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Europäisches Sklavenleben. Dritter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Dritter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Dritter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131111
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79. Maskenball bei Hof

An einem Abend wie der heutige glänzte das königliche Schloß innen und außen von Lichtern. Da brannten alle Gaskandelaber rings umher und umgaben die gewaltigen Gebäudemassen mit einem hellen, weißen, blitzenden Kranz; der große Platz vor dem Schloß, ja die angrenzenden Straßen waren mit Pechpfannen besetzt, deren dunkelrothe Glut wild und trotzig gegen die zierlichen Gasflammen erschien. Die lodernden Flammen warfen einen hellen Schein auf den weiten Platz, wo eine unzählige Menge von Irrlichtern ihr Wesen zu treiben schienen. Das waren die Laternen der vielen Wagen, die von allen Richtungen her kamen, sich kreuzten, hier geradeaus fuhren, dort einen Bogen beschrieben. Eine große Menschenmenge umlagerte den Haupteingang des Schlosses, um von den anfahrenden Masken so viel zu sehen, als die neidischen Verhüllungen, Mäntel, Shawls, Paletots erlaubten. Neugierig drängten sich diese Zuschauer vor und wagten sich oftmals so dicht heran, daß die aufgestellten Posten, Kürassiere hoch zu Roß, kaum im Stande waren, die Eingänge frei zu halten, denn wenn auch Alles vor dem stampfenden Pferde oder sobald man nur den strahlenden Küraß und die glänzende Pallaschklinge erblickte, augenblicklich zurückwich, so drängten doch die Hinteren immer wieder vor, und es war hier eine fortwährende lebendige Ebbe und Fluth.

Dies hinderte übrigens die Wagen nicht, wenn gleich im langsamsten Tempo, anzufahren und sich ihres Inhalts zu entledigen. Freilich war die Reihe sehr lang; wer daher spät von Hause weggefahren, sich an's Ende derselben anschließen mußte – im Falle er nämlich nicht zu den Bevorzugten gehörte – konnte lange warten, bis er die Treppen erreichte. Zu den Bevorzugten gehörte der Wagen des Polizeipräsidenten, der, von einem Kürassiere begleitet, sogleich an den Eingang gelangte. Beide Damen und Herren stiegen aus, und als sie das Vestibül erreicht hatten, wo sich in der Nähe des Tanzsaals die großen Garderoben befanden, drangen ihnen schon die rauschenden Klänge einer Polonaise entgegen.

»Geschwind, geschwind!« rief die Präsidentin, »die Polonaise beginnt, man darf das nicht versäumen, wenn man einen Ueberblick über das Ganze erhalten will.«

Der Baron, welcher gehofft hatte, sogleich beim Eintritt in den Saal verschwinden zu können, sah sich genöthigt, der Tochter seinen Arm zu geben, während die Mutter von einem schon lange auf diesen wichtigen Moment harrenden jüngeren Polizeirath gekapert und in die Reihe weggeführt wurde. Der Präsident faßte ängstlich seine Nase und war schon im nächsten Augenblicke in den Strudel der Masken hineingerissen.

Ein gewöhnlicher Maskenball ist von einem solchen bei Hofe wenig verschieden. Hier sind nur die Räume prächtiger, die Beleuchtung glänzender, der Eingeladenen mehr und dabei in den einzelnen Sälen, wo sich Alles zusammendrängt, eine unerträgliche Hitze, ein fabelhafter Staub und ein Gemisch von Parfüms der verschiedensten Art. Im Uebrigen gleicht ein Maskenball dem andern auf's Haar. Hier wie dort sieht man prächtige Kostüme, geschmackvolle Anzüge, neben andern, die recht übel gewählt, ja mitunter sehr fade erscheinen. Auch die Konversation bleibt sich im Ganzen ziemlich gleich. Geistreiche Bemerkungen wechseln ab mit den dümmsten Phrasen, und das bekannte: »Maske, ich kenne dich!« ist ebenso hier wie dort, nur hier gewöhnlich in's Französische übersetzt, zu Hause.

