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Europäisches Sklavenleben. Dritter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Dritter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Dritter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131111
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77. Im Fuchsbau

Der Andere war indessen durch den fast nur ihm allein bekannten sehr kunstreich versteckten Eingang in das Innere des Fuchsbaues gelangt, immer noch ohne Ahnung, daß ihn Jemand bis an die Mauern desselben verfolgt. Ein schmaler Gang nahm ihn auf, der spärlich erhellt war von einer einzigen Lampe, die in einer Nische brannte. Neben sie legte er seinen Mantel hin, stieg langsam eine Treppe hinauf, und trat wenige Augenblicke nachher in das uns bekannte Zimmer. Hier befand sich Niemand, überhaupt herrschte im ganzen Hause, wenigstens in diesem Theile desselben, die gewöhnliche tiefe Stille. Auf dem Tische brannten zwei Lichter, im Kamin loderte ein helles Feuer. Der Eingetretene legte seinen Hut auf den Tisch, fuhr sich mit der Hand über die Stirne, schränkte darauf die Arme über der Brust, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.

Ihn beschäftigte das Haus bei dem Brunnen in der oberen Stadt, er wußte selbst nicht warum. Er hätte so gerne Herrn Beil besucht und das Kind, und daß er es unterlassen, verursachte ihm jetzt ein unbehagliches Gefühl. Doch konnte er sich von diesem Gefühl keine Rechenschaft geben. Wie oft war er schon Nachts bei diesem Hause vorübergegangen, ohne es zu betreten; er hatte die dunkeln Fenster gesehen wie heute, er hatte gedacht: sie schlafen schon oder befinden sich in den hinteren Zimmern; er war beruhigt fortgegangen, ja oftmals vor sich hin lächelnd, wenn er sich den guten Beil vorgestellt, wie er jetzt mit der wichtigen Miene eines Hofmeisters die Kapitel aus Geographie und Geschichte seinem Zögling wiederholte, die er selbst am Morgen erst mühsam erlernt. Heute hatte er sich den Herrn Beil nicht in so behaglichem Zustande denken können. – »Bei Gott!« sprach er zu sich selber, »ein solches Gefühl hat mich noch selten getäuscht, es ist da etwas vorgefallen. Ich muß mir Gewißheit verschaffen.« Er rieß heftig an dem neben ihm befindlichen Glockenzug, und ein heller Klang ertönte augenblicklich darauf in dem Wirthszimmer.

Eine Weile darauf hörte man die eiligen Schritte eines Mannes, die Thüre wurde hastig geöffnet, und Herr Scharffer trat herein, ehrerbietig auf der Schwelle stehen bleibend. Er war etwas schnell gelaufen, sah echauffirt aus, und blies hastig den Athem von sich, so daß sein weit abstehender, schwarzer und struppiger Backenbart eine seltsame Bewegung machte.

Der Andere trat ihm rasch entgegen und sagte: »Mathias soll herkommen.«

»Mathias?« fragte der Wirth erstaunt. »Der wird so bald nicht kommen können.«

»Ah Teufel, wie konnte ich das vergessen, Meister Scharffer! Gewiß, ich habe heute Abend meine Gedanken nicht beisammen. Und doch beschäftigte ich mich fast den ganzen Tag mit Mathias. Wie geht es ihm?«

Der Wirth zuckte die Achseln, verzog seinen breiten Mund und entgegnete: »Die Wahrheit zu sagen, Herr – schlecht. Gott möge den verdammen, der den Stoß geführt; er ist tief, sehr tief gegangen. Er drang in die Seite ein und verletzte, wie der Chirurge sagte, die Lunge so schwer, daß, ja, ich kann's nicht verschweigen, sein Aufkommen sehr ungewiß ist.«

Erschreckt trat der Andere einen halben Schritt zurück, faßte den Griff seines Dolches und biß sich heftig auf die Lippen.

»Er hat auch viel Blut verloren, ehe sie ihn herbrachten,« fuhr Herr Scharffer fort. »Viel Blut; und das geht ihm beständig nach, denn er fällt von einer Ohnmacht in die andere, oder man könnte eher sagen, er kommt selten mehr zum Bewußtsein, denn er liegt die meiste Zeit schwer athmend da und mit geschlossenen Augen.«

»So muß ich nach ihm sehen. Er ist doch gut verpflegt?«

»Wie können Sie zweifeln, Herr?« versetzte der Wirth im Tone eines leichten Vorwurfs. »Mathias, der uns Allen ins Herz gewachsen ist! Ich versichere Sie, Alle im Fuchsbau sind voll Jammer und Betrübniß.«

»Führt mich hinauf. Ich muß ihn sehen.«

»Sogleich, Herr. Aber ich vergaß zu melden, daß Josef draußen ist; er suchte Sie schon seit mehreren Tagen und kam nun vor wenigen Augenblicken, sah aber sehr bleich und erschreckt aus und wollte gleich zu Ihnen herein. Ich bemerkte ihm, es sei noch kein Zeichen mit der Glocke gegeben worden und Sie auch demnach noch nicht im Hause. Darauf biß er sich heftig auf die Nägel und lief, allerlei murmelnd, in der Stube auf und ab. Sagen Sie mir doch, Herr,« fuhr er mit einem lauernden Gesichtsausdruck fort, »trauen Sie dem Josef völlig?«

