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Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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39. Unter dem Dache

In dem Hause des Buchhändlers Blaffer, Firma Johann Christian Blaffer und Kompagnie, befanden sich unter dem Dache einige Kammern, von denen ein paar, um den Kunstausdruck zu gebrauchen, gegipst waren, die Wände anderer dagegen die ganz gewöhnliche Holzvertäfelung zeigten, mit welcher auch das Dach unterhalb beschlagen war.

Eine dieser gegipsten Kammern war die Wohnung des Herrn Beil, welche durch einige höchst merkwürdige Lithographien, durch ein paar alte zerrissene Vorhänge, sowie durch ein Stück Teppich vor dem Bette so komfortabel als möglich gemacht war. Da zufälligerweise durch diese Kammer das große Kamin des Hauses lief, so befand sich hier ein kleiner Ofen, was eigentlich polizeiwidrig war. Doch wußte Herr Beil die Behörde hinter's Licht zu führen, denn so oft eine Bauschau oder ein Schornsteinfeger in's Haus kam, so brach er die Röhre dieses unbedeutenden Ofens ab und stellte diesen selbst in eine Ecke wie ein altes Rumpelwerk. An Möbeln war in diesem Zimmer nicht viel vorhanden: ein altes Bett, ein paar Stühle und in einer Ecke eine Kiste, welche der erfinderische Eigenthümer dadurch, daß er einen kleinen Strohsack darauf gelegt und darüber ein Stück carrirten Zeug gebreitet, solchergestalt zu einem Sopha eingerichtet hatte.

Auf diesem Sopha nun saßen Herr Beil und August, der Lehrling, stillschweigend nebeneinander. Es mochte vielleicht sieben Uhr Abends sein; auf einem kleinen wackeligen Tische, den wir seiner Unbedeutendheit wegen beinahe anzuführen vergessen hätten, stand ein sogenanntes Sparlicht in einem abgenutzten blechernen Leuchter, und die trübe, rothe Flamme desselben verbreitete eine zweifelhafte Helle in der Kammer. Hiezu kamen noch verschiedene Luftströmungen, die sich von mehreren Seiten bemerkbar machten und das Licht hin und her wehten, auch der Beleuchtung noch mehr Eintrag thaten, indem nun lange dunkle Schatten bald hierhin bald dorthin flogen.

Herr Beil hatte seinen Kopf gegen die Wand gelegt, die Nase erhoben und schaute an das Dach empor, während er die Füße weit von sich abgestreckt hatte und die gefalteten Hände auf seinen Knieen ruhen ließ.

Der Lehrling dagegen saß vornüber gebeugt, hatte seine Ellbogen auf die Beine aufgestützt, betrachtete aufmerksam den Fußboden und stieß hie und da einen tiefen Seufzer aus.

Herr Beil rauchte eine Papiercigarre, in deren Bereitung er sehr kunstfertig war. – »Echt spanisch,« pflegte er zu sagen, »ich glaube wahrhaftig, ich habe etwas von dem Blute irgend eines Don Jose di Mendoza dem Calatravera Bajazzo in mir.«

Heute Abend aber war er nicht zu Späßen aufgelegt, denn wenn der Lehrling häufig laut seufzte, so that der Commis nicht selten dergleichen leise.

In dem Zimmer befand sich in dem Augenblick noch eine dritte Person; das war eine alte Magd, die eben im Begriffe war, die wenigen Reste eines sehr spärlichen Abendessens abzuräumen. Bald war sie damit fertig, wünschte gute Nacht und verließ dann die Kammer, worauf es hier ganz still wurde. Man hörte nichts als zuweilen das Picken der silbernen Taschenuhr des Lehrlings, die auf dem Tische lag, und dann wieder das Sausen eines Windstoßes, der gegen die Dachziegel strich und ihnen durch diese unsanfte Bewegung einen eigentümlichen Ton des Mißbehagens entlockte.