Einen Vorzug haben übrigens die gewöhnlichen Bälle, daß sich nämlich sämmtliche Anwesende gleichförmig über das ganze Lokal vertheilen, wogegen hier die Säle und Zimmer, in denen sich gerade die allerhöchsten Herrschaften aufhalten, förmlich belagert sind, von einer Menschenmasse besetzt, die Kopf an Kopf steht, in der Jeder sich vordrängt, um gleich darauf wieder sanft zurückgedrückt zu werden, wo Jeder den Hals so lang als möglich emporstreckt und das süßeste Lächeln auf seinem Gesichte hervorruft, um gleich gerüstet zu sein, sobald ein gnädiger Blick herüberdringt.

Die Polonaise bewegte sich durch das ganze Apartement in einer fast endlosen Linie und hatte zuletzt den kleinen Thronsaal zu passiren, wo sich der allerhöchste Hof befand und auf diese Art alle anwesenden Masken Revue passiren ließ. Die Musik spielte ein so langsames Tempo, daß man nur so dahin zu schlendern brauchte, wodurch es auch den Herrschaften möglich war, sich jeden Einzelnen genau zu betrachten, und Diesen oder Jenen mit einem gnädigen Worte zu beglücken.

Vergeblich hatte der Baron Brand den Versuch gemacht, die junge Dame, welche er führte, zu überreden, mit ihm in eins der leereren Zimmer zu treten, um, wie er sagte, die langweilige Polonaise mit süßem Geplauder zu vertauschen; – es war ihm unangenehm, ja ihm bangte ordentlich davor, durch den Thronsaal zu gehen. Auguste dagegen hätte um Vieles ihren Platz nicht verlassen. Sie hörte gern das Flüstern um sich her und vernahm es mit Stolz, wenn man sich über ihren seltsam, aber elegant kostümirten Begleiter in allerlei Muthmaßungen erging. Der Baron mußte vorwärts und da es nun einmal nicht zu ändern war, so hob er den Kopf leicht empor und schritt dahin, als sei ihm Alles daran gelegen, die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen.

