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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtunddreißigstes Kapitel.

Zwei Monate waren verflossen, seit die Beherrscher der großen Militärreiche von Preußen und Rußland Paris wieder verlassen, und die Konjekturalpolitik, welche infolge ihrer Zusammenkunft die Presse und die politischen Klubs so lebhaft bewegt hatte, schwieg; die Pariser, nachdem sie sich in dem strahlenden Glänze der politischen Herrlichkeit des Kaisertums gesonnt hatten, freuten sich nunmehr an der, mit der hohen Sommersaison in der Hauptstadt immer reicher zusammenströmenden Fülle der Fremden aus allen Weltteilen.

In all die schimmernde, bunte Pracht des üppigen Lebens, welches sich in der Kapitale Frankreichs entwickelte, war wie eine düstere Mahnung der finsteren Schicksalsmächte die Nachricht herüber gedrungen von dem furchtbaren Trauerspiel, dessen Entwickelung jenseits des Ozeans auf dem blutigen Sand des Grabens von Queretaro den Leichnam des edlen Erzherzogs niedergestreckt hatte, der sein Leben an die phantastische Aufgabe setzte, die Wilden von Mexiko zu zivilisieren. Wie ein düsteres Gespenst war das Bild des Ermordeten durch die rauschenden Feste der Weltausstellung dahin geschritten, für einen Augenblick alle diese jubelnden, fröhlichen Menschen in starrem Entsetzen versteinernd. Die Feinde des Kaisertums hatten in hohen Tönen die Schuld verkündet, welche der schweigsame Imperator an dem furchtbaren Ende eines reichbegabten, fürstlichen Lebens trug. Mehr oder weniger deutlich hatte man die Rachegeister heraufbeschworen, an dem Haupte des Schuldigen Vergeltung zu üben, und es wäre diesen Stimmen in der Presse und den Klubs vielleicht gelungen, einen Sturm der Entrüstung gegen Napoleon in der so sein und ritterlich fühlenden französischen Nation zu erregen, wenn nicht die täglich wechselnden, farbenschimmernden und aufregenden Bilder des Ausstellungstreibens alle tieferen Eindrücke schnell wieder verwischt hätten. So aber war das blutige Drama nach dem ersten erschütternden Eindruck bald wieder vergessen worden, wie man ja in Paris alles so schnell wieder vergißt, mag es dem Bereich des heiteren Gesellschaftslebens oder dem Gebiete der ernsten Weltereignisse angehören. Der finstere Schatten des gemordeten Kaisers war vorübergeschwebt; hinter ihm schlugen die Wogen des rauschenden Bacchanals der Lust höher und voller zusammen, und es gehörte zur Mode, nicht mehr von der Katastrophe zu sprechen, welche das stolzeste Herrscherhaus Europas so tief und schmerzlich getroffen hatte. Länger und ernster bewegt blieben die Freunde des Kaisers und der kaiserlichen Herrschaft. Trotz aller Andeutungen in den offiziösen Blättern aller Schattierungen war es doch ein offenes Geheimnis, daß der Wunsch einer politischen Annäherung an Rußland und einer ausgleichenden Verständigung mit Preußen nicht erfüllt war. Man wußte sehr gut, daß der Kaiser Alexander voll tiefer Verstimmung über die Beleidigung, deren Gegenstand er von Seiten der radikalen Advokaten gewesen war, und über das Attentat, welches sein Leben bedroht hatte, aus der französischen Hauptstadt in sein Reich zurückgekehrt war; man wußte ebenso, daß trotz der ritterlichen Courtoisie, mit welcher der König Wilhelm die liebenswürdigen Aufmerksamkeiten des Kaisers und der Kaiserin empfangen hatte, dennoch alle politischen Verständigungsversuche Napoleons bei dem eisernen Grafen von Bismarck nur eine ebenso höfliche, als kalte Ablehnung gefunden hatten. Es blieb also für die französische Politik nur ein einzig möglicher Weg offen, der des innigen Anschlusses an Österreich und der festen Alliance mit dieser Macht, welche zwar durch den schweren Schlag des letzten Jahres hart daniedergeworfen war, von der man aber hoffte und erwartete, daß sie unter der Herrschaft der neuen, freien Ideen des Herrn von Beust bald wieder die reiche Kraft gewinnen werde, welche bei einer richtigen Pflege ihrer inneren Lebenselemente sich naturgemäß entwickeln mußte. Man wußte, daß der Kaiser Napoleon mit allem Eifer nach dieser Alliance strebte, daß Herr von Beust für dieselbe äußerst günstig gesinnt sei, daß der Fürst Metternich seine ganze diplomatische Geschicklichkeit entwickelte, um die guten Beziehungen zwischen den Höfen von Wien und Paris immer inniger und fester zu knüpfen. Aber man fürchtete, daß das persönliche Gefühl und der Stolz des Kaisers Franz Josef zurückschrecken werde vor der Alliance mit Frankreich, dessen Cäsar einen Sprossen des habsburgischen Hauses dem frühen und entsetzlichen Tode überliefert hatte.

Mit um so größerer Freude begrüßten deshalb alle Freunde des Kaisertums die Nachricht, das der Kaiser Napoleon dem Kaiser Franz Josef in Salzburg einen Besuch abstatten werde und daß, um den freundschaftlichen Charakter dieser Zusammenkunft noch mehr und deutlicher hervortreten zu lassen, die beiden Kaiserinnen ebenfalls in Salzburg anwesend sein würden.

