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Europäisches Sklavenleben. Dritter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Dritter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Dritter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131111
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64. Ein wildes Leben

»Ah!« fuhr nach einer Weile der Baron fort, »es ist ein eigenthümliches Gefühl, eines Menschen Blut zu vergießen. Das ist Ihnen wohl noch nie vorgekommen?«

»Gott soll mich in Gnaden bewahren!« erwiderte entsetzt der Andere.

»Und wollten sich doch das Leben nehmen! – Sehen Sie, wie vernünftig das Gespenst über Sie dachte.«

»Meines Nächsten Blut! Mich schaudert's, wenn ich daran denke.«

»Ja, ja,« erwiderte nachsinnend der Baron, »den Nächsten trifft es meistens, denn bis weithin reicht die Schneide eines Dolches nicht. – Aber keine Wortglaubereien; – in einem ähnlichen Falle wie dem eben erzählten kann man in späteren Jahren Alles vergessen, den Anblick dessen, der von unserer Hand fiel, sein Blut, das wir sahen; nur etwas nicht, das ist das schreckliche Gefühl des Eindringens der Waffe. Ah! das ist unvergeßlich!«

»Nun, es muß Sie trösten,« meinte gutmüthig Herr Beil, »daß Sie damals eigentlich noch unzurechnungsfähig waren – ein Kind.«

»O sagen Sie das nicht, ich durchlebte in dem Moment eine Reihe von Jahren, und war nachher so bedacht und entschlossen, daß man mir jetzt die Mutter nicht mehr geraubt hätte. – Doch das war vorbei. – Genug also, er fiel nieder, ich ließ natürlicher Weise den Griff der Waffe los und zog mich gegen mein Bett zurück. Die Thüren wurden hastig geöffnet, die Dienerschaft lief zusammen, ich hoffte immer, mein Vater werde auch erscheinen. Aber statt seiner erschien ein ältlicher Herr, mühsam am Stocke gehend – mein Großvater; ich sah das an der Ähnlichkeit mit meinem Vater, ich habe sein Bild nie vergessen. – Das da hat gute Geschichten gemacht, rief er zornig, nur fort damit! Seht, ob man Hilfe bringen kann. – Das Letztere war nun nicht möglich; man bemühte sich eifrig um den Todten – vergeblich. Dann stieß man mich aus dem Zimmer, mich und meine arme, arme Schwester. Daß sie furchtbar gelitten bei der eben beschriebenen Scene, können Sie sich wohl denken; sie fühlte, so klein sie war, daß ihr Bruder etwas Schreckliches begangen. – Man brachte uns fort, nachdem man uns vorher schlechte Kleider angezogen; wir fuhren mehrere Tage und Nächte; anfänglich wandte ich alle Kraft auf, um den Schlaf von meinen Augen zu verscheuchen, und ich bemühte mich, wo möglich einzelne Schlösser, Ortschaften, Flüsse und dergleichen meinem Gedächtnisse einzuprägen, um vielleicht später den Rückweg nach jenem Schlosse finden zu können. Unbegreiflich wird es Ihnen sein, wenn ich Ihnen sage, daß ich den Namen meines Großvaters und Vaters nicht wußte; in Palermo wurde der Letztere von der Mutter und der Dienerschaft nur Sir Robert genannt. – Wissen Sie wohl, was ich gar zu gern von dort mitgenommen hätte? Es war jenes zweischneidige Messer – eine schöne Waffe. Aber merkwürdig genug, viele Jahre nachher kam es zufällig in meinen Besitz. – Doch weiter!

»Meine Natur unterlag also; obgleich kräftig mit dem Schlafe kämpfend, überwältigte er mich doch, ich vergaß Alles, und als ich endlich erwachte, war es durch das Anhalten des Wagens. Doch denken Sie sich meinen Schrecken, als ich aufwachte und meine Schwester nicht mehr sah. Wo und wie man uns getrennt hatte, war mir unerklärlich. Ich erinnerte mich deutlich, daß ich, ehe ich einschlief, meinen Arm um ihren Hals geschlungen hatte, und daß sie mich fest an sich drückte, wie es früher die Mutter gethan. O! dieser Verlust traf mich hart, hatten wir uns doch gegenseitig getröstet.

»Ich wurde in ein Haus gebracht zu einem widerwärtig aussehenden Manne; es war ein scheinheiliger Hallunke, der das Gebetbuch nicht vom Tische brachte, aber seinen Nebenmenschen betrog, wo er konnte. – Man zahlte für mich ein ärmliches Jahrgeld; er sollte sehen, ob etwas aus mir zu machen sei, er sollte mich jedes Geschäft, jedes Handwerk ergreifen lassen, wozu ich Lust in mir verspürte. So sagte er mir; ich aber, wie Sie begreifen werden, früh gereift, klug, umsichtig, merkte bald, daß dieser Mann den Befehl hatte, mich thun zu lassen, was mir gut däuchte, das heißt, nur in Lastern und Ausschweifungen. Darin ließ man mir allen Willen, darin konnte ich thun, was ich wollte. Ich trieb mich also den ganzen Tag herum, ich trank, wo ich etwas bekam, ich spielte, zuerst ehrlich, dann falsch, und da ich ein hübscher Bube war, mochten mich alle Nachbarn leiden; ich ritt ihre Pferde, ich suchte mit großem Geschick verloren gegangenes Vieh wieder auf, ich wurde kräftig und gewandt, kein Pferd war mir zu wild, kein Fenster, kein Baum zu hoch; ich stählte meinen Körper so, daß ich Alles ertragen konnte, mir war es gleich, ob ich in meinem Bette war, oder die Nacht im Freien zubrachte unter Sturm und Regen. Bei meinem Erzieher lernte ich aber das Wichtigste: Verstellung; zuweilen ignorirte er mein wildes Treiben, zuweilen peitschte er mich wüthend dafür aus, und das namentlich, so lange ich ihm offen und ehrlich meine Streiche bekannte; als ich aber anfing, Alles zu leugnen, die Augen niederzuschlagen und seufzend im Hause umherzuschleichen, da ging es besser, und das merkte ich mir bald. –

