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Europäisches Sklavenleben. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Erster Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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3. Sklavinnen

Wie meistens vor einem größeren Ballet ein kleines Lustspiel gegeben wird, so auch am heutigen Abend. Es geschieht das, um den ersten Hunger des Publikums zu stillen, um den Zuspätkommenden genügende Zeit zu lassen, ihre Plätze einzunehmen, und um Alle, oftmals durch einige Langeweile, empfänglicher zu machen für den nun folgenden Spektakel, für Dekorationen, Kostüme, Tänzer und Tänzerinnen. Hiezu wird meistens ein harmloses Lustspiel gewählt, an dem man nicht viel verliert, wenn man auch erst in der Mitte desselben in's Theater kommt; es hat gewöhnlich eine einfache Dekoration, damit man hinten genugsam Platz hat für die Zurüstungen, sowie eine Stelle, wo sich das Korps de Ballet aufhält und wo die Solotänzerinnen die verzweifeltsten Anstrengungen machen, damit ihre Glieder nachher im höchsten Glanze der Gelenkigkeit erscheinen.

Es ist heute Abend ein Ballet in vier Aufzügen, zwölf Tableaux mit viel Tyrannei, viel Liebesschmerz und ungeheurem Gefühl. Eine Scene, wo viel des Letzteren vorkommt, muß als sehr schwierig noch probirt werden: Der Herzog, ein gutmüthiger Kerl – so scheint er wenigstens im ersten Aufzug, obgleich der emporgewichste Schnurrbart und der lange drohende Knebelbart deutliche Vorzeichen sind, daß später einiges Zähneknirschen und Augenverdrehen stattfinden wird – der Herzog also kommt, wie es in Balleten meistens der Fall ist, unglücklicherweise in dem Augenblick zu seiner Braut, wo deren eigentlicher Liebhaber, der junge Ritter Astolfo, ebenfalls bei ihr ist. Das gibt eine furchtbare Scene; der Herzog bleibt wie angewurzelt stehen und gleitet dann mit einem fürchterlichen Blick, fast ohne die Füße zu bewegen, bis auf die andere Seite der Bühne. Ritter Astolfo zieht sein Schwert, einige zwanzig Tänzerinnen, die Begleitung der Braut, schaudern im Chor, die Kavaliere des Herzogs schlagen ein pantomimisches Hohngelächter auf, die Braut reißt sich endlich aus ihrer Erstarrung in die Höhe, faßt ihren verzweifelnden Liebhaber an der Hand und tanzt vor den Augen des erstaunten Herzogs ein Pas de deux, worin sie ihm deutlich zu verstehen gibt: der hier gegenwärtige Astolfo sei ihr Jugendfreund und schon seit erster Kindheit von ihr geliebt worden, sie könne und werde ihn nie verlassen, sie scheere sich den Henker um den Herzog und sein ganzes Reich, und werde eher sterben, als ihm angehören.

Diese Scene wurde, wie gesagt, nochmals in der Geschwindigkeit durchgemacht, worauf der erste Tänzer in Abwesenheit des Balletmeisters das Korps de Ballet eine kleine Revue passiren ließ. Er schaute nach, ob die Frisuren übereinstimmend mit der Vorschrift waren, ob die Schuhe in gutem Zustande, ob die Tricots fest und sorgfältig angezogen seien. Die meisten der jungen Damen ließen sich diese Untersuchung lachend gefallen, namentlich wenn der Tänzer, ein hagerer junger Mann mit sehr lebhaften Augen, gerade nicht in's Detail einging. Andere, um geschwind fertig zu sein, drehten sich vor seinen Augen lachend mit einer Pirouette, um sich von allen Seiten zu präsentiren und machten darauf ein übermäßiges Battement, um so Tricots und Schuhe im besten Glanz vorzuzeigen und sprangen dann in die Koulisse zurück. Einige der Tänzerinnen beantworteten die Aufforderung ihres Kollegen, näher zu treten, mit einem unbeschreiblichen Blick, drehten ihm ganz einfach den Rücken oder ließen sich auch, die Hände auf den Hüften, nicht im Mindesten in ihrer Unterhaltung stören.

