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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel.

Die Empfangssalons des Auswärtigen Amtes in Berlin waren hell erleuchtet – es war einer jener Abende, an welchen der Kanzler des Norddeutschen Bundes die Mitglieder des Reichstages, die Herren der Diplomatie und alles empfing, was es in der Berliner Gesellschaft, im Zivil- und Militärdienst, in der Finanzwelt, in Kunst und Wissenschaft Hervorragendes gab.

Eine zahlreiche Gesellschaft bewegte sich in den mit einfacher Gediegenheit ausgestatteten Räumen. – Hohe Offiziere aller Waffen belebten durch ihre glänzenden Uniformen die Eintönigkeit des schwarzen Fracks der Herren vom Zivil, die Diplomaten mit bunten Bändern und funkelnden Sternen standen teils in flüsternden Gruppen zusammen, teils durcheilten sie die Säle, hier und da einen bekannten Deputierten anredend und aus einem Gespräch über die innere Lage Notizen sammelnd für ihre Berichte, welche dann je nach der mehr oder minder scharfen Auffassungs- und Kombinationsgabe den fremden Höfen ein mehr oder minder treues Bild von den Verhältnissen des politischen Lebens in Berlin übermittelten.

Trotz der zahlreichen Menge, welche bereits die Säle füllte, rollten immer noch neue Equipagen vor das große Tor des Hotels und zwischen ihnen traten noch immer neue Fußgänger ein, denn niemand von denen, welche eine Einladung erhalten, wollte fehlen bei diesen Soireen, bei denen man die politischen und parlamentarischen Größen sehen und sprechen konnte in leichter und ungezwungener Unterhaltung, und wo man hoffen durfte, vielleicht einen Blick in das geheime Weben und Treiben der großen politischen Maschine zu tun, welche die Welt bewegte.

In dem ersten Salon stand Graf Bismarck, die Eintretenden begrüßend, bald mit würdevoller Artigkeit einige Worte mit einem Mitgliede des Corps diplomatique wechselnd, bald in kordialer Herzlichkeit einem Deputierten des Reichstages die Hand drückend – er trug die Kürassieruniform, ungetrübte Heiterkeit lag auf seinem charaktervollen, ausdrucksreichen Gesicht.

Eben hatte er einen kleinen Mann von unscheinbarer, schwächlicher Gestalt mit scharfem, intelligentem Gesicht begrüßt, aus dessen lebhaften, dunklen Augen jener feine jüdische Verstand leuchtete, welcher bei den Nachkommen des auserwählten Volkes mit so überraschender Schärfe sich in der Beurteilung der Fragen der Wissenschaft und Politik zeigt, nachdem er, jahrhundertelang gezwungen, sich ausschließlich dem Handelsleben zuzuwenden, dieses seiner Herrschaft unterworfen.

»Ich freue mich, Sie zu sehen, Herr Doktor Lasker,« sagte der Graf mit verbindlicher Artigkeit, »hoffentlich finden wir später noch Gelegenheit, einige Worte zu wechseln, ich möchte Sie gern von Ihrer Opposition bekehren,« fügte er lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu.

Doktor Lasker verneigte sich und sagte: »Das wird nicht ganz leicht sein, Exzellenz!«

Einige in der Tür erschienene Herren traten artig zur Seite, und rechts und links freundlich mit der Hand grüßend schritt der Generalfeldmarschall Graf Wrangel in den Salon. Freundliche Heiterkeit strahlte von des alten Herrn charakteristischem faltenreichen Gesicht mit dem aufwärts gedrehten Schnurrbart, mit beweglicher Leichtigkeit trat dieser Veteran der preußischen Armee einher in der Uniform seines ostpreußischen Kürassierregiments, den Orden Pour le mérite mit Eichenlaub um den Hals, auf der Brust die Sterne des Schwarzen Adlers und des russischen Andreasordens neben dem ehrwürdigen Zeichen des eisernen Kreuzes erster Klasse.

Rasch trat Graf Bismarck ihm entgegen, und in militärischer Haltung sprach er im Tone dienstlicher Meldung:

»Generalmajor Graf Bismarck-Schönhausen à la suite des Magdeburgischen Kürassierregiments Nr. 7, kommandiert zur Dienstleistung als Bundeskanzler und Minister der auswärtigen Angelegenheiten!«

»Danke, danke, mein lieber General!« sagte der Feldmarschall, indem er dem Ministerpräsidenten die Hand reichte und seinen Blick mit zufriedenem Lächeln über dessen militärisch feste, markige Gestalt gleiten ließ, »freue mir, freue mir sehr, Ihnen unter meinem Kommando in den Marken zu haben, und ich freue mir noch mehr,« fügte er freundlich lächelnd hinzu, »daß Seine Majestät einen Kürassier bei die auswärtigen Angelegenheiten haben – der Pallasch bringt Festigkeit in die Hand, und was der gut gemacht hat, das werden Sie nicht mit die Federn verhunzen lassen, wie die Federfuchser es dazumal dem alten Blücher getan.«

Graf Bismarck lächelte. »Das haben Eure Exzellenz bei mir nicht zu befürchten,« sagte er, sich stolz aufrichtend, »die Losung der preußischen Kürassiere heißt: Drauf!«

Freundlich mit der Hand grüßend schritt der Feldmarschall weiter.

