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Europäisches Sklavenleben. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Erster Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Erster Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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30. Gesellschaftliche Korrespondenzen

Um drei Uhr sollte die Probe beginnen, und man hatte bis dahin noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit.

Der Bediente trat in das Zimmer und überreichte der Kommerzienräthin zwei Briefe. Sie öffnete dieselben, las sie durch und reichte sie dann ihrem Sohne Arthur.

»Hochverehrteste Frau Räthin,« hieß es in dem einen, »Sie werden wahrscheinlich überzeugt sein, wie außerordentlich schätzenswerth und höchst angenehm mir jede Ihrer freundlichen Einladungen ist. Deßhalb kämpfte ich auch bis heute, ja bis um diese Stunde, ehe ich den Entschluß fassen konnte, Ihnen vorliegende Zeilen zu übersenden, mit denen ich Ihnen, hochgeschätzte Frau, unter tiefstem Bedauern anzeigen muß, daß es mir unmöglich ist, in den lebenden Bildern mitzuwirken. Natürlicherweise können Sie verlangen, den Grund dieses meines harten Kampfes und späten Schreibens zu erfahren; aber nehmen Sie es mir nicht übel, werthgeschätzte Frau, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage. Es wurde gestern nämlich gerüchtsweise bei Obertribunalraths erzählt, es sei durch Ihren Herrn Sohn Arthur auch eine Einladung zu den lebenden Bildern an den Doktor F. mit seiner Frau gelangt! – Wenn diese Leute auch hie und da in größeren Gesellschaften gesehen werden, so bin ich fest überzeugt, daß Sie, werthgeschätzte Frau, doch Anstand nehmen, sie zur Aufführung lebender Bilder einzuladen. In einer Soirée kann man sich ausweichen, aber in einem Tableau – meine Töchter befinden sich in unbeschreiblicher Aufregung und Angst. Denken Sie, wenn es Ihrem Herrn Sohn, dem Herrn Maler Arthur, am Ende einfiele, die Frau Doktor F. in einem Bild neben meine Julie oder meine Emilie zu placiren! Ich bin fest überzeugt, die Frau würde darauf hin eine nähere Bekanntschaft versuchen, und dafür müßte ich – doch ganz besonders danken. Uebrigens bin ich wie immer mit aller Freundschaft

Ihre Albertine Wasser,
verwittwete Tutelar-Räthin.«

Die Kommerzienräthin hatte, während ihr jüngster Sohn las, jede Miene desselben mit Ruhe aber großer Bestimmtheit betrachtet, ja, sie war mit ihrer langen spitzen Nase seinen Augen gefolgt, wie sie auf dem Papier hin und her liefen, und als bei Erwähnung des Doktors F. und Frau ein verächtliches Lächeln über seine Züge flog, drückte die alte Dame ihre Augenbrauen finster herab und trommelte drohend und in einer unbeschreiblichen Taktart auf dem Tische.

»Nun?« fragte sie streng, nachdem Arthur den Brief durchlesen und nun lächelnd aufschaute. »Was ist an dieser Geschichte?«

»Sie kennen ja den Doktor F. und seine liebenswürdige Frau,« erwiderte Arthur, – »einen meiner besten Freunde; sie wurden Ihnen durch mich vorgestellt.«

»Das weiß ich; – aber die andere Geschichte!«

»Sie machten mit Papa auch einen Gegenbesuch.«

»Schicklichkeitshalber. Aber –«

»Sie luden die Beiden im vergangenen Winter zu dem großen Thé dansant ein,« fuhr der Sohn ruhig fort.

»Das that ich,« entgegnete sehr ernst die Mama, »erstens, weil ich auf deine Bitten die Vorstellung geduldet, zweitens, weil sich die Leute, so lange sie hier sind, nicht unanständig aufgeführt, und drittens, weil, wie die verwittwete Tutelar-Räthin ganz richtig bemerkt – das bei einer großen Soirée in der Menge verschwindet.«

»Aber F.'s waren auch später noch einmal da,« sagte Arthur, indem er den Brief leicht auf den Tisch warf und die rechte Hand fest auf diesen stützte – eine Haltung, die Jemand annimmt, der zum ernstesten Widerstand entschlossen ist.