»So ist denn Alles aus!« ergriff nach einer längeren Pause der Lehrling das Wort, während er kummervoll sein Gesicht in die Höhe wandte, »Alles! – Altes!«

»Für Sie nicht, junger Anfänger!« entgegnete Herr Beil. »Was thut's auch, wenn ich morgen dies Haus verlasse; Sie werden schon einen andern Commis an die Seite bekommen, der Sie sogar wahrscheinlich viel weniger schuhriegeln wird als ich, der viel behaglicher und freundlicher ist.«

»Möglich, möglich!«

»Sehen Sie, undankbares Krokodil, Sie finden das selbst schon möglich. O, ich werde bald gänzlich vergessen sein.«

Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit solch schneidendem Tone des tiefsten Wehs, daß der junge Mensch an seiner Seite sanft die Hand auf seinen Arm legte und hastig entgegnete:

»Ich habe gesagt, es sei möglich, daß nach Ihnen Jemand zu uns käme, der weniger – wie soll ich sagen? – ja, der zuweilen vielleicht weniger rauh mit mir wäre, der mich aber gewiß nicht so lieb hat wie Sie.«

»Hm! diese Möglichkeit will ich zugeben; aber sprechen wir nicht weiter davon. Wenn ich am heutigen Tage ein Wort von Liebe höre, so möchte ich vor Vergnügen aus der Haut fahren.«

»Was haben Sie denn eigentlich mit Herrn Blaffer gehabt?« fragte August nach einer Pause.

»Das kann ich Ihnen so genau nicht sagen,« entgegnete der Commis, wobei er tüchtige Rauchwolken aus seiner Cigarre blies.

– »Und doch sollte ich es Ihnen eigentlich sagen; ich will sehen, ob ich eine Handhabe finde, mit der ich die Sache ergreifen kann. – Aber ist es hier nicht unerträglich heiß?« sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, während er seinen Rock aufknöpfte; »man merkt wahrhaftig, daß der Winter in den letzten Tagen keine rechte Kraft hatte, so ein bischen elendes Holz erwärmt das kleine Zimmer übermäßig.«

»Ja, ich finde es angenehm warm hier; doch wenn es Ihnen zu heiß ist, können wir die Thüre öffnen.«

»Gut, öffnen Sie die Thüre,« erwiderte der Commis, »oder noch besser, verlassen wir einen Augenblick diese Kammer und gehen wir in die andere da gegenüber! Es ist das eine gute Abkühlung für mich.«

»In die meinige?« fragte der Lehrling.

»Nein, in die andere da neben an.«

»Also in die, wo Marie gewohnt hat?«

»In dieselbe, theuerster Bruder,« sagte Herr Beil. Darauf erhob er sich langsam von seinem Sitze und trat an den Tisch, um den langen Docht des Lichtes mit einer alten Scheere zu putzen. Nachdem er dies gethan und die Flamme wieder hell brannte und sein Gesicht, das über dieselbe hingebeugt war, vollkommen beleuchtete, konnte man deutlich sehen, wie blaß er war, wie abgespannt seine Züge erschienen. Sein Haar, sonst gut gepflegt und geordnet, hing wild und wüst an seinem Kopfe herunter; nur seine Augen glänzten, doch war der Glanz mehr ein unheimliches, fieberhaftes Brennen.

»Gehen wir also,« sagte er.

Und damit verließen die Beiden die Kammer, um in eine gegenüber liegende einzutreten.

Diese hatte ebenfalls weiße Wände, war aber noch unbehaglicher als die andere, indem das ganze Ameublement hier aus einer alten Bettstelle bestand, in welcher ein Strohsack lag, der in der Mitte auseinander klaffte und seine Eingeweide sehen ließ. Ferner war hier eine große Bücherkiste, die zu Häupten des Bettes stand und auf welche sich Herr Beil niederließ.

Der Lehrling trat an das Fußende und blickte betrübt zu seinem Freunde hinüber.

»Da ist ein gewisser Goethe,« sagte der Commis nach einem längeren Stillschweigen, »der läßt einen sicheren Faust bei einer ähnlichen Veranlassung sehr schöne Worte sagen; ungefähr so:

Mich faßt ein wahrer Wonnegraus;
Hier möcht' ich volle Stunden träumen!

Und ich möchte gerade so sprechen, nur daß mich statt der Wonne ein tiefer, tiefer Schmerz ergreift, ein Schmerz, den zu ertragen ich nicht im Stande bin, der mein Herz brechen wird. – O Gott! wie kann ein vernünftiger Mensch ein solches Vieh sein! So sein Alles, sein ganzes Denken und Fühlen, sein Leben und seine Zukunft an ein Mädchen zu hängen! – Es ist wahr, aber unbegreiflich.«

»O nein,« entgegnete August schüchtern, »ich begreife es.«

»Was begreifen Sie, junger angehender Weltbürger, was begreifen Sie von allem Dem, was im Stande ist, mich rasend zu machen?«

»Ich begreife, daß Sie meine Schwester Marie lieben,« erwiderte der junge Mensch.