Damit war die Wolke verschwunden, welche zwischen den beiden auf einander angewiesenen Reichen aus dem mexikanischen Abgrunde emporgestiegen war, und abermals füllten sich die Spalten der Journale von Frankreich und von ganz Europa mit langen Artikeln über die Bedeutung der Zusammenkunft von Salzburg und über die Zwecke und Folgen einer französisch-österreichischen Alliance. Mit schadenfroher Genugtuung reproduzierten die französischen Blätter die Äußerungen des Mißbehagens und Mißtrauens, mit denen die preußischen Zeitungen die Nachricht von jener Zusammenkunft aufnahmen.

Neben diesen politischen Konjekturen unterließ die öffentliche Meinung aber nicht, sich zugleich mit der Zusammenkunft der beiden Kaiserinnen zu beschäftigen. In offiziös wichtigem Ton wurden die Toilettenangelegenheiten der hohen Damen behandelt, und die elegante Welt in Wien und Paris blickte mit gespanntem Interesse der Begegnung dieser zwei fürstlichen Frauen entgegen, welche jede in dem Reiche, dessen Thron sie teilten, zugleich in unbestrittener Herrschaft den Szepter der Anmut und Eleganz trugen.

Man vergaß einen Augenblick selbst die Ausstellung und ihre Wunder, man vergaß den Vizekönig von Egypten und seine schwarzen Nubier, man vergaß selbst den Besuch des Sultans, diese unerhörte Infraktion in die alte Etikette des mohammedanischen Orients, um sich nur noch mit der Zusammenkunft in Salzburg zu beschäftigen, und während die Politiker der Diplomatie und Presse mit gespannter Aufmerksamkeit allen Gerüchten lauschten und tausend Kombinationen bildeten und wieder verwarfen, ergingen sich die Damen, diese schönere und so unbedingt herrschende Hälfte der pariser Welt, in ebenso zahlreichen und ebenso schnell wechselnden Konjekturen über den großen Toilettenwettstreit, der zwischen den beiden Kaiserinnen vor den Augen der eleganten Welt Europas stattfinden sollte.

Der Kaiser Napoleon war, wo man ihn sah, von einer unzerstörbaren Heiterkeit und einer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Wohl zeigten seine Züge zuweilen den Ausdruck leidender Abspannung, wohl blieb sein Auge trübe verschleiert, aber sein Mund lächelte, und wenn er sprach, so waren es Worte der verbindlichsten Artigkeit oder der stolzesten Zuversicht, welche von seinen Lippen flossen, in der feinen, scharfen und stets so vieldeutigen Ausdrucksweise, die er so musterhaft wie niemand anders zu finden verstand.

Die Pariser, sowie das Volk von Frankreich – so leicht zu stolzem, nationalen Selbstgefühl sich erhebend, sagten sich zufrieden und beruhigt, daß die Angelegenheiten sehr gut stehen müßten, daß der Kaiser seiner Kombinationen sehr sicher sein müsse, und daß die Zukunft das Prestige Frankreichs höher heben werde als je vorher.

So nahte der 18. August heran, dieser Tag, für welchen die Begegnung der beiden Kaiser in Salzburg festgesetzt war, und die Augen der ganzen Welt richteten sich mit freudig erwartungsvollen oder mißmutig beobachtenden Blicken auf den alten, felsenumgebenen, romantischen Bischofssitz, in welchem das Band zwischen Frankreich und Österreich geknüpft und die erste Vorbereitung zu einer Aktion gelegt werden sollte, welche bestimmt sein mußte, dem Vordringen der preußischen Macht ein ernstes und unüberwindliches Veto entgegenzurufen. Denn es stand überall fest, daß nur eine solche ernste, diplomatische und militärische Aktion der Zweck und die Folge dieser Kaiserbegegnung sein konnte, trotzdem die Organe des Herrn von Beust täglich von neuem versicherten, daß diese Begegnung eine eminent friedliche Bedeutung habe und den Grundstein legen solle zur allgemeinen Eintracht und zum tiefen Frieden Europas.

Während so das ganze Publikum, von der zünftigen Diplomatie herab bis zu den Politikern der Boulevards, nichts anderes sprach und dachte, als die Salzburger Zusammenkunft, gab es nur einen Mann in Europa, der gar nichts von diesem Ereignis zu bemerken schien, obwohl nach der Meinung aller Welt dasselbe ihn gerade am meisten angehen sollte, und dieser eine Mann war der preußische Ministerpräsident und Kanzler des norddeutschen Bundes Graf von Bismarck. Er unterhielt die Personen, welche sich ihm näherten, von allen möglichen Dingen, nur nicht von dieser Zusammenkunft in Salzburg, und auf alle Anspielungen der Diplomaten hatte er keine andere Antwort, als ein ausweichendes Wort, ein Achselzucken, ein flüchtiges Lächeln.

