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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
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Sechstes Kapitel.

In seinem hellen Arbeitskabinett im Palais zu Berlin stand König Wilhelm leicht über einen Tisch geneigt und blickte aufmerksam auf eine Reihe von Blättern, welche der vor ihm stehende Geheime Hofrat Schneider ihm vorlegte.

Der König, in seinem schwarzen Interimsrock, sah frisch und blühend aus, der jugendlich kräftige Ausdruck des schönen, männlichen Gesichts im schneeigen Haar und Bart hatte keine Verminderung erfahren durch die Mühen und Aufregungen des Feldzuges im vorigen Jahre, nur lag ein noch tieferer, sinnender Ernst auf diesen kräftigen Zügen, welcher, verbunden mit dem Schimmer einer ruhigen, stillen Milde, Ehrfurcht und Sympathie zugleich jedem einflößen mußte, der in dies königliche Antlitz blickte.

Der Geheime Hofrat, dessen glatt gescheiteltes Haar noch um eine kleine Färbung weißer geworben, deutete auf ein koloriertes Kostümbild, welches er dem Könige vorgelegt hatte, und sprach mit seiner schönen, sonoren und ausdrucksvollen Stimme:

»Wie Eure Majestät befahlen, habe ich die Zeichnungen der alten Uniformen, welche in dem Reiterfeste an Eurer Majestät Geburtstag zur Vorstellung kamen, mit der genauesten historischen Treue anfertigen lassen. Hier sehen Eure Majestät,« fuhr er fort, »das Kostüm der Grands Mousquetaires des großen Kurfürsten, roter Rock mit Gold, die Schöße mit weißer Seide aufgenommen, blaugoldenes Wehrgehäng, dreieckiger Hut mit weißblauen Federn und weite Stulpstiefel –«

Er legte das Blatt, welches der König aufmerksam betrachtet hatte, zur Seite.

»Und hier,« fuhr er fort, indem er ein zweites Blatt vor Seine Majestät hinlegte, »die Dragoner von Fehrbellin, in ihren weißen Röcken, um den Hals den silbernen Ringkragen mit dem roten kurbranbenburgischen Adler, blaue Stulpenaufschläge und blanke Reiterstiefel, in der Hand den wuchtigen Eisenhauer. – Hier,« sprach er dann, einige andere Bilder vorlegend, welche der König flüchtig betrachtete, »die Kostüme Louis XIII. von der Quadrille des Herzogs Wilhelm, und hier die ungarischen Magnatenkostüme und die Walachen –«

»Es war ein schönes Fest, das man da für mich arrangiert hat,« sagte der König, »und so ganz nach meinem Sinne, noch ansprechender für mich als jenes Turnier, welches damals zu Ehren meiner Schwester Charlotte gehalten wurde –«

»Dessen Bild auf der schönen Vase in Potsdam gemalt ist,« bemerkte der Hofrat.

»Wie die Zeiten vergehen!« sagte der König, indem sein Auge freundlichen Bildern der Vergangenheit zu folgen schien und zugleich ein wehmütiges Lächeln um seine Lippen spielte, »meine Schwester Charlotte ist tot – und wie wenige sind noch übrig von jener fröhlichen Schar, die sich damals so lustig tummelte unter dem ernstfreundlichen Blick meines Vaters! – Wie viele Herzen, die damals in Liebe und Jugendmut schlugen, ruhen im Grabe – und wie viele Gefühle in den Herzen, die noch schlagen, haben ebenfalls sterben müssen!«

Er stand einen Augenblick schweigend, das sinnende Auge leicht verschleiert. Der Geheime Hofrat blickte voll Teilnahme zu ihm empor.

Der König nahm das Kostümbild, welches den Dragoner des Großen Kurfürsten darstellte, in die Hand und betrachtete es lange.

