Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
projectidcf96d5e8
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Am Morgen des 27. März saß Graf Bismarck vor dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers. Vor ihm lagen eine Reihe eingegangener Berichte, welche er teils flüchtig durchblätterte und schnell beiseite legte, teils aufmerksam durchlas, von Zeit zu Zeit den Blick nachdenklich vor sich hin richtend.

»Weltausstellung, Versicherungen der freundlichen Gesinnungen des Kaisers und seiner Regierung, Redensarten über die Auffassung der Lage der Dinge im Orient, indirekte Warnungen vor Rußland,« rief er unmutig, indem er ein Papier in großem Quartformat, welches er durchflogen, auf den Tisch warf, »das ist alles, was von Paris kommt! – Es ist wahrlich traurig,« sagte er seufzend, »daß man nicht überall mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören kann! – Ich bin fest überzeugt,« fuhr er fort, »daß von Paris anderes und ernsteres zu berichten wäre, daß dort irgend etwas vorgeht. – Napoleon hat im vorigen Jahre nichts von allem erreicht, was er bei der unerwarteten Katastrophe gewinnen wollte, er hatte seine Karten falsch gemischt,« fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu, »und das vergißt er nicht, er ist nicht der Mann, der ein Spiel so schnell verloren gibt, er sinnt auf irgend etwas, um seine moralische Niederlage wieder gut zu machen und wenigstens scheinbar vor Frankreich sein Prestige wiederherzustellen. – Und Moustier – man sagt, er sei wegen seiner Kenntnis der orientalischen Angelegenheiten berufen, das sind leere Worte, was man im Orient treibt, hat nichts zu bedeuten, man zeigt Rußland eine reizende Fata Morgana, voilà tout, das Spiel Napoleons mit Alexander I. – Es geht etwas anderes vor,« fuhr er nach kurzem Nachdenken sinnend fort, »diese Annäherungen, diese Freundschaftsversicherungen, diese Allianzprojekte, das alles muß seinen Preis haben, und dieser Preis wird eines Tages hervortreten, plötzlich und unerwartet, das alles müßte man dort doch sehen, mich davon benachrichtigen, freilich,« sagte er achselzuckend, »wenn man die Augen fortwährend hierher richtet –

»O,« rief er, die mächtige Brust weit ausdehnend und mit tiefem Atemzug die Augen aufschlagend, »wie schwer ist es, den Mut und die Ausdauer zu behalten bei der gewaltigen Aufgabe, die mir vorschwebt, seit ich mein Amt antrat, die in immer klareren Linien, in immer schärferen Umrissen und immer mächtigeren Dimensionen vor meinem Geist sich entwickelt, und die ich doch nicht aussprechen kann, die ich tief in mich verschließen muß, wenn sie zu Ende geführt werden soll! – Sie haben gejubelt über den Sieg,« fuhr er fort, »während sie doch vorher alles taten, um die Wege dazu zu verschließen, und kaum ist er errungen, so beginnen sie in dem parlamentarischen Leben schon wieder Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten zu häufen, sie bemängeln die Heeresorganisation des norddeutschen Bundes, die dreijährige Dienstzeit, die Verfassung und der alte circulus vitiosus unfruchtbaren und ermüdenden Streits der Parteidoktrinen beginnt wieder an das traurige Ende den traurigen Anfang zu knüpfen.«

Er senkte einen Augenblick das Haupt. Trüber Ernst lag auf seinen Zügen.

»Doch,« rief er dann, das Auge stolz und frei aufschlagend, »es wäre kleinmütig und undankbar gegen die Vorsehung, wollte ich jetzt ermüden, nachdem eine so mächtige Strecke meines Weges zurückgelegt ist. – Wäre Gott meinem Werke entgegen, ich wäre nicht bis hierher gekommen, also vorwärts mit Gott, und sollte auch einer anderen Hand beschieden sein, mein Werk zu vollenden und das schöne, edle Deutschland in preußische Waffen gegürtet heraufzuführen an die Spitze der Völker Europas, ich will nicht klagen – denn schon jetzt kann ich mit Dank gegen den Himmel sagen: ich habe nicht umsonst gelebt und gearbeitet!«

Und indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte, richtete sich sein sonst so scharfes, kaltes und durchdringendes Auge in wunderbar weichem, fast träumerischem Schimmer nach oben.

Ein Schlag an die Tür ertönte.

Dem meldenden Kammerdiener auf einen Wink des Ministerpräsidenten unmittelbar folgend, trat der Legationsrat von Keudell in das Kabinett, ein Papier in der Hand haltend.

»Guten Morgen, lieber Keudell!« rief Graf Bismarck, ihm die Hand entgegenstreckend, indem noch ein Hauch jenes weichen, sinnigen Ausdrucks auf seinen Zügen lag, »soeben noch dachte ich traurig und niedergeschlagen an den fortwährenden einsamen Kampf, den ich gegen erbitterte Gegner – und unverständige Freunde – für das in meinem Herzen verborgene Ziel führen muß; ich war undankbar,« fuhr er mit herzlichem Tone und freundlichem Lächeln fort, »ich vergaß den treuen, unermüdlichen und verschwiegenen Gefährten meiner Arbeit.«

Ein inniger Ausdruck erleuchtete die edlen, scharf geschnittenen Züge des Herrn von Keudell, und indem er seine klaren, braunen Augen ruhig auf den Ministerpräsidenten richtete, sprach er ernst:

»Eure Exzellenz können immer gewiß sein, daß Ihr Vertrauen eine sichere und unnahbare Stätte in meinem Herzen findet, und daß ich nie ermüden werde im Kampf für das große Ziel, dem Ihr Geist und Ihr Willen uns entgegenführt. – Schon naht vielleicht eine neue Phase dieses Kampfes, welche die Anspannung aller Aufmerksamkeit und Kraft erfordern wird,« fügte er mit einem Blick auf das Papier in der Hand hinzu.

