Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Wilhelm Hackländer >

Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Zweiter Band - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
Schließen

Navigation:

 

59. Vorbereitungen zum Gefecht

Unter den vielen Häusern, vor welchen der Baron Brand am Neujahrstage seine Karte abgab, oder in welchen er durch allerlei Gegenreden und verfängliche Fragen, trotz der Versicherung des Bedienten, es sei Niemand zu Hause, einen schwachen Versuch machte, seinen Glückwunsch persönlich anzubringen, ließ er sich nun bei der Wohnung des Polizeipräsidenten gar nicht abweisen und tänzelte lächelnd die Treppe hinauf, um, wie er sagte, wenigstens droben seine Karte abzugeben. Das that er denn auch mit auffallendem Geräusche, bat den Bedienten mit sehr lauter Stimme, doch ja der Herrschaft seine besten Empfehlungen zu melden, wie unendlich er es bedauere, nicht vorgelassen worden zu sein – und erreichte damit vollkommen seinen Zweck. Denn als er schon die Thüre in der Hand hatte, um sich wieder fort zu begeben, wurde ihm gegenüber der Salon geöffnet, und Fräulein Auguste erschien, aber wir können versichern, vollkommen absichtslos; denn als sie den Baron bemerkte, wollte sie sich mit einem kleinen Aufschrei sogleich wieder zurückziehen. Daß ihr aber dies nicht gelang, daran war nur die Geschwindigkeit des Barons schuld, der sich augenblicklich näherte, leicht und gewandt ihre Hand ergriff und sie feierlich küßte, während ein tief gefühlter Glückwunsch, das neue Jahr betreffend, seinen Lippen entströmte. »Ah!« sagte er hierauf, »so grausam zu sein, Fräulein Auguste, und dem, den Sie Ihren Hausfreund nennen, die Thüre zu verschließen!«

»Ohne alle Gnade!« erwiderte lächelnd das Mädchen. »Hoher Befehl von Papa und Mama. – Und leider ohne Ausnahme,« setzte sie leise hinzu.

»Und Sie hatten vor, eine Ausnahme zu machen?« fragte entzückt der Baron.

»Ah! jetzt fangen Sie schon wieder an, mich zu examiniren. Man kann sich vor Ihnen nicht genug in Acht nehmen; aber, wie gesagt, keine Ausnahme. – Mama meint,« fügte sie erröthend mit niedergeschlagenen Augen bei, »es sei noch nicht an der Zeit – irgend Jemand Begünstigungen zu erweisen.«

»Aber bald, bald! Auguste,« versetzte er stürmisch, und wandte sich bei diesen Worten so geschickt auf der Thürschwelle, daß er dem Bedienten alle Aussicht versperrte und es wagen konnte, das leicht zurückweichende Mädchen auf die Stirne zu küssen. – »Und keine Hoffnung,« fuhr er nach einer Pause hastig fort, »Sie heute Morgen noch einen kleinen, lieben Moment zu sprechen? – Wird mich Papa nicht vorlassen?«

»Er hat dringende Geschäfte und läßt heute nur die Beamten vom Dienst vor sich.«

»Die Herren Kommissäre?«

»Ja sie machen ihren Bericht.«

» Coeur de Rose!« rief der Baron, »da bin ich ja ganz in meinem Recht; erinnern Sie sich, Auguste, Papa war so gnädig, mir neulich die Erlaubniß zu ertheilen, so einem Berichte anwohnen zu dürfen. – Ich lasse mich bei ihm melden, es gilt nur den Versuch – und einen Versuch,« setzte er zärtlich hinzu, »der, wenn er gelingt, mir das hohe Glück verschafft, Sie – später sehen und sprechen zu dürfen; denn wenn der Herr Präsident mich einmal in's Zimmer läßt, so muß er mich auch nachher zu Ihnen hinüberführen.«

»Ja, ja, thun Sie so,« entgegnete sie eilig. »Aber jetzt fort! – ich höre Mama.« Damit sprang sie in's Zimmer und schloß die Thüre hinter sich zu.

Der Baron nahm eine wichtige Miene an und bat den Bedienten mit ernster Stimme, ihn dem Herrn Präsidenten in Geschäften zu melden.

Worauf er denn auch wenige Augenblicke nachher in das Kabinet des Polizeipräsidenten geführt wurde.

Dieser war eben im Begriffe, seine Nase spazieren zu führen, denn er hatte sie mit der rechten Hand sanft erfaßt, während er, die Linke auf dem Rücken haltend, auf und ab schritt. Beim Anblick des Barons ließ er sie aber los, worauf sie augenblicklich ein paar Zoll höher schnellte, als er sie gewöhnlich zu tragen pflegte. – Der Präsident wollte hiedurch einigermaßen sein Erstaunen, ja Befremden ausdrücken, sich so in einer wichtigen Stunde gestört zu sehen.