»Es hat mich wunderbar erfaßt,« sprach er dann, »als ich diese Reiter der vergangenen Tage verkörpert vor mir sah, gleichsam einen lebendigen Blick in die Vergangenheit tauchend, welche die Grundsteine legte zu dem Bau der heutigen Größe Preußens. – Da ist der rote Adler von Kurbrandenburg am Ringkragen des Reiters von Fehrbellin, hat er es wohl geahnt, der große Brandenburger, der Deutschlands Ehre und Größe so warm im Herzen trug, daß dieser rote Adler dem schwarzen weichen würde, und daß der König von Preußen unter der schwarzweißen Fahne hoch hinaus vollenden würde, was der Kurfürst von Brandenburg begonnen? – Und der große Friedrich, dieser Fürst mit der französischen Zunge und dem deutschen Herzen, was würde er sagen, wenn er seinen Enkel hier sehen könnte mit der Hand am Reichsschwert der deutschen Nation, die sich um mich schart unter der schwarz-weiß-roten Fahne!«

Der Geheime Hofrat schüttelte den Kopf.

»Majestät,« sagte er mit leicht mürrischem Tone, »das Rot ist eine Farbe, die mir nirgends gefällt als an den Kragen königlich preußischer Uniformen, an Fahnen liebe ich es nicht, und meine Fahne wird immer schwarz-weiß bleiben, und diese Fahne wird Deutschland in Ordnung halten, ich hoffe, daß das Rot niemals zu viel Platz gewinnen wird in der preußischen Fahne!«

Der König lächelte. »Ich weiß, daß Sie nicht leicht für eine Neuerung zu gewinnen sind, nun – folgen Sie nur fest und unbeirrt der alten Fahne – ich glaube, Sie werden in keine Konflikte geraten, denn wohin ich siegreich die Fahne Preußens trage, da wird Deutschlands Ehre und Größe keinen Schaden leiden. – Hier ist übrigens noch eine Neuerung,« fuhr der König fort, indem er sich zu einem Seitentisch wendete, »die Sie interessieren wird, da Sie ja mit Leib und Seele Soldat sind, die Kommission, welche ich unter des Kronprinzen Vorsitz habe zusammentreten lassen, um nach den Erfahrungen des letzten Feldzuges die geeignetste Ausrüstung der Infanterie in Erwägung zu ziehen, hat mir einige Modelle vorgelegt –«

Und er nahm einen Helm und reichte ihn dem Hofrat.

»Sehen Sie ihn an,« sagte der König, »er scheint mir viel zweckmäßiger als der frühere, er ist fast ganz aus einem Lederstück gepreßt, so daß alle Metallstücke wegfallen, welche bisher die Nähte verdeckten, das wird ihn viel leichter machen.«

Der Geheime Hofrat wog den Helm in der Hand und betrachtete ihn von allen Seiten.

»Im Felde sollen übrigens nur Mützen getragen werden,« sagte der König.

»Majestät,« sagte der Hofrat Schneider, indem er den Helm wieder auf den Tisch legte, »wenn diese Kopfbedeckung nicht im Felde getragen wird, so ist sie jedenfalls sehr praktisch; im Felde, wissen Eure Majestät, welche Kopfbedeckung ich allen übrigen vorziehe?«

»Nun?« fragte der König lächelnd.

»Die alte schwarze Ledertuchmütze mit dem weißen Landwehrkreuz von 1813, die hat ihre Probe bestanden – und –«

»– Wilhelm Schultze,« lachte der König.

»Auch Wilhelm Schultze hat seine Erfolge gehabt!« erwiderte der Hofrat.

»Und welche Erfolge!« sagte der König, indem er mit freundlichem Blick dem Hofrat leicht auf die Schulter klopfte, »und so Gott will,« fügte er ernster hinzu, »wird der preußische Landwehrmann unter dem alten Kreuze mit Gott für König und Vaterland überall und immer seinen Erfolg haben – so lange sie grün bleiben, die alten Tannenbäume im märkischen Sande!« –

»Majestät,« sagte der Geheime Hofrat, indem seine klaren, lebendigen Augen sich sinnend auf den König richteten, »wenn noch einmal, und ich habe so eine Ahnung davon, eine Reprise vom Kurmärker und der Picarde auf dem großen Welttheater kommen sollte, dann nehmen Eure Majestät mich mit und erlauben Sie mir, die alte Mütze mit dem weißen Kreuz zu tragen – und so Gott will, Majestät, den Soufflet bekommen sie doch!«

In tiefem Ernst blickte König Wilhelm vor sich hin.

