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Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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40. Ein Abschied

Der Commis ließ sich auf das Bett nieder, stützte Hände und Kopf auf das hölzerne Gestell und versank in tiefes, finsteres Hinbrüten. Es waren schreckliche, wilde Gedanken, die in seinem Kopfe erschienen und die gleich drohenden Gespenstern all sein besseres Denken und Fühlen fast erstickten. – Wie hatte er dieses Mädchen geliebt, wie hatte er sich im Dienste seines Herrn geplagt, indem ihm lange die Hoffnung blieb, es würde möglich sein, daß ihm doch noch einmal das Glück lächle und daß er im Stande sei, ihren Besitz zu erringen. Bei solchen Gedanken hatte er vor Wonne geschaudert. Wenn er sich recht heitere Stunden machen wollte, so träumte er glänzende Träume, wie er endlich vor sie hintreten würde und ihr Alles anbieten, was er habe – eine kleine, aber sorgenfreie Existenz. Freilich würde sie ihm vielleicht sagen: Sehen Sie, Herr Beil, ich fühle gerade keine übermenschliche Liebe zu Ihnen, aber das wird sich vielleicht später finden; vorderhand achte ich Sie, schätze ich Sie hoch und nehme Ihren höchst achtbaren Antrag an. – Das wäre Alles ganz im Geheimen abgemacht und der Herr Blaffer damit fürchterlich überrascht worden – fürchterlich, indem man ihm eine so sicher geglaubte Beute entriß. – Aber das hatte das Schicksal nicht gewollt, es sandte keine Lichtblicke hernieder in sein Leben, es streute nicht irgend eine kleine Gabe auf seinen Pfad, es schien nicht zwei Wesen vor dem Verderben retten zu wollen – es rauschte finster, gewaltig und unaufhaltsam über sie dahin und schmetterte sie zu Boden, sie, die vielleicht unter andern Verhältnissen ein bescheidenes, glückliches Loos hätten finden können.

Er mochte ziemlich lange so gesessen haben auf dem Rande des Bettes, und allmählich lösten sich die wilden Schmerzen seiner Brust in tiefe Wehmuth auf, er fühlte erquickende Thränen in seinen Augen aufsteigen und dann über die Finger, die er davor gepreßt hielt, herabrieseln. Er dachte eigentlich gar nichts mehr, der stechende, wilde Schmerz seiner Seele war verschwunden, und nur ein allgemeineres, aber sanfteres Weh erfüllte ihn vollständig.

Endlich stand er auf, doch wie er sich dabei mit der Hand auf das Lager stützte, raschelte das Stroh unter seinen Fingern, er zog ein paar zerknitterte Halme her, zerdrückte sie in der Hand und schob sie in die Tasche. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück, wo August an dem Tische saß, den Kopf auf die Hände gelegt und finster in das flackernde Licht starrend.

»Ich will Ihnen Etwas sagen,« sprach der Commis nach einer Pause, während welcher er ein paar Mal durch das Zimmer geschritten war, »ich hatte mir anfänglich vorgenommen, dieses Haus morgen zu verlassen; aber ich kann es unmöglich noch eine Nacht mit ihm und ihr unter demselben Dache aushalten und bin deshalb entschlossen, noch heute Abend fortzugehen.«

»Aber es ist ja finstere Nacht,« versetzte erschrocken der Lehrling. »Und wo wollen Sie denn eigentlich hin?«

»O, ich finde wohl noch einen stillen Ort, der mich freundlich aufnimmt,« entgegnete wehmüthig lächelnd der Andere. »Sorgen Sie nicht für mich, machen Sie überhaupt keine so trübe Miene; wenn es einmal geschieden sein muß – und dieser große Moment ist unwiderruflich da –, so wollen wir das in guter Laune und mit bestem Humor thun.«

»Sie sehen aber gar nicht aus wie Jemand, der zum Scherzen aufgelegt ist,« sagte August, indem er bedenklich in das verstörte Gesicht seines Freundes sah, in dessen Augen und auf den eingefallenen Wangen noch die deutlichen Spuren der eben vergossenen Thränen zu bemerken waren.