Doch war Herr von Brand der Mann nicht, der sich so leicht einschüchtern ließ; er näherte sich dem Chef der Polizei mit einer tiefen Verbeugung, wobei er sagte: »Euer Excellenz wollen mir verzeihen, ich komme allerdings in Geschäften. Der Herr Präsident hatten neulich die außerordentliche Gewogenheit, mir zu erlauben, einem der Rapporte beizuwohnen, und da ich mich unterstehe, heute von dieser Erlaubniß Gebrauch zu machen, so wird mir zu gleicher Zeit das Glück zu Theil, Ihnen meinen tiefgefühlten und herzlichsten Glückwunsch zu Füßen legen zu dürfen.« Dabei hatte er die Hand des Präsidenten ergriffen, und drückte sie so herzlich und gerührt, daß der alte Herr augenblicklich anfing, seine Nase mit der einen noch freien Hand zu streicheln, was als ein Zeichen einer guten Laune bei ihm angesehen werden konnte.

Und so war es denn auch; er vergaß, daß der Baron gegen seinen Willen eingedrungen, und erwiderte dessen Wunsch zum Beginn des neuen Jahres so verbindlich als möglich.

»Was aber den Rapport anbelangt,« sagte er, »so kommen Sie diesmal etwas spät und auch zu einem ganz interesselosen Zeitpunkt; ich habe nur noch einen Bericht zu empfangen, und wenn Sie den mit anhören wollen, so habe ich nichts dagegen. Später aber hoffe ich, sollen Sie Gelegenheit haben, einen besseren Blick in die von mir organisirte Maschine des Polizeiwesens werfen zu können.«

Bei diesen Worten fing er mit einem gewandten Griffe seine Nase wieder, die in der Luft umherschnüffelte, und indem er sie tief hinab zog, blickte er dem jungen Mann väterlich und wohlmeinend von unten herauf in die Augen.

Die Thüre öffnete sich und der erwartete Kommissär trat ein. Nach einer tiefen Verbeugung brachte er dem hohen Chef seinen Glückwunsch dar, fing aber hierauf seinen Bericht nicht sogleich an, sondern blickte bald auf den Präsidenten, bald auf den Baron von Brand.

»Ich bin ja der geheime Sekretär Eurer Excellenz,« flüsterte der Baron dem Chef der Polizei zu.

Worauf dieser seine Nase heftig zwickte, ihr einen leichten Klapps gab, so daß sie sich zugleich mit dem ganzen Gesichte gegen den Beamten drehte. – »Sprechen Sie nur,« sagte er alsdann, »dieser Herr ist einer meiner Vertrautesten, vor welchem ich keine Geheimnisse habe.«

Nun war aber der Bericht des Polizeikommissärs für den Präsidenten in der That ziemlich unbedeutend, nicht so ganz aber für den Herrn von Brand. Er handelte nämlich von dem Hause eines gewissen Meister Schwemmer, welches, so sagte der Beamte, zuweilen der Aufenthaltsort allerlei Gesindels, das man gewöhnlich in dem berüchtigten Fuchsbau anzutreffen pflege, sei. »Mir ist gemeldet worden,« berichtete er, »daß in den nächsten Tagen dort irgend eine Streitigkeit, ein Zank ausbrechen werde, weßhalb ich es für meine Pflicht halte, diesen ohnedies sehr abgelegenen Ort beobachten zu lassen.«

Dagegen wußte der Polizeipräsident durchaus nichts zu erinnern, und da der Andere nichts weiter vorzubringen hatte, so wurde er in Gnaden entlassen und zog sich rückwärts zur Thüre hinaus, nicht ohne sich vorher die Gestalt des Barons – derselbe hatte sein Gesicht abgewandt – mit einem langen prüfenden Blick in's Gedächtniß zu prägen.

Der Präsident hatte für heute Morgen seine Arbeitsstunden beendigt, und der Baron mehrere seiner Zwecke erreicht. Wir sagen mehrere, denn es geschah, was er vorhin der jungen Dame vorausgesagt: der Papa nahm ihn, ohne mit dem Gang und dem Bedienten in Berührung zu kommen, durch eine Reihe der hinteren Zimmer mit sich in den Salon, und dort verplauderte er mit den Damen des Hauses eine höchst angenehme Stunde.

Da aber bei dieser Unterredung nichts vorkam, was für unsere Geschichte von Interesse wäre, so überlassen wir ihn seinem Schicksale, das heißt, der scharfen redseligen Zunge der Präsidentin und den sehr gefährlichen Augen ihrer Tochter.

*

Einige Tage später in demselben Monat Januar, an einem frischen und klaren Nachmittage – es mochte an fünf Uhr sein – gingen zwei Männer neben einander nach der äußeren Stadt, wo die regelmäßigen Straßen aufhörten und wo nur hie und da einzelne Häuser zwischen Gärten lagen.

Der eine dieser Männer, eine große kräftige Gestalt, schritt aufrechten Hauptes einher und hatte im Gehen die Gewohnheit, daß er etwas mit dem Oberkörper hin- und herwankte.

Der Andere, ein kleines, mageres Männchen, hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und bei jedem Schritte, den er machte, folgte sein Kopf, wohl unwillkürlich, dieser Bewegung und war deßhalb in einem unaufhörlichen Nicken begriffen.

