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Europäisches Sklavenleben. Dritter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Dritter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Dritter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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68. Achselbänder und Karrikaturen

Am gleichen Abend, in dem unser voriges Kapitel schließt, vielleicht eine starke Stunde später, verließ der Baron von Brand seine Wohnung; er trug einen sehr eleganten Paletot von dunklem Tuch, den er fest zugeknöpft hatte; sein blonder Bart war wie immer sorgfältig zugespitzt und parfümirt; er schritt lustig trällernd die Treppe hinab, wobei er seine Handschuhe zuknöpfte, und als er hierauf vor die Hausthüre trat, warf er einen Blick an den Himmel hinauf, welcher ruhig und klar war und, wie oft im Winter, in glänzender Sternenpracht funkelte. Es lag kein Schnee auf dem Boden, auch war dieser hart gefroren, weßhalb Herr von Brand keinen Wagen befohlen hatte.

Kaum aber wollte er den Fuß auf das Pflaster setzen, so fuhr eine Equipage, die in vollem Trabe aus der Mitte der Straße abgelenkt war, dicht an das Haus hin, wo die Pferde augenblicklich still standen. Der Baron zog seinen Fuß zurück, und that wohl daran, denn der Wagen war so nah bei der Thürschwelle vorgefahren, daß er den Heraustretenden beinahe in Gefahr gebracht hätte.

»Zum Teufel!« rief dieser dem Kutscher zu, »ist das auch eine Manier, harmlose Spaziergänger jählings zu überfallen! Heh! mein Freund! Weiß Er wohl, daß Er mich um ein Haar überfahren hätte?«

»Ah! Sie sind es selbst, bester Herr von Brand!« hörte er nun eine laut lachende Stimme aus dem Wagen. »Wenden Sie Ihren Zorn von dem Unschuldigen draußen auf mich. Es drängte mich, Sie zu sehen, und deßhalb befahl ich, so schnell zu fahren.«

» Coeur de rose!« entgegnete der Baron, indem er an den Schlag trat. »Aber, gnädiger Herr, ich versichere Sie, mein kostbares Leben schwebte in augenscheinlicher Gefahr, oder, was fast noch schlimmer ist, meine geraden Gliedmaßen. – Wollen Euer Durchlaucht vielleicht aussteigen?«

»Nein, nein,« versetzte lachend der Herzog; »Sie wollten eben ausgehen, und da kann ich mich nicht unterstehen, Ihre besetzte Zeit so sehr in Anspruch zu nehmen. Auch bin ich selbst eilig wie immer.«

»Wie Sie befehlen, gnädiger Herr. Aber da Sie zu mir wollten, so muß ich mir schon erlauben, Sie zu fragen, womit ich Ihnen dienen kann.«

»Ich habe zwei Worte mit Ihnen zu sprechen,« sagte der Herzog, indem er den Schlag von innen öffnete, »und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie für wenige Augenblicke in meinen Brougham steigen wollten. – Aber Sie müssen mir im Voraus verzeihen, bester Baron, daß ich Sie zu so ungewohnter Stunde überfalle und meinen Besuch nur halb mache; doch wissen Sie, ich bin immer so ungeheuer beschäftigt, und wenn ich mir auch oft vornehme, nach Ihnen zu sehen –«

»So kommen Euer Durchlaucht doch nur, wenn Sie Ihre wichtigen Gründe haben,« schloß der Baron von Brand mit dem ihm eigenen süßen Lächeln den Satz. Bei diesen Worten war er in den Wagen gestiegen und ließ sich neben dem Herzog auf die weichen Kissen nieder.

»Ich war heute wieder bei dem Major von S.,« sagte Seine Durchlaucht.

»Da wurde Whist gespielt,« warf der Baron leicht hin.

»Nachher rauchten wir unsere Cigarre, der Major zeigte Steinfeld einige Waffen, ich und Graf Fohrbach wir traten an's Fenster.«

»Da proponirten Sie ihm eine Wette.«

»Woher wissen Sie das?« fragte erstaunt der Herzog.

»Nun, ich weiß es eben, gnädiger Herr; ich erfahre so Manches.«

»Teufel auch! so haben Sie den Grafen Fohrbach gesehen!«

» Coeur de rose! – seit mehreren Tagen nicht.«

»Oder den Herrn von Steinfeld, oder den Major, denen Graf Fohrbach vielleicht getratscht.«

»Ebenso wenig.«

»Unbegreiflich!« sagte der Herzog; »nun wenn Sie allwissend sind, so brauche ich Ihnen auch nicht zu sagen, weßhalb wir gewettet.«

»Gewiß nicht, gnädiger Herr, denn ich weiß das ganz genau. Die Konversation betraf Fräulein von S., und Sie vermaßen sich – nehmen mir Euer Durchlaucht nicht übel – leichtsinniger Weise, das Fräulein zu bestimmen, Ihre Farben zu tragen. Ah! Durchlaucht, das ist stark!«

»Alle Teufel! Baron, woher wissen Sie das?« rief der Herzog in höchstem Erstaunen. »Es ist so, wie Sie sagen: ich sehe in ungeheurer Achtung zu Ihnen empor. Wahrhaftig, Baron, ich bin glücklich, daß ich Sie Freund nennen darf.«

»Weil Sie wahrscheinlich einen Wunsch auf der Seele haben, gnädigster Herr,« entgegnete Herr von Brand. Und wenn es in dem Wagen nicht so dunkel gewesen wäre, so hätte der Herzog nothwendig sehen müssen, von welch' verächtlichem Lächeln diese Worte begleitet waren.

