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Europäisches Sklavenleben. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Erster Band - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Erster Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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32. Im Fuchsbau

Der geneigte Leser wird sich vielleicht erinnern, daß wir ihn in einem früheren Kapitel in einen entlegenen Theil der Stadt führten, wo sich in der Nähe des großen Fruchtmarktes, in dem ältesten Theile der Stadt, ein Zusammenbau von alten massiven Häusern befand, die mit zahlreichen Ein- und Ausgängen auf verschiedene Straßen ziemlich sichere Schlupfwinkel waren für allerlei Leute, welche Ursache hatten, die Oeffentlichkeit zu scheuen und der spähenden Polizei nicht unter die Augen zu kommen.

Diese Gebäude, in früheren Zeiten einzeln stehend, waren nach und nach durch Anbaue der verschiedensten Art vereinigt worden. Nach Bedürfniß hatte man Gänge angebracht, Mauern durchschlagen, Höfe überbaut und solchergestalt die Wohnungen untereinander verbunden, so daß aber das Ganze im Innern ein wahres Labyrinth wurde, durch welches den Ein- und Ausgang zu finden für einen Uneingeweihten sehr schwierig, ja in gewissen Theilen ganz unmöglich wurde. Hier befanden sich Ausgänge, die auf irgend einen finstern Hof mit vielen Thüren führten, wo ein des Weges Kundiger, wenn er gerade verfolgt wurde und nur wenige Schritte Vorsprung hatte, plötzlich verschwand, um durch einen andern Eingang des Gebäudes wieder zurückzukehren, ehe der Verfolger ihn zu Gesicht bekam.

Der wirklichen Ausgänge auf die Straßen waren es außerordentlich viele, und obgleich man sie alle kannte, und es nicht schwer gewesen wäre, sie im Falle einer Durchsuchung zu besetzen, was übrigens schon häufig genug geschehen war, so zuckten doch die erfahrensten Polizei-Offizianten bei solchen Veranlassungen die Achseln und nannten das ein vergebliches Bemühen; denn sie seien überzeugt, so sagten sie, es befänden sich da geheime Ein- und Ausgänge durch benachbarte Keller oder Gott weiß wo sonst, von denen Keiner von ihnen eine Ahnung habe.

Natürlicherweise war aber der Sicherheitsbehörde der Eintritt in diese Gebäude durchaus nicht verwehrt und konnte sie hier ihren Amtsgeschäften nachgehen, so oft sie es für nöthig erachtete.

Es wohnten hier eine Menge Familien von den verschiedenartigsten Gewerben, ja in einem Theile befanden sich sogar ein paar elegante Läden, sowie Werkstätten von Schmieden, Wagnern, Sattlern und dergleichen mehr. Von dem Ganzen besaß die hohe Polizei einen sauber gearbeiteten und sehr korrekten Grundriß, den man einstens durch den Stadtbaumeister aufnehmen zu lassen für nothwendig befunden hatte, und darin waren auch die Familien verzeichnet, wo sie wohnten, wie viele Zimmer sie inne hatten, und es wurde strenge darauf gehalten, daß die verschiedenen Aus- und Einzüge der Behörde augenblicklich gemeldet wurden.

Obgleich nun so das ganze Anwesen scheinbar klar und durchsichtig vorlag, so war der Fuchsbau dennoch, wie wir schon oben angedeutet, eine wahre Räuberhöhle und wimmelte von Dieben, Betrügern und allem möglichen Gesindel mit seinem so nothwendigen und zahlreichen Anhang von Hehlern jeder Art. Wie oft hatte man auf dringenden Verdacht plötzliche Haussuchungen angestellt, ohne je etwas gefunden zu haben; der gegründetste Verdacht war nie gerechtfertigt worden, und so fand denn auch die Gerechtigkeit keinen triftigen Grund, den Fuchsbau, wie man schon mehrmals in Vorschlag gebracht hatte, entweder ganz niederzureißen, oder in seiner ehemaligen Gestalt wieder herzustellen durch Entfernung der verschiedenen Anbaue mit ihren labyrinthischen Treppen und Gängen, – ein Vorschlag, dessen Ausführung übrigens auch noch wegen des Kostenpunkts und der Gefährlichkeit in baulicher Beziehung seine Schwierigkeiten gehabt hätte.

