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Europäisches Sklavenleben. Dritter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben. Dritter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEuropäisches Sklavenleben. Dritter Band
publisherVerlag von Carl Krabbe
year1885
firstpub1854
illustratorArthur Langhammer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131111
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74. Johann Christian Blaffer allein

Am Tage nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen, an sich gewiß sehr unbedeutenden Vorfalle, befand sich Herr Blaffer allein in seinem Comptoir und saß gedankenvoll an seinem Pulte. Er hatte die Füße auf die höchsten Sprossen des Stuhles gesetzt, weßhalb seine spitzigen Kniee so hoch empor ragten, daß er die Ellbogen darauf stützen konnte, auf welchen, oder vielmehr seinen Händen, nun der Kopf ruhte, was seiner ganzen Figur ein höchst sonderbares, nicht gerade angenehmes Aussehen gab. Dazu hatte sein Gesicht einen finstern, unheimlichen Ausdruck, den ein höhnisches Lächeln zuweilen überflog, ohne seine Züge zu verschönern. Vielmehr lag in dem Lächeln etwas so Tückisches, daß vielleicht selbst Herr Beil davor erschrocken wäre, wenn er sich seinem würdigen Prinzipal noch gegenüber befunden hätte. Herr Blaffer war offenbar in sehr trüber Gemüthsstimmung und hatte in den letzten Tagen um eben so viele Jahre gealtert. Er hatte auch traurige Erfahrungen gemacht: er hatte beim Verkauf seines Geschäftes gefunden, daß dasselbe in den Augen der Welt ziemlich herunter gekommen erschien, denn er hatte um mehrere tausend Gulden wohlfeiler verkaufen müssen, als er noch vor Kurzem geglaubt. Mit seinem Hause, das er ebenfalls zu Geld gemacht, war es ihm nicht besser gegangen; man hatte demselben alle möglichen Fehler nachgewiesen, und da Herr Blaffer obendrein auf baarer Bezahlung bestand, mußte er sich auch hier wieder zu einem ziemlichen Opfer entschließen. Auch Schulden hafteten noch darauf; doch, nachdem Alles abbezahlt war, blieb dem Verkäufer für Geschäft und Haus immer noch die schöne runde Summe von zwanzigtausend Gulden übrig, die er in Werthpapieren und Gold droben in seiner Kasse eingeschlossen hatte.

Aber auch Erfahrungen anderer Art hatte Herr Blaffer gemacht, und wenn er daran dachte, so überflog kein, wenn auch noch so finsteres Lächeln seine Züge; wenn ihm das einfiel, so knirschte er mit den Zähnen, so biß er auf die dünnen, blassen Lippen, so fuhr er sich durch den spärlichen Haarwuchs, und dann warf er einen scheuen Seitenblick in den Spiegel, und grinste sich selbst an, indem er ausrief: »Ja, das hat so kommen müssen, aber – hier – hier –« fuhr er auf sein Herz schlagend grimmig fort, »hier thut das weh, o über alle Beschreibung weh!«

Eine Folge dieser momentanen Aufregung war es nun, daß er darauf wieder in sein trübes Nachsinnen verfiel, daß sein Gesicht dabei wohl finster und gehässig blieb, aber daß einige Zeit darnach das höhnische Lächeln wieder wie grelle Blitze darüber hinflog. In dem Augenblicke dachte er an die zwanzigtausend Gulden in seiner Kasse, daß er damit in den nächsten Tagen die Stadt verlassen, Marie mitnehmen, sich mit ihr in irgend einem kleinen Winkel verbergen und sie dort auf den Händen tragen wolle, wenn es ihm gelänge, ihre Liebe zu erwerben; daß er sie im andern Fall aber quälen wolle, wie nie eine Menschenseele gequält worden sei. – »Ah! und ich werde sie quälen müssen,« sagte er mit bebender Stimme und fuhr dabei mit der Hand an die Stirne, »denn es wird nur zu wahr sein, was ich in der Stadt gehört, was mir die Magd unseres Hauses endlich eingestanden hat. Sie liebt, sie wird wieder geliebt, es schwelgt Jemand in meinem Eigenthume – und ich bin betrogen.«

Dabei sank er wieder tiefer in sich zusammen und ruhte längere Zeit so. Ein Unbefangener hätte glauben mögen, er schlafe. Doch ging hierzu sein Athem zu unregelmäßig; bald stieß er ihn leis, aber schnell wie im Fieber, heraus, bald zog er ihn aus tiefer Brust an sich, und dann waren es schwere, schmerzliche Seufzer.

Nur der Anblick eines Papieres, welches vor ihm lag, riß ihn zeitweise aus seinen Träumereien etwas empor. Es war der Verkaufs-Contrakt der Buchhandlung: er hatte sich darin, wie wir wissen, die Anstellung eines Commis vorbehalten, ohne August vorderhand zu nennen, hatte diesem Commis ein sehr kärgliches Einkommen auswerfen lassen und allerlei für denselben bestimmt, was den Zweck hatte, ihm das Leben ziemlich sauer zu machen. So hatte er für den Bruder des Mädchens gesorgt, das er liebte, und er lächelte abermals, indem er an die unangenehme Überraschung seines ehemaligen Lehrlings dachte, wenn dieser seine neue Anstellung erführe.