»Wo ist Mamsell Clara?« rief der Tänzer, nachdem er das Mädchen vergebens gesucht, obgleich sie nicht weit von ihm hinter einem gemalten Baume stand. – »Wo ist Demoiselle Clara?« wiederholte er mit lauter Stimme. »Ich muß Sie bitten, augenblicklich vorzutreten.«

Diesem zweiten Ruf mußte Folge geleistet werden und das Mädchen trat, obgleich widerstrebend, auf die halbdunkle Bühne, in deren Mitte der lange Tänzer allein stand.

»Es ist doch sonderbar,« sagte er mit einem häßlichen Lächeln, »daß man Sie immer zweimal rufen muß. – Es wäre wahrhaftig für Ihr Fortkommen besser,« setzte er leise hinzu, »wenn Sie meinen Aufforderungen gleich auf das erste Mal Gehör gäben.«

»Was wollen Sie von mir?« fragte die Tänzerin mit unsicherer Stimme.

»O, für jetzt nicht viel,« entgegnete ihr Kollege. »Sie tanzen in der vordersten Reihe, Sie tanzen zu sechs mit mir, ich möchte nach Ihrem Anzug sehen; dann könnten wir auch geschwind die letzte Stellung probiren.«

»Mein Anzug ist in Ordnung,« versetzte das Mädchen, indem es einen Schritt zurücktrat.

»Ihre Schuhe nicht zu weit?«

»Ein wenig, aber ich habe sie eingenäht.«

»Ihre Tricots fest angezogen? Ich will keine Falten bemerken. – Lassen Sie sehen!«

Das Mädchen rührte sich nicht. Doch wenn es auf der Bühne nicht so dunkel gewesen wäre, hätte man deutlich bemerken können, wie selbst unter der Schminke eine glühende Röthe ihr Gesicht überfuhr.

»Seien Sie nicht kindisch,« sagte der Tänzer, »und lassen Sie sehen. Sie wissen, Clara, daß ich mit mir nicht spassen lasse, und daß Sie auf eine Zulage nächsten Monat durchaus nicht zu rechnen haben, wenn ich Sie immerwährend wegen Ungehorsams und Widersetzlichkeit anzeigen muß. – Nun!«

Das arme Mädchen knitterte mit der rechten Hand ihren seidenen Tanzrock zu tausend Falten zusammen, dann erhob sie ihn ein paar Zoll hoch, so daß ihr Knie sichtbar wurde.

Der Tänzer wollte sich genauer überzeugen, doch trat Demoiselle Clara abermals einen Schritt zurück.

»Sie sind ein kindisches Mädchen,« sprach der Vorgesetzte. »Sie werden noch viel lernen müssen oder Sie bringen es zu gar nichts. – Sind Sie nicht zu fest geschnürt?«

»Ich schnüre mich nie fest,« entgegnete Clara kurz abgebrochen und wollte sich entfernen.

Der erste Tänzer aber faßte ihren Arm und hielt sie fest. »Ich glaube,« sagte er mit leiser Stimme, »die Schneiderinnen behandeln Sie mit gar keiner Aufmerksamkeit; für Ihre unvergleichliche Taille findet sich gar nichts Passendes in der Garderobe; man müßte Ihnen eigentlich immer neue Sachen machen. Und, wenn Sie wollen, Clara –«

Das Mädchen versuchte seine Hand zwischen den feuchten Fingern des dürren Tänzers hervorzuziehen; es durchschauerte sie eisig. Doch hielt er sie fest.

»Es scheint mir,« fuhr er stockend fort, während er sich auf sie herabbeugte, »die Garderobière will Ihnen nicht wohl; sie gibt Ihnen immer alte zu stark wattirte Leibchen. – Ah! ich muß das untersuchen! – –«

Doch wurde dem diensteifrigen Kollegen zum Glücke des jungen Mädchens für jetzt keine Zeit zu dieser Untersuchung gelassen, denn als er sie beginnen wollte, kamen aus der Seitenkoulisse zwei der Tänzerinnen in einem so rasenden Walzer dahergeflogen, daß sie kein Hinderniß beachten konnten und mit solcher Gewalt gegen den ersten Tänzer anprallten, daß dieser weithin auf die Bühne flog und nur durch eine Säule, die er krampfhaft ergriff, vor einem gänzlichen Falle errettet wurde.