»Bei Gott! den habe ich auch, Sie Allwissender; und einen ziemlich großen Wunsch.«

»Den ich mir denken kann. Ich soll Ihnen helfen Ihre Wette gewinnen.«

»Ja und Nein,« sagte Seine Durchlaucht. »Die Wette ist nicht zu gewinnen, denn der Graf nahm sie gar nicht an: aber meinen Willen durchzusetzen, das wäre mein höchster Wunsch.«

»Daß das Fräulein bei dem Hofball Ihre Farben trägt?«

»Ja, das muß ich durchsetzen,« sprach der Herzog eifrig. Dann fuhr er auf vertrauliche Art und sehr leise fort: »Dabei müssen Sie mir helfen; ich versichere Sie, Baron, ich gewinne nicht einen halben Pas bei dem starrköpfigen Mädchen. Was nützt mich das Fürwort des Vaters? – was nützt es mich, daß wir sie von allen Seiten umgarnt haben? – was helfen mich Ihre sonst so vortrefflichen Berichte? Ueber Alles, was ich erfahre, muß ich mich ärgern! – Wo geht sie hin? – Zum Kriegsminister oder zum Major von S. – Wer ist da täglicher Gast? – Graf Fohrbach! – Baron, wir müssen einen Hauptcoup ausführen; ich muß mit einemmal das verlorene Terrain wieder gewinnen. Sie muß auf dem Hofball meine Farben tragen und sich so kompromittiren.«

»Das Letztere kann nicht ausbleiben, wenn wir sie zu dem Ersteren vermögen. Das wird aber sehr, sehr schwer sein.«

»Schwer, haben Sie gesagt, bester Baron!« jubelte der Herzog, »also doch nicht unmöglich. O, meine Dankbarkeit wäre unbegrenzt. Sprechen Sie, ist was zu machen?«

»Das will sehr überlegt sein. Und wie lange haben wir Zeit?«

»Noch acht bis zehn Tage, dann ist der große Maskenball bei Hof. – Sprechen Sie, Baron, machen Sie mich zu Ihrem ewigen Schuldner!«

»Ich fürchte, gnädiger Herr,« erwiderte Herr von Brand lachend, »Ihre Ewigkeiten sind sehr kurz und vergänglich. – Doch will ich's darauf hin wagen. Aber erschrecken Sie nicht, wenn auch ich nächstens anfange, meine Forderungen zu stellen.«

»Verlangen Sie!« erwiderte der Herzog bestimmt. »So lieb es mir ist, Ihr Schuldner zu sein, so sollen Sie mich doch jederzeit bereit finden, für Sie zu thun, was in meinen Kräften steht.«

»Das höre ich jetzt schon zum zweitenmale, und es wird nächstens die Zeit kommen, wo ich Euer Durchlaucht fest beim Worte nehme.«

»Ich hoffe es; aber meine Angelegenheit – sprechen Sie, bester Baron!«

»Soll – besorgt werden.«

»Bei meiner Ehre! Baron,« rief erfreut der Herzog, »versprechen Sie nicht zu viel?«

»Das thue ich nie,« erwiderte ruhig Herr von Brand. »Es ist das freilich keine leichte Kommission, aber ich thu' Alles, um Sie mir zu verpflichten. Doch bedarf ich ein klein wenig Ihrer Hilfe; – heute Abend ist bei der Frau Herzogin eine Zusammenkunft, der Sie wahrscheinlich anwohnen werden.«

»Ich habe von Mama die gnädige Erlaubniß erhalten,« lachte der Herzog; »ich als einziger Mann zwischen ein paar Dutzend Hofdamen und Ehrenfräuleins.«

»Sie Glücklicher! – Nun also, da werden Sie erfahren, welches Kostüm dem Fräulein von S. zugedacht ist. Sorgen Sie darnach für die bewußten Bänder in den Farben, die Sie wollen, sei es als Haar- oder Busenschleife, wenn sie irgend ein vollkommenes Damenkostüm wählt, sei es als Achselbänder, wenn man sie vielleicht zu einer der Ecuyèren Ihrer Majestät bestimmt. Und das bin ich überzeugt bei der prachtvollen Gestalt des jungen Mädchens!«

»Ach ja, bei ihrer prachtvollen Gestalt!« seufzte der Herzog.

»Aber die Schleifen und Achselbänder müssen mir in der von Ihnen bestimmten Farbe vollkommen fertig, auf's Zierlichste gemacht, in drei Tagen, von heute ab, übergeben werden.«

»Das werde ich selbst besorgen, bester Baron, und zugleich meinen herzlichen Dank überbringen.«

»Mit Letzterem wollen wir warten bis nach dem Hofballe,« entgegnete Herr von Brand, »denn ich bin nicht allmächtig; auch mir kann etwas mißlingen.«

»Nein, nein,« rief triumphirend der Herzog, »Ihnen nicht. Glauben Sie mir, ich staune Sie an. Ich bin doch auch mit den Hofintriguen ziemlich bekannt, aber welche Wege Sie gehen, ist mir unerklärlich; über welch' immense Kräfte und Mittel müssen Sie zu verfügen haben!«

»Sie irren, gnädiger Herr,« erwiderte der Baron leicht, »die Kräfte, die ich anwende, sind klein und unbedeutend wie ich selbst; es trifft sich nur zufällig, daß ich Ihnen dienen kann.«

»Sie sind wahrhaftig zu bescheiden. Doch will ich jetzt Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen,« versetzte der Herzog; »ich würde Sie einladen, mit mir zu kommen, aber ich muß, wie Sie wissen, bei jener wichtigen Zusammenkunft erscheinen. – Sie waren zu Fuß, wie ich sehe, kann ich Sie irgendwo absetzen?«

»Ich gehe zu Ihrem Rivalen,« sagte lachend der Baron von Brand; »Sie sehen, wie ich offenherzig bin. Wenn Sie mich dahin bringen wollen, ist es mir angenehm.«

»Und genirt es Sie nicht, wenn Sie in meinem Wagen anfahren?«

»Ganz und gar nicht, gnädiger Herr,« versetzte der Baron in sehr harmlosem Tone. – » Coeur de rose! der Graf Fohrbach wird gar kein Gewicht darauf legen, ob ich von Euer Durchlaucht oder von Hause komme.«

»So fahren wir also!« sprach der Herzog. Er ließ die Scheibe des Schlages herab und rief seinem Kutscher zu: »Zum Adjutanten, Graf Fohrbach!«

Dumpf rollte der Wagen dahin, durch erhellte und belebte Straßen, und bog bald rechts, bald links. Zuweilen fielen Lichtstrahlen aus einem der glänzenden Magazine in den Wagen hinein, und dann hätte man sehen können, wie der Herzog zuweilen aber kaum merklich forschend den Baron Brand anblickte, dieser dagegen zum Wagenschlage hinaussah und die erhellten Läden sowie die vorüberhuschenden Spaziergänger angelegentlich zu betrachten schien.