In diese Gedanken versunken mochte Herr Blaffer schon mehrere Stunden gesessen haben, und er war so menschenfreundlich gesinnt, daß er schon zu wiederholten Malen auf öfteres Klopfen an die Comptoirthüre keine Antwort gab. Die bescheidenen Besucher waren dann meistens wieder fortgegangen, zu furchtsam oder zu diskret, um heftig an die Thüre zu pochen oder dieselbe gar zu öffnen. Endlich aber mußte Jemand davor stehen, der nicht so dachte, denn einem einmaligen Klopfen folgte ein stärkeres und dann drei so kräftige Schläge, daß der Buchhändler empor fuhr und mit wilder Stimme: »Herein denn in's Teufels Namen!« rief. Dabei machte er ein Gesicht wie ein reißendes Thier, das auf seine Beute losspringen will. Auch seine zusammengekauerte Stellung schien dies Vorhaben unterstützen zu wollen, weßhalb denn auch wohl der junge Mann, der nun in die Thüre trat, überrascht auf der Schwelle stehen blieb.

»Bei allen Göttern!« sagte der Eintretende mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, »Sie blicken mich an, Herr Blaffer, als sei es Ihnen sehr unangenehm, mich hier zu sehen.«

»Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« entgegnete dieser nach einem tiefen Athemzuge; »bitte sehr zu entschuldigen, Herr Erichsen; ich hatte da meine tiefen Gedanken.«

»So störe ich Sie; das thut mir leid!« versetzte der Maler.

»O, Ihr Besuch stört nie; er erfreut nur!« gab der Buchhändler zur Antwort; wobei er von seinem Comptoirstuhl herunter kletternd seine langen Gliedmaßen wahrhaft spinnenartig aus einander streckte. »Bitte, Platz zu nehmen. Sie machen sich selten, Herr Erichsen, sehr selten.«

»Es ist wahr,« erwiderte Arthur, indem er sich niederließ, »ich war lange nicht auf dem Comptoir; wir verkehrten brieflich. Aber unsere Arbeiten wurden deßhalb nicht vernachlässigt.«

»Gewiß nicht; Ihre Illustrationen kamen immer zur Zeit. Da gab's nie eine Stockung.«

»Aber jetzt könnte es eine geben, Herr Blaffer,« erwiderte Arthur, und sah dabei auf den Boden nieder und zeichnete mit seinem Spazierstocke allerlei Linien in den Staub, »eine Stockung, die mich betrifft, nicht Ihr Geschäft.«

»Wie verstehe ich das, bester Herr Erichsen?«

»Ich habe eine große Reise vor,« antwortete der Maler gedankenvoll, »in die Schweiz, vielleicht nach Italien, weßhalb ich nicht mehr im Stande bin, die mir übergebenen Illustrationen auszuführen. Doch wie schon gesagt: Das Geschäft soll nicht darunter leiden, ich habe einen Stellvertreter gefunden, einen talentvollen jungen Mann, der es mindestens ebenso schön macht wie ich.«

»Na, na, Herr Erichsen,« sagte der Buchhändler höflichst, »das ist unmöglich. Aber ich begreife vollkommen, daß Sie sich wegen solcher Bagatelle nicht binden werden.« – Ihm war es ja vollkommen gleichgiltig, wer künftig die Illustrationen für das verkaufte Geschäft mache, ja es war ihm lieb, wenn sein Nachfolger einen guten Arbeiter verlor. Herr Blaffer nahm sein Lineal zwischen die Zähne, nickte mit dem Kopfe und sprach gedankenvoll: »So, so, Sie reisen? – Sie glücklicher Mensch! Das entschließt sich von heute auf morgen, packt ein, läßt sich Kreditbriefe geben und bricht alle Verbindungen leicht ab.«

Arthur seufzte ein wenig und entgegnete: »Wenn man reist, bricht man freilich seine Verbindungen für einige Zeit ab, aber es ist noch die Frage, ob einem das leicht wird.«

»Ah! Ich verstehe!« rief Herr Blaffer mit einem pfiffig sein sollenden Lächeln, das aber nur ein Grinsen war. »Verzeihen Sie meine Indiskretion, aber in der Balkengasse wird der Abschied sehr schwer fallen.«

Der Maler zuckte mit den Achseln und erwiderte, ohne Herrn Blaffer anzusehen: »Da sind Sie im Irrthum. – In – der – Balkengasse – ich weiß wohl, worauf Sie anspielen – ist nichts, was meinen Abschied erschweren könnte.«

»Nichts?« fragte lauernd der Buchhändler.

»Nichts,« wiederholte Arthur.

»Aber doch etwas Vorübergehendes?«

»Sehr vorübergehend,« meinte Arthur gedankenvoll.

Der Buchhändler klopfte mit dem Lineal auf seinen magern Schenkel und sagte: »Schaut, wie ihr jungen Leute eigentlich seid. Da faßt ihr eine Grille auf, da seht ihr ein schönes Gesicht, und da muß nun alle Welt helfen, damit sich so ein Geschöpfchen leichter verführen läßt.«

»Bitte recht sehr, Herr Blaffer,« sprach ernst der Maler.

»Nun, Sie werden mir das nicht übel nehmen,« fuhr der Andere lächelnd fort. »Ich meine es ja nicht böse; und so ganz Unrecht habe ich auch nicht; ich will Ihnen das beweisen. Mußte da nicht die arme Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie mehr als zuviel thun an Honorar für den armen Staiger! Ich versichere Sie: Viel mehr als zu viel, denn das ursprüngliche Honorar war für seine Leistungen genügend.«

»Möglich,« versetzte Arthur träumerisch.