Clara, die hocherfreut aber erstaunt war, sich so plötzlich befreit zu sehen, fühlte sich von den beiden Kolleginnen ergriffen und mußte den tollen Wirbel mitmachen, der in einem weiten Bogen über die Bühne ging und nicht eher endigte, als bis alle Drei wieder hinter den Koulissen angekommen waren. Dort hielt die Eine, die kräftigste von Allen – es war Demoiselle Therese – das Terzett mit einem plötzlichen Rucke fest, löste ihre Arme aus denen der beiden Anderen und ließ sich laut lachend auf eine gepolsterte Rasenbank niederfallen. Clara schöpfte einen Augenblick tief Athem, dann sagte sie: »Wie danke ich dir, Therese; du hast mir da über eine sehr unangenehme und schmerzliche Scene weggeholfen.«

»Die aber morgen wiederkehren wird, mein Schatz,« lachte die Andere.

»O mein Gott, ich weiß das; aber was kann ich dagegen thun – ich, ohne Schutz, hilflos und allein dastehend?«

»Dagegen kannst du zweierlei thun,« entgegnete Demoiselle Therese, indem sie ihren rechten Fuß auf das linke Knie hinaufzog, um ihren Schuh anzusehen, ob er bei dem raschen Walzer keinen Schaden genommen. »Wie ich gesagt habe, zweierlei: entweder du läßt dir die Narrheiten gefallen, du läßt dem lächerlichen Kerl seine Grille –«

»Nie! nie!« rief Clara entrüstet.

»Nun wohl,« sagte gleichmüthig die Andere, »so schaffst du dir einen Liebhaber an, der unserm ersten und zweiten Tänzer und allen Denen, die das Recht zu haben glauben, deine Taille untersuchen zu dürfen, an einem schönen Morgen zwei Worte sagt, ungefähr des Inhalts: Mein lieber Freund! Wenn Sie sich nochmals unterstehen, der Demoiselle Clara mit der Spitze Ihres Fingers zu nahe zu kommen, so mache ich mir dagegen das Privatvergnügen, Sie dreimal nach einander auszischen zu lassen.«

»Oder,« setzte die blonde Tänzerin, welche die Dritte im Bunde gewesen war, hinzu, »dein Liebhaber macht sich das Vergnügen, Abends in einer dunklen Straße dem ersten Tänzer oder sonst Jemand ein paar freundliche Worte zu sagen.«

»Darnach der Liebhaber ist,« antwortete Therese mit etwas verächtlichem Tone, »kann das auch geschehen; doch ist es nicht sehr nobel.«

»Aber ich will keinen Liebhaber,« versetzte schüchtern das junge Mädchen, dem diese Rathschläge gegeben wurden. »O mein Gott, ich bin eine Tänzerin, das ist wahr, aber ich habe mich doch zu sonst nichts verkauft.«

»Aber verkauft hast du dich,« entgegnete Demoiselle Therese, und umspannte mit ihren beiden Händen ihre schlanke Taille, »verkauft haben wir uns Alle mit Leib und Seele!«

»Das wäre ja schrecklich!« meinte die blonde Tänzerin. »Nein, Therese, du übertreibst: ich habe mich nicht verkauft.«

