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Europäisches Sklavenleben. Dritter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Dritter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Dritter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131111
projectidfa29f4e7
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67. Im Fuchsbau

Im Fuchsbau war es in letzter Zeit ziemlich still und geräuschlos hergegangen; Fremde gab es gar keine, und die Stammgäste waren auswärts so beschäftigt gewesen, daß sie nicht Zeit oder Lust hatten, sich hier häufig zusammen zu finden. Ueberhaupt war die Schenkstube nur belebt, wenn es nicht viel zu thun gab, mit anderen Worten, wenn nicht viel Geld vorräthig war; dann wurde hier in Erwartung besserer Zeiten auf Kredit gelebt. Klimperte aber Silber und Gold in den Taschen, so zog man es vor, andere Kneipen aufzusuchen, nicht weil dort der Wein besser war, sondern weil man unbeachtet sein konnte, was im Fuchsbau nicht so ganz der Fall war. Da hatten die Wände der Schenkstube Ohren und die alte Pförtnerin scharfe Augen; es schwebte selbst für diese harten Gemüther etwas Drückendes durch die Räume, und wenn der Klang einer gewissen Klingel erscholl, so waren Wenige, die ihr Glas an die Lippen brachten, selbst wenn sie die Hand dazu schon erhoben hatten.

Auch heute Abend war die Klingel ertönt; da aber außer der alten Kellnerin sonst keine menschliche Seele im Zimmer war, so hatte sie nur auf diese ihre Wirkung ausgeübt. So hurtig es ihr die alten Beine erlaubten, war sie aufgesprungen, hatte nachgeschaut, ob die Drähte der Klingelzüge auch wirklich unverwirrt neben einander hingen, sie war auf einen Stuhl gestiegen und hatte ein kleines Kästchen betrachtet, welches ungefähr acht Schuh vom Boden an der Wand hing. In dieses Kästchen führte von oben eine kleine feine Kette, welche durch die Decke kam und irgendwo im Hause gezogen werden konnte.

Auch diesen Zug untersuchte sie, ob er in Ordnung sei und nicht stocken werde; sie zog das kleine Kettchen vorsichtig in die Höhe, worauf eine Feder anschlug und hell und schrill der Klang einer Glocke ertönte. Zu gleicher Zeit öffnete sich der Boden des Kästchens nach unten. Die Alte nickte selbstzufrieden mit dem Kopfe, als sie sah, daß die ganze Maschinerie in Ordnung sei, und drückte den Boden wieder vorsichtig in die Höhe, dessen Schloß mit einem kleinen Geräusch wieder zusprang.

Dies Kästchen hatte eine sehr wichtige Bestimmung; denn wenn die Glocke anschlug und sich der Boden öffnete, so hatte das alte Weib die Verpflichtung, augenblicklich den Haupthahnen der Gasbeleuchtungsrohren zuzudrehen und so das ganze Haus in tiefste Finsterniß zu versetzen. So lange nun die Alte als Pförtnerin sich hier befand, war das nur ein einziges Mal geschehen und zwar in einer fürchterlichen Nacht, an die sie nur mit Schrecken dachte.

So öde und leer wie das Schenkzimmer waren auch die Treppen und Korridore, obgleich hell beleuchtet; nur in einem Winkel der letzteren ging ein Mann ruhig auf und ab, nach Art einer Schildwache. Und diesen Dienst versah er auch. Von der Stelle aus, wo er sich befand, hatte er zwei lange Gänge, sowie die Haupttreppe im Auge, und wenn er ruhig stand und horchte, so war es ihm möglich, den leisesten Tritt, selbst vom entferntesten Theil des Gebäudes zu vernehmen. Die Thüre, neben welcher er stand, ist uns nicht unbekannt; sie führt in ein kleines Vorzimmer, und von da in das hohe Gemach mit der dunklen Holzbekleidung.