»Sie können sich denken, daß ich meine Vergangenheit, Vater, Mutter und Schwester nicht vergaß und werden sich wundern, daß ich nicht einen Fluchtversuch unternahm, da man mir die Freiheit ließ, in der Nachbarschaft unseres Dorfes umherzustreichen; aber ich war klug genug, einzusehen, daß ich als Kind, ohne Mittel nichts zu unternehmen im Stande sei. Glauben Sie deßhalb nicht, daß ich jene schreckliche Scene vergessen, daß ich nicht ganze Nächte an die furchtbaren Räthsel gedacht, die mich beim Eintritt in dieses Land umgaben. O ich nährte meine Rache heimlich aber eifrig, und je älter ich wurde, desto glorreicher erschien mir jene blutige That. Auch hoffte ich beständig, von meiner Mutter, meiner Schwester irgend ein Lebenszeichen zu erhalten, aber vergeblich. Ach! wie ich diese Letztere liebte, kann ich Ihnen nicht beschreiben; sie war seit ihrer frühesten Kindheit meine einzige Gespielin gewesen und ihr weiches Gemüth fand sich so leicht in meine wilden Launen, mein hastiges, heftiges Treiben. Auch sie liebte mich so innig – wir waren ein paar glückliche Kinder!

»In der Nähe unseres Dorfes lagerten häufig Zigeuner, mit denen ich öfters Verkehr hatte; ich war bei ihnen wohl gelitten, ich begleitete sie bei ihren kleinen Streifereien, und eines Tags machte mir der Hauptmann den Vorschlag, sie auf einer längeren Tour zu begleiten. Sie hatten Pferde aus dem schottischen Gebirg nach England zu bringen: er versprach mir einen guten Antheil am Gewinn; ich willigte natürlicherweise ein und verließ ohne Bedauern, ohne Kummer das Haus, in dem ich bis jetzt gelebt. Mein Haar, blond wie das meines Vaters, ward schwarz gefärbt, und so zogen wir dahin, tagelang in kleinen Märschen durch das Land. Wie spähte ich umher, um vielleicht eines der Merkzeichen wieder zu finden, die ich mir damals eingeprägt – immer vergeblich, obgleich ich häufig glaubte, irgend etwas wieder zu erkennen. Oefters geschah es mir, daß ich meinte, dies oder das Parkthor sei es, durch welches ich ein- und ausgefahren; ja, und hinter ihnen sah ich oftmals Teiche und Bäche, jenen ähnlich, große Rasenplätze, alte Schlösser, ganz wie das, wo ich jene Nacht zugebracht. Doch fand ich bei näherer Besichtigung beständig irgend eine Verschiedenheit: bald fehlte die Steintreppe vor dem Portal, bald die Fenster auf den Hof hinaus, deren Form ich nicht vergessen. – Endlich aber durch einen sonderbaren Zufall fand ich, was ich suchte; ich hatte lange einen Park mit hohen Mauern sehnsüchtig umkreist, der Pförtner wollte dem Zigeuner keinen Einlaß gestatten, da kam ich an eine Stelle, wo ich lustige Kinderstimmen vernahm; die Federbälle flogen in die Höhe, endlich einer zu mir herüber. – O schade! er ist fort, rief es drinnen; ich aber eilte mit meinem Fund zu dem Pförtner und übergab ihm denselben. Er wollte mich beschenken, doch bat ich ihn nur um die Vergünstigung, die Gärten sehen zu dürfen; sein Knabe begleitete mich.

»Ja, dies war das hohe Steinthor von Bäumen überschattet, die geschlungenen Wege, die dichten Gebüsche, zwischen welchen ich in jener Nacht den Fackelschein gesehen, als mein Vater wegritt. Wie klopfte mir das Herz, ich wäre gern nach dem Schlosse geeilt, aber ich mußte meinem kleinen Führer folgen, der zuerst den Federball abgeben sollte. Wir kamen auf einen schönen Rasenplatz mit Blumen umgeben, dort spielten zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen von fünf bis sechs Jahren, die Eltern standen dabei; eine Dame in tiefer Trauer schaute den Spielen ihrer Kinder zu. Sie dankte mir und während sie mit mir sprach, betrachtete ich die kleinen schönen Kinder. Ich weiß nicht, es war mir so eigen zu Muth, eine unaussprechliche Wehmuth überwältigte mich, ich hätte laut aufweinen, vor die Kinder hinknieen, ihre feinen Hände, ihr blonden Haare küssen mögen. Waren es doch die Bilder meiner Vergangenheit und der meiner Schwester – o! dies mußte der Park meines Vaters sein. Wie hätte auch ich spielen können, froh und heiter, einer glücklichen Zukunft entgegen! und obendrein sah das kleine Mädchen meiner armen Schwester ähnlich.–

