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Europäisches Sklavenleben. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Erster Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131110
projectid3c7e02da
wgs9110
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16. Eine Mutter und ihr Kind

Es war nun vollkommen Winter geworden, das heißt, die Erde war nicht blos von starkem Frost erstarrt, sondern sie hatte auch die bekannte weiße Livrée angezogen und verschwunden waren von ihrer Oberfläche all' die kleinen Poesieen und Merkwürdigkeiten, die wir bei unserm Spaziergang im ersten Kapitel dieser denkwürdigen Geschichte entdeckt und dem geneigten Leser mitgetheilt haben. Alle feinen Nüancirungen draußen hatten aufgehört, Feld und Wiese waren gleichförmig bezogen; wo sich ein Wald befand, da erschien die Gegend mit etwas Grau schattirt; einzelne Bäume waren kaum noch sichtbar, der Schnee lag schwer auf den Zweigen und schien jedem einzelnen Strauche, jedem Baume eine Pelzmütze aufgestülpt zu haben, worunter er sich behaglich und warm verstecken konnte. Isolirt stehende Häuser rings um die Stadt sahen aus dem allgemeinen Weiß recht langweilig hervor, namentlich solche, die sich an der Landstraße befanden, denn hier war es öde und leer. Von den sonst so zahlreichen Fuhrwerken aller Art bemerkte man heute nicht viel; in dem tiefen Schnee gab es keine rechte Bahn, weßhalb sich auch draußen noch keine Schlitten sehen ließen; nur Holzwagen fuhren langsam dahin und ein einsamer gelber Postwagen aus irgend einem Orte der Nachbarschaft, welchem die Eisenbahn zur Seite lag.

In der Stadt dagegen wurde der tiefe Schnee wie immer als eine Einladung des Winters betrachtet, sich seiner als Schlittenbahn zu bedienen, und nachdem man am Morgen nothdürftig Bahn gemacht, hörte man auf allen Straßen das Klingeln der Schellen und lustigen Peitschenknall, und mußte sich bei dem allgemeinen Leben recht in Acht nehmen, daß man nicht von einem Schlitten umgerannt oder von einem Wagen überfahren wurde, wobei namentlich letztere gefährlich waren, da man kaum das Rollen der Räder vernahm. Heute schienen denn auch die Straßen der Stadt nur dem Vergnügen geweiht, und wer draußen nichts zu thun hatte, der blieb gerne zu Haus. In den vornehmeren Stadtvierteln bewegten sich glänzende Schlitten, das Gestell vergoldet, die Sitze mit Teppichen und Pelzen bedeckt, aus denen heitere Gesichter, sanft geröthet von Frost und eifrigem Gespräch, hervor blickten. Die Fiaker und Droschkenführer hatten ebenfalls ihre Wagen zu Haus gelassen und hielten in langen Reihen, die Pferde vor einfachere Schlitten gespannt, welche von der lieben Jugend umstanden wurden, die sehnsüchtig Jedem nachblickte, der sich eines solchen Fuhrwerks bediente.

Wenn es so auf den breiten Straßen geräuschvoll und lebendig war, so erschienen dagegen die schmalen Gassen und abgelegenen Plätze um so einsamer und stiller. Schlitten sah man hier keine, Wagen rollten selten vorüber, und wenn hie und da einer vorbei kam, so hörte man nur das Klingeln von ein paar kleinen Schellen; das Rollen der Räder selbst war ebenso unhörbar wie der Fußtritt der Vorüberwandelnden. In den meisten dieser Straßen war nur eine nothdürftige Bahn an den Häusern gekehrt, die noch obendrein selten betreten wurde, und wenn nicht da und dort auf einem Platze eine Schaar Knaben ihre Spiele getrieben, sich gegenseitig bombardirt und Schneemänner gemacht hätte, so hätte man glauben können, Häuser und Menschen befänden sich alle zusammen in einem seltsamen Winterschlafe. Nur jene Viertel, durch welche der Kanal floß, von dem wir schon früher sprachen, sahen einigermaßen lebendiger aus. Hier wohnten viele Handwerker, namentlich Schmiede, vor deren Häusern sich der weiße Schnee bald rußig und schwarz färbte oder ganz weggeschmolzen wurde, wo man eine heiße Radschiene zur Abkühlung hinausgewälzt hatte. Auch viele Wäscherinnen befanden sich in dieser Gegend und weil die Trockenplätze bei diesem Wetter für sie unbrauchbar waren, so hatten sie längs dem Kanal lange Seile gezogen und hier hingen nun die verschiedenartigsten gewaschenen Zeuge, deren bunte Farben: grün, blau, roth, gelb, recht lebendig von dem weißen Schnee abstachen.