»Wie mir selbst. – Aber wozu die Frage?«

»Nun, er ist zuweilen in der Nähe der Polizeidirektion gesehen worden, und Sie wissen wohl selbst, Herr, daß wir mit den Lakaien im Allgemeinen Unglück haben.«

»Seid unbesorgt, mit dem da nicht. Er soll sogleich herein kommen. Ihr könnt in der Nähe bleiben; ich habe vielleicht Aufträge für Euch.«

Der Wirth zog sich mit einer tiefen Verbeugung des Kopfes hinaus; gleich darauf trat Josef herein. Herr Scharffer hatte übrigens Recht, wenn er behauptete, der Jäger sähe unruhig und zerstört aus. Dem war wirklich so; sein Gesicht war noch blässer als gewöhnlich, und seine Augen hatten einen seltsamen Ausdruck.

Der junge Mann stand mitten im Zimmer, er hatte die eine Hand in die Hüfte gestemmt, mit der andern winkte er dem Eintretenden lächelnd zu, wobei er sagte: »Ei, Josef, ich hätte nicht geglaubt, dich so bald wieder hier zu sehen. Du mußt mir Außergewöhnliches zu melden haben.«

»So ist es auch,« erwiderte Josef nach einem tiefen Athemzuge. »Ich erlaubte mir, Sie schon mehrmals aufzusuchen, Herr, aber Sie waren seit mehreren Tagen nicht mehr hier im Fuchsbau; und auch Mathias ließ sich niemals sehen.«

»Ach ja, der arme Mathias!« sagte der Andere.

»So ist es also wahr, Herr, was ich mir gedacht, als ich von jenem Einbruche und der Verwundung eines der Betheiligten sprechen gehört? Und Mathias ist – todt?«

»Nein, aber leider schwer verwundet. Doch sprich, was hast du mir zu sagen? Dein Aussehen gefällt mir nicht, Josef; du hast Schlimmes zu berichten.«

»Sehr Schlimmes, Herr.«

»Nur zu, nur zu, man muß auf Alles gefaßt sein. Erzähle ohne Vorrede; du weißt, ich liebe kurze Mittheilungen.« Josef verbeugte sich und holte mühsam Athem, als er sprach: »Neulich war mein Herr mit einem Bekannten spät Abends allein in seinem Kabinet.«

»Wann war das?«

»Vergangenen Freitag.«

»Ah! – und welcher seiner Bekannten war bei ihm?«

»Der Herr Maler Erichsen.«

»Richtig, richtig!« murmelte der junge Mann. Er blickte auf den Boden und dachte: das war an jenem Abend, wo Erichsen seine Porträts des Herrn Dankwart vorzeigte. Den andern Morgen kam er zu mir und verlangte die bewußte Schrift mit einem Abdruck meines Talisman. Hören wir, was dazwischen vorfiel. – Während er so nachdachte und zu Boden schaute, hatte das dunkle Auge des Jägers aufmerksamer als je zuvor auf seinen Zügen, namentlich aber auf seiner Gestalt geruht. Es schien, als stellte er Vergleichungen an, und je länger er das that, um so mehr verlängerten sich seine Züge, um so mehr nahmen sie den Ausdruck des Schreckens an. Er fuhr ordentlich zusammen, als nun der Andere sagte: »Und was geschah an dem Abend, Josef?«

»Die beiden Herren,« fuhr der Jäger mit bebender Stimme fort, »sprachen über – eine räthselhafte Person, die in der Gesellschaft umhergehe, die meisten vornehmen Häuser besuche, die sich das Ansehen eines unabhängigen, hochstehenden Mannes gäbe, die aber im Verborgenen – allerlei seltsame und sonderbare Geschichten treibe.«

Wäre der junge Mann nicht so vollkommen Meister seiner selbst gewesen, so hätte man auf seinem Gesicht eine Bewegung wahrnehmen müssen. Denn obgleich ihn die Worte des Jägers gänzlich unvorbereitet überfielen, wußte er doch sofort, wen dieser meinte, und deßhalb waren die Worte desselben tief einschneidend wie die Schärfe einer Axt, die, mit sicherer Hand geführt, den Baum trifft. Doch verzog sich seine Miene; nur eine Sekunde lang zuckten seine Augenlider. Ja, etwas wie Verwunderung flog über sein Gesicht, als er entgegnete: »Und wer ist diese räthselhafte Person?«

»Sie nannten den Herrn Baron von Brand.«

»Ah! den Baron von Brand! Unser guter Bekannter, durch dessen Vermittlung du deine Stelle erhieltst.«

»Derselbe, Herr.«

»Er kommt öfter zum Grafen Fohrbach?«

»O – sehr – oft.«

»Natürlich sahst du ihn zuweilen?«

»Ja – Herr, häufig. Aber ich ging ihm aus dem Wege, ich wußte nicht, ob es ihm angenehm sei, mir zu begegnen.«

»Daran thatst du sehr klug. Teufel! man muß das dem Baron mittheilen.«

»Ich that es ja schon, Herr,« rief der Jäger in gewaltiger Bewegung. »Ja, Herr, verzeihen Sie mir; ich kann nicht anders, ich muß Sie warnen, denn es ginge mir an's Leben, wenn Ihnen ein Unglück zustieße!« Bei diesen Worten war der Jäger vor dem Andern auf die Kniee gestürzt, ein paar Thränen liefen über seine bleichen Wangen herab, und obgleich der junge Mann einen Schritt zurückgetreten war, hatte Josef seine Hände ergriffen und hielt sie mit den seinen krampfhaft zitternd fest.