»Ich habe es auch nur Ihretwillen gethan. Nun, das hat er auch wohl gemerkt, und die Tochter wird nicht undankbar gewesen sein.« – Er sprach das mit einem sehr widrigen Lächeln, welches aber der junge Mann nicht sah, da er zu Boden blickte, denn sonst würde der Ton, mit welchem er antwortete: »Ich bitte darüber nicht mehr zu reden,« gewiß ein noch viel schärferer gewesen sein. Doch setzte Arthur gleich darauf hinzu: »Ich kann Sie versichern, der alte Mann hat keine Ahnung davon, daß er mir die Erhöhung seines Honorars zu verdanken hat.«

»Das kann ich nicht glauben,« erwiderte Herr Blaffer mit künstlichem Erstaunen. »So wird er sich nicht überschätzen. Sechs Gulden für den kleinen Bogen!« sagte er mit fast heulendem Tone. »Wenn er da nicht einsieht, daß ihm eine starke Hand geholfen, so ist es mehr als undankbar. Ueberhaupt –«

»Was überhaupt? Fahren Sie nur fort, Herr Blaffer.«

»Nehmen Sie guten Rath an, mein lieber Herr Erichsen; ich kenne die Welt. Man muß sich mit solchen Leuten nicht so tief einlassen; das benutzt einen, solange als möglich, kommt dann ein Anderer, vornehmer, reicher – oder jünger,« setzte er leise und zähneknirschend hinzu – »so wird der gut Denkende auf die Seite geschoben – verlassen.«

»Ja verlassen,« sagte kaum hörbar der Maler.

Doch verstand ihn Herr Blaffer vollkommen; ja nicht allein das Wort, sondern auch die zerstreute und traurige Miene, mit der es Arthur sprach.

Dieser fuhr nach einer kleinen Pause trübe lächelnd fort: »Wir wollen darüber nicht weiter reden; es war ein Geschäft und ist abgemacht. Apropos! Haben Sie nichts mehr von Herrn Beil gehört?«

»Der Schuft!« entgegnete Herr Blaffer und stieß das Lineal heftig auf den Stuhl. »Nein, nein! Gott sei Dank! Ich weiß nicht, wo er crepirt ist. Ich sage Ihnen, Herr Erichsen, das war eine niederträchtige Seele.«

»Sie standen nie gut mit ihm; aber für schlecht hätte ich ihn nicht gehalten: für etwas unüberlegt – ja zu lustigen Streichen stets bereit.«

»Boshaft, Herr Erichsen, boshaft wie ein Affe. Und wie konnte sich der Kerl verstellen! Zum Beispiel, haben Sie je ein Talent zum Zeichnen an ihm bemerkt?«

»Nichts Auffallendes der Art.«

»Ich früher auch nicht. Aber denken Sie, als er fort war, visitirte ich seinen Pult und finde da ein Paketchen zugebunden, gesiegelt und mit der Überschrift: Meinem lieben Prinzipal, Herrn Blaffer. Hätte ich nur meiner ersten Idee nachgegeben und es in's Feuer geworfen! Aber so plagt mich der Teufel der Neugierde und ich finde eine ganze Menge der scheußlichsten Karikaturen.«

»Ah!« machte fast lächelnd der Maler, denn ihm kam plötzlich die Idee, Herr Blaffer spreche von den Zeichnungen, die er, Arthur selbst, auf dem Pulte des Herrn Beil hie und da verfertigt.

Karikaturen der schändlichsten Art, und mit Beziehung auf unsern Roman: Onkel Tom's Hütte. Und mich hat er immer zur Hauptfigur genommen, mich, seinen Prinzipal und Wohlthäter.«

»Das ist unerhört!« entgegnete Arthur, indem er mühsam ein ernstes Gesicht machte. »Das hätte ich hinter Herrn Beil nicht gesucht.« – Doch schien er das Gespräch und überhaupt seinen Besuch abbrechen zu wollen, denn er stand auf, reichte dem Buchhändler die Hand und sagte: »So halten Sie mich im besten Andenken, Herr Blaffer, und wenn ich von meiner Reise mit vollen Mappen zurückkehre, so können wir vielleicht eine Art Reisebeschreibung daraus machen.«

Herr Blaffer war hierauf schon im Begriff, über den Verkauf des Geschäftes zu sprechen, doch dachte er: »Es ist besser, ich schweige darüber.« Er schüttelte deßhalb die dargebotene Hand, affektirte einige Rührung und begleitete den Maler bis an die Hausthüre, worauf dieser sich entfernte.

Der Buchhändler trat in sein Comptoir zurück und ging mit großen Schritten auf und ab, wobei er das Lineal auf dem Rücken hielt und sich zuweilen damit auf die Schulterblätter klopfte. – »Auch der hat bittere Erfahrungen,« sagte er nach einiger Zeit in einem höhnischen Tone, »und ist doch hübsch und jung. Ja trau' Einer dem verfluchten Weibergeschlecht! Wenn mich nur die dumme Grille dieses Herr Erichsen nicht ein paar hundert Gulden gekostet hätte, die ich an das Bettelpack weggeworfen. Aber ich will mich noch dafür revanchiren! Ein recht artiger Brief an den Herrn Staiger soll mein letztes Geschäft als Chef der Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie sein.« Damit trat er an den Pult und schrieb mit sichtlichem Wohlbehagen:

»P. P.

»Die schlechten Zeiten, unter denen gegenwärtig der Buchhandel seufzt, veranlassen uns, Sie zu ersuchen, Ihre Arbeiten für unsere Handlung einstellen zu wollen. Onkel Tom ist beendigt, und wir sind außer Stande, das neue Unternehmen, für welches ja ohnedies noch kein Kontrakt zwischen uns abgeschlossen ist, in's Leben treten zu lassen.

»Genehmigen Sie indessen die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung, mit der wir sind

Johann Christian Blaffer und Comp.«

Wohlgefällig betrachtete der Buchhändler den saubern Schnörkel unter seinem Namen, setzte vorsichtig das Datum von gestern bei und siegelte den Brief. Dann rieb er sich die Hände, als habe er ein gutes Werk gethan, verschloß das Comptoir und ging in sein Schlafzimmer hinauf.