Die Nase der Kommerzienräthin erhob sich einen halben Zoll höher. Sie hörte auf zu trommeln und griff nach ihrem Sacktuche, in das sie leise hineinhustete. – »Allerdings hast du Recht,« fuhr sie darauf mit nicht weniger Ruhe fort, als ihr Sohn; »das geschah abermals auf deinen dringenden Wunsch und war eine ganz kleine Gesellschaft, die ich mit großer Umsicht für die F.'s ausgesucht. Dabei war unter anderen der Buchhalter deines Papa's nebst seiner Frau, dein – Freund und Kollege, der Professor C. und ähnliche Leute. – Aber die Geschichte, die in dem Briefe angedeutet ist, wie ist es damit?«

»Doktor F. wurde mit seiner Frau von Ihnen zum Zusehen eingeladen, ist also doch einmal von der Gesellschaft. Da ich nun die Frau in einem der Bilder sehr gut brauchen kann,« fuhr Arthur in sehr entschiedenem Tone fort, »so bat ich ihn ebenfalls zur Probe. – So ist die Geschichte, und also hat die verwittwete Tutelar-Räthin Recht.«

»Ah!« machte die alte Dame, und ihre Augen schossen ein paar Blitze auf den ungerathenen Sohn. Sie ergriff darauf abermals ihr Taschentuch und hustete stärker hinein als früher. Dann brachte sie ihre rechte Hand wie vorhin auf den Tisch und begann ihr Trommeln von Neuem. Diesmal aber war es unverkennbar der Rhythmus eines Sturmmarsches.

Einen Augenblick schaute sie alsdann fragend im Kreise umher, als wollte sie jeden Einzelnen auffordern, über diese unerhörte That einige mißbilligende Worte zu sagen.

Aber alle schwiegen; nur Alfons neigte den Kopf auf die Seite, lächelte fatal und sagte: »Das hättest du nicht thun sollen, Arthur.«

»Und warum nicht?« fuhr dieser auf.

»Weil die F.'s nun einmal nicht zu unserer – Gesellschaft gehören.«

»Sie sind uns vorgestellt, sie kommen in unser Haus!«

»Aber sie haben nicht das Recht, eine Einladung zu prätendiren; sie sind nur geduldet,« meinte Alfons, während er seine Brille näher an die Nase drückte.

»Und weßhalb sind sie bloß geduldet?« brauste der Maler stärker auf. »Wer hat das Recht, den Doktor F., dessen Name, ja dessen kleiner Finger mehr werth ist als zwei Dutzend Räthinnen mit ihrem Anhang, nur zu dulden? Wer kann sich unterstehen, dieser braven Frau gegenüber von Duldung zu sprechen? – einer ehrbaren, verständigen, musterhaften Frau, in jeder andern Stadt eine Zierde der Gesellschaft.«

»Und eine schöne Frau,« sagte Alfons höhnisch.

»Ja wohl, eine schöne Frau, Alfons!« rief der Maler. »Das wirst du, wie ich mich erinnere, ganz genau wissen, und ebenso kannst du mir am besten beistimmen: eine brave und tugendhafte Frau. – Nicht wahr, Alfons, davon –«

Er wollte sagen: »davon hast du einstens Beweise erhalten,« aber er bemeisterte sich glücklicherweise, doch wohl nur, weil er einem bittenden Blick seiner Schwester Marianne begegnete.

»Was ist es denn eigentlich mit dieser Frau?« fragte die Schwiegertochter der Kommerzienräthin von ihrem Fauteuil aus, ohne aber ihre Lage dabei im geringsten zu verändern.

»Das will ich dir sagen, Bertha,« fuhr der Maler fort. »Wir sind ja hier unter uns.«

»Stille!« rief die Kommerzienräthin. »Nach deinen heftigen Reden von vorhin zu schließen, bitte ich mir aus, daß du es unterläßt, diesen Punkt vor den beiden Frauen zu erörtern. Ueberhaupt gehört das nicht hierher, und ich möchte mir fast erlauben, den Papa herauf rufen zu lassen, um mich mit ihm zu besprechen, was in diesem eigentümlichen Falle zu thun wäre.«