Wenn uns der geneigte Leser folgen will, so wenden wir uns nach einem dieser Häuser hier, einem alten finstern Gebäude mit hohem Giebeldach, dessen vordere Seite, die uns zuerst mit ihren vergitterten Fenstern anblickt, zur Fruchtkammer benützt wird, während sich im hinteren Theile, der auf den Kanal geht, verschiedene Wohnungen befinden. Zu ihnen gelangt man durch den Hof des eben genannten Hauses über eine alte Wendeltreppe, deren Stufen ausgetreten sind, deren Steinwände wie polirt glänzen, und wo ein alter schmieriger Strick sich dem unsicher Umhertappenden als treuer Führer in der halben Finsterniß darbietet.

In dem ersten Stocke angekommen, betreten wir ein weites mit Steinplatten belegtes Vestibül, auf das lange Gänge münden, die entweder um den Hof herum nach der Fruchtkammer führen, oder ein anderes ebenso großes Nebengebäude mit dem, welches wir gerade betreten, verbinden. Beides ist übrigens der Fall, und die zwei Gebäude, die hier an der hinteren Seite an dem Kanale liegen, wurden in früheren Zeiten einmal zu einer Kaserne benützt, und durch die eben erwähnten Gänge verbunden. Später hatte man aber für das Militär bessere und hellere Räume erbaut und alsdann die vielen Zimmer hier zu zwei und drei abgetheilt und solche an die verschiedensten Leute und Gewerbe zu Wohnungen vermiethet. Über einzelnen Thüren bemerkte man die Nummern der ehemaligen Kasernenzimmer, bei anderen aber waren sie verwischt oder man hatte sie absichtlich übertüncht. Auf dem Vestibül stand alter Hausrath; hier schliffen ein paar Knaben auf dem glatten Steinboden wie auf einer Eisbahn, vermittelst einigen Schnee's, den der Wind durch ein Fenster ohne Scheiben herein geweht hatte.

Die Atmosphäre hier roch etwas moderig und feucht, was sich durch die Nähe des Kanals erklären ließ, sowie auch dadurch, daß die Hausthüren selten oder nie verschlossen wurden und allem Wetter Einlaß gewährten.

Eine dieser Wohnungen in der alten Kaserne nun, die wir unsichtbarerweise betreten, bestand aus einem ziemlich großen Gemache, dessen Wände weiß getüncht waren, und das durch zwei ziemlich hohe Fenster erhellt wurde. Ein großer Ofen erwärmte diesen Raum recht behaglich; zwischen beiden Fenstern an der Wand befand sich ein großer Tisch, vor demselben gepolsterte Stühle mit gestreiftem Kattunüberzug, in der Ecke ein alter Sopha, an den Wänden ein kleiner Spiegel und ein paar vergilbte Kupferstiche in nußbraunen Rahmen. Zwei Thüren, je eine an jeder Seite dieses Zimmers, führten in andere Gelasse, die außer einer Küche auf der andern Seite des Vestibüls noch zu diesem Appartement gehörten.

Auf dem Tische des Wohnzimmers stand ein Kaffeegeschirr, und wenn dasselbe auch von grobem Steingute war, so duftete doch der Inhalt nicht unangenehm, die Milch sah recht gut aus und auf einem Suppenteller befand sich Zucker in großen Stücken, während weißes Brod daneben lag. Eine Frau saß an dem Tische und schien sich eine große Tasse Kaffee gemischt zu haben, denn sie rührte langsam mit einem Löffel darin herum. Diese Frau mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein, war von mittlerer Figur, einfach gekleidet, und hatte ein ziemlich breites aber kluges Gesicht, auf dem sich Spuren von früherer Schönheit zeigten; ihr Mund hatte etwas Gutmüthiges, namentlich wenn sie lachte, was sie häufig und wie es schien absichtlich that, um sich ein wohlwollendes Ansehen zu geben; denn sobald sich ihre Gesichtszüge beruhigten, erschienen sie schlaff, ausdruckslos, und dann trat ein scharfer, unheimlicher und zurückstoßender Glanz der Augen hervor.