Wie an jenem Abend, dessen sich der geneigte Leser vielleicht noch erinnern wird, waren die dunkeln Vorhänge vor dem Fenster herabgelassen und im Kamine brannten große Stücke Holz. Auf dem alten Tische mit der grünen Decke standen zwei brennende Leuchter, und auf dem Stuhle mit der hohen Lehne, der neben dem Tische stand, saß er im gleichen Anzuge wie damals. Er hatte die Beine über einander geschlagen und die rechte Hand unter sein Kinn gestützt, während seine Linke nachlässig herabhing und den tscherkessischen Dolch, den er am Gürtel trug, zu wiegen schien. Vor ihm stand Mathias in ehrfurchtsvoller Haltung.

»Du meinst also,« sagte er, »daß sich die Polizei um den Vorfall da draußen bei dem Schwemmer nicht weiter bekümmert hat?«

»Ich weiß das sogar genau,« erwiderte Mathias; »es trieben sich allerdings einige von ihnen an dem Abend dort herum – aber,« setzte er lächelnd hinzu, »es muß da ein guter Freund von uns dabei gewesen sein, denn sie zogen sich leise zurück, als wir das Haus verließen, und Einen hörte ich sagen: Ach was! wer wird sich da hineinmischen! Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!«

»Und doch hätten sie damals einen guten Fang machen können; aber das Eisen zu deinen Banden, Mathias, liegt noch in tiefer Erde, wird vielleicht niemals gefunden.«

»Das hoffe ich,« entgegnete der andere mit tiefer Stimme. »Ich möchte doch nicht – – so enden.«

»Gewiß nicht, Mathias; es wäre schade um dich. Was meinst du, wenn wir nach und nach daran dächten, das Geschäft abzuwickeln, wie die Kaufleute zu sagen pflegen.«

Ein leichter Blitz flammte in dem Auge des Mannes auf; doch sprach er gleich darauf: »Sie wissen, Herr, mir gilt nur Ihr Befehl, und wenn Sie verlangen, ich soll mich morgen selbst angeben, so thue ich es.«

»Gewiß, Mathias, ich weiß das. Aber lassen wir diese Reden! ich hoffe, du sollst noch einmal Zeit genug bekommen, ein ruhiges Leben zu führen, meinetwegen auch zu bereuen und wieder gut zu machen, was du verbrochen. – Also die Schwemmer'sche Wirtschaft hat aufgehört? Wann starb er?«

»Acht Tage nach dem Vorfalle, Herr. Vielleicht hat er sich zu sehr alterirt; viel aushalten konnte er ohnedies nicht – vielleicht auch –«

»Nun was? – Warum stockst du?«

»Nun, ich meine, vielleicht half ihm auch Jemand über seine letzten Lebenstage schnell hinweg kommen.«

»Teufel! ich will nicht hoffen.«

»Ich weiß nichts genau, aber es wollte mir nicht gefallen, daß sich seit jenem Abend der Sträuber beständig dort aufhielt. Früher war dem in seinem lächerlichen Hochmuth das Haus dort viel zu schlecht; wie gesagt, von da an hielt er es mit der alten versoffenen Schwemmer, und wenige Tage nachher lud sie uns zum Begräbniß ihres Gemahls ein.«

»Ich fürchte, der Sträuber wird nächstens ein klägliches Ende nehmen,« sagte er nach einigem Nachdenken, und seine Hand fuhr langsam von der Scheide des Dolches nach dem Hefte hinauf. »Wird er genau beobachtet?«

»Allerdings, so genau als es möglich ist; aber er ist schlau wie der Teufel, hat große Angst und nimmt sich sehr in Acht.«

»Besucht er Häuser, in denen er nachweislich nichts zu schaffen hat?«

»Das wohl, aber wenn man sich bei ihm erkundigt, so hat er immer die triftigsten Ausreden.«

»Zum Beispiel?«

»So treibt er sich gern in der Nähe des Schlosses herum. Ich habe ihn schon ein paar Mal aus dieser oder jener Thüre heraus kommen sehen.«