»He, Josef!« entgegnete der junge Mann, indem er seine Hände loszumachen versuchte, »du spielst eine eigene Komödie. Laß die Narrheiten, steh' auf.« Er wollte in seinen Ton eine Härte legen, was ihm aber nicht vollkommen gelang. Ja er brachte diese Worte nur mühsam, gepreßt hervor.

»Stoßen Sie mich nicht zurück, Herr,« fuhr der Jäger leidenschaftlicher fort. »Sie sagten schon mehrmals, Sie schenken mir Ihr unbedingtes Vertrauen. O thun Sie es in Wahrheit; glauben Sie meinen Worten und treffen Sie schleunigst Ihre Maßregeln!«

»Gewiß, Josef, sei nicht kindisch – steh auf! Was geht mich dein Baron von Brand an? Was er angerichtet hat, soll er verantworten. Und so will ich es gerade machen. – Aber steh' auf. Für deinen Eifer danke ich dir herzlich, danke ich dir wie ein Freund dem andern dankt.« Bei diesen Worten zitterte seine Stimme, als er den Jäger empor hob, fühlte dieser einen festen Händedruck. »Doch du bist mit deinen Unglücksbotschaften noch nicht zu Ende. Sprich weiter, ich bin auf Alles vorbereitet.«

»O wenn es so wäre!« seufzte Josef. »Soeben kam mein Herr aus dem Schlosse; er hatte den Dienst; Sie wissen, Herr, daß man dort im Vorzimmer zuweilen manches erfährt, was eigentlich verschwiegen bleiben sollte.«

»Ja, ich weiß das,« sagte der Andere aufmerksam.

»Der Polizei-Direktor war vor der Tafel bei Seiner Majestät.«

»Nachmittags gegen fünf Uhr? – Eine außergewöhnliche Stunde.«

»So kam es dem Herrn Grafen auch vor; und ich glaube, es war Seiner Erlaucht auffallend genug, um darüber Erkundigungen einzuziehen.«

»Bei dem Kammerdiener oder bei dem Polizei-Präsidenten selbst? O wenn die Stillschweigen gelernt hätten! – Nun, es wird 'was Unbedeutendes gewesen sein.«

»Nein, Herr, es war etwas sehr Bedeutendes. – Sie kennen ein kleines Haus in der Schilderstraße; gegenüber steht ein Brunnen.«

»Ich kenne es nicht,« entgegnete der Andere scheinbar unbefangen.

»Sie gingen oft dahin, Herr.«

»Ich? – Niemals!«

»Ah! verzeihen Sie, ich meinte den Herrn Baron von Brand.«

»Das ist etwas Anderes. – Aber weiter! weiter!« Obgleich die Stimme des jungen Mannes wieder vollkommen ruhig geworden war, so athmete er doch fast hörbar, seine Augen glänzten und seine Finger irrten auf dem Griffe des Dolches hin und her.

»In dem Hause,« fuhr Josef mit festem Blicke fort, »hat die Polizei heute Nachforschungen gehalten.«

»Die Polizei! – und weßhalb? – Wer gab ihr das Recht dazu? – Was fand sie?«

Achselzuckend fuhr der Jäger fort: »Ich weiß Ihnen nur die letzte Frage zu beantworten, Herr. Sie fanden in dem Hause eine alte Frau, einen kleinen Knaben, einen jungen Mann – und eine Dame.«

Bei jedem Worte, welches der Jäger aussprach, war der Andere sichtlich zusammengefahren, doch hatte er sich gewaltsam bezwungen, wobei er sich die Lippen fast blutig biß. Als aber Josef sagte: eine Dame, da behielt er seine mühsame Fassung nicht länger, er erbleichte auf eine furchtbare Art, seine Augen starrten weit aufgerissen, er faßte die Hand des Jägers mit zitternden Fingern und sprach fast lautlos: »Du hast gesagt: auch eine Dame –?«

»Eine Dame, Herr – die Frau Baronin von W., Gemahlin des früheren General-Adjutanten.«

Bei diesen Worten war es, als wollte der Andere in die Kniee sinken; sein Körper schien sich unter dem Eindruck dieser Mittheilung förmlich zu beugen, er preßte die Hände vor das Gesicht und rief in herzzerreißendem Tone: »Meine Schwester! – o meine arme Schwester!«

Dieses Wort hatte Josef doch nicht erwartet. Ihn faßte ein jäher Schreck bei dem Ausruf des Andern, es war ihm, als hebten sich rings herum schwarze Schleier, als stiegen wilde unheimliche Geister aus den Ecken des Zimmers. Der Luftzug, der durch den Kamin herabdrang, machte ihn schaudern. Er fühlte sich wie von Furchtbarem umgeben; es schien ihm, als bewegten sich die Fenstervorhänge und es dringe hie und da eine Faust durch die Scheiben und suchte tappend die schweren Riegel zu erfassen, um die Flügel zu öffnen, und einer unheilvollen Macht Eingang zu gestatten. Dann aber erfaßte ihn wieder eine tiefe Wehmuth, als er die kräftige Gestalt des jungen Mannes vor sich erblickte, die durch seine Mittheilungen vollständig gebrochen schien; als er bedachte, welch' gewaltiger Geist, welch' edles Herz und tiefes Gefühl in diesem kräftigen Körper wohnte, welchen Weg dieser Mann hätte gehen können, und wie er nun vor ihm stand, vielleicht schon von allen Seiten umgarnt, im nächsten Augenblicke von der unerbittlichen Gerechtigkeit – die leider, leider diesmal nur gerecht zu nennen war! – Josef war kein gewöhnlicher Mensch, sein Eintritt in diese Welt hatte ihm Hoffnungen eröffnet, die leider nie in Erfüllung gingen. Und an alles dies denkend, hatte er seine Hände gefaltet und langsam tropfte eine Thräne um die andere aus seinen Augen und verlor sich in dem dichten, schwarzen Barte.

