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Europäisches Sklavenleben. Dritter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Dritter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Dritter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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65. Ein gefährliches Papier

Der Doktor Eduard Erichsen hatte in seinem sogenannten Studierzimmer einen alten ledernen Lehnstuhl, den er bei guter Laune seinen olympischen Dreifuß zu nennen pflegte. Es war ein ehrwürdiges Möbel, das er, von jeher ein geordneter Mann, sich schon auf der Universität angeschafft hatte, und von dem sich zu trennen ihm unmöglich war. Der Lehnstuhl war ziemlich altmodisch, mit einem Leder überzogen, dessen Farbe nicht mehr zu erkennen war, und glänzte an verschiedenen Stellen wie polirt. Ach! wie oft hatte er seinem Herrn freundlich die Arme geöffnet und ihn aufgenommen bei Lust und Schmerz; wie viele Gedanken hatten, hier ruhend, schon des Doktors Kopf durchzogen. Bei gewöhnlichen Veranlassungen brauchte er ihn selten, aber sowie es eines reiflichen Nachdenkens bedurfte, sei es über einen schwierigen Krankheitsfall, sei es über irgend eine Familienangelegenheit, so vergrub sich Herr Erichsen gern in die alten Kissen. Auch seinen Platz hatte der Stuhl schon oft wechseln müssen; als sein Besitzer einstens krank und wieder auf dem Wege der Besserung war, stand er so, daß die ersten Strahlen der Morgensonne über ihn und den Genesenden hinspielten; auch in dem Schlafzimmer war er früher häufig, der Doktor hatte ihn gleich zu Anfang seiner Ehe an das Bett seiner Frau gerollt, und das waren damals seine seligsten Augenblicke gewesen, wenn er aus Geschäften oder von Gesellschaften spät heimkehrend noch mit ihr eine angenehme Stunde verplaudern konnte. Ja, damals hatte der Stuhl eine große Rolle gespielt: auf ihm hatte der glückliche Vater zum ersten Mal seinen kleinen Oskar in den Armen gewiegt, auf ihm hatte die junge schöne Mutter zum ersten Mal nach jener verhängnißvollen Zeit ausgeruht, und zum ersten Mal ihr Kind recht innig an die Brust gedrückt. Aber auch die kleinen Leiden seines Besitzers, die nachher so groß, ja endlich unheilbar werden sollten, waren auf eben diesem Stuhle überdacht worden, und es war, als ob das alte Möbel in der That eine beruhigende Kraft auf seinen Herrn ausübte: denn wenn dieser sich auch in der größten Erregung darauf niedergelassen hatte, so beschlichen ihn bald sanftere Gedanken, er wurde nachgiebiger, auch trauriger, wie das gerade eben kam. –

An alles Das dachte der Doktor, als er wieder einmal und sehr tief vergraben in den Lederkissen ruhte. Er hatte den Kopf auf die Brust herabgesenkt, die Augenlider halb geschlossen, die Hände gefaltet, und man hätte glauben können, er schlafe, wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer seine Brust geschwellt und seinen Kopf gewaltsam emporgehoben hätte.

Es mochte zehn Uhr Morgens sein, und im Haus des Doktors, in welchem sich sonst um diese Zeit ein reges Leben bewegte, wo die Köchin in ihrer Küche hantirte, wo Kindsfrau und Stubenmädchen plaudernd und singend ihre Arbeit thaten, wie die Thüre auf und zu ging, war es heute still wie auf einem Kirchhofe. In der Kinderstube befanden sich allerdings beide eben erwähnten Dienstboten, doch saß die Eine an diesem, die Andere an jenem Fenster, Beide machten lange Gesichter, schauten zwar verstohlen gegen einander hin, sprachen aber kein Wort. Selbst die Köchin machte nicht den geringsten Lärmen; sie stand an ihrem Herde vor einem Kessel, in welchem das Suppenfleisch kochte, statt es aber abzuschäumen, wie wohl ihre Schuldigkeit gewesen wäre, hatte sie gedankenvoll den Schaumlöffel auf den Herd gestützt, blickte vor sich nieder und ließ die dampfende Brühe überlaufen.

Auf dem Gange zwischen den Zimmern sah es ganz fremdartig aus; da standen große und schwere lederne Kisten, auch Koffer und Hutschachteln, es war gerade, als wolle sich die ganze Familie auf Reisen begeben.

Kehren wir nun in das Zimmer des Arztes zurück, so finden wir ihn wie früher unbeweglich im Lehnstuhle ruhend und selbst nicht einmal Achtung gebend auf das Spielen der Kinder, die bei ihm im Zimmer waren. Und das Spiel, welches sie trieben, war doch der Mühe werth, mit angesehen zu werden. Oskar und Anna saßen am Boden und hatten zwischen sich einen Fußschemel, auf dem sich ein drittes Kind befand, ein ziemlich kümmerlich aussehendes Mädchen, das die erstaunten Blicke beständig im Zimmer umherlaufen ließ. Seinen Anzug hätte man komisch nennen können; es hatte ein einfaches, etwas ärmliches Wollenkleid an, darüber einen Sammetmantel, den ihm Oskar umgehängt, und auf dem Kopf einen zierlichen Spitzenhut, von Anna ziemlich schief darauf befestigt. Letztere hatte in der Hand eine große Tasse mit Kaffee, in welche Brod eingebrockt war, das sie dem Kind löffelweis in den Mund gab. Zuweilen nahm dies davon, zuweilen aber schloß es die Lippen und wandte den Kopf so heftig auf die Seite, daß der Kaffee über das Kleid herabfloß und auch wohl über den schönen Sammetmantel; und dann rief Oskar und Anna wie aus einem Munde: »Papa! das fremde Kind ißt wieder nicht!«