Ersterer war der junge Hammer, Sohn des ersten Theatermaschinisten, der Andere Herr Schellinger, der Theaterschneider.

Beide gingen eine Zeitlang stillschweigend ihres Weges dahin; nur zuweilen räusperte sich Herr Hammer, indem er einen Seitenblick auf seinen kleinen Gefährten warf, oder Herr Schellinger hob den Kopf in die Höhe, zog seine Nase empor, schnüffelte in der Luft und sagte mit seiner dünnen Stimme: »Heute wird's malitiös kalt.«

Bald ließen sie die letzten Häuser hinter sich und kamen in die Nähe der Stadtmauer, wo der Garten lag, durch welchen uns zu begleiten der geneigte Leser schon einmal so freundlich war, als wir uns nämlich in die Wohnung und in die Kleinkinderbewahranstalt des Meister Schwemmer begaben.

Herr Hammer und Herr Schellinger traten ebenfalls in diesen Garten, doch gingen sie nur bis zum kleinen baufälligen Hause, in welchem, wie wir bereits wissen, der Garderobegehilfe seine armselige Wohnung hatte.

Der junge Zimmermann blieb vor der Thüre stehen, stemmte die Arme in die Seite und sagte, während er an dem Hause hinaufblickte: »Nimm mir nicht übel, Schellinger, das ist in der That eine scheußliche Baracke. Wenn es Einer von unserem Handwerk sieht, so muß ihm völlig übel werden. Es ist mir immer, als sollte ich mit der Schulter auf die eine Seite drücken, daß dies Gestell wieder in's Blei käme. Aber ich fürchte, es könnte umfallen. Sind dir die schiefen Fußböden nicht selbst unangenehm?«

»Mir gewiß nicht,« entgegnete ruhig der Schneider, »ich bin das so gewohnt; es erweckt in mir auch eine höchst angenehme Erinnerung, denn von allen Tagen, die ich auf meinen weiten Reisen zubrachte, waren es die glücklichsten, wo ich in einem Dorfe lebte, in welchem alle Häuser noch weit schiefer standen als dieses hier.«

»Und wo war denn das, Schellinger?«

»Das war da vornen,« versetzte der Garderobegehilfe, indem er mit dem Zeigefinger seiner linken Hand vor sich hinwies, »in der Wallachei, weißt du, wo alle Männer, die nicht heirathen, zu Wallachen gemacht werden.«

»Teufel auch!« sagte lachend der Zimmermann. »Wie bist denn du da glücklich durchgekommen?«

»Ah! das ist sehr einfach. Ich habe mich in jedem Orte, wohin ich kam, provisorisch verheirathet; das geht da vornen herum sehr leicht.«

»Ah so!«

»Ja wohl, lieber Richard! – Aber siehst du, mit dem Dorfe war es so: das lag nämlich am Fuße eines starken Gebirges, von welchem im Herbst, wenn der Schnee schmolz –«

»Schellinger, du meinst im Frühjahr.«

»Nein, auf Ehre! dort schmilzt er im Herbst. – Und dann kamen dir also die grausamsten Wasserbäche von den Felsen herabgestürzt, und Alles auf das Dach los, und da die Häuser sehr tief lagen, so schoß es zu den Fenstern herein; und deßhalb standen alle Gebäude schief. – Verstehst du, Richard – damit das Schneewasser drüben ablaufen konnte.«

»Ah! das muß ich mir merken; das ist eine schöne Einrichtung.«

»Ja, sehr schön,« sprach melancholisch der Garderobegehilfe, während er seinen Schlüssel aus der Tasche zog und anfing, die baufällige Treppe hinauf zu klettern. Auf der Mitte derselben angekommen, sah er sich aber nach seinem Gefährten um, der drunten stehen geblieben war und ihm lachend zurief:

»Geh nur voran, Schellinger! Mich soll der Teufel holen, wenn das Ding da uns Beide trägt. Wenn dein Hausherr nicht so ein niederträchtiger Hund wäre, da käme ich aus reiner Menschenliebe her und nagelte es mit ein paar Brettern zusammen. Das wankt ja, daß Einem angst und bange wird.«

»Ich mache mir nichts daraus,« entgegnete der Schneider, indem er vollends hinaufstieg. »Wenn man zum Beispiel in Amerika reist, da wird man solche Stege, die immer auf- und abgehen, sehr leicht gewöhnt. Weißt du, Richard, in den Sümpfen; so ein Sumpf ist seine viertausend Schuh tief, und da muß man hinüber, hat aber weder Damm noch Brücke.«

»Da geht man wohl auf Stelzen,« bemerkte Herr Hammer, der nun ebenfalls vorsichtig die Treppe hinauf geklettert war.

