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Europäisches Sklavenleben. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Erster Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Erster Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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25. Das Siegel des Herrn von Brand

Der Maler Arthur Erichsen hatte unterdessen in dem Arbeitszimmer des Grafen Fohrbach das Aquarell beendigt, von dem Zeichenbreite herabgeschnitten, auf einen großen weißen Carton befestigt, und dann neben dem Original im günstigsten Lichte aufgestellt. Hierauf nahm er das Billet, welches neben ihm lag, betrachtete einen Augenblick das Siegel und las die Adresse:

»An Madame Becker, Kanalstraße Nr. 8.«

»Kanalstraße Nr. 8,« sagte Arthur, »das muß in einem der sehr alten Häuser sein mit den langen unheimlichen Gängen. Nun, es bringt mich nicht gerade übermäßig weit von meinem Wege ab, und da dem Grafen viel daran gelegen zu sein scheint, daß der Brief bald besorgt wird, so will ich den Gang selbst unternehmen. Ich treibe mich überdies gern in so einem alten Gebäude herum.«

Arthur steckte das Billet in die Tasche und ging durch den Salon in's Vorzimmer, wo er seinen Ueberrock fand, und wo der alte Kammerdiener neben einem Lehnstuhle stand und mit dem bisherigen Jäger des Grafen verkehrte. Dieser schien sich mit Mühe aufrecht zu halten, während seine Finger krampfhaft mit den glänzenden Knöpfen seiner Uniform spielten, und während sein Gesicht erschrocken und bleich aus dem schwarzen Bart hervorleuchtete.

»Das ist hart, Herr Kammerdiener,« hörte ihn Arthur sagen, »wenn man so plötzlich fortgeschickt wird. Sie haben gut reden von einem Zeugnisse; alle Welt kennt den Herrn Grafen Fohrbach und weiß, daß er nicht leicht Jemand wegschickt. Da werden alle Herrschaften die Achseln zucken und Wunder meinen, was ich begangen hätte! – Und was habe ich denn begangen? – Ich weiß es nicht und Sie sagen es ja nicht.«

»Von einem Vergehen wird ja auch nicht gesprochen,« antwortete der alte Mann, indem er seine Blicke auf die Schnupftabaksdose, die er in der Hand hielt, heftete. »Der Herr ist einmal der Herr, und wenn ihm unsere Nase nicht mehr gefällt, so hat er das Recht, uns aus dem Dienst zu schicken.«

»Und vielleicht für Zeitlebens unglücklich zu machen! – O! das ist ja entsetzlich! Ich habe meinen Dienst gethan, wie Jeder, das müssen Sie mir bezeugen; ich war der Erste und der Letzte auf dem Platze, denn ich hoffte hier ein dauerndes Brod zu finden. – Haben Sie mir je ein böses Wort gesagt, Herr Kammerdiener? – Gewiß nicht! Ich nahm mich zusammen, denn ich dachte an Weib und Kind. Bei Unsereinem geht es bitter zu, wenn man eine Zeit lang keine Kondition hat. – Was werden sie daheim sagen, wenn ich so plötzlich fortgeschickt bin!«

Der Kammerdiener zuckte die Achseln und entgegnete: »Ich kann darin nichts machen; der Herr Graf haben befohlen und ich darf der Sache nicht einmal mehr erwähnen. Doch will ich Ihnen im Vertrauen einen guten Rath geben; daß er hilft, glaube ich zwar kaum: Wenden Sie sich an einen der Freunde des Herrn, daß er ein gutes Wort für Sie bei dem Grafen einlegt.«

Das war ein sogenannter Kanzleitrost und als solchen schien ihn auch der verabschiedete Jäger aufzunehmen. Er seufzte tief auf, fuhr sich mit der Hand über die Augen und ging in sein Zimmer. Dort legte er wahrscheinlich seine glänzende Uniform ab, zog einen ärmlichen Rock an und ging nach seiner Wohnung, wo er der Frau und vier Kindern, die um eine Schüssel mit Kartoffeln saßen, die Kunde von seiner unverhofften Entlassung zum Nachtisch brachte.