Das fremde Kind schien sich übrigens bei dieser Abfütterung und der ihm bewiesenen allzu großen Aufmerksamkeit gar nicht heimisch zu fühlen; es blickte öfters erschreckt auf den Sammetmantel, schielte besorgt nach dem Spitzenhute, zuckte unruhig mit den Füßen, als wolle es durch einen verzweifelten Sprung den Versuch machen, seine Freiheit wieder zu gewinnen, kurz es benahm sich wie ein kleiner Affe, den man eben eingefangen und bei welchem die erste Dressur probirt wird.

Jetzt hörte man, daß draußen die Glasthüre geöffnet wurde; rasche Tritte näherten sich, ihr Klang hörte aber auf Augenblicke auf, als betrachte sich der Ankommende die Koffer und Kisten im Gange, dann wurden sie eiliger wieder fortgesetzt, und nun öffnete sich hastig die Thüre, ohne daß vorher angeklopft worden wäre.

Arthur erschien auf der Schwelle und blieb kopfschüttelnd stehen, als er in das Zimmer blickte. – »Schöne Geschichten das!« rief er nach einer Pause, während welcher er die Thüre hinter sich zugedrückt und sich dem Lehnstuhl genähert hatte. – »Aber um's Himmels willen, Eduard, ist denn die Geschichte wahr? und du sagtest mir gestern nichts davon! Muß ich das heute Morgen von Alfons erfahren, der es beim Frühstück auf seine gewohnte Art mit Mama besprach.«

Der Doktor richtete den Kopf in die Höhe, ohne aber sonst seine Stellung zu verändern. – »Ich wollte gerade zu dir hin, Arthur,« entgegnete er mit weicher Stimme, »mein Wagen steht unten schon eingespannt; aber ich gerieth hier an meinen alten Freund, und der hielt mich fest durch Träumereien und Erinnerungen.«

»Aber sage,« fuhr der Andere dringender fort, »will sie wirklich nicht zurückkehren? Mama hatte ihr doch den Kopf zurecht gesetzt und sie schien ihr Unrecht einzusehen.«

»Sie schien,« erwiderte Eduard traurig lächelnd, »das heißt sie gab der Mutter nach ihrer gewöhnlichen Art keine Antworten, als sie aber euer Haus verlassen, schrieb sie mir, es sei für uns besser, wenn sie auf ihrem Entschluß beharre. Da lies dies merkwürdige Schreiben; ich weiß nicht, ob Herr Alfons auch davon Kenntniß hat.«

Der Maler durchflog das ihm dargereichte Papier und warf während des Lesens mehrmals einen Blick auf die Kindergruppe. Dann faltete er das Schreiben zusammen, gab es seinem Bruder zurück und versetzte achselzuckend: »Was weiß der nicht? auch darüber sprach er spottend und höhnend. Aber wie hing denn die ganze Sache eigentlich zusammen? – Ist dies das Kind?«

Der Doktor nickte mit dem Kopfe, wobei er sagte: »Auf die einfachste Weise von der Welt. Du weißt von unserer großen Scene am Weihnachtsabend; den andern Tag fuhr sie zu ihrer Mutter, und die würdige Dame, statt ihre Tochter zurückzuschicken, oder selbst zu kommen, sandte ihren Sachwalter, denn sie fand sich in ihrer Tochter höchlich beleidigt. Darauf nun schrieb ich ihr einen Brief, – ich sage dir, einen Brief, der einen Stein hätte erweichen müssen. Nun, die Folge war denn auch die Unterredung mit der Mutter.«

»Richtig! richtig! Wie ist aber die Geschichte mit jenem Kind? Denn, so viel ich erfahren, fiel die nun dazwischen und warf Alles wieder auseinander.«

»Die ist an sich sehr einfach; aber weißt du, Arthur, wenn man einen Vorwand zu Verdächtigungen und Streitigkeiten sucht, so ist er sehr leicht gefunden. Auf seltsame Art machte ich an demselben denkwürdigen Weihnachtsabend die Bekanntschaft einer unglücklichen Person, die im höchsten Grade schwindsüchtig war, der böse Menschen ihr Kind geraubt, das sie aber wieder erhielt, und die ich, da sie, wie gesagt, kränklich und von aller Hilfe entblößt war, regelmäßig besuchte und sie unterstützte so gut ich konnte.«

»Das ist an und für sich nichts Schlimmes.«

»Sie wurde aber täglich kränker, das Kind verkam ordentlich und als die Mutter vor ein paar Tagen starb, sah ich denn nichts Arges darin, die Kleine mitzunehmen und sie so lange hier zu behalten, bis ich eine passende Unterkunft für dieselbe gefunden. – Ist daran etwas Unrechtes?«