Der Andere hatte sich unterdessen wieder gefaßt, doch als er die Hände langsam von seinem Gesicht entfernte, fielen seine Arme wie gelähmt herab. – Aber er lächelte. Doch dieses zuerst traurige und dann erschreckliche Lächeln schnitt dem Getreuen, der vor ihm stand, noch tiefer in die Seele, als vorhin der Ausbruch des wilden Schmerzes.

»Laß es gut sein, Josef,« fuhr der junge Mann fort. »Jeder Mensch hat seine Schwächen, hat eine Stelle, an der er verwundbar ist. Du hast sie mit deinen Worten getroffen und tief verletzt. – Aber das ist jetzt vorüber,« setzte er schwer Athem holend, hinzu. »Was hast du mir weiter zu sagen?«

»Herr Major von S. war bei meinem Herrn und Beide sprachen darüber, daß die Baronin von W. in dem erwähnten Hause festgehalten würde. Der Gemahl derselben, der sie lange beargwöhnt, habe seine Zustimmung gegeben, und über alles dies drückten sich beide Herren ziemlich empört aus.«

»Ah! sie nahmen die Polizei nicht in Schutz?«

»Der Polizei-Präsident soll von Seiner Majestät eine Bemerkung haben hinnehmen müssen, die sehr einer Nase ähnlich gesehen habe; er sei ziemlich zerknirscht in das Vorzimmer gekommen und habe über undankbaren Dienst und drückende Verhältnisse gesprochen.«

»Das gibt mir einige Hoffnung,« sagte der Andere mit leiser Stimme. »Du kannst mir einen Dienst erweisen, Josef. Suche in das Haus in der Schilderstraße zu dringen, erkundige dich, was man dort macht, und bringe mir eine Antwort hieher. Willst du?«

»Mit tausend Freuden,« antwortete Josef. »Aber ich würde einen vergeblichen Gang thun, Herr. Ich war schon droben bei dem Hause; ich versuchte es, hinein zu kommen, ich habe da einen Bekannten, aber man examinirte mich und schickte mich fort. Als ich eben weggegangen war, sah ich Sie, Herr. Sie stellten sich an den Brunnen und schauten an dem Hause hinauf.«

»Das ist wahr. Aber ich habe dich nicht bemerkt.«

»O Herr, verzeihen Sie mir,« sprach Josef kopfschüttelnd, »Sie sahen überhaupt nicht so um sich her, wie gewöhnlich auf der Straße. Sonst hätten Sie an den gegenüberliegenden Häusern einen Menschen bemerken müssen, der Sie beobachtete.«

»Der mich beobachtete?«

»Auf das Genaueste. Er hinderte mich, Sie anzureden, und ich konnte Ihnen nur von weitem folgen, denn der Andere schlich vor mir ziemlich dicht hinter Ihnen.«

Der junge Mann fuhr sich mit der Hand über die Stirn und entgegnete: »Ja, ich war in Gedanken. Aber was wollte Jener von mir? Folgte er mir bis hieher an den Fuchsbau?«

»Bis an die Mauer, wo Sie verschwanden. Das schien ihn höchlich zu wundern, denn er betrachtete die Steine aufmerksam, suchte auch rechts und links nach einer Thür, und als er nichts fand, umschritt er das ganze Gebäude. Jetzt folgte ich ihm und hätte gern ein ernstes Wort mit ihm gesprochen, aber ich war ohne Waffen, und er, der Polizeisoldat, hatte seinen Säbel bei sich.«

»So, er war von der Polizei? Das ist gerade nicht angenehm. Was denkst du, Josef?«

»Wenn ich meine Gedanken frei aussprechen darf, so sage ich, daß Ihnen Jener nicht ohne Absicht gefolgt ist, daß er davon ging um einen Bericht zu machen, und daß vielleicht in diesem Augenblicke schon der Fuchsbau umstellt ist.«

»Du könntest vielleicht Recht haben, Josef,« erwiderte der junge Mann ruhig, indem er die linke Hand auf den Tisch setzte, »und das wäre schlimm für dich, den man hier nicht finden darf. – Sieh mich nicht so sonderbar an, ich weiß wohl, daß es dir nicht an Muth fehlt, und kenne auch deine Treue. Aber du kannst hier, bei Gott! Niemanden helfen, nur dich selbst zu Grunde richten. Also geh', ich will es.« Er winkte mit der Hand, und als der Jäger dieselbe ergriff und fest drückte, erwiderte er diesen Druck und sagte dabei: »Gott sei mit dir, Josef!«

Sobald dieser das Zimmer verlassen hatte, trat der Wirth ungerufen herein. Er war aufgeregt, erhitzt und stolperte in seinem Eifer fast über die Schwelle in das Gemach, so daß ihm der junge Mann entgegenrief: »Hoho! Meister Scharffer, Ihr stürzt ja daher, als wenn Ihr gejagt würdet.«

»Das wird auch also kommen,« erwiderte der Wirth in seiner plumpen Manier. »Wissen Sie, Herr, daß drunten der Teufel los ist?«

»Ah! Ihr seid der Mann, ihn zu bändigen,« erwiderte der Andere lachend.