Wir haben schon vorhin gesagt, daß das Ganze den Namen des Fuchsbaues hatte; ein besonderer Theil hieß aber der Gasthof zum Fuchsbau, und in diese stillen Gemächer wollen wir den geneigten Leser unsichtbar einzuführen uns erlauben, was so ohne Gefahr geschehen kann, wogegen er in Wirklichkeit mit einem guten Rock bekleidet ein sehr unwillkommener Gast sein würde.

Es ist draußen ein unheimliches naßkaltes Wetter; Schnee, Regen und Wind jagen einander in den engen Durchgang hinein, von dem wir schon früher sprachen, und da bei dieser Hetze die erstgenannten leichten Gesellen verschmolzen und verflogen sind, ehe sie der Sturm recht erfassen kann, so läßt er nun seine Wuth an einer alten Laterne aus, die an rostigen Ketten von dem Gewölbe niederhängt und ächzend hin und her weht.

In dem Durchgang befindet sich jene uns schon bekannte kleine eiserne Gitterthüre, von schweren Stangen gemacht, mit einem sehr soliden und künstlichen Schlosse, sowie oben und unten mit Riegeln versehen, die, wenn sie vorgeschoben sind, ungreifbar in das Eisen zurückfallen und nur durch eine künstliche Vorrichtung wieder zurückgezogen werden können.

Hinter dieser Thüre beginnt eine schmale steinerne Wendeltreppe, die oben auf eine einzige, wieder verschließbare Thüre führt; dann kommt ein gewölbter Gang, spärlich von einem stark eingetriebenen Gaslicht beleuchtet, auf welchen mehrere Thüren münden. Durch eine derselben treten wir geräuschlos ein und befinden uns nun in einem großen Gemache mit braunen Holzwänden, eben solcher Decke und einem mächtigen Kachelofen. Das Mobiliar desselben besteht aus langen, schweren, eichenen Tischen und Bänken; in einem hohen Eckschranke sind Gläser und Flaschen aller Art verwahrt. Neben diesem Büffet befindet sich ein einzelner Stuhl, ein alter Lehnsessel, in welchem ein kleines vertrocknetes Weib sitzt, welches die Hände in den Schooß gelegt hat und das eine Kellnerin vorstellt. Sie scheint unachtsam vor sich hinzustarren, doch sieht ein aufmerksamer Beobachter, daß sie unter ihren grauen buschigen Augenbrauen die glänzenden kleinen Augen unruhig hin und her laufen läßt. Vor ihr liegt ein großer Hund, dessen zottiges Fell ihr als Fußschemel dient; neben ihr, zwischen dem Eckschranke und der Wand, befinden sich, an starken Dräthen von der Decke herabhängend, mehrere Handgriffe, die wie Klingelzüge aussehen; es sind dies aber nicht so ganz harmlose Gegenstände und auf ihnen beruht theilweise die Sicherheit des Hauses. Der Zug an einem derselben gibt dem Hausknecht ein Zeichen, die Thüren zu öffnen und zu schließen, ein anderer ist eine Art Telegraph, der durch gewisse Zeichen mit den Nebenzimmern kommuniziren kann, ein dritter steht mit einer Alarmglocke für das ganze Haus in Verbindung, und der vierte endlich beherrscht die Gasleitung des Gebäudes und kann durch einen einzigen Zug Alles in die dichteste Finsterniß versetzen.

Das Zimmer, in dem wir uns befinden, ist also, obgleich das allgemeine Schenkzimmer des Gasthofes zum Fuchsbau, zugleich auch die Portierstube für sämmtliche Gebäude, und das alte Weib, ein hartes, verschlagenes, listiges Wesen, wurde mit großer Sorgfalt zur Pförtnerin auserwählt. Und man hätte keine bessere finden können: sie hatte alle Abstufungen des Diebslebens durchgemacht und wer sie bei Vertheilung von Beute oder beim Verkauf gestohlener Gegenstände überlisten wollte, der mußte sich zusammennehmen.