»Jetzt rief die Dame die Kinder zu sich, wir schlichen uns fort, ich nicht, ohne vielmal rückwärts zu schauen. – Aber nun zum Schlosse hin! – Ja, es war dasselbe, die Steintreppen, die Fenster, ich erkannte es wieder an dem Schlagen meines Herzens. Was hätte ich darum gegeben, sein Inneres betreten zu dürfen! Aber dies wurde mir nicht gestattet; ich fragte den Kleinen aus, ob droben schöne Zimmer seien. – Ja, sagte er. – Mit dunkeln Holzdecken? fuhr ich fort, und eines, in welchem sich viele schöne Messer und Degen befinden? – Ja, ja, entgegnete er mir; der Vater hat es mir schon oft gezeigt, wenn die Herrschaft abwesend war. – Und die Herrschaft? fragte ich zögernd, ist sie im jetzigen Augenblicke hier? – Ei, meinte er, wir haben die Lady ja drunten gesehen, und auch die Kinder, die Dame in Trauer, denn der Lord K., unser Herr – Sprich! sprich! rief ich. – Der Herr des Hauses also – er verunglückte vor einem Jahr auf der Jagd, er starb nach einem heftigen Sturz mit dem Pferde. – Das war mein Vater.

»Ohne ein Wort weiter zu sprechen, ging ich durch den Park zurück, grüßte den Pförtner und trat in's Freie. Welch schreckliche Räthsel umgaben mein Leben! Ich hatte die Frau meines Vaters gesehen, die doch nicht meine Mutter war – seine Kinder – meine Geschwister und mir doch fremd. Wir blieben die Nacht in einem benachbarten Dorfe, und da erfuhr ich die Geschichte des Schlosses und meine eigene. Vor acht Jahren, erzählte man mir, sei der junge Lord auf eine höchst liebreiche Einladung seines Vaters aus Italien zurückgekehrt, mit seiner jungen Frau und zwei Kindern. Gleich nach seiner Ankunft war indeß durch seines Vaters Einfluß seine Ehe für ungiltig erklärt und cassirt, die Mutter nach Hause geschickt und über die Kinder als uneheliche disponirt. Der Sohn schien sich, wider Erwarten, ohne viele Mühe den Ansichten des Vaters gefügt zu haben, denn nicht lange darauf heiratete er eine reiche Erbin.

»So war ich also ausgestoßen, ohne Namen, ohne Familie. Meine Mutter hieß es, sei nach Italien zurückgegangen; wo aber war meine Schwester? Mir schien es am geratensten, um eine Spur der Verlorenen zu finden, meine Schritte nach Sicilien zu wenden. Doch – lachen Sie über mich – ich konnte mich nicht so schnell entschließen, meine bisherigen Freunde zu verlassen; ich gestehe es Ihnen: ich hatte Geschmack an dem wilden Leben gefunden; auch fehlten mir die Mittel, um mich von ihnen trennen zu können. Daß mein Herz zerrissen war, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, auch nicht, daß ich den ganzen Leichtsinn meiner Jugend zusammen nehmen mußte, um mich zu betäuben; ich durfte nicht zu mir selbst kommen, ich durfte nicht ruhig überlegen, was ich hätte werden können, werden müssen, und was ich geworden war. – Ah!« rief er nach einer Pause mit schmerzlicher Stimme, »wenn diese Gedanken kamen, so riß ich in meinen Haaren, so rannte ich mit dem Kopfe gegen die Mauer, so zog ich mein Messer aus der Scheide. –

»Richtig,« fuhr er gleich darauf mit dem ihm eigenen Lächeln fort, »von dem Messer muß ich Ihnen noch sagen, daß es dasselbe war, ich hatte es in jenem Dorfe, wer weiß durch welchen Zufall gekommen, an mich gebracht.«

Hier schwieg der Erzähler, zog sein duftendes Taschentuch hervor, wischte sich damit sorgfältig den blonden Schnurrbart und drückte es alsdann vor die Augen. Als er die Hand wieder niedersinken ließ, war der Ausdruck seines Blickes unaussprechlich weich, ja traurig. Er streckte seine Rechte dem Zuhörer entgegen, der sie mit beiden Händen auffaßte und innig drückte. – »Wenn Sie wüßten,« sagte er darauf mit weicher Stimme, »wie wohl es mir thut, wie es mein Herz erleichtert, endlich Jemand gefunden zu haben, zu dem ich ohne Rückhalt sprechen kann! Aber hören Sie mich, mein Freund – wenn ich meine Vergangenheit in Ihr Herz niederlege,« dies sprach er mit festerem Tone, »so muß es sich darüber schließen, wie das Grab über dem Todten, wie die Woge des Meeres über dem Versunkenen. Geloben Sie mir dies und ich werde fortfahren. Aber ehe Sie es thun, glauben Sie meiner Versicherung, daß Sie das Aergste aus meinem Leben noch nicht gehört! – – Sind Sie stark genug,« sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen mit gefälligerem Ausdruck der Stimme, »meine kleinen Geheimnisse bewahren zu können, so reichen Sie mir Ihre Hand – Worte bedarf es weiter nicht.«