Der Doktor Lasker war inzwischen in den zweiten Saal getreten und näherte sich einer Gruppe, welche in lebhaftem und eifrigem Gespräch begriffen war.

Hier stand der Geheimrat Wagener, der bekannte frühere Begründer und Redakteur der »Kreuzzeitung«, eine trockene Gestalt von etwas steifer, bureaukratischer Haltung, zu welcher das von lebhaftem, ungemein ausdrucksvollem Geberdenspiel bewegte blasse, bartlose Gesicht einen gewissen Kontrast bildete. Er sprach mit dem Abgeordneten Miquel, dem Bürgermeister von Osnabrück und früheren Führer der hannoverschen Opposition, einem mageren, mittelgroßen Manne, dessen bleiches, etwas kränkliches Gesicht, von einer hohen Intelligenz durchleuchtet, sympathisch berührte, und der bei aller Schärfe der Dialektik stets in seinen politischen Gesprächen die feinsten Formen der guten Gesellschaft zu bewahren wußte.

»Ich wundere mich, Herr Geheimrat,« sagte Miquel, »daß Sie so lebhaft gegen die Ministerverantwortlichkeit sprechen. Im wohlverstandenen konservativen Interesse Preußens selbst, sowie im Hinblick auf Süddeutschland ist jene Verantwortlichkeit dringend nötig. – Würden Sie etwa die Interessen Ihrer Partei einem Ministerium, einem mit dem Bundesrat regierenden Ministerium ohne Verantwortlichkeit anvertrauen wollen? Ministerien können wechseln, und die konservative Partei findet in einem Ministerium, dessen Verantwortlichkeit nicht gesetzlich genau geregelt ist, ebenso wenig Garantien wie die liberalen Richtungen.«

»Ich bin stets gegen jede Ministerverantwortlichkeit,« erwiderte der Geheimrat Wagener, »weil sie im Prinzip die Grundsätze des monarchischen Staates zerstört und in der Praxis nichts bedeutet. – Einer starken Zentralgewalt gegenüber – und ich hoffe, baß die Zentralgewalt des norddeutschen Bundes immer stark und kräftig sein wird – ist die Ministerverantwortlichkeit wirkungslos – und einer schwachen Zentralgewalt gegenüber,« fügte er mit sarkastischem Lächeln hinzu, »haben Sie ganz andere und wirksamere Mittel. Der Verfassungsentwurf ist ein Kompromiß zwischen den vorhandenen berechtigten Elementen und Faktoren, die konstitutionelle Schablone kann uns hier nicht helfen – alle diese Amendements, welche bei der Beratung von den verschiedenen Seiten gestellt werden, sind keine Mittel zur Verbesserung, sondern nur zur Verhinderung.«

»Der Geheimrat hat vollkommen Recht!« sagte der Abgeordnete von Sybel, ein noch junger, starker Mann mit hellblondem Haar und frischem, rotem Gesicht, »die wirkliche Ministerverantwortlichkeit besteht nicht in der kriminalistischen Verfolgung, sondern in der jährlich wiederkehrenden Diskussion, in der öffentlichen Meinung, jener sechsten Großmacht, vor der man sich beugen muß, und wenn auch alle anderen Großmächte wirkungslos wären. – Sehen Sie,« fuhr er fort, »gleich nach dem Kriege hat sich die Regierung beeilt, mit der öffentlichen Meinung Frieden zu machen. Darin liegt für mich die wahre Garantie! – Und dann – das Budgetrecht –, und darin hat der künftige Reichstag nach dem Verfassungsentwurf mehr Macht, als das preußische Abgeordnetenhaus je besessen.«

Miquel schüttelte den Kopf.

Lebhaft rief der Geheimrat Wagener: »Ich kann die Unterstützung des Herrn von Sybel, so sehr ich mich freue, mit ihm einer Meinung zu sein, doch nicht in ihrem Motiv akzeptieren. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Phrase eine gewaltige und sehr bedenkliche Macht hat, und für mich ist die gefährlichste Phrase von allen die von der öffentlichen Meinung. Was ist öffentliche Meinung?« rief er, umherblickend, »woher kommt sie – und wohin geht sie? Ist die öffentliche Meinung, welche diesen Reichstag beherrscht, eine Parlamentstochter – oder nicht vielmehr eine Regimentstochter?«

Herr von Sybel lachte.

»Sie sprechen gegen die Phrase,« sagte Miquel ruhig, »und haben uns da doch soeben eine – in der Tat sehr hübsch pointierte – Phrase gemacht.«

»Das beweist, wie groß ihre Herrschaft ist, – daß selbst ihre Gegner sich ihr nicht entziehen können,« erwiderte Wagener lächelnd, »um so mehr muß man diese gefährliche Herrschaft bekämpfen!«

»Da der Herr Geheimrat Wagener uns einmal auf das Gebiet der Phrasen geführt hat,« rief der Abgeordnete Braun, welcher ebenfalls zu der Gruppe getreten war, in einer gewissen Erregung, »so muß ich ihm doch auf seine »Regimentstochter« mit dem Zitat eines französischen Schriftstellers antworten: »die Bajonette sind für vieles vortreffliche Dinge – aber sich darauf setzen kann man nicht«.«

Alle lachten.