Der ganze Hof war versammelt; Ihre Majestät im geschmackvollen Kostüme einer reichen Burgfrau saß da, von Ihrem ritterlichen Gefolge umgeben. Aus diesem hervor machten sich besonders vier schöne Stallmeisterinnen bemerkbar, welche sie zunächst umstanden. Eine derselben war Eugenie von S., und sobald der Baron den Saal betrat, konnte er es begreiflicherweise nicht unterlassen, mit seinem scharfen Auge sogleich dieses reizende Mädchen aufzusuchen. Da stand sie, die prächtige, schlanke Gestalt, zunächst am Sessel Ihrer Majestät, auf dessen Lehne sie eine Hand aufgestützt hatte. Sie trug das eng anliegende dunkelblaue Reitkleid, welches ihre schönen Körperformen wunderbar hervorhob. – Weßhalb es ihn schmerzlich berührte, wußte der Baron selbst nicht, aber als er von ihrer Schulter die bekannten Achselbänder in Blau, Grün mit Silber herabflattern sah, verursachte ihm das ein widriges Gefühl. Dazu war das Gesicht des schönen Mädchens von einer erschrecklichen Blässe und ihre Augen waren geröthet, als habe sie geweint; ja zuweilen zuckten ihre bleichen Lippen und es war, als müsse sie sich alle Gewalt anthun, um ihre Thränen zurückzuhalten. – Wo aber war der Herzog? – Richtig, dort stand er, hinter ihr und hatte dieselben Farben, welche Eugenie trug, an seinem Anzüge nicht gespart. Zuweilen beugte er sich angelegentlich und auffallend zu ihr hinüber und flüsterte ihr lächelnd einige Worte zu, welche sie ja nicht unfreundlich erwidern durfte. Doch sah das Lächeln, welches alsdann über ihr Gesicht flog, so eisig, ja unheimlich aus, daß es dem Baron ordentlich davor graute. Er verwünschte den Dienst, den er dem Herzog geleistet, und hätte sich vielleicht noch größere Vorwürfe darüber gemacht, wenn seine Gedanken heute Abend nicht mit Wichtigerem beschäftigt gewesen wären. – Warum hatte er dem Herzog dergleichen Dienste geleistet? Um ihn seinerseits ebenfalls gebrauchen zu können und eine innige Verbindung mit ihm anzuknüpfen, die ihm später vielleicht von Nutzen sein konnte. Und dieses später – o es kam vielleicht nie, denn der Baron fühlte schmerzlich, daß der Zeiger seiner Lebensuhr eine Stunde anzeigte, so spät, daß mit dem Schlage derselben die Uhr gänzlich abgelaufen sein mochte! Und doch, wenn es irgend möglich war, sollte dem Herzog nichts geschenkt sein. Unter diesen Gedanken durchschritt er den Saal, stolz mit hoch erhobenem Kopfe, die erstaunten Blicke zurückgebend, die sich gegen ihn richteten. Es mußte etwas Eigentümliches in seiner Erscheinung liegen, denn wo er vorbei kam, bewegten sich flüsternd die Lippen gegen den Nachbar, und selbst Eugenie erhob ihren Blick und heftete die dunkeln, schwermüthigen Augen eine Sekunde lang fest auf ihn. Vor etwas bangte übrigens dem Baron: vor dem Anblick des jungen Grafen Fohrbach, den er lieb gewonnen und der auch ihm stets mit gleicher Freundlichkeit entgegen gekommen war. Wahrhaftig, ihn reute die Geschichte mit den Achselbändern und er hätte Gott weiß was darum gegeben, wenn er sie hätte ungeschehen machen können. – Ach, wie so Vieles! – Dort stand der Graf in einem sehr geschmackvollen Anzüge von violettem Sammet mit Silberstickerei; dort stand er, und als er jetzt den Baron erblickte, schien etwas Furchtbares in seinem Herzen vorzugehen. Seine Hände ballten sich zusammen, sein Auge flammte einen Moment, dann aber spiegelte sich etwas wie Bestürzung und Schrecken in demselben. Daß diese Aufregung des jungen Mannes ihm gelte, fühlte der Baron wohl, doch war sie ihm unerklärlich, denn erstens erkannte er ihn gewiß nicht und dann konnte er ja auch keine Ahnung davon haben, daß er, der Baron Brand, bei jener Geschichte mit Eugenie und dem Herzog die Hand im Spiele habe. Daß aber Graf Fohrbach bei seinem Anblick auf's Höchste erschreckt geschienen, ja, daß sein Auge zornig gefunkelt, war nicht zu leugnen; hatte er doch deutlich dessen Bewegung gesehen, als wenn er vorstürzen wolle, und hatte bemerkt, daß ihn der alte Leibarzt ironisch lachend bei dem Arm ergriff und zurückzog. Auch folgte er ihm mit den Blicken, und als der Baron schon das Ende des Thronsaales erreicht hatte und nochmals rückwärts schaute, sah er, wie ihm der Graf noch immer mit vorgestrecktem Halse und starren Augen nachblickte.

Die Polonaise ging bald darauf zu Ende, der Baron brachte seine Tänzerin nach mühsamem Umhersuchen endlich glücklich zu ihrer Mutter und wollte sich nun so schnell als möglich zurückziehen. Doch ließ ihn die Präsidentin nicht so wohlfeilen Kaufes davon; er mußte sich den Polizeirath vorstellen lassen und die kluge Frau benützte hierzu den Augenblick, als er gerade Arm in Arm mit der Tochter vor sie hintrat. Es war diese Vorstellung gewissermaßen eine Lehre für den Polizeirath, denn vor einem Jahre hatte man ihm zu verstehen gegeben, daß eine Verbindung mit dem Hause des Präsidenten, für ihn, der von sehr guter Familie war, vielleicht nicht unerreichbar sei. Er hatte aber bereits eine thörichte Liebe in seinem Herzen und zu wenig Weltklugheit, um einer künftigen Carriére selbst ein so kleines Opfer zu bringen.