Jetzt hielten die Pferde; Herr von Brand sagte: »Ah! da sind wir schon!« und während er leicht und gewandt auf die Erde stieg, faßte er die dargereichte Hand des Herzogs, welche ihm dieser mit Empressement nachstreckte. Auf einen Zug an der uns bekannten Klingel öffnete sich die kleine Thüre, der Baron ging durch den Garten in das Haus, wurde von dem alten Diener mit einer steifen, feierlichen Verbeugung empfangen, und trat in den Salon, wo sich der Hausherr befand, auch der Major von S., Arthur Erichsen und Herr von Steinfeld.

Sämmtliche Herren blickten auf, als er eintrat, Arthur und Graf Fohrbach wechselten einen bedeutungsvollen Blick mit einander; doch als hätten Sie sich wohl verstanden, winkte der Maler dem Eintretenden freundlich mit der Hand, und Graf Fohrbach, sich gewaltsam von einer kleinen Befangenheit losmachend, rief laut lachend: »Da kommt der Baron! das ist unser Mann, der kann uns au fait setzen.«

Der Baron grüßte verbindlich der Reihe nach, wobei er den Kopf senkte und mit den Augen nach aufwärts schielte. Er zog bedächtig sein Sacktuch heraus, wischte seinen Bart und wedelte sich hüstelnd einige Wohlgerüche zu. Man konnte ihm das nicht übel nehmen, denn der Dampf der Cigarren in dem Gemach war wahrhaft schrecklich; er konnte auch nichts Gescheiteres thun, als sich selbst eine anzuzünden, was auch sogleich geschah, und dann erst, nach einigen starken Zügen, versicherte er, in der Verfassung zu sein, Rede und Antwort stehen zu können.

»Baron Brand ist mir schon recht,« meinte Arthur, »und ich unterwerfe mich seinem Urteilsspruch.«

»Um was handelt es sich?« fragte jener geziert.

»Sie waren neulich bei mir,« fuhr der Maler fort, »oder Sie kamen vielmehr mit Herrn von Dankwart. Sie erinnern sich, daß dieser Protektor aller schönen Künste vorläufig ein Porträt des Herrn Herzogs bei mir bestellte.«

»Vorher aber sollten Sie an seinem eigenen Kopfe beweisen, ob Sie auch fähig seien, ein gutes Porträt zu liefern. – Ganz recht,« entgegnete der Baron.

»Und dies Porträt hat er gemacht!« jubelte der Hausherr. »Vortrefflich! Arthur, lassen Sie sehen.«

»Sie bringen mich wahrhaftig in Verlegenheit, Graf Fohrbach,« sagte lachend der Maler; »ich habe Ihnen eine Zeichnung präsentirt, aber sie nicht als das Bildniß des Herrn von Dankwart ausgegeben. Gott soll mich bewahren! das ginge wider allen Respekt.«

»So lassen Sie sehen,« sprach gravitätisch der Baron, und zupfte seinen Halskragen sanft in die Höhe; »wir wollen unparteiisch entscheiden.«

»Meinetwegen!« entgegnete der Maler. »Aber ich ersuche die Herren, meine Verwahrung zu Protokoll zu nehmen.« Er erhob sich und nahm aus seiner Mappe, die in einer Ecke lehnte, ein Blatt, das er dem Baron von Brand übergab.

Dieser legte seine Cigarre auf den Kamin, wandte den Rücken gegen die Lampe, die auf dem Gesims stand, und als nun das volle Licht derselben auf jenes Bild fiel, fuhr ein höchst angenehmes Lächeln über seine Züge. Seine Oberlippe erhob sich kokett und zeigte die blendend weißen Zähne. – »In der That vortrefflich!« sagte er nach längerem Betrachten; »superb! – göttlich! Das ist das Bild eines Schimpanse, und hat zugleich große Ähnlichkeit mit Herrn von Dankwart.«

»Zeigen Sie auch die anderen!« rief Graf Fohrbach.

Und der Maler brachte noch fünf andere Blätter zum Vorschein, worin der Schimpanse und Herr von Dankwart nach der bekannten Spielerei behandelt waren, mittelst welcher man in hundert Abbildungen mit ganz unmerklichen Aenderungen, wodurch zwei Blätter immer vollkommen ähnlich sind, dennoch den großen Sprung von einem ausgespannten Frosch bis zum Apoll von Belvedere zurücklegen kann. Hier aber genügten vollkommen sechs Blätter, um aus einem gerechten und untadelhaften Schimpanse zur vollständigen Figur des Herrn von Dankwart überzugehen.

»Die Blätter sind kostbar,« sagte Herr von Brand nach einer Pause; »ich gäbe was darum, wenn ich sie meinem Album einverleiben könnte. Lieber Herr Erichsen, könnte sie ein armer Mann, wie ich bin, bezahlen?«

»Wenn es eine präsentable Arbeit wäre,« erwiderte der Maler, indem er seine Blätter wieder zusammen packte, »so würde ich, mich aller Ihrer Gefälligkeiten erinnernd, mir ein Vergnügen daraus machen, sie in Ihr Album zu stiften. Aber verzeihen Sie mir, in diesem Falle wäre das vielleicht für uns Beide ein gefährliches Wagstück.«

»Was geht uns Herr von Dankwart an?« meinte der Baron.

»Aber seine Herrin desto mehr,« warf der Major dazwischen, »er steht in der allerhöchsten Gnade; Sie können morgen bei ihm vorfahren und ihm gratuliren; er hat wieder einen neuen Orden bekommen.«

»Das würde ich wahrhaftig thun,« sagte lachend der Baron, »wenn ich jene sechs kostbaren Blätter hätte, um sie nachher zur Abkühlung präsentiren zu können.«

»Das würden Sie nicht thun,« versetzte aufmerksam Graf Fohrbach. »Ich kenne und bewundere Ihren Muth in jeder Hinsicht, aber das würden Sie bleiben lassen.«

»Das käme auf eine Wette an,« entgegnete Herr von Brand in gefälliger Weise.