»Du hast dich nicht verkauft?« fragte Therese hochmüthig, indem sie sich stolz aufrichtete und ihre blitzenden Augen so fest auf die Kollegin richtete, daß diese die ihrigen scheu zu Boden niederschlug. »Wir sind hier unter uns, und ich für meine Person will mich wahrhaftig nicht besser machen, als ich bin. Erinnerst du dich noch – es sind jetzt drei Jahre, wir Beide waren damals sechzehn alt – weißt du noch, Schatz, wie man dir eine Zulage versprochen und wie dich der Balletmeister da hinten in's blaue Zimmer bestellte, in das blaue Zimmer mit dem gelben Sopha? – Ja, mein Kind, du bekamst eine Zulage, das heißt, du erhieltest sie später, aber – sprechen wir nicht mehr davon! – Hat man dir noch keine Zulage versprochen, meine schöne Clara?«

»Nein, nein,« entgegnete diese finster, »wenn man mir sie auch verspricht, so gehe ich doch nicht in's blaue Zimmer.«

»Das wird man dir schon sagen, mein Lieb,« erwiderte finster lachend Therese. »Man bestellt dich und du kommst. Damit ist die Sache abgemacht.«

»Ich bin keine Sklavin,« versetzte stolz die junge Tänzerin. Und dabei warf sie ihre Lippen auf und ihr Auge blitzte.

Therese lächelte still vor sich hin, dann blickte sie in die Höhe zu einem gemalten Palmbaume, der seine riesige Blätterkrone über die drei Mädchen ausstreckte und sagte: »Wir stehen gerade unter dem rechten Symbol; du meinst, wir seien keine Sklavinnen, das heißt Sklavinnen, was die Leute so darunter verstehen – Sklavinnen, die in jenen Ländern wohnen unter einem freundlich lachenden und sonnigen Himmel, von Blumen umgeben und schönen Früchten, die nicht Kälte und Hunger kennen. Nein, du hast Recht, solche Sklavinnen sind wir nicht. – Aber unsere Sklaverei ist viel härter, viel dauernder, viel grausamer. Diejenigen, welche mit einem dunkeln Gesichte auf die Welt kommen, wissen ganz genau, daß einmal eine Abstufung zwischen ihnen und ihren weißen Schwestern besteht; warum hat Gott die beiden Rassen geschaffen? Er hat wohl seine Gründe dazu gehabt. Aber wir, Sklavinnen durch Geburt und Verhältnisse, obgleich unser Gesicht nicht eine Idee dunkler ist, als das der Anderen, die mit Verachtung auf uns herabschauen – übrigens bin ich mit meinem Gesichte wohl zufrieden – wir haben das volle Recht, unseren Zustand bitterer zu empfinden, als jene Anderen. Und welch' Herzeleid thut man ihnen, das uns nicht doppelt geschieht?«

»Weil wir Tänzerinnen sind,« seufzte Clara mit gefalteten Händen.

»Nicht blos weil wir Tänzerinnen sind,« fuhr die Andere fort, Und bei jedem Worte, das sie sprach, blitzten ihre weißen Zähne. »Seht unter all' euren Bekannten nach der ganzen Klasse, der wir angehören: alle wir, die wir keine Schuld daran haben, daß wir nicht vornehm geboren wurden, wir alle sind Sklavinnen und haben ein härteres Loos als Jene, die wirklich so heißen.«

»Da ist ein neues Buch geschrieben worden,« sagte Clara; »habt ihr davon gelesen? Mein Vater übersetzt es zu Hause für einen Buchhändler und ich lese die Korrekturbogen.«

»Freilich habe ich es gelesen,« erwiderte die andere Tänzerin, »und die Absicht der Verfasserin ist gewiß lobenswerth; aber lächerlich ist es, wie man bei uns dafür schwärmt, wie man sich an fremdem, vielfach eingebildetem und übertriebenem Elend wollüstig erlabt, während man dicht vor der Nase dasselbe in noch viel größerem Maßstabe hat.«

»Therese spricht wie ein Buch,« versetzte die Blondine. »Aber es ist begreiflich und ich beneide dich wahrhaftig um deine Sucht, Alles zu lesen und dich über Alles belehren zu lassen.«

»Das kommt daher,« bemerkte Therese mit ruhigem Tone, »weil ich nur mit gebildeten Leuten umgehe und vielen Sinn für alles Schöne und Gute habe. An mir ist mindestens eine ganze Gräfin verloren gegangen.«

»Man sagt sogar, du seiest eine halbe Prinzessin,« meinte lachend die blonde Tänzerin.