Graf Bismarcks Augen funkelten, indem leichte Falten auf seiner mächtigen Stirn sich zu kräuseln begannen.

»Was haben Sie?« fragte er rasch und kurz.

»Den Bericht des Grafen Perponcher aus dem Haag, welchen man soeben aus dem Chiffrierbureau zurückgebracht,« erwiderte Herr von Keudell, »der König von Holland hat ihm Eröffnungen über die Abtretung Luxemburgs an Frankreich gemacht und gefragt, wie Preußen es aufnehmen würde, wenn er sich seiner Souveränität über das Herzogtum begäbe.«

»Ich wußte es, daß etwas vorgeht!« rief Graf Bismarck flammenden Blicks, »diese lächelnd ruhige Oberfläche mußte etwas verbergen; in Paris hat man freilich keinen Blick für die dunkeln Tiefen der napoleonischen Politik,« fügte er mit bitterem Tone hinzu.

Und schnell die Hand ausstreckend, nahm er den Bericht, welchen Herr von Keudell ihm reichte, mit brennendem Blick Zeile um Zeile verfolgend.

»Das soll Deutschlands Savoyen und Nizza sein,« rief er, den Bericht auf den Tisch werfend, indem eine helle Zornesröte in seinem Gesicht aufloderte. – »Daher diese holländischen Versuche seit dem vorigen Jahre, die deutsche Garnison aus Luxemburg zu entfernen, aber,« fuhr er fort, lebhaft aufstehend und mit einigen starken Schritten im Zimmer auf und ab schreitend, »Napoleon täuscht sich – und sein Marquis de Moustier kennt das heutige Berlin nicht! – Nicht einen Fuß breit Erde, nicht eine Handvoll Staub von deutschem Boden sollen sie haben, nicht einen Atemzug Luft, durch welche je der Ton eines deutschen Liedes gezittert hat,« rief er, vor Herrn von Keudell stehen bleibend und den Fuß auf den Boden stoßend.

Mit freudigem Lächeln und glänzenden Blicken sah der Legationsrat auf den großen, reckenhaften Mann, der da vor ihm stand, als wolle er den Degen in der Hand den deutschen Heerscharen vorausreiten an die Grenzmarken des Vaterlandes.

»Deutschlands Einheit und Größe wird nicht erschachert werden, nicht um den Preis einer einzigen Perle aus der Ehrenkrone der Nation!« rief Graf Bismarck noch immer in mächtiger Erregung. – »Schlimm genug, daß jene alten Reichsländer Elsaß und Lothringen noch in ihren Händen sind, aber,« fuhr er fort, indem die Blicke seines weitgeöffneten Auges inneren Bildern zu folgen schienen, »vielleicht – wenn sie die gierigen Hände weiter ausstrecken wollen, wenn sie den Krieg provozieren –« – er schwieg einige Augenblicke nachdenkend.

Dann schwand allmählich der Ausdruck tiefer Bewegung von seinen Zügen und in ruhigem Ton sprach er:

»Ich weiß übrigens in der Tat diese Mitteilung des Königs von Holland mir nicht zu erklären, das ganze Spiel war doch augenscheinlich darauf angelegt, uns mit einem fait accompli zu überraschen, diese Eröffnung verdirbt ja vollständig die Karten Napoleons.«

»Dem Könige wird bei diesem Spiel bange geworden sein,« sagte Herr von Keudell, »die Konsequenzen würden doch für ihn vielleicht am gefährlichsten werden. – Eure Exzellenz sind also entschlossen,« fuhr er fort, »den Handel nicht zuzugeben?«

Graf Bismarck richtete das Haupt höher empor und sprach mit kaltem und klarem Blick:

»Niemals wird diese Hand einen Vertrag unterzeichnen, der deutsches Gebiet vom Vaterland loslöst – und,« fuhr er fort, »niemals wird mich der König in die Lage bringen, die Unterzeichnung eines solchen Vertrages ablehnen zu müssen! – Aber,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »fangen wir die Frage nicht mit dem Ende an. – Sie will vorsichtig behandelt sein; ich wünsche in diesem Augenblick den Krieg nicht, der Kampf mit Frankreich ist unvermeidlich, unausbleiblich, aber je länger wir den Frieden erhalten, um so besser für die endliche Entscheidung, die innere Konsolidierung Deutschlands und die europäischen Konstellationen werden sich mit jedem gewonnenen Zeitraum mehr zu unsern Gunsten entwickeln.«

Nachdenkend schritt er langsam auf und nieder.

»Napoleon glaubt die definitive Einigung des ganzen Deutschlands verhindern zu können,« sprach er in einzelnen Absätzen, zuweilen stehen bleibend, während die Blicke des Herrn von Keudell mit Spannung seinen Bewegungen folgten, »er will für jetzt nur eine Kompensation für die Vergrößerungen Preußens, er will Preußen gegen Frankreich stellen, bin ich doch in den Augen der Welt fast überall noch der spezifisch preußische Minister, der nur für Preußen größeres Gebiet und höhere Macht erwerben will; er soll eine deutsche Antwort haben, man muß die Angriffe nicht nur abschlagen, sondern sie auch zu Nutzen und Gewinn verkehren. – Heute Abend ist mein Empfangstag?« fragte er Herrn von Keudell.