»Da irren Sie sich sehr,« erwiderte Herr Beil, der gewaltsam Athem holte; »ich sehe nur von außen ein wenig griesgrämig aus, bin aber dafür innerlich um so vergnügter; es geht mir in dem Punkte wie den Maikäfern.«

»Wenn es wirklich wahr wäre, so sollte es mich freuen, denn Sie haben mir mit Ihren Worten vorhin und mit Ihren Seufzern förmlich Angst gemacht.«

»Das ist möglich; aber in der That, Sie können mir glauben, die schwarze Stunde ist vorüber; was jetzt noch hinten drein folgt, ist Alles Kinderspiel.«

»Und ist es Ihr fester Entschluß, heute Abend noch dies Haus zu verlassen?«

»Dazu bin ich entschlossen ohne Widerrede; und da ich ziemlich leicht reisen möchte, so will ich mich auch nicht mit viel Gepäck behängen. Sie sollen mein Haupterbe sein, und wenn Sie etwas von meinen Habseligkeiten benützen können, so thun Sie es ja. Daß mein Inventarium leider nicht groß ist, dafür hat schon der Herr Blaffer seiner Zeit gesorgt; wahrhaftig, das allein könnte mich traurig machen, wenn ich nämlich bedenke, daß die Früchte meiner langjährigen Arbeit in ein paar alten Anzügen und etwas defekter Leibwäsche bestehen. Nun, es ist einmal meine Bestimmung gewesen und ich will mich nicht dagegen auflehnen. – Kürzlich hatte ich auch noch eine Uhr, aber ich versetzte sie vor einiger Zeit bei einer gewissen Gelegenheit, die ich Ihnen nicht nennen kann, will Ihnen aber den Schein des Leihhauses da lassen, und wenn Sie sie je einlösen sollten, so zeigen Sie solche Ihrer Schwester Marie – die Uhr ist damals stehen geblieben – und sagen ihr dazu, das sei die gewisse Stunde. – Hier ist ferner noch ein kleiner Ring, den bitte ich Marien so bald als möglich einzuhändigen; bemerken Sie ihr hiebei, es habe unser Leben viel Unglück betroffen, aber es werde wahrscheinlich eine Zeit kommen, wo wir Beide in eine gewisse Klarheit kämen und in einen Zustand, den man ein schöneres Wiedersehen nennt. Wenn das, wie ich nicht anders glaube, körperlich vor sich geht, so werde ich sogleich nach ihrer Hand schielen und nach jenem Ringe, und es sollte mich innig, innig freuen, wenn ich ihn an einem ihrer Finger bemerken, das heißt, wenn ich ahnen würde, daß sie ihn mir zum Andenken so lange getragen.«

August schüttelte den Kopf und sah seinen Freund verwundert an. »Sie sprechen da Worte,« sagte er, »die ich nicht völlig verstehe, und thun Dinge, die ich nicht begreife. – Warum wollen Sie alle Ihre Sachen hier lassen, da Sie doch nicht mehr in dies Haus zurückkehren werden und da Sie keine andern haben, wie ich wohl weiß?«

»Das Letzte ist vollkommen richtig,« entgegnete lächelnd Herr Beil; »aber unter uns gesagt, ich bin eben im Begriff, in eine neue Carrière zu treten und einen ganz andern Menschen anzuziehen. Und daran würden mich diese Fetzen hindern; sprechen wir also nicht weiter darüber, thun Sie, was ich Ihnen gesagt, und lassen Sie mich ohne Sang und Klang meiner Wege ziehen.«

»O, es kann Ihr Ernst nicht sein, heute Nacht dies Haus zu verlassen! Es ist schon spät, Sie werden kaum noch sonst irgendwie eine Thür offen finden.«

»O ja, ich finde schon noch ein Haus offen,« versetzte der Andere mit einem leichten Schauder, »und wenn ich da einmal eingetreten bin, so wird meine Ankunft einiges Geräusch verursachen. Es werden sich um mich Leute bemühen, die mich bis jetzt gar nicht gekannt, man wird mich auf's feinste bedienen, und ich werde mehrere Kammerdiener haben, die für meinen Anzug und meine Frisur sorgen; darauf wird man sich auch bemühen, mir ein eigenes Haus zu bauen, und wenn ich dort eingezogen sein werde, so könnte es mir am Ende auch wie einem hohen Herrn ergehen, der von seiner Grafschaft Besitz nimmt, bei dessen Ankunft die Glocken zusammen läuten und das Volk herbeiströmt.«