»O nein,« sagte sehr ernst der Andere, »das müßten ja Stelzen von viertausend Fuß Länge sein, und wenn ich mich je unterstehen wollte, euch so etwas zu erzählen, da würde es gleich wieder heißen: wie der Schellinger lügt! – Nein, nein! aber die amerikanische Regierung hat unzählige Alligatoren angestellt. – Weißt du, was ein Alligator ist?«

»Ja, ich glaube eine Art Krokodil.«

»An die achtzig Schuh lang und zehn Schuh breit. Aus ihrem Fette macht man die Stearinkerzen. – Verstehst du: die echten; aber das kommt nicht hieher. – Nun also, die Krokodile werden auf Kosten der Regierung gefüttert und sind famos abgerichtet. Wenn nun ein Reisender kommt (er muß aber einen Schein gelöst haben für die Krokodilenpost), da ruft er nur: Giv Achtong! und da reihen sich die Bestien an einander, wobei eins das andere immer in den Schwanz beißt. – Und das ist eine vortreffliche Brücke; aber sie schwankt ein bischen.«

»Das kann ich mir denken, Schellinger.«

»Aber sonst ist sie vollkommen sicher; man muß sich nur in Acht nehmen, daß man so ein Krokodil nicht gerade auf die Nase tritt, denn sonst fängt es an zu niesen, und wenn es niest, da hilft dir aller Schutz der amerikanischen Regierung nicht mehr, da fällst du in den Sumpf, wie es schon manch' Einem geschehen ist.«

Bei diesen Worten hatte Herr Schellinger seine Stubenthüre geöffnet, und Beide traten in das mehr als dürftig möblirte Zimmer. Da befand sich nur ein alter Tisch, eigentlich nur ein Brett, das an der Wand stand, von einem einzigen Fuße unterstützt, ferner zwei sehr wackelige Stühle, und in der Ecke ein Geräthe, welches die Frechheit hatte, sich für ein Bett auszugeben, in Wahrheit aber nichts war, als ein hölzerner Schragen mit einer alten Wollenmatratze, einem Kopfkissen, auf welchem als Decke ein Stück Teppich lag, sowie ein langgedienter Reitermantel. Leintücher hatte sich Herr Schellinger längst abgewöhnt; in Indien nämlich hatte er einen unüberwindlichen Abscheu dagegen gefaßt wegen der vielen Tausendfüße und Schlangen, die sich nach frischer Wäsche sehnen und deßhalb zu einem in's Bett kriechen. – Was einen Ofen anbelangt, so war davon nirgend eine Spur zu sehen, Herr Schellinger behauptete auch, Frieren und Schwitzen seien Fehler, die man sich abgewöhnen könne, und er habe es darin sehr weit gebracht. Er behandelte dies Kapitel auch heute wieder, als nämlich Richard sagte: »Puh! Schellinger, bei dir ist es kalt!« und dabei in seine Hände blies.

»Ich zehre immer noch an meinen Reise-Erinnerungen in Brasilien,« versetzte er gleichmüthig. »Wir haben da eine übermenschliche Hitze ausgestanden. Hier schwitzt man auch, aber das ist gar nicht der Rede werth. Ich habe einstmals in Rio bei einem Maler gearbeitet, das heißt, ich mußte ihm Modell sitzen, denn er behauptete, mein Kopf sähe dem des Kaisers Napoleon auf eine wahrhaft erschreckliche Weise ähnlich. Da saß ich nun auf meinem Stuhl und hatte die Beine um die Füße desselben herum geschlungen; es waren, glaube ich, an dem Tag hundertundvierzig Grad Hitze. – Nein, es waren hunderteinundvierzig, weil bei hundertundvierzig noch Schule gehalten wird, aber bei hunderteinundvierzig haben die Kinder Hitzvakanz. – Da saß ich also, und lief der Schweiß so an mir herunter, daß von den beiden Stuhlfüßen, wo Alles zusammen kam, ein paar ordentliche Bäche bis nach der Stubenthüre hinliefen. – Auf Ehre! Richard, ich bekam für die Stunde Modellsitzen einen preußischen Thaler.«

»Ei, Schellinger!« rief lachend der Zimmermann, »dabei hättest du die schiefen Häuser aus der Wallachei brauchen können. –Aber wenn es dir nun recht ist, so wollen wir ein bischen von unserer Angelegenheit reden.«

Dabei hatte er sich einen Stuhl genommen, ihn vorher sorgfältig geprüft und sich dann darauf niedergelassen. Herr Schellinger machte es seufzend und mit empor gezogenen Augenbrauen ebenso, nur schlug er die Hände übereinander, die Jener fröstelnd in seine Hosentaschen gesteckt hatte.