Die Pariser hatten in den Morgenblättern gelesen, daß die kaiserlichen Majestäten mit großem Gefolge in einem Spezialtrain abgereist seien, sie lasen in den Abendblättern, daß der Kaiser in Straßburg enthusiastisch empfangen worden, sie verfolgten diese kaiserliche Reise und lasen weiter, daß der König von Württemberg den Kaiser am Bahnhof begrüßt habe, daß Napoleon in Augsburg die Wiege seiner Bildung, das St. Annengymnasium und das früher von der Königin Hortense bewohnte Fuggersche Haus in der Kreuzstraße besucht, daß der junge König von Bayern das französische Herrscherpaar am Bahnhofe von Augsburg empfangen und über München bis zur bayerischen Grenze geleitet habe; man las weiter von dem Empfang der kaiserlichen Gäste in Salzburg durch die österreichischen Majestäten, man las die Beschreibung der Toiletten der Kaiserinnen, die Berichte über den intimen, vertraulichen Verkehr der beiden Höfe, und die politischen Konjekturen sprachen in immer klareren und bestimmter formulierten Artikeln von der französisch-österreichischen Allianz, welche die Stütze bilden sollte für die Herstellung eines deutschen Südbundes unter Österreichs Führung, der unter strikter Aufrechterhaltung des Prager Friedens Preußen jedes weitere Vorschreiten auf der von ihm betretenen Bahn unmöglich machen sollte. Täglich erwartete man die Nachricht von dem Erscheinen der süddeutschen Fürsten in Salzburg, insbesondere von dem Besuch des Königs von Bayern, dessen Antipathien gegen Preußen die Zeitungen so oft betont hatten, und das französische Nationalgefühl erhob sich höher bei dem Gedanken, daß die Zusammenkunft in Salzburg das Parterre von Königen, welches Napoleon I. einst in Erfurt um sich versammelt hatte, an Glanz wie an politischer Bedeutsamkeit noch übertreffen könne.

Während nun die kaiserlichen Höfe von Frankreich und Österreich in Salzburg weilten, während die Berghöhen in bengalischen Flammen strahlten, während zwischen den romantischen Landpartien und den kleinen Theatervorstellungen die beiden Kaiser und ihre Minister stundenlange Unterredungen pflogen, über welche die Zeitungen alles Mögliche und Unmögliche berichteten, hatte sich König Ludwig von Bayern, dessen Namen in allen politischen Kombinationen so oft genannt wurde, in die tiefe Stille seines Schlosses Berg am Starnberger See zurückgezogen.

Im Licht der frühen Morgensonne lag das Schloß, ein einfacher Bau mit vier Ecktürmen, einem leisen Anflug von Gothik in seiner Außenseite am Fuß des Hügels, auf dessen Höhe dicht über der königlichen Residenz sich das kleine Dörfchen Oberberg ausdehnt. Vom Schlosse herab wehte im Morgenwinde die blauweiße Fahne, weithin der Gegend verkündend, daß der König auf seinem stillen Sommersitz anwesend sei.

Der König Ludwig war spät aufgestanden, nachdem er am Abende bis über die Mitternacht hinaus sich mit Aufzeichnen seiner Tageserlebnisse und der Resultate seiner Studien in sein Tagebuch beschäftigt hatte. Dann hatte der junge Fürst ein Bad in den kühlen, klaren Wellen des Starnberger Sees genommen und nach dem einfachen, in seinem Salon im zweiten Stockwerk des Schlosses servierten Frühstück sich in sein Arbeitskabinett zurückgezogen.

Es ist ein einfacher, aber in seiner Einfachheit schöner und anmutender Raum, das Arbeitszimmer dieses jungen, in fast noch kindlichem Alter auf den Thron gerufenen Fürsten, dem das Schicksal nicht die Ruhe ließ zur Entwickelung seiner inneren Ausbildung in stillen Studien, der in schwer verhängnisvoller Zeit aus dem träumenden Leben und Weben der jugendlichen Seele in die Kämpfe des Völkerlebens trat, dessen warmes, weiches und vertrauensvolles Herz ohne den Panzer der Erfahrung mit allen seinen Illusionen rücksichtslos und plötzlich allen Täuschungen der Welt preisgegeben wurde.

Den großen, bequemen Schreibtisch mit wohlgeordneten Papieren und Büchern bedeckt, schmückte eine prachtvolle Garnitur von Lapis Lazuli, blauweiße Säulen trugen Figuren aus verschiedenen Opern Richard Wagners. Die blauen Tapeten und der blaue Seidendamast der Möbel erfüllten das vom vollen Morgenlicht erleuchtete Kabinett mit milden Reflexen, und der blaue Ton dieser ganzen Umgebung ließ das bleiche, edle Gesicht des Königs mit den durch die Morgenluft und das Bad leicht geröteten Wangen wie ein Bild auf dunklem Grunde erscheinen.

König Ludwig, in einfachem Zivilmorgenanzug, stand am offenen Fenster und blickte aus die reiche und freundliche Landschaft hinab. Er stützte die eine Hand auf die Brüstung, seine schlanke, schmiegsame und doch hoch aufgerichtete Gestalt war leicht vornüber geneigt, seine großen, tiefblickenden, halb schwärmerisch träumenden, halb wißbegierig forschenden Augen blickten in sinnendem Nachdenken in die Landschaft hinaus.

»Wie schön!« flüsterte der König, in einem langen Atemzug die duftige Sommerluft einziehend, »wie schön! – wie zieht es mich anmutend hinaus in die grüne Ferne, um in übersprudelnder Jugendlust das fröhliche Leben an die Brust zu drücken, wie es die Jünglinge meines Alters tun! – Sie alle,« fuhr er fort, indem sein Auge sich trübe verschleierte, »sie alle dürfen fröhlich und jung sein, nur ich – ich habe dies schöne Vorrecht der Menschheit nicht, das Vorrecht, jung zu sein und in der vollen Ausdehnung der jugendlichen Kräfte die Ähnlichkeit mit der Gottheit zu empfinden, die uns zu ihrem Ebenbilde schuf und uns doch nur kurze Augenblicke gab, um das Vollgefühl dieser Ebenbildschaft zu genießen!«

Er blickte lange mit wehmütig trübem Blick über die grünen Baumgipfel hinab.