Als es einige Stunden darauf dunkel wurde, saß August an dem Fenster seiner Kammer, den Blick auf die Straße gerichtet, wo man nach und nach alle Gaslampen angezündet hatte; auch die bewußte vor dem Hause brannte hell und lustig, und so sehr der Lehrling auch umher spähte, nirgendwo ließ sich Jemand sehen, der Lust zu haben schien, diese einzige Flamme wieder auszulöschen und den so sehnlichst erwarteten Besuch des Herrn Beil anzuzeigen.

Endlich wurde August zum Nachtessen gerufen, und das ging trübselig vorüber, wie die meisten in der letzten Zeit. Herr Blaffer sprach nichts und warf nur zuweilen finstere Blicke über den Tisch hinüber nach Marie, welche in tiefe Gedanken versunken zu sein schien, und wohl aus diesem Grunde häufig etwas Unpassendes sagte oder da lachte, wo es gerade nicht nothwendig war – ein Benehmen, welches die gute Laune des Buchhändlers durchaus nicht erhöhte, ja ihm einige beißende Bemerkungen ablockte, welche von dem jungen Mädchen nicht gerade auf die ehrerbietigste Art beantwortet wurden. Dann wurde der Prinzipal heftig, grob und kränkend, was zur Folge hatte, daß sie ihm einen verächtlichen Blick zuwarf, den Teller hastig zurückstieß, sich vom Tische erhob und auf ihr Zimmer ging.

Glücklicherweise ließ sich August durch diese Scene gar nicht anfechten, sondern speiste mit großer Gemüthsruhe, wornach auch er seine Dachkammer aufsuchte. Trotzdem es ihm aber in der letzten Zeit besser in dem Hause gegangen, so erschien ihm doch Manches dafür so unheimlich und widerwärtig, daß er sich nach der früheren Zeit zurücksehnte, und namentlich nach Herrn Beil, mit dem er so manche Stunde angenehm verplaudert, und der es so vortrefflich verstanden, seine guten Lehren humoristisch in artige Gleichnisse einzukleiden, und der selbst Püffe und Katzenköpfe auf ungezwungene und fast angenehme Art zu geben wußte, so daß man ihm gar nicht einmal darüber böse sein konnte. Ach! sogar dieser Püffe erinnerte sich August sehnsüchtig, und er hätte gern dergleichen wieder ausgehalten, dann wäre ja der gute Herr Beil wieder bei ihm gewesen. – Aber er hatte seinen Besuch noch nicht angezeigt, denn die Gasflamme drunten brannte hell wie immer, bestrahlte den eisernen Kandelaber und warf einen weiten Lichtkreis vor sich auf den Boden. – Doch halt! was war das? Plötzlich war das Licht verlöscht, und August hatte doch Niemand gesehen, der sich demselben genähert. Wie schlug ihm sein Herz! Er eilte an die Kammerthüre und horchte in's Haus hinab. Drunten war Alles stille; der Buchhändler hatte sich zur Ruhe begeben, und als August aufmerksamer lauschte, hörte er ihn aus seinem Schlafzinnner leise husten. Er wartete noch eine lange, lange halbe Stunde, dann ließ er sich an dem Treppengeländer hinab gleiten. Er hatte dieses Manöver oft ausgeführt, wenn er sich verschlafen hatte und von dem Prinzipal nicht gehört sein wollte. Unten angekommen, schlich er leise zur Hausthüre, drehte den Schlüssel zweimal, schob die schweren Riegel zurück und kehrte nun, gehorsam dem erhaltenen Befehle, mit verhaltenem Athem in seine Dachkammer zurück.

Jede Minute, die er hier oben zubringen mußte, däuchte ihm eine Ewigkeit. Er hielt das Ohr an die Thüre und lauschte angestrengt in's Haus hinunter. – Alles ruhig und still, sogar Herr Blaffer hüstelte nicht mehr; wahrscheinlich war derselbe eingeschlafen. Doch jetzt vernahm August ein Geräusch – aber nein, es kam nicht unten vom Hause herauf, es kam vom Dache her. Was konnte das sein? Ja, in der Nebenkammer, wo ehedem die Schwester geschlafen, vernahm er es jetzt. Dort schlich etwas auf dem Boden, dort tappte es an der Wand fort und suchte die Thüre zu finden. Das konnte doch nicht Herr Beil sein, der sollte ja, was natürlich war, unten zur Hausthüre herein kommen. Und doch – es war keine Täuschung möglich – ihm gegenüber an der anderen Kammerthüre bewegte sich etwas. Vorsichtig wurde auf die Klinke gedrückt, und sie hob sich ganz geräuschlos. Doch ehe die Thüre geöffnet wurde, hatte August die Geistesgegenwart, sein Licht auszulöschen. Darauf lugte er wieder auf den Gang hinaus, während sein Herz so heftig klopfte, daß er fürchtete, die Schläge müssen seine Gegenwart verrathen; dabei hatte er ein eigenes Gefühl in den Haarwurzeln; es war ihm, als drehe sich jedes einzelne Haar langsam herum. Er dachte an Räuber, Mörder und Gespenster. An die letzteren zumeist; denn das, was ihm gegenüber jetzt die Thüre geöffnet hatte und über den Gang dahin schwebte, konnte unmöglich ein menschliches Wesen sein. Er hörte keinen Tritt, er sah nur einen Schatten gegen die Treppe schweben und dann auf dem tieferen Dunkel derselben verschwinden. – Was war das? Hätte er nicht den Herrn Beil erwartet und sich also gefürchtet, Lärmen zu machen, so würde er unfehlbar durch sein Geschrei das Haus erweckt haben. So aber eilte er an das Fenster zurück, betrachtete sich nochmals die finstere Gaslaterne und sah dann auf die Straße, ob sich nicht eine Spur von dem erwarteten Freunde entdecken ließe. Wer aber beschreibt seine Ueberraschung, als er sich wieder umwandte und unter der Thüre der Kammer ein helles Licht gewahrte, welches ihm so blendend in die Augen fiel, daß er nicht im Stande war, den Träger desselben zu erkennen. Sollte das vielleicht Herr Beil sein? – Aber warum dann so still und stumm in das Zimmer treten? Die Nerven des armen Lehrlings waren so aufgeregt, daß er, anstatt eine Frage zu thun, die Hände vor das Gesicht preßte und auf einen Stuhl niedersank.