Der Baron hatte übrigens nachgerade an der Komödie genug, in die er sich so leichtsinnig hinein gewagt, und blickte rings auf das Gewühl, um eine Direktion zu finden, bei welcher er sich am leichtesten zurückziehen könne. Doch sagte ihm die Präsidentin: »Sehen Sie, wie ich alterirt bin, Baron. Haben Sie denn schon von der unglückseligen Geschichte mit der Baronin v. W. gehört? Gerechter Gott! man hat es mir schon von mehreren Seiten gesagt und denkt, ich, als Frau des Präsidenten, müsse darum wissen; hatte aber keine Ahnung davon. Mein Mann spricht niemals über so etwas. Haben Sie es denn gewußt?«

Baron Brand zuckte mit den Achseln und entgegnete: »Ich erfuhr es ebenfalls vorhin. Das ist freilich eine traurige Geschichte. Und man weiß nichts Näheres?«

»Man sagt dies und das; Gott, wenn nur der Präsident käme! Wer weiß, wo der Mann wieder am Spieltische sitzt! Ich sollte doch eigentlich den Leuten gegenüber etwas Genaueres wissen.«

Der Polizeirath, der sich vorhin zurückgezogen, näherte sich jetzt eilig wieder und sagte: »Der Herr Herzog sucht den Herrn Polizeipräsidenten. Dort kommen Seine Durchlaucht.«

Nach diesen Worten trat er mit einem tiefen Bückling zurück, um dem Herzoge Platz zu machen, der nun zu der Gruppe trat, sich vor Mutter und Tochter etwas verneigte und den ihm Fremden, der neben der Tochter stand, von der Seite anblickte. Der Baron, der an der Präsentation von vorhin genug hatte, wandte sich an den Herzog und sagte ihm lächelnd: »Gnädigster Herr, ich erlaube mir, Ihnen einen guten Abend zu wünschen.«

»Ah! die Stimme sollte ich kennen,« erwiderte der Herzog, wobei er den Andern forschend betrachtete. »Wären Sie es wirklich, Baron Brand?«

»In eigener Person; Coeur de rose! ich muß mir wahrhaftig auf meine Vermummung etwas einbilden.«

»Ich mache Ihnen mein Kompliment,« entgegnete Seine Durchlaucht; »suchte Sie auch schon eine gute Weile, Sie und den Herrn Polizeipräsidenten. Wissen Sie, ich kann Sie nun einmal von dem Departement nicht trennen. – Gnädige Frau,« wandte er sich an die Präsidentin, »Sie müssen diesem gefährlichen Menschen den Zutritt in Ihr Haus nicht so sehr erleichtern.«

Die Mutter lächelte sanft und erwiderte: »Es gibt Verhältnisse, Euer Durchlaucht, unter deren Schutz man viel gestatten kann.«

»Ah! es gibt Verhältnisse!« rief lachend der Herzog. »Was Teufel! Baron, hat man Sie endlich erwischt, – Sie Heuchler und Verräther! – Fräulein Auguste, darf ich Ihnen meine Gratulation machen?«

Das Mädchen knixte und blickte sehr schüchtern zu Boden. Mama erhob ihren Kopf sehr würdevoll, wobei sie den Fächer spielen ließ, und Herr von Brand stand wie auf Nadeln.

Glücklicherweise erinnerte sich der Herzog, weßhalb er eigentlich gekommen, und sprach zur Präsidentin: »Haben Sie keine Idee, wo ich Ihren Herrn Gemahl treffen kann? Ich muß ihn dringend sprechen.«

Abermals trat der Polizeirath, und diesmal noch schüchterner, zu der Gruppe und meldete gehorsamst, sein hoher Chef sei im runden gelben Salon und eben im Begriff, eine Whistpartie zu finden.