»Die ich annehmen würde; Zehn gegen Eins!«

»Halt! halt! ihr Herren!« sprach der Major. »Das wär' eine Wette, die uns Alle, wie wir hier versammelt sind, theuer zu stehen kommen könnte.«

»Die auch nie stattfinden kann,« sagte Arthur, »denn ich würde die Blätter nie, namentlich aber nicht zu einem solchen Zwecke, hergeben.«

»Genug! genug!« mischte sich Herr von Steinfeld, der bisher in einem Buch geblättert hatte, in das Gespräch, »man muß nicht so in ein Wespennest schlagen wollen. Aber sage mir, vortrefflicher Hausherr, darf ich dich um eine Tasse Thee bitten?«

»Ich weiß nicht, wo er so lange bleibt,« erwiderte Graf Fohrbach. Doch hatte er kaum die Klingel gezogen, als auch schon der Kammerdiener, fast unhörbar, in das Zimmer glitt, den Thee in der uns bekannten Art aufstellte, und darauf mit den Bedienten wieder verschwand.

Jeder nahm sich eine Tasse, dann sagte Herr von Steinfeld mit Beziehung auf das Gespräch von vorhin: »Unsereins, der lang in der Fremde war und fast unbekannt geworden ist, könnte sich durch so etwas empfehlen. – Alle Wetter! Wer hat die Wette gemacht? würde es freilich heißen. – Graf Fohrbach, bei sich zu Hause in einer kleinen Gesellschaft. – Wer war da? – Nun, Erichsen, der die Blätter gezeichnet, Major von S., Herr von Steinfeld –«

»Ja, ja,« sagte der Major, »das könnte uns Allen ein paar verdrießliche Gesichter eintragen.«

Der Hausherr hatte achselzuckend zugehört und bedächtig seine Tasse ausgetrunken, dann sagte er: »Ja, wir werden alt, es ist kein Spaß mehr da und kein Humor. – Apropos!« fuhr er nach einer Pause fort, »du bist mit deinen Besuchen ziemlich fertig. Man hat dich doch überall gnädig aufgenommen?«

»Darüber kann ich nicht klagen. – Doch da fällt mir etwas ein, worüber ihr mich vielleicht aufklären könnt. – Als ich bei deinem Papa war,« wandte er sich an den Hausherrn, – »Seine Excellenz empfingen mich sehr zuvorkommend – traf ich den alten General-Adjutanten Baron von W. mit seiner Frau.«

Herr von Brand zuckte, aber fast unmerklich, zusammen.

»Wenn ich sage traf, so meine ich damit, ich begegnete ihm an der Thüre des Salons; er ging, ich kam. Es war so auf der Schwelle, daß ich nicht präsentirt werden konnte. Der Bediente meldete mich, und da war es mir, als wenn sich die Baronin von W. bei Nennung meines Namens plötzlich und auffallend von mir abwende.«

»Wer weiß, wilder Mensch,« sagte der Major, »ob du sie nicht vielleicht früher einmal gekannt, ihr die Cour gemacht oder sie auffallend vernachlässigt hast?«

»Unmöglich!« erwiderte Herr von Steinfeld. »Als ich damals noch hier war, war der alte Baron auf weiten Reisen und heirathete in meiner Abwesenheit. Ich machte natürlich auch in seinem Hause meinen Besuch, er empfing mich; Madame, hieß es, sei unpäßlich.«

»Das ist so seine Art,« meinte gleichgiltig Graf Fohrbach, »er ist ein alter, eigensinniger Herr, der sein Haus Niemanden öffnet, und nur genaue Bekannte seiner Frau vorstellt.«

»Ihr könnt euch denken,« fuhr Herr von Steinfeld fort, »daß das meine Neugierde erregt, und daß ich Alles daran setzen werde, ihre Bekanntschaft zu machen. – Ist sie schön?« –

»O nicht übel, wie soll ich sie dir beschreiben?« sprach der Hausherr, und fuhr gleich darauf lachend fort: »Richtig! betrachte dir dort den Baron Brand.«

Dieser war in tiefe Gedanken versunken und starrte in die Theetasse, die er vor sich hin hielt. Als er nun so plötzlich seinen Namen nennen hörte, wäre ihm diese fast aus der Hand gefallen, so schrak er zusammen. Doch faßte er sich augenblicklich wieder, lächelte und sagte: »Was beliebt, Graf Fohrbach?«

Herr von Steinfeld hatte übrigens, der an ihn ergangenen Aufforderung gemäß, seinen Blick auf den Baron geworfen und mußte in dessen Gesicht etwas gefunden haben, was ihn fesselte, denn er betrachtete ihn eine Zeit lang mit großer Aufmerksamkeit, dann aber starrte er vor sich hin, augenscheinlich in tiefe Gedanken versunken. – »Wirklich,« sagte er darauf, indem er mit der Hand über die Augen fuhr; »also Herr von Brand sähe der Frau von W. ähnlich?«

»Die alte Geschichte,« entgegnete dieser achselzuckend und süßlich lächelnd, wobei er sich aber nicht enthalten zu können schien, einen Blick in den Spiegel an seiner Seite zu werfen. – »Das ist die alte Geschichte dieses guten Grafen Fohrbach. Das belustigt ihn: man lasse ihm diese Grille.«

»Nein, nein, es ist was daran,« meinte auch der Major. »Wir haben schon früher darüber gesprochen; haben Sie noch nicht in Ihren Geschlechtsregistern nachgesehen?«

»Spässe! Nehmen Sie nur unsere beiderseitigen Namen.«

»Aus welcher Familie ist die Baronin?« fragte Herr von Steinfeld.

»Aus einem großen sicilianischen Hause, auf icci endigend: wer kann das behalten?«

»Aber das blonde Haar für eine Italienerin?«

»Der Vater war ein Engländer oder Schotte. Es liegt noch ein gewisses Düster über ihrer Herkunft.«

»Ich muß sie sehen,« sagte bestimmt Herr von Steinfeld.

»Lieber Baron Brand,« lachte der Hausherr, »ich lasse mir die Ähnlichkeit doch nicht abstreiten. Wer weiß, wie das zusammenhängt!«

»O, mir wäre ein solcher Zusammenhang gar nicht unlieb,« sagte der Baron. Dann trank er seine Tasse leer, und stellte sie, Müdigkeit affektirend, auf den Tisch.