Die Laterne an der Thüre oder vielmehr der Träger derselben bewegte sich in's Zimmer herein und eine Stimme, die nicht wie die des Herrn Beil klang, aber auch keine ganz fremde für den Lehrling war, sagte ihm: »Sie haben Ihr Wort gehalten; ich danke Ihnen dafür.«

»Gott sei Dank!« dachte August, indem er die Hände langsam herabsinken ließ, »das spricht doch jetzt und schleicht nicht mehr so gespensterhaft im Hause umher.« Er wagte es auch aufzublicken, und da nun der Eingetretene die kleine Blendlaterne, welche er in der Hand trug, von sich abhielt, so erkannte August mit Erstaunen die Züge des Herrn Brander, welcher ihm den Besuch des Freundes angezeigt hatte.

»Sie wundern sich, mich hier zu sehen,« sagte dieser. »Das kann ich mir denken. Aber es anders zu machen war unmöglich. Herr Beil ist verhindert und ich komme, Ihnen das zu sagen.«

»Dafür bin ich Ihnen sehr verbunden,« erwiderte kleinlaut der Lehrling. »Doch erlauben Sie mir eine Frage. Warum kamen Sie nicht zur Hausthüre herein und die Treppen herauf und zogen es lieber vor, über das Dach in's Haus zu klettern?«

»Hörten Sie Jemand über das Dach in's Haus klettern?« fragte aufmerksam der Andere.

»So leise Sie auch gingen, so hörte ich Sie doch und sah auch, wie Sie die Treppe hinab schwebten.«

»Ah! er ist schon da,« murmelte Herr Brander. Nun, er hat den Weg oft genug gemacht und die Liebe treibt ihn. – Sie irren,« wandte er sich laut an den Lehrling, »ich stieg die Treppen herauf.«

»Und der Andere?« fragte angstvoll der Lehrling, dem es anfing bei der Sache unheimlich zu werden.

»Der Andere ist ein guter Freund von mir und Herrn Beil, der hier einige kleine Geschäfte zu besorgen hat.«

»Zu dieser Stunde?« versetzte August, der endlich, obgleich spät genug, ahnte, er habe einen dummen Streich gemacht, fremden Leuten bei Nacht die Thüre zu öffnen.

»Ja, zu dieser Stunde, mein lieber junger Mann,« entgegnete freundlich Herr Brander. »Er besorgt seine kleinen Geschäfte, hat aber dabei immer noch Zeit, aus irgend einem Winkel hervor seine Augen auf Sie zu richten.«

»Wo?« fragte angstvoll der junge Mensch, indem er sich erschreckt umschaute.

»Das ist gleichgiltig; auch habe ich nicht lange Zeit zu Erklärungen. Hören Sie mich aber gefälligst einen Augenblick aufmerksam an! Sie erwarten Herrn Beil, Herr Beil aber ist verhindert zu kommen, heute, morgen, die übrigen Tage. Aber er wünscht sehnlich Sie zu sehen und wird nicht verfehlen, Ihnen in den nächsten Tagen einen Weg zu diesem Zwecke anzeigen zu lassen. Doch verlange ich Eins von Ihnen: Sie bleiben ruhig auf Ihrem Zimmer, schließen Ihre Thüre ab und bekümmern sich nicht um das, was Sie allenfalls von drunten im Hause hören sollten.«

»O mein Gott!« rief August in kläglichem Tone. »Sie haben Schlimmes vor. Aber ich will mich nicht daran betheiligen, ich werde nach Hilfe schreien und den Prinzipal wecken.«

»Versuchen Sie das,« sagte der Andere mit drohender Stimme. »Rufen Sie um Hilfe, rufen Sie meinetwegen die Polizei! Ich werde mich ruhig hieher setzen und mich mit Ihnen fangen lassen, denn der Hehler ist wie der Stehler; ich bezahlte Sie reichlich dafür, daß Sie mir die Hausthüre öffneten und will das vor aller Welt beschwören. – Seien Sie kein Kind,« fuhr er nach einer Pause fort, als er sah, daß der Lehrling seinen Kopf abermals in die Hände vergrub und darauf mit einer Jammermiene empor blickte. »Glauben Sie mir, es soll Niemand ein Leides geschehen. Sollten Sie aber, sobald ich diese Kammer verlasse, dennoch Geräusch machen, um Hilfe rufen oder dergleichen Tollheiten treiben, so vergessen Sie ja nicht, daß Jener, der vorhin über den Gang schlich, in Ihrer Nähe ist und daß Sie beim ersten Laut ein Kind des Todes sind.«

August konnte vor Entsetzen kein Wort hervorbringen; er blickte scheu um sich, denn plötzlich war das Licht der Blendlaterne nicht mehr sichtbar, doch fühlte er die Hand des fremden Mannes, welcher ihn an der Schulter rüttelte und ihm in's Ohr raunte: »Haben Sie Ihr Leben lieb und machen Sie keinen Lärm!« –