»Du weißt also,« begann Richard, »worum es sich eigentlich handelt; wir wollen, wenn es möglich ist, der Katharine, der armen Weibsperson, wieder zu ihrem Kinde verhelfen, das, wie du selber meinst, da drüben in dem Hause ist.«

»Der Beschreibung nach vermuthe ich das wohl,« erwiderte der Schneider; »sie ließen mich freilich nur einen kleinen Blick in den Affenstall hinein werfen, aber da sah ich so ein Ding, wie man es mir beschrieben, auch hatte es ein blaues wollenes Kleid an.«

»Und es sah in dem Stalle so jämmerlich aus?«

»O,« erwiderte kopfschüttelnd Herr Schellinger, »über alle Maßen. Ich habe auch da hinten herum mancherlei Elend gesehen, namentlich bei den Frosch-Indianern; die wohnen nämlich in Sümpfen und quacken wie die Frösche. Beiläufig gesagt, behauptet man, von ihnen stammen die amerikanischen Quäcker her; ich habe aber hierüber nicht in's Klare kommen können. – Die Frosch-Indianer nun haben die sehr schlechte Gewohnheit, sich gegenseitig ihre Kinder aufzuessen, und da das doch die Regierung der Vereinigten Staaten, wo sie naturalisirt sind, nun einmal nicht leiden kann, so hat sie große Kleinindianerkinderbewahranstalten errichten lassen, wo es aber, unter uns gesagt, arg genug hergeht.«

»Ich will dir das recht gern glauben,« sagte einigermaßen ungeduldig der Zimmermann. »Aber jetzt handelt es sich nicht von Froschindianern, sondern von Meister Schwemmer und der Katharine ihrem Kind. – Du weißt also genau, was du bei der Geschichte zu thun hast?«

»Ja, ich weiß es,« antwortete der Garderobegehilfe, worauf er in tiefem Nachsinnen seine Hände auf den Knieen faltete und den Kopf auf die Brust sinken ließ. »Ich weiß es ganz genau. – Aber da war dazumal bei den Froschindianern – nein, nein! ich irre mich: es war bei den Vögelnegern! – ein ganz verfluchter Kerl, eigentlich ein Verbrecher. – Richard, hast du je Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre gelesen?«

»Ich glaube wohl; aber bleibe bei der Sache, Schellinger!«

»Gleich, gleich, lieber Richard,« erwiderte jener sanftmüthig. – »Also dieser Kerl – ich glaube ein Preuße – war also auch ein Verbrecher geworden, nicht aus verlorener Ehre, sondern weil es ihm unmöglich war, irgendwo eine Schraube festsitzen zu lassen.«

»Ach dummes Zeug!«

»Nein, auf meine Ehre, Richard! Schon als ganz kleines Kind fing er damit an, wo es sich nur thun ließ, eine Schraube heraus zu ziehen; ich sage dir, wenn er eine sah, so zitterte er ordentlich darauf hinein. Da halfen keine Schläge und gar nichts; und das ward immer ärger, je mehr er heranwuchs.«

»Nun, so laß ihn in's Teufels Namen heranwachsen, und gib mir einmal eine vernünftige Antwort, denn wenn du so hartnackig zerstreut bist und immerzu auf Reisen, dann kann ja kein Mensch ein vernünftiges Wort mit dir reden.«

»Ja, du hast Recht, lieber Richard,« sagte melancholisch der Schneider, indem er sich mit der Hand über die Stirne fuhr und tief aufseufzte; »es ist das allerdings eine schlechte Angewohnheit und plagt mich sehr. Es ist ein Unglück, daß ich diese weiten Reisen gemacht habe und es nun einmal nicht lassen kann, die Menschen aus meiner Erinnerung zu belehren. – Was habe ich davon? – Nichts als Undank! Ich weiß ja wohl, was die Leute sagen, wenn ich weggegangen bin. – Wie der Schellinger gelogen hat! lachen sie. Und siehst du, Richard, die Reputation eines Lügners zu haben, ich, der nur die Wahrheit spricht, das bringt mich noch unter den Boden.«

»Das sagt ja auch kein Mensch,« entgegnete begütigend der Zimmermann; »ich am allerwenigsten. Nur meinte ich eben, du solltest deine Phantasie ein bischen bemeistern und auch hie und da einmal von anderen Dingen sprechen, als von deinen schönen Reisen.«

»Ach, die Phantasie!« versetzte traurig Herr Schellinger, »die ist stärker als unser Wille; ich habe davon die schrecklichsten Beispiele. Glaubst du wohl, Richard, daß ich neulich des Nachts mich so in meine Phantasien verlor, daß ich deutlich die Brücke in Hinterindien vor mir sah, wo ich auf meinem Zebra in den Fluß hinabsprang, als mich der Oberst der leichten Braminen-Kavallerie verfolgte. Es war eigentlich ein Halbtraum, aber so schrecklich und deutlich, daß ich, als ich aufwachte, nachdem ich geträumt, ich sei im Wasser gelegen, nun über und über naß war. – Glaubst du das, Richard?«

»Ja, ja, ich glaube es dir, Schellinger. Aber jetzt ruf' deine Phantasien zurück und laß uns einmal ein anderes Gespräch anfangen. – Du wirst also beim Dunkelwerden hinübergehen?«

»In einer halben Stunde.«

»Bei Meister Schwemmer setzest du dich wie oft an den Ofen und erzählst deine Geschichten, mußt aber solche Dinge vortragen, daß sie dir nicht glauben.«

»Das wird schwer angehen,« meinte Herr Schellinger.