Zum Glück flüsterte in diesem Augenblicke Auguste ihrer Mutter etwas zu, weßhalb es dem Baron möglich wurde, dem Herzog zuzuraunen: »Nehmen Sie mich mit.«

»Dank Ihnen,« wandte sich dieser an den Rath und sagte dann zu den Damen: »Sie werden entschuldigen, daß ich Ihnen den Baron auf einige Minuten entführe. – Kommen Sie, ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Beide entfernten sich und es gelang ihnen ohne Mühe, durch das Gedränge zu kommen, denn überall wurde dem Herzog auf das Ehrerbietigste Platz gemacht. Dieser schob seinen Arm unter den des Herrn von Brand, und als sie in eine Gallerie kamen, wo sich nur wenige Gäste ergingen, sagte er: »Baron, ich bin ungeheuer in Ihrer Schuld. Sie haben die Sache mit den Achselbändern vortrefflich arrangirt. Wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, wie Sie das angefangen? Ich zweifelte daran und war nicht weniger überrascht als Graf Fohrbach, dessen Gesicht Sie hätten sehen sollen. Ah! das war komisch; haben Sie ihn nicht zufällig erblickt?«

»Nein,« erwiderte der Andere mit großer Ruhe. »Aber ich bemerkte, daß Fräulein Eugenie sehr blaß und angegriffen aussah.«

»Das ist mir recht,« bemerkte der Herzog eifrig. »Glauben Sie mir, dieser Farbenwechsel kann gute Früchte tragen.«

»Meinen Sie?«

»Oho! es war das auffallend genug. Der ganze Hof erkannte augenblicklich meine Farben; ich sah viele lächelnde Gesichter. Das hat sie ungeheuer compromittirt.«

»Das thäte mir wahrhaftig leid.«

»Teufel auch! – Bei solchem Kriege gelten alle Mittel,« sprach der Herzog, und fuhr seufzend fort: »ich bin in das Mädchen rasend verliebt, und es ist nicht blos façon de parler, wenn ich wiederholt versichere, daß ich Ihnen mit meinem ganzen Einfluß zu Gebote stehe.«

»Davon hoffe ich baldigst Gebrauch zu machen,« erwiderte der Baron. »Sie suchen den Polizeipräsidenten?«

»Soll ich vielleicht bei dem für Sie sprechen?« fragte lachend Seine Durchlaucht. »Apropos, ist denn wirklich wahr, was Madame uns vorhin gesagt?«

Der Baron zuckte die Achseln und warf leicht hin: »Man kann sich nie genug in Acht nehmen. – Aber wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte: was suchen Sie bei der Polizei, gnädigster Herr?«

»Haben Sie denn noch nicht von der skandalösen Geschichte gehört?«

»Von welcher?« fragte so unbefangen wie möglich der Baron.

»Nun, mit der Baronin W. Der ganze Hof, die Gesellschaft sind empört darüber. Ich suche den Präsidenten im Namen Ihrer Majestät.«

»Sie sehen mich ganz erstaunt; ich weiß von nichts.«

»Sie wissen so gut wie ich, daß der alte General beständige Differenzen mit seiner Frau hatte. Der Währwolf! Eine so schöne, liebenswürdige Frau! Weiß der Teufel, was sie für eine Geschichte gehabt hat, denn unter uns gesagt: in dem Punkte ist es nicht ganz richtig. Genug, da ist ein Haus in der Schilderstraße, das hat sie zuweilen incognito besucht. Nun hat aber auch – weßhalb weiß ich noch nicht – die Polizei auf eben dies Haus ein Auge. Denken Sie, Baron, man besetzt das Haus mit dem Befehl, Alles was sich dort befände, festzuhalten und arretirt zu gleicher Zeit die unglückliche Frau, die sich zufälligerweise in einem Zimmer des ersten Stocks befindet –«

»Man arretirt sie?« rief der Andere erschreckt.

»Das heißt, man verbietet ihr bis auf Weiteres, das Haus zu verlassen. Nun mag der Teufel wissen, weßhalb zu gleicher Zeit die alte Excellenz von der Geschichte gehört hat. Genug, der General schlägt einen unerhörten Skandal auf und bringt die Sache direkt vor Seine Majestät.«

»Das ist ja eine furchtbare Geschichte! – Und was soll der Polizeipräsident thun?«

»Einfach der armen Frau gestatten, daß sie daß Haus verläßt.«

»Und wem gehört das Haus?«

»Das wissen die Götter. Es soll sehr elegant möblirt sein. Entre nous, die Sache hat schon ihren Haken. Aber Sie, der hinter Alles kommt, sollten das auch ergründen. Nicht wahr?«

»Wenn man mir den Auftrag dazu gäbe,« entgegnete ruhig der Baron.