»Für uns und alle rechtlich denkende Menschen nicht,« erwiderte Arthur und legte seine Rechte sanft auf die Schulter des Bruders. »Aber daß du damit willkommenen Anlaß zu neuen Anklagen gabst, das hättest du dir doch, bei Gott! vorstellen können. – Nicht wahr, anonyme Briefe wurden deiner Frau gesandt?«

»Versteht sich von selbst; und welches gemeinen und boshaften Inhalts, das kannst du dir gar nicht denken. Das war ein Verhältnis das ich schon lange Jahre unterhalten, das natürlicherweise der Welt bekannt war, das man aber bis jetzt aus Schonung verschwiegen.«

»O schändlich! schändlich!«

»Endlich konnte aber der redliche Freund, der sich leider nicht nennen durfte, es nicht mehr über sich gewinnen, stillschweigend zuzusehen, wie eine unglückliche Frau so unverantwortlich von ihrem Manne betrogen werde.«

»Und die unglückliche Frau glaubte wohl selbst diese Geschichte nicht?«

»O sie glaubt sie wohl nicht, aber sie thut, als ob sie sie glaube. Ich machte gestern einen Besuch bei Mama's liebenswürdiger Freundin, der Tutelarräthin Wasser; sie war natürlicherweise zurückhaltend, so zu sagen mit Anstand gepolstert, und wehmüthig zum Ueberlaufen. Sie hatte meine Frau gesprochen und aus deren eigenem Munde jenes infame Gerücht vernommen.«

»Deine Frau hat es ihr gesagt!« rief Arthur entrüstet.

»Als Gerücht; aber meine Schwiegermutter hatte hinzu gesetzt: das fehle noch zu der schlechten Behandlung, der Madame bei mir ausgesetzt gewesen sei.«

»O, dann ist alles verloren!«

»Ja, das fühle ich auch. Du ersiehst ja aus dem Briefe, daß meine Frau die einleitenden Schritte zu einer Scheidung bereits gethan hat. O mein guter Name, meine armen, armen Kinder!«

»Bah!« rief der Maler entrüstet, »über deinen Namen beruhige dich; an dem bleibt kein Makel hängen. Man kann dir kein Unrecht geben.«

»Den Frauen gegenüber haben wir in solchen Fällen immer Unrecht; alle Weiber nehmen für sie Partei, und man wird mich verarbeiten und zerreißen, daß kein gutes Haar an mir bleibt.«

»Aber was soll mit dem Kinde geschehen?«

»Ich weiß es nicht; hier kann ich es nicht behalten. Denke dir, Arthur, daß meine sämmtliche Dienerschaft mir in sittlicher Entrüstung den Dienst aufgekündigt hat.«

»Die Canaillen!«

»Die Kindsfrau meinte, sie habe sich bei anständigen und ehrlichen Kindern verdingt, sei aber nicht dazu gemacht, uneheliche Bälge aufzuziehen.«

»Das sagte sie dir in's Gesicht?«

»O nein; Franz, der Kutscher, hat es mir erzählt.«

»Und der?«

»Er bat mich zu gleicher Zeit um Erlaubniß, die drei Weibsbilder zum Hause hinaus werfen zu dürfen.«

»Die hätte ich ihm ertheilt.«

»Um noch mehr Skandal zu haben! Du wirst schon sehen, was die drei Weiberzungen von mir aussagen werden.«

»Ja, ja.«

»Die haben mein Verhältniß zu jener unglücklichen Person schon lange gewußt, o! ganz genau gekannt. Glaube mir, Arthur, die werden mir einen schönen Namen machen. Und dagegen vermag kein ehrlicher Mann, keine Macht dieser Welt etwas.«

»Onkel Arthur!« rief Anna, »schau dir unser Kind an. Papa hat es für uns zum Spielen mitgebracht; wenn es einmal schöne Kleider bekommt und brav ist, so wird es unser Schwesterchen; nicht wahr, Papa?«

»In deinem Hut und Mantel,« sagte Oskar mit Kennermiene, »sieht es gerade aus, wie du, Anna.«

»Verlangen die Kinder zuweilen nach ihrer Mutter?« fragte Arthur leise.

»Selten, eigentlich nie,« erwiderte traurig der Bruder. Es ist ihnen etwas ganz Gewöhnliches, daß sie sie nicht sehen.«

»Hast du draußen die Kisten gesehen und die Koffer, Onkel Arthur? Wir verreisen; ich weiß es ganz gewiß.«

»Ja, wir gehen,« setzte Anna hinzu, »weit, weit fort.«

»Und haben heute Morgen schon eine Reise gemacht,« sprach der Knabe. »Anna gehört die große Kiste, mir der Koffer; das sind zwei Kutschen, in denen wir schon weit weg gefahren sind. Ich war der Fuhrmann; wo hast du meine Peitsche gelassen?« wandte er sich an die Schwester.