Ihr gegenüber an dem Tische befand sich eine junge Person, die ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt war, obgleich ihr Äußeres auf höheres Alter deutete. Es war das ein schmächtiges Mädchen, ziemlich dürftig angezogen, mit eingefallenen blassen Wangen, auf denen jene leichte Röthe spielte, die man im Munde des Volkes »Kirchhofsrosen« nennt. Dabei hatten ihre Augen einen unheimlichen trockenen Glanz, und die weißen Hände, die sie vor sich auf den Tisch gefaltet hielt, zitterten öfters, wenn auch kaum merklich. An dem einen Fenster saß auf einem Stuhle ein anderes Mädchen, welches in der Frische und dem Schimmer einer blühenden Gesundheit den vollkommensten Gegensatz zu der eben Geschilderten bildete, und die wir bereits kennen; denn es war Mademoiselle Marie vom Balletkorps. Die Frau am Tische ist ihre Tante, Madame Becker, und die schwindsüchtige Person ihr gegenüber eine Nähterin aus der Stadt, die vor einigen Augenblicken eingetreten war, und über deren ziemlich unverhoffte Erscheinung die Frau nicht gerade erfreut zu sein schien. Sie hatte ihr ziemlich mürrisch einen Platz angeboten und rührte nun langsam ihren Kaffee herum, während sie sagte: »Nun sprech' Sie, Katharine, was führt Sie eigentlich daher? Wenn ich Ihr helfen kann, so wollen wir sehen, was sich machen läßt. Aber in der Angelegenheit ist nicht viel zu thun.«

Die Nähterin war offenbar zu sehr aufgeregt, um augenblicklich mit vollkommener Ruhe antworten zu können. Sie versuchte es, einen tiefen Athemzug zu thun, wobei ihre Nasenflügel leicht erzitterten und die Röthe auf den Wangen noch mehr hervortrat.

»Ich bin wirklich etwas zu schnell gegangen,« sprach sie nach einer Pause. »Wenn man im Tagelohn arbeitet, so muß man so wenig Zeit als möglich verlieren. – Ich wäre gerne schon gestern Abend gekommen – aber ich weiß, daß Sie nach acht Uhr nicht gestört sein wollen, und heute Morgen um sieben Uhr war es auch noch zu früh.«

»Sie hätte ja die Agnes schicken können,« warf Madame Becker leicht hin, »Ihre jüngere Schwester.«

Ein eigentümliches Lächeln flog über die bleichen Züge der Anderen, während sie hastig erwiderte: »Nein, nein, die Agnes hat keine Zeit, gewiß nicht, gar keine Zeit. – – Aber ich bin so unruhig, daß ich eigentlich gar nicht sprechen kann.« Damit, wandte sie ihren Kopf nach der hinter ihr sitzenden Tänzerin und sah darauf die Frau an, als ob sie fragen wollte, ob sie vor dem jungen Mädchen sprechen dürfe.

Madame Becker nickte mit dem Kopfe und versetzte halblaut: »Nur ungenirt, es kann nichts schaden, wenn sie weiß, wie's im Leben zugeht. Halb und halb kann ich mir schon denken, was Sie von mir will, Katharine.«

»Nicht wahr, das können Sie sich denken?« entgegnete hastig die Nähterin, und ihr Auge flammte heftiger. »O, das können Sie sich gewiß denken: aber ich habe keine Ruhe mehr. Sie wissen, die Woche über kann ich nicht fort, nun war ich aber schon zwei Sonntage draußen bei der Frau, und jedesmal war sie nicht zu Hause, das Kind ebenfalls nicht. Ach! und das ist hart für mich!«