Arthur ging unangenehm erregt seines Weges und nahm an der nächsten Ecke eine Droschke, die ihn in kurzer Zeit nach der Kanalstraße führte.

Hier stieg er aus und schritt über den öden Hof, den wir dem geneigten Leser in einem der vorigen Kapitel geschildert, nach dem Hintergebäude mit der steinernen Wendeltreppe; diese stieg er hinauf und befand sich nun in einem der langen Gänge, wo er ungewiß war, an welche Thüre er klopfen sollte. Der Zufall führte ihn übrigens ziemlich glücklich, denn nachdem er zwei Thüren vergeblich geöffnet und in zwei Zimmer geblickt, aus denen ihm eine warme, unangenehme Atmosphäre entgegendrang, wo er zerlumpte und schlecht genährte Kinder auf dem Boden sitzen und scheltende, schmierige Weiber am Kochfeuer stehen sah, welche ihn ziemlich unfreundlich hinauswiesen, kam er endlich an die Wohnung, die er suchte. Es war die dritte Thüre, an welche er klopfte; von innen rief man »Herein!« und als Arthur in das Gemach trat, sah er am Fenster eine Frau stehen, die ihm augenblicklich ein paar Schritte entgegen kam, und, wohl in Folge seines seinen und eleganten Anzugs, einen tiefen Knix machte.

»Ich suche Madame Becker.«

»Ihnen aufzuwarten habe ich die Ehre vor Ihnen zu stehen,« entgegnete die Frau mit ihrem besten Lächeln, worauf sie abermals knixte und den jungen Mann mit einer Handbewegung bat, auf dem Sopha Platz zu nehmen.

Arthur lehnte das aber ab, indem er entgegnete: »Ich danke Ihnen recht sehr; unser Geschäft ist bald abgemacht.«

»Sie sind an mich empfohlen?« fragte verschmitzt lächelnd die Frau.

»Das eigentlich nicht,« versetzte Arthur. »Ich komme nur im Auftrage eines Bekannten, des Grafen Fohrbach.«

»Ah! des Herrn Grafen!« sagte die Frau doppelt freundlich. Doch zog sie gleich darauf ihren Mund lächelnd in die Breite, die Augenbrauen in die Höhe, schüttelte bedächtig den Kopf und meinte: »der Name des Herrn Grafen ist eine der besten Empfehlungen, – ein charmanter junger Herr! liebenswürdig und gutmüthig; aber schwer, schwer im Umgang, das kann ich Sie versichern. Und doch war er nie unzufrieden mit mir. – Nun, wir wollen schon sehen. Bitte recht sehr, gefälligst einen Augenblick Platz zu nehmen.«

Den Maler interessirte das Gesicht der Frau; er schaute sie mit einem prüfenden Blicke an und studirte offenbar in diesen seltsamen Zügen, die Verschlagenheit, Gutmüthigkeit, List neben anderen gewiß recht schlimmen Leidenschaften ausdrückten. – Er zog das Billet aus der Tasche hervor, um es Madame Becker darzureichen.

»Ah! noch eine schriftliche Empfehlung!« sagte diese; »das wäre vollkommen unnöthig gewesen, der Herr empfehlen sich schon hinlänglich durch Ihr angenehmes Aeußere, und da ich durch den Namen des Herrn Grafen sicher bin, auf alle Verschwiegenheit rechnen zu können, so bitte ich nur frei heraus zu sagen, womit ich dienen soll.«

»Und womit können Sie mir eigentlich dienen?« fragte lächelnd Arthur, den diese sonderbare Unterhaltung zu interessiren begann.