»Das wäre an sich gerade kein Unglück,« sagte der Andere, indem er seinen Kopf auf das hölzerne Gestell stützte und in das leere Bett schaute. »Lieben ist eine schöne Sache, aber hoffnungslos lieben ist die Hölle. – Hoffnungslos, weil ich ein armer Teufel bin, weil es dem reichen Manne gefällt, die schöne Frucht zu pflücken, da er gerade Appetit darnach verspürt. – Es ist das wieder eine schöne Sklavengeschichte: der Herr befiehlt, dieses schöne und reizende Mädchen solle ihre Mitsklaven verlassen und aus der elenden Dachkammer hinabsteigen in die schönsten Gemächer des Hauses, damit sie – glücklich werde. Ein anderer Mitsklave, dem das harte Leben, das er Jahre lang geführt, nur dadurch erträglich wurde, daß sie hie und da über seinen Weg schritt, daß sie ihn zuweilen freundlich ansah, daß es ihm dann und wann erlaubt war, ihre Hand zu streifen oder mit schauerndem Vergnügen ihren Arm, ihre Schulter zu berühren, wagt es, darüber Vorstellungen zu machen, und da man ihn nicht durchpeitschen kann, so öffnet man ihm die Thüre und stößt ihn wie einen Hund hinaus. – Mich – mich, mich stößt man hinaus in das kalte, nasse Wetter, in den Winter der Jahreszeit und meines freudenlosen Lebens, während er mit ihr im warmen, behaglichen Zimmer bleibt, um lächelnd von ihrem Lager hinweg an die dunstigen Fensterscheiben zu treten, die er mit einem Tuche abwischt, das vielleicht von ihren Thränen feucht ist, und hinaus sieht auf die finstere Straße, wo ein bleiches Gespenst vorüber schreitet, das im Grabe keine Ruhe finden kann, weil es die Sehnsucht empor zieht und an jenes Haus zwingt, daß es dort hinstehen muß und hinauf schauen an das matt erleuchtete Zimmer. O, ich begreife jetzt, wie ein Mensch nach und nach wahnsinnig werden kann und dabei deutlich fühlt, wie die Narrheit über ihn herfällt.«

Der junge Mensch hatte seine Hände gefaltet und schaute auf den Andern mit ängstlichen Blicken. »Aber lieber Herr Beil,« sagte er, »was führen Sie für gräßliche und verworrene Reden? – Reden, die mich auf's tiefste ängstigen, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe.«

Der Commis schien ruhiger geworden zu sein und hatte sich wieder auf die Kiste gesetzt, die er vorhin verlassen. »Ja, ja,« sprach er, tief Athem schöpfend, »das sind Narrheiten, aber es ist doch ein Körnchen Verstand darin. Und dies Körnchen Verstand will ich Ihnen zu Ihrem eigenen Nutzen und Frommen mittheilen, soweit es Ihnen dienlich ist und soweit Sie es begreifen können. – Hören Sie mich an!

»Sie kennen sattsam unseren großen Sklavenhändler Blaffer; er hatte der Sklaven nicht viele, aber einige; er hat sie auch nicht gekauft, denn das ist bei uns unmöglich, aber sie waren an ihn gekettet durch drückende Verhältnisse – Verhältnisse, die ihnen nicht erlaubten, zu thun wie unsere glücklichen Brüder in Amerika, nämlich davon zu laufen. Wissen Sie, mein lieber junger Sklave, darin haben wir es nämlich sehr schlimm; wenn es die drüben nicht mehr aushalten können und davon laufen, so finden sie überall Unterstützung und Hilfe und man nimmt sich ihrer an, man sorgt für sie, man hilft ihnen zu ihrem Fortkommen, man unterstützt sie mit Rath und That und verschafft ihnen, wenn es irgendwie möglich ist, eine angenehme, sorgenfreie Existenz. Wir aber, wenn wir einmal nicht mehr im Stande sind, die schlechte Behandlung, die wir erfahren müssen, die wirklichen und moralischen Fußtritte zu ertragen, die uns ein tyrannischer Dienstherr versetzt, wir können nicht davon laufen, denn wir werden nicht weit kommen; wir sind alsdann faule und nichtsnutzige Diener, widerspenstige Buben oder, ich spreche auch für das andere Geschlecht – liederliche Mädchen, für die sich anzunehmen eine Schande wäre, die nirgendwo Hilfe und Unterstützung finden und die, wenn sie eine mitleidige Polizei in's Loch steckt, zurückkommen müssen und die Ruthe küssen und sie bitten, daß man sie wieder gnädig aufnimmt.