»Dafür bin ich König,« sagte er dann, indem er sich mit einem tiefen Atemzug stolz emporrichtete, »dafür habe ich das Recht, mich emporzuheben zu dem stolzen Gefühl der Gottheit, die Bösen zu strafen – den Guten wohlzutun – und des Volkes Führer zu sein auf der Bahn der Weltgeschichte.«

Sein Auge öffnete sich groß und wen und ein Strahl glänzte daraus hervor so hell und licht, wie der sonnige Himmel, der über der Morgenlandschaft sich ausspannte.

Bald aber sank sein erhobenes Haupt langsam wieder herab, ein trüber Schleier verhüllte abermals seinen Blick, und sich leicht vornüberneigend, wie unter der Last schwerer Gedanken, sprach er in dumpfem Tone:

»König! – was heißt König sein? Bin ich König, weil man mich Majestät nennt, weil man in meinem Namen Recht spricht, weil die Armee ihre Waffen vor mir senkt?«

Er schüttelte langsam das Haupt.

»Nein – nein,« sagte er dann, »ein König, ein wahrer König auf der Höhe seiner großen, erhabenen, herrlichen Aufgabe ist nur der, der wirklich herrscht, der wirklich der erste ist, der die persönliche Verkörperung aller Interessen, aller Ideen, aller Lebensfaktoren seines Volkes ist. Ein König war jener große Ludwig, der die Sonne, dies alles erleuchtende, dem irdischen Staube unerreichbare Gestirn zu seinem Sinnbilde wählte, der das bedeutungsvolle, stets mißverstandene, den ganzen königlichen Beruf zusammenfassende Wort sprach: l'état c'est moi, er, dessen Staatsbau man in kleinlichen Karrikaturen nachahmte, ohne ihn doch mit dem gewaltigen, völkerbeherrschenden Geiste erfüllen zu können, dessen Spuren uns noch heute mit staunender Bewunderung erfüllen. Auch er kam jung zur Herrschaft, freilich aber war ihm das große Völkerleben schon in seiner Kindheit näher getreten als mir – aber die hohe Aufgabe des Königstums konnte er nicht klarer und lebendiger in seinem Herzen erfassen, als ich es tue. – Sollte mir nicht gelingen können, was ihm gelang – der wirkliche Herrscher zu sein über die Geister, hoch dastehend über dem niederen Treiben – voranschreitend seinem Jahrhundert in königlicher Freiheit ohne Furcht und Vorurteil – ohne Schwanken und Zagen? – Er wußte die großen, schaffenden Geister seiner Zeit um sich zu versammeln und ihre Kräfte zu vereinen im Dienste der Größe seines Volkes, er wußte durch Colberts fruchtbare Gedanken die Quellen des Nationalreichtums zu erschließen – ein Wort seines Mundes, ein Wink seines Auges ließ den Feldherrngeist Turennes seine Schlachtlinien bilden und reiche Lorbeerkronen um die französischen Fahnen winden, er begeisterte die großen Dichter der Nation und machte sie zu freien Höflingen seiner königlichen Größe, unter seinem Schutz hielt Molière den Torheiten der Zeit den blinkenden Spiegel vor und schwang die Geißel über Dummheit und Heuchelei!«

Der König sann abermals lange nach.

»O«, rief er dann, »daß es mir gelingen könnte, große Geister zu fruchtbarer, glänzender Tätigkeit zu erwecken und sie um mich zu versammeln, ihre Strahlen vereinend in dem Brennpunkte des königlichen Thrones. – Doch,« fuhr er fort, »dazu gehört eine gewaltige Kraft, ich würde sie haben, es gehört Erfahrung dazu, ich hoffe sie immer mehr zu erwerben, vor allem aber gehört dazu ein kaltes Herz oder die Macht, das warme Menschenherz rücksichtslos zu opfern auf dem Altar des Königtums, ich aber habe ein warmes Herz, das nach Verständnis sucht, das an Menschen sich anschließen mochte in festem Glauben und vollem Vertrauen – und wenn dann die Menschen vor mir stehen, wenn ich ihr Treiben sehe und ihre Pläne durchschaue – dann fühle ich so schwer und kalt meine königliche Einsamkeit, und mein junges Herz zittert bei dem Gedanken, diese Einsamkeit ein ganzes Leben ertragen zu sollen; bang und traurig ziehe ich mich in mich selbst zurück! – Dort in den Tälern,« sprach er weich, »wohnt mein Volk, von dort blickt man herüber zu meiner Burg, dort glaubt man, daß hier in der stillen Ruhe der König wacht und arbeitet – leitend und ordnend die Geschicke aller der Menschen, welche die Vorsehung seiner Hand anvertraute, und doch, wie viel fehlt noch, bis sich aus der wogenden Arbeit meines Innern die Ruhe und Klarheit herausgearbeitet hat, die zum Regieren und zur vollen Erfüllung des königlichen Berufs allein befähigt!«

Er wendete sich vom Fenster, langsam schritt er zu seinem Schreibtisch hin, setzte sich auf den Sessel vor demselben nieder und ließ seinen Blick über die Figuren aus den Wagnerschen Opern schweifen.