»Ja,« fuhr Braun noch immer lebhaft animiert fort, »blicken Sie in die Geschichte, nicht der Krieg macht die öffentliche Meinung, sondern die öffentliche Meinung macht den Krieg, jeder Krieg ist überhaupt nur das Ergebnis der vorangegangenen Volksentwicklung – sein Resultat ist nur das quod erat demonstrandum der Geschichte!«

»Meine Herren, meine Herren,« rief der kleine Doktor Lasker herantretend, »Sie debattieren ja so lebhaft, als ob der Reichstag hier in diesen Salon verlegt wäre! – Lassen wir die Deputierten draußen, sie machen schon genug Lärm auf der Tribüne – Wissen Sie,« fuhr er fort, »daß der Kronprinz von Sachsen angekommen ist, um das Kommando über das Zwölfte Armeekorps zu übernehmen? Das ist sehr erfreulich – ein mächtiger Schritt zur militärischen Einheit!«

»Wenn nur die zivile Freiheit mit der militärischen Einheit käme!« sagte der Abgeordnete Braun, »aber –«

»Still, still!« rief Lasker. »Alles hat seine Zeit; lassen wir uns die eine Errungenschaft nicht verkümmern, weil wir die andere noch nicht haben, man steigt eine Leiter nicht mit einem Schritt hinauf.«

Eine gewisse Bewegung wurde im ersten Salon bemerkbar. Man sah den Grafen Bismarck schnell zur Türe schreiten – mit ehrerbietigem Gruß empfing er den Prinzen Georg von Preußen, einen großen, schlanken Mann von vierzig Jahren; ein blonder, dichter Backenbart umrahmte das blasse Gesicht von kränklichem, geistig bewegtem, aber etwas schwermütigem Ausdruck. Der Prinz trug die preußische Generalsuniform, er unterhielt sich längere Zeit mit dem Ministerpräsidenten und trat dann, indem er mit artiger Bewegung dessen weitere Begleitung ablehnte, in den zweiten Salon. Sein Blick schweifte einige Augenblicke über die Gesellschaft, dann trat er zu einem Herrn im schwarzen Frack mit mehreren Dekorationen hin, welcher soeben allein in der Mitte des Saales stand. Kaum bemerkte der die Annäherung des Prinzen, als er ihm schnell entgegeneilte und sich tief verneigte.

Der Prinz reichte ihm die Hand.

»Guten Abend, Herr von Putlitz!« rief er, »ich hätte kaum erwartet, Sie hier zu sehen, – was macht der Dichter auf dem Parkett der Politik?«

»Wenn der Dichter sich von dem Boden des Lebens loslöst, Königliche Hoheit,« erwiderte Gustav zu Putlitz mit Ton und Haltung des vornehmen Weltmannes, »so schneidet er die Wurzeln ab, welche die Blüten seiner Phantasie ernähren müssen, – übrigens,« fuhr er lächelnd fort, »könnte ich Eurer Königlichen Hoheit die Frage zurückgeben.«

Prinz Georg lächelte mit einem trüben Anflug. »Wenn ein Prinz in seinen Mußestunden einige Verse macht, so darf man ihn noch nicht einen Dichter nennen!«

»Lassen wir also den Prinzen,« sagte Putlitz, sich verneigend, »und sprechen wir von G. Conrad! – Ich habe sein Schauspiel Elektra gelesen, welches er die Güte hatte mir zuzuschicken, und ich kann Eure Königliche Hoheit versichern, daß ich darin den Geist und die Sprache des wahren Dichters erkannte.«

»Wirklich?« rief der Prinz, indem ein freudiger Strahl sein Auge belebte.

»So gewiß,« fuhr Herr von Putlitz fort, »daß ich den Verfasser bitten möchte, mir zu erlauben, dies Stück nach meiner Bühnenerfahrung für die szenische Ausführung vorzubereiten.«

»Sie glauben in der Tat,« rief Prinz Georg, indem sein bleiches Gesicht sich mit heller Röte färbte, »daß es möglich wäre, die Elektra aufzuführen?«

»Ich bin davon überzeugt und rate dringend zu dem Versuch. – G. Conrad,« fuhr er fort, »hat die Gestalt der Elektra, welche Euripides der wahren Würde der Weiblichkeit entkleidet, wieder in ihrer Reinheit hergestellt und dem Herzen sympathisch gemacht, die Verse – ich muß es sagen – erinnern zuweilen an den Reiz der Sprache Goethes.«

Ein glückliches Lächeln spielte um den Mund des Prinzen. »Sie machen mir eine große Freude, Herr von Putlitz,« sagte er, »darf ich Sie bitten, mich morgen zu besuchen, wir wollen dann weiter darüber sprechen. O,« fuhr er mit einem Seufzer fort, »es macht so glücklich, eine Tätigkeit zu haben, mit der man vielleicht hie und da ein Menschenherz erfreuen kann, das brächte Ziel und Beruf in ein Leben, dem Schwäche und Kränklichkeit den Kreis der harten Arbeit in dem Ringen und Kämpfen der Welt verschlossen haben.«

Herr von Putlitz blickte mit inniger Teilnahme in das edle, traurig bewegte Gesicht des Prinzen. »Dieses Ziel,« sagte er, »ist gewiß eben so groß und herrlich als irgend ein anderes – und vielleicht noch befriedigender für ein so großes, warmes Herz, als es aus den Dichtungen Conrads zu uns spricht,« fügte er sich verneigend hinzu.