»Na, versuch' es nur. – Wenn sie dir also nicht glauben wollen, und das sagen, so ereiferst du dich und machst ihnen einige Grobheiten. – Das kannst du doch? – So gibt denn ein Wort das andere; am Ende bedrohen sie dich vielleicht, du läßt dir nichts gefallen, ihr kommt aneinander, und dann machst du von deiner Waffe Gebrauch. – Du hast doch deine Pistole bei dir?«

»Hier ist sie,« entgegnete der Schneider und zog ein rostiges Theater-Terzerol aus der Tasche. »Der Inspicient hat es mir geliehen und auch mit einem schwachen Schusse geladen.«

»Es ist aber doch kein Schrot darin?«

»Gott bewahre! Nur ein leichter Pfropfen. Auch werde ich damit an die Decke hinauf halten.«

»So ist's recht. – Zu gleicher Zeit schreist du um Hilfe, und dann sind wir wie ein Donnerwetter bei der Hand.«

»Was meinst du, Richard,« sagte Herr Schellinger nach einer Pause, »wenn sie mir zu hart auf den Leib gehen, soll ich nicht vielleicht den Einen oder Anderen zu Boden schlagen?«

»Nein!« entgegnete der Zimmermann, indem er lächelnd die miserable Figur des Schneiders betrachtete, »laß das nur bleiben.«

»Das ist eigentlich schade,« fuhr dieser fort; »ich könnte dabei so gut den Handgriff anbringen, den mich die Tscherkessen gelehrt. Man bewegt nur die Faust ein wenig, läßt sie ganz sanft niederfallen, und wenn man dabei die richtige Stelle trifft, so stürzt dir ein Ochs zusammen. – Aber wenn du meinst, so thue ich es nicht.«

»Ich meine wirklich, es werde besser sein, wenn du es bleiben läßt, Schellinger; du hast überhaupt in dem Augenblicke viel zu beobachten. Wenn du um Hilfe schreist, so mußt du im gleichen Augenblicke das Fenster oder die Thüre aufreißen. – Jetzt aber noch Eins. Was du hier an Habseligkeiten hast, das packen wir gleich zusammen, denn dableiben kannst du begreiflicherweise nach der Geschichte nicht mehr; wir wollen schon ein Quartier für dich besorgen. Vorderhand kannst du zu mir ziehen, wir haben eine Kammer und ein Bett, besser als dieses hier. Es wäre gut, wenn du mit dem Einpacken gleich anfingest; ich lege dann die Geschichten irgendwo hin, von wo wir sie nachher mitnehmen können.«

»Das Zusammenpacken ist schnell besorgt,« erwiderte trübe lächelnd der Garderobe-Gehilfe. »Wenn ich bedenke, wo all' die schönen Sachen hingekommen sind – ich kam damals aus Indien zurück mit vierundsechzig Kisten – wo sind sie geblieben? – Gott weiß es! Aber das machte mir keinen Kummer, ich habe mir vorgenommen, nächstens einmal wieder eine Tour zu machen, und da werde ich schon wieder was Besonderes finden. – Wenn es dir Spaß macht, Richard, so bringe ich dir einen wahnsinnigen Affen in Lebensgröße mit.«

»Und warum gerade einen wahnsinnigen, Schellinger?«

»Ja siehst du, Richard, die gewöhnlichen sind zu toll und unanständig und man kann nichts mit ihnen anfangen. Haben sie aber einmal ihren Affenverstand verloren, so werden sie gelehrig und vernünftig wie ein Mensch. Sie sind freilich sehr theuer, aber das kommt mir bei dir nicht darauf an.«

Während er das sprach, war er aufgestanden, hatte eine alte Kiste unter dem Bettschragen hervorgezogen, und fing nun an, sie auf den Boden auszuleeren, zu welchem Zwecke er ein nicht mehr ganz neues Hemd ausbreitete und darauf allerlei unbedeutende Gegenstände, als: Knochen, Glas, kleine Stücke Holz, vergilbte Papiere, Haarbüschel, auch abgerutschte Tressen, schmierige Rockaufschläge und Kragen und dergleichen mehr niederlegte.

»Ich hatte einmal solch einen wahnsinnigen Affen,« sagte er währenddem, »und er war mir lange Jahre ein treuer und redlicher Bedienter. Er war ohne alle Unarten; nur konnte er es nicht ertragen, wenn man ihm von seinem früheren Stande sprach. Da wurde er grob und sagte mir oft die bittersten Wahrheiten. – Siehst du, Richard,« unterbrach er sich selbst, indem er ein kleines Papier hervorzog, es aufmachte und dem Zimmermann eine Wursthaut darreichte, »sieh, das kannst du mitnehmen, es ist ein Stück Brillenschlangenhaut, davon brauchst du dir nur ein klein wenig um die Finger zu wickeln, und alle Schlangen, die dir begegnen, ergreifen augenblicklich die Flucht. Es beißt dich alsdann keine; auf Ehre! du kannst es mir glauben. – Da nimm es und thu' mir nur den Gefallen, es gleich zu probiren. – Ich will ein Lügner sein und ein schlechter Mensch, wenn du mir morgen nach dem Theater sagen kannst, es habe dich eine einzige Klapperschlange oder dergleichen Zeug gebissen.«

»Hilft es auch gegen die Flöhe?« fragte lachend der Zimmermann, während er die vertrocknete Wursthaut in die Tasche steckte.