Bevor sich an diesem Abend Herr Blaffer zur Ruhe begeben hatte, war er noch längere Zeit in tiefem Nachdenken im Zimmer auf- und abspaziert. Seine Sachen waren geordnet, die Papiere über den Kauf ausgewechselt, das Geld lag im Kasten, er war im Begriff, in ein ganz neues Verhältniß einzutreten, weßhalb es denn auch leicht begreiflich war, daß er den vergangenen Tagen einen kleinen Rückblick schenkte. Herr Blaffer hatte von seiner frühesten Jugend an tüchtig gearbeitet, seine Zeit, sein Geld zu Rath gehalten, was ihm übrigens leicht war, da er nicht von den gewöhnlichen Leidenschaften der Menschen berührt wurde. Er trank nicht, er spielte nicht, er war gegen das schöne Geschlecht vollkommen gleichgiltig. So mußte es denn auch kommen, daß er etwas vor sich gebracht: ja, Herr Blaffer war auf dem Punkte, ein recht wohlhabender Mann zu werden, als ihm einige Unternehmungen fehlschlugen und ihn eine bedeutende Summe kosteten. Das entmuthigte ihn und von dem Augenblicke an trachtete er mehr darnach, sein Vermögen zu erhalten, als zu vermehren.

Da kam jenes Mädchen in sein Haus, und die Flamme, die sein Herz plötzlich ergriff, brannte um so gefräßiger, als dieses Herz alt, dürr und trocken war. Vergebens hatte er eine Zeit lang gegen diese Leidenschaft angekämpft: sie war stärker als sein Wille, er unterlag, und jedes Opfer, welches er gezwungen war, derselben zu bringen, däuchte ihm leicht zu sein. Deßhalb hatte es ihm auch wenig Kummer gemacht, daß die Firma, die er gegründet, in fremde Hände überging, daß das Haus, in welchem er geboren, jetzt von Andern bewohnt werden sollte. Alles Das beschäftigte seinen Geist wenig, aber eine andere Frage lag auf seiner Seele und verursachte ihm ein Gefühl, als tropfe von Sekunde auf Sekunde flüssiges Metall auf sein Herz, die Frage: ist sie dir wirklich untreu geworden? – eine Frage, die tausend Teufel in seiner Brust mit jubelndem Ja beantworteten. Dann ballte er krampfhaft die Hände, fuhr in sein spärliches Haar und stöhnte: »O nur Gewißheit darüber, nur Gewißheit, daß ich ein Recht hätte, sie zu fassen und langsam zu verderben.«

Endlich begab er sich zur Ruhe, und nachdem er sich lange umhergeworfen, kam der Schlaf auf seine Augen, ohne ihn zu beglücken. Denn die wilden Gedanken, die ihn wachend beschäftigt, hatten sich schon in schlimmere Träume verwandelt, die ihm alles Das, was er fürchtete, in den schrecklichsten, üppigsten Bildern vormalten. Ihm träumte wieder, es schleiche Jemand durch das Haus und komme an ihre Zimmerthüre. Diese wurde langsam geöffnet und von Licht und Glanz übergossen empfing sie den Geliebten, den wirklich und einzig Geliebten. Das sah man an dem innigen Blick ihres feuchten Auges, an dem Lächeln um ihren leicht geöffneten Mund, an dem Zittern ihrer Hand, die sie ihm entgegen streckte und mit der sie ihn alsdann hastig zu sich in's Zimmer zog. – Ah! –

Es gibt einen leichten, unruhigen Schlaf, aus dem man sich emporreißen kann, erwachen durch die Kraft des Willens: so auch der Schläfer hier, als ihm dies geträumt. Er that einen tiefen Athemzug, er öffnete gewaltsam die Augen, er erwachte, er horchte, wie er oft in der Nacht that. Spielten denn seine Träume in die Wirklichkeit über, wie sich vorher seine Gedanken in Träume verwandelt? Konnte er sich diesmal täuschen? – Schlich nicht Jemand draußen auf dem Gange?

Im Nu war Herr Blaffer aus dem Bette und stand mit verhaltenem Athem an der Stubenthüre. Oh! der Buchhändler war nicht so leicht zu überlisten! Schon lange schloß er seine Thüre nicht mehr fest, damit das Geräusch des Schlosses ihn nicht verrathe, wenn er auf den Gang blicken wollte. Allabendlich löschte er sein Licht aus und dann zog er den Thürflügel so viel zurück, daß er durch die entstandene Spalte hinaus schauen konnte.