Der Major hatte sich erhoben und machte Anstalten zum Fortgehen. – »Ich habe Dienst,« bemerkte er lächelnd auf die Frage des Grafen, und setzte hinzu, als ihn dieser ungläubig ansah: »Ich versprach meiner Frau, sie im Schlosse abzuholen.«

»Ah! sie ist auch bei der großen Berathung! Du Glücklicher, da erfährst du heute Abend schon, welche Kostüme befohlen werden.«

»Was mich im Grunde gar wenig interessirt, denn ich liebe die Maskerade nicht,« erwiderte der Major und setzte, sich umschauend, hinzu: »Wer von den Herren geht mit?«

Der Baron von Brand und Herr von Steinfeld nahmen darauf hin ebenfalls von dem Hausherrn Abschied, Arthur wollte ihnen folgen, doch bat ihn Graf Fohrbach, zu bleiben und noch eine Stunde mit ihm zu verplaudern.

An der Thüre wandte sich Herr von Brand um und rief dem Maler mit einem etwas erzwungenen Lächeln zu: »Bester Herr Erichsen, bitte, überlegen Sie es sich ernstlich, ob und zu welchen Bedingungen ich die sechs Blätter bekommen kann.«

»Der Teufel auch,« sagte der Hausherr, nachdem er gehört, daß die Thüren draußen geschlossen worden; »was mag ihm so an dem Porträt des Herrn von Dankwart gelegen sein! Da wären Ihre Blätter in guten Händen. Nehmen Sie sich in Acht! – Ich glaube wohl,« setzte er nach kurzem Besinnen hinzu, »daß er einen guten Gebrauch davon machen würde, und ich möchte schon Dankwärtchen einen kleinen Aerger wünschen; aber Sie werden sich um's Himmelswillen nicht mit dem Baron einlassen.«

»Aber Sie proponirten ihm doch selbst eine Wette!«

»Weil ich gewiß war, daß Sie die Blätter nicht hergeben würden. – Apropos, Arthur, Sie erinnern sich der paar Worte, die wir neulich auf dem Balle zusammen sprachen; ich muß Ihnen wiederholen: nur durch die größte Behutsamkeit, dem Baron gegenüber, können wir im Stande sein, seine Aufmerksamkeit, ja seinen Verdacht nicht zu erregen. Sie werden deßhalb auch in meinem Betragen gegen ihn durchaus keine Aenderung merken.«

»Ich hoffe, daß Sie über diesen Punkt auch mit mir zufrieden sein werden,« meinte Arthur.

»Vollkommen. – Ich hielt Sie nicht ohne Absicht hier zurück; neulich machte ich einen Besuch bei unserem Polizeidirektor; ich gehe da zuweilen hin, es ist das ein sehr anständiges Haus, doch will ich Ihnen gestehen, daß ich diesmal meinen besonderen Zweck dabei hatte. Ich brachte das Gespräch auf die Zustände unserer Residenz, namentlich was das Departement des Polizeidirektors anbelangt, und erzählte dann leicht hingeworfen die Geschichte meines Petschafts, das neulich so räthselhaft verschwand. Der alte Herr riß nach seiner Gewohnheit heftig an der Nase und legte der Sache eine größere Wichtigkeit bei, als ich gedacht; ja, er erließ mir ein förmliches Verhör nicht und ich mußte ihm zu dem Ende auf sein Arbeitszimmer folgen, wohin er auch seinen ersten Sekretär beschied, – unter uns gesagt, ist dieser ein junger, sehr gescheidter Mann, der in seinem kleinen Finger mehr Verstand hat, als Seine Excellenz im ganzen Körper. – Nun gut! Ich mußte das Petschaft beschreiben, wo es gelegen, wann ich es vermißt und noch mehr dergleichen für die Polizei so wichtige Kleinigkeiten. – Es sei sonderbar, sagte mir der Sekretär, daß ähnliche Diebstähle so häufig vorkämen, und oft Sachen beträfen, die an und für sich gar keinen Werth hätten, Briefe, ganze Korrespondenzen, Dokumente und dergleichen; auch würden sie mit einer Sicherheit begangen, die an's Fabelhafte streife. Ja, es sei vorgekommen, daß Diesem oder Jenem, namentlich in der höheren Gesellschaft, ein Blatt, ein Brief plötzlich gefehlt habe, irgend eines Inhaltes, aber geeignet, ihn vor einer anderen Person schwer zu kompromittiren, und es sei unglaublich, aber wahr, daß man kurze Zeit darauf eben jener andern Person das betreffende Papier in die Hände gespielt und so wie muthwillig die erbittertsten Feindschaften hervorgerufen habe.«

»Unerklärlich.«

»Dazwischen hindurch zögen sich, so erzählte der Polizeidirektor, nun eine ganze Menge wirklicher und schwerer Diebstähle, mit einer Sicherheit und einem Muthe ausgeführt, wie sie nur durch die wohlorganisirteste Bande geschehen könnten, durch eine Bande, die mit ebenso viel Umsicht als Energie geleitet würde.«

»Also endlich glaubt man an die Existenz einer solchen?« sagte Arthur. »Es ist gut, daß ihnen droben einmal ein Licht aufgeht. Wir geringeren Leute drunten haben schon lange nicht mehr daran gezweifelt; mein Vater, der viel mit den Vätern der Stadt zu verkehren hat, machte oft darüber Andeutungen und sprach von dem Hause, das zwischen uns Beiden neulich auch genannt wurde, dem sogenannten Fuchsbaue, als dem Herde aller dieser Geschichten. – Aber mir scheint, die Thüre Ihres Schlafzimmers wurde geöffnet,« unterbrach er sich; »die Vorhänge haben sich soeben bewegt.«

»O, es wird mein Jäger sein,« entgegnete der Graf und fuhr dann fort: »Dasselbe vermuthete man auch auf der Polizeidirektion; doch haben die schärfsten Hausaussuchungen noch nie etwas ergeben; das soll freilich eine solche Verwirrung, ein solcher Knäul von Treppen, Stuben und Gängen sein, daß sich ein Uneingeweihter dort selbst am hellen Tage nicht ausfinden könne. Der Sekretär des Polizeidirektors meinte, man könne da nur durch eine Radikalkur helfen, indem man von Staatswegen die ganzen Gebäulichkeiten ankaufe und niederreiße.«

»Das wäre schade für uns Maler,« versetzte Arthur lächelnd, »denn es hat dort wahrhaft prachtvolle Ansichten, finstere, melancholische Winkel, wie sie die kühnste Phantasie nicht ersinnen kann.«

»Richtig!« sagte ebenfalls lachend der Graf; »und diese Winkel und engen Gassen lieben Sie absonderlich. Warten Sie, man kommt hinter Ihre Schliche.«

»Wie so?« fragte der Maler.