An einer der langen Tafeln befanden sich vier Männer, von denen drei in einigem Gespräch begriffen waren, der Vierte aber mit dem Kopf an die Wand lehnte und zu schlafen schien. Dies war ein schlank gewachsener großer Mann in den Dreißigen, der regelmäßige Züge, schwarzes Haar und einen gut gepflegten, dichten schwarzen Bart hatte. Seine Kleidung dagegen war sehr unordentlich und abgerissen; er trug einen fadenscheinigen, grauen Jagdrock, an dem sich vorn auf der Brust nur ein einziger Knopf befand, schwarze, zerlumpte Hosen, und wenn man den einen Fuß genau betrachtete, den er vor sich auf die Bank gelegt, so sah man, daß der Stiefel aufgetrennt und die Sohlen fast gänzlich zerrissen waren.

Die drei Anderen saßen etwas entfernter; Einer mit krausem, röthlichem Haar hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf auf die Fäuste gelegt. Er hatte ein plumpes, obgleich nicht unangenehmes Gesicht, das aber, besonders die Nase, stark geröthet war. Dieser war einfach, aber gut gekleidet; er trug Lederhosen, hohe Stiefel und ein Wamms von dickem, dunkelblauem Wollenstoff.

Der Zweite lehnte hinten über an die Bank, war mit schäbiger Eleganz gekleidet, hatte ein hiezu passendes mageres Gesicht mit abgefeimten Zügen. Derselbe rauchte eine Cigarre, deren Dampf er empor blies, um ihm behaglich nachzuschauen.

Der Dritte endlich beugte sich über den Tisch, ließ kleine Brodkugeln aus seinen Fingern fallen und schien irgend etwas erzählt zu haben. Dieser, obgleich am besten gekleidet – er trug eine gutgemachte und saubere herrschaftliche Livree – hatte das unangenehmste, ein wahrhaft widerliches Gesicht. Sein vorn fast nackter Schädel wurde von wenigen Haaren umflattert, die er von hinten hervorzukämmen versuchte, und an denen er beständig mit der Hand strich, um die widerspenstigen nach seinem Willen zu gewöhnen. Er schielte ein klein wenig und machte beständig ein spitzes Maul, um welches fast immer ein fades Lächeln spielte.

Diesen Männern gegenüber, fast hinter dem Ofen, befanden sich zwei Frauenzimmer, deren Gewerbe nicht zu verkennen war, denn neben der Einen lehnte eine Harfe an der Wand, während auf der Bank zwischen Beiden eine Guitarre mit einem Band von verblichener Farbe war. Zwei Bündel befanden sich auf dem Tische neben einer Schüssel, woraus sie eine Suppe gegessen zu haben schienen; der Löffel der Einen lehnte am Rande des Gefäßes, während die Andere den ihrigen vor sich niedergelegt hatte. Sie waren von verschiedenem Alter und sehr ungleichem Aeußern; die Erste mochte wohl an die Dreißig sein, während die Andere das zwanzigste Jahr kaum zurückgelegt hatte. Die Aeltere erschien als eines jener leichtfertigen Wesen, welche Musik treiben, so lange Jemand da ist, der ihnen zuhört, dann aber gerne an einer freundlichen und innigeren Unterhaltung theilnehmen. Sie hatte ein rothkarrirtes Wollenkleid an, und da es ziemlich tief ausgeschnitten war, so bemerkte man ihre vollen Formen, die sie auch durchaus nicht zu verbergen strebte, denn ein kleines Halstuch hatte sie neben sich auf die Bank gelegt. Ihr Gesicht war wettergebräunt, hatte einen kecken, verwegenen Ausdruck, dicke, etwas aufgeworfene Lippen und dunkle, lebhafte Augen. Das Haar trug sie in zwei schwarzen Flechten, die um die Ohren herum an den Hinterkopf liefen, dabei hatte sie einen sogenannten schiefen Scheitel, und war das offenbar ein Mittel, um einige sehr dünne Stellen ihres Haarwuchses zu verdecken.

Die Andere, die, welche den Löffel neben sich gelegt hatte, war ein schlankes, schmächtiges Mädchen mit einem schmalen, bleichen Gesichte und blondem Haar. Ihre blauen Augen konnte man selten sehen, da sie meistens vor sich niedersah; ihre Züge drückten Bescheidenheit, Furcht und Scham aus; auch schien sie sich in ihrer Umgebung gar nicht behaglich zu fühlen, denn wenn sie, was bisweilen geschah, einen schnellen Blick rings durch das Zimmer und über die nebensitzenden Männer laufen ließ, so überflog ihre blassen Wangen eine leichte Röthe, und wenn je einer vom anderen Tische herüber sah, so schrak sie ordentlich zusammen.