»Was sagen Sie zu dem Tode von Cornelius?« sagte der Prinz nach einer kurzen Pause.

»Ein harter Schlag für die Kunstwelt,« erwiderte Herr von Putlitz traurig. »Der alte König Ludwig von Bayern hat an Frau von Cornelius aus Rom einen Brief geschrieben, worin er an die Sonnenfinsternis anknüpft und sagt: »Die Sonne verfinsterte sich, als der erlosch, welcher der Kunst eine Sonne war. Jene scheint wieder, aber schwerlich kommt ein Cornelius wieder.«

»Wahr, wahr!« rief der Prinz, und mit träumerischem Ausdruck fügte er hinzu: »Wie schön muß es sein, zu sterben nach einem Leben, das solche Schöpfungen hinterläßt! – Also auf morgen!« sagte er dann Zu Herrn von Putlitz und wendete sich nach einem freundlichen Kopfnicken zu dem französischen Botschafter Benedetti, welcher in seine Nähe getreten war.

Graf Bismarck war in den Saal getreten und unterhielt sich kurze Zeit mit den Mitgliedern des diplomatischen Korps.

Dann trat er auf einen ziemlich großen Mann zu, dessen rötliches Gesicht mit hoch hinauf kahler Stirn, über welche eine breite Narbe lief, und mit dunklerem Vollbart, ihm das Aussehen eines einfachen Landjunkers gab, wenn nicht die scharfen, beweglich umherspähenden Augen von einer lebhaften und erregten geistigen Tätigkeit Zeugnis abgegeben hätten.

»Guten Abend, Herr von Bennigsen!« sagte der Ministerpräsident in äußerst höflichem Tone, jedoch ohne wärmere vertrauliche Nüance, »ich freue mich, Sie bei mir zu sehen, fast fürchtete ich, daß Sie sich von hier fernhalten würden.«

»Wie könnten Eure Exzellenz das glauben!« erwiderte Herr von Bennigsen, sich verneigend, »ich habe doch seit Jahren bewiesen, daß ich dem Werke, welches Eure Exzellenz ein so gutes Stück vorwärts gefördert haben, alle meine Kräfte zu widmen bereit bin.«

»Gewiß!« erwiderte Graf Bismarck, »aber dennoch hätte ich hoffen können, Ihre Unterstützung bei dem Ausbau des Geschaffenen zu finden, statt dessen sehe ich mit großem Bedauern, daß bei den Beratungen über die Verfassung Sie und die hannoverschen Abgeordneten Ihrer Partei mir ebenso viel Schwierigkeiten in den Weg legen, als die partikularistischen Ritterschaften und die Anhänger des Welfentums. – Auf diese Weise kommen wir nicht weiter auf dem Wege zum Ziel, welches Sie als das Ihrige ebenso sehr bezeichnet haben, wie ich danach strebe.«

»Ich kann meiner Überzeugung in staatlichen Prinzipienfragen nicht untreu werden,« erwiderte Herr von Bennigsen, »in der praktischen Ausführung des Einigungswerkes werden Eure Exzellenz meiner eifrigsten Unterstützung stets sicher sein, ebenso sehr in Deutschland als in meinem besonderen Vaterlande Hannover.«

»Hannover ist sehr schwierig!« sagte Graf Bismarck nachdenklich, ich hatte gehofft, daß das preußische Regiment dort freundlicher aufgenommen werden würde, es scheint, daß auch Ihre Partei sich über die Stimmung des Landes getäuscht hatte, die Agitationen des Königs Georg finden einen fruchtbaren Boden.«

»Der König Georg, Exzellenz,« sagte Herr von Bennigsen, »ist für die Hannoveraner nur die Verkörperung der Autonomie und Selbständigkeit oder unabhängigen Selbstverwaltung des Landes. Dieses allen Hanoveranern eingeborene Unabhängigkeitsgefühl wird von den Agenten des Königs mit Geschick benutzt, während die unteren Organe der neuen Verwaltung es oft ohne Not verletzen. Die Diktatur beängstigt die Bevölkerung und läßt ihr das Vergangene in schönerem Lichte erscheinen. Das beste Mittel ist eine möglichst schnelle Organisation der Verwaltung auf autonomer Basis, man müßte dazu Vertrauensmänner des Landes heranziehen.« –

»Vertrauensmänner!« sagte Graf Bismarck, »wer hat das Vertrauen des Landes?«

Herr von Bennigsen sah ihn ein wenig befremdet an.

»Wie sollen sie ermittelt werden? Soll das Land sie wählen? – Das würde eine bedenkliche Bewegung hervorrufen und vielleicht noch bedenklichere Resultate liefern, soll ich sie berufen? Haben sie dann das Vertrauen des Landes? Die Frage ist nicht leicht,« fuhr er fort, »ich habe wohl auch schon an Vertrauensmänner gedacht, ich will mir das noch überlegen, vielleicht sprechen wir bald wieder darüber.« Herr von Bennigsen verneigte sich.

Graf Bismarck wendete sich zur Seite und stand dem damaligen Kronoberanwalt des Appellationsgerichts zu Celle, früheren hannoverschen Staatsminister Windthorst gegenüber.