»Es wogt und ringt in mir,« sagte er, den Kopf in die Hand stützend, »wie in den Tonbildern des Meisters, der mit seinem schöpferischen Wink diese Gestalten aus den dämmernden Fernen der grauen Vorzeit Deutschlands vor uns erscheinen ließ, o könnte ich bald die Auflösung aller Dissonanzen finden, die oft meine Seele schmerzvoll durchzittern! – Des vierzehnten Ludwigs herrliches Sonnenkönigtum steht als leuchtendes Ziel vor mir, und doch wallt mein Blut bei dem Anblick der alten Heldengestalten der deutschen Sage und Geschichte, bei den Gesängen von den Taten jener Könige, die, mitten im Volke stehend, im Ringen und Kämpfen mit dem Volke lebten und fühlten. – Sollte sich die stolze Idee des Königtums von Versailles nicht vereinen lassen mit dem tiefen, volkstümlichen Leben des deutschen Fürstentums in der deutschen Nation, sollte sich denn der glänzend freie, überall Licht und Leben hinstrahlende Thron nicht aufrichten lassen, ohne ihn in unnahbare Ferne hinauszuheben, füllte er sich nicht auf organisch aus dem Volksleben hervorwachsende Grundlagen fest begründen lassen? – Überall Widersprüche, überall Gegensätze,« sagte er seufzend, den Kopf in die Hand stützend, »und überall suche ich noch vergebens die verbindende Lösung, die es doch geben muß,« rief er lebhaft, »in dieser Lösung liegt die Herrschaft über die Welt und das Leben! Oder sollte eine solche Lösung nicht zu finden sein auf Erden, sollte unsere unvollkommene Natur bestimmt sein, sich abzumühen in ewigen Widersprüchen?«

Er ergriff ein auf seinem Schreibtisch aufgeschlagen liegendes Buch.

»Wie tief greift dieser große Fürst der Dichtung in das reiche Leben der Menschenseele, wie zauberhaft lebendig und wahr führt er seine Gestalten vor uns herauf, und doch bleiben auch unter seiner Meisterhand die Widersprüche ungelöst, jener große Widerspruch vor allem, der zwischen dem reinen, idealen Leben des Herzens und zwischen dem Treiben dieser materiellen, niedrigen und rohen Welt sich erhebt und uns täglich mit tausend Nadelstichen so schmerzlich verwundet! Wie schön ist alles, was dieser Posa sagt!« fuhr er fort, den Blick auf dem aufgeschlagenen Buch ruhen lassend, »wie recht hat er mit seiner flammenden Beredtsamkeit, und doch wie wahr ist es, was Don Philipp spricht! – erniedrigt sich denn die Menschheit nicht heute noch, wie damals, selbst zu einem Saitenspiel in der Hand der Könige? – Wo findet ein Fürst den Menschen, der mit ihm die Harmonie teilen könnte? Und welche Lösung findet der große Dichter für diesen Konflikt des Schönen mit dem Wahren, den er in so lebendigen Gestalten uns vorführt? – den Tod,« sagte er düster, »die Zerstörung! Sollte das Schöne und das Wahre wie die Messungslinien so mancher Sterne sich erst in den ewigen Feinen einer anderen Weltordnung vereinigen?«

Der König warf den Band der Schillerschen Trauerspiele, den er in der Hand gehalten, auf den Tisch und lehnte sich nachdenklich in seinen Sessel zurück, das Auge mit traurig gestimmtem Ausdruck nach oben gerichtet.

Er hatte einige Augenblicke so dagesessen, als ein Schlag an die Tür ertönte und unmittelbar darauf ein Mann in den fünfziger Jahren, von strammer, militärischer Haltung, im schwarzen Frack und weißer Kravatte, das Gesicht umrahmt von einem starken Vollbart, in das Kabinett trat.

Es war der Kammerdiener Seif, des Königs vertrauter Diener schon aus der Zeit, da er noch Kronprinz war. Ruhig und unbeweglich an der Tür stehen bleibend, meldete er seinem königlichen Herrn:

»Der Fürst Hohenlohe ist soeben von Starnberg eingetroffen und bittet Eure Majestät um Audienz.«

Der König seufzte tief auf.

»Da schneidet wieder des Lebens Wirklichkeit in meine Träume,« sagte er, sich langsam erhebend, und schritt an dem die Tür offen haltenden Kammerdiener vorüber in den rot tapezierten und mit Möbeln von rotem Seidendamast garnierten Empfangssalon.

»Ich erwarte den Fürsten,« sagte er, sich neben dem großen Tisch in der Mitte des Salons in einen Fauteuil niederlassend, so daß seinem Blick sich die Aussicht durch die geöffnete Tür zu dem Balkon mit einer Galerie von Eisengitter öffnete. Einen Augenblick später trat der Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst in den Salon.

Dieser Minister, welcher die schwere Erbschaft des Herrn von der Pfordten angetreten hatte und nun bemüht war, das Staatsschiff durch die vielen und gefährlichen Klippen der neuen Zeitentwicklung zu führen, war eine äußerst aristokratische Erscheinung. Sein Gesicht, das trotz des Ausdrucks einer gewissen Kränklichkeit sein Alter von fünfzig Jahren nicht vermuten ließ, trug einen militärischen Typus. Der starke Schnurrbart verdeckte nicht vollständig den geistvollen Ausdruck des leicht beweglichen Mundes. In den klar und frei blickenden Augen vereinigte sich eine feine und scharfe Beobachtung mit wohlwollender Offenheit.

