das Blech war der Herr Sträuber erschrocken zusammengefahren. Wahrscheinlich hatte das Gespräch von Blut seine Nerven irritirt, denn er warf hastig seinen Kopf herum und murmelte alsdann etwas von rohem Volk, von Mangel an Erziehung und Bildung und vom Unglück eines honetten Menschen, der durch Ungunst der Verhältnisse gezwungen sei, unter solcher Kanaille zu leben.

»Das Gold ist gut,« sagte Meister Schwemmer, »sechzehnkarätig; ich zahle Euch dafür einen Gulden und dreißig Kreuzer; und wahrhaftig nur so viel, weil der Blutflecken daran ist; seit ich meinen Bluthusten habe, macht es mir doppeltes Vergnügen, dergleichen auch von Anderen zu sehen. – Wollt Ihr einen Gulden und dreißig Kreuzer?«

»Meinetwegen! meinetwegen!« versetzte hastig Herr Sträuber, »obgleich ich den bittersten Schaden daran habe, denn mich kosten sie sechs Gulden.«

Beide Theile schienen indessen mit dem gemachten Handel wohl zufrieden zu sein. Herr Sträuber strich sein Geld ein, und Meister Schwemmer polirte mit dem rothkarrirten Taschentuch eifrigst an den Ohrringen, bis sie wieder in hellem Glanze strahlten.

Es trat hier eine Pause ein, nur zuweilen unterbrochen von einem leisen Husten des Mannes am Ofen, oder von einem Geklapper im Nebenzimmer, wo das Weib, welches vorhin die Goldwage gebracht, mit allerlei Kesseln und Eisenwaaren herumhantirte; dazwischen hindurch vernahm man zuweilen, aber aus weiterer Entfernung, das halb unterdrückte Geschrei von kleinen Kindern, bald ein lautes Aufkreischen, bald leises Wimmern derselben.

»Ich bin auf neun Uhr herbestellt,« sagte endlich Herr Sträuber; jetzt ist es wenigstens halb Zehn. Was soll ich eigentlich und warum muß ich unnütz warten? Ihr wißt, daß meine Zeit kostbar ist.«

»Wir wissen das,« entgegnete ruhig Meister Schwemmer, »und da Ihr nichts umsonst thut, so braucht Ihr auch nicht aufzubegehren.«

»Aber was soll ich denn?«

»Der Mathias wird gleich herkommen; es ist wieder ein artiger Transport bei einander, und den soll er in den nächsten Tagen fortführen. Ihr wißt, daß wir immer was Schriftliches miteinander machen, und da wir Eure geübte Feder kennen, so sollt Ihr das Nöthige aufsetzen und nebenbei wieder einige Briefe schreiben über die Gesundheit und das Wohlergehen der Kostkinder.«

»Das Erstere meinetwegen,« versetzte finster Herr Sträuber, »aber die Briefe zu schreiben ist mir unangenehm; ich lüge nicht gern. – Auch muß ich sagen, daß ich mit jedem Anderen gerner zu thun habe als mit dem Mathias; wir passen nicht zu einander.«

»Das ist wahr,« lachte Frau Bilz, »Ihr lebt immer wie Hunde und Katzen miteinander.«

»Sagen wir lieber, wie Katze und Maus,« meinte Meister Schwemmer hustend, »denn wenn Ihr den Mathias erblickt, so seht Ihr Euch gleich nach einem Schlupfwinkel um.«

Herr Sträuber wollte etwas Heftiges erwidern, doch hielt er sich im nächsten Augenblick die Ohren zu, zuckte zusammen und verzog das Gesicht auf eine höchst unangenehme Art. Seine zarten Nerven waren durch das erneuerte Kindergeschrei unangenehm berührt worden, das sich jetzt in den verschiedensten Tönen und wahrhaft ohrenzerreißend vernehmen ließ.

Meister Schwemmer klopfte wieder auf das Blech und rief hinüber: »Was ist denn das heute Morgen für ein niederträchtiges Geheul? Schaff' doch in's Teufels Namen einmal Ruhe! – Wo ist denn die Katharine, das schlampige Weibsbild?«

»Ich habe sie ausgeschickt,« entgegnete die Stimme im Nebenzimmer. »Kann ich doch den Bestien da draußen nicht beständig eine eigene Magd hinstellen; ich möchte wissen, wo das hereinkommen sollte!«

»Geh' Sie einen Augenblick hinaus, Frau Bilz,« sagte Meister Schwemmer, »bring' Sie die Rangen zur Ruhe!«