So war es auch heute Abend geschehen, und als er zitternd vor Erwartung davor stand, sah er genau dasselbe, was ihm wenige Augenblicke vorher geträumt. Sie stand an ihrer Stubenthüre und von Licht und Glanz Übergossen empfing sie den Geliebten – den wirklich und einzig Geliebten. Das sah man an dem innigen Blick ihres Auges, an dem Lächeln um ihren leicht geöffneten Mund, an dem Zittern ihrer Hand, die sie ihm entgegen streckte und mit der sie ihn alsdann hastig zu sich in's Zimmer zog. Darauf schloß sich die Thüre wieder – und der Riegel wurde vorgeschoben. – Nein, auf dem dunkeln Gange träumte er nicht mehr, wie er wohl gehofft, wie er glaubte, denn er schlug sich so lange vor die Stirn, bis sie ihn schmerzte, er preßte die Hand krampfhaft auf die Brust und fühlte sein Herz schlagen. Er wollte vorwärts stürzen und die Thüre mit einem Fußstoß eintreten. Aber er besann sich eines Bessern; der da drinnen war vielleicht stärker als er, und da er Rache nehmen wollte, blutige Rache, so mußte er sich eine Waffe suchen. Wo war etwas der Art im Hause? Er dachte eine Sekunde nach, dann trat er in's Zimmer zurück, warf sich mit fieberischer Hast in die Kleider und schlich auf den bloßen Füßen die Treppen hinab nach dem Magazine, dessen Thüre er geräuschlos öffnete. Dort in einer Ecke neben der Wage lag das große Packmesser. Als er das kalte Heft desselben ergriff, durchschauerte es ihn unheimlich; er fuhr mit der andern Hand an die glühende Stirn und wischte sich die Schweißtropfen davon ab. Auch bedeckte er einen Moment lang seine Augen, denn trotz der tiefen Finsterniß, die ihn umgab, gaukelten allerlei formlose Gestalten um ihn her. Das war sein empörtes Blut, welches ihn auch Funken und Blitze sehen ließ, die seinen Augen zu entspringen schienen. Dabei hatte er das Gefühl, als wanke der Boden unter ihm, und als er nun doch vorwärts strebte, dem Ausgang und der Treppe zu, schwankte er hin und her, und mußte sich an den Wänden halten und zuweilen einen Augenblick ausruhen, um nicht niederzustürzen. Von seinen verwirrten Sinnen blieb nur ein einziger klar und thätig – das Gehör. In seinen wildesten Gedanken, mitten in den qualvollsten Anstrengungen des kraftvollen Vorwärtsstrebens lauschte er angestrengt – und jetzt – hörte er abermals schleichende Tritte. Ja, das war er, dem das Mädchen die Thüre geöffnet; er mußte es sein. – Und doch! Er sammelte einen Augenblick seine zerstörten Gedanken, um sich zu erinnern, wo er sich befinde, und als ihm klar wurde, daß er im Magazine sei, wußte er auch sogleich, daß die Tritte, die er hörte, aus seinem eigenen Schlafzimmer herunter tönten und nicht aus dem ihrigen. Er horchte angestrengter. Er vernahm ein leises Klirren; – ja, er irrte sich nicht: droben wurde ein schweres Schloß geöffnet. – Herr des Himmels! das seiner Kasse. Er zuckte aus seiner horchenden Stellung empor, er strebte die Thüre zu erreichen, und als er gerade auf den Gang hinaus wollte, vernahm er, daß droben ein Fenster geöffnet wurde. Unwillkürlich wandte er den Kopf und blickte auf die untern Fenster, die von dem Magazin auf den Hof gingen und mit denen seines Schlafzimmers correspondirten, Da sah er, wie sich von oben ein Körper langsam herab bewegte: es war ein Mann, der sich an einem Stricke herunter ließ. – »Räuber! Räuber!« schrie Herr Blaffer, so laut er konnte. Dabei stürzte er gegen das Fenster, ließ es auf und da in diesem Augenblick der Körper eines Menschen, eines Diebes, gerade vor demselben schwebte, so stieß er demselben mit aller Kraft das große Packmesser in den Leib, so daß er augenblicklich den Strick losließ und dröhnend zu Boden fiel.

Leider ließ sich Herr Blaffer dazu verleiten, dem Fallenden nachzublicken, aber nur eine Sekunde lang streckte er seinen Kopf zum Fenster hinaus. Dann taumelte er von einem furchtbaren Schlage auf denselben getroffen in das Zimmer zurück, wo er regungslos liegen blieb. –

Der Lehrling hatte droben zitternd in einem Winkel seiner Dachkammer gesessen. Mehrmals war er aufgesprungen und im Begriff, herunter zu eilen, doch jedesmal hielt ihn eine große Angst zurück. Er war sicher, sobald er auf den Gang hinaus träte, augenblicklich zu Boden geschlagen zu werden. Wohl hatte er vernommen, daß Jemand das Schlafzimmer des Prinzipals verlasse, – wahrscheinlich Herr Blaffer selbst, der sich in das Magazin hinunter begab. Später hörte er andere Tritte, die sich in dem Schlafzimmer verloren; vielleicht war der Buchhändler wieder herauf gekommen. Ein Fenster wurde geöffnet und kurze Zeit darauf war es die Stimme des Prinzipals, welche »Räuber! Räuber!« rief.

Jetzt eilte August auf den Gang hinaus und wollte die Treppen hinab, als er unten im Hause flüsternde Stimmen vernahm: die seiner Schwester und die eines Mannes. Was war das? Von all' diesem Räthselhaften überrascht, blieb er oben an dem Geländer stehen und horchte. Zwei Personen schlichen die Treppen hinab, durch den Gang nach der Hausthüre, und darauf vernahm er deutlich, wie diese letztere zugezogen wurde. Er hörte das Schloß zuschnappen, dann war Alles todtenstill im Hause. – Langsam, auf jeder Stufe stehen bleibend, stieg nun der Lehrling die Treppe hinab. Die Stille in dem Hause war ihm fürchterlich. Endlich gelangte er in die Küche, neben welcher die alte Magd in einem Verschlage schlief. Sie hatte von dem Lärmen nichts gehört und war schwer zu erwecken. August hatte die Thüre vorsichtig hinter sich geschlossen, und erst als er Licht angezündet und die Magd bereit war, ihm zu folgen, wagte er sich wieder in den Gang hinaus.

Die Thüre des Magazins stand offen und in demselben lag Herr Blaffer am Boden, schwer athmend, doch ohne äußere Verletzung. Der Schlag auf den Kopf hatte ihn betäubt, doch kam er bald wieder zu sich; und als er sich des Geschehenen erinnerte, als ihm all' das Schreckliche einfiel, welches geschehen, preßte er beide Hände gegen seine Schläfe und eilte zähneknirschend in das Haus hinauf, um über die Größe des angerichteten Unglücks in's Klare zu kommen.

Dies konnte nun nicht größer sein und war für ihn niederschmetternd. Die Thüre zu Mariens Schlafzimmer stand offen, sie selbst war verschwunden. Mit wankenden Schritten kehrte er in sein Zimmer zurück und wagte es kaum, seine geöffnete Kasse mit scheuem Blick zu betrachten: sie war leer – er war ein ruinirter Mann, und man hatte ihm Alles, Alles gestohlen.