»Wenn man sich nicht weit vom Fuchsbau am Kanale hin verliert, so kommt man in kleine Straßen, wo Sie, theuerster Arthur, eigentlich nichts zu schaffen hätten, und wo man Sie doch häufig herumwandeln sieht.«

»Das leugne ich auch ganz und gar nicht.«

»Also in der That ein kleines Verhältniß?«

»Sagen Sie lieber ein großes Verhältniß, Graf Fohrbach. Ich gestehe Ihnen, dem Freunde, daß mich mehr als eine müßige Laune dorthin zieht. Ja, warum sollte ich es leugnen! Ich habe dort ein Mädchen gefunden, das ich unendlich liebe, – das ich Ihnen in vielleicht nicht zu langer Zeit als meine Frau vorzustellen habe.«

»Aus jenen engen Gäßchen?« sagte der Graf im höchsten Erstaunen. »Was wird Papa Erichsen dazu sagen, und vor Allem, Mama, die sehr strenge Kommerzienräthin?«

»Das ist freilich noch eine schroffe Klippe, die ich umschiffen muß und will. – Gewiß, Graf Fohrbach, ich scherze nicht, ich bin dazu fest entschlossen.«

»Und ihr liebt einander, wie es sein soll?« erwiderte der Graf mit wahrer Theilnahme. – »Und wenn das Mädchen gut und anständig ist, woran ich übrigens eben so wenig zweifle, als an ihrer Schönheit, denn Ihr guter Geschmack ist mir bekannt, so haben Sie Recht, sich über unsere kleinlichen Verhältnisse hinwegzusetzen. Sie sind ja ein freier Mann, ein Künstler, – Sie können am Ende handeln wie Sie wollen,« setzte er mit einem kleinen Seufzer hinzu.

»Ich wußte wohl,« erwiderte Arthur mit Wärme, »daß Sie meinen Entschluß billigen würden, und sollten Sie das Mädchen kennen lernen, so würden Sie mir noch unbedingter Recht geben.«

»Ach, lieber Arthur,« versetzte der Graf nach einer Pause, »diesmal kann meine Zustimmung für Sie eigentlich wenig Werth haben, denn ich befinde mich fast in gleicher Lage und fühle deßhalb parteiisch für Sie.«

»Sie – Graf Fohrbach?« fragte Arthur erstaunt.

»Ja, bester Freund, auch ich liebe; eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben, und auch mir treten die Verhältnisse hemmend entgegen. Doch auch ich bin fest entschlossen, dieselben niederzuwerfen, denn ich liebe, Arthur, und vor allen Dingen, werde ebenso wieder geliebt.«

»Dann wollen mir uns gegenseitig gratuliren,« sprach lachend der Maler, indem er seine beiden Hände ausstreckte, welche Graf Fohrbach herzlich schüttelte und darauf erwiderte:

»Verlassen Sie sich auf mich, Sie werden jederzeit, unter allen Verhältnissen und Lagen einen treuen und ergebenen Freund an mir finden. Haben Sie mir doch beständig die besten Beweise Ihrer Zuneigung gegeben, sogar in Geschichten, an welche nur zu denken ich mich jetzt fast schäme, und wo ich am Ende Ihr Verführer geworden bin, wenn Ihre Liebe Sie nicht geschützt hat, wie mich die meinige.«

»O ja, sie schützte mich vollkommen,« entgegnete lächelnd der junge Mann. »Richtig! wir sprachen noch nicht darüber, und damit hängt doch auch etwas zusammen, was wieder auf unsern rätselhaften Baron zurückführt.«

»Ah! lassen Sie hören; darauf bin ich begierig.«

»Sie baten mich damals, Ihnen den Brief zu besorgen an eine gewisse Madame Becker, Kanalstraße, glaube ich. Das war an jenem Tage, wo Ihr Petschaft verschwand.«

»Nichtig! richtig! und ich benutzte das Siegel des Herrn von Brand.«

»Also habe ich doch Recht!« rief überrascht der Maler. »Ich bemerkte wohl arabische Schriftzüge auf demselben, doch fiel es mir erst später ein, daß Ihnen vielleicht der Baron damit aus der Verlegenheit geholfen.«

»Und was hat es mit diesem Siegel für ein Bewandtniß?«

»Die bewußte Madame Becker erschrak, als sie es bemerkte; und doch schien sie es wieder anzutreiben, Ihren Wunsch zu erfüllen. Das beschäftigte mich, sobald ich das Haus in der Kanalstraße verlassen; Ihr Siegel – ich kannte es ja – ein einfaches F., sogar ohne Wappen und Krone, konnte unmöglich einen solchen Eindruck auf die Frau machen.«

»Sie haben wahrhaftig Recht,« sprach der Graf nach einigem Besinnen. »Als ich in jenem Brief von der Frau das Bewußte verlangte, dachte ich selbst nicht, daß es möglich sei, und war in der That überrascht, als sie mir einige Zeit nachher anzeigte, die Angelegenheit habe sich arrangirt. Dabei schrieb sie auch von einem hohen Freunde, dem ich sagen solle, wie viel Mühe sie sich gegeben. Damit war offenbar der Baron gemeint, dessen Siegel sie also erkannt; und wenn sie dies erkannt, so muß sie schon in häufige Berührung mit ihm gekommen sein.«

»Und nicht blos in Berührungen, wie die andern vornehmen Herren,« meinte Arthur lächelnd, »sondern ihr Schreck zeigte mir deutlich, daß sie ihn fürchte.«

»Wie ein für sie mächtiges Wesen,« sagte der Graf rasch einfallend. – »Bei Gott! Arthur, es ist so: ich scheue mich fast, es auszusprechen; aber wenn ich meine Begegnung mit ihm in der Nacht am Fuchsbaue, namentlich den Bericht jenes unglücklichen Geschöpfs im Schlosse und so all die verschiedenen Sachen zusammenstelle, so drängt sich mir die feste Ueberzeugung auf, der sogenannte Baron von Brand stehe an der Spitze einer weit verbreiteten Bande von Fälschern, Dieben, vielleicht Mördern.«