»Wie wunderbar ist diese Zeit!« sprach er nach längerem Schweigen, »welche gewaltigen, tiefen Erschütterungen und Veränderungen hat sie gebracht – einen unberechenbaren Schritt hat die Weltgeschichte gemacht in der kurzen Spanne weniger Wochen! – Und – sonderbar,« fuhr er fort, »wenn sonst gewaltige Umwälzungen sich vollzogen, so war es der Arm der Jugend, welchen die Vorsehung sich zum Werkzeug ausersah, jetzt aber bin ich, ein alter Mann, dazu bestimmt, so Mächtiges und Außergewöhnliches auszuführen.«

»Majestät,« rief der Hofrat, »der König von Preußen wird niemals alt – denn im umgekehrten Sinne wie Ludwig XIV. kann er von sich sagen: le roi c'est l'état, und der preußische Staat ist immer jung, denn er verkörpert sich in der stets frischen Jugendblüte der Armee!«

»Ihre Königliche Hoheit die Frau Herzogin Wilhelm von Mecklenburg!« meldete der diensttuende Kammerdiener und öffnete auf einen Wink des Königs den Flügel der Türe.

Die frische, jugendliche Herzogin, Prinzeß Alexandrine von Preußen, trat ein.

Rasch eilte sie auf den König zu und küßte ihm in kindlicher Ehrerbietung die Hand, dann nickte sie freundlich dem Geheimen Hofrat zu, der sich tief verneigte.

»Ich bringe Eurer Majestät einige der Photographien von den Damen, welche am Reiterfeste mitgewirkt haben,« sagte die Herzogin, indem sie eine kleine Mappe öffnete, die sie in der Hand trug, während der König freundlich sein Auge auf der schönen, lieblichen Erscheinung ruhen ließ.

»Schneider hat mir soeben die Kostümbilder vorgelegt,« sagte der König, »und wird,« fügte er lächelnd hinzu, »mit seiner gewohnten Gewandtheit und Genauigkeit eine Beschreibung der Sache aufsetzen zum Gedächtnis dieses schönen Festes, für dessen Arrangement ich auch dir, liebe Alexandrine, nochmals herzlich danke.«

Die Herzogin verneigte sich und warf dann einen Blick auf die Zeichnungen.

»Vortrefflich!« rief sie, »da werden wir nur die Köpfe nach den Photographien hineinfügen dürfen, und wir werden herrliche Bilder haben.«

Sie zog eine Anzahl Photographien aus ihrer kleinen Mappe und reichte sie dem Geheimen Hofrat.

Eine behielt sie in der Hand und betrachtete sie sinnend.

»Da habe ich auch,« sagte sie mit etwas unsicherer Stimme, indem sie einen schüchternen Blick auf den König warf, »eine Photographie der Königin von Hannover erhalten, Eure Majestät wissen, wie sehr ich die hannoversche Familie liebe, die Königin ist ganz weiß geworden.«

Stumm streckte König Wilhelm die Hand aus und ergriff die Photographie, welche die Herzogin ihm reichte.

Der Geheime Hofrat blickte mit bewegtem Ausdruck forschend auf den König.

Der König betrachtete lange schweigend das Bild. Seine Züge nahmen eine unendliche Weichheit und Milde an.

»Arme, arme Königin!« sagte er leise, »sie hat Schweres zu tragen! – O wie traurig ist es, daß jeder große Fortschritt in der Geschichte so viel Leiden mit sich bringen muß! – Wie gerne würde ich dieser königlichen Familie ihr Los erleichtern und ihr eine Existenz schaffen, die ihrer würdig ist und ihr eine große und schöne Zukunft bietet, leider, leider wird mir dies durch die unversöhnliche Haltung des Königs Georg so sehr erschwert. – Verbietet er doch der Königin noch immer, die Marienburg zu verlassen, wo sie sich in einer so falschen Position befindet und ihr Schicksal schmerzlicher empfindet als irgendwo!«

Große Tränen fielen aus den Augen der Herzogin.