»Ah! das ist eine seltsame Frage,« entgegnete Madame Becker, während sie ihren Mund spitzte und den Versuch machte, schelmisch auszusehen. »Ich erwarte nur Ihre Befehle, wie es Ihnen der Herr Graf auch wohl gesagt haben wird. Anbieten kann ich Ihnen nichts, das werden Sie natürlicherweise bei mir voraussetzen; aber die ganze Stadt kenne ich wie meine Tasche, und wenn Sie mir einen Namen nennen, Straße, Haus und Nummer, so erfahren Sie in wenig Tagen, ob ein Besuch möglich oder unmöglich ist.«

»Ah so!« versetzte Arthur laut lachend. »Vorderhand ist es mir nicht möglich, Ihnen irgend dergleichen anzugeben, da ich selbst darüber noch im Unklaren bin.«

»Das thut auch nichts,« antwortete wichtig die Frau, indem sie die rechte Hand auf die Hüfte legte und mit dem Zeigefinger der linken den jungen Mann vertraulich auf den Arm stieß. »Wir kennen unser Geschäft. Eine Beschreibung der Person, eine Straße, wo sie meistens gesehen wird, ein Haus, in das sie häufig geht, das ist Alles, und dann verlassen Sie sich auf Madame Becker; es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir in acht Tagen nicht wüßten, woran wir sind.«

»Nun, ich will mir das merken,« sprach immer noch lachend der Maler; »aber vorderhand bin ich nur bei Ihnen, um diesen Brief zu übergeben.«

»Richtig, den Brief!« entgegnete die Frau. »Das hätten wir bald vergessen. Nehmen Sie einstweilen Platz; ich will meine Brille holen. In die Ferne sehe ich natürlicherweise wie ein Falke, aber mit dem Geschriebenen geht's nicht mehr so leicht. Und dann haben der Herr Graf eine feine, kaum leserliche Hand wie ein Frauenzimmer.«

Mit diesen Worten eilte sie in's Nebenzimmer und Arthur ließ sich auf dem Sopha nieder.

Gleich darauf kam Madame Becker zurück, setzte sich neben den Maler und nahm aus einem Futteral eine Brille, die sie mit großer Bedächtigkeit auf ihrer Nase befestigte. Dann nahm sie den Brief in die Hand und sagte: »Gewiß, gewiß, lieber Herr, mit Seiner Gnaden dem Grafen Fohrbach ist es eigentlich schwer, Geschäfte zu machen. Das werden Sie wohl einsehen; es ist nicht Alles möglich auf dieser Welt, und meistens ist er auf das Unmögliche versessen. – Nun, wir wollen sehen!«

Damit brachte sie das Billet dicht an die Augengläser, las die Adresse, nickte mit dem Kopfe und wandte alsdann das Schreiben auf die andere Seite, um als eine kluge Frau auch das Siegel zu betrachten. Doch kaum hatte sie einen Blick auf die arabischen Buchstaben desselben geworfen, so fuhr sie erschrocken zurück, ließ Hand und Brief abermals sinken und betrachtete den neben ihr sitzenden jungen Mann mit einem Ausdrucke der höchsten Ueberraschung, ja eines unverkennbaren Schreckens, von oben bis unten.

»Der Brief ist von dem Herrn Grafen Fohrbach?« fragte sie nach einer Pause.

»Allerdings; ich dachte mir, Sie kennten ja die Handschrift,« entgegnete Arthur, dem das plötzliche ängstliche Wesen der Frau auffiel.

»Die Handschrift wohl – aber das Siegel? Haben der Herr Graf diesen Brief wohl selbst gesiegelt?«

»Ohne Zweifel; ich glaube nicht, daß er ähnliche Schreiben von Anderen siegeln läßt.«

»Sehen wir, sehen wir!« sprach eifrig Madame Becker, indem sie das Couvert hastig abriß. »Wenn er nur was Mögliches verlangt! Heiliger Pancratius! wenn er nur was Mögliches verlangt!«