»Ja, da hat sich was zu bändigen! Es sind da eben sechs Kerle in die Schenkstube gedrungen, und als wir uns weigerten, ihnen Wein zu geben, meinten sie, das wollten sie doch einmal sehen, das sei hier ein Wirthshaus, so gut wie ein anderes.«

»Da hatten sie vollkommen Recht, Meister. Und statt daß Ihr davon stürztet und Aufsehen erregt, hättet Ihr bei Euren Gästen bleiben und sie angenehm unterhalten sollen.«

»Da unterhalte sich Einer, wenn ihm das Herz vor Schrecken still steht. Drei von den Sechsen kenn' ich. Wenn die nicht bei der Polizei sind, so will ich auf meinem Rasirmesser reiten. Einer von ihnen machte sich mit der alten Margareth zu schaffen und erkundigte sich freundlich, was das für Klingelschnüre seien, die neben ihrem Sitze herabhängen.«

»Das ist allerdings verdächtig.«

Der dicke Wirth hatte so hastig gesprochen, daß er ganz außer Athem gekommen war. Während er sich den Schweiß von der Stirn wischte, that er einen tiefen Athemzug und fuhr dann fort: »Auch kommt soeben der Johann nach Haus und meint, er habe drunten auf der Straße in der Nähe des Fuchsbaues Gesichter gesehen, die ihm gar nicht gefallen. Aber das ist noch nicht das Schlimmste, er brachte auch die Nachricht heim, daß der Sträuber eingesteckt worden sei.«

»Der Sträuber?« fragte der Andere, offenbar unangenehm überrascht, und zog dabei seine Augenbrauen finster zusammen. »Der Sträuber? – das ist fatal.«

»Auf dem Bahnhof,« fuhr Meister Scharffer fort, »er hatte sich gerade ein Billet gelöst.«

»Wohin?«

»Nach St.«

»Beim Teufel! Das ist schlimm. Also wollte er über die Grenze. Da hat der Schuft etwas angestellt, was ihn zwingt, Stadt und Land zu verlassen.« Bei diesen Worten ging der junge Mann nachdenkend mit raschen Schritten auf und ab und der Wirth schaute ihm mit einem höchst überraschten Gesicht zu, wobei er sich in dem schwarzen, buschigen Backenbart kratzte. Er mochte wohl denken: jetzt ist es keine Zeit zum Promeniren, jetzt sollte der da handeln. Doch tröstete er sich gleich darauf: er wird schon wissen, was zu thun ist. Der Andere trat wieder an den Tisch zurück und sagte achselzuckend: »Wohl möglich, daß sie wieder eine Haussuchung halten.«

»Wie schon oft.«

»Aber heut' ist das schlimmer.«

»Warum? Wir haben nichts Verdächtiges im Hause.«

»Vergeßt Ihr den Mathias?« sagte der junge Mann mit sehr ernster Stimme.

»Alle Heiligen! das ist wahr!« rief erbleichend der Wirth. »Wenn sie den finden mit seiner Wunde in der Seite, so sind wir verloren. O, wenn er nur schon todt wäre.«

»Hol' Euch der Teufel, Meister! – Und warum das?«

»Sie wissen wohl, wir hätten dann ein gutes Versteck für ihn. Aber einen Lebenden kann man da nicht hinein postiren.

»Ehe ich das Haus verlasse, muß ich nach ihm sehen. Leuchtet mir hinauf.«

»Lassen Sie das um Gotteswillen bleiben, Herr,« bat der Wirth. »Nehmen Sie mir ein Wort nicht übel – wer weiß, ob man es nicht auf Sie selbst abgesehen hat? Verlassen Sie das Haus, so lange es noch Zeit ist, schonen Sie sich für uns. – Horch! was war das?«

Von unten herauf ließ sich ein dumpfes Krachen vernehmen. Beide lauschten und der junge Mann sagte: »Man bricht eine Thüre auf. Wahrhaftig, das scheint ernstlich zu sein. Haben sie Lichter bei sich?«

»Nein, darnach habe auch ich gleich gesehen.«

»Wer ist von uns im Hause?«

»Der Johann, der Schnapper und zwei fremde Gesellen, die heute mit guter Rekommandation ankamen. Als ich die sechs Andern eintreten sah, hieß ich sie auf ihr Zimmer gehen.«