Therese zuckte mit den Achseln, dann fuhr sie fort: »Und seht nur die meisten von Denen an, welche für die Leiden jener unglücklichen Geschöpfe scheinbar so warm fühlen und Alles thun zur Verbreitung des Buches, um der Welt zu sagen, wie schrecklich es in jenen fernen Ländern zugehe, wie es so christlich und nothwendig sei, jenen Unglücklichen ein paar stille Thränen zu weihen, seht sie euch doch an! Ich kenne Leute, die nach der Sklaverei so viele tausend Meilen von sich ausschauen und die zu Hause darüber stolpern; die das Elend jener unglücklichen Menschen täglich und stündlich beklagen, und die in ihrem Hauswesen und für ihre Mitmenschen selbst die scheußlichsten Sklavenhändler sind. – Ah! ich rede mich in eine wahre Wuth hinein.«

»Und du übertreibst,« sagte Elise.

»Worin übertreibe ich? Bist du nicht verkauft – bin ich nicht verkauft, sind es nicht all die tausend armen Mädchen, die für ihr täglich Brod arbeiten? Vorausgesetzt, daß sie hübsch sind. – Und an wen sind sie verkauft? Vielleicht wie jene Schwarzen an einen Herrn, der sein Interesse dabei hat, sie gut zu behandeln, damit er sie erhält? – Nein! tausendmal nein! Was kümmert sich Dieser oder Jener bei uns um ein armes Mädchen, das ihm heute gefallen? Er läßt sie durch die Finger gleiten, läßt sie so tief sinken, als ihm beliebt; er fragt nicht, ob sie Hunger und Kälte ausstehen muß, und wenn er ihr nach Jahren begegnet, dem Mädchen, jetzt abgehärmt und elend, das er früher jung und schön in seine Arme gedrückt, so zuckt er verächtlich die Achseln oder er lacht über sie.«

»Aber man kann mein Kind nicht wie dort verkaufen,« sprach nachsinnend die blonde Tänzerin.

»Leider! leider!« rief heftig die Andere. »Wo könnte man die armen Dinger verkaufen, daß sie in Hände kämen, die sie ordentlich nährten und verpflegten, statt daß deren Tausende bei ihren Müttern in Kummer und Elend zu Grunde gehen! Und wozu soll Manche ihr Kind erziehen? Zu dem Geschäft, das sie selbst treibt? – Ah! das muß ich sagen, da sieht sie ein glückliches Loos vor Augen und blickt in eine schöne Zukunft, wenn sie ihrem armen kleinen Kinde den rothen Mund küßt!«

»Ja, es ist für viele besser, wenn sie sterben,« sagte Clara mit leisem, traurigem Tone.

»Aber wir leben,« erwiderte Therese, dies energische und schöne Mädchen. »Und ich meines Theils will Allem trotzig die Stirn bieten, was über mich hereinbrechen will. – Denen da draußen,« – damit streckte sie ihre rechte Hand gegen das Publikum aus, das man lachen und applaudiren hörte, – »denen habe ich einen ewigen Krieg geschworen, und ich führe ihn auf meine eigene Art. Es sollte mich wahrhaftig gar nicht wundern, wenn ich nicht für meine vielen glücklichen Siege noch einmal General würde.« Damit warf sie den Kopf stolz in den Nacken und verschwand in dem Dunkel der Koulissen.

Clara blieb noch einen Augenblick nachsinnend stehen, dann sagte sie still für sich: »Sie hat nicht ganz Unrecht; habe ich doch gestern in dem Buche gelesen, daß die Sklavinnen, ehe man sie verkauft, wie eine Waare untersucht werden. – Ah! etwas Aehnliches schien der da hinten auf der Bühne auch mit mir vorzuhaben. – Und er wird in seinen Versuchen nicht ablassen. – Fürchterlich! Fürchterlich!« seufzte das junge Mädchen, und ein tiefer Schauder durchbebte ihren Körper.

 

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