»Entsetzlich!« rief Arthur ergriffen. »Und wenn dem so wäre, würden Sie zu seiner Entdeckung, zu seiner Bestrafung etwas beizutragen im Stande sein? Würden Sie es über sich vermögen, den Mann, der hier unzählige Mal in Ihrem Zimmer gewesen, der von Ihrem Thee getrunken, von Ihren Cigarren geraucht, den vielleicht verdienten Ketten und Banden zu übergeben?«

»Nein, nein, dazu wäre ich nicht im Stande, obgleich ich es gewiß nicht ungern sehen würde, wenn wir von diesem wirklich gefährlichen Menschen befreit würden. Ja, ich würde vielleicht meinen kleinen Einfluß aufbieten, um ihm die freie Entfernung von hier zu erleichtern. Aber wie sich mit ihm darüber verständigen? Daß sich langsam ein Garn um seine Füße zieht, bin ich fest überzeugt, und darum thut es mir leid, wenn ich, wie heute Abend, sehen muß, daß er so unbewußt, sicher, aber unaufhaltsam der Gefahr entgegen geht.«

»Und letzteres ist doch noch die Frage,« entgegnete Arthur. »Ist Baron Brand wirklich der, für den wir ihn halten, so ist er ein außergewöhnlicher Mensch, dem ich meine Bewunderung nicht versagen kann, und der nicht so unklug sein wird, auf seinem gefährlichen Pfade blindlings dahin zu gehen. Glauben Sie mir, der hat die Augen offen so gut wie wir; und ich bin überzeugt, daß die erste Hand, die sich nach ihm ausstreckt, ihn spurlos verschwinden macht.«

»Gewiß, lieber Arthur; aber da wir einmal dieses Kapitel begonnen, so ist es vielleicht nicht indiskret, wenn ich Sie frage, wie jenes Rendezvous am Neujahrsabend eigentlich abgelaufen ist; ich muß darauf dringen, da Sie auch in dieser Angelegenheit Auslagen für mich gehabt haben.«

»Diese sind so unbedeutend, daß es gar nicht der Rede werth ist. Auch ist Ihr Verlangen durchaus nicht indiskret, denn ich kann Sie versichern, was ich mit dem Mädchen verhandelt, hätte die ganze Welt sehen können. Ich erhielt also Ihren Brief und ging um acht Uhr, wie derselbe von mir oder vielmehr von Ihnen verlangte, an die Ecke der Prinzenstraße; einen Wagen ließ ich mir folgen und im Schatten der Häuser halten. Ich brauchte auch nicht lange zu warten, so sah ich ein Frauenzimmer, obgleich mit ziemlich unsichern Schritten, auf mich zugehen. Sie war in einen langen, dunkeln Shawl gewickelt, so daß man von ihrer Figur so gut wie gar nichts entdecken konnte; um den Kopf trug sie eine schwarzseidene Kapuze mit sehr langen Spitzen, die so dicht auf ihr Gesicht niederfielen, daß es unmöglich war, die Gesichtszüge des Mädchens zu erkennen.«

»Das glaube ich wohl, denn es war eine dunkle Nacht.«

»Ich hatte mich so aufgestellt, daß sie sehen konnte, wie ich an der Straßenecke auf Jemand zu warten schien.«

»Welchen Weg kam sie?«

»Sie schien vom Theater zu kommen.«

»Ah!«

»Als ich nahe bei ihr war und sie mir in's Gesicht sah, welches ich mir auch, im Gegensatz zu ihr, gar keine Mühe gab, zu verbergen, stutzte sie und schien sich abwenden zu wollen. Ich sagte ihr: Sie erwarten jemand Anderes als mich zu finden; Graf F. aber ist verhindert und bittet vielmal um Entschuldigung. – Man muß doch höflich sein. – Er wird vielleicht das Vergnügen haben, fuhr ich fort, Sie ein anderes Mal zu sehen; für heute war es ihm gewiß unmöglich.«

»Und sie gab keine Antwort?«

»Nicht eine Silbe; ja sie wandte mir fast den Rücken zu und nickte ein paar Mal mit dem Kopfe, namentlich als ich sie fragte, ob sie sich des Wagens bedienen wolle, um nach Hause zu fahren.«

»Das nahm sie an? – Aber sagte Ihnen keine Adresse?«

»Das war unnöthig, wußte ich doch selbst die Wohnung der Madame Becker; ich fragte sie, ob sie in die Kanalstraße fahren wolle, da nickte sie abermals mit dem Kopfe. Ich hob sie alsdann in den Wagen, sagte dem Kutscher, wohin er fahren solle, und empfahl mich auf's Höflichste.«

»Arthur,« rief der Graf lachend, »ich glaube in der That, daß Ihre Liebe aufrichtig und wahr ist. Aber Sie können doch froh sein, daß eben dies Mädchen sich so dicht verschleiert und verhüllt hielt, und in kalter, dunkler Nacht vor Sie hintrat; denn, nehmen Sie mir es nicht übel, ich wollte doch für nichts stehen, wenn es Ihnen mit aller seiner Schönheit im warmen Zimmer beim Schein der Lichter unter den angegebenen Verhältnissen erschienen wäre.«

»Also war es ein gutes Abenteuer?«

»Das will ich meinen! Es betraf ein Mädchen, nach der Tausende vergeblich gesehen, die bis jetzt unbescholten dastand.«

»Ah! eine Verführung!«

»Nur durch die Macht des Goldes; sonst würde ich mir noch größere Vorwürfe gemacht haben, als ich damals schon that, namentlich da sie einer armen Familie angehört und durch ihren Erwerb Vater und Geschwister unterstützen muß.«

»Ein sauberer Erwerb!« sagte kopfschüttelnd der Maler.