Madame Becker zuckte scheinbar gleichgiltig mit den Achseln. »Das ist zufällig,« sagte sie; »Sie will doch nicht verlangen, Katharine, daß die Frau Ihretwegen am Sonntag zu Haus bleibt? Sie hat auch ihre Gänge zu machen.«

»Aber es ist hart für mich,« entgegnete die Andere, während sie die Hände faltete. »Wofür arbeite ich die ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht hinein? Was hält mich aufrecht, wenn ich oft glaube, nun kann ich nicht mehr? – Nichts, nichts, als das kleine Kind; das ist meine Freude, mein Glück, das ist die Feier meines Sonntags, sein liebes Gesichtchen zu sehen, es tausend und tausendmal zu küssen, seine Haare, seine Stirne, seine Augen, seine Aermchen und Hände. – Ach! und es kannte mich recht gut! – Jeden Sonntag habe ich ihm was mitgebracht; – und das blaue Wollenkleidchen war so hübsch! – – Und nun habe ich es seit vierzehn Tagen nicht gesehen!« –

Die arme Person hatte das Alles in fieberhafter Erregung gesprochen; dabei blitzte ihr Auge umher; ohne die Frau vor sich anzusehen, schien sie weit, weit in die Ferne zu blicken, als sähe sie dort das Lächeln ihres Kindes, als drückte sie ihm die Küsse auf, wie sie eben beschrieben.

Madame Becker zuckte die Achseln, trank ihre Kaffeetasse leer, dann sagte sie: »Katharine, Sie ist immer noch so lebhaft und stürmisch wie früher, immer oben hinaus, nie eine ruhige Ueberlegung.«

»Nein, ich bin nicht mehr wie früher,« entgegnete schmerzlich die Nähterin; »ich habe vierzehn Tage gewartet, nachdem ich zwei Sonntage vergebens draußen war und ruhig heim ging, ohne mein Kind gesehen zu haben, da man mir sagte, die Frau käme wahrscheinlich nicht vor später Nacht nach Hause. – – Das hätte ich freilich früher nicht gethan,« fuhr sie lebhafter fort, während sie ihre Augen weit öffnete. – »Früher wäre ich auf der Treppe sitzen geblieben, die ganze Nacht und den andern Tag, und so viel Nächte und so viel Tage, bis sie mit meinem Kinde nach Hause gekommen wäre. – Aber es thut sich nimmer mehr,« fuhr sie zusammensinkend fort; »wenn auch der Wille da ist, die Kraft fehlt.«

»Jetzt habe ich Sie ruhig ausreden lassen,« versetzte Madame Becker nach einer längeren Pause, während welcher sie ihre Haube zurecht zog und einigemal freundlich zu lächeln versuchte; doch wollte ihr das nicht recht gelingen, und der unheimliche Blick ihres Auges drang überwiegend vor. »Jetzt habe ich Sie also ruhig ausreden lassen; jetzt sag' Sie mir, was will Sie eigentlich; soll ich vielleicht hinaus gehen und nach Ihrem Kinde sehen, oder was muthet Sie mir sonst zu?«

Die Tänzerin am Fenster, die beschäftigt war, ein Paar fleischfarbene Schuhe mit neuem Bund zu versehen, hatte die Hände mit dieser Arbeit in den Schoß sinken lassen und lauschte aufmerksam den Reden der Nähterin. Ja, sie erhob sich langsam und stellte sich in die Fenstervertiefung, scheinbar, um auf die Straße hinaus zu sehen, in Wahrheit aber, um besser zu hören, was Jene sprächen.

Die Nähterin hatte ihre beiden weißen Hände auf den Tisch gelegt und beugte sich so weit wie möglich zu der ihr gegenüber sitzenden Frau hin, die sie fest anschaute und mit ihrem Blick zu bannen schien.