Die Frau am Fenster erhob sich und trat in das Nebenzimmer, wo sich Madame Schwemmer befand, ein altes, schmutzig aussehendes Weib; sie hatte einen abgeschossenen Rock an, eine gelb gewordene Schlafjacke, ihre bloßen Füße staken in niedergetretenen Schuhen, und auf dem Kopfe hatte sie eine alte Haube, unter der nach allen Richtungen das graue, zerzauste Haar hervorstand. Das Gesicht der Dame paßte vollkommen zur ganzen Erscheinung, das einzige Lebhafte in demselben waren ihre unheimlich glänzenden Augen, die aber in einigem Rapport zu der stark gerötheten Nase zu stehen schienen, – einer Röthe, die erklärbar war, wenn man die Schnapsflasche betrachtete, die vor der Frau stand, und wenn man die Düfte roch, die ihrem Munde entströmten, wenn sie sprach.

Madame Schwemmer stand in diesem Augenblicke vor einer Fallthüre, die sich im Boden befand und die in irgend einen Keller oder sonstiges Gelaß führte, und war beschäftigt, dort hinunter allerlei alte Gerätschaften, namentlich Eisen- und Kupferwaaren, zu werfen.

»Geh' Sie einen Augenblick in den Stall!« rief sie der eintretenden Frau Bilz entgegen, »nehm' Sie aber die Peitsche mit, dort hängt sie am Nagel; hau' Sie drunter wie unter altes Eisen, da verdient Jedes seine Schläge; – kann das Volk nicht einmal eine halbe Stunde allein und ruhig sein!«

»Aber die kleinsten Kinder schreien auch,« entgegnete die Frau, »und da hilft das Prügeln nicht viel.«

»So schaut einmal dort auf dem Herde nach, da muß die Katharine ihren Mohnblumenthee stehen haben. Gießt ihnen davon etwas in's Maul, damit sie wieder einduseln.«

»Aber wenn sie heute Morgen schon bekommen haben, so könnte es ihnen doch zu viel werden.«

»Ach! denen wird's nicht zu viel,« entgegnete Madame Schwemmer; »ich sage Euch, Frau, je weniger man sich aus dem Zeug macht und je schlechter man es behandelt, um so besser gedeiht's. Nehmt nur die Peitsche und den Thee!«

»Na, was das Gedeihen anbelangt, da wollen wir lieber still schweigen.«

»Gedeihen?« erwiderte Madame Schwemmer verwundert. »Allerdings gedeiht's, das heißt, wie es für uns gedeihen muß, so langsam in den Himmel hinein. Man wird die Geschöpfe doch nicht aufziehen sollen, bis sie groß sind? Da käme man weit mit seinem Geschäft; da muß eins dem andern Platz machen, das gibt neues Eintrittsgeld; und an den Begräbnißkosten ist auch was zu verdienen.«

Frau Bilz ging achselzuckend nach der Thüre, drehte sich aber unter derselben herum und sagte: »Und das Eine ist auch drüben, – das, welches ich vor acht Tagen hergeliefert?«

»Allerdings,« versetzte Madame Schwemmer, indem sie ihre Schnapsflasche hastig verbarg, die sie an den Mund führen wollte, sobald ihr jene den Rücken gewendet. – »Das ist zäh wie Eisen, sieht auch nicht viel schlechter aus wie damals, als Ihr es hergebracht; Ihr hattet es offenbar zu gut gehalten. Ich weiß wohl, Ihr könnt nicht anders, deßhalb taugt Ihr auch zu dem Geschäft gar nicht.«

»Ich habe es auch gänzlich aufgegeben,« sagte Frau Bilz mit einem seltsamen Blick und damit ging sie zur Thüre hinaus, in der einen Hand die Peitsche, in der anderen den gewissen Thee, der auf arme kleine Kinder betäubend wirkt und mit welchem gewissenlose Wärterinnen dieselben in einen unruhigen nervenzerstörenden Schlaf versenken.

Die Frau ging durch den halbdunklen Gang, wobei sie die Hausthüre in ihrem Rücken ließ und am Ende desselben rechts an eine Thüre kam, an der von außen ein großer Riegel vorgeschoben war.

Dies war der Stall, wie sich Madame Schwemmer ausdrückte. Und gewiß, er verdiente diese Benennung.

Es war ein viereckiges, ziemlich niederes Gemach mit einst weiß gewesenen Kalkwänden, die aber nach und nach von all' dem Duft, der hier herrschte, eine gelblichgraue Farbe angenommen hatten. Da nur ein einziges Fenster in diesem Zimmer war, dessen wenige Scheiben noch obendrein trüb angelaufen hie und da in gelbem und grünem Schimmer spielten, so war das Gemach verhältnißmäßig ziemlich dunkel, aber hell genug, um all' das Elend übersehen zu können, welches sich hier dem Blicke darbot.

 

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