»Das geht nun seit gestern so fort,« sagte leise und traurig der Vater; »die armen, armen Dinger! Schon als eingepackt wurde, brachten sie auch von ihren Kleidern und Wäsche herbei und wollten nicht begreifen, warum die Sachen von Mama allein in die Koffer gelegt würden.«

»Quäle dich doch nicht selbst mit diesen Gedanken,« entgegnete Arthur. »Du bist weicher als die Kinder. Vor allen Dingen laß uns ruhig überlegen, was zu thun ist. Mama hat dir neue Dienstboten besorgt, nicht wahr?«

»Ja, sie kommen schon heute.«

»Nun denn, was denkst du mit dem Kinde da anzufangen?«

Der Doktor zuckte mit den Achseln. »Ich werde es in irgend eine ordentliche Anstalt thun,« sagte er.

»Das ist nichts,« erwiderte Arthur. »Hättest du es von seiner gestorbenen Mutter weg gleich in eine solche bringen lassen, so wäre es ganz gut gewesen. Aber jetzt, wo nun einmal die fatalen Gerede über dich in der Stadt gehen, würde das nur zu neuen Klatschereien Stoff geben. – Das Kind muß verschwinden, man muß es zu stillen, verläßlichen Leuten thun, die es vertrauensvoll aufnehmen, die es gut behandeln und weiter nicht darüber sprechen.«

»Solche Leute sind selten,« meinte trübe lächelnd der Doktor.

»Wüßtest du Jemand?«

»Allerdings sind sie selten,« entgegnete der Maler und blickte nachdenkend zum Fenster hinaus; »sehr selten, aber es gibt noch gute, edle Herzen, die nach Kräften Gutes thun, ohne darüber zu sprechen, – edle Menschen, die ihren Nächsten lieben, namentlich wenn er in Noth ist.«

»Die sind schwer zu finden und zu erkennen.«

»Zu erkennen leicht, wenn man sie gefunden,« sprach Arthur mit Wärme. »O, der Glanz ihres Auges sagt dir, daß das Herz gut und edel ist; ein offenes ehrliches Lächeln läßt dich auf den Grund ihrer Seele blicken, ein einziges Wort, mit dem süßen Klang ihrer Stimme gesprochen, läßt dich fühlen, daß es wahr und aufrichtig gemeint ist; an dem Hauch, der von einem solchen Wesen ausgeht, erkennst du, daß du es mit einem edlen reinen Geschöpfe zu thun hast.«

»Arthur! Arthur!« sagte erstaunt der Bruder. »Du redest dich ordentlich in's Feuer, du schwärmst. Kennst du vielleicht ein solches Wesen?« – Er stützte den Kopf in die Hand und blickte fragend in die Höhe. – »Ja,« fuhr er nach einer Pause lächelnd fort, »du hast soeben ein Porträt skizzirt, und wenn es dem Originale wirklich ähnlich sieht, so möchte ich es wohl kennen.«

»Du sollst es kennen,« entgegnete Arthur mit weicher Stimme. »Das Original, das ich dir mit voller Wahrheit nicht zu schildern vermag, ist ein Mädchen, das ich liebe, und wie liebe, Eduard! das mein werden muß, und sollte ich Alles daran setzen, viel, viel darüber verlieren. – O, das wäre ein Verlust, bei dem ich tausendfach gewinnen müßte.«

»Ja, verlierend zu gewinnen, sagte, glaube ich, ein gewisser Romeo bei einer ähnlichen Veranlassung,« meinte der Doktor und betrachtete aufmerksam seinen Bruder.

Dieser that einen tiefen Athemzug, legte seine Hände auf die Schultern Eduard's und sprach: »Gott sei Dank, die Schale, die mein Herz umgibt, zerspringt, dein Unglück, mein guter Bruder, hat mir den Muth gegeben, mit dir darüber zu sprechen.«

»Ist es denn etwas so Schlimmes und Unbegreifliches?«

»Schlimm allerdings vor den Augen unserer Familie, und es wird der Welt auch sehr unbegreiflich erscheinen. Ich liebe ein Mädchen, jung, schön, reizend, wie man sich die Engel vorstellt, und dieses Mädchen will ich heirathen, obgleich sie keiner bekannten Familie angehört, obgleich ihr Vater ein armer Schriftsteller ist, sie selbst eine Tänzerin.«

»Also ist die Geschichte doch wahr?« erwiderte der Doktor kopfnickend; »ich warf sie weit hinweg, als man mir davon sagte. Alfons zielte schon mehrmals darauf hin.«

»Aber jetzt möchte ich dich fragen, lieber Eduard, ist denn das etwas so Schlimmes und Unbegreifliches?«

»Versteh' mich wohl, Arthur, ich werde ja mit tausend Freuden das Mädchen, das du dir auserwählt, als Schwägerin begrüßen; weiß ich doch leider am besten, daß es keine Versicherung für häusliches Glück ist, eine Tochter aus sogenannter untadelhafter, unbescholtener Bürgerfamilie zu heirathen. Habe ich das doch traurig erlebt! – Wenn das Mädchen nur keine Tänzerin wäre!«

»Man wird sich allerdings vor Allem daran stoßen; aber mir ist es vollkommen gleichgiltig.«

»Du – das gibt fürchterliche Scenen mit Mama; wahrhaftig, Arthur, ich fürchte, das wird die alte Frau schwerlich überleben. Hast du dir auch die Sache gründlich überlegt?«