»Immer im schwarzen Frack?«

»Und baumwollenen Handschuhen – das versteht sich. Als er mir das erste Mal da aufstieß, folgte ich ihm durch mehrere Straßen, und an einer passenden einsamen Stelle, wo ich that, als träfe ich ihn jetzt erst zufällig, sagte ich zu ihm: ei, Sträuber, woher des Wegs? – Ich dachte, er sollte mir irgend eine Lüge aufbinden, und dann wollte ich ihn examiniren; – aber Gott bewahre! er erzählte mir ganz ruhig, er komme vom Schlosse, wo er seine kleinen Geschäfte habe.«

»Und welche? Gab er vielleicht vor, er handle mit alten Kleidern?«

»O nein, dazu ist er zu hochmütig; er sei Agent geworden, sagte er, und dabei zog er seine schmutzigen Vatermörder stolz in die Höhe. – Agent oder Kommissionär für eine privilegirte Leichenkasse.«

»Was ist das, Mathias?«

»Das sind Anstalten, wo man irgend Jemand versichern läßt, um nach dessen Tod ein gewisses Geld zu bekommen; es paßt für den Sträuber, und es ist viel scheues, heimliches Wesen dabei. Man versichert zum Beispiel so einen armen Teufel in einem Dutzend dergleichen Anstalten, dann stirbt er oder sie lassen ihn sterben und bekommen eine recht hübsche Summe. Ich weiß genau, daß der Sträuber und die Schwemmer ihren Mann auf diese Art versicherten, und als er bald darauf an vieler Freundschaft starb, wurde ihnen wacker ausbezahlt.«

»Aber was hat er im Schloß zu schaffen?«

»Da macht er mit den Bedienten, so sagt er, die oben erwähnten Geschäfte. Aber ich glaube ihm doch nicht; ich sah ihn zu oft in der Gegend herum flaniren, und Sie können sich denken, Herr, daß ich ihm eifrig nachspüre. Er geht meistens in den östlichen Seitenflügel: dort wohnt ein alter General, ich glaube Baron von W.«

»Ah! dahin geht er!« sprach der Andere, plötzlich sehr aufmerksam werdend, wobei er hastig seine Stellung veränderte und seinen Oberkörper aufrichtete. »Das interessirt mich auf's Höchste. Sei so gut, Mathias, und nehm' dich der Sache an; spare keine Mühe, keine Kosten, stelle einen oder zwei Vertraute zur Beobachtung auf; er soll keinen Schritt mehr thun, den wir nicht erfahren. Berichte mir täglich darüber und so umständlich als möglich.«

»Daran soll's nicht fehlen,« erwiderte Mathias lächelnd.

»Dann noch eins, Mathias,« fuhr der Andere mit ernster Stimme fort. »Ich habe da unter der Hand etwas von einem Kinderhandel, der schwunghaft betrieben werden soll, gehört. Pfui Teufel! Das ist 'ne Schande, und ich will das nicht leiden. Du weißt, lieber Mathias, ich spreche nicht gern zweimal von einer Sache, und wenn ich meine Hand ausstrecke, so zerdrücke ich die Schuldigen, mögen sie sein wer sie wollen.«

Mathias war bei diesen Worten ein wenig erbleicht und sogar zurückgewichen, als der andere die Hand nun wirklich ausstreckte.

»Es ist das eine Schande,« fuhr dieser fort, »so ein armes Wesen in die Welt hinaus zu stoßen, es zu verkaufen zu den gemeinsten Lastern und Verbrechen, es eltern- und heimathlos zu machen. – O, ich kenne das! und möchte um alles in der Welt damit nichts zu thun haben. Laßt die armen, unschuldigen Geschöpfe! – Ist denn die Welt so arm geworden an guten Freunden, die keine Ehre aber viel Geld haben? Wendet euch dahin, aber laßt mir jenen niederträchtigen Handel; ich weiß wohl, der Schwemmer war die Haupttriebfeder. Nun, er ist dahin, also laßt's bleiben!«