Es war kaum möglich, daß zwei Persönlichkeiten einen schärferen Kontrast bildeten, als Graf Bismarck und Herr Windthorst.

Der frühere hannoversche Justizminister, im damaligen Augenblick Bevollmächtigter des Königs Georg für die Verhandlungen über die Vermögensabfindung, erschien in seiner auffallend kleinen, durch die gebückte Haltung noch niedrigeren Gestalt fast zwerghaft neben dem hohen, mächtigen Wuchs des Bundeskanzlers. Ebensoviel freie Offenheit, bewußte und stolze Kraft als in den markigen Zügen des Grafen Bismarck lag, ebensoviel versteckte List und Schlauheit drückten die geistreichen Züge des eigentümlichen, charaktervoll häßlichen Gesichts Windthorsts aus. Ein sarkastisches Lächeln spielte oft um den breiten, aber beweglichen und ausdrucksvollen Mund, eine Brille mit großen runden Gläsern schien mehr den Zweck zu haben, die Augen zu verhüllen, als das in der Tat schwache Gesicht zu unterstützen, denn der spähende Blick des kleinen grauen Auges richtete sich im Gespräch fast immer über den Rand der Brille auf den vor ihm Stehenden. Die breite, runde, mächtig gewölbte Stirn war überdeckt von sehr dünnen, kurzen grauen Haaren, die auffallend kleinen, weiblich zierlichen Hände, welche aus den weiten, Ärmeln des altmodischen Fracks hervorspielten, begleiteten die Rede mit lebhafter Gestikulation, das Kinn begrub sich oft in die weite weiße Halsbinde, wahrend das Auge von unten herauf den Eindruck der gesprochenen Worte zu verfolgen versuchte.

Er trug den Stern des österreichischen Ordens der eisernen Krone auf der Brust, das Kommandeurkreuz des hannoverschen Guelfenordens an lang herabhängendem blauen Bande um den Hals.

»Nun, mein lieber Minister,« sagte Graf Bismarck, ihn artig begrüßend, »wie stehen die Vermögensverhandlungen des Königs Georg – sind Sie zufrieden?«

»Exzellenz,« erwiderte Herr Windthorst im prononzierten Gaumenton des westfälischen Dialekts von Osnabrück, »es geht langsam vorwärts. Ihre Kommissarien sind ein wenig zäh.« –

»Ah?« rief Graf Bismarck, »das ist gegen ihre Instruktion, ich kann es nicht recht glauben; sollte nicht von Ihrer Seite die Sache etwas erschwert werden, Sie bestehen auf der Herausgabe von Dominalgut –«

»Nicht ich.« Exzellenz.« sagte Herr Windthorst, über die Brille hin zu dem Ministerpräsidenten hinaufblickend, »es ist so die Instruktion von Hietzing, wir sind ja hier nur Mandatare –«

»Aber wie ist es möglich, daß man dort halbe und zweiseitige Instruktionen gibt?« fragte Graf Bismarck, »und bei der Haltung, die der König einmal einzunehmen für gut befunden hat, würde doch ein reines Prinzip richtiger sein und die Verhandlungen befördern, was sollen dem König Domänen im preußischen Lande?

Und auf der andern Seite: Können wir einen großen Grundbesitz dem Könige in einem Lande geben, in welchem er die Landeshoheit des Königs von Preußen nicht anerkennt?«

Herr Windthorst zuckte die Achseln. »Eure Exzellenz dürfen nicht vergessen,« sagte er mit leichtem Lächeln, »daß unsere Instruktionen vom Grafen Platen kommen, es sind da verschiedene Wünsche, der Kronprinz möchte die Jagdreviere behalten, die Königin will die Marienburg nicht aufgeben –«

»Die Marienburg ist Privateigentum Ihrer Majestät,« sagte Graf Bismarck ernst, »und wird ihr nie streitig gemacht werden, auch Herrenhausen, diese historische Erinnerung des Welfenhauses, soll dem Könige gelassen werden, aber die übrigen Domänen – das geht nicht!«

»Es ist mir lieb, wenn Eure Exzellenz mir darüber eine bestimmte Erklärung geben, das wird unsere Stellung wesentlich verbessern, bis dahin werden wir keine bestimmten Anweisungen erhalten, denn Graf Platen,« er spielte mit den kleinen, spitzigen Fingern an dem Bande des Guelfenordens, »schließen Sie ihn in ein Zimmer allein mit zwei Stühlen ein, wenn Sie nach einer Stunde öffnen, so wird er zwischen beiden Stühlen auf der Erde sitzen.«

Graf Bismarck lachte.