Der in der Livree hob sein fast leeres Glas in die Höhe, schlürfte den letzten Tropfen daraus, und wandte alsdann seinen Kopf der Alten zu, die in ihrem Lehnstuhle zu schlafen schien.

»He da! Wein!« rief er, indem er seine leere Flasche auf den Tisch stieß.

»Zuerst Geld,« entgegnete die Alte, ohne ihre Stellung zu verändern.

»Geld?« sagte der Andere, gezwungen lachend. »Ich habe keins mehr; du kannst ankreiden oder kannst mich auch meinetwegen traktiren. Es wäre nicht mehr als billig, wenn wir Alle hier auf Unrechtskosten lebten.«

»Gebt ihr Geld, so bekommt ihr Wein,« erwiderte ruhig die Alte.

»Ich sage dir aber, ich habe keinen Kreuzer mehr.«

»Und Durst für viele Gulden,« meinte der mit dem rothen Haar.

»Es ist mein Ernst,« fuhr der in der Livree fort, »daß du es aufschreiben sollst, Alte. Man wird doch wohl hier in dem verfluchten Hause noch Kredit haben?«

»Ihr aber habt in dem verfluchten Hause nicht den geringsten Kredit mehr,« erwiderte das Weib. »Ueberhaupt habt ihr genug gesoffen und könnt nach Hause gehen.«

»Du willst uns heimschicken?« entgegnete der Andere höhnisch. »Ich habe nun einmal Lust, die ganze Nacht da zu bleiben; ich will Wein haben und da die Harfenmädel sollen aufspielen. Nachher bitte ich mir ein Zimmer aus; – was meinst du, Nanett?« – Dabei kniff er gegen das ältere der beiden Mädchen das linke Auge zu.

Die Alte würdigte ihn übrigens gar keiner Antwort mehr.

»Na, ich gebe dir noch einen Schluck,« sagte der im schwarzen Frack, indem er seine Cigarre aus dem Munde nahm und seine etwas gelben Vatermörder in die Höhe zupfte. »Du bist trotz deiner glänzenden Livrée doch ein armes Luder. Ich möchte nicht in deinem Rocke stecken.«

»Bah! Und warum nicht? – Wegen des elenden Messerstichs?«

»Ja, ja, wegen des elenden Messerstichs!« lachte der mit dem rothen Haar, indem er seinen Kopf erhob und mit der frei gewordenen Faust sein Glas ergriff, das er austrank.

»Wie war doch die Geschichte eigentlich?« fragte der elegant Aussehende.

Der Gefragte warf ihm einen prüfenden Blick zu, der sagen wollte: kann ich dir auch trauen oder hast du vielleicht im Sinne, die Geschichte irgendwo zu berichten? – doch zuckte er gleich darauf die Achseln und sprach wie zu sich selber: »Teufel! es ist ja ziemlich bekannt und es fällt mir auch gar nicht ein, es zu leugnen. – Wir brachen in der Vorstadt ein, wie ihr Alle wißt, Thomas, der schwarze Johann und ich.«

»Bei deinem Herrn?« sagte lachend der Eine.

»Aber nicht in seiner Livree!« meinte der Andere.

»Laßt doch eure schlechten Späße! – Genug, wir brachen ein, – es ist eigentlich kein Einbruch zu nennen, denn ich hatte ja alle Riegel zurückgeschoben; auch ging Alles glücklich von statten, – wir nahmen eine hübsche Summe und Silbergeschirr, nachdem wir vorher den Alten gebunden, und kamen glücklich in's Freie.«

»Dabei hättest du es auch belassen sollen,« sagte der mit dem rothen Haar. »Weßhalb gingst du wieder zurück?«

»Eigentlich nur in der Absicht, um nachzusehen, ob wir ihn auch recht fest gebunden. Und meine Vorsicht war nicht unnöthig, denn er hatte die rechte Hand frei gemacht und wollte sich gerade den Knebel aus dem Munde ziehen; deßhalb gab ich ihm einen tüchtigen Messerstich.«