»Jawohl, Exzellenz!«

»Das trifft sich vortrefflich,« sagte Graf Bismarck. »Napoleon glaubt mit mir zu tun zu haben und mich zu überlisten, er soll sich unerwartet der deutschen Nation gegenüber finden, ich werde noch ein wenig der preußische Minister sein, welcher der nationalen Strömung zu folgen gezwungen wird, das wird uns eine vortreffliche Stellung auch den andern Mächten, besonders England gegenüber geben, Preußen würden sie einen kleinen échec wohl gönnen, aber vor dem Brüllen des deutschen Löwen fangen sie an, einige Schauer zu empfinden, und vor das europäische Forum muß die Sache gebracht werden. Das ist ja sonst ein so oft betontes Prinzip des Kaisers; eh bien, diesmal soll er im vollen Licht Farbe bekennen, von der einen Seite die europäischen Verträge, von der andern die öffentliche Meinung in Deutschland, das gibt mir eine vortrefflich flankierte Stellung!«

Und mit leichtem Lächeln rieb er sich die Hände.

»Ich bewundere Eurer Exzellenz Kombination,« sagte Herr von Keudell ebenfalls lächelnd, »ich bin überzeugt, daß Napoleon uns in dieser Stellung nicht erwartet.«

»Ich hoffe, daß er noch manches Unerwartete von mir erfahren wird, ich weiß ein wenig, wie man ihn nehmen muß,« sagte Graf Bismarck, »doch,« fuhr er fort, »jetzt kommt es darauf an, das Spiel zu mischen, alles offen zu halten und den letzten Gedanken fest in die Brust zu verschließen; ich werde nachher zum Könige gehen.«

Er dachte einen Augenblick nach.

»Telegraphieren Sie an Perponcher,« sagte er zu Herrn von Keudell, welcher sogleich einen Bogen Papier ergriff und sich zum Schreibtisch setzend, die langsam gesprochenen Worte des Ministerpräsidenten niederschrieb, »er solle dem Könige antworten, daß die Staatsregierung – und ihre Bundesgenossen, wir müssen die Frage sogleich zu einer Angelegenheit des norddeutschen Bundes machen, welche sie ja auch ist,« sagte er nachdenkend, »daß die Staatsregierung und ihre Bundesgenossen augenblicklich überhaupt keinen Beruf hätten, sich gegenüber dieser Frage zu äußern, daß sie Seiner holländischen Majestät die Verantwortung für die eigenen Handlungen selbst überlassen, und daß die Staatsregierung, bevor sie sich über die Frage äußern würde, wenn sie genötigt werde, es zu tun, jedenfalls vorher sich versichern würde, wie diese Frage von ihren deutschen Bundesgenossen wie von den Mitunterzeichnern der Verträge von 1839,« er sann einen Augenblick nach, »wie von der öffentlichen Meinung in Deutschland, welche gerade im gegenwärtigen Augenblick in Gestalt des Reichstags ein angemessenes Organ besitzt, aufgefaßt werden würde. – Da haben wir unsere Stellung,« sagte er lächelnd, während Herr von Keudell das Geschriebene noch einmal überlas, »zwischen zwei starken Deckungen, wir haben die Hände frei und können das Weitere ruhig abwarten, und vorbereiten.«

Herr von Keudell reichte ihm das Papier.

Graf Bismarck durchflog es schnell, ergriff eine Feder und setzte mit raschem, kräftigem Zug seinen Namen darunter.

»Ich werde die Antwort dem Könige vorlegen,« sagte er dann, »sie engagiert zwar nach keiner Richtung, indes darf sie doch nicht ohne Allerhöchste Approbation abgehen.«

»Exzellenz von Thile,« meldete der Kammerdiener.

Graf Bismarck neigte das Haupt – der Wirkliche Geheimrat und Unterstaatssekretär von Thile trat ein.

»Lord Loftus und Benedetti sind mit mir ins Vorzimmer getreten,« sagte er, den Ministerpräsidenten begrüßend, »ich habe sie gebeten, mir für einen kurzen Augenblick in meinen Vortragsangelegenheiten des Ressorts den Vortritt zu gestatten, weil ich eine Mitteilung zu Eurer Exzellenz Kenntnis bringen wollte, die mir soeben gemacht ist und die mich etwas frappiert hat.«

»Benedetti ist da?« rief Graf Bismarck, »das trifft sich vortrefflich, er macht sich selten, seit er so plötzlich, wie er sagt, zum Geburtstag des Königs von seinem Urlaub zurückgekommen, er soll eine kleine Überraschung finden. – Doch – was haben Sie?« fragte er Herrn von Thile.

»Graf Bylandt war soeben bei mir,« erwiderte dieser, »und teilte mir mit, daß die niederländische Regierung uns ihre bons offices behufs der von ihr vorausgesetzten Verhandlungen Preußens mit Frankreich über das Großherzogtum Luxemburg anbiete; ich war überrascht,« fuhr Herr von Thile fort, »und verstand in der Tat nicht recht –«

Graf Bismarck lachte.