»Mein Gott!« rief sie, »ich kann Eurer Majestät nicht sagen, wie schmerzlich es mir ist, an die arme Königin auf der Marienburg zu denken, wenn ich mich erinnere, wie ich vor zwei Jahren mit meinem Bruder dort war, als wir von Norderney zurückkamen, wie schöne Stunden wir dort in dem glücklichen Familienkreise verlebten – mit welchen Wünschen und Hoffnungen ich von dort abreiste,« fügte sie seufzend hinzu, »und nun! – Man wird doch nichts Unangenehmes gegen die Königin tun?« fragte sie mit bittendem Tone.

Mit einem Blick voll Adel und Hoheit erwiderte König Wilhelm:

»Ich war Prinz und Offizier, bevor ich König wurde, und niemals werden die Rücksichten vergessen werden, welche man einer Dame, einer verwandten – und unglücklichen Fürstin schuldig ist,« fügte er mit Betonung hinzu. – »Die Königin wird sich eben darein finden müssen,« fuhr er ernst fort, »daß sie mein Gast ist, und die Sicherheit des Staates erfordert es, Vorkehrungen zu treffen, daß ihre Anwesenheit von der welfischen Agitation nicht als Vorwand oder Stützpunkt benutzt werde. – Könnte man doch,« fuhr er fort, »auf den König Georg wirken, daß er die Königin abreisen läßt, direkt kann ich nichts dazu tun –«

Die Herzogin sann nach. – »Ich wußte,« rief sie, »daß Eure Majestät stets groß und edel handeln würden, möchte es doch möglich sein, ein wenig versöhnend auf den König Georg einzuwirken, vielleicht –«

»Doch nun,« sagte der König, »stelle ich Schneider für das Arrangement der Bilder zu deiner Disposition, nimm ihn mit – und führt alles recht hübsch und präzise aus!«

Das Gesicht der Herzogin hatte seine ganze frische Heiterkeit wiedergefunden. Mit schalkhaftem Lächeln blickte sie auf den alten Vertrauten des Königlichen Hauses.

»Ich weiß nicht,« fugte sie, »ob der Herr Geheime Hofrat gern mit mir zu tun hat, ich habe ihm viel zu schaffen gemacht – früher im Garten von Sanssouci, wenn er zum König kam, nicht wahr,« sagte sie mit scherzender Frage, »ich war zuweilen eine recht unartige kleine Prinzeß?«

Der Hofrat verneigte sich gegen den König und sagte mit einer feierlichen Stimme:

»Eure Majestät würden es vermessen finden, wenn ich wagte, Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Herzogin vor Allerhöchstdenselben ein Dementi zu geben!«

»Immer der Alte!« rief die Herzogin, »›mit ihm muß man nicht anbinden,‹« sagte schon der hochselige König –«

»Adieu!« rief König Wilhelm lachend.

Die Herzogin küßte ihm die Hand und verließ das Kabinett; mit tiefer Verneigung gegen den König folgte der Geheime Hofrat.

»Minister von Schleinitz steht zu Befehl,« meldete der Kammerdiener.

Der König neigte zustimmend das Haupt, der Minister des Königlichen Hauses trat ein, eine schlanke, jugendlich elastische Gestalt mit vollem dunkelschwarzen Haar und Schnurrbart, weder in seinem Aussehen noch in seiner Haltung das Alter von fast sechzig Jahren verratend, in welchem er damals stand. Er trug den blauen Interimsfrack der Minister mit dem schwarzen Samtkragen, auf der Brust den goldenen Stern der Großkreuze vom roten Adler.

»Guten Morgen, lieber Schleinitz!« sagte der König freundlich, »wie geht es Ihnen, was macht Ihre Frau? – und die Fürstin Hatzfeld?«

»Ich danke Eurer Majestät untertänigst,« erwiderte Herr von Schleinitz, »für die gnädige Frage, es geht alles bei mir nach Wunsch –«

»Machen Sie den Damen mein Kompliment,« sagte der König verbindlich, »und nun, haben Sie den Vertrag festgestellt?«

Herr von Schleinitz zog ein Papier aus seinem Portefeuille.