»Es soll unterbleiben,« erwiderte Mathias mit fester Stimme, »verlassen Sie sich darauf, Herr.«

»Schön. – Wie ist mir doch,« fuhr er nach einer Pause in leichtem, gefälligem Tone fort, während er mit der Hand über die Stirne strich, »da habe ich einen guten Bekannten, dem könnte ein Besuch nichts schaden, er ist ein Buchhändler und ein sehr schlechter Kerl, er heißt Johann Christian Blaffer. – Hast du den Namen zufällig gehört?«

»Sie sprachen neulich mit mir darüber und gaben mir Befehl, mich nach den Verhältnissen des Hauses zu erkundigen.«

»Richtig! ich hatte das vergessen. – Wird da für euch was zu holen sein?«

»In einigen Tagen eine artige Summe; Herr Blaffer beabsichtigt sein Haus zu verkaufen und will baar bezahlt sein.«

»Ah! Meister Mathias, deßhalb hast du wahrscheinlich meinen Befehl so genau befolgt! – Nun, wer ist in dem Hause?«

»Zuerst der Prinzipal, Herr Blaffer, dann ein sehr dummer Lehrling –«

»An den ich dir eine Rekommandation verschaffen will,« warf der Andere leicht ein.

»Ferner eine alte Magd,« fuhr Mathias mit einer Verbeugung fort, »und ein recht schönes Mädchen.«

»Aha, Meister! du nennst das Mädchen zuletzt; das muß einen Haken haben.«

»Und einen tüchtigen, Herr. Der alte Buchhändler wandte ihr seine Liebe zu, und dafür betrügt sie ihn so tüchtig als möglich.«

»Teufel! das mußt du mir erzählen,« sagte der Andere aufmerksam und setzte dann mit leiser Stimme hinzu: »Armer Beil! Das soll ihn vollends kuriren.«

»Es ist da ein junger, hübscher Kerl, – ich kenne ihn ziemlich –«

»Also ein leichter Patron, ein Taugenichts?«

»So etwas der Art, aber zum Sterben in das Mädchen verliebt. Er wohnt im Nebenhause, hat sie scharf angesehen, sie ihn auch, er spielt den großen Herrn und das hat ihr gefallen.«

»So, so, also ziemlich leichte Waare!«

»Wohl möglich, Herr; ich muß aber zu ihrer Entschuldigung sagen, daß sie gezwungen den ersten Schritt that und sich deßhalb zum zweiten und zu den folgenden leicht überreden ließ.«

»Der junge Mensch kommt in's Haus?«

»Ja, Herr; über das Dach des Nebenhauses; er klettert und schleicht wie 'ne Katze. Ich glaube nicht, daß ihn der Buchhändler so leicht erwischen wird.«

Der Andere machte nachdenkend ein paar rasche Gänge durch's Zimmer. – »Schön, schön,« sagte er alsdann; »sieh dir das Haus genau an, namentlich erforsche, wo der Buchhändler wohnt und wo das Mädchen wohnt. Melde mir, wenn die Gelder eingelaufen sind, und dann laß dich sehen und hole deine Instruktionen. Aber, Mathias, befolge sie auf's Wort!«

»Wenn aber Zwischenfälle eintreten, die man nicht vorhersehen kann?«

»So zieht ihr euch unverrichteter Sache zurück. Wenn an der Ausführung meines Planes ein Jota fehlt, so ist die ganze Geschichte nichts werth. – Hast du mich verstanden? – Weiter habe ich nichts. Josef wird draußen sein; er soll herein kommen.«

Mathias, der die erhaltenen Befehle nur mit einem Kopfnicken beantwortet hatte, verließ das Zimmer, und gleich darauf trat Josef, der Jäger des Grafen Fohrbach, herein. Er trug einen grauen, unscheinbaren Jagdrock, doch war sein voller, schwarzer Bart sorgfältig geordnet.