»Übrigens, mein lieber Minister,« fuhr er ernster fort, »muß ich Ihnen sagen, daß auch die fortwährende Agitation in Hannover, deren Fäden nach Hietzing offen daliegen, nicht geeignet ist, unser Entgegenkommen in den Vermögensverhandlungen zu unterstützen.«

»Ich beklage diese vollkommen unnützen Agitationen,« sagte Windthorst, »glaube indes nicht, daß sie ernsthaft etwas zu bedeuten haben, wenn nicht,« fügte er mit einem spähenden Blick hinzu, »die Fehler der preußischen Verwaltung ihnen immer neue Nahrung geben!«

»Mein Gott!« rief Graf Bismarck, »ich kann nicht in allen unteren Organen stecken, was wäre denn zu tun, um diese Fehler zu vermeiden? Man hat mir von der Berufung von Vertrauensmännern des Landes gesprochen, um mit ihnen die Organisation der Provinz zu beraten –«

»Hm, hm,« machte Windthorst, »ich will nichts dagegen sagen, das kann vielleicht ganz gut sein, noch besser aber wäre es nach meiner Ansicht, ernste und bewährte Kräfte aus Hannover direkt in die preußische Regierung zu ziehen, das würde der Provinz Vertrauen und das Bewußtsein geben, im Rate der Krone vertreten zu sein.«

Graf Bismarcks Auge sah einen Augenblick scharf und forschend zu Herrn Windthorst hinab, ein eigentümliches Zucken bewegte eine Sekunde seine Lippen. »Das wäre ein Gedanke!« sagte er dann wie betroffen von dem Worte und nachdenklich vor sich hinblickend, »aber wie, für die innere Verwaltung? Das wäre schwierig, aber,« fuhr er fort, wie von einer plötzlichen Idee erfaßt, »die hannoversche Gesetzgebung und Rechtspflege ist ja stets ein Muster gewesen, das wäre etwas – für die Justiz«, und als folgte er einer in ihm auftauchenden Gedankenreihe, brach er ab. Herr Windthorst schlug das Auge zu Boden – ein unwillkürliches Lächeln flog über sein Gesicht.

»Die hannoversche Justiz hatte allerdings vortreffliche Kräfte,« sagte er mit bescheidenem Tone.

»Wie könnte ich das vergessen, wenn ich vor Ihnen stehe?« erwiderte Graf Bismarck verbindlich.

Herr Windthorst verneigte sich.

»Ihre speziellen Freunde, die hannoverschen Katholiken, sind uns auch nicht günstig gesinnt,« sagte Graf Bismarck.

»Ich sehe keinen Grund dafür,« sagte Herr Windthorst, »allerdings müssen sie mit Vorsicht und Geschicklichkeit behandelt werden; kann ich durch meine Erfahrung und meinen Einfluß in dieser Richtung zur Beruhigung und zur Konsolidierung der Verhältnisse beitragen, so werden Sie mich stets bereit finden.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Graf Bismarck, »ich hoffe, wir werden noch Gelegenheit finden, eingehender über diese hannoversche Frage zu sprechen, jetzt wirken Sie soviel Ihnen möglich dahin, daß man in Hietzing, wenn man die neuen Verhältnisse nicht anerkennen kann und will, ihnen wenigstens praktisch Rechnung trägt, hier werden Sie in der Vermögensfrage die größte Liberalität finden.«

Und mit freundlicher Verneigung wendete er sich zur Seite. Sein suchender Blick fand den Dr. Lasker, welcher im Gespräch mit dem Geheimrat Wagener einige Schritte vor ihm stand. Der Ministerpräsident näherte sich, Herr Wagener trat zurück.

»Nun, mein lieber Doktor,« sagte Graf Bismarck lächelnd, »muß ich einmal ein ernstes Wort mit Ihnen sprechen. Sind Sie nicht zufrieden mit dem, was in Deutschland geschehen ist?«

»Gewiß, Exzellenz,« sagte Doktor Lasker sich verneigend und das scharfe, geistvolle Auge zu dem Ministerpräsidenten emporrichtend, »gewiß bin ich zufrieden, glücklich über den mächtigen Schritt, welchen Deutschland durch Ihre Festigkeit und Energie zu seiner Einigung getan hat, und in Ihrer auswärtigen Politik werden Sie mich stets an Ihrer Seite finden, aber in den inneren Fragen –«

»Ich begreife Ihre Unterscheidung nicht recht,« sagte Graf Bismarck ernst. »Ich kann Sie versichern, daß ich es stets für die Aufgabe einer ehrlichen Regierung gehalten habe, für möglichste Freiheit des Individuums und des Volkes zu streben und zu arbeiten, soweit das mit dem Staatswohl vereinbarlich ist.«

»Es fällt mir nicht einen Augenblick ein,« sagte Doktor Lasker, »an dieser ehrlichen und aufrichtigen Überzeugung und Absicht Eurer Exzellenz zu zweifeln, indes,« fuhr er mit leichtem Lächeln fort, »möchte es vielleicht schwerer sein, uns über das Maß der mit dem Staatswohl vereinbarlichen Freiheit und über die Mittel und Wege ihrer Begründung und Erhaltung zu verständigen.«

»Vielleicht ist mein Maß weiter noch und reicher als das Ihrige,« sagte Graf Bismarck mit gedankenvoll sinnendem Ausdruck. »Und die Wege? – Glauben Sie denn ernsthaft,« fuhr er lebhafter fort, »daß die Freiheit begründet wird, wenn die Regierung den Abgeordneten des Volkes Diäten zahlt, ist England kein freies Land, ohne daß die Deputierten besoldet werden, und,« rief er erregter, »was soll es heißen, daß die Herren gegen den Militäretat und die Feststellung des Militärbudgets Opposition machen? Wo wären wir ohne die starke Armee? Vor dem Krieg konnte ich das verstehen, Sie wollten kein Spielzeug für Paraden machen, aber jetzt? – Sie freuen sich der Früchte des Sieges und wollen das Werkzeug nicht kräftigen, das dazu berufen war, diese Früchte zu erkämpfen, das vielleicht dazu berufen sein wird, sie zu verteidigen?«

Ernst blickte Doktor Lasker auf.