»Wenn ich ein ehrlicher Mensch bleiben will, kann ich nicht mehr zurück.«

»Denk an unsere Verwandtschaft, an unsere hochnäsigen Bekannten in hiesiger Stadt; sie werden deiner Frau ihre Thüre nicht öffnen.«

»Die Hochmüthigen und Dummen allerdings nicht! aber was ist an denen gelegen? Man lernt auf solche Art seine Freunde kennen; – ich versichere dich, Eduard, das wäre mir eben interessant. Ich weiß wohl, daß sich manche Thüre vor uns verschließen wird, aber das ist mir gerade recht. Leute von wirklich gutem Hause, an deren Namen nicht der geringste Makel klebt – vorausgesetzt, daß sie gescheidt sind und nicht an dünkelhaftem Hochmuth leiden – werden es mich nicht fühlen lassen, daß ich bei der Wahl meiner Gattin nach ihren Begriffen ein paar Stufen zu tief hinab stieg. Aber solches Volk von dunkler, zweifelhafter Herkunft, deren früheres Leben wie ein Sumpf ist, dessen schmutzige Fläche mächtige nachbarliche Schlingpflanzen mitleidig verdecken, – Menschen, die sich durch allerlei Kunstgriffe, durch rastlose Bemühungen selbst empor geschmeichelt, die kein gutes Gewissen haben und die es ungeheuer scheuen, von Herkunft und dergleichen zu reden, ja selbst daran erinnert zu werden, – die allerdings werden mit einer heiligen Scheu vor uns zurückprallen, werden mich aber zum größten Dank verpflichten, indem sie mir ihr Haus verschließen, und werden mir das Vergnügen machen, nie ihren unsaubern Fuß über meine reine Schwelle zu setzen.«

»Brr!« machte der Doktor; »wenn das Mama's Busenfreundin, die Räthin Wasser, hörte. An die dachtest du doch?«

»Allerdings dachte ich an die kleine halbverwachsene, boshafte Person, aber solche Wasser gibt's noch viele; man könnte ein ganzes Meer daraus machen, einen Ozean der Dummheit und des Hochmuthes. – Aber Eduard, kann ich in der Angelegenheit auf dich rechnen?«

»Gern, wenn du mir nur sagst, auf welche Art ich dir dienen kann. Und jetzt mit Mama zu verhandeln, wäre für mich mißlich. Aber bei dem allgemeinen Sturme, der nothwendig erfolgen muß, will ich treu und fest an deiner Seite stehen.«

»Schön! nur ist es mir unmöglich, gegen die Mama das erste Wort auszusprechen, und darin kannst du mir auf Umwegen einen Gefallen thun. Erzähle Alfons die ganze Geschichte, als habest du irgendwo gehört, ich hätte ein derartiges Verhältniß, ich hätte einer Tänzerin versprochen, sie zu heirathen, mache es so schlimm wie du willst, Alfons wird das Seinige noch dazu thun, und mir ist es dann leichter, die Sache in besserem Licht darzustellen als er.«

»Recht gern; das wird mich wenig Mühe kosten. Da aber das vorderhand im Reinen ist, so sage mir, ob du für das arme Kind da in der That ein Unterkommen bei guten Leuten weißt.«

»Versteht sich,« entgegnete Arthur, indem ein frohes Lächeln über seine Züge fuhr. »Clara wird sich ein Vergnügen daraus machen, die Kleine bei sich aufzunehmen.«

»Clara?«

»Ja, Clara, meine Braut. Und du könntest mir den Gefallen thun, mich und das Kind in deinem Wagen dahin zu begleiten, dann kannst du zu gleicher Zeit die Bekanntschaft des Mädchens machen.«

»Das will ich,« erwiderte der Doktor. Er erhob sich aus seinem Lehnstuhl, ordnete seine Haare vor dem Spiegel und griff nach seinem Paletot und Hute, welche neben dem Fenster auf einem Stuhle lagen. – »Da habe ich aber ganz vergessen,« sagte er verdrießlich, »daß ich eigentlich gar nicht von hier fort kann; oder glaubst du, ich könne meine beiden Kinder bei den rebellischen Weibsleuten hier im Hause allein lassen? Ich fürchte, sie gehen auf und davon oder bekümmern sich wenigstens nicht um die armen Kinder.«

»Du hast nicht ganz Unrecht,« meinte Arthur. »Doch will ich dir sagen: wir fahren nach unserem Hause und bitten Marianne, daß sie sogleich hierher gehe. Sie hatte sich ohnedies schon entschlossen, das Amt der Hausfrau zu übernehmen, bis deine neuen Leute da sind; vielleicht begegnen wir ihr unterwegs.«

»So gehen wir. Doch will ich meine gnädige Frau von Bendel bestens und höflichst ersuchen, auf die Kinder Achtung zu geben.«

»Ersuche sie bestens, aber nicht höflichst,« ermahnte Arthur.