»Ah! du bist da, Josef – Franz Karner? Du machst dich rar; in eurem Hause muß wenig Besonderes vorfallen, daß du keinen Stoff zu berichten findest. Wie ist's damit, Herr Josef – Franz Karner?«

Der Jäger erschien einigermaßen befangen, doch richtete er sein Auge fest auf den jungen Mann, der, während er sprach, ruhig sitzen blieb und mit den Fingerspitzen auf dem Tische trommelte. – »Gewiß, Herr,« sagte er darauf, »es gibt dort in der That wenig zu berichten, sonst wäre ich häufiger gekommen. Wenn Sie auch den Franz Karner noch nicht genau kennen, so wissen Sie doch, daß Ihnen Josef mit Leib und Seele ergeben ist und daß er hält, was er verspricht.«

»Selbst wenn ihm das Kummer machen sollte?« sprach der Andere mit Betonung.

»Selbst wenn ihm das Kummer machen sollte,« wiederholte der Jäger achselzuckend, aber mit unterwürfigem Tone.

»Davon nachher,« erwiderte der junge Mann leichthin. »Was hast du mir zu melden, Josef?«

»Wir hatten neulich eine große Soirée bei seiner Excellenz dem Herrn Kriegsminister.«

»Ich weiß das, Josef, du nahmst dich in deiner neuen Uniform sehr gut aus. Nur hast du es verlernt, dich in der Gesellschaft zu bewegen.«

»Ah!« machte der Jäger fast sprachlos vor Erstaunen, »Sie haben mich gesehen, Herr?«

»Du läßt mich nicht ausreden; das ist ein Beweis für meine Behauptung. Der Wald hat dich etwas verwildert; man nimmt sich in Acht und reißt nicht nur so mit seinem Wehrgehäng einen ganzen Orangenzweig voll Blüten und Früchten herunter.«

»Bei Gott! das geschah mir,« sagte der Jäger, tief Athem holend.

»Aber weiter! – In dieser Soirée –«

»– Traf mein Herr, der Herr Graf, mit jener Dame zusammen und allein im Zimmer neben dem Glashause.«

»Und wo warst du?«

»Hinter dem Vorhange, der in's Neben-Kabinet führt.«

»Bravo, Franz Karner, du übertriffst den Josef.«

»Ich kann das Lob nicht annehmen,« sagte mit festem Tone der Jäger. »Bei Gott im Himmel! ich wollte meinen Herrn nicht belauschen; ich war ganz zufällig da.«

»Nun, das Resultat wird das Gleiche sein,« versetzte der Andere in nachlässigem Tone. »Die Beiden waren also allein, und –«

»Es erfolgte eine Liebeserklärung.«

»Und sie nahm sie an?«

»Gern, Herr,« sagte der Jäger mit froher Stimme. »Und ich begreife das.«

»Ei der Tausend!«

»Ja, Herr, es gibt wenig Kavaliere wie Seine Erlaucht der Graf Fohrbach, wenig Herren, denen Jedermann, der sie kennen lernt, so zugethan sein muß.«

»Wenige!« lachte der Andere laut hinaus. »Also steht der Graf doch nicht einzig da? Wen würdest du zum Beispiel neben ihn setzen? Sei aufrichtig, Josef.«

»Sie, Herr,« erwiderte der Jäger nach kurzer Ueberlegung, wobei er den jungen Mann mit seinem festen Blicke ansah. – »Sie, Herr,« wiederholte er, »wenn –«

»Nun! weiter! weiter! Gerade heraus, Josef, wie wir es immer gegen einander hielten.«

»Wenn – wenn – Manches anders wäre,« sagte der Jäger mit ganz leiser Stimme.