»Ach! Sie machen wieder Ihre Späße,« entgegnete der Lehrling. »Wenn Sie ein solches Haus haben könnten, so würden Sie schon lange dahin gegangen sein und hätten nicht Jahre lang dieses Leben geführt.«

»Da haben Sie wieder einmal Recht,« sagte tief bewegt Herr Beil, während er seine Hand auf die Schulter des jungen Menschen legte. »Kinder und Narren sprechen die Wahrheit. Ich hätte allerdings meinem Herzen Manches erspart, wenn ich früher heimgegangen wäre, vielleicht ganz früh, als ich noch ein kleines Kind war und nichts von Sklavengeschichten wußte. Damals hätte es meine Eltern gefreut, wenn ich ihnen gefolgt wäre.«

»Aber Sie werden mir doch Nachrichten von sich geben,« meinte August. »Thun Sie das doch ja, und wenn Sie nicht gar zu weit weg wohnen, so werde ich Sie, sobald ich kann, besuchen.«

»Ihnen Nachrichten zu geben, wird etwas schwer sein; von dort hieher sind die Posteinrichtungen noch ziemlich mangelhaft; aber was einen Besuch betrifft, so können Sie darüber ganz ruhig sein, ich bin überzeugt, daß es über kurz oder lang dazu kommen wird und wir alsdann ein freudiges Wiedersehen feiern.«

August schüttelte den Kopf und meinte nach einer Pause: »Sie sprechen immer in so unbestimmten Ausdrücken, und ich begreife nicht, weßhalb Sie vor mir all die Heimlichkeiten haben. Sie könnten mir wenigstens eine Adresse da lassen, damit ich im Stande wäre, Ihnen nächstens einmal Nachrichten von uns zu geben; es wird Sie doch gewiß interessiren, zu erfahren, wie es mir und Marie eigentlich geht.«

»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte der Commis, »ich werde das seiner Zeit gewiß schon erfahren. – Wissen Sie,« setzte er eigentümlich lächelnd hinzu, »wenn auch das Haus, in das man mich dringend eingeladen hat, ziemlich abgelegen ist, so bin ich doch überzeugt, daß es in mannigfaltigem Rapport mit der äußeren Welt steht, namentlich Sommers, wo die Nachtigallen schlagen, wo die Rosen blühen und verschiedenartige Blumen ihre kleinen Wurzeln tief, tief hinab in die Erde treiben. – – Es ist das ein ganz merkwürdiges Haus,« fuhr er nach einem längeren Stillschweigen fort, »und es hat Ähnlichkeit mit den Palästen und hängenden Gärten der Semiramis, denn man wohnt dort parterre und hat über sich die schönsten Terrassen, bedeckt mit Grün und blühenden Blumen. – Aber jetzt genug der Faseleien: die Zeit verrinnt; leben Sie wohl, theurer Antonius!«

Der junge Mensch nahm mit seinen beiden Händen traurig die dargebotene Rechte und sagte mit wehmüthiger Stimme: »Leider weiß ich wohl, daß, wenn Sie einmal einen Entschluß gefaßt haben, es ganz unmöglich ist, Sie davon abzubringen. Aber Sie hätten wohl das Haus morgen früh verlassen können; wer weiß, es hätte sich doch vielleicht noch Manches besser gemacht.«

»Das ist Alles vorbei, vorbei!« rief der Andere aus, während er seine Rechte an sich zog und darauf beide Hände auf die Schultern des jungen Menschen legte. »Es ist vorbei, August, vollkommen vorbei; machen Sie mir doch eine Rose wieder, die der Sturm zerblättert, oder ein Spiegelglas, das zerschlagen; jene wird Sie nie mehr durch ihren Geruch entzücken, die Stücke des letzteren werden Ihnen nur verzerrte Bilder entgegen werfen. – Ja, es muß geschieden sein!«