Als am andern Morgen die Polizei, von dem Vorfall in Kenntniß gesetzt, sich an Ort und Stelle begab, hatte es der Chef derselben für wichtig genug gefunden, sich selbst dorthin zu verfügen, um in seinem Beisein die Lokal-Inspektion vornehmen zu lassen. Herr Blaffer, den die schrecklichen Vorfälle auf das Bett geworfen hatten, sagte ohne Rückhalt, was er wußte. August dagegen hatte sich vorgenommen, Einiges, wie zum Beispiel den Besuch des Herrn Brander, die Geschichte mit den Dukaten, sowie das Oeffnen der Hausthüre, als unwichtig zu übergehen. Doch waren der Polizeidirektor, namentlich aber sein erster Sekretär, nicht die Leute, denen eine Persönlichkeit, wie der blonde Lehrling, im Stande gewesen wäre, etwas zu verschweigen. August wurde in die Enge getrieben, und als ihm der Präsident mit angefaßter Nase, die er zornig bald rechts bald links zog und alsdann drohend in die Höhe schnellen ließ, auseinandersetzte, daß es ein wahres Verbrechen sei, der Polizei etwas zu verheimlichen, berichtete er die ganze Geschichte, ja er wurde gezwungen, am Schlusse weinend den Namen des Herrn Beil anzugeben, als des Freundes, den er erwartet.

Man kann sich denken, daß Herr Blaffer über seinen ehemaligen Commis das Schlimmste aussagte, was namentlich den Polizeipräsidenten veranlaßte, ein genaues Signalement des Herrn Beil aufzunehmen, eine Sache, die bei der auffallenden Körperbeschaffenheit desselben nicht schwer war.

Daß bei dieser Lokalinspektion die Fenster, durch welche sich der Dieb herabgelassen, sowie der Hof auf's Genaueste untersucht wurden, brauchen wir wohl nicht zu sagen. Auf dem weichen Boden des letztern fand man übrigens genaue Spuren von dem, was hier vorgefallen. Man sah, daß hier ein menschlicher Körper niedergestürzt war, man bemerkte Blutspuren und rings herum Fußtritte, welche deutlich anzeigten, daß mehrere Personen da gewesen, den Gefallenen aufgehoben und über die niedrige Mauer auf die Straße geschafft hatten. Der ganze Boden war mit schweren Stiefelabsätzen zertreten, und als sich einer der Polizeibeamten in seinem Geschäftseifer das Vergnügen machte, mehrere dieser Fußspuren der Länge und Breite nach zu messen, entdeckte er zufällig ein Papier, welches fast ganz in die feuchte Erde hinein getreten war. Da bei dergleichen Geschichten Alles von Wichtigkeit ist, so zog er es säuberlich hervor und händigte es dem Sekretär Seiner Excellenz ein. Dieser entfaltete es behutsam, warf einen Blick hinein und sein trockenes Amtsgesicht strahlte darauf vor Freude und Ueberraschung. »Euer Excellenz,« sagte er, als er das Papier dem Präsidenten überreichte, »hier ist der deutliche Beweis für meine Behauptung, die ich schon lange Zeit aufzustellen wagte, daß nämlich in hiesiger Stadt eine wohlorganisirte Bande besteht, welche von mächtiger Hand und, man kann es nicht leugnen, bis jetzt mit großer Umsicht geführt wurde. Dieses Papier enthält eine Instruktion über den hier verübten Einbruch, in der Alles auf das Genaueste vorgesehen ist. Wenn es nicht eine so schlechte Sache beträfe, so würde ich es außerordentlich nennen.«

Die Nase Seiner Excellenz hatte sich gerade nach dem oberen Fenster gerichtet, doch fing er sie mit einem gewandten Griffe ein und zog sie auf das zerknitterte und beschmutzte Papier herab. Auf diesem stand mit sehr undeutlichen und verwischten Schriftzügen Folgendes: »Zwei, Sechs, Acht und Zehn sollen sich dabei betheiligen, sie umstellen das Haus, während Eins durch die geöffnete Thüre eintritt. Der Bewußte ist bereit, das Mädchen zu entführen; er erhielt Gelder und Papiere und wird nicht eingeholt werden. Geräusch an ihrer Zimmerthüre muß den Andern hervorlocken. Forcirt er die Thüre, so muß ihn der junge Mensch auf sich nehmen, bis das Geschäft drüben beendigt ist. Es soll keine Gewalt angewandt, vielmehr wenn sich Hindernisse finden, die ganze Sache verschoben werden!«

»Da ist kein Zweifel mehr,« sagte der Präsident mit großer Wichtigkeit, als er gelesen, und fügte hinzu, nachdem er sich rings umgeschaut: »Vor allen Dingen gilt es nun, über die ganze Geschichte ein unverbrüchliches Stillschweigen zu beobachten. Unsere Leute sind durch ihren Eid gebunden; der Buchhändler wird ohnedies nicht darüber sprechen, und was den jungen, angehenden Taugenichts anbelangt, so wollen wir den ein wenig in Gewahrsam nehmen. Das ist eine Sache,« wandte er sich mit leiser Stimme an seinen Sekretär, »die reiflich überlegt sein will und klug eingefädelt. Hauptsächlich muß uns Alles daran gelegen sein, den Aufenthalt des gewissen Beil zu erfahren, damit wir den fassen können.« Der Präsident unterstützte bei diesen Worten seine Rede pantomimisch dadurch, daß er mit seinen fünf Fingern die eigene Nase umspielte und sie dann plötzlich und unversehens ergriff. Der Sekretär aber spitzte wohlgefällig seinen Mund, schloß dabei die Augen und sein angenehmes Lächeln schien sagen zu wollen: o der ist uns sicher!

 

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