»Sie werden sogleich vollkommen verstehen,« rief er und reichte dem Unterstaatssekretär den Bericht des Grafen Perponcher und den Entwurf seiner Antwort. »Lesen Sie. – Wäre die Sache nicht so ernst,« sagte er, während Herr von Thile die Papiere durchflog, »man müßte sie in der Tat unendlich komisch finden! Da ist der Großherzog von Luxemburg, der über den Verkauf seines Herzogtums mit Frankreich verhandelt und uns fragt, was wir dazu sagen, und zugleich,« fuhr er lachend fort, »bietet derselbe Großherzog von Luxemburg in seiner Eigenschaft als König der Niederlande uns seine Vermittelung mit Frankreich an. Das ist die Personalunion der Länder – und die Personalseparation der Souveräne!«

Und wieder ernsten Blickes vor sich hinschauend, fuhr er fort:

»Sie wollen da einen hübschen, gordischen Knoten schürzen, aber sie vergessen, daß wir das Schwert einmal in die Hand genommen haben und wahrlich nicht zögern werden, diesen Knoten zu zerschneiden.«

Herr von Thile hatte seine Lektüre beendet.

»Das ist in der Tat eine seltsame Überraschung,« sprach er, die Papiere dem Ministerpräsidenten zurückreichend.

»Nun,« rief Graf Bismarck, »Überraschung gegen Überraschung! – Ist Graf Bylandt noch da?«

»Er wird in einer Stunde wiederkommen,« erwiederte der Unterstaatssekretär, »ich habe ihm versprochen, sofort Eurer Exzellenz seine Eröffnung mitzuteilen.«

»Ich bitte Sie, Exzellenz,« sagte Graf Bismarck, »ihm zu antworten, daß wir nicht in der Lage seien, von dem – freundlichen Anerbieten seiner Regierung Gebrauch zu machen, weil die vorausgesetzten Verhandlungen nicht bestünden.«

Herr von Thile verneigte sich.

»Wollen Sie,« fuhr der Ministerpräsident fort, »aus den Archiven alle Akten über die Verhandlungen und den Abschluß der Verträge von 1839, das Großherzogtum betreffend, zusammenlegen lassen und mir zuschicken. Heute nachmittag wollen wir über die Sache nochmals sprechen. – Jetzt lassen Sie mich einen Augenblick mit den beiden Botschaftern reden, dann will ich zum König.«

Im Vorsalon vor dem Kabinett des Ministerpräsidenten wartete während dieser Zeit der englische Botschafter Lord Augustus Loftus und Herr Benedetti, der Botschafter Napoleons III.

Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte sich in phlegmatisch nonchalanter Stellung auf einen Fauteuil niedergelassen, Benedetti stand vor ihm – sein glattes, lächelndes Gesicht zeigte keine Spur irgendeines Ausdrucks; in dieser eigentümlichen Physiognomie vereinigte sich auf merkwürdige Weise die nichtssagendste Gleichgültigkeit mit dem Schimmer einer scharfen Intelligenz.

»Herr von Thile schien sehr pressiert zu sein,« sagte er, »haben Sie eine Idee, Mylord, was in dieser ruhigen Zeit ein solches Empressement veranlassen könnte?«

»Bah,« sagte Lord Loftus ruhig und langsam, »gar nichts, irgend eine innere Angelegenheit des Ministeriums, eine Personalfrage, die schnell entschieden werden muß.«

Benedettis scharfer Blick senkte sich mit forschendem Ausdruck auf seinen ruhig vor ihm sitzenden Kollegen herab.

»Mir will es scheinen,« sagte er dann, ihm einen Schritt nähertretend und ein wenig die Stimme dämpfend, »daß unter dem Schein der tiefen Ruhe und der ausschließlichen Beschäftigung mit inneren Angelegenheiten hier sehr eifrig Politik gemacht wird – und zwar eine Politik, welche die Aufmerksamkeit von uns beiden im Interesse unserer Regierungen in gleicher Weise zu erwecken geeignet ist.«

Lord Loftus schlug seine Augen groß zu seinem französischen Kollegen auf und sah ihn fragend an.

»Es können Ihnen,« fuhr Benedetti immer mit gedämpfter Stimme fort, »eben so wenig wie mir die sich immer intimer gestaltenden Beziehungen des hiesigen Hofes zu Rußland entgangen sein. Sie erinnern sich der Verstimmung in St. Petersburg am Schluß des Krieges im vorigen Jahre, und wie dann der General Manteuffel plötzlich von der Armee abberufen und in außerordentlicher Mission zum Kaiser Alexander geschickt wurde. – Was kann der Vertraute des Königs in St. Petersburg getan haben?« –

Lord Loftus zuckte leicht die Achseln.

»Bald darauf,« fuhr Benedetti fort, »wurde unser hiesiger russischer Kollege, Herr von Oubril, der, wie Sie sich erinnern, sich damals so äußerst beunruhigt über die außerordentlichen Erfolge der preußischen Waffen und ihre Konsequenzen zeigte, nach St. Petersburg berufen, und als er zurückkam, war seine Sprache eine total andere, er zeigte eine Befriedigung über die Lage der Dinge, welche scharf mit seinen früheren Äußerungen kontrastierte. – Das kann nicht ohne eine ernste Veranlassung geschehen sein,« fuhr er langsam und mit Betonung fort, »es muß dort etwas stipuliert sein, in ähnlichem Geheimnis wie jene Verträge mit den süddeutschen Staaten, die man jetzt publiziert und durch welche der Prager Frieden fast illusorisch gemacht wird. Seit jener Zeit gehen die beiden Höfe von Berlin und Petersburg schärfer und energischer auf ihren Wegen vorwärts – Rußland im Orient, Preußen in Deutschland, ohne daß jemals auch nur eine Wolke von Mißtrauen zwischen ihnen bemerkbar ist. – Müssen da nicht gegenseitige Garantien geschaffen sein, welche uns mit Mißtrauen erfüllen können, bei der Solidarität, in welcher die Interessen Englands und Frankreichs im Orient verbunden sind?«