»Zu Befehl, Majestät!« sagte er, »der Heiratsvertrag zwischen Seiner Königlichen Hoheit dem Grafen von Flandern und Ihrer Hoheit der Prinzessin Marie von Hohenzollern ist nunmehr ganz nach der letzten Fassung, die ich Eurer Majestät vorgelegt habe, von Seiner Hoheit dem Fürsten und dem Baron Nothomb genehmigt, und wenn Eure Majestät demselben nun die Allerhöchste Approbation geben, so kann ich ihn morgen mit Nothomb unterzeichnen – die Vermählung ist auf den 25. April angesetzt, am 23. will des Königs der Belgier Majestät mit dem Grafen von Flandern hier eintreffen, wie Eure Majestät dann noch spezieller durch das Auswärtige Amt erfahren werden.«

»Wenn der Fürst von Hohenzollern einverstanden ist, und Belgien ebenfalls,« sagte der König, indem er den Vertrag leicht durchflog, »so ist ja alles in Ordnung – das ist ja eine Fürstlich Hohenzollernsche Familienangelegenheit, in die ich mich nur, soweit das die Form erfordert, als Chef des Gesamthauses zu mischen habe, also unterzeichnen Sie den Vertrag.« –

Ein Schlag gegen die Tür ertönte.

Der diensttuende Flügeladjutant, Rittmeister Graf Lehndorff, ein hoher, schlanker Mann, trat ein und meldete in dienstlicher Haltung:

»Der Ministerpräsident Graf Bismarck bittet Eure Majestät in dringenden Angelegenheiten um Audienz.«

Erstaunt blickte der König auf.

»Ich bitte ihn einzutreten,« sagte er.

»Also, mein lieber Schleinitz, unterzeichnen Sie den Vertrag, wie der Fürst von Hohenzollern ihn genehmigt hat – und nochmals mein Kompliment an Ihre Damen.«

Herr von Schleinitz zog sich mit tiefer Verneigung gegen den König zurück, indem er in der Tür einen leichten Gruß mit dem Grafen Bismarck wechselte, welcher raschen Schrittes hereintrat im weißen Waffenrock mit gelbem Kragen und Aufschlägen, den Stern des Schwarzen Ablerordens auf der Brust, den glänzenden Stahlhelm unter dem Arm.

»Was bringen Sie, Graf Bismarck?« sagte der König, den Ministerpräsidenten mit freundlichem Kopfnicken begrüßend, »Sie sehen heiter aus – Sie haben also gute Nachrichten.«

»Gute oder schlimme,« sagte Graf Bismarck, »wie man sie nehmen will, Majestät, für mich ist jede Nachricht gut, welche Licht in eine unklare Situation bringt. Die erste Phase der Auseinandersetzung mit Frankreich beginnt!«

Das Gesicht des Königs wurde tiefernst. Gespannt blickte er auf den Minister, welcher einige Papiere, die er in der Hand getragen, auseinander breitete.

»Die Kompensationsfrage taucht wieder auf,« sagte Graf Bismarck, »der Kaiser Napoleon will dem König von Holland Luxemburg abkaufen.«

»Luxemburg!« rief der König mit flammendem Blick, »deutsches Gebiet?«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte Graf Bismarck, »man wollte das so ganz hübsch im stillen abmachen und uns vor ein fait accompli stellen, glücklicherweise scheint der König Wilhelm III. ein wenig besorgt geworden zu sein und hat uns das Spiel aufgedeckt – wofür man ihm in Paris wahrscheinlich sehr wenig Dank wissen wird. – Befehlen Eure Majestät, den Bericht des Grafen Perponcher zu hören?«

»Geben Sie!« rief der König, und schnell den Bericht ergreifend, durchlas er ihn aufmerksam.

»Zugleich,« sprach Graf Bismarck lächelnd, als der König geendet, »zugleich hat Graf Bylandt im Namen des Königs der Niederlande die Vermittlung bei den Verhandlungen mit Frankreich angeboten.«

»Eigentümliches Spiel!« rief der König. »Sie haben doch,« fuhr er fort, »sogleich geantwortet, daß von einer Abtretung deutschen Bodens – denn deutscher Boden ist Luxemburg – nun und nimmer die Rede sein kann!«

»Das habe ich gedacht, Majestät,« erwiderte Graf Bismarck ruhig, »und es bei mir selbst als feste Richtschnur meines Handelns festgestellt, aber,« fuhr er fort, »antworten möchte ich es noch nicht.«

Der König sah ihn fragend an.