»Wo sind sie?«

»Auf Numero vier, über uns.«

»Und Mathias?«

»Auf Numero zwei. Ah! ich vergaß, Fritz ist bei dem als Krankenwärter.«

Der junge Mann stand da hoch aufgerichtet, sein blitzendes Auge blickte starr in eine Ecke des Zimmers, er zog seinen schwarzen Schnurrbart zu beiden Seiten des Mundes herunter und dachte nach. – »Das ist ganz einfach,« sagte er nach einer Pause, »die Hauptsache ist: Mathias muß weggeschafft werden, und das müssen Johann und Fritz besorgen. Beide sind stark, sie können ihn tragen. Freilich kann es ihn das Leben kosten,« fuhr er fort, nachdem er die Augen einen Moment mit der Hand bedeckt hatte. »Aber was ist da zu machen? Lieber todt; es wäre gräßlich, wenn er ihnen lebend in die Hände fiele. Und Mathias hat eine starke Natur, er wird's vielleicht ertragen.«

»Aber wohin mit ihm?« fragte zweifelnd der Wirth. »O, glauben Sie, Herr, die auf der Polizei sind auch klüger geworden. Sie werden ringsum das Haus besetzt haben.«

»Natürlich,« erwiderte der Andere mit einem verächtlichen Lächeln. »Aber wir lassen uns doch nicht überlisten, und wenn Ihr genau meine Befehle befolgt, so kommt der arme Mathias glücklich durch.«

»Und Sie, Herr?«

»O, ich verschwinde wie gewöhnlich. – Ihr laßt den Mathias auf Numero eins bringen; dort, wißt Ihr, hängen an der Wand alte Landkarten. Nehmt sie ab und schlagt durch die ganz dünne Wand, die sich dort befindet, ein Loch, nicht größer, als daß Johann und Fritz mit ihrer Last durchkommen.«

»Aber in dem Hause nebenan haben wir keine Verbindungen, Herr. Das ist ein Pietist, ein scheinheiliger Satan, der gleich Lärm machen wird.«

Ohne auf diese Worte zu achten, hatte der Andere seinen Rock aufgeknöpft, und die Uhr hervorgezogen, von der er ein Petschaft löste. Dann fuhr er ruhig fort: »Auf das Geräusch des Wanddurchschlagens wird der Eigenthümer augenblicklich erscheinen; Johann soll ihm dies übergeben und er wird für den Mathias sorgen. Vergeßt mir aber nicht, daß die große Landkarte wieder an ihren Platz gehängt wird.«

Meister Scharffer empfing das Petschaft mit einem Blicke der Ehrfurcht, den er auf den jungen Mann warf. Er hatte den Nachbar immer gefürchtet, ja er hatte ihn gekannt als Jemand, der im Rufe der größten Rechtlichkeit stehe, der das Getreibe im Fuchsbau tief verabscheue und der bei allen Genossen im Verdacht stand, als habe er die Polizei schon mehrmals zu Haussuchungen veranlaßt. Und nun hatte sein Meister dort ebenfalls Verbindungen angeknüpft!

»Nur fort,« sprach jetzt der junge Mann ungeduldig. »Sagt dem Johann und Fritz, was sie zu thun haben, und dann begebt Euch an die Haupttreppe und schimpft als guter Wirth dort hinab über die Vagabunden, die Eure Thüren erbrechen. Hört nur, sie machen immer weiter. Aber jetzt hinauf, Meister Scharffer, befolgt auf's Pünktlichste meine Befehle. Ich werde Euch hier erwarten.«

Der dicke Wirth schien Lust zu haben, sich ein wenig in seinem Haar zu raufen, und er hob schon die Hände an den Kopf empor, als er aus dem Zimmer eilte; doch ließ er sie wieder sinken, schüttelte vielmehr sein Haupt, als er sich auf der Schwelle nochmals umschaute und nun bemerkte, wie der junge Mann einen Stuhl an den Tisch zog und sich ruhig darauf setzte, als ob gar nichts vorgefallen wäre.

Während Meister Scharffer die Treppen hinauf sprang, bekreuzte er sich und dachte: »Am Ende wäre es doch besser, wenn man sich der Polizei selbst überlieferte. Der da drunten im Zimmer ist offenbar der leibhaftige Teufel.«

Die außerordentliche Ruhe aber, mit welcher der junge Mann handelte, war theilweise erzwungen, um auch dem Andern Muth einzuflößen, denn als dieser verschwunden war, sprang er auf und trat unruhig an die Thüre, um in das Haus hinabzulauschen. Obgleich nun das Zimmer, in welchem er sich befand, von der Schenkstube sehr weit entfernt war, so vernahm er doch einen wüsten Lärm von dorther und mitunter Töne, als ob man Möbel wegrückte, Kasten niederstellte, Thüren gewaltsam öffnete. – »Sonderbar!« sprach der Horcher zu sich selber, »sie treiben ihre Sache auf wunderbare Art. Statt sich rasch über das ganze Haus zu verbreiten, halten sie sich in einem Theile desselben auf, wo sie noch nie 'was gefunden haben. Ich glaube, wir haben die ganze Geschichte dem Herrn Blaffer zu verdanken. Wenn nur Mathias schon fort wäre! – Ah! sie gehen dran, ihn wegzuschaffen.« Er lauschte wieder aufmerksam und vernahm von droben das Gehen von Männern, deren schwerem Auftreten man es wohl anmerkte, daß sie eine gewichtige Last trugen. Zu gleicher Zeit hörte er, aber sehr gedämpft, ein Geräusch, wie wenn man Steine losbräche, und dann das leichte Krachen von Holzwerk. »Gott sei Dank!« sagte der junge Mann, »er wird bald drüben sein. Wenn er's nur aushält! Das Loch in der Wand kostet mich viel. Ich hatte diesen Ausweg für mich selbst aufgehoben. Aber was gilt ein Freund nicht! Und ein solcher war mir Mathias hier im Hause. Ich hätte ihm vielleicht folgen sollen, wer weiß, ob das nur eine Haussuchung ist und ob sie nicht vielleicht das Haus so umstellt haben, daß es mir auf meinem gewöhnlichen Wege schwer wird, zu entkommen. – Bah! man muß nicht das Schlimmste denken. – Doch – jetzt ist Mathias drüben.« In diesem Augenblicke vernahm er nämlich die scheltende Stimme des Wirthes, der auf der Treppe stand, die in das untere Stockwerk führte und laut hinabschrie: »Was für ein Lärmen wird in der Schenkstube getrieben? Glaubt ihr denn, man könne in dem Hause treiben, was man wolle? He, Marie, ruf' den Hausknecht!« Nachdem er dies gesagt, kehrte er in das Zimmer zurück, wo der Andere unterdessen die beiden Lichter auf dem Tische ausgelöscht hatte, so daß es vollkommen finster gewesen wäre, wenn nicht eine Gaslampe auf dem Gange einige Helle in das Zimmer geworfen hätte.