Der Fürst ergriff ehrerbietigst die dargereichte Hand des Königs, der sich bei seinem Eintritt einen Augenblick erhoben hatte, und nahm dann auf einen Wink des jugendlichen Monarchen demselben gegenüber Platz.

»Sie bringen Nachrichten aus Salzburg, mein lieber Fürst, nicht wahr?« sagte der König, den Blick erwartungsvoll auf seinen Minister richtend.

»Erneuerte und dringende Einladungen an Eure Majestät, dorthin zu kommen,« erwiderte der Fürst, indem er sein Portefeuille öffnete und daraus verschiedene Papiere neben sich auf den Tisch legte, »der Graf Trautmannsdorf hat mir den lebhaften Wunsch Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph ausgesprochen, daß Eure Majestät wenigstens auf einen Tag dorthin kommen möchten, und auch der Marquis de Cadore hat mir im Namen des Kaisers der Franzosen den gleichen Wunsch seines Herrn sehr lebhaft betont.«

König Ludwig zuckte die Achseln.

»Ich habe dem Kaiser Napoleon alle Höflichkeiten erwiesen,« sagte er leichthin, »die er bei der Durchreise durch Bayern verlangen oder nur erwarten konnte, und sehe nicht ein, daß irgendwelche Forderung der Etikette bestehen könnte, die mich zu einem Besuch bei dem Kaiser auf österreichischem Gebiet veranlassen sollte. Hat Graf Trautmannsdorf,« fragte er abbrechend, »der Einladung des Kaisers Franz Joseph irgendwelche Bemerkung hinzugefügt?«

»Graf Trautmannsdorf hat lange mit mir gesprochen,« erwiderte der Fürst, »und wenn auch sehr vorsichtig und nur in allgemeinen Andeutungen, so hat er mir doch sehr klar und verständlich die politische Idee entwickelt, welche nach der Auffassung des Kaisers der Zusammenkunft in Salzburg zugrunde liegt, und derzufolge es für Österreich sehr wünschenswert ist, daß Eure Majestät ebenfalls dort anwesend sei.«

»Ich bin begierig zu hören,« sagte der König, indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und die Lippen fest aneinander schließend seine erwartungsvollen Blicke auf den Minister richtete.

»Graf Trautmannsdorf hob hervor,« sagte der Fürst, »wie es das gemeinsame Interesse Österreichs und Bayerns erfordere, daß die Grenzen, welche der Prager Frieden dem Vordringen des preußischen Einflusses gesteckt habe, sorgfältig innegehalten und mit möglichst starken Garantien umgeben werden. Jeder Gedanke eines Zurückgreifens in die Vergangenheit liege dem Kaiser und seiner Regierung fern, aber es sei notwendig, sich mit Frankreich, welches ja fast überall gemeinsame Interessen mit Österreich habe, darüber zu verständigen, daß das nunmehr Geschaffene und Bestehende erhalten und gegen jede erneute Schwankung geschützt werde. Der Prager Frieden sei eine Lebensbedingung für die Selbständigkeit der süddeutschen Staaten und zugleich von höchstem Interesse für die Ruhe Europas, welche bei neuen Erschütterungen in Deutschland nicht ungefährdet bleiben könne. Müsse daher Österreich unter den verschiedenen Punkten der europäischen Politik, in welchen es seine Anschauung in Übereinstimmung mit Frankreich zu formulieren denke, ganz besonders den Prager Frieden hervorheben, so liege hier doch die Grenze einer französischen Einmischung in deutsche Angelegenheiten so nahe, daß es dem Kaiser besonders erwünscht sei, bei den Besprechungen über diesen Punkt den mächtigsten Fürsten Süddeutschlands neben sich zu sehen. Eure Majestät würden daher durch Ihr Erscheinen nicht nur den wahren Interessen Deutschlands, sondern auch der Ruhe Europas einen großen Dienst leisten und wesentlich dazu beitragen, der Zusammenkunft in Salzburg die eminent friedliche Bedeutung zu geben, welche sie nach den Intentionen der österreichischen Regierung haben soll.«

Der König hatte mit unbeweglicher Aufmerksamkeit zugehört, leicht neigte er das Haupt zum Zeichen, daß er die Ausführung, welche der Fürst ihm wiederholt, genau verstanden habe.

»Und was ist Ihre Meinung, mein lieber Fürst?« fragte er in ruhigem Ton.

Fürst Hohenlohe ergriff ein Papier, auf welches er einige Notizen verzeichnet hatte, und sprach:

»Die Frage, Majestät, um welche es sich hier handelt, ist eine so wichtige und ernste, daß ich's nicht gewagt habe, Allerhöchstdenselben meine persönliche einseitige Ansicht als Ressortminister zu unterbreiten, ich habe mir erlaubt, das Staatsministerium zu vereinigen und mich der Zustimmung meiner Kollegen zu meiner Auffassung zu vergewissern.«

Ein feines, fast unmerkbares Lächeln erschien einen Augenblick auf den Lippen des Königs.