»Falsch! falsch!« versetzte der im schwarzen Frack, indem er den Dampf der Cigarre weit von sich blies. »Er wurde noch am andern Morgen fest gebunden und geknebelt gefunden, und die Zeitungen machten nun ein großes Geschrei wegen der Unmenschlichkeit der Räuber. Wie hieß es doch? – eine solche That muß um Rache schreien, und die Vergeltung kann nicht ausbleiben. Nicht genug, daß die eingedrungenen Verbrecher den armen Mann knebelten, einer dieser Bösewichte kehrte auch zurück und versetzte ihm aus teuflischem Muthwillen mehrere Messerstiche.« »Hörst du?« sagte der Rothhaarige. »Aus teuflischem Muthwillen! Und das soll der Herr gewaltig übel genommen haben.«

»Welcher Herr?« fragte der andere in naseweisem Tone und warf verächtlich die Lippen auf.

»O Bürschlein, Bürschlein!« lachte der im schwarzen Frack; »nimm dich zusammen; hier haben die Wände Ohren.«

»Was geht das mich an? – Bin ich deßhalb ein Dieb geworden, um mich schulmeistern zu lassen? Das sollte mir fehlen!«

»Er hat zu viel getrunken. – Ich will dir einen guten Rath geben: mach', daß du nach Hause kommst, und wenn du ausnahmsweise einmal klug sein willst, so laß dich in den nächsten vier Wochen nicht im Fuchsbau sehen.«

»Das wird ihn wenig helfen, wenn er ihn suchen läßt; und ich glaube fast, er hat ein Auge auf dich geworfen.«

»Gleichviel; jetzt will ich trinken!« erwiderte der Andere, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Wein her! – Und wenn du mir nicht auf mein ehrliches Gesicht' borgen willst, alte Canaille, so nimm' hier meine Uhr; ich löse sie morgen wieder ein.« Damit stand er auf, um zu dem Weibe zu gehen, die noch immer keine Silbe geantwortet hatte. Als er aber in die Gegend des Ofens kam, wo die beiden Mädchen saßen, blieb er lächelnd stehen, stützte beide Arme auf den Tisch und sagte leise und widerlich lachend zu der Aelteren: »Ich versetze die Uhr nur um deinetwillen, Schatz, denn ich weiß, daß du eine kostbare Geliebte bist.«

Das Mädchen zuckte verächtlich mit den Achseln, schlug alsdann die Arme übereinander und schaute ihn mit einem festen und unaussprechlich frechen Blicke an.

»Nun, nun,« sagte er, halb zurückfahrend; »beiß' mich nur nicht! Willst du denn nie und nimmer zahm werden, nie freundlich und nachgiebig?«

»O ja!« entgegnete das Mädchen laut lachend, »gegen Jeden, der mir gefällt, aber nie gegen dich – dich, unseres Herrgotts miserabelsten Knecht.« »Ich will dir was sagen,« versetzte der Lakai: »was soll man sich mit dem dürren Holze abplagen, wenn grünes daneben wächst! Mach' mir Platz, ich will mich ein wenig bei der kleinen Blonden niederlassen. – Gott verdamm' mich! mach' Platz, sag' ich, oder ich will dir zeigen, wo du her bist, Harfenmensch, erbärmliches!

Die Aeltere von den beiden Mädchen, die wohl wußte, daß hier eine kleine an ihr verübte Mißhandlung nicht sehr beachtet würde, besonders da augenblicklich keiner ihrer Freunde und Beschützer da war, duckte sich auf die Seite, um dem Kerl zwischen sich und dem andern Mädchen Platz zu machen. Diese aber faßte verzweiflungsvoll ihren Arm, drückte sich fest an sie und flehte mit leiser Stimme, sie möge sie um Gotteswillen nicht in der Gewalt des rohen Menschen lassen.

»Das pipst auch schon gegen mich,« sagte er hohnlachend; »die hast du wahrscheinlich dressirt: es ist mir aber gleichviel, ob du freiwillig oder unfreiwillig mit mir gehst. Wer einmal hierher kommt, der bietet sich an; das ist von jeher so gehalten worden und wirst du nicht ändern wollen.«

Das junge Mädchen schaute ihre Gefährtin mit einem verzweiflungsvollen, fragenden Blicke an, als wenn sie sagen wollte: ist das so, spricht er die Wahrheit? – Bin ich hier in die Gewalt eines Jeden gegeben, der seine Hand nach mir ausstreckt? – Es war das ein entsetzlicher Blick, ein Blick voll Jammer und unaussprechlichen Elends, den sie jetzt auf ihre ältere Gefährtin richtete. Dabei öffnete sie erschrocken den Mund, und zwei Thränen rollten langsam über ihre blassen Wangen hinab.