»Mathias ist fort, aber jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen, Herr, suchen Sie sich einen Ausweg. Als ich droben vorn Fenster auf die Straße hinabschaute, habe ich verdächtige Gestalten bemerkt.«

»Auf welcher Seite?«

»Auf der, wo sie gewöhnlich das Haus verlassen.«

»Das ist ungeschickt. So muß ich den Weg durch den Keller nehmen.«

»Ich glaube auch, daß der sicherer ist,« sagte angstvoll der Wirth. »Nur müssen Sie dabei die Haupttreppe hinab, bei der Schenkstube vorbei.«

»Ich weiß wohl, doch hat das nichts zu sagen. Margarethe wird auf ihrem Posten sein.«

»Gewiß; die läßt sich eher in Stücke reißen.«

»So will ich ihr ein Zeichen geben und dann vorwärts, Meister. Ihr steigt scheltend die Treppe hinab und ich folge Euch.« Sowie er dies sagte, zog er nun an einer Klingelschnur, die neben der Thüre hing, und wenige Sekunden darauf verlöschte die Gaslampe draußen auf dem Gange. Von unten herauf aber erscholl ein lauter Aufschrei, die klägliche Stimme der alten Kellnerin und darauf polterte Meister Scharffer die Treppen hinab, fluchend und scheltend mit aller Kraft seiner Lunge.

Der Andere ging hinter ihm drein, er setzte die Füße so leicht auf, daß man von Beiden jedesmal nur einen einzigen Tritt hörte; sein Auge versuchte es, die Finsterniß, die auf dem ganzen Hause lag, zu durchdringen. Dabei blieb er dicht hinter dem dicken Wirthe, der, auf dem unteren Treppenabsatz angekommen, gleich von kräftigen Armen gefaßt wurde. Doch ermangelte er nicht, dies durch lautes Geschrei seinem Hintermanne kund zu thun, der einen Augenblick stehen blieb, dann das Treppengeländer erfaßte, und sich nun mit solcher Gewalt die Treppe vollends hinab schwang, daß er zwei Männer, die dort Posto gefaßt hatten, so vollkommen unvermuthet überfiel, daß diese ihr Gleichgewicht verloren und schwerfällig die Treppe hinab kollerten, ihm nach, der schon mit leichtem Fuß die unterste Stufe erreicht hatte. Hier war der Fliehende nicht einen Augenblick zweifelhaft, welchen Weg er einzuschlagen habe. Eine Thüre, die er suchte, fand er unverzüglich, trat durch dieselbe in ein Gewölbe, glitt hier abermals einige Stufen hinab und erreichte hier einen weiten Keller, in dem er fortschritt.

Dieser hatte nach der Straße einige halbkreisförmige Oeffnungen, die man übrigens kaum bemerken konnte, da die Nacht sehr finster war. An einer dieser Oeffnungen hatte man in der Mauer mehrere Steine weggebrochen und so eine förmliche Leiter gebildet, auf der ein gewandter Mann ohne große Mühe emporsteigen konnte. Ehe er sich aber vollständig dort hinaufschwang, horchte er aufmerksam, und erst, als sich in der engen Gasse, in welche diese Fenster mündeten, nicht das geringste Geräusch vernehmen ließ, stieg er vorsichtig aus dem Keller empor.

Glücklicherweise warfen die nahestehenden Häuser, sowie ein Mauervorsprung neben dem Fenster einen so tiefen Schatten auf die Stelle, wo er emporgestiegen war, daß ihn selbst ein Späher hier nicht hätte entdecken können. Auch brauchte er die Vorsicht, eine Zeitlang unbeweglich stehen zu bleiben, worauf er endlich mit zwei großen Schritten die andere Seite der Gasse erreichte. Hier blieb er abermals stehen und schaute nach dem Hause zurück, doch faßte er im nächsten Augenblicke unwillkürlich den Griff seines Dolches, denn mit seinem scharfen Auge bemerkte er an zwei Stellen der dunkeln Mauer des Hauses, von dem er eben herkam eine Bewegung, gerade als seien dort ein paar Personen, die sich etwas von der Mauer entfernten. Sobald er aber regungslos stehen blieb, sah er auch drüben nichts mehr. – Und doch! er hatte sich nicht getäuscht. Kaum hatte er einen Schritt gemacht, so bewegten sich auch dort die beiden dunkeln Flecken wieder – zwei Gestalten mit ihm im gleichen Maße fortschreitend. Das sind Aufpasser und Verfolger, dachte er sich. Was ist zu thun? Bei einem Ueberfall, den sie aber wahrscheinlich in der Nähe des Hauses nicht wagen, mich ihrer mit meinem Dolche entledigen; wenn sie mich aber verfolgen, sie, wenn es möglich ist, irre führen!