Der Doktor ging hinaus und kehrte gleich darauf mit der Kindsfrau zurück. Diese würdige Dame hatte die Nase sehr hoch erhoben und ein sehr moquanter Zug machte sich auf ihrem alten Gesichte bemerkbar; die Flügel und Spitzen ihrer Haube waren drohend emporgekehrt, und sie zog einher wie ein finsteres Gewitter, das jeden Augenblick bereit ist, sich mit Donner und Blitz zu entladen. Arthur sah sie fest an und lächelte so sanft als möglich, was sie einigermaßen aus der Fassung zu bringen schien.

»Sie werden auf meine Kinder Achtung geben, bis ich zurück komme,« sagte der Doktor, »und werden nicht dulden, daß Köchin oder Stubenmädchen das Haus verlassen. Auch« – hier hustete er gelinde, – »wollen Sie dem kleinen Kinde da seinen Hut aufsetzen und das Tuch umbinden; dort liegt es.«

Die Kindsfrau blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, ohne dem gegebenen Befehle Folge zu leisten.

»Mir scheint,« sagte Arthur, in dessen Gesichte die Röthe des Zorns ausstieg, »Madame Bendel leidet an Schwerhörigkeit. – Haben Sie meinen Bruder verstanden oder nicht?« sprach er darauf mit heftiger Stimme und trat dicht vor die Frau hin, die bei dem Tone, den sie nicht gewohnt war zu hören, zusammenschrak. – »Mein Bruder hat Ihnen befohlen, dieses Kind anzuziehen,« fuhr der junge Mann fort, während er sie fest ansah. »Da wir nun Beide nicht Lust haben, lange zu warten, so leisten Sie diesem Befehle Folge, und das augenblicklich.« – Er zeigte mit der Hand gebieterisch auf Hut und Tuch, und die erschreckte Frau nahm Beides und beeilte sich, das Kind fertig zu machen. Darauf nahm es der Maler bei der Hand.

Der Doktor ermahnte seine eigenen Kinder, artig zu sein, küßte sie heftig auf den Mund und stieg mit seinem Bruder kopfschüttelnd und lächelnd die Treppen hinab. Als sie in dem Wagen saßen, sagte er mit seiner sanften Stimme: »Höre, Arthur, du kannst heirathen, du hast eine gute Art, mit den Weibern umzugehen; ich glaube, du ließest dir von keiner etwas gefallen.«

»Nicht einmal von meiner Frau,« entgegnete ernst der Bruder. »Das ist das Kapitel, worüber wir schon oft zusammen sprachen, aber leider, leider! immer vergeblich; ohne Festigkeit geht's nun einmal nicht, namentlich bei dem herrschsüchtigen Charakter deiner Frau. Da du nicht im Stande warst, deinen Willen durchzusetzen, so hat sie dich zum Sklaven gemacht. – Aber jetzt bist du frei.«

»Ach Gott, ja! – leider!« seufzte der Andere.

Arthur ließ den Wagen durch die enge Gasse nach dem elterlichen Hause fahren, und ihn hinten an der Thüre seiner Wohnung halten. Alfons controlirte von seinem Comptoirpulte aus die vordere Hausthüre und alle Eintretenden, er wäre ihnen auch augenblicklich in seine Wohnung gefolgt; doch wollten beide Brüder ihre Schwester allein finden. Sie ließen das Kind im Wagen, stiegen auf der uns bekannten Wendeltreppe in den zweiten Stock hinauf und kamen dann über einen Korridor vor die Glasthüre an der Wohnung Mariannens.

Es war eben Besuch da gewesen; zwei Frauenzimmer stiegen die Haupttreppe hinab, und Arthur, der ihnen nachblickte, sah, daß sie freundlich zusammen sprachen und kicherten. Es war eine ältere Frau in sehr einfachem Anzuge, sie trug ein graues, wollenes Tuch und eine gewöhnliche Haube mit Lilabändern, etwas Halbtrauer; die andere war jünger und schien die Tochter zu sein; sie trug ein braunes Merinokleid und einen abgeschossenen Hut von schwarzer Seide; auch waren Beide, wie schon gesagt, heiteren Humors, und hatten keine Ahnung davon, daß sie beobachtet wurden. Die Alte blieb auf der Ruhebank der Treppe stehen und sprach mit lustiger Stimme: »Das da oben ist eine brave, charmante Frau. Gott! wie dumm war ich, daß ich dies Haus nicht schon früher besucht; das müssen wir ausbeuten. Denk dir, Emilie, sie hat mir einen Dukaten gegeben, – einen ganzen Dukaten.«

»Aber dafür war auch die alte Kommerzienräthin drunten desto knauseriger – einen halben Gulden! Pfui Teufel! die sollte sich schämen! Dreißig Kreuzer auf so schöne Empfehlungsbriefe von zwei Pfarrern und dem brillanten Zeugnisse vom verschämten Hausarmen-Verein. – Da hast du die Papiere, steck' sie wieder ein!«

»Gib her!« sagte die würdige Mutter; »wo ist denn das Papier, worin ich sie gewickelt hatte? – Ah! ich ließ es droben auf dem Tische liegen; es ist nichts daran gelegen.«

»Weißt du das auch genau?« fragte die vorsichtigere Tochter; »was war es für ein Papier?«

»Nun, es war das Papier, worin die Becker ihre Handschuhe gewickelt brachte, reines, weißes Papier.«

»Nichts darauf geschrieben?«

»Ich glaube nicht. Und wenn auch, höchstens eine unschuldige Adresse.«

Nach diesen Worten stiegen die Beiden die Treppen vollends hinab.