»O, dazu brauchen Sie nicht den Papa,« erwiderte Arthur nicht ohne Beziehung; »Sie werden schon selbst einen Entschluß fassen, Mama. Aber Sie wissen um die Sachlage; ich habe den Doktor F. mit seiner Frau nun einmal eingeladen, er wird in einer Viertelstunde da sein. Haben Sie nun vor, etwas gegen ihn zu thun und mich so zu kompromittiren, so verlassen Sie sich darauf, daß ich mich nicht scheuen werde, die Sache Jedermann zu erzählen, der sie hören will!«

Während die Kommerzienräthin, ohne viel auf die Rede ihres Sohnes zu achten, mit sich zu Rathe ging, was hier zu beschließen sei, näherte sich der arme Eduard seiner Frau; er hatte schon vorher alle Versuche gemacht, einen freundlichen Blick von ihr zu erhaschen, aber sie schien heute nun einmal für nichts Anderes Sinn zu haben, als für den grauen winterlichen Himmel, den sie mit der größten Aufmerksamkeit betrachtete. Jetzt aber, wo sie auf ihre Frage von vorhin keine Antwort erhalten, schien es dem unglücklichen zuvorkommenden Ehemann die passendste Gelegenheit, seiner mißstimmten Frau einige Aufmerksamkeit zu widmen.

Er näherte sich dem Fauteuil und sagte leise: »Du hast vorhin wissen wollen, was es mit den F.'s für eine Bewandtniß habe, und weßhalb man sie nicht gern in die Gesellschaften ziehe?«

»O, es ist mir ganz gleichgiltig, wenn ich es auch nicht weiß,« entgegnete Madame.

»Aber du fragtest ja darnach!« sprach Eduard eifriger.

»Ja, wie man so fragt.«

»So will ich es dir sagen,« flüsterte er. »Den Doktor F. kennst du ja – er ist einer unserer geschicktesten und talentvollsten Aerzte, noch sehr jung, hat aber schon eine sehr große Praxis.«

»Allerdings größer als die deinige,« entgegnete die liebenswürdige Frau.

Eduard biß sich auf die Lippen, bemeisterte sich aber und fuhr ruhig fort: »Der Vater der Doktorin ist ein unbedeutender Rechnungsbeamter – eine arme aber brave Familie. Doch ist ein Fehltritt vorgekommen, – – mit ihrem jetzigen Manne natürlich. Die Sache konnte nicht verheimlicht werden, denn ihr ältestes Kind kam etwas frühzeitig auf die Welt.«

»Das ist die ganze Geschichte?«

»Das ist Alles, was man der Frau nachsagen kann, denn sonst ist sie ein Muster von Ordnung, liebt ihren Mann und erzieht ihre Kinder auf's Sorgfältigste.«

»Unbegreiflich!« entgegnete hierauf Madame, und im Gegensatz zu dem soeben geführten Gespräch mit so lauter Stimme, daß man es deutlich im ganzen Zimmer hören konnte. – »Das kommt ja zuweilen vor; ist denn nicht eurer Cousine Emma, der jetzigen Hauptmännin S., ganz die gleiche Geschichte passirt?«

»Nun ja; sprich doch leise!«

»Und davon hat man ja gar kein Aufhebens gemacht; die kommt ja nach wie vor in alle Gesellschaften,« sagte Madame noch lauter.

Die Kommerzienräthin war bei diesen Worten heftig zusammengeschreckt, sie hustete und trommelte abwechselnd und war schon im Begriffe, ihrer Schwiegertochter eine passende Antwort zuzuschleudern, doch fragte Arthur in diesem Augenblicke ziemlich gelassen:

»Nun, Mama, was beschließen Sie wegen – dieser Geschichte? Die Zeit drängt; wir haben nur noch einige Minuten Zeit, und ich bin überzeugt, daß Doktor F. sehr pünktlich sein wird.«

»Das glaube ich auch,« versetzte Alfons höhnisch lachend. »Solch eine Gelegenheit kommt nicht so bald wieder.«