Das Letztere war aber ein schweres Unternehmen, denn wenn auch die beiden Gestalten nicht Willens schienen, die Entfernung zwischen sich und dem Anderen zu kürzen, so ließen sie sie auch nicht vergrößern. Denn machte er längere und raschere Schritte, so thaten sie das Gleiche, blieb er stehen, so machten sie es ebenso. Letzteres that er mehrmals und überlegte sich dabei, ob es nicht besser wäre, umzuwenden und seinen Verfolgern direkt auf den Leib zu gehen. Dies zu thun war er schon im Begriff, doch hatte er mittlerweile die enge Gasse verlassen und eine breite, lange Straße erreicht, die von mehreren Gaslampen hell beschienen war, und sah bei deren Licht dort zwei ähnliche verdächtige Gestalten, die ihm auf ein Zeichen seiner ersten Begleiter ebenfalls folgten. – Vier würden ein zu großes Aufsehen geben, dachte er bei sich. Also nichts von Gewalt; hier muß List entscheiden und Schnelligkeit. Behutsam warf er einen Blick um sich; die letzten seiner Verfolger waren wohl zwanzig Schritte entfernt, die ersten schlichen auf der anderen Seite der Straße. Er beschleunigte seinen Gang und als er eine enge Seitengasse erreicht hatte, schoß er dort mit einem gewaltigen Satze hinein. Doch mußten die vordern seiner Verfolger diese Absicht errathen haben, denn Einer stürzte ihm so rasch nach, daß er ihn in der nächsten Sekunde dicht an seiner Seite laufen hörte. Die Anderen blieben nicht weniger zurück und er hörte deutlich ihre lauten Schritte auf dem Pflaster der sonst menschenleeren Straßen im schnellsten Tempo.

Vor allen Dingen galt es jetzt sich seines nächsten Verfolgers zu entledigen, und als er ein Mittel hiezu gefunden, mußte er selbst darüber lächeln. Er wandte seinen Lauf etwas nach der Mitte der Straße, gegen einen Gaskandelaber, so zwar, daß sich dieser jetzt zwischen ihm und seinem Verfolger befand. In diesem Augenblicke faßte er die eiserne Stange desselben mit der Hand, schwang sich um sie herum und traf den Andern dabei mit der ganzen Wucht seines Körpers, daß dieser laut dröhnend zu Boden stürzte. Hierauf änderte er die Direktion seines Weges abermals und flog nun in raschen Sätzen über die dunkeln Straßen dahin, einem Stadttheile zu, wo wenig Verkehr war und spärliche Gasflammen brannten und wo an große herrschaftliche Häuser viele Gärten stießen. Seine Verfolger blieben übrigens dicht hinter ihm und so stark und ausdauernd er auch war, so fühlte er doch nach und nach, wie ihm das Athmen schwerer wurde und wie es ihm große Mühe zu verursachen anfing, den beschleunigten Lauf fortzusetzen. Wohin sollte er sich wenden? Er hatte gehofft, seine Verfolger zu ermüden und ihnen auf diese Weise zu entgehen. – Vergebens. Wenn er auch zuweilen mehrere Schritte Vorsprung hatte, so strengten sich die Andern desto mehr an, in seine Nähe zu kommen, und sie hatten dies leichter, da sie sich theilen, ihm zuweilen den Weg abschneiden und so denselben für sich abkürzen konnten. Glücklicherweise hatte Keiner von ihnen Schießwaffen bei sich, sie hätten es aber auch vielleicht nicht gewagt, davon Gebrauch zu machen, denn der da vorn, den sie verfolgten, mußte doch am Ende lebend in ihre Hände fallen. Nachlassen wollte Keiner und jetzt am allerwenigsten, wo die Häscher deutlich sahen, daß der Flüchtling da vorn seinen Lauf nicht mehr so rasch fortsetzte wie bisher. Ja, er schien ungewiß zu sein, welchen Weg er nehmen sollte. Er schaute um sich, gewiß in der Absicht, den Ort zu erkennen, wo er sich befände. – Stand er dort nicht stille? Ja, er hatte sich an die Mauer gelehnt, gewiß konnte er nicht weiter und wollte sich ergeben. Mit erneuerter Kraft, das Ende ihres Laufes vor sich sehend, stürzten die Polizeibeamten vorwärts. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht, wo sich Jener befand. Schon streckte der Vorderste den Arm nach ihm aus, als er sah, daß der Flüchtling verschwunden war, an einer Mauer verschwunden war, viel zu hoch, um darüber hinwegspringen zu können, aber in der Nähe eines Gartenpavillons, den sie jedoch bei näherer Untersuchung fest verschlossen fanden, und welcher obendrein zu dem Garten des Polizeipräsidenten gehörte.

 

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