Mit tiefer Bewegung ergriff Herr Beil abermals die dargebotene Rechte, drückte sie innig und der Baron fuhr fort:

»Von da an wurde ich der Tollste der ganzen Zigeunerbande; ich muß Ihnen sagen, daß man mich bis jetzt von gewissen Geschäften und Vorfällen beständig fern gehalten. Ich hatte meinen Unterhalt auf anständige und ehrliche Weise verdient, jetzt aber ließ ich den Hauptmann merken, daß ich nicht abgeneigt sei, auch an anderen interessanten Unternehmungen Theil zu nehmen. Daß er bei dieser Erklärung vor Freuden außer sich war, schmeichelte meiner Eitelkeit; er hatte aber auch alle Ursache dazu, denn trotz meiner damals noch feineren und schlankeren Gestalt nahm ich es, was Kraft anbelangt, mit Vieren auf, und wo mich Gewandtheit und List unterstützen konnten, fürchtete ich mich nicht vor einem Dutzend. Natürlich mit kleineren Geschichten wollte ich mich nicht abgeben; ich sehnte mich nach etwas Großem, wo es Muth galt und Gefahr zu finden war.

»Wir zogen weiter, und wenige Tage nachher nahm mich der Hauptmann bei Seite und sagte: Wenn du etwas wagen willst, so können wir über vierundzwanzig Stunden reiche Leute sein. Natürlich willigte ich mit Freuden in Alles. – Heute Nacht, sprach er, geht einer der reichsten Gutsbesitzer des Landes nach der Hauptstadt; er wird einige Bedienten bei sich haben, aber auch eine große Menge Geld; wollen wir von den Anderen mitnehmen oder wollen wir Beide es allein wagen? – Wir Beide allein, entgegnete ich ihm. Er war damit einverstanden. Die Nacht kam, wir nahmen die besten Pferde und ritten gut bewaffnet aus; es ging über eine Haide hinweg, das Wetter war stürmisch, der Wind pfiff über die Ebene, wir konnten kaum unsere Hüte halten. In einer kleinen Niederung, die mit Gebüsch bewachsen war, hielten wir. Es mochte Mitternacht sein, als wir von fern her das Rollen eines Wagens vernahmen; er kam näher, vierspännig mit zwei Postillonen und zwei Bedienten auf dem Außensitz. Ich sprengte an die vorderen Pferde und riß den einen Postillon vom Sattel, der Hauptmann an den Schlag, indem er Halt! rief. Obgleich der Wagen augenblicklich hielt, knallten doch von allen Seiten Schüsse, die wir übrigens nicht beantworteten. Während der Hauptmann den Wagen bewachte, glitt ich zur Erde, zog auch den anderen Postillon herab, ohne ihm ein Leides zu thun, und zwang die beiden mit vorgehaltener Pistole, die unruhigen und schlagenden Thiere auszuspannen, die nun augenblicklich das Weite suchten. Daß ihnen ihre Reiter in größter Angst zu Fuße folgten, hinderte ich durchaus nicht, ja es erschien mir so komisch, daß ich ihnen ein lautes Gelächter nachsandte.

»Der Hauptmann hatte unterdessen gute Arbeit gemacht; er zwang die beiden Bedienten ruhig auf ihrem Sitz zu bleiben, und ich trat nun an den Schlag des Wagens, hatte aber dabei die Vorsicht, im nächsten Augenblicke, nachdem ich mich gezeigt, auf die Seite zu springen, was sehr nothwendig war, denn der entschlossene Besitzer des Wagens schoß zweimal nach mir; die Kugeln pfiffen an meinem Kopfe vorüber. Natürlich bat ich ihn jetzt sehr ernst und dringend, dergleichen zu unterlassen, und zog ihn aus dem Wagen hervor. Es war ein alter Herr, und da er ein lahmes Bein hatte und sein Krückstock im Wagen geblieben war, so mußte ich ihn auf einen Stein an der Straße niederlassen, was ich auch behutsam that, denn ich hatte mein kaltes Blut durchaus nicht verloren, die Expedition kam mir sehr ungefährlich vor. – Denken Sie sich aber, wie mir zu Muthe ward, als ich nun die Wagenlaterne herunternahm, als der Schein derselben auf das Gesicht des alten Mannes fiel und ich trotz der langen Jahre und des einmaligen Sehens jene harten, starren Züge wohl erkannte. – Das Geschäft des Wagendurchsuchens, das Herausnehmen der Kasseten und Brieftaschen überließ ich dem Anderen; ich stand neben dem alten Manne und dachte an jene Nacht, wo wir uns zum ersten Male gesehen. Ja, wir konnten so nicht scheiden; er mußte mich wieder erkennen, er mußte erfahren, daß das Schicksal zuweilen strenge Gerechtigkeit übt. Ich zog langsam ein breites Messer hervor, und als er das sah, zuckte er zusammen; doch hielt ich es ihm nur leicht vor die Augen und bat ihn, in seinem Gedächtnisse um acht Jahre zurückzugehen. Erinnern Sie sich, sagte ich mit ruhiger Stimme, jener Nacht in dem Schlosse, das Sie vor nicht vielen Stunden verlassen, jener Nacht, wo Ihr Wille eine ganze Familie auseinander riß, wo Sie den Vater zu einem Verbrechen zwangen, die Mutter ins Elend verstießen, die Kinder, ihre eigenen Enkel, des ehrlichen Namens, des Vermögens, des Fortkommens beraubten, in das Elend hinaus jagten, dem Laster in die Arme warfen. – Ja, dem Laster; denn ich, der jetzt an Ihrer Seite in dem Wagen fahren sollte, um Sie – setzte ich zähneknirschend hinzu – bei einem ähnlichen Vorfalle wie der heutige zu vertheidigen, ich, damals jener Knabe, den Sie dieses selbe Messer handhaben sahen, stehe jetzt vor Ihnen als Straßenräuber und könnte vielleicht Ihr Mörder sein, wenn mir das Schicksal Ihr Herz gegeben hätte.« –