Arthur hatte das Gesicht der Jüngeren genau beobachten können; er mußte das schon irgendwo gesehen haben, und wenn ihm recht war, im Hause in der Balkengasse.

»So komm' doch!« rief jetzt der Doktor beinahe ungeduldig; er hatte schon die Glasthüre geöffnet; Arthur folgte ihm.

Sie traten in das Zimmer der Schwester und fanden Marianne am Fenster stehend; sie war vollständig angekleidet, in Hut und Shawl, zum Ausgehen fertig. Doch wandte sie den Kopf nicht herum, als die Brüder eintraten, ja nicht einmal, als Arthur sagte: »Wir sind es, Marianne.«

Der Doktor trat zu ihr an's Fenster, faßte ihre herabhängende linke Hand und fragte: »Was hast du, Schwester? Beim Himmel! du weinst ja. Geht dir denn mein Unglück so zu Herzen?«

»Gewiß, gewiß, Eduard!« rief die junge Frau, indem sie sich rasch umwandte, und, auf die Gefahr hin, ihren seinen Sammethut zu zerdrücken, den Kopf heftig auf die Schultern des Bruders legte. »Gewiß, gewiß, wir sind recht unglücklich.«

Arthur trat kopfschüttelnd näher, ihm war das unbegreiflich; er war noch vor einer Stunde bei Marianne gewesen und da hatte sie ganz ruhig und gefaßt über Eduard mit ihm gesprochen; ja, sie hatte sogar gemeint, es sei doch am Ende ein rechtes Glück, daß diese ewigen Quälereien einmal aufhörten. Woher denn jetzt auf einmal diese Thränen? – »Marianne,« sagte er nach einer längeren Pause, während welcher sie heftig weinte, »ich begreife dich in der That nicht. Sei offenherzig gegen uns; dir ist sonst etwas Unangenehmes begegnet. Gewiß, du bist ja ganz außer dir; sei ruhig, setze dich nieder und theile uns mit, was dich quält. Du lieber Gott, wir sind ja von der Natur angewiesen, uns gegenseitig zu vertrauen und zu trösten.«

»Ja, ja,« sprach seufzend der Doktor. Dann machte er die Hände der Schwester sanft von seinem Halse los und führte sie zu dem Sopha, wo sie sich niederließ und ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte. Dabei entfiel ihrer Hand ein weißes Papier, welches auf den Boden niederflatterte. Arthur blickte darauf hin, und unwillkürlich kam ihm das Gespräch in den Sinn, welches die beiden Weiber auf der Treppe zusammen geführt. Er bückte sich, um das Papier aufzuheben, doch, als er sah, daß Marianne ebenfalls die Hand darnach ausstreckte, zog er sich diskret zurück.

»Nehm' es nur,« sagte hierauf die junge Frau; »ich will gewiß vor euch keine Geheimnisse haben. Sieh' die Aufschrift und betrachte sie genau; auch du, Eduard. – Wer hat das geschrieben?«

Ueber Arthur's Züge flog ein eigentümliches Lächeln, als er das Papier einen Augenblick betrachtet und die Adresse gelesen hatte; doch reichte er es stillschweigend seinem Bruder, der augenblicklich ausrief: »Ah! das hat Alfons geschrieben; das ist die schöne, feste und sehr leserliche Schrift deines Mannes.«

»Sie ist es,« rief Marianne empört. »Lies laut, was er schreibt.«

»Fräulein Marie U. Adresse Frau Wittwe Becker, am Kanal Nr. 20 hier,« las Eduard mit großer Gewissenhaftigkeit laut und deutlich.

»Und wißt ihr auch, wer das ist: Fräulein Marie U.?«

»Nein,« sagte der Doktor; wogegen Arthur stillschwieg.

»O, man soll mich nicht betrügen; hier ist das neue Adreßbuch; ich habe den Namen sogleich nachgeschlagen – seht ihr, da steht's: U. – Schreiner U. – Kaufmann U. – Metzger U. – Marie U., Ballettänzerin. – Eine Tänzerin! Schändlich! schändlich! eine Tänzerin!«

Der Doktor schielte aus seinen Augenwinkeln bedeutsam nach Arthur hin, zuckte alsdann mit den Achseln und dachte: so ein Adreßbuch ist doch eigentlich eine gefährliche Erfindung. Dann sagte er: »Nun ja, aber was soll das bedeuten?«

»Was das bedeuten soll?« rief heftig die junge Frau, – sie war aus dem Stadium der Wehmuth in das des Zornes übergegangen und zerknitterte zitternd ihr Taschentuch in der Hand, – »ich will es euch sagen, ich, eine betrogene, vernachlässigte Frau, ich, die er beständig hofmeisterte, ich, die nichts von ihm hörte, als was der Anstand erheische, was die Schicklichkeit verlange, – ich, die in den lebenden Bildern nicht mitwirken sollte, weil das nicht passend sei, ich, die beständig gehütet wurde, wie ein kleines Kind, ich, die auf dem Balle mit einem Freund unseres Hauses nicht dreimal tanzen durfte, ich! – ich! – ich! von der man seinen Reden nach hätte glauben können, ich trachte darnach, ein freies Leben zu führen, ja, eine leichtsinnige Frau zu sein, – ich – ich« – hier holte sie nach dem gewaltigen Zorneserguß tief Athem und fuhr dann schluchzend fort: – »ja, ich will es euch sagen: am Weihnachtsabend kaufte er Handschuhe.« –

»Das ist wahr,« bemerkte der Doktor, »ich war dabei.«

»Du warst dabei?« fragte Marianne mißtrauisch.