»Laß einmal sehen. – Gegen die Flöhe?« erwiderte Herr Schellinger, streichelte gedankenvoll sein spitzes Kinn und sah zum Fenster hinaus. »Laß doch einmal sehen,« wiederholte er alsdann. – »Nein, gegen die Flöhe hilft es nicht; aber hier habe ich was Anderes für diesen Zweck, was mir in Arabien gute Dienste geleistet.«

Bei diesen Worten griff er in den Kasten und händigte seinem Freunde etwas ein, was dieser laut lachend betrachtete.

»Das ist ja ein Stiefelzieher,« sagte er.

»Nein, nein, gewiß nicht! Man braucht das in Arabien, um den Flöhen die Zähne auszubrechen.

»Da müssen sie ungeheuer groß sein, Schellinger.«

»O, es geht so an,« entgegnete der Schneider. »Die größten, die ich gesehen habe, waren wie hier zu Lande ein kleiner Pudel. Doch soll's hinter Palmyra, wie glaubwürdige Reisebeschreibungen versichern, noch viel größere geben. Ich kam aber nicht dahin, sie wollten mir in Damaskus meinen Paß nicht weiter visiren, indem der dortige Oberamtmann behauptete, ich sei von meiner Regierung als militärpflichtig reklamirt worden.«

Unter diesen Erzählungen hatte der Schneider sein Bündel gepackt und übergab es Richard, der ebenfalls aufgestanden war und es unter den Arm nahm. –

Die Sonne war untergegangen, klar und rein, wie sie den ganzen Tag geschienen, und hinterließ noch lange nachher eine Röthe am Horizont im Westen, so tief und glühend, daß die Nebel, welche sich im nächsten Augenblick über die Stadt lagerten, sie nicht zu bewältigen vermochten, sondern von ihr dunkelroth gefärbt wurden.

Der Zimmermann trat an's Fenster und sagte, während er hinausblickte: »Das wird eine kalte Nacht werden; ich bin froh, daß ich mich warm angezogen habe; denn wir werden doch eine Zeit lang draußen auf dich warten müssen.«

»Ja, kalt wird es werden,« meinte auch der Schneider. »Schau, wie blutig der Nebel aussieht. Wenn man an Vorbedeutungen glauben wollte, so könnte man vielleicht denken, unser Unternehmen möchte nicht ganz gut ablaufen.«

»Denkst du etwas dergleichen?« fragte Richard. »Schellinger! Schellinger! du hast dich so bereitwillig zu deinem Posten angeboten; noch ist es Zeit, zurückzutreten, wenn du etwa Furcht haben solltest. – Aber das will ich nicht glauben, du hast dich immer als muthig bewährt.«

»Furcht?« sprach geringschätzend der Garderobegehilfe. »Ich meine, ich hätte in meinem Leben Muth genug gezeigt; von meinen Reisen will ich diesmal nichts reden, denn sie sind weltbekannt. Aber du wirst dich wohl erinnern, daß ich ein ganzes Jahr lang Theaterdiener war, als der alte Stütz gestorben.«

»Das weiß ich freilich. – Aber zu dem Geschäft gehört doch kein besonderer Muth.«

»Muth und Entschlossenheit. Geh' du einmal zu einer ersten Sängerin hinein, wenn sie ohnehin schlechter Laune ist, wenn sie sich einbildet, heiser zu sein, weil sie nicht singen mag. Tritt du vor sie hin und fordere ihr irgend eine Rolle ab. – Lieber Freund, ich habe mancher Löwin ihre Jungen weggenommen – das thaten wir in Indien zur Bewegung vor dem Frühstück – und habe nie dabei gezittert. – Aber hier! – Oder bring' einem ersten Künstler den Befehl der Intendanz, eine, wie er glaubt, untergeordnete Rolle zu spielen, oder auch die Verweigerung eines neuen Kostüms! – Da heißt es Courage haben und fest hinstehen. Aber da drüben der Schwemmer, das ist mir ein Kinderspiel.«

»Es ist aber nicht nur der Schwemmer allein,« erwiderte der Zimmermann, »sondern die Kneipe hinten im Hofe soll eine Auflage alles möglichen Gesindels sein.«

»Das ist schon wahr,« fuhr der Schneider nachdenkend fort. »Aber ich kenne sie Alle; wie schon gesagt, der Schwemmer kann kaum von seinem Stuhle aufstehen, sonst bringt ihn der Husten um. Da ist nun ferner ein Monsieur Sträuber, ein hochnäsiger Schuft, der aber nicht für einen Pfennig Muth im Leibe hat. Der einzige tüchtige Kerl, der da sein könnte, ist ein gewisser Mathias. – Doch,« setzte er mit ungewohnter Aufrichtigkeit hinzu, »thut er einem armen Schneider, wie ich bin, nichts zu Leide.«