»Schrecklich, schrecklich!«

»Das ist allerdings schrecklich,« fuhr der Erzähler ruhig fort, »der Andere hatte unterdessen die Kassetten auf den Boden niedergestellt und leerte sie mit großer Behendigkeit in einen Sack, den er zu diesem Zwecke mitgenommen. Wir sehen uns wohl niemals wieder, sprach ich zu dem alten Herrn, es sei denn, daß es Ihnen einfallen sollte, die Gerichte dafür gegen mich aufzurufen, daß ich mir mein rechtmäßiges Erbtheil genommen; – in dem Falle freilich und wenn Sie versuchen sollten, mich noch tiefer zu stürzen, würde ich Ihnen wieder und dann auch meine Mutter rächend vor Augen treten. Er gab begreiflicherweise keine Antwort, doch ließ er den Kopf tief auf die Brust herab hängen. Dachte er vielleicht über das Unrecht nach, welches er mir zugefügt, oder zürnte er über seine eigene Ohnmacht, mich in diesem Augenblicke nicht vernichten zu können?

»Die Pferde waren beladen, ich steckte mein Messer langsam in die Scheide, wir schwangen uns auf, und obgleich mein Begleiter im vollen Galopp davon wollte, nöthigte ich ihn doch zu seiner Verwunderung, im Schritt zu reiten; und so zogen wir langsam querfeldein zum großen Erstaunen der Bedienten, denen gewiß noch nie dergleichen vorgekommen war. Wir ritten noch eine Stunde durch die Nacht bis zu den Ruinen einer alten Abtei, die dem Zigeuner wohl bekannt war. Dort saßen wir ab und untersuchten unsern Raub. Er war über alle Maßen beträchtlich; zu gleichen Hälften getheilt, bildete er für Jeden ein ansehnliches Vermögen. Wir nahmen diese Theilung rasch vor, und das Einzige, was ich für mich in Anspruch nahm, war, daß ich nur Papiere und Banknoten nahm und meinem Begleiter dafür den Goldwerth ließ. – Ich kann Sie versichern, der arme Kerl, der sich doch ein wenig vor dem Galgen fürchtete, war überglücklich, nachdem ich ihm mein Verhältniß zu jenem alten Herrn auseinander gesetzt und ihm dabei die Versicherung gegeben hatte, er könne das heute Nacht eroberte ruhig genießen und sei nun für die Zukunft ein gemachter Mann; er war überglücklich, keinen Raub begangen zu haben, und Sophist genug, um sich zu überreden, daß wir nur meinen rechtmäßigen Erbantheil vom Vermögen meines Großvaters getheilt.

»Natürlicherweise trennten wir uns darauf auf Nimmerwiedersehen; er ging zu den Seinigen zurück, mich aber trieb es aus England fort, und nachdem ich mein Vermögen geordnet, schiffte ich mich nach dem Kontinent über, um so schnell als möglich nach Sicilien zu gehen. In Paris aber hatte ich den klugen Einfall, nach Palermo schreiben zu lassen, und erhielt nach einiger Zeit sehr untröstliche Nachrichten von da. Von meiner armen Mutter und meiner unglücklichen Schwester hatte man keine Spur. Das Unglück, das uns betroffen, war dort nicht einmal in seinem vollen Umfange bekannt; es hieß, mein Vater habe sich von der Mutter scheiden lassen, worauf sie mit einem großen Theil ihres Vermögens England verlassen und nach Deutschland gegangen sei. Unsere Verwandten in Palermo, so schrieb mein Sachwalter, liebten es übrigens sehr, uns förmlich zu ignoriren, und wenn uns nicht dringende Veranlassungen dazu trieben, riethe er uns, nicht nach Palermo zurückzukehren.