»Mein lieber Ambassadeur,« sagte Lord Loftus, sich in seinem Sessel dehnend, mit leichtem Lächeln, »ich glaube, Sie sind geneigt, schwarze Wolken zu sehen, wo keine sind, was mich betrifft, so vermag ich in den Vergrößerungen Preußens nur eine Bürgschaft mehr für die dauernde Erhaltung des europäischen Friedens zu erblicken, Preußen! war schlecht arrondiert, infolgedessen unruhig und gefährlich für den Frieden, es hat jetzt, was es wollte und bedurfte, es wird eifrig an der Erhaltung des Friedens arbeiten, um seine Erwerbungen nicht aufs Spiel zu setzen und sie sich zu assimilieren. – Und Rußland?« fuhr er fort, »nun wir haben ja den Pariser Frieden – und unsere Flotten, um seine Stipulationen aufrecht zu erhalten! – Ich sehe nichts Beunruhigendes in den Freundschaftsbeziehungen der Höfe von Berlin und St. Petersburg, die ja auf Verwandtschaft beruhen und übrigens seit langer Zeit traditionell sind.«

Benedetti zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sah leicht seufzend mit einem eigentümlichen Blick auf seinen Kollegen herab.

Bevor er etwas antworten konnte, öffnete sich die Türe des Kabinetts des Ministerpräsidenten – die Herren von Thile und von Keudell traten heraus.

»Ich danke Ihnen nochmals,« sagte Herr von Thile, »daß Sie mir einen Augenblick den Vortritt gewährt, – Sie sehen, ich habe Ihre Geduld nicht lange in Anspruch genommen.«

Und er folgte Herrn von Keudell, welcher sich gegen die Diplomaten verneigend das Zimmer verlassen hatte.

Graf Bismarck erschien in der Tür seines Kabinetts.

»Guten Morgen, meine Herren Botschafter!« rief er, mit. freundlicher Neigung des Kopfes die Herren begrüßend, »ich stehe zu Ihrer Verfügung – wer von Ihnen ist der Erste?«

Benedetti deutete mit der Hand auf Lord Loftus, und der Vertreter Großbritanniens folgte dem Grafen in sein Kabinett.

»Ich will Sie nur einen Augenblick in Anspruch nehmen, mein lieber Graf,« sagte Lord Loftus, indem er sich dem Ministerpräsidenten, der vor seinem Schreibtisch Platz nahm, gegenübersetzte, »die europäische Lage ist ja so ruhig, daß es kaum eine Frage gibt, über welche es nötig wäre, unsere Meinung auszutauschen, ich bin nur gekommen, um Sie nach dem Fortgang der Verhandlungen über das Vermögen des Königs von Hannover zu fragen, ich hoffe, das wird sich alles gut arrangieren?«

»Man macht manche Schwierigkeiten von Hietzing aus,« sagte Graf Bismarck, »welche verhindern, daß die Sache so schnell und so befriedigend erledigt wird, wie ich es wünsche. Der König Georg hat seine Bevollmächtigten angewiesen, einen Teil der Krondomänen zu verlangen, Sie begreifen, daß ich das nicht zugestehen kann, daß ich der depossedierten Dynastie nicht in ihrem früheren Königreich den Einfluß so großen Grundbesitzes geben kann, auch begreife ich diese Forderung nicht recht, denn der König tritt doch eigentlich als Grundbesitzer in seinem früheren Königreich in eine direkte Untertanenstellung – ja, wenn er die Annexion anerkennen wollte –

»Dann auch,« fuhr der Graf fort, »ist es nötig, einen Modus zu finden, um das Vermögen sicher zu stellen, damit es der König nicht etwa in törichten Unternehmungen verbraucht. Ich habe das Interesse der Agnaten zu vertreten und darf doch auch einer gegen Preußen gerichteten Agitation nicht die Mittel an die Hand geben; das alles erfordert Zeit – um so mehr, als die Bevollmächtigten des Königs klagen, daß sie vom Grafen Platen nur seltene und unklare, oft widersprechende Instruktionen erhalten.«

»Ich bitte, lieber Graf,« sagte Lord Loftus, den Ministerpräsidenten mit artiger Verneigung unterbrechend, – »ich bitte Sie, stets festzuhalten, daß ich in dieser ganzen Angelegenheit mehr die persönlichen Wünsche der Königin, als ein Interesse Englands vertrete. Ihre Majestät wünscht – natürlich – daß Ihr Vetter, der als Prinz des englischen Hauses geboren wurde, nach dem Verlust seines Thrones eine seiner Geburt und seinem Range angemessene Stellung in der Welt behaupten könne –«