»Sie wissen, Frau Becker,« sagte sie alsdann mit leiser, aber einbringlicher Stimme, »was damals mit ihm ausgemacht wurde. – Sie haben das ja selbst besorgt. – Als er mich verlassen, habe ich jede Hilfe von ihm zurückgestoßen, jede Unterstützung für mich und mein Kind; – das wissen Sie ganz genau, – denn ich wollte nichts mehr von ihm; es war ein Fluch an dem, was aus seiner Hand kam. – O, ich habe das lange geahnt! Er sollte also gehen, wohin er wollte, und machen, was ihm beliebte, aber dafür mußte er mir mein Kind lassen, – mein Kind, für das zu arbeiten mit eine wahre Lust ist. – O ein Vergnügen, Frau Becker; denn wenn ich Abends müd' und matt nach Hause komme und küsse die Locken, die ich von ihm habe, so bin ich wahrhaft frisch und munter und schlafe ohne viel Beschwerden, weil es mir dann im Traume erscheint und sich an meine Brust drückt, an meine Brust, die mich oft so sehr schmerzt! –«

Die Frau machte ein Zeichen der Ungeduld.

»Ich komme schon zu Ende,« fuhr die Andere fort, nachdem sie tief Athem geholt und einen Augenblick geschwiegen. »Aber wissen Sie, Frau Becker,« sagte sie matt lächelnd, »Sie müssen mir schon verzeihen, wenn ich das Kind so oft erwähne, ich habe ja an Anderes nicht zu denken. – Nun, also! Er schien sich auch, Gott sei Dank! um das kleine Ding gar nicht mehr zu bekümmern, ich erfuhr überhaupt nichts mehr von ihm, bis vor drei oder vier Wochen; da sagte mit die Babett, die mit mir zusammen nähte: weißt du auch schon, daß er heirathen will? – Es ist mir gleichgültig, entgegnete ich; habe ich doch mein Kind. – Ja, aber das Kind möchten sie gern haben. – Wer? rief ich erschrocken. – Nun sie – seine Familie; sei doch nicht so dumm, das kannst du dir ja denken, es kann ihnen doch wahrhaftig nicht gleichgiltig sein, daß ein Kind von ihm und dir lebt und gedeiht.«

»Das dumme Schwatzmaul!« murmelte die Frau in sich hinein.

»Bei den Worten,« fuhr die arme Person fort, indem sie sich über die Stirne wischte, »brach mir der kalte Angstschweiß aus, – wie jetzt, und ich wäre gleich zu der Frau hinaus gerannt, aber es war mit unmöglich. Auch war es Freitag, und den Sonntag darauf ging ich ja hin; aber da war es, wie ich Ihnen vorhin sagte: sie war ausgegangen und hatte das Kind mitgenommen. – Wie mich das bestürzt machte, Sie können es sich gar nicht denken, Frau Becker. Ich konnte mich nur etwas wieder trösten, als ich das kleine Bettchen sah und seine Alltagsschuhe, die daneben standen. – – Nun nehmen Sie mir's nicht übel, deßhalb bin ich eigentlich hier, Sie will ich ja nur fragen, auf's Gewissen fragen, wie es mit der Sache steht. Sie kennen ja die Familie und haben vielleicht sogar mit ihm zu thun. Ob er sich verheirathet, ist mir ja ganz gleichgiltig, aber das Kind ist mein; von dem Kinde darf er nichts mehr wollen. Nicht wahr, das sehen Sie auch ein? – Und er hat ja kein Recht an das Kind, hat sich ja auch nie darum bekümmert, und ich habe auf der weiten, weiten Welt nichts Anderes, was mich an dies Leben festhält!«

Madame Becker hatte sich bei dieser längeren Rede eine neue Tasse Kaffee zurecht gemacht und besorgte dies Geschäft absichtlich sehr langsam, wahrscheinlich um Zeit zu gewinnen, ihre Antwort zu überlegen. Sie mußte von der Sache wissen, denn während die arme Person ihr gegenüber sprach, räusperte sie sich ein paarmal nicht ohne Verlegenheit, schaute auch wohl gegen die Straße hinaus und nach ihrer Nichte, der Tänzerin, hin, die sich aber so fest in die Fensternische hineingedrückt hatte, daß die Frau nicht wußte, ob das Mädchen da sei, oder ob sie in's Nebenzimmer gegangen.