»Ich möchte nicht,« sagte Graf Bismarck, »sogleich und in diesem Augenblick den Konflikt provozieren, den man unter diesen Umständen in Frankreich kaum wird auf die Spitze treiben wollen. – Sollte der Kaiser Napoleon dies aber tun, so müssen wir ihm vor allem die Rolle des Angreifers, der den europäischen Frieden stört, klar vor aller Welt und vor den Kabinetten zuschieben, außerdem ist es nach meiner Meinung die wesentlichste Bedingung für die Zukunft Deutschlands, daß der Krieg mit Frankreich – der nach meiner Überzeugung früher oder später kommen muß und kommen wird, ein wirklicher und wahrhafter Nationalkrieg sei, ein solcher allein gibt uns die volle Sicherheit des Sieges – und zugleich die Gewähr, daß durch den Sieg – und das Blut, das dieser kosten wird,« fügte er mit tiefernstem Tone hinzu, »Deutschland wirklich einig werden wird. Ich möchte also diese Angelegenheit zunächst weniger als Kabinettssache, vielmehr als eine nationale Frage behandeln und habe mir erlaubt, hier einen Entwurf der Antwort aufzusetzen, welche ich Perponcher geben möchte.«

Er reichte dem Könige das von Herrn von Keudell beschriebene Blatt.

König Wilhelm las es langsam und aufmerksam durch.

»Ich verstehe,« sagte er dann lächelnd mit dem Kopfe nickend, »ich verstehe, Sie haben da mit einem Schlage die Sachlage umgekehrt, gut, gut – ich sehe, Sie haben in der Schule zu Paris gelernt und verstehen die dortige dunkle Politik zu behandeln.«

Er sah einige Augenblicke sinnend zu Boden.

»Welch labyrinthische Fäden dieser geheimnisvolle Mann zieht!« sprach er dann mit fast trauriger Stimme, »ich kann es nicht leugnen, er hat für mich etwas Angenehmes, sympathisch Berührendes, ich habe oft die Feinheit und Schärfe seiner Auffassung bewundert – namentlich, als ich in Baden mit ihm sprach, und gern möchte ich mit ihm in guten Beziehungen stehen, aber man kann ihm nie trauen!«

»Weil er auch auf dem Throne niemals aufhört, Konspirateur zu sein!« sagte Graf Bismarck, »das ist stärker als er, diese ganze Sache ist wieder ganz im Verschwörungsstil arrangiert, ich bin übrigens sehr erstaunt, daß alles so weit gedeihen konnte, ohne daß irgendein Avis darüber von Paris gekommen ist.«

Der König schwieg.

»Wenn ich übrigens,« fuhr Graf Bismarck fort, »die Ansicht auszusprechen mir erlaubt habe, daß bei richtiger Behandlung diese ganze Frage keinen kriegerischen Charakter annehmen werde, so darf man doch die Augen nicht vor der Möglichkeit verschließen, daß dennoch ernste Verwicklungen daraus entstehen konnten, und da Eure Majestät entschlossen sind, in keinem Falle zu dulden, daß Luxemburg an Frankreich abgetreten werde –«

»In keinem Falle!« rief der König.

»So möchte ich Eure Majestät untertänigst bitten, sogleich nach dem Grundsätze zu verfahren: si vis pacem, para bellum – und alles vorzubereiten, damit wir durch die Ereignisse nicht überrascht weiden.«

Der König neigte das Haupt und dachte einen Augenblick nach.

Dann schritt er schnell zur Tür des Vorzimmers, öffnete dieselbe und rief: »General von Moltke!«

Der berühmte Chef des Großen Generalstabs, auf welchen damals der Feldzug von 1866 die Augen von ganz Europa gezogen hatte, trat in der Dienstuniform der Generale der Infanterie, den Helm unter dem Arme, ein.