»Nun, den gibt man Ihnen mit tausend Freuden,« sagte eifrig Seine Durchlaucht.

»Aber wer, gnädigster Herr?«

»Nun, meinetwegen Ihre Majestät; ich will das verantworten.«

»Meinen tiefsten Respekt vor Ihrer Majestät,« meinte lächelnd der Baron, »aber um jetzt da was vorzunehmen, müßte man einen Befehl des Präsidenten haben, mit der Gefangenen verkehren zu dürfen.«

»Den würde Ihnen der künftige Schwiegerpapa gewiß nicht abschlagen.«

»Scherz bei Seite, gnädiger Herr! Da kann ich nichts machen. Aber wenn Sie im Auftrage Ihrer Majestät dem Präsidenten scharf zu Leibe gehen, so wird es Ihnen leicht, ihm einen Befehl auszupressen, der mir erlaubt, das Haus in der Schilderstraße zu besuchen.«

»Und darf ich Sie ihm nennen.«

»Versteht sich von selbst; machen Sie von meinem Namen jeden beliebigen Gebrauch.«

Diese Unterredung hatten beide Herren im Durchschreiten der langen Gallerie gehalten, waren aber dabei jeden Augenblick stehen geblieben und hatten jetzt das Ende derselben erreicht. In dem Moment, als sie dieselbe verlassen wollten, fast unter der Ausgangsthüre, stießen sie auf den Grafen Fohrbach, der am Arme des Herrn von Steinfeld eilig eintrat. Beim Anblick des Herzogs und des Barons trat der Graf mit einem seltsamen Ausdruck im Gesichte auf die Seite und schien einige Sekunden unschlüssig, ob er näher treten oder sich entfernen solle. Augenscheinlich hatte der Graf den Herrn von Brand aufgesucht, hielt es aber bei der Anwesenheit Seiner Durchlaucht nicht für geeignet ihn anzureden. Letzterer lächelte auf eine eigentümliche Art – es war das ein Lächeln, welches eine tiefe Röthe auf dem Gesichte des Adjutanten hervorrief, was übrigens der Baron, der sich hastig von dem Arme des Herzogs losgemacht hatte, nicht zu bemerken schien. Wie von einer plötzlichen, sehr wichtigen Idee getrieben, trat er auf den Herrn von Steinfeld zu, der aber befremdet einen halben Schritt zurücktrat.

Es war diese Begegnung übrigens für alle vier ein peinlicher Moment, welchem der Herzog dadurch entging, daß er eine leichte Verbeugung machte und seinem Begleiter sagte: »Erwarten Sie mich in der Nähe, Baron, ich hoffe Ihnen das bewußte Papier sogleich zu überbringen.«

Graf Fohrbach blickte dem Herzog nach, bis derselbe im Nebenzimmer verschwunden war. Dann wandte er sich an den Baron, der, wohl vorhersehend, was jetzt kommen würde, ruhig stehen geblieben war.

»Wir haben Sie aufgesucht, Herr von Brand,« sagte der Adjutant nach einer Pause in einem Tone, dem man deutlich anhörte, daß sich der Sprecher zwang, ihn so ruhig als möglich zu halten.

»Beide Herren haben mich aufgesucht?« erwiderte der Baron auf die verbindlichste Art von der Welt. »Also führt Sie eine gemeinsame Angelegenheit zu mir? Und es trifft sich das für mich sehr angenehm, denn ich war ebenfalls im Begriff, beide Herren aufzusuchen. – Gewiß, Graf Fohrbach; beide Herren.« Die Haltung, welche der Baron bei den letzten Worten angenommen hatte, sowie die Art, wie er seine Worte betonte, waren so gänzlich verschieden von seiner sonstigen Weise, daß sie unmöglich ihren Eindruck auf die Andern verfehlen konnten.