»Und,« sagte Graf Bismarck, »Sie können vollkommen überzeugt sein, daß die Wünsche der Königin für mich bestimmend sind, um so mehr, da sie vollkommen übereinstimmen mit den Intentionen des Königs, meines Herrn, der auf das Innigste wünscht, daß die politische Katastrophe, welche er über das hannoversche Welfenhaus hat verhängen müssen, die Stellung der hohen Familie nicht berühre. – Auch darf ich hinzufügen, daß ich selbst dringend wünsche, ein so erhabenes, allen großen Höfen verwandtes Haus in würdigen und angemessenen Verhältnissen zu sehen. – Der König wird bei dem Abkommen unzweifelhaft das Vermögen eines royal duke von England erhalten, damit er dort seiner Würde entsprechend leben kann, wenn er, was ja doch zweifellos das Beste wäre, später nach England geht. – übrigens,« fuhr er fort, »werde ich mir sogleich über den Stand der Verhandlungen Bericht erstatten lassen und Ihnen Mitteilung machen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Lord Loftus, »es wird Ihrer Majestät gewiß angenehm sein, zu hören, wie die Sache steht,« er machte eine Bewegung, um sich zu erheben, »diese Frage an Sie zu richten war der einzige Grund meines Besuches.«

»Darf ich Sie bitten, noch einen Augenblick zu bleiben?« fragte Graf Bismarck in leichtem, fast gleichgültigem Tone, »Sie können Ihre Regierung auf die Prüfung einer Frage vorbereiten, welche wohl nächstens Gegenstand einer europäischen Konferenz werden könnte.«

Lord Loftus blickte mit dem höchsten Erstaunen auf.

»Einer Konferenz?« rief er erstaunt, »wo könnte eine Veranlassung dazu entstehen?«

Graf Bismarck ergriff den Bericht des Grafen Perponcher, welcher vor ihm auf dem Tische lag, und leicht in denselben hineinblickend, sprach er:

»Der König von Holland hat unserem Gesandten im Haag Mitteilungen über einen vorbereiteten Verlauf Luxemburgs an Frankreich gemacht.« –

Lord Loftus rief mit höchster Spannung: »Also ist doch etwas an jenen Gerüchten gewesen, welche seit kurzem in den Journalen auftauchten und immer wieder dementiert wurden?«

»Es scheint so,« sagte Graf Bismarck ruhig. – »Die Stellung Luxemburgs,« fuhr er dann fort, »ist wesentlich durch die internationalen Verträge bedingt, soll, nachdem der deutsche Bund nicht mehr existiert, irgend eine Änderung darin eintreten, so müssen die Vertragsmächte zusammentreten und neue Garantieren schaffen, bis dahin müssen wir den status quo verteidigen,« fügte er mit kaltem Tone hinzu.

»Aber das kann ja zu einem ernsten Konflikt führen!« rief Lord Loftus erschrocken.

»Wenn die europäischen Mächte nicht intervenieren, gewiß,« erwiderte Graf Bismarck mit unerschütterlicher Ruhe, »wir werden vor solchem Konflikt, den ich auf das Äußerste beklagen würde und gewiß nicht provozieren werde, nicht zurückschrecken. – Es scheint mir übrigens,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, »daß Sie ein wenig dabei interessiert sind, Luxemburg ist ein Schritt Frankreichs nach Belgien, und früher oder später könnte diese oder vielleicht eine andere französische Regierung –«

»Sie haben nichts dagegen,« sagte Lord Loftus, »daß ich über unsere Unterredung vertraulich nach London schreibe?«

»Im Gegenteil,« erwiderte Graf Bismarck, »vertraulich oder offiziell, ich habe weder die Sache noch meine Ansicht darüber zu verheimlichen. Es wird mir angenehm sein, wenn Sie mir Ihrerseits die Ansicht Ihrer Regierung über die Sache mitteilen, und es würde mich besonders freuen, wenn sie mit der meinigen übereinstimmte.«

Lord Loftus stand auf.

»Eine Gefahr für die Ruhe Europas,« sagte Graf Bismarck in leichtem Tone, »könnte aus der Sache nur dann erwachsen, wenn wir mit einem fait accompli ohne Zuziehung der Vertragsmächte überrascht würden.«

»Ich werde die Frage der schleunigsten Erwägung Lord Stanleys empfehlen!« sagte Lord Loftus, indem er sich von dem Ministerpräsidenten verabschiedete, der ihn bis zur Tür des Kabinetts begleitete und Herrn Benedetti durch eine verbindliche Handbewegung zum Eintritt aufforderte.

Der französische Botschafter nahm den Platz ein, welchen Lord Loftus soeben verlassen hatte.

»Sie werden sehen, mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck freundlich, indem er leicht mit einer Feder spielte, »ich habe lang nicht das Vergnügen gehabt, mich mit Ihnen zu unterhalten.«

»Sie wissen, Herr Graf,« erwiderte Benedetti, »daß ich ein wenig angegriffen bin, ich war nur zurückgekommen, um am Geburtsfeste Seiner Majestät nicht zu fehlen, und habe mich seitdem schonen müssen, es gibt übrigens,« fuhr er fort, »bei der tiefen und erfreulichen Ruhe, in welcher sich Europa befindet, wenig Gegenstände, über welche eine Besprechung notwendig erscheinen könnte.«

Graf Bismarck schwieg, das Auge ruhig und klar auf den Botschafter gerichtet.