»So war mir also auch meine eigentliche Heimath verschlossen; ich hatte Niemand mehr, dem ich mich anvertrauen, dem ich mein Schicksal erzählen, von dem ich Trost und Hilfe erwarten konnte. O, ich fühlte mich einsam und elend; ich war auf dem Punkte, den gleichen Schritt zu thun, wie Sie; aber auch mich hielt ein Geist zurück, doch war es mein eigener, der mir, als ich mich über das Brückengeländer hinüber lehnte, wie höhnend zurief: also feige willst du die Welt, deine Feinde, die Menschen verlassen, willst keine Vergeltung üben für all das Unrecht, welches man dir gethan! – Trotze deinem Schicksal, trete ihm entgegen, setze ihnen die Ferse auf den Nacken, wie sie es dir gethan, lebe als freier und unabhängiger Mensch; denke an jene Zeit, wo du ein solcher warst, wo du auf flüchtigem Pferde über die Haide jagtest, wo deiner Hand jede Blüthe, jedes unschätzbare Gut, das eine Menschenseele vergeben kann, erreichbar war, denn du hattest den Muth, darnach zu greifen! – So sprach es in mir, so klang es fort und fort in meinem Herzen und ich folgte der verlockenden Stimme. Reich, wie ich war, warf ich mich in das Leben der großen Hauptstadt, lernte mich bewegen in den höchsten Kreisen und knüpfte dort Verbindungen an; aber ich griff auch tiefer hinab in die Schichten der Gesellschaft und erwarb mir auf den untersten Stufen derselben Bekannte, ja Freunde. – Sie sehen mich mit großen Augen an, aber ich sage Ihnen die reine Wahrheit; wenn ich Nachts, von einer glänzenden Soirée kommend, aus meinem Wagen stieg, meine reiche Toilette von mir warf, die Blouse anzog, mein Haar auf eigentümliche Art ordnete, so hätte mir jede der vornehmen Damen, mit denen ich vorhin getanzt, gerne ein Almosen geschenkt, ohne mich zu erkennen.«

»Ah!« machte Herr Beil.

»Und glauben Sie ja nicht, daß ich mich ungern in diesen untern Kreisen bewegte! Da sieht man die Menschen in ihrer natürlichen Herzensgüte, wie auch in ihrer natürlichen Schlechtigkeit, ohne Schminke, ohne Verstellung; aber man muß ihren Kreis nicht als fremdes Element tangiren, man muß zu ihnen gehören, dann genügt ein Wort, ein Handschlag, und dem, welcher Aufopferung für sie zeigt, gehören sie mit Leib und Seele. – O, das war für mich ein entzückendes Leben, unsichtbar wie ein Geist durch alle Stufen der Gesellschaft zu schweben, aufwärts und abwärts; ich war allwissend und allmächtig, keine geheime Polizei erfuhr und konnte leisten, was ich vermochte. Ich sah die Fäden von tausend Intriguen vor mir spielen, ich knüpfte sie an, wo es mir gefiel, und zerriß sie, wenn es mir beliebte; die geheimsten Geschichten lagen offen vor mir da, ich beförderte ihren Lauf oder hemmte ihn, je nachdem es mir einfiel; ich war Herr und Gebieter über Tausende von Sklaven.«

– »Und das waren Sie oder sind es noch?« fragte der Andere mit gepreßter Stimme.

»Ich bin es noch,« entgegnete der Erzähler, indem er sich stolz aufrichtete und seinem Gegenüber fest in die Augen sah. »Ja, ich bin es noch und leugne es Ihnen, dem ich eine offene Beichte über mein ganzes Leben abgelegt, nicht.«

»Also doch! also doch! – Verzeihen Sie, gnädiger Herr, meine Ueberraschung, mein Erstaunen, ja meinen Schrecken, denn Sie erscheinen mir so plötzlich als ein räthselhaftes Wesen, das in finstern Schatten bei uns vorbeischwebte und jetzt auf einmal ans Licht tritt, – fast ein Gespenst. – Ja, ein Gespenst,« fuhr er entsetzt fort, indem er sich langsam empor richtete und starr in die glänzenden Augen sah, welche der Andere fest auf ihn gerichtet hielt. – »Gewiß ein Gespenst und dasselbe, welches mir damals am Kanal erschienen. – Aber ich bin kindisch,« fuhr er nach einer Pause mühsam lächelnd fort, wobei er sich über die feuchte Stirne strich, »Sie sitzen ja körperhaft vor mir, und jenes Phantom – war ja auch kein Phantom, – Sie waren es.«

»Ja, ich war es, mein Freund,« entgegnete der Erzähler; »ich war es, der Ihr Leben rettete, der Ihren Leib und Seele erhielt; und wenn ich sage, daß ich Sie für mich erhielt, so geschah es ja nur, um einen Freund zu gewinnen, der fern von meinem wilden Treiben steht, dem ich mein Inneres eröffnen konnte, der mir in vorkommenden Fällen seinen guten Rath nicht vorenthalten wird. – O seien Sie ganz ruhig, ich werde Sie nie in den finsteren Kreis ziehen; dies Haus, dieses Zimmer sollen rein bleiben wie die Seele des Kindes, das dort drinnen so ruhig schläft.«