Dies Wort mußte den Andern ziemlich schwer betroffen haben, denn obgleich er ein Lächeln versuchte, wurde es doch gleich darauf von einem wehmüthigen Zuge verdrängt. Er ließ den Kopf in die Hand sinken und verharrte so einige Sekunden. »Allons!« rief er alsdann nach einer Pause in seinem gewöhnlichen heiteren Tone, »du hast mir gewiß noch mehr zu sagen, Josef, denn wegen einer Bagatelle, wie diese, läßt du dich nicht bei mir sehen.«

»Sie haben Recht, Herr,« erwiderte der Jäger: »es trieb mich, aufrichtig gesagt, nach langem Kampfe, hieher – nicht aus Furcht vor Ihrem Zorn, Herr, obgleich ich wohl weiß, daß mich derselbe in einem Nu zermalmen könnte, obgleich ich weiß, daß es Sie nur einen Zug an jener Klingel kostet und ich sehe das Tageslicht nie wieder. Aber ich komme aus Dankbarkeit, für Alles, was Sie an mir gethan. Und dies Gefühl ist es auch, welches mich zwingt, Ihnen – diesen Brief zu übergeben. – Es ist ein Verrath an meinem Herrn, aber ich kann nicht anders.«

»Ei, ei, ein zierliches Briefchen!« lachte der Andere, indem er das Schreiben entgegen nahm. »Die Aufschrift kann ich mir denken. – Fräulein Eugenie von S. – Dergleichen wirst du viele zu überbringen haben, Josef?«

»Es ist der Erste, Herr,« versetzte der Jäger sehr ernst; »und deßhalb dachte ich mir, Sie werden einen Werth darauf legen.«

»Vielleicht,« sagte der Andere achselzuckend; »doch wird nicht viel Interessantes darin stehen – einige Liebesbetheuerungen, Versprechungen ewiger Treue, so was dergleichen. Wann schrieb es der Graf?«

»Seine Erlaucht kamen vor einer Stunde mit dem Herrn von Steinfeld von einer Whistpartie, ich glaube bei dem Herrn Major von S. Der Herr Graf waren verdrießlich und erregt, und sprachen, während sie sich umkleideten, viel mit dem Herrn von Steinfeld.«

»So, so! Und was zum Beispiel?«

»Seine Erlaucht sagten: der Herzog wird wahrhaft unerträglich; hast du je so etwas erlebt? Bietet mir da – freilich unter vier Augen – eine so unsinnige Wette an – eine Wette, die, wenn er vielleicht mein Verhältniß zu Eugenie ahnt, an's Unverschämte grenzt.«

»Brav, Josef! Du hast gut behalten. – Und die Wette?«

»Sie betraf Fräulein von S. Der Herr Herzog wollte es nämlich von heute bis über acht Tagen dahin bringen, daß bei dem großen Maskenballe, der am Hofe stattfindet, das Fräulein in ihrem Anzuge Bänder von den Farben des Herrn Herzogs tragen solle.«

»Ah! Seine Durchlaucht sind leichtsinnig im Wetten, aber geniren sich nicht um den Teufel; das muß biegen oder brechen. Er ist ein gefährlicher Mensch.« – Diese Worte murmelte er vor sich hin, so daß der Jäger nicht im Stande war, sie zu verstehen. – »Nun zu dem Briefe!« sagte er nach einigen Augenblicken mit lauter Stimme. – »Na, Josef,« fuhr er lächelnd fort, »du wirst nicht Alles verlernt haben. Oeffne den Brief geschickt und vorsichtig. Du weißt, dort im Wandschrank befindet sich das Nöthige dazu.«

Der Jäger zauderte.