»Es ist hier eigentlich nicht der Ort zu Erklärungen,« sagte Herr von Steinfeld, »und müssen wir Sie bitten, uns in eins der leeren Nebenzimmer zu folgen.«

»Auch zu dem, was ich mitzutheilen habe,« erwiderte der Baron beipflichtend, »sind die Säle eigentlich nicht passend und würde ich den beiden Herren folgen, wohin es ihnen beliebte, doch vernahmen Sie selbst den Befehl Seiner Durchlaucht, welcher mich hier an diesen Platz fesselt.«

»Und die Befehle des Herrn Herzogs werden pünktlich befolgt,« erwiderte der Graf Fohrbach ironisch.

Doch schien der Baron das nicht verstehen zu wollen, denn er fuhr ruhig fort: »Sollten Sie es aber vorziehen, in einer spätern Stunde über mich zu verfügen, so füge ich mich, wo es immer sei, Ihren Wünschen.«

»Ich würde es als eine Gefälligkeit ansehen, wenn Sie jetzt einen Augenblick für uns hätten,« sagte der Graf. »Du bist ebenfalls frei,« wandte er sich an den Herrn von Steinfeld, »wer weiß, wozu man später kommandirt wird! Es ist hier nebenan ein kleines Kabinet, wo wir vor Lauschern sicher sind.«

Der Baron Brand verbeugte sich und, einer Handbewegung des Adjutanten folgend, die ihn nöthigte, voran zu gehen, verließ er die Gallerie und betrat das bezeichnete Kabinet. Die Anderen folgten ihm.

In diesem Kabinete war man freilich vor den Lauschern sicher. Es bildete eine Ecke des Schlosses und hatte auf diese Art seine Seitenzimmer. Die Wände desselben waren mit dunkelrothen Seidentapeten bedeckt, wodurch es, nur von zwei Wachskerzen erhellt, ziemlich dunkel erschien. In dem Kamine von polirtem Stahl brannte ein mächtiger Holzstoß und in einem kleinen Fauteuil vor demselben ließen sich der Graf, sowie Herr von Steinfeld nieder. Der Baron dagegen zog es vor, stehen zu bleiben und lehnte sich mit dem Rücken so gegen das Kamingesims, daß weder der Schein des Feuers in demselben, noch der der Wachskerzen auf sein Gesicht fiel. Rings umher war Alles so still, daß es der von ferne sehr gedämpft herüber dringenden Töne der Musik bedurfte, um sich zu erinnern, daß man in der unmittelbaren Nähe eines Ballfestes sei.

Es dauerte übrigens längere Zeit, ehe Einer von den Dreien das Wort ergriff. So sehr es den Grafen gedrängt, den Baron aufzufinden, den er mit Recht im Verdacht hatte, bei der Geschichte der Achselbänder mitgewirkt zu haben – denn er erinnerte sich wohl jenes Berichtes, den er damals im Schlosse angehört – so versank er doch jetzt, vor den spielenden Flammen sitzend, momentan in tiefe Gedanken, aus denen ihn Herr von Steinfeld nicht weckte, da er mehr Zeuge als Selbsthandelnder war, ebensowenig der Baron, der die Arme übereinander geschlagen hatte und angelegentlich die Tapete betrachtete, die jetzt fast schwarz erschien, und gleich darauf, wenn die Flamme aus dem Holzstoße stärker emporloderte, wie glühend roth angestrahlt wurde. Dieser hatte so seine eigenen Gedanken – wilde, schreckliche Gedanken, wie vor ein paar Stunden in dem Garten der Polizeidirektion; nur war jetzt mehr Klarheit hineingekommen, er wußte, was er wollte, und nachdem er noch eine Weile schwer mit sich gekämpft, sah er es deutlich vor sich, das Ende seines vielbewegten, seltsamen Lebens. Er fuhr aus seinen Träumereien empor und wandte sich mit den Worten an die beiden Herren: »Sie wollten mir Mittheilungen machen? – Erlauben Sie mir, daß ich das Wort ergreife, und wenn ich zu Ende bin, werden Sie wohl eingestehen, daß ich vielleicht die meisten Ihrer Fragen, ohne sie zu kennen, beantwortet.« – –

 

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