Darauf hin zog er den Lehrling einen Augenblick an sich, hob ihm das Gesicht empor, und wie er in die blassen und noch so ganz kindlichen Züge sah, füllten sich seine Augen abermals mit Thränen. »Du siehst ihr doch sehr ähnlich, August,« sagte er nach einer kleinen Pause; »erschrecklich ähnlich, nur daß sie dunklere Augen hat und einen kleineren Mund. – O, diese Augen und dieser Mund! Wenn ich daran denke, so sehe ich auf allen Seiten die wahnsinnigsten Bilder auftauchen. – Bei Gott im Himmel!« sprach er mit tiefem, klagendem Tone, während er seine Hände schlaff herabsinken ließ, »ich kann nicht mehr da bleiben und wenn du selbst einen Engel herabsenden würdest, um mich zu trösten. Was wäre mir ein Engel in Reinheit und Tugend gegen ihre Schönheit in Laster und Sünde! – Fort! – fort!«

Damit riß er nochmals den Knaben an sich, drückte leidenschaftlich einen Kuß auf seine Stirne und eilte zu der Kammer hinaus.

An der Treppe blieb er tief athmend und lauschend stehen und schlich alsdann Stufe um Stufe hinab.

Das Haus lag ruhig und still da; man hörte keinen Laut, als von oben herab das Heulen des Windes und von unten das Picken einer Uhr in der Küche.

So kam er langsam in den zweiten Stock und war schon die halbe Treppe zum ersten hinabgestiegen, als er auf einmal den vorgestreckten Fuß wieder zurückzog und sich fest an die Wand drückte, um nicht gesehen zu werden; denn es öffnete sich unten in diesem Augenblick eine Thüre und Jemand kam mit einem Lichte heraus und schritt über den Gang daher, um in die Zimmer zu gelangen, welche hinten nach dem Hofe hinaus lagen, wo der Prinzipal wohnte. – Er war es selbst, er kehrte aus den vorderen Zimmern zurück, und da er die rechte Hand vor das Licht hielt, so warf dasselbe glücklicherweise keinen Schein auf die Treppe zum zweiten Stock, wohl aber beleuchtete es seine Züge auf's hellste und ließ sie deutlich erkennen.

Das Gesicht des Herrn Blaffer war immer das gleiche unangenehme und hagere; nur hatte er jetzt seinen Mund lächelnd geöffnet, seine Augen strahlten heiter und zufrieden, und in allen seinen Mienen sprach sich eine gewisse Befriedigung aus. Seine Haltung und sein Gang dagegen waren ebenso schlaff wie früher; er hatte die Kniee gebogen und schlürfte auf seinen weiten Pantoffeln über den Gang, beinahe ohne die Füße aufzuheben. Als er an die Thüre seines Schlafzimmers kam, nahm er langsam einen Schlüssel ans der Tasche seines langen Rockes, schloß auf, trat in das Zimmer und machte die Thüre wieder hinter sich zu.

Der Andere stand während dieser Zeit regungslos auf der Treppe, und wenn er sich auch im tiefen Schatten befand, so war es doch ein Glück, daß Herr Blaffer nicht zufällig aufblickte, denn er hätte sonst das Leuchten der beiden Augen sehen müssen, die fest und mit schrecklichem Ausdrucke auf ihn gerichtet waren; es war ein Glück, sagen wir, denn auf eine solche Entdeckung wäre vielleicht ein gräßlicher Auftritt gefolgt.

Noch einige Sekunden verharrte der Commis in seiner Stellung, dann schritt er noch behutsamer als früher die weiteren Treppen hinab bis auf den ersten Stock, und dort stand er eine Weile unschlüssig, tief aufathmend, in eifriger Ueberlegung. Neben ihm war die Treppe, die weiter hinab führte, gerade vor ihm befand sich eine Thüre, die ihn mächtig anzog. Doch hatte er sich schon der Treppe zugewandt, um aus dem Hause zu entfliehen, als er einen kleinen Lichtschein bemerkte, der nicht breiter als ein Messerrücken von diesem Zimmer auf den Gang heraus fiel. In dem Gemach auf der andern Seite hörte er jetzt den Prinzipal laut husten, und bei diesem Geräusche machte er einen Schritt gegen die leuchtende Spalte, er that auch noch einen zweiten, dritten und vierten, und endlich stand er dicht vor der Thüre, die, wie er sah, nicht verschlossen war. Sie gab dem Drucke seiner Hand nach und er trat in ein kleines Zimmer, welches in ein anderes führte, aus dem auch der Lichtstrahl kam, den er vorhin auf dem Gange bemerkt hatte.