»Der einzige Punkt, der mich beunruhigt,« sagte dieser, »ist der Orient, die Verhältnisse Serbiens nehmen eine gewisse bedenkliche Schärfe an und die Haltung Österreichs scheint nicht geeignet, dort beruhigend einzuwirken, ich möchte glauben, daß alle europäischen Mächte, insbesondere auch Sie in Ihrer neuen Position Ursache haben, auf der Hut zu sein, damit die russische Politik keinen Schritt nach den Donaumündungen hin mache, denn jede Position, welche die Türkei dort verliert, fällt der Macht Rußlands zu.«

»Mein lieber Botschafter,« sagte Graf Bismarck in einem nachlässigen Tone, »ich muß Ihnen gestehen, daß ich zu sehr mit dem Arrangement der etwas verwickelten deutschen Angelegenheiten beschäftigt bin, um diese mir ferner liegenden Fragen, welche ja in keiner Weise einen akuten Charakter haben, zu verfolgen. – Ich lese,« fuhr er mit einem fast unmerklichen Zucken der Augenwinkel fort, »niemals die Korrespondenz des Gesandten in Konstantinopel.«

Ein Zug von Überraschung und Erstaunen fuhr über das glatte Gesicht Benedettis und ein augenblickliches, schnell unterdrücktes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sollten Sie den Auftrag haben,« fuhr Graf Bismarck fort, »über irgendeine spezielle Frage des Orients meine Ansicht zu erfahren, so müßte ich Sie bitten, diese Frage zu präzisieren und mir die Zeit zu lassen, mich damit zu beschäftigen.«

»Einen solchen Auftrag habe ich durchaus nicht,« sagte der Botschafter, »indes das Interesse, welches alle Mächte an diesen Fragen haben müssen –«

»Wenn Rußland übrigens wirklich irgendwelche Schritte im Orient beabsichtigte oder vorbereitete,« sagte Graf Bismarck, »so würden doch die Interessen anderer Mächte vorzugsweise und in erster Linie engagiert sein, und,« fügte er hinzu, indem er sich emporrichtete und einen scharfen und festen Blick auf den Botschafter richtete, »daß schließlich nichts ohne Deutschlands Wissen und Zustimmung geschehen würde, versteht sich von selbst.«

Benedetti schwieg.

»Es ist mir lieb, daß Sie gekommen sind,« sagte Graf Bismarck nach einer kurzen Pause im ruhigsten Tone, »Sie können mir vielleicht ein Rätsel lösen, das ich nicht recht durchschaue.«

Benedetti verneigte sich leicht und blickte den Ministerpräsidenten erwartungsvoll an. »Graf Bylandt,« fuhr Graf Bismarck fort, indem er das Auge voll aufschlug und den französischen Diplomaten mit unbeweglichem Blick ansah, »Graf Bylandt hat uns die guten Dienste des holländischen Kabinetts angeboten für die dort vorausgesetzten Verhandlungen, welche wir mit Frankreich über das Großherzogtum Luxemburg zu führen haben würden.«

Das farblose Gesicht des Botschafters wurde um eine Nuance blässer, ein jäher Blitz zuckte aus seinem Auge – schnell senkte er den Blick zu Boden und sprach mit leichtem Beben der Lippen:

»Graf Bylandt, – die niederländische Regierung, – Luxemburg – ich weiß in der Tat nicht –«

»Auch der König von Holland,« fuhr Graf Bismarck fort, »hat unserem Gesandten Konfidenzen über ähnliche Verhandlungen gemacht.«

»Der König von Holland!« rief Benedetti in einem von Unwillen und Erstaunen gemischten Ton.

»Vielleicht können Sie mir den Schlüssel zu diesen Mitteilungen geben,« sagte Graf Bismarck immer in gleich ruhigem Ton, »die mir nicht vollkommen klar sind, da mir von irgendwelchen Verhandlungen über Luxemburg nichts bekannt ist.«

Herr Benedetti hatte seine vollkommene Ruhe und Fassung wieder gewonnen und erwiderte, ohne eine Muskel seines Gesichts zu bewegen, den fest auf ihm haftenden Blick des Grafen Bismarck.

»Ich bin in der Tat,« sagte er, »in diesem Augenblick außer stande, eine genügende Aufklärung zu geben, ich werde indes sogleich nach Paris schreiben und Ihnen die Antwort mitteilen.«

»Ich bin gespannt, sie zu hören,« sagte Graf Bismarck ruhig und kalt.

»Es möchte vielleicht,« fuhr der Botschafter fort, »sehr zweckmäßig sein, wenn ich imstande wäre, sogleich Ihre Ansicht über den Fall dort mitzuteilen.«

»Meine Ansicht?« fragte Graf Bismarck langsam, »es wird mir kaum möglich sein, dieselbe festzustellen, da mir die Basis dazu fehlt, jedenfalls aber steht es bei mir schon heute fest, daß der König von Holland, oder vielmehr der Großherzog von Luxemburg, da man ja im Haag diese beiden Personen so scharf von einander scheidet,« fügte er lächelnd hinzu, »daß der Großherzog von Luxemburg kein Recht hat, über die Souveränitätsrechte im Großherzogtum zu disponieren ohne Kenntnis und Mitwirkung der Mächte, welche die Stellung dieses Landes in den Verträgen von 1839 geregelt und garantiert haben.«

Benedetti konnte einen Ausdruck peinlicher Betroffenheit nicht verbergen.

»Es wird also,« fuhr Graf Bismarck fort, »wenn jene Verhandlungen wirklich bestehn sollten, eine Konferenz jener Mächte erforderlich sein, was ja auch gewiß ganz den Ansichten des Kaisers, Ihres Herrn, entsprechen muß, der stets dazu neigt, die schwebenden Fragen der Entscheidung des europäischen Areopags zu unterbreiten.«

Der Botschafter preßte die Lippen zusammen.

»Also würden Sie eine Konferenz vorschlagen?« fragte er lebhaft.