»So stehen unter Anderem die Sklaven des Herrn Johann Christian Blaffer und Kompagnie, namentlich seine beiden Leibsklaven, das sind Sie und Ihre Schwester Marie. – Neulich kam ich zufälligerweise dazu, wie Sie, junger Mensch, in einer der vielen Nachahmungen von Onkel Tom's Hütte lasen, und ich erwischte Sie gerade an einer pikanten Stelle, so daß ich mich nicht enthalten konnte, Ihnen einen kleinen Katzenkopf zu appliciren. Ich bin fest überzeugt, daß Sie, sobald ich Ihnen den Rücken gekehrt hatte, jene Stelle mehrmals lasen und sie Ihrem sonst sehr schlechten Gedächtnisse vollkommen einprägten. – Ist es wahr oder ist es nicht wahr? Seien Sie ehrlich.«

»Ich weiß nicht, welche Stelle Sie meinen,« stotterte der Lehrling, doch merkte man ihm deutlich an, daß er eine Lüge sprach.

»Denken Sie an den Katzenkopf,« sagte ernst Herr Beil, »und erinnern Sie sich jener Stelle: es war, wo der Pflanzer das Mädchen nöthigen wollte, sein – Zimmer zu theilen, wo er sie mit Hunger und Schlägen traktirte, um sie willfährig zu machen.«

»Ach ja, ich erinnere mich! – und dann entsprang sie.«

»Richtig, sie entsprang und kam glücklich zu zwei reichen und vornehmen Damen, die außerordentlich erfreut waren, eine entsprungene Sklavin unterstützen zu dürfen.«

»Sie nahmen sie mit sich.«

»Und lobten sie, daß sie standhaft Hunger und Schläge ausgehalten und doch unschuldig geblieben sei.«

»Und davon gelaufen, um ihre Ehre zu retten.«

»Sie nahmen sie dann mit sich in ihren Wagen, gaben ihr schöne Kleider, machten sie zu einer Art Kammerjungfer, sie befand sich darauf froh und munter wie Gott in Frankreich –«

»Ja, es ging ihr sehr gut.«

»Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie noch, wie es in den alten Märchen heißt.« – Damit fuhr sich Herr Beil durch sein struppiges Haar, und der Lehrling setzte lächelnd hinzu:

»Das war eine recht schöne und angenehme Geschichte, und ich habe den gewissen Katzenkopf gern dafür in Empfang genommen.«

»Und doch nichts dabei gelernt,« sagte fast wehmüthig Herr Beil. »Denken Sie einmal ein wenig nach, finden Sie denn zwischen jener Sklavengeschichte und Manchem, was hier im Hause geschehen ist, nicht eine gewisse Ähnlichkeit?«

»Nicht sogleich,« entgegnete August.

»Na, besinnen Sie sich einmal, ist Ihnen nie was von Hunger und Schlägen passirt?«

»O ja doch, dessen erinnere ich mich wohl.«

»Und Ihre Schwester –?«

»Auch sie hat mir manchmal geklagt, er habe sie gestoßen und dergleichen.«

»Und dann sie wieder gehätschelt und ihr gute Worte gegeben –?«

»Ja, und jetzt fällt mir noch eine Ähnlichkeit ein.«

»Nun, Gott sei Dank! daß Ihnen endlich ein Licht aufgeht.«

»Meine Schwester ist auch einmal heimlicherweise fortgegangen.«

»Sehen Sie wohl,« sagte Herr Beil, indem er die Zähne aufeinander biß. »Und da fanden sich auch zwei vornehme und reiche Damen, die ihr halfen?«

»Nein,« erwiderte traurig der junge Mensch, »sie ging zu ihrer Pathin, einer wohlhabenden und sehr frommen Frau. Die hat sie aber schön empfangen. Wie kannst du dich unterstehen, sprach sie, von einem so braven Herrn wegzulaufen, wie der Herr Blaffer ist! Glaubst du, ich werde dich in deinem Ungehorsam unterstützen? Nicht eine Stunde darfst du hier in meinem Hause bleiben, darfst mich überhaupt nie mehr besuchen, bis du mir schriftlich von deinem Herrn bringst, daß er dir deine Unart verziehen und wieder vollkommen mit dir zufrieden ist.«

»Das Zeugniß wird er ihr jetzt geben können,« sagte düster und wie zu sich selbst sprechend Herr Beil. Dann wandte er sich wieder an den Lehrling. »Und Marie hat der Alten nicht gesagt, weßhalb sie das Haus verlassen?«

»O ja, das that sie; aber da hob die Pathin die Hände zum Himmel auf, verdrehte andächtig ihre Augen und erwiderte: Gott sei uns Sündern gnädig! der Mensch ist schwach, und wenn dein Herr je so etwas gesagt hat, so hast du ihn gewiß durch ein leichtfertiges Betragen hiezu aufgemuntert.«

»Amen!« sprach laut lachend der Commis.