Die Kommerzienräthin hatte ihren Entschluß gefaßt. Sie trommelte noch leise auf dem Tische, daß es klang wie ein dumpfer, entfernter Donner. Dann sagte sie: »Die Sache ist nun einmal geschehen, und kann ich, ohne den Anstand des Hauses zu verletzen, nichts mehr daran ändern; ich will dich also vor den Leuten nicht bloßstellen, dagegen sei es deine Aufgabe, die F. äußerst wenig in den Bildern zu beschäftigen, vielleicht nur in einem, wozu ich selbst mit Sorgfalt die anderen Personen aussuchen werde. Und dieses Bild, worin sie placirt werden soll, wird alsdann in der Aufführung begreiflicherweise nicht gestellt; du hast das also dem Doktor F. zu unterbreiten und ihn zu veranlassen, bei der Vorstellung nicht unter den Mitwirkenden zu erscheinen. Wie du es anfängst, ist deine Sache; möge es dir recht schwer werden, denn die Voreiligkeit, die du begangen, verdient ihre Strafe.«

Arthur kannte seine Mutter und wußte, daß vorderhand eine Erwiderung zu nichts führen würde. Er trat an das Fenster zu Eduard und zeichnete gedankenvoll mit seinem Nagel eine fürchterliche Fratze auf die angelaufene Scheibe.

»Hast du was mit – der Wasser gehabt?« fragte Eduard.

»Nein,« entgegnete Arthur, »aber ich mag die Familie nicht, das wissen sie wohl. Ihre Töchter, die aufdringlichen Schneegänse, hassen mich ganz besonders; ich hätte sie einmal zeichnen sollen, habe mich jedoch für diese Ehre bedankt.«

»Weßhalb haßt denn die Tutelar-Räthin die Doktorin F. so grimmig?«

»Das ist sehr einfach; es hat der Wasser selbst die größte Mühe gemacht, in den Kreisen der Gesellschaft, wo sie jetzt gelitten ist, durchzudringen. Und das mit einigem Recht, weil über ihrer Familie ein sehr räthselhaftes Dunkel schwebt und weil sie eine boshafte, gallsüchtige kleine Person ist. Hauptsächlich aber dringt sie auf Ausschließung der F., weil sie doch gar zu schlecht neben ihn aussehen würde. Denke dir die schöne Doktorin und die kleine halbverwachsene Frau ohne alle Taille, mit ihrem gelben Teint und dem bösartigen Blick!«

»Pfui, Arthur!«, sagte Eduard lächelnd, »man sollte ja glauben, du seiest in einer Kaffeegesellschaft. Wie kann man sich so ereifern! – Sei jetzt stille, Mama hat ihren zweiten Brief gelesen und ihn Alfons übergeben. Er soll ihn vorlesen, sagte sie; geben wir Achtung!«

Alfons nahm in der That das zweite Billet aus den Händen seiner Schwiegermutter und nach einem gebieterischen Kopfnicken von Seiten derselben las er:

»Liebe Lotte! Deine Einladung habe ich allerdings erhalten, es ist mir aber wahrhaftig unmöglich, davon Gebrauch zu machen. Wie sich wohl von selbst versteht, wird dein Schwiegersohn, Herr Alfons, mitwirken, und da kann ich meinem Sohn doch nicht zumuthen, mit von der für uns so angenehmen Partie zu sein. Du weißt, daß sie einige heftige Worte zusammen hatten, und obgleich sich dein Schwiegersohn im größten Unrecht befand, so sah er sich doch bis heute nicht veranlaßt, meinem Karl einige versöhnliche Worte zu schreiben.

Sonst wie immer

deine treue Freundin
Louise.«

Marianne hatte bei dem Vorlesen dieses Briefes die Lippen zusammengebissen, Alfons zuckte nach Beendigung desselben mit den Achseln. »Ich kann da nichts sagen und thun,« meinte er. »Wenn Madame glaubt, ihr Sohn habe Recht, so kann ich mir das ruhig gefallen lassen; ich aber behaupte, er hat Unrecht, und ich habe mir nun einmal vorgenommen, diese jungen Herren ihre Zudringlichkeiten fühlen zu lassen.«

»Und was hat denn der, von dem es sich handelt, so Schlimmes begangen?« fragte ernst die alte Dame.