»Für alle Fälle,« versetzte Richard nach einer Pause, »haben wir auch gute Freunde, die uns unterstützen werden.« – Er lehnte sich bei diesen Worten abermals an das Fenster und blickte auf die langsam dunkler werdende Stadt, wo sich schon hie und da einzelne Lichter zeigten. »Die Katharine war neulich bei einem Doktor, dem hat sie ihre Sache anvertraut und erzählt, daß sie hauptsächlich durch deine Hilfe ihr Kind wiederzuerlangen hofft. Es soll das ein braver Herr sein, und er hat mit dem Polizeikommissär dieses Viertels gesprochen, damit irgend Jemand in der Nähe ist, wenn wir allenfalls Hilfe brauchten.«

»Ich habe mit der Polizei nicht gerne zu thun,« sagte Herr Schellinger; »es ist das für anständige Leute immer eine unangenehme Geschichte. Das tappt nur so zu, namentlich im Dunklen, und wenn sie selbst einmal den Unrechten beim Kragen nehmen, so lassen sie ihn so bald nicht wieder fahren.« – Er schlug die Arme übereinander und blickte, wie es schien, mit allerlei Gedanken beschäftigt, in's Freie hinaus, an den Himmel empor, wo sich trotz des Nebels einige Sterne mit blassem Lichte zeigten. – »Und wo ist die Katharine?« fragte er nach einer Pause.

»Ganz in der Nähe,« entgegnete Richard; »in der Verwirrung, wo wir dir zu Hilfe springen, wird sie in das Haus eilen, nach dem Affenstall, wie du die Kinderstube nennst, und dort ihr Mädchen holen.«

»Schön, schön; das ist nicht schlecht arrangirt. So wollen wir denn jetzt an die Ausführung gehen.«

»Ist es nicht noch zu früh?«

»Nein, später lassen sie mich gar nicht mehr in's Haus.«

»Und wie lange glaubst du, daß es dauern wird, bis wir zu thun bekommen?

»Ich denke, so eine halbe Stunde bis drei Viertel; wenn sie nicht gar zu sanftmüthig gelaunt sind, so ist es Zeit genug, um einen Streit mit ihnen anzufangen.«

»So geh' denn hinunter, Schellinger,« sagte der Zimmermann, während er ihm mit komischem Ernste beide Hände auf die Schultern legte. »Denk', du seiest in Hinterindien oder in Vorderasien und gehest zur Attaque auf irgend einen wilden Indianerstamm. Halte dich tapfer und schrei zur gehörigen Zeit und recht laut um Hilfe.«

»Daran soll's nicht fehlen,« erwiderte der Schneider, der noch einen Blick rings durch die Stube laufen ließ, während er sich anschickte, sie zu verlassen. Plötzlich blieb er stehen, schlug sich vor die Stirne und sagte: »Wie kann man denn auch so vergeßlich sein! Hätte ich doch bald etwas ganz Notwendiges übersehen! – Richard, du mußt mir die Liebe thun, da ich selbst keine Zeit mehr dazu habe, an meine Stubenthüre ein Papier zu kleben und darauf zu schreiben: ›Schellinger wohnt nicht mehr hier, ist aber zu erfragen auf einem hochpreislichen Hoftheater-Intendanz-Bureau.‹ – Es ist das für mich von großer Wichtigkeit, denn von Tag zu Tag erwarte ich den Besuch eines meiner besten Freunde, eines russischen Fürsten, mit dem ich in Kairo beim Vizekönig zu Gast war. Er versprach mir, mich in Deutschland zu besuchen, und sagte noch beim Abschied mit Thränen in den Augen zu mir: ›Paschol Durak – Schellinger!‹ was so viel heißen will, als: ›Schellinger, ich werde dich niemals vergessen.‹ – Nicht wahr, Richard, das besorgst du mir? – Es war ein guter Kerl, dieser Russe, und er würde mir niemals vergeben, wenn er hier vor meine verschlossene Stubenthüre käme.«

Der Schneider reichte hierauf seinem Freunde die Hand, bezeichnete auf der Stubenthüre die Stelle, wo er das Plakat angebracht zu haben wünschte, und stieg hierauf vorsichtig die Treppe hinab. Als er aber unten angekommen war, blieb er stehen und rief einige Male Richard's Namen.

»Was soll's?« antwortete dieser in das dunkle Haus hinab, wo er die Gestalt des Schneiders nicht mehr erkennen konnte.

»Nur noch eine Kleinigkeit,« versetzte der Garberobegehilfe. »Du mußt auf das Plakat über die Notiz, wo ich zu finden bin, statt meines einfachen Namens schreiben: ›Der berühmte Reisende von Schellinger,‹ denn nur so kennt mich mein Freund, der russische Fürst. – Jetzt aber gehab' dich wohl und fall' mir nicht die Treppe hinunter.«

Richard hörte nun für den Augenblick nichts weiter, als die tappenden Schritte, mit welchen Herr Schellinger sich entfernte, sowie das Knarren der Thüre, als derselbe das Haus verließ.

 

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.