Sie entfaltete das Schreiben, zog die Augenbrauen in die Höhe, und während sie las, ließ sie ihre Unterlippe schlaff herabhängen. Nachdem sie geendigt, schüttelte sie bedeutsam den Kopf und stieß einen tiefen Seufzer aus. – »Sie sind natürlich der Vertraute des Herrn Grafen,« sagte sie und blickte den jungen Mann lauernd an; »Sie wissen wahrscheinlich, was in dem Brief steht?«

»Nein, nein, ich weiß es nicht!« entgegnete Arthur hastig, dem das sonderbare Wesen der Frau im höchsten Grade auffiel. – »Ich weiß es nicht und verlange es auch nicht zu wissen. Meinen Auftrag habe ich erfüllt: der Brief ist in Ihrer Hand und ich bin fertig.« Damit stand er auf.

Gegen alle Regeln der Höflichkeit, die Madame Becker sonst gewissenhaft gegen ihre Kunden, wozu sie auch im Geiste schon den jungen Mann rechnete, beobachtete, blieb sie nachdenkend auf dem Sopha sitzen, legte die Hände in den Schoß und starrte träumerisch vor sich hin. »Das wird rein unmöglich sein,« murmelte sie. – »Aber das Siegel! – Wie kommt das Siegel dahin? Das scheint mir ein gemessener Befehl zu sein. – Nun, ich muß Alles versuchen, helf, was helfen mag!« Sie seufzte abermals tief auf, schien dann plötzlich aus ihrem Nachsinnen zu erwachen und sprang eilig vom Sopha in die Höhe, als sie sah, daß sich der junge Mann der Thüre bereits genähert hatte. Sie zupfte an ihrer Haube, ihre Züge nahmen das uns bekannte Lächeln an, dann rieb sie sich die Hände und sagte: »Wenn Sie den Herrn Grafen sehen und etwas sagen wollen, so bitte ich ihm zu vermerken –«

»Geben Sie mir keine Kommissionen, Madame,« antwortete Arthur. »Verstehen Sie mich gar nicht falsch: ich sollte nichts als Ihnen diesen Brief übergeben, kann daher auch durchaus keine Antwort übernehmen. – Ich wünsche recht guten Morgen!«

»So habe ich denn die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen,« erwiderte die Frau mit einem tiefen Knix. »Bitte, vergessen Sie vorkommenden Falls meine Wohnung nicht und wenden sich alsdann an Ihre unterthänigste Dienerin!«

Die Thüre schloß sich hinter dem Maler, Madame Becker öffnete sie nochmals, um höflichkeitshalber auf den Gang hinaus zu grinsen, dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück, nahm hastig das Couvert von dem Sopha und eilte an's Fenster, wo sie wiederholt das Siegel genau betrachtete. – »Es ist kein Zweifel,« murmelte sie, »es ist sein Petschaft, er muß ihn kennen. – Oh je! oh je! Das wirkt freilich mehr, als wenn er mir fünfhundert Gulden versprochen hätte. Also er schreibt: Sie wohnt Balkenstraße Nr. 40 über vier Treppen, ihr Vater ist, wie ich höre, ein armer Schriftsteller, und das Mädchen müssen Sie kennen, sie heißt Clara Staiger und ist Tänzerin am Hoftheater. Thun Sie alle Ihre Schritte, beste Madame Becker, es kommt mir diesmal nicht auf die glänzendste Belohnung an. – – Der braucht mir da wohl Name und Wohnung anzugeben! Kenne sie wohl mit ihrem Trotz und Hochmuth, kenn' die ganze Bagage, den alten Simpel, ihren Vater, und weiß wohl, was ich da zu erwarten habe. – Ei, Herr Graf, da haben wir schon mehrere Male angebohrt und schöne Antworten bekommen! Der Teufel auch! Das ist eine saubere Kommission! – Wenn nur das Siegel nicht auf dem Briefe stände! – Aber da muß schon ein Uebriges geschehen. Wir wollen das überlegen; ich darf gar nicht mehr in das Haus hinein. Ich glaube, der Alte macht einen Höllenlärm und hetzt mir sämmtliche Miethsleute auf den Hals. – Wir wollen doch einmal sehen, ob da Niemand aus- und eingezogen ist. Ich habe mich um den Fratz lange nicht mehr bekümmert.«