Der Andere betrachtete das Siegel und schien dieses Zaudern nicht zu bemerken. »Er hat sich ein neues ganz gleiches machen lassen,« sprach er lächelnd vor sich hin. Dann fuhr er lauter fort: »Es ist fein, aber dick; der Abdruck ist schwierig; du kannst es hinweg schneiden. – Da.«

Der Jäger kämpfte einen schweren Kampf; sein Auge blitzte, seine Brust hob sich gewaltsam von tiefen Athemzügen. – »Verzeihen Sie mir, Herr,« sagte er nach einer längeren Pause, »das kann ich nicht.«

»Was kannst du nicht?«

»Der Brief ist von meinem Herrn,« fuhr er mit weicher, bittender Stimme fort, »von einem gütigen Herrn. O, es ist schon des Verraths genug – aber selbst öffnen – meine Hand zittert.«

»Ah, mein Freund,« rief der Andere, und wie es schien gewissermaßen lustig, aus, »aber deine Hand zittert nicht, wenn sie auf eigene Rechnung die Büchse führt.«

Josef senkte sein Haupt und entgegnete: »Wenn ich Ihnen mit meinem Leben nützen kann, Herr, so werde ich nicht einen Augenblick zaudern, es hinzugeben, aber – es ist ja Ihre Schuld,« fuhr er mit einem trüben Lächeln fort, »warum brachten Sie mich zu einem solchen Herrn?«

»Nun meinetwegen, sei es darum; das soll uns nicht entzweien!« Er stand ruhig von seinem Stuhle auf, ehe er aber den Tisch verließ, blickte er den Jäger fest an, und als er das ein paar Sekunden gethan, wurden seine energischen Züge weicher; etwas Wehmüthiges erschien auf denselben. Dann ging er rasch zur Thüre, die sich, sowie er die Hand auf die Klinke legte, wie von selbst öffnete; er reichte den Brief hinaus und sagte: »Das Siegel behutsam ablösen!«

Unsichtbare Hände schienen ihn in Empfang zu nehmen, den Befehl augenblicklich zu vollziehen und ihm das geöffnete Schreiben zwischen den Vorhängen der Thüre wieder zu überreichen.

Er trat an den Tisch zurück und überflog den Brief. In demselben stand: »Verzeihe mir, Eugenie« – ah! das Sie wäre glücklich übersprungen, murmelte er, – »daß ich dich durch dieses Schreiben mit einer Bitte belästige. Heute Abend wird bei Ihrer Hoheit der Frau Herzogin die Zusammenkunft stattfinden, wo man über die Kostüme zu dem bevorstehenden Maskenball berathet. Wenn es dir möglich ist, die Farbe des deinigen so zu wünschen, daß du ein weißes Band darauf anbringen kannst, so wird mich das unendlich glücklich machen. Morgen will ich dir sagen, weßhalb ich diese sonderbare Bitte stelle.« – Teufel! dachte der Leser, er geht gerade darauf los. Da wird der Herzog einen schweren Stand haben. – Nun, ich wünsche es dem Grafen, wenn er baldigst die Braut heimführt; es ist das eine noble Seele, sie nicht minder – es ist ein Paar, das Gott in der allerbesten Laune just für einander geschaffen zu haben scheint. – Er faltete den Brief zusammen; die unsichtbare Hand hinter dem Vorhang mußte ihn schließen, und dann gab er ihn dem Jäger zurück, wobei er sagte: »Ich danke dir, Josef, für deinen Eifer, obgleich der Brief nichts Wichtiges enthält. – Apropos! Du hast von deiner Frau nichts mehr gehört?«

Einen Augenblick blieb der Jäger die Antwort schuldig, dann sprach er: »Doch, Herr, sie ist mir gefolgt, sie hat mich gefunden.«

»Ah! das ist schlimm! Da werde ich helfen müssen; sie wird dich verrathen.«

»O nein, Herr!« rief der Andere eifrig. »Glauben Sie mir, sie ist überglücklich, mich wiedergefunden zu haben.«

»Und du?«

»Weiß Gott, ich nicht minder, Herr! Sie hat mir die ganze unglückselige Geschichte erzählt; sie ist unschuldig – der Andere aber nicht; er hat sein Schicksal verdient.«

»Und wo ist sie? Nehm' dich in Acht: Franz Karner ist nicht verheirathet.«

»Aber er wird es sein, sobald Sie wollen, Herr,« sagte Josef mit leiser Stimme, indem er seine Hände wie bittend zusammenfaltete. »Lassen Sie mir dieses Glück; ich liebe das arme Weib mehr als je.«