»Nun ja, wir trafen uns zufällig im Laden; ich kaufte Einiges für meine Frau, und er, glaube ich, sprach von Handschuhen, die er gekauft für –«

»Für wen?« rief heftig die junge Frau.

»Nun, für dich,« entgegnete ruhig der Doktor; »so sagte er wenigstens.«

»Ah! für mich!« lachte Marianne krampfhaft hinaus. »Der Verräther! – Er kam also an jenem Abend nach Haus, die Taschen voll; ich ließ ihn natürlicher Weise auf seinem Zimmer machen, was er wollte, als ich aber zufällig an der Thüre vorbei ging, siegelte er ein Packetchen, welches in dieses Papier gepackt war. – Handschuhe für die Tänzerin Fräulein Marie U. – Oh! das ist himmelschreiend! – Für eine Tänzerin!«

»Nun, ob es eine Tänzerin war oder sonst Jemand,« meinte begütigend der Doktor, »das ist am Ende gleichviel; das Faktum ist es, woran wir uns halten wollen.«

»Und ich werde mich daran halten!« rief Marianne empört. »Jetzt gleich gehe ich zur Mama und sage ihr die ganze saubere Geschichte.«

»Das wäre sehr unklug von dir,« sprach Arthur, »Ueberhaupt was willst du?«

»Einen Heuchler entlarven.«

»Zugestanden; aber das gelingt dir nicht durch Uebereilung; da mußt du der Sache genau auf den Grund gehen.«

»Aber wie kann ich das, eine arme, wehrlose Frau?«

»Du nicht, aber wir; ich werde mich deiner Sache annehmen und schon dahinter kommen.«

»Ah! so eine Tänzerin!«

»Ach! laß die armen Tänzerinnen aus dem Spiel,« entgegnete Arthur mit ernster Stimme; »wer weiß, ob das Mädchen den Herrn Alfons bis jetzt kennt und ob er überhaupt nicht vergebliche Versuche gemacht hat.«

»Vergebliche Versuche bei einer Tänzerin!«

»Nicht wahr, du wärest beruhigter, wenn er die Handschuhe irgend einem hübschen Mädchen deiner Bekanntschaft geschickt hätte.«

»Beruhigter nicht, aber es wäre doch nicht so sehr gegen allen Anstand.«

»O weh!« seufzte der Doktor in sich hinein.

»Da könnte man freilich mit dem vornehmen Titel des Vaters die Geschichte zudecken,« meinte Arthur trocken. »Wir kennen das. O Welt! o Welt!«

»Sei ruhig, Schwester!« sagte der Doktor; »nur keinen weiteren Skandal! Wir haben vorderhand genug in unserer Familie; laß uns Beide die Sache überlegen und im Nothfalle für dich handeln. Aber ein Dienst ist des anderen werth; nicht wahr, du thust mir die Liebe und gehst zu meinen armen Kindern? Sie sind so verlassen bei meinen frechen Dienstboten.«

»Mit tausend Freuden!« rief eifrig die junge Frau und zog ihren Shawl fest um die Schultern; »ich war auf dem Wege dahin, und jetzt könnte mir nichts Erwünschteres kommen; – ich bleibe vorderhand in deinem Hause,« setzte sie nach einer Pause im Tone großer Entschlossenheit hinzu, »bei dir und deinen Kindern. Du kannst mir ein Zimmer geben; ich richte mich dort häuslich ein.«

»Aber dein eigenes Hauswesen!« meinte der Doktor.

»O!« versetzte Marianne mit neu ausbrechenden Thränen: »Ich habe ja keine Kinder, die nach mir weinen.«

»Und Alfons?« sagte Arthur.

»Er wird das freilich im höchsten Grade unanständig finden,« rief Marianne heftig, »aber er soll mir kommen! ich will ihm schon sagen, was anständig und unanständig ist.«

Damit war die Unterredung beendigt und alle Drei verließen das Zimmer. – Marianne stieg die Haupttreppe hinab; sie hatte alle Thränenspuren von ihrem Gesichte vertilgt und ging aufrechten Hauptes wie nie vorher.

»Du,« sprach der Doktor zu seinem Bruder, als sie ihren Wagen wieder erreicht hatten, »da oben wird es changements des decorations geben. Es beginnt da ein lustiges Trauerspiel.«

»Vielleicht kann's auch ein trauriges Lustspiel werden,« meinte Arthur nachdenkend.

Und damit fuhren Beide nach der Balkengasse, um dort das Kind abzuliefern.

 

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