Bei diesen Worten holte sie aus einem alten Schreibtische ein Buch hervor – es war ein Wegweiser der Residenz – und blätterte eifrig darin. – »Balkenstraße Nr. 36 – 38 – 40. Da ist's! – Ah! ah! Unten wie früher, Beletage und zweiter Stock ebenfalls; dritter Stock: Steuerinspektor Weiß – kenne ich nicht! – vierter Stock: Schriftsteller Staiger, Clara Staiger, Tänzerin. – Aha!« fuhr sie lächelnd fort, »da hat's eine Aenderung gegeben. – Schön! schön! die Frau Wundel ist eingezogen. Na, das gibt einen Anhaltspunkt. – Und wohnt Thür an Thür mit dem hochnäsigen Balletmädchen. Die Wundel gehört zu meiner Bekanntschaft, und wenn man der ein paar Kronenthaler verspricht, so läuft sie für einen durch's Feuer.«

Hierauf schlug Madame Becker das Buch zu und nahm bedächtlich und sichtlich erheitert eine Prise. –

Kopfschüttelnd verließ Arthur das alte Haus, stieg nachdenkend die Wendeltreppe wieder hinab und suchte seine Droschke auf, die er in einer Nebenstraße wartend fand; er stieg hinein und fuhr fort. Wenn er auch als junger Mann von großem Vermögen, als lustiger Gesellschafter seiner vornehmen Freunde, sowie als Maler in mancherlei Verhältnisse des geheimnisvollen Lebens der großen Stadt, die er bewohnte, eingeweiht war, so hatte er doch bis jetzt von der Existenz der Madame Becker, sowie von deren eigentlichem Geschäftsbetrieb noch gar keine Ahnung gehabt. Das war ja förmlicher, wohl organisirter Sklavenhandel, nur daß sich das arme Schlachtopfer, welches hier ausersehen und verkauft ward, diesem Handel nicht durch die Flucht entziehen konnte, denn es wußte ja nicht, daß man es verfolgte. Leise und vorsichtig wurden ihm Fallen gestellt, wurden ihm unsichtbare Schlingen um die Füße gelegt, und auf einmal stürzte es hin, verrathen, verkauft, in die Arme seiner Verfolger, um darauf hin immer tiefer zu fallen, hinab in den schmutzigsten Schlamm des menschlichen Lebens, der, zäh und gewaltig, seine Beute nicht wieder fahren läßt.

Diese Gedanken hatten den jungen Mann einigermaßen unmuthig gestimmt, und es war ihm leid, den Brief an seine Adresse überbracht zu haben. »Wer weiß,« sagte er sich selbst, »ich bin vielleicht somit die Ursache, daß jenes Weib ihre Kreaturen auf irgend ein armes Mädchen losläßt! – Aber,« tröstete er sich, »was ich nicht gethan, hätte morgen der Postbote besorgt, gewiß nicht harmloser und unwissender als ich heute.«

Arthurs Selbstgespräch wurde hier unterbrochen, da der Kutscher an einer vorher bezeichneten Stelle hielt; er sprang aus dem Wagen, sah sich flüchtig um und eilte nun von den höheren Gegenden der Stadt einem tiefer gelegenen Viertel zu; dort durchkreuzte er mehrere schmale Gassen mit hohen Häusern, deren spitze Giebel vor Alter etwas gegeneinandergeneigt waren, was im Sommer diese Wege angenehm kühl, im Winter aber frühzeitig dunkel und unendlich schmutzig machte. Auch über kleine Plätze kam er, ging wieder eine Zeit lang an den nächsten Kanal, wie an jenem Abend, wo wir ihn zum ersten Male gesehen, überschritt einige glatte, schlüpfrige Brücken und befand sich jetzt am Eingang der Balkenstraße.