»Lassen Sie mich offen sein, Exzellenz!« sagte er, – »ich gehöre nicht zu den Anbetern bei grauen Theorien, welche die Freiheit nach der Schablone dieser oder jener Doktrin formen wollen, über den Theorien stehen mir die Personen, aber,« fügte er mit seinem Lächeln und schalkhaftem Blick hinzu, »da liegt's, wenn ich Eurer Exzellenz so gegenüberstehe, so erinnere ich mich der Sage von den Centauren, man möchte freudig in die dargebotene Hand einschlagen, aber man fürchtet auch den Tritt des eisenbeschlagenen Hufs.«

Graf Bismarck lachte herzlich. »Aber wenn der Centaur diese Hufe nicht hätte,« rief er heiter, »wie sollte er vorwärts kommen auf dem coupierten Terrain, wo man ihm neben den natürlichen noch so viele künstliche Hindernisse schafft?«

»Eure Exzellenz müssen mir aber zugeben,« sagte Doktor Laster, »daß wir – ich und meine politischen Freunde, die Liberalen, – in großer Verlegenheit sind. So gern wir Sie unterstützen möchten – wir werden scheu, wenn wir Ihre Umgebungen sehen. Sie haben Gewaltiges vollbracht, Sie haben – niemand erkennt es mehr und höher an wie wir – der wahren Freiheit eine Gasse in Deutschland gebahnt, aber hier in Preußen bleibt alles beim Alten. Da ist der Graf Lippe, da ist Mühler, noch immer Mühler,« fuhr er fort, »können Sie da erwarten, daß wir Vertrauen zu der innern Verwaltung haben sollen? Diesen Männern gegenüber müssen wir in der Opposition bleiben und für uns selbst sorgen. – Und.« sprach er weiter, als Graf Bismarck schwieg, »abgesehen von diesen Ministern, verzeihen Eure Exzellenz meine Offenheit, kann es uns Vertrauen einflößen, wenn Sie Männer wie Wagener in Ihre unmittelbare Nähe ziehen? – Ich habe Wagener persönlich ganz gern und habe mich eben noch sehr gut mit ihm unterhalten, aber er ist doch zu allen Zeiten der Vertreter der äußersten Reaktion gewesen, und –«

Er schwieg.

»Glauben Sie denn,« rief Graf Bismarck in heiterem Tone, »daß ich am Gängelbande meiner Referenten gehe – und daß,« fügte er lachend hinzu, »der Huf des Centauren in ängstlichem Respekt zurückbebt vor dem Hühnerauge der Bureaukratie? – Wagener!« fuhr er fort, »sehen Sie, mein lieber Doktor, wenn Sie arbeiten, wenn Sie jene geistreichen Reden überdenken, welche ich oft bewundere, so werden Sie öfter Ihr Konservationslexikon aufschlagen. Nun sehen Sie, ich habe noch viel weniger Zeit wie Sie, ich kann nicht nachschlagen und lesen, ich bedarf eines lebendigen Konversationslexikons –«

Doktor Lasker lachte herzlich.

»Nun,« fuhr Graf Bismarck fort, »Sie werden zugeben, daß Wagener unerreichbar in dieser Beziehung ist, er hat eine Gewandtheit der Auffassung und Reproduktion, eine Geschicklichkeit in der Assimilierung fremder Gedanken, die mich oft in Erstaunen setzt, und das habe ich nötig, die Entschlüsse aber sind die meinen, mein allein,« fügte er mit stolzem Emporwerfen des Kopfes hinzu, »und ich will die Freiheit, die ich allen gönne, auch für mich!«

»So lassen Eure Exzellenz Ihrem aufrichtigsten Verehrer und Bewunderer auch die Freiheit seiner gewiß gut gemeinten Opposition, da ja doch die auswärtige Politik, in der Sie stets auf mich zählen können – Pause macht.«

»Pause?« fragte Graf Bismarck mit dem Ausdruck des Erstaunens, »Pause, die auswärtige Politik? – mir scheint, die Pause ist vorbei!«

Erstaunt und betroffen blickte Doktor Lasker auf.

Graf Bismarck schwieg einen Augenblick gedankenvoll. »Mein lieber Doktor,« sagte er dann, »ich glaube, die auswärtige Politik steht an einem Punkte, der mir viel Sorge machen wird.«

Mit höchster Spannung sagte Doktor Lasker: »Ich weiß nicht, ob die Diskretion mir erlaubt, Eure Exzellenz zu fragen, was in dieser anscheinend tiefen Ruhe Ihnen Sorge machen kann?«

»Warum nicht?« sagte Graf Bismarck. – »Sehen Sie, der König von Holland will Luxemburg an den Kaiser Napoleon verkaufen.«

Doktor Lasker machte fast einen Sprung.