»Ich meine das nicht, wie Sie es nehmen,« entgegnete der Graf. »Ihr Erwerb ist sehr anständig, kann es wenigstens sein; sie ist sogar eine Kollegin von Ihnen, Arthur – eine Künstlerin.«

»Ah! wenn ich das gewußt hätte, so würde ich ein Gespräch mit ihr angeknüpft haben. – Aber ihre Kunst besteht wohl im Gebrauch der Nadel.«

»Gefehlt, Arthur! Höher hinauf, oder wenn Sie wollen, tiefer hinab, denn die Kunst dieser jungen Dame besteht im Gebrauch ihrer Füße; sie ist eine – Tänzerin.«

Arthur wußte nicht, warum ihn dieses Wort so schmerzlich berührte. War es die leichtfertige Betonung, mit der sein Freund dies Wort aussprach, war es, weil auch sie eine Tänzerin, und weil es also wieder eine ihrer Kolleginnen war, die hier so zweideutig aufgetreten. Ja, es preßte ihm das Herz zusammen, und er hätte viel darum gegeben, wenn Graf Fohrbach dies nicht gesagt hätte.

Dieser aber hatte keine Ahnung davon, wie wehe er Arthur damit gethan. »Ja,« fuhr er fort, »wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, hat mich der Erfolg meiner Bemühungen selbst überrascht; ich glaubte nicht daran, und wunderte mich sehr, als jener Brief der Madame Becker an mich kam. Wenige Tage nachher schickte sie mir ihre Rechnung, sie war ziemlich stark, aber ich sandte ihr noch mehr, als sie verlangte; es wird jenem armen Geschöpf auch zu gut kommen, und – wenn auch in allen Ehren, so interessire ich mich immer noch für die schöne Clara.«

»Für die schöne Clara?« sagte der Maler, und trotzdem er diese Worte ganz leise, fast unhörbar sprach, so schien er doch kaum genug Athem gehabt zu haben, um sie heraus zu stoßen.

Der Graf hatte bei den letzten Worten seine Cigarre weggeworfen und den Fauteuil gegen das Kamin gedreht, wo er sich damit beschäftigte, die glühenden Kohlen zusammen zu scharren und einen angebrannten Holzblock darauf zu legen. Er konnte deßhalb nicht sehen, wie Arthur plötzlich so bleich wurde, wie er seine Hand krampfhaft auf das Herz preßte, dann über die Augen fuhr und hierauf gezwungen lächelnd mit dem Kopfe schüttelte. – »O! nein! – nein!« dachte der Maler, »so eine Idee ist ja lächerlich. – Aber eine Tänzerin war es, hat er gesagt. – Die schöne Clara. – Wer trägt sonst noch diesen Namen? – Mein ganzes Vermögen, Alles, was ich habe und kann, für eine gute Auskunft!«

»Man darf so ein Kaminfeuer nie ausgehen lassen,« meinte Graf Fohrbach. »Finden Sie nicht, daß es hier schon kalt geworden ist?«

»Nein, gewiß nicht – gewiß nicht!« brachte Arthur mühsam hervor. »Mir ist es heiß, sehr heiß.«

Der Andere hatte den kleinen, zierlichen Blasbalg ergriffen, der am Kamine hing, und fachte damit die Gluth von Neuem an.

Arthur saß da mit den Gefühlen eines Unglücklichen, über den das Richtschwert gezückt wird. Der blanke Stahl flimmerte ihm schon vor den Augen, er brauchte nur eine Frage zu thun und dann fiel vielleicht der tödtliche Streich, sein Lebensglück für ewig zerstörend. – Sollte er diese Frage thun? sollte er die beiden Hände seines Freundes ergreifen, ihm flehend in die Augen blicken und um Gottes und aller Liebe willen um den vollständigen Namen jenes Mädchens bitten? – Dann mußte er ihm auch sein ganzes Unglück offenbaren. – Oder sollte er ihn in gleichgiltigem Tone darum ersuchen? – Gewiß! er mußte das Letztere wählen. Und er that es unter den tiefsten Schmerzen, mit der fürchterlichsten Anstrengung. – Ja, er lachte dazu, aber sein Lachen klang heiser, fast wie ein Geheul, und wenn der Graf nicht so sehr mit seinem Feuer beschäftigt gewesen wäre, hätte er aufmerksam werden müssen.

»Die – schöne – Clara, sagten Sie,« sprach der Unglückliche junge Mann. »Ah! – damit haben Sie mir Ihr Geheimniß verrathen.«

»O! es soll für Sie gar keines sein,« erwiderte der Graf. »Wir kennen uns zu genau, und ich bin fest überzeugt, daß Sie den Namen dieses armen Mädchens Niemanden sagen werden, der vielleicht Interesse an ihr nimmt.«

»Nein, das thue ich gewiß nicht.«

»Sie haben ihn ja auch schon errathen; und ist sie nicht in der That reizend, ja liebenswürdig, die schöne Clara? – Clara Staiger, eine unserer graziösesten Tänzerinnen.«

Da war es heraus, und Arthur sank momentan in sich zusammen, wobei er übrigens so viel Geistesgegenwart besaß, beide Hände vor die Augen zu drücken, damit der Andere seine hervorstürzenden Thränen nicht sehen möge. Doch hielt es ihn nicht länger in dem Zimmer; es schien sich mit ihm zu drehen, die Mauern schienen ihm zu wanken; es lag ihm centnerschwer auf der Brust, er mußte hinaus in's Freie, in die kalte Nachtluft, um wieder athmen zu können. Und doch durfte er nicht so davon stürzen, das war seine Qual. Obgleich wie im Fieber zitternd, mußte er sich langsam und förmlich erheben; obgleich sein Blut in den Adern raste, mußte er Ruhe und Müdigkeit affektiren, und mußte mit dem Grafen noch einige gleichgiltige Worte wechseln. Glücklicherweise war es ziemlich spät geworden, weßhalb ihn dieser nicht lange zurückhielt. Und doch däuchte es dem Unglücklichen eine Ewigkeit, bis er seinen Hut ergriffen und die Thüre erreicht hatte. Ja, dort mußte er noch einen Augenblick warten, denn Graf Fohrbach machte ihn auf die Mappe aufmerksam, die er vergessen. – Endlich – endlich – öffnete sich ihm die Hausthüre, endlich trat er auf die Straße hinaus, und erst da schöpfte er tief Athem, als ihm die kalte Nachtluft seine brennende Stirne kühlte.

 

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