Der geneigte Leser wird vielleicht das Ziel seiner Wanderung errathen. Waren doch schon mehrere Tage verflossen, seit er den alten Herrn Staiger bei seinem Buchhändler getroffen, seit er ihm einen Besuch versprochen, einen Besuch, den er zu machen gedachte, natürlicherweise nur in der Absicht, um sich Raths zu erholen behufs der Illustrationen zu Onkel Tom. Warum er jetzt gerade zur Mittagsstunde hinging – diese Frage könnten wir dahin beantworten, daß es jetzt überhaupt zu Besuchen die schicklichste Zeit war, denn wir sind weit entfernt, zu glauben, Arthur habe gewußt, daß der Balletsaal um Mittag geschlossen würde und die Tänzerinnen alsdann nach Hause gingen.

So oft auch schon der Mater, das müssen wir gestehen, Clara bis an die Hausthüre begleitet hatte, so war er doch nur ein Mal weiter als zwei bis drei Schritte in den Flur hineingelangt, und das bei einem fruchtlosen Versuch, ihre Hand noch länger festzuhalten, nachdem sie einige Minuten mit ihm geplaudert hatte. In Fällen wie der vorliegende aber haben sich gewiß viele unserer geneigten Leser schon zurecht gefunden, und Arthur gelang dies ebenfalls ohne große Schwierigkeit. Er passirte den ersten, zweiten und dritten Stock, und nur auf dem vierten geschah es ihm, daß er an eine falsche Thüre klopfte. Man rief »Herein!« und er sah eine ältliche Frau vor sich, recht anständig gekleidet, die eine weiße Schürze umgebunden hatte und einen Kochlöffel in der linken Hand hielt. Sie kam augenscheinlich von ihrem Herde und beschäftigte sich mit Bereitung ihres Mittagessens, denn ein angenehmer Duft von Zwiebeln und gebratenem Fleische drang auf den Gang heraus.

Der junge Mann sah gleich, daß er falsch gegangen war, denn er wußte, daß Clara's Mutter schon vor mehreren Jahren gestorben war.

»Verzeihen Sie,« sagte er, »ich suche Herrn Staiger.«

Worauf Madame Wundel, die es in eigener Person war, ihm freundlich erwiderte, gleich nebenan sei die gesuchte Thüre, er möge aber nur ohne anzuklopfen durch das Vorzimmer gehen, indem sich dort gewöhnlich Niemand aufhalte.

Arthur dankte auf's Freundlichste, was die Wittwe sehr huldreich und herablassend hinnahm. Sie hatte offenbar ihr Wohlgefallen an dem hübschen jungen Manne, und da sie eine brave Frau war, die womöglich mit ihren Töchtern Alles gemeinschaftlich genoß, so rief sie diese durch ein leises Räuspern herbei und zeigte ihnen durch die Thürschwelle den Besuch, der zu Staigers gehe.

»Die Clara ist aber nicht daheim,« sagte die ältere Tochter Emilie, indem sie ihren Kopf so weit als möglich zur Thüre hinausstreckte.

»Ach was, Clara!« entgegnete die Mutter; »der war von guter und stiller Familie. Der läuft keinen Tänzerinnen nach; ich wette Zehn gegen Eins, der hat den alten Schreiber wegen irgend einer Schuld zu mahnen. – Paßt mir auf, Emilie, der kommt bald wieder zurück.«

»Ich will ein paar Bücher und Noten draußen auf dem Gange abstäuben,« versetzte die ältere und sehr gelehrige Tochter.

»Thu' das, mein Kind,« erwiderte die Mutter. »Aber streich' die Haare zurecht, du siehst ein wenig zerzaust aus.« Damit ging sie an ihren Kochherd zurück, während Arthur zu gleicher Zeit durch das fast dunkle Vorzimmer schritt und nun an die Thüre des Wohnzimmers klopfte.

»Herein!« klang es ihm entgegen, und eine feine Kinderstimme setzte hinzu: »Wenn's kein Schneider ist!«

 

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