Leise näherte er sich dem letzteren, dessen Thüre geöffnet war, und als er jetzt auf der Schwelle stand, sah er in das Schlafzimmer des Mädchens und bemerkte sie selbst, die halb entkleidet auf ihrem Bette saß und die Hand auf dem Schoße gefaltet hatte; und obgleich sie den Kopf tief auf die Brust herabgesenkt, bemerkte er doch, daß sie weinte, denn dicke Tropfen fielen glänzend in dem Strahl des Lichtes auf ihre Kniee herab.

Das Geräusch, das er machte, als er unter die Thüre trat, hörte sie augenblicklich, denn sie erhob den Kopf, erschrak auch wohl ein wenig, doch faßte sie sich gleich wieder, als sie sah, daß es Herr Beil war, der nun langsam in ihr Zimmer trat.

Wenn auch zwischen diesen beiden Leuten nie ein Verhältniß geherrscht, das mit gegenseitiger Liebe etwas zu thun hatte – obgleich wir wohl wissen, wie er das Mädchen anbetete – so bestand doch zwischen ihnen jener Grad von Vertraulichkeit, der ihnen erlaubte, ihre Geheimnisse einander anzuvertrauen und ohne Scheu über die seltsamsten Dinge sprechen zu können.

Als der junge Mann nun aber einige Schritte vortrat, erschrak sie mehr als bei seinem ersten Anblick, denn sein Aussehen war fürchterlich, seine sonst so ruhigen Züge entstellt, seine Augen roth unterlaufen, seine Blicke glühend. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie aufspringen und das Zimmer verlassen, doch als er sich hierauf, langsam in eine Ecke zurückzog und ihr die Hände wie beschwörend entgegenstreckte, auch sie bittend, ja flehend ansah, da sank sie wieder auf das Bett zurück, preßte die Hände vor das Gesicht und weinte laut und bitterlich.

»Ja, ja,« sagte er nach einer schrecklichen Pause, »es mußte am Ende so kommen.«

»Ja es mußte so kommen,« erwiderte das Mädchen mit tonloser Stimme.

»Und es kam so?«

»Ja, es kam so.«

»Und sonst keine Hilfe und Rettung?«

»Keine! – keine!«

»Aber ich hätte doch noch ein wenig widerstrebt,« sprach er mit einem schrecklichen Lächeln und einem eisigen Tone. »Man muß nicht sogleich nachgeben.«

Statt aller Antwort entblößte das Mädchen ruhig und schweigend, in diesem Moment, wie es schien, ohne alle Scheu, ihre linke Schulter, nachdem sie das weiße Nachtkleid vorher auf der Brust geöffnet. Und auf dieser weißen vollen Schulter sah man verdächtige dunkle blaue Flecken. – »Das war die letzte Unterredung,« sagte sie mit einem matten Lächeln.

»Sehr triftig und überzeugend,« erwiderte er, »aber ehe es so weit kam, hätte man noch etwas Anderes thun können.«

»Und was denn?« fragte sie, wobei ihr Auge aufflammte.

»Man hätte zum Beispiel in's Wasser springen können.«

»Ach ja!« entgegnete sie mit einem tiefen schneidenden Wehelaute. – »Ach ja, ich habe das auch gedacht, aber ich hatte nicht den Muth dazu.«

»Das ist freilich etwas Anderes,« versetzte er scheinbar ganz ruhig. »Sie hatten Angst, Marie, weil Sie sich fürchteten, diesen unbekannten Weg allein zu machen. – Aber ich wäre mit Ihnen gegangen, o, so gerne wäre ich mit Ihnen gegangen.«