»Und dieses Kind – es ist das Ihrige?«

»O nein,« sagte der Baron mit trübem Lächeln, »so glücklich bin ich nicht. Hören Sie mich noch einen Augenblick an; bald bin ich mit meiner Geschichte zu Ende. – Anfänglich glaubte ich, ich könnte von dem seltsamen Leben, das ich angefangen, ebenso leicht wieder lassen, wie man ein Kleid wechselt, wie man einen Handschuh auszieht. Das wollte ich auch, ich verließ Paris und ging nach Deutschland. Aber obgleich ich mich in der ersten Zeit fern von Allem hielt, was mich früher so sehr belustigte, so dauerte das doch nicht lange; wie ich Ihnen schon gesagt, ich konnte es nun einmal nicht lassen, unsichtbar lohnend und strafend in die Geschicke der Menschen, die mich interessirten, einzugreifen. Das Erstere that ich übrigens häufiger und ich konnte es. Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich von meinem Treiben und meinen Verbindungen nie den geringsten Vortheil zog, nie – nie, obgleich dem Unsichtbaren ungeheure Summen geboten wurden, obgleich große Vermögen zu meinen Füßen rollten. Ein Verschwender war ich nie; was ich besaß, mehrte sich auf rechtliche Weise, statt abzunehmen, obgleich ich dem Elend mit vollen Händen half, wo ich konnte. Da befand ich mich in W. und unter vielen scandalösen Geschichten, welche die reichen jungen Leute, mit denen ich verkehrte, erzählten, interessirte mich eine ganz besonders: es war das ein förmlicher Sklavenhandel. Eine Mutter, so hieß es, hatte ihr eigene Tochter um eine beträchtliche Summe verkauft, das Mädchen aber habe eine andere Neigung und sei in Verzweiflung. Das war ein Fall, für den ich da war; meine erste Idee war, das arme Geschöpf entführen zu lassen, ihr eine Existenz zu gründen, sie, wenn möglich, mit ihrem Geliebten zu vereinigen. – Unmöglich! Denn leider stand dieser Freund durch Rang und Stand so weit über ihr, daß an eine Verbindung nicht zu denken war. Ich beschloß, mich also bei ihr einzuführen, und das that ich auch.«

– Bei diesen Worten athmete der Erzähler tief und schwer, und als er darauf mit der Hand über seinen Bart strich, zitterte diese leicht; auch hatte er die vorigen Worte nur mühsam hervorgebracht.

– »Ich ging also dorthin. Um einen Vorwand war ich bei dergleichen nie verlegen, ich betrat ohne lange zu fragen ihr Zimmer, ich fand das Mädchen allein, ein Schauer durchflog meinen Körper, meine Zähne schlugen in Fieberfrost zusammen, – ja, es konnte nicht anders sein, ich fand die Züge des Kindes in der Erwachsenen wieder – ich stand vor meiner Schwester, – gerechter Gott! vor meiner Schwester, die von ihrer, von meiner Mutter der Schande verkauft war. – Aber nein, nein! so fürchterlich sollte es nicht kommen, gehen wir mit wenigen Worten darüber hinweg. Ja, meine Schwester war es; aber meine arme Mutter war längst gestorben; sie hatte ihr Kind aufgesucht und es auch glücklich in Schottland gefunden; sie hatten ein kümmerliches Leben geführt, meine Mutter hatte mit ihren zarten Händen Tag und Nacht gearbeitet, um sich und ihr Kind auf ehrliche Art zu erhalten; aber alle die schrecklichen Verluste, die sie erlitten, das Andenken an meinen Vater, der sie so entsetzlich mißhandelt, – an mich, den sie tobt geglaubt, hatten ihre Gesundheit zerstört. – Nach ihrem Tobe stand meine Schwester rathlos da, irgend ein Zufall brachte sie zu jener Frau, die sich heute ihre Mutter nannte, die sie sorgfältig erzog, aber damals schon berechnete, das schöne geistreiche Mädchen werde sich einstens selbst bezahlt machen.

»Daß ich mit dieser Dame eine starke Unterredung hatte, können Sie sich denken; die für meine Schwester verlangte Summe gab ich ihr und nahm das arme Geschöpf mit mir, – ja, das arme Geschöpf, – denn es waren Sachen vorgefallen, die mich nöthigten, ein Jahr lang mit ihr in tiefster Verborgenheit zu leben. Sie wurde Mutter eines Kindes, eines Knaben – und was soll ich's verschweigen? – desselben, der jetzt unter Ihrer Aufsicht lebt und den Sie deßhalb nicht weniger lieben werden, weil seine Geburt keine legitime ist.«

Die Versicherung des Herrn Beil, daß er das Kind vielleicht noch mehr lieben werde, weil es ohne rechtmäßige Ansprüche an einen väterlichen Schutz so allein in der Welt stehe, schien der Baron gar nicht zu hören. Er hielt beide Hände vor das Gesicht und saß so eine Zeit lang in sich versunken da. Als er wieder empor schaute, seufzte er tief auf und sagte: »Glauben Sie mir, ich hätte lieber das Grab meiner Schwester gefunden, als sie selbst auf diese Art. Ich erzählte Ihnen schon, wie ich sie als ein kleines Mädchen geliebt. Und diese Liebe hat mit den Jahren zugenommen; in meinen Träumen sah ich sie vor mir, wachsend, größer und schöner werdend, liebenswürdig und verständig, wozu sie schon als Kind so schöne Hoffnungen gab. Ach! ihr Kind hat mich vor Vielem bewahrt, namentlich vor einem wilden Leben und vor manchen unüberlegten Handlungen. Ich will es Ihnen offenherzig gestehen: obgleich ich viele Abenteuer hatte, habe ich doch nie geliebt; denn so oft ich mein Herz einem weiblichen Wesen zuwenden wollte, trat mir das Bild meiner Schwester vor die Seele, und daneben erblaßte alles Andere. Es war wohl mit das schreckliche Unglück unserer Jugend, was mich so fest an sie hinzog. Einmal,« fuhr er nach einer Pause lächelnd fort, »und es ist noch gar nicht lange her, da traf ich mit einem armen Geschöpfe zusammen, mit einem Mädchen, das blonde Haare hatte, wie meine Schwester und auch einen Zug in ihrem Gesichte, der mich an diese erinnerte. Das durchzuckte mich wunderbar, und wenn ich dem Mädchen früher begegnet wäre – aber das sind nur Phantasien! – gehen wir weiter!