»Seltsame Menschen!« erwiderte der Andere; doch schaute er nicht ohne Theilnahme in die glänzenden Augen des Jägers. – »Nun ja, du sollst die Papiere haben, aber ein reger Eifer für mich sei mein Lohn. Du hast mich verstanden? Ich wünsche dich öfter zu sehen als bisher.«

»O tausend, tausend herzlichen Dank für ihre Güte!« rief Josef freudig. »Und wenn das Andere sein muß, so will ich mich bestreben, pünktlich zu sein.« – Das sagte er mit einem Seufzer.

»Es wird dir schwer; du hast dich schon sehr in die Ehrlichkeit hinein gelebt, Josef. Nun, ich habe heute meine gute Laune; wie wäre es, wenn ich dich von jetzt ab ganz frei ließe?«

»O mein Gott! Das würden Sie thun?«

»Natürlich würden wir uns in dem Falle niemals wiedersehen.«

»Niemals, Herr?«

»Oder nur dann, wenn es dir wieder 'mal schlecht ginge. In dem Falle würde ich dir erlauben, mich nochmals hier auszusuchen.«

»Sie überhäufen mich mit Großmuth; und ich soll nicht im Stande sein, etwas – Anderes für Sie thun zu können, Herr?«

»Ich glaube nicht. – Doch halt! Vielleicht wäre es dir möglich, später einmal einem meiner Freunde einen Dienst zu erzeigen, ohne daß es dich im Geringsten kompromittirt. Das wirst du thun!«

»O gewiß, Herr!« rief der Jäger freudig aus und faßte mit seinen beiden Händen die Rechte des jungen Mannes, der sie ihm auch ruhig ließ und dabei sagte:

»Sollte also später Jemand irgend einen vielleicht auffallenden Dienst von dir verlangen und sagen zu dir, dem Franz Karner, ›es geschieht für mich, Josef‹, so wirst du thun, was er wünscht.«

»So wahr mir Gott helfe!« erwiderte der Jäger mit leuchtenden Augen; »und sollte es mich meinen Dienst, ja mein Leben kosten.« Er zog hastig die Hand des jungen Mannes an seine Lippen und küßte sie innig. Dieser entwand sie ihm aber sanft, und als er Josef darauf anblickte, schüttelte er traurig lächelnd das Haupt, da er Thränen in den Augen des Jägers bemerkte.

»So gehe denn,« sagte er mit weicher, fast zitternder Stimme; »drunten vor der Thüre schüttle den Staub von deinen Füßen und wenn du kannst, so vergiß es, daß du je diese Mauern betreten! Für deine Papiere werde ich sorgen, – sowie auch dafür,« setzte er leise hinzu, »daß es dir nicht zu schwer wird, dir und deiner Frau einen neuen Hausstand zu gründen. – Jetzt verlaß mich!«

Er streckte die Hand gebietend gegen die Thüre aus und der Jäger befolgte diesen Befehl mit zögernden Schritten. Doch ehe er hinaus ging, wandte er sich nochmals um, stürzte dem jungen Manne zu Füßen und sprach, indem er seine beiden Hände ergriff: »O verzeihen Sie mir, Herr, so konnte ich nicht scheiden; wenn man sich Jahre lang gekannt, wie wir, so wird es Einem hart, unendlich hart, sich zu trennen. Gott möge Sie behüten und möge es gnädig fügen, daß wir uns einstens freudig wieder sehen!« – Damit sprang er auf und war verschwunden.

»Amen!« sagte der junge Mann nach einer Pause, während er sich langsam mit der Hand über das Gesicht fuhr. Darauf blieb er noch einen Augenblick nachdenkend an dem Tische stehen und verließ alsdann das Zimmer auf die früher dem geneigten Leser schon beschriebene Art.

 

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