»Mit mir in den Tod?«

»Mit Ihnen in den Tod! – Und wenn wir zusammen in das Wasser gesprungen wären, so hätte ich nur eine Bitte gehabt; Sie hätten mich dann nur bei der Hand festhalten müssen und sagen: Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mich nicht allein ließen, Sie, mein einziger und treuer Begleiter. – Ein so inniger Dank von Ihnen, wenn auch im letzten Augenblick, hätte mich glücklich gemacht. – Und dann schon die Wonne, mit Ihnen sterben zu dürfen! – Wissen Sie wohl,« fügte er seltsam lächelnd hinzu, »daß ich an einen solchen gemeinschaftlichen Tod die ausschweifendsten Hoffnungen knüpfte? – Daß ich in meiner jetzigen Gestalt wohl nicht geliebt werden kann,« sprach er, indem er an seinem seltsam geformten Körper hinab sah, »weiß ich selbst wohl am besten; aber man läßt ja alles Das hier zurück, und wenn wir Beide so zusammen hinauf geschwebt wären, wer weiß, Marie, ob Sie nicht ruhig Ihre Hand in der meinigen gelassen hätten und ob Sie nicht vielleicht auf die Frage: Willst du mit dieser Seele vereint bleiben? ein lautes und freudiges Ja geantwortet hätten. – Doch genug der Worte – ich komme, um Abschied zu nehmen.«

»So verlassen Sie wirklich dieses Haus?« fragte erschrocken das Mädchen.

»Heute freiwillig,« entgegnete er; »morgen würde mich der Herr Blaffer vor die Thüre werfen.«

»Und mein Bruder, der so sehr an Ihnen hing –?«

»Hat jetzt den Schutz der Schwester, die allmächtig im Hause ist,« entgegnete er mit Bitterkeit. »Doch will ich an alles Das nicht mehr denken,« fuhr er gleich darauf fort, indem er sich mit der Hand über die Augen wischte; »ich will Sie nur sehen, Marie, wie Sie waren, als ich zu Ihnen, einer himmlischen Erscheinung, aufgeblickt, will es nicht wissen, daß dies herrliche Bild von schmutziger Hand zerstört wurde, will nur einmal und zum ersten Mal vor Sie hinknieen, Ihre beiden Hände ergreifen und sie an meine Lippen drücken.«

Bei diesen Worten hatte er sich zu ihren Füßen niedergeworfen, hatte wirklich ihre beiden Hände ergriffen, und während er sie in seinen schwarzen Bart drückte, träufelten seine heißen Thränen darauf hin. – »So leben Sie wohl, Marie,« sagte er, »möge es Ihnen besser gehen, als bisher; gedenken Sie meiner zuweilen, und wenn Sie noch aus vollem Herzen beten können, so nennen Sie auch meinen Namen, wenn Sie sich nach oben um Erbarmen wenden!«

Damit wollte er sich erheben, doch faßte das Mädchen mit ihren beiden Händen krampfhaft seine Arme und versuchte es, ihn festzuhalten; er dagegen wandte alle Kraft an, sich los zu machen, und wie sie so miteinander rangen, zog er sie empor, da er der Stärkere war; doch ließ sie ihn darum nicht los, sie schlang ihre Arme um seine Schultern, indem sie ausrief: »Gehen Sie nicht so fort, verlassen Sie nicht dieses Haus, Ihr Blick ist schrecklich, Sie haben Entsetzliches vor!«

»Ganz und gar nicht,« entgegnete er, nachdem er sanft ihre Hände los gemacht, sie aber fest in den seinigen hielt, »ich habe nichts Schlimmes vor. – Aber Sie sehen ja wohl,« setzte er hinzu, indem er die Zähne zusammenbiß, »daß hier meines Bleibens nicht ist, jetzt nicht mehr, und könnte ich damit Millionen verdienen. Sie waren mir eine heilige und reine Blume, deren Anblick, deren süßer Duft mich glücklich machte, Sie waren das Ideal, zu dem ich empor blickte; und nun – ist ja Alles dahin, mein Tempel ist zertrümmert, meine Altäre sind umgestürzt, ich habe nichts mehr, an das ich glauben kann auf der ganzen weiten Welt. – Darum will ich mir Besseres suchen und gewiß, ich werde es finden.« – –

Er ließ ihre Hände los, sie sank laut weinend auf das Bett zurück; nachdem er sie noch mit einem schmerzlichen Blick betrachtet hatte, eilte er geräuschlos durch das Vorzimmer auf den Gang hinaus und die Treppen hinab.

Vielleicht wäre sie ihm gefolgt, um noch einen Versuch zu machen, ihn festzuhalten, aber sie fürchtete, es möchte Jemand im Hause erwachen, und weil sie das fürchtete, ließ sie ihn ziehen, obgleich ihr wohl ahnete, wohin ihn seine Schritte führen würden.

 

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