Der Lakai bemühte sich gerade, zwischen dem Tisch und der Bank herum zu kommen und sich neben seine Beute zu setzen, als er sich auf einmal auf die Schulter getupft fühlte. Er wandte sich um und sah den mit dem schwarzen Frack hinter sich stehen; dieser streifte ruhig die Asche seiner Cigarre mit den Fingern ab, dann sagte er im freundlichsten Tone von der Welt: »Laß deine Finger davon, Jakob; ich war eher da als du und habe mit der kleinen Mamsell schon Alles in's Reine gebracht. – Nicht wahr, mein Schatz?«

Das blonde Mädchen, dem sein Beschützer in diesem Augenblick nicht minder schrecklich erschien wie sein Verfolger, blickte in die Höhe und wußte nicht, was es antworten sollte.

»Sage nur ja,« flüsterte ihr Nanette zu, »das ist doch Zeit gewonnen.«

»Nicht wahr, mein Kind?« fuhr der Elegante fort, indem er sich unternehmend durch sein Haar strich; »wir kennen uns schon; sage nur ungenirt diesem Herrn, daß du mir unbedingt den Vorzug einräumen wirst. Ich denke, da wird keinem vernünftigen Mädchen die Wahl schwer werden.«

Als ihre Begleiterin sie nochmals anstieß, hauchte das arme Geschöpf ein leises Ja, worauf eine tiefe Röthe ihr Gesicht überflog und sie den Kopf weit herab auf die Brust sinken ließ.

»Ich bitte, sich also nicht weiter zu bemühen,« sagte der neue Beschützer zu dem Lakaien. »Komm' hinter dem Tische vor und mach' keine Ungelegenheit. Wenn ich auch weiß, daß man Streitigkeiten hier nicht gerne sieht, so soll es mir doch gar nicht darauf ankommen, dir nötigenfalls ein paar Knochen im Leibe zu zerschlagen. – Aber darum keine Feindschaft.«

»Nein, um solche Waare gewiß keine Feindschaft,« entgegnete der Lakai, der sich schnell faßte, die Sache in einen Scherz verwandelte und darauf lustig lachend hinter dem Tische vorkam, worauf Beide zusammen sich wieder an ihren alten Platz zurückbegaben.

Die Mädchen blieben stumm nebeneinander sitzen; Nanette hatte ihre beiden Hände vor sich auf den Tisch gelegt und schien aufmerksam ein paar Ringe an ihren Fingern zu betrachten, in Wahrheit aber schaute sie darüber hinweg und war in tiefes Nachdenken versunken.

Nach einiger Zeit stieß die Jüngere sie an und sagte leise: »Können wir nicht irgend wohin zu Bette gehen? Ich bin so furchtbar müde.« Nanette fuhr darauf aus ihren Träumereien empor, ließ sich die Frage nochmals wiederholen und entgegnete alsdann: »Hast du Geld?«

»Noch zwei Gulden,« versetzte die Blonde, »und ich will sie gern opfern, um mit Ihnen allein sein zu können.«

»Nun, es ist mir am Ende auch lieber als hier auf der Bank,« antwortete Nanette; »wir können noch ein wenig plaudern.« Dann stand sie auf, ging zu der Alten hin und sagte ihr leise einige Worte.

Diese nahm aus ihrem Schrank einen Schlüssel und einen zinnernen Leuchter mit einem Talglichte und händigte Beides dem Mädchen ein, jedoch nicht eher, als bis sie vorher ihre knöcherne Hand aufgehalten und dafür einiges Geld in Empfang genommen hatte.

Nanette nahm die Harfe und ihr Bündel, die andere ihre Guitarre und darauf verließen Beide das Zimmer.

Der mit dem schwarzen Frack wandte den Kopf herum. – »Welche Nummer?« fragte er das Weib.

»Vierundzwanzig,« entgegnete diese; worauf derselbe beruhigt mit dein Kopfe nickte.

 

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