In dienstlicher Haltung, das sinnende Auge zum Könige aufgeschlagen, erwartete er die Anrede des Monarchen.

»Mein lieber General,« sagte der König, »da Sie gerade da sind, können wir sogleich eine vorläufige Beratung über eine sehr ernste Frage halten. – Graf Bismarck teilt mir soeben mit,« fuhr er fort, »daß zwischen Frankreich und Holland Verhandlungen über den Verkauf von Luxemburg bestehen –«

Der General preßte die feinen Lippen noch fester zusammen, und ein schnelles Licht strahlte aus dem tiefen Blick seines Auges.

»Obwohl ich hoffe,« sprach der König weiter, »übereinstimmend mit dem Grafen Bismarck, daß die Sache sich friedlich ausgleichen wird, so müssen wir doch auf alles gefaßt sein, da selbstverständlich Luxemburg niemals französisch werden darf. Überlegen Sie, was geschehen muß, um uns für alle Fälle vor Überraschungen zu schützen, natürlich dürfen keine sichtbaren Vorbereitungen stattfinden.«

Das ernste, stille Gesicht des Generals belebte sich, mit ruhiger Stimme sprach er:

»Köln, Koblenz und Mainz müssen verproviantiert und alles vorbereitet werden, um diese Plätze sofort armieren zu können, außerdem muß ein zuverlässiger Kommandant von Luxemburg designiert werden, der bei der ersten ernsten Wendung der Sache sofort dorthin abgeht.«

Der König neigte zustimmend das Haupt.

»Wen würden Sie vorschlagen?« fragte er.

»Den Generalleutnant von Goeben,« erwiderte General von Moltke, ohne einen Augenblick zu zögern.

»Goeben – Goeben, ja, das ist der rechte Mann dafür, er hat etwas von Ihnen, lieber Moltke,« sagte der König.

»Er wägt wie ein Mann und wagt wie ein Jüngling,« sprach der General ruhig. »Natürlich müßten die Mobilmachungsorders vollständig vorbereitet und die eventuellen Dislokationen so angeordnet werden,« fuhr er fort, »daß wir in kürzester Frist in Frankreich sind, wenn es zum Kriege kommen sollte.«

»Moltke ist seiner Sache sicher!« sagte der König, indem er mit freundlichem Lächeln den Blick auf dem ernsten Antlitz des Generals ruhen ließ.

»Es ist nicht Vermessenheit oder übergroßes Selbstbewußtsein, Majestät,« erwiderte General von Moltke ruhig, »die französische Armee ist mitten in einer Umformung begriffen – und das ist der schlimmste Zustand für die Schlagfertigkeit einer Truppe, außerdem aber sind sie dort, wie ich meine, so vollständig unfähig, sich der Taktik der heutigen Kriegführung anzupassen, daß ich hoffe, meines Erfolges sicher zu sein, und muß es einmal zum Kriege kommen, wie ich es auch fast glaube, so wünsche ich ihn lieber heute wie morgen, denn je länger es dauert, je mehr Zeit hat der Marschall Niel, der einzige wirklich organisatorische Feldherr, den sie dort haben, seine Gedanken und Pläne auszuführen.«

»Sie machen große Anstrengungen in Frankreich,« sagte der König nachdenklich, »um ihre Armee zu reformieren, und unsere Erfahrungen für sich zu benutzen.«

»Mögen sie machen, was sie wollen, Majestät!« rief Graf Bismarck lebhaft, »eines können sie uns nicht nachmachen – das ist der preußische Sekondeleutnant!«

»Graf Bismarck hat vollkommen recht,« sagte General Moltke mit feinem Lächeln, »um solche Offizierkorps zu schaffen, wie die unsrigen, dazu gehören Jahrhunderte – eine Reihe von Regenten, wie wir sie gehabt –«

»Und,« unterbrach der König lächelnd, »eine Reihe von Generalen, wie mein Haus sie fand – Winterfeldt – Scharnhorst – Moltke –«

»Und auch ein wenig, Majestät,« sagte Graf Bismarck, »das Material der vielverschrienen preußischen Junker –«

»Welche den Gehorsam lernen und die Treue nie vergessen!« sagte der König freundlich nickend.