»Ich?« rief Graf Bismarck verwundert, »wie sollte ich dazu kommen? Will denn ich etwas an dem status quo des Großherzogtums ändern? Ich bin ja zufrieden, wenn alles bleibt, wie es ist!«

»Aber Ihre Stellung zu der Frage, die Stellung Preußens?« rief Benedetti mit einer schwer unterdrückten Nüance von Ungeduld in der Stimme.

»Preußen?« fragte Graf Bismarck, »Preußen hat kaum eine Stellung zu derselben, im jetzigen Stadium, Deutschland – der norddeutsche Bund,« fügte er langsam hinzu, »das ist etwas anderes.«

»Herr Graf,« sagte Benedetti wie einem raschen Entschluß folgend, »sprechen wir offen; wenn jene Verhandlungen bestünden, worüber ich ja wohl bald Nachricht haben werde, wenn der König von Holland entschlossen sein sollte, Luxemburg an Frankreich abzutreten, wie würden Sie diese Arrondierung der französischen Grenzen auffassen, welche doch,« fügte er lächelnd hinzu, »verschwindend klein erscheint gegen die Ausdehnung, welche die preußische Macht im vorigen Jahre gewonnen hat?«

Graf Bismarck drückte die Fingerspitzen aneinander und sprach nach einem kurzen Nachdenken:

»Sie vergessen, mein lieber Botschafter, daß ich nicht mehr auswärtiger Minister Preußens bin, sondern Kanzler des norddeutschen Bundes, und daß ich also in einer Frage, welche Deutschland angeht,« sagte er mit Betonung, »keine Ansicht aussprechen kann, ohne die Mitglieder des Bundes befragt zu haben. Außerdem –«

»Außerdem?« fragte Benedetti.

»Die staatsrechtliche Stellung Luxemburgs zu Deutschland,« sagte Graf Bismarck, »ist durch die Auflösung des deutschen Bundes wesentlich alteriert, sie ist zweifelhaft, Limburg geht uns nichts mehr an, in Luxemburg ist das Besatzungsrecht der Festung der status qou, der jedenfalls nicht ohne weiteres geändert werden darf, aber anstelle der staatsrechtlichen Beziehungen Luxemburgs zu Deutschland sind die nationalen Beziehungen wesentlich in den Vordergrund getreten.«

Benedetti sah den Ministerpräsidenten mit großen Augen an.

»Sehen Sie, mein lieber Botschafter,« fuhr jener fort, »die Ereignisse des letzten Jahres haben den nationalen Stolz und die nationale Empfindlichkeit der Deutschen sehr lebhaft erregt, ich bin, wie ich schon bemerkte, nicht mehr preußischer Minister, sondern Kanzler des norddeutschen Bundes, ich habe daher die Verpflichtung, das deutsche Nationalgefühl in Rechnung zu ziehen, und ich weiß nicht, ob die öffentliche Meinung in Deutschland über diese luxemburger Frage, wenn sie ernstlich auftauchen sollte, ebenso zweifelhaft sein wird, als es das Staatsrecht vielleicht sein könnte.«

»Aber diese öffentliche Meinung weiß nichts davon!« warf Benedetti ein.

»Was wollen Sie!« sagte Graf Bismarck in leichtem Tone, »da man im Haag einmal angefangen hat, davon zu sprechen, so werden morgen alle öffentlichen Blätter davon voll sein. Ich selbst weiß nicht, ob ich es jetzt verantworten kann, die Sache der öffentlichen Meinung vorzuenthalten, der Reichstag ist versammelt – und wenn er sich der Frage bemächtigt –«

Benedetti rieb sich mit einiger Ungeduld die Hände.

»Wenn ich Sie recht verstehe,« sagte er, »so müssen Sie die Feststellung Ihrer Meinung abhängig machen –«

»Von der Ansicht der Mächte, welche die Verträge von 1839 unterzeichnet haben,« sagte Graf Bismarck ruhig, indem er bei jedem Satz einen Finger seiner linken Hand mit der rechten berührte, »von den Entschlüssen unserer deutschen Bundesgenossen, von der öffentlichen Meinung, und,« fügte er hinzu, »von den Beschlüssen des Reichstags, wenn derselbe die Frage vor sein Forum zieht.«

Benedetti stand auf.

»Sie sehen mich ein wenig erstaunt, Herr Graf,« sagte er in ruhigem und verbindlichem Tone, »darüber, daß Ihr sonst so schneller Entschluß sich hier an so viele Bedingungen knüpft.«

»Mein Gott,« sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken, »meine Stellung ist unter diesen neuen Verhältnissen eine so komplizierte geworden, ich muß mit so vielen Faktoren rechnen –«

»Jedenfalls aber,« sagte Benedetti aufstehend, »darf ich bei meiner Anfrage nach Paris schreiben, daß die ganze Frage hier im freundlichsten und versöhnlichsten Geiste aufgefaßt und behandelt wird, wie es den so vortrefflichen Beziehungen der beiderseitigen Souveräne und Regierungen entspricht?«

»Wie könnten Sie daran zweifeln?« sprach Graf Bismarck im verbindlichsten Ton, indem er den Botschafter zur Tür geleitete. – »So,« rief er, als der französische Diplomat das Kabinett verlassen, »Dank der Indiskretion oder Besorgnis des Königs von Holland ist das Gewebe der Nacht an das Licht des Tages gebracht, morgen werden alle Kabinette Europas alarmiert sein, jetzt zum Könige – und dann – einen Wink an die deutsche Nation!«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.