»Nachdem das vorüber, reiste ich mit meiner Schwester nach Sicilien und machte dort eine Klage gegen meinen Großvater in England anhängig; ich wußte wohl, daß dabei nichts zu gewinnen war, doch prozessirte ich nur in der Absicht, um einen Namen für meine Schwester zu erhalten. Dies gelang mir auch; man erklärte sie für berechtigt, den Familiennamen unseres Vaters zu führen: ich für meinen Theil verzichtete darauf: der Enkel des Lord K. war todt und verschollen; auch meiner Schwester konnte ich nützlicher sein, wenn ich ihr, sie unsichtbar schützend, zur Seite stand. Wer wußte auch, wenn wir den gleichen Namen führten, ob sie nicht vielleicht dadurch in Sachen verwickelt werden konnte, die ihr fern zu halten meine heiligste Pflicht war. Daß ich mein Vermögen redlich mit ihr theilte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. – Und nun bin ich zu Ende, aber gerne bereit, Ihnen irgend welche Fragen zu beantworten, die Sie an mich zu richten für gut finden. Fragen Sie mich ohne Scheu!«

»Wenn ich das thue,« sprach Herr Beil nach einigem Zögern, »so ist es nicht Neugierde, die mich treibt; doch möchte ich erfahren, ob die Mutter des Knaben seinen Aufenthalt weiß, ob es ihr erlaubt ist, ihn zu sehen.«

»Das Letztere kann ich Ihnen noch nicht sagen, – meine Schwester verheirathete sich, sie machte, was die Welt eine glänzende Partie nennt; doch lebt sie kinderlos bei dem alten Gatten und immer noch hängt ihr ganzes Herz an dem Knaben.«

»Und wie habe ich mich zu benehmen, wenn sie einen Versuch machen wollte, das Kind zu sehen? – Sie sagten mir selbst, man forsche demselben von anderen Seiten nach.«

»Ganz recht, daß Sie daran denken; sollte Sie also eine Dame zu sprechen und das Kind zu sehen verlangen, so fragen Sie, ob sie schon länger in hiesiger Stadt sei; gibt man Ihnen zur Antwort, sie komme soeben von einer Reise nach England zurück, so können Sie ihr das Kind getrost in die Arme führen.«

»Doch nun ist es Zeit, daß ich mich entferne,« sagte der Baron nach einer Pause, indem er sich erhob – »meine Pferde schaudern, der Morgen dämmert auf, kann ich Ihnen mit Mephisto zurufen; ich habe Sie einen wilden Traum durchträumen lassen; ich führte Sie auch über öde Haiden und selbst ein wenig am Rabenstein vorüber. – Adieu, mein Freund, denken Sie, daß ich ganz der Ihrige bin. Gebieten Sie über mich: soll ich etwas für Sie erlangen in der niedrigsten Hütte oder am Throne des Königs, ich werde es thun. – Leben Sie wohl! Sobald es mir möglich ist, suche ich Sie wieder auf. Sollten Sie etwas Dringendes für mich haben, so wissen Sie ja meine Wohnung.« – Hierauf drückte er dem Herrn Beil herzlich die Hand, verließ das Zimmer und gleich darauf das Haus.

Dieser trat ans Fenster und schaute dem Baron lange nach, wie er leicht und gewandt über die Straße dahin schritt und bald um die nächste Ecke verschwunden war. Ja, der Morgen dämmerte auf, ein trüber, kalter Wintermorgen; am Himmel jagte der Wind graue Wolken, welche, über die Stadt hinwegfliehend, zuweilen einzelne Schneeflocken hernieder flattern ließen. Die Windfahnen drehten sich kreischend, zwischen den entfernteren Häusern lag ein feiner frostiger Duft, und an einem Brunnen, der sich gerade dem Hause gegenüber befand, hatten sich seit einigen Stunden ziemliche Eiszapfen gebildet. Draußen war es unbehaglich, aber im Zimmer strömte der Ofen eine angenehme Wärme aus. Herr Beil löschte die Kerze aus, die Flamme derselben konnte dem hereindringenden Tageslicht nicht mehr widerstehen und brannte mit dunkelrother Gluth. Nachher fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und es war ihm zu Muth, als habe er wirklich einen wilden Traum geträumt oder als habe er während der Nacht ein seltsames Buch gelesen, eine Räubergeschichte, wie sie eigentlich nur in Romanen vorkommt. Er versank in tiefes Nachsinnen und war ordentlich froh, als bald darauf eine helle Kinderstimme an sein Ohr schlug, die laut und lustig rief: »Onkel Beil, ich bin erwacht und möchte gern aufstehen!«

 

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