»Auf dem letzten Balle,« sagte Alfons sehr wichtig und ruhig, »tanzte er mit Mariannen zweimal. Ich hatte nichts dagegen; als er sie nun aber zum drittenmal auffordern wollte, verbat ich mir das, und da erlaubte er sich einige unpassende Bemerkungen, die ich ihm aber sehr passend zurückgab. Ich halte sehr auf den Anstand, Mama, wie Sie wissen, und will nicht, daß meiner Frau gegenüber etwas geschieht, worüber die Leute die Nase rümpfen können.«

»So etwas wird Marianne wohl schon selbst nicht thun, Herr Schwiegersohn,« erwiderte die Kommerzienräthin. »Uebrigens sehe ich gar nicht ein, wie ein dreimaliges Tanzen mit dem Sohne eines sehr befreundeten und sehr achtbaren Hauses unanständig sein könnte.«

»Ich sehe das auch nicht ein, Mama,« sagte die Tochter mit leiser Stimme.

»Das mag sein,« entgegnete Alfons mit erhobenen Augenbrauen, indem er die rechte Hand unter den Rock auf seine Brust steckte. »Es mag sein,« wiederholte er bestimmt, »daß meine Begriffe von Schicklichkeit und Anstand etwas genau und scharf ausgeprägt sind, aber ich halte sie allemal fest, wie ich sie fühle; und man thut in dem Punkt lieber zu viel als zu wenig.«

»Sie hatten nachher in einer Ecke des Saals tüchtige Händel zusammen,« flüsterte Eduard dem Maler zu, worauf Arthur beistimmend mit dem Kopfe nickte.

»Und es sollen da allerlei Dinge zur Sprache gekommen sein,« fuhr der Andere fort, »die sich mit seinen scharf ausgeprägten Begriffen von Anstand und Schicklichkeit nicht gut vereinigen ließen.«

»Ich war nicht da,« entgegnete Arthur zerstreut.

»Nun,« sagte Eduard, »der junge Mann ließ ein paar Worte fallen, die Marianne tief verletzen müßten, wenn sie dieselben erfahren hätte. Es war das bekannte Thema, daß man niemand hinter dem Busch suche, wenn man nicht selbst stark seinen Aufenthalt daselbst genommen.«

Man kann sich denken, daß nach dem, was soeben in der Familie vorgefallen und was wir dem geneigten Leser erzählt, die Gesichter der sämmtlichen Anwesenden durchaus nicht, wie man zu sagen pflegt, mit einem rosigen Schimmer übergossen waren, vielmehr schien Eines noch düsterer und verstimmter als das Andere. Doch gab es ein gutes Mittel dagegen, der Anfang der Probe nämlich und das Erscheinen der ersten Gäste.

Es ist wahrhaft erstaunlich, was der Mensch Alles kann, wenn er will, und wie sich hier, sobald man Schritte auf der Treppe hörte, die Züge Aller aufheiterten, die Augen einen anderen Ausdruck erhielten, und die Gesichter mit einem freundlichen Lächeln überstrahlt wurden. Bei manchem gelang diese Umwandlung zwar erst nach einiger Anstrengung, aber sie gelang doch. Die Kommerzienräthin trommelte und hustete nicht mehr, Marianne saß sanft gegen sie hingebeugt, als habe sie ihr irgend eine zärtliche Bemerkung in's Ohr geflüstert; ja Alfons, der eben noch so verstimmte Alfons, stützte die rechte Hand auf den Tisch, während die linke soeben erst von der Schulter seiner Frau herabgeglitten zu sein schien. Es war das in Wahrheit eine rührende Gruppe.

Eduard hatte sich ebenfalls an den Fauteuil seiner Frau begeben und flüsterte ihr zu: »Es kommen Leute, wie du weißt, Bertha, mach doch ein freundliches Gesicht und zeige wenigstens nicht vor der Welt deine ewige und traurige Verstimmung!«

Arthur zuckte verstohlen die Achseln und dachte: »Laßt den Doktor F. und seine Fran nur einmal bei der Probe gewesen sein, so wird das Andere sich schon machen« – worauf auch er eine heitere Miene annahm.

Kurz es war erstaunlich, wie das ganze kommerzienräthliche Haus nun auf einmal das Bild der Zufriedenheit und Heiterkeit bot; Alle sahen aus wie das personifizirte Wohlwollen gegeneinander und gegen die äußere Welt, und hätte die Kommerzienräthin ihren stechenden Blick und ihre lange spitze Nase verbergen können, so würde die Gruppe auf dem Sopha sogar eine liebliche gewesen sein.

 

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