»Ich freue mich ungemein, Majestät,« sprach Graf Bismarck nach einer augenblicklichen Pause, »daß General von Moltke so klar und sicher die Chancen des Krieges ins Auge faßt, denn je weniger wir den Konflikt zu scheuen haben, um so sicherer werden wir ihn vermeiden. – Doch,« fuhr er fort, »ich möchte, mit Eurer Majestät Erlaubnis, die Gelegenheit zur sofortigen und vorläufigen Erörterung einer weiteren Frage benutzen. Eure Majestät wissen, daß Holland schon seit dem vorigen Jahre das deutsche Besatzungsrecht von Luxemburg beseitigt wünscht, man fingiert dort Besorgnisse, welche man wohl in der Tat nicht hat, welche indes auch jetzt wieder den Prätext zu dem vorliegenden Handel geben, und welche vielleicht auf die Kabinette nicht ohne Einfluß bleiben, um so mehr, als die staatsrechtliche Stellung der Festung Luxemburg nach der Auflösung des deutschen Bundes verändert und diskutabel ist, auch Frankreich wird nicht verfehlen, unsere Besatzung von Luxemburg als eine Bedrohung darzustellen. – Da ich es nun,« fuhr er fort, »für einen richtigen und notwendigen Grundsatz halte, bei dem Beginn einer Negoziation sich darüber klarzuwerden, welche Konzessionen man etwa im Laufe der Verhandlungen machen wolle und könne, und da es in diesem Falle sehr wesentlich ist, auch den Schein einer Bedrohung des europäischen Friedens, den Frankreich so gern auf uns werfen möchte – abzuweisen, so möchte ich die Frage aufwerfen, ob Luxemburg als Festung für das Verteidigungssystem Deutschlands notwendig sei? – Wäre dies nicht der Fall, so würde es uns noch leichter werden, die Kabinette vollständig auf unsere Seite zu bringen und Frankreich zu isolieren.«

Der König warf ernst einen fragenden Blick auf den General.

»Die Festung Luxemburg,« sagte dieser ruhig und bestimmt, »darf niemals in französischen Händen sein, sie würde uns sehr hinderlich werden, wir unsererseits aber bedürfen ihrer nicht, nötigenfalls könnte man sie durch ein festes Lager bei Trier ersetzen, aber auch das ist nicht nötig, unsere Festungen genügen vollkommen.«

»So daß also die vollständige Beseitigung Luxemburgs als Festung kein Bedenken hätte?« fragte Graf Bismarck.

»Keines!« sagte der General.

»Das müßte aber doch noch sehr genau erwogen werden,« sagte der König bedenklich und zögernd.

»Eure Majestät werden gewiß nicht glauben,« rief Graf Bismarck, »daß ich Konzessionen entgegentragen werde, man muß nur klar darüber sein, ob Zugeständnisse überhaupt möglich sind, welche hier unter Umständen unsere politische Stellung sehr verbessern können, und das dürfen wir nicht außer acht lassen, schon wegen der Süddeutschen.«

»Sollten sie zweifeln können,« rief der König, »ob hier der casus foederis vorliege?«

»Bei der Besatzungsfrage der Festung,« sagte Graf Bismarck achselzuckend, »möchte ich nicht gewiß nein sagen, eine Frage der Abtretung nationalen Gebietes – das ist etwas anderes, das ist eine deutsche Ehrensache, und daß sie als solche von der Nation erkannt und erfaßt werde, dafür kann gesorgt werden!«

»So gehen Sie denn ans Werk, mein lieber Graf,« sagte der König, »ich billige den von Ihnen genommenen Standpunkt, behalte mir aber für die weiteren Phasen – namentlich für Konzessionen – meine Entschließungen vor. – Sie, General von Moltke, bitte ich, die einschlagenden militärischen Fragen zu ausführlichem Vortrag vorzubereiten, den Sie mir morgen in Gegenwart des Kronprinzen halten sollen. – Und lassen Sie Goeben kommen!« fügte er hinzu.

»Zu Befehl, Majestät!« sagte der General.

Der König grüßte freundlich, und beide Herren verließen das Kabinett.

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