Der Fürst fuhr fort:

»Eure Majestät haben sehr treffend zu bemerken die Gnade gehabt, daß allen Forderungen der Etikette vollständig Genüge geschehen sei, daß keine Höflichkeitsrücksicht einen Besuch in Salzburg notwendig mache. Ein solcher Besuch würde unter den vorliegenden Verhältnissen und bei der hohen Aufmerksamkeit, mit welcher die Blicke aller Kabinette Europas auf die Vorgänge in Salzburg gerichtet sind, eine wesentlich politische Bedeutung haben, und diese Bedeutung könnte nur die sein, daß Eure Majestät und Bayern im Prinzip sich den Abmachungen anschließen wollten, welche etwa zwischen Österreich und Frankreich in betreff der deutschen Verhältnisse getroffen werden möchten. – Eure Majestät wissen,« fuhr der Fürst nach einer Pause fort, »daß ich die Leitung der Geschäfte übernommen habe, um nach dem schweren Schlage von 1866 der Krone Bayern die größte Kraft und Selbständigkeit zu erhalten und das hartgetroffene Land von den Wunden wieder genesen zu machen, welche noch so frisch bluten. Zur Erfüllung dieser Aufgabe,« fuhr er fort, »ist es aber notwendig, die guten Beziehungen zum Norddeutschen Bunde und das Vertrauen des Berliner Hofes ungetrübt zu erhalten und neue Verwicklungen und Unruhen zu vermeiden, welche bösem Willen Gelegenheit geben könnten, gegen die bisher noch gewahrte Unabhängigkeit Bayerns weiter vorzugehen. Eure Majestät werden überzeugt sein,« fuhr der Fürst mit Betonung fort, »daß ich gegen jedes solche Vorgehen mit aller Energie und allen mir zu Gebote stehenden Mitteln handeln würde. Ich halte es aber der Klugheit für angemessen, Konflikte nicht zu provozieren, in denen wir allein einer mit allen Aktionsmitteln ausgerüsteten und diese Mittel rücksichtslos gebrauchenden Macht gegenüberstehen, oder uns auf die Hilfe des Auslandes angewiesen sehen würden, denn was Österreich betrifft,« fügte er achselzuckend hinzu, »so müssen uns die Erfahrungen von 1866 wohl belehrt haben, welches Schicksal seine Alliierten zu erwarten haben. Ich bin deshalb,« fuhr er fort, »und zwar in Übereinstimmung mit meinen Kollegen, der Meinung, daß Eure Majestät es vermeiden sollten, durch einen Besuch in Salzburg und durch eine Teilnahme an den dortigen, noch sehr unklaren, aber jedenfalls dem Berliner Kabinett verdächtigen Verhandlungen die preußische Regierung zu reizen. Würden aber Eure Majestät aus Rücksicht auf den Kaiser Franz Joseph einen kurzen Besuch zu machen wünschen, so würde ich Allerhöchstdieselben dringend bitten, mir nicht befehlen zu wollen, Sie zu begleiten, damit Sie durch die Abwesenheit Ihres Ministers die Ablehnung aller eingehenden politischen Erörterungen motivieren könnten und damit zugleich diese Abwesenheit dem Besuch Eurer Majestät in den Augen der europäischen Kabinette die politische Bedeutung nehme und denselben als eine reine Höflichkeit erscheinen lasse.«

Der Fürst schwieg und verneigte sich zum Zeichen, daß er seine Meinung ausgesprochen habe. König Ludwig erhob sich und ging einige Male mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder.

Der Fürst war ebenfalls aufgestanden und folgte mit seinem klaren, freien Blick den raschen Bewegungen des jungen Königs. Endlich blieb der König vor seinem Minister stehen, stützte den Arm auf den Tisch und sprach, indem er das Haupt hoch aufrichtete und dem Fürsten voll ins Gesicht sah:

»Ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Meinung und diejenige meiner übrigen Minister ausführlich mitgeteilt. Sie wissen, wie sehr ich des Rates der Erfahrung bedarf, um meine schweren Pflichten in diesen ernsten Zeiten zu erfüllen, allein ich darf es freudig aussprechen, daß in diesem Fall mein eigenes Gefühl und meine eigene Erkenntnis mich zu demselben Resultat geführt haben, zu welchem die Erwägung meiner erfahrenen Räte gelangt ist. Mein Entschluß stand fest, nicht dorthin zu gehen, in welchem Sinne, in welchem Maße auch immer wo Frankreichs Kaiser über die Angelegenheiten Deutschlands verhandelt. Ich werde dorthin auch nicht zu einem bloßen Höflichkeitsbesuche gehen, auch nicht ohne Sie, mein lieber Fürst, denn wo ich bin,« sagte er, sich stolz aufrichtend, »da ist Bayern, und ich will nicht, daß der Name Bayerns eingemischt werde in Verhandlungen mit Frankreich. Ich habe die Andeutungen wohl verstanden, welche Napoleon mir während der Reise von Augsburg gemacht hat; es soll ein Südbund geschaffen werden unter österreichischer Führung. Habe ich aber das Schwert gezogen zur Verteidigung gegen die preußische Hegemonie, um mich nun unter Österreich zu stellen, dem die Macht fehlt, einen Alliierten zu schützen? – was würde der Südbund anderes sein, als die ewige Teilung Deutschlands, dieses Deutschland, für dessen Einheit und Macht die Wittelsbacher ununterbrochen gefochten? Und wer würde der Schirmherr dieses Südbundes sein? Nicht das schwache, in sich selbst beschäftigte Österreich, sondern Frankreich, welches für diesen Schutz seinen Preis aus deutscher Erde schneiden würde. Ein neuer Rheinbund würde entstehen; was aber möglich war und geschehen konnte im Anfang dieses Jahrhunderts, in der Zeit unklarer Zerrissenheit, das darf und soll heute nicht geschehen, nachdem das nationale Bewußtsein im deutschen Volke erwacht ist und unaufhaltsam zur einigen Macht hindrängt.«

Der König schwieg tief aufatmend.