»Darauf schickte die Pathin meine Schwester aus dem Hause, und Marie kam wieder hieher zurück.«

»O, ich weiß, ich weiß das!« rief gewaltsam ausbrechend der Andere. »Sie blieb einen Tag auf ihrem Zimmer; hier in dieser Kammer, auf diesem Bette saß sie, ein Bild des Jammers; und ich schlich mich zu ihr herauf, nahm ihre Hand und versuchte sie zu trösten.«

»Ich weiß, ich weiß.«

»Da kam jener schreckliche Auftritt! Der Sklavenhändler kam hier herauf, und da er mich sah, übermannte ihn eine eifersüchtige Wuth und er schlug mir mit dem Stocke, den er in der Hand trug, über den Kopf; die Narbe wird nie vergehen. Aber nur Marie ist schuld, daß ich ihn damals nicht umgebracht. Ja, ich hätte ihn doch niedergeworfen, obgleich er fester auf seinen Füßen steht als ich. – Darauf mußte sie hinunterziehen in den ersten Stock, und dort blieb sie ein paar Tage eingeschlossen; wir haben sie Beide nicht mehr gesehen. Es wurde eine Magd angeschafft, wir Beide speisten Mittags und Abends allein, und ich – bekam meinen Abschied. – Hurrah! das vergnügte Leben fängt an!«

»Aber nach allem Dem, was Sie hier erduldet, muß es Ihnen doch im Ganzen angenehm sein, wenn Sie dieses Haus verlassen können,« meinte der Lehrling.

»Lieber Freund, Sie sprechen, wie Sie es verstehen. Glauben Sie denn, daß ich es ohne die gewichtigsten Gründe überhaupt länger als ein paar Tage bei dem Herrn Blaffer ausgehalten hätte? Ach! durch gewisse Sachen, deren Mittheilung Ihnen nichts nützen würde, hatte er mich von Anfang an in der Hand; dann erschien auch Ihre Schwester, und das war ein starkes Band, welches mich an dieses Haus kettete; ja, das würde mich an die Hölle festschließen, wenn ich am Ende aller Qualen nur den kleinsten Hoffnungsstrahl glänzen sähe. Aber so ist alles Nacht, tiefe, dunkle Nacht.«

»Aber wenn Sie meine Schwester wirklich so gerne haben, wie Sie sagen, so müßte es Sie doch eigentlich freuen, daß sie nicht mehr die Magd hier im Hause zu machen braucht und daß sie nicht mehr nöthig hat, hier oben in der kalten Kammer zu schlafen. Ich versichere Sie, es geht ihr jetzt recht gut, sie bewohnt drunten ein angenehmes Zimmer und näht und stickt den ganzen Tag.«

Der Commis schaute bei diesen Worten den jungen Menschen achselzuckend an, dann murmelte er zwischen den Zähnen: »Da helfen keine Katzenköpfe, um den zur Erkenntniß zu bringen. – Also sie näht und stickt?« fuhr er lauter fort; »und was treibt sie nebenbei? – lacht sie oder weint sie?«

»Singen habe ich sie freilich lange nicht gehört, auch schaut sie ziemlich betrübt aus; aber Sie wissen, daß sie schon seit langer Zeit nicht recht heiter war.«

»Ja, ich weiß das,« entgegnete Herr Beil, »und ich kann mir auch die Ursachen davon erklären. Aber jetzt will ich Ihnen etwas sagen: Gehen Sie in mein Zimmer zurück, ich folge Ihnen sogleich; Sie können auch das Licht mitnehmen, ich brauche es nicht, denn ich will nur ein wenig da zum Fenster hinaus sehen; es ist hier die Wetterseite, und ich möchte wissen, ob es schneien oder frieren wird. Gehen Sie nur, ich komme gleich.«

August nahm das dünne Talglicht und verließ das Gemach, worauf er nach der gegenüber liegenden Kammer ging.

 

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