»Sieht Sie, Katharine,« sprach sie endlich sehr langsam, um ihre Worte überlegen zu können, »was ich vorhin sagte, ist wahr. Sie handelt immer vorschnell und obenhinaus und denkt immer das Schlimmste von den Männern. Das muß man nicht thun. Am Ende freilich ist was Unangenehmes passirt; wer kann für so ein kleines Kind einstehen?«

»Nicht wahr? – nicht wahr? – o mein Gott!«

»Ja, ich sage, es sei möglich, ohne daß ich es weiß. Daß die Frau Bilz zweimal nacheinander nicht zu Haus war, hätte an sich nicht viel zu bedeuten; das kann vorkommen. Aber neulich ist sie mir begegnet und hat den Kopf geschüttelt, als ich nach dem Kinde fragte, – ich frage immer darnach, Katharine, – da sagte sie: ja es ist recht kränklich, und selbst bei der sorgfältigsten Pflege weiß man doch nicht, was mit dem armen Wurm geschieht.«

»Aber mein Kind war nicht kränklich,« sagte ängstlich die Nähterin, »wenigstens noch nicht vor vierzehn Tagen; da fand ich es frisch und gesund.«

»Na! frisch und gesund wollen wir gerade nicht behaupten,« entgegnete die Frau, nachdem sie aus einer kleinen Dose verstohlen eine Prise genommen; »einen Treff hat das Kind leider schon bei der Geburt gehabt. Denkt nur an den Kummer, mit dem Ihr es getragen.«

»Ja, ich habe damals unendlich viel Jammer ausgestanden.«

»Und das feste Schnüren in der ersten Zeit! Ihr hattet damals eine reputirliche Kundschaft, Katharine, lauter feine, solide Häuser, und da läßt man so was nicht gern merken. Aber die armen Würmer leiden darunter.«

Die Nähterin schüttelte ungläubig den Kopf und sah gedankenvoll vor sich hin. »Nein, nein!« sagte sie nach einer Pause, »dem Kinde hat nichts gefehlt, das hat mich der Arzt versichert. Ich habe ihn ja fast auf den Knieen gebeten, mir die Wahrheit zu sagen.«

»So glaubt, was Ihr wollt,« versetzte Madame Becker scheinbar ereifert; »mir kann es ja recht sein. Aber wie ich Euch eben sagte: die Frau Bilz machte über den Zustand des Kindes so ein bedenkliches Gesicht, daß ich schon im Begriffe war, Euch aufzusuchen; doch wußte ich nicht, wo Ihr den Tag über seid und Abends habe ich keine Zeit.«

»Dann hätte die Frau aber zu mir kommen sollen, das wäre doch nicht mehr als recht und billig gewesen.«

»Ja, ja, sie hätte es gekonnt, aber sie hat auch viel zu thun. Nun, hoffen wir das Beste!«

»Was kann ich machen!« seufzte die Nähterin betrübt, indem sie die Hände faltete. »Und wenn das Kind krank würde und stürbe – du lieber Gott im Himmel! das wär' auch mein Ende; aber ich müßte es über mich ergehen lassen. – Das Andere aber, Frau Becker,« fuhr sie heftiger fort, indem sie ihre rechte Hand drohend erhob, »das Andere aber ließe ich nicht ruhig geschehen, so schwach ich bin: das können Sie mir glauben. – Aber nicht wahr, ich habe nichts zu befürchten, sie wollen mir das Kind nicht nehmen?«

»Ei! wo denkt Ihr hin? Es fällt gewiß Niemand ein, bas zu thun,« antwortete die Frau und wandte ihren Kopf der Thüre zu, wo sich ein leises Klopfen vernehmen ließ.

»Wenn Sie nur das denken, so beruhigt es mich,« erwiderte Katharine; »und nur um ein wenig Trost zu haben, kam ich hieher. Ich habe einen halben Tag Arbeit versäumen müssen,« fuhr sie schmerzlich lächelnd fort, »und das fällt mir schwer. – Aber nicht wahr, Frau Becker, noch einmal, es geschieht mir gewiß nichts Schlimmes?«

Es klopfte zum zweitenmale an die Thüre.

»Was soll ich wissen?« meinte Frau Becker, die ungeduldig den Kopf herum wandte und dann ihrer Nichte rief und ihr auftrug, sie solle nachsehen, wer an der Thüre sei.

Die Nähterin erhob sich langsam, wobei sie ihre eine Hand auf den Tisch stützte und leise hustete.

 

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