Ein warmes Licht glänzte in dem Auge des Fürsten Hohenlohe.

»Ich bin glücklich,« sagte er mit voller Stimme, »diese edlen und hochherzigen Worte aus dem Munde meines Königs zu vernehmen; wollte Gott, daß ganz Deutschland Eure Majestät hören könnte, damit die Nation sich überzeuge, wie der Enkel so vieler glorreichen Fürsten über deutsche Ehre und deutsche Würde denkt.«

Der König lächelte freundlich, blickte einen Augenblick sinnend über den Balkon hin in die weite, lachende Landschaft hinaus.

»Sehen Sie, mein lieber Fürst,« sagte er dann, »ich bin stolz auf die Krone, welche mir meine Vorfahren hinterlassen, ich bin eifersüchtig auf meine königlichen Rechte, weil sie Gott und die Geschichte mir gegeben, weil sie mir die Macht verleihen, mein Volk glücklich zu machen. Ich werde diese Rechte verteidigen gegen alle Versuche einer anderen Macht, sie mir zu beschränken, aber ich trage wie einen unerschütterlichen Glauben in mir die Zuversicht auf den hohen Beruf, welcher dem deutschen Volke in der Entwicklung der Weltgeschichte zugewiesen ist. Für Deutschland und seine Größe bin ich zu jedem Opfer bereit.«

Wieder schwieg er einige Augenblicke und fuhr dann mit erhöhtem Tone fort, als ob aus seinem Innern heraus die Gedanken unwillkürlich hervorbrächen:

»Dieser ganze Antagonismus zwischen Preußen und Österreich, der endlich zu dem Konflikte von 1866 führte, hat mich in meinem Gefühl immer tief schmerzlich berührt. Das von den republikanischen Zuständen des alten Griechenlands übernommene Wort Hegemonie bildet allein schon eine schneidende Dissonanz zu den Verhältnissen Deutschlands. Dieser nationale Bund von volkstümlich monarchischen Staaten, zu welchem die deutschen Stämme sich vereinigen, schließt den Begriff der Hegemonie aus. Wie im gotischen Dombau das Kleine und das Große zum schönen, harmonischen Ganzen zusammengefügt erscheinen, in dem jedes seinen Sinn und seine Bedeutung hat, so muß auch das deutsche Völkerleben sich gestalten zu einer harmonisch ineinander wachsenden Gliederung, in der kein einzelnes berechtigtes Glied sich dem anderen unterordnen, sondern jedes in seiner vollen Eigentümlichkeit aufblühen soll, wie die symbolische Rose in der gotischen Ornamentik. – Das deutsche Volk,« fuhr er immer wärmer und lebhafter fort, »verträgt nur eine Einheitsform, das ist die historische Reichseinheit, der Bundesbau der deutschen Stämme schließt sich nur unter einer Kuppel, das ist die Kaiserkrone.«

Immer erstaunter blickte der Fürst auf diesen jungen König, der, seiner Gewohnheit entgegen, in plötzlicher Erregung aus sich heraustrat und die Gedanken, welche ihn bewegten, in so warmen und lebendigen Worten aussprach.

»Die Geschichte meines Hauses,« fuhr der König fort, »würde mir das Recht geben, die Hand auszustrecken nach diesem herrlichen Diadem, wenn die heutige Macht meines Landes seiner historischen Vergangenheit entspräche, aber ebenso, wie ich es erstreben würde, mich mit dem kaiserlichen Reichsschwert zu umgürten, wenn die Vorsehung mir dazu den Beruf gegeben hätte, ebenso werde ich mich als der erste unterordnen unter die kaiserliche Hoheit desjenigen deutschen Fürsten, dem Gott die Macht und den Beruf geben wird, das einige Reich deutscher Nation wieder aufzurichten. Wenn die Hohenzollern sich dazu erheben können, Kaiser der einigen, in ihrer Eigenart freien deutschen Nation zu sein, die spezifische Vergrößerung Preußens, seine einseitige Hegemonie aufzugeben, dann werde ich mich freudig auf die erste Stufe ihres kaiserlichen Thrones stellen, und dem deutschen Kaiser wird Bayern gern und bereit seinen Heerbann stellen zur Bekämpfung des Reichsfeindes, von woher auch immer er den Grenzen sich nahen möge.«

»Und halten es Eure Majestät für möglich,« sagte der Fürst mit bewegter Stimme, »daß der große und erhabene Gedanke, den Sie soeben ausgesprochen und der jedes deutsche Herz höher aufwallen läßt, jemals zur Wirklichkeit sich gestalten könne, der Eifersucht und hemmenden Gewalt der Mächte Europas gegenüber, welche alle die einige Macht Deutschlands fürchten, da sie wohl wissen, daß ihr der erste Rang unter den Großmächten nicht streitig gemacht werden kann?«

Das Auge des Königs