»Und das wollen Eure Exzellenz dulden?« rief er mit funkelnden Augen, »Luxemburg ist deutsch, deutsches Gebiet an Frankreich?!«

»Ich bin in einer eigentümlichen Lage,« sagte Graf Bismarck achselzuckend, indem sein klares, graues Auge scharf zu dem erregten Gesichte des Deputierten herabblickte, »Sie wissen, der deutsche Bund ist aufgehoben, die staatsrechtliche Seite der Frage ist dadurch ein wenig verwickelt geworden –«

»Was Staatsrecht!« rief Doktor Lasker zitternd vor Aufregung, »dies ist eine Frage des nationalen Rechtes, der nationalen Ehre Deutschlands –«

»Damit sie das würde,« warf Graf Bismarck ein, »müßte die Nation sprechen –«

»Und wenn sie spräche,« rief Doktor Lasker, »würden Eure Exzellenz –«

»Wenn die Nation spricht,« sagte Graf Bismarck mit leuchtendem Blick und metallischer Stimme, »dann werde ich der Vollstrecker ihres Verdikts sein, so wahr ich hier vor Ihnen stehe, und wehe dem, der sich dem Willen Deutschlands entgegenstellt!«

»Exzellenz,« rief Doktor Lasker, »darf ich von dem Inhalt unserer Unterhaltung Gebrauch machen?«

»Warum nicht?« fragte Bismarck.

»Am 1. April ist Ihr Geburtstag, Exzellenz,« sagte Doktor Lasker, indem er die Hand erhob, »Sie sollen den einmütigen Ausspruch des nationalen Willens als Geburtstagsgeschenk erhalten.«

»Ein solches Geschenk wird mich seiner würdig finden,« sagte Graf Bismarck.

Und freundlich grüßend, wendete er sich zu einer Gruppe von Diplomaten, mit jedem einige Worte wechselnd.

Doktor Lasker aber durcheilte den Saal, bald hier, bald dort einen seiner Bekannten zur Seite ziehend und eifrig mit ihm sprechend.

Bald bemerkte man überall eine außergewöhnliche Bewegung. Gruppen bildeten sich in lebhaftem Gespräch, die hervorragenderen Mitglieder der Parteien sahen sich umringt, Bestürzung und Unruhe lag auf allen Gesichtern.

Bald teilte sich diese Bewegung den Diplomaten mit, man drängte sich zum Grafen Bylandt, welcher mit wenigen Worten die Nachricht bestätigte, die wie ein Lauffeuer durch die Säle zog. Die Vertreter der größeren Mächte traten an den Ministerpräsidenten heran, er antwortete mit ruhigster Miene und leichtem Achselzucken auf ihre Fragen.

Aus einer Gruppe, welche sich um den Doktor Lasker gebildet hatte, trat Herr von Bennigsen und näherte sich dem Bundeskanzler.

Graf Bismarck, dessen scharfes Auge jede Nüance der im Saale entstandenen Bewegung verfolgte, trat ihm entgegen.

»Ich bitte um Verzeihung, Exzellenz,« sagte Herr von Bennigsen mit leicht zitternder Stimme, »daß ich Sie anrede, aber die unerhörte Nachricht, welche hier die Runde macht –«

»Der Verkauf von Luxemburg?« warf Graf Bismarck leicht hin.

»Diese schmähliche Geschichte ist also wahr?« fragte Herr von Bennigsen.

»Es scheint etwas daran zu sein,« sagte Graf Bismarck ruhig, »ich sehe noch nicht klar –«

»Aber dazu kann, dazu darf,« rief Herr von Bennigsen, »die Nation, der Reichstag nicht schweigen, würden Eure Exzellenz etwas gegen eine Interpellation im Reichstage zu erinnern haben?«

»Wie sollte ich?« erwiederte Graf Bismarck, »je mehr Licht in diese Sache kommt, desto besser. – Selbstverständlich werde ich auf eine solche Interpellation nur antworten können, was ich weiß.«

»Aber der Reichstag muß seinen Standpunkt, seinen Willen klar aussprechen!« rief Herr von Bennigsen.

»Und dieser Wille wird mir maßgebend sein!« sagte Graf Bismarck.

Herr von Bennigsen verbeugte sich und bald verließen die Führer der Parteien die Säle.

»Es scheint, mein lieber General,« sagte Graf Wrangel an den Ministerpräsidenten herantretend, »daß da eine Federfuchserei im Werk ist –«

»Der Kürassier ist auf dem Posten, Exzellenz,« erwiederte Graf Bismarck mit festem Ton, »und wenn es Not tut, wird der Pallasch dazwischen fahren.«

Ruhig und still, mit glattem, lächelndem Gesicht hatte Herr Benedetti die Bewegung verfolgt, welche den Saal erfüllte. »Er ist ein furchtbarer Gegner!« flüsterte er und glitt mit leichtem Schritt über das Parkett zur Ausgangstür hin.

Die Säle leerten sich immer mehr.

Graf Bismarck trat zu Herrn von Keudell.

»Lassen Sie morgen in allen Zeitungen eine Notiz über die luxemburger Sache erscheinen, einfach und tatsächlich, ohne alles Räsonnement, äußerst friedlich und in keiner Weise provozierend.«

Herr von Keudell verneigte sich.

»Der Schneeball ist losgelöst,« sprach der Ministerpräsident leise, »warten wir ab, ob der schlaue Cäsar es wagen wird, sich der rollenden Lawine des deutschen Nationalwillens entgegenzustellen!«

Artig verabschiedete er sich von den letzten seiner Gäste und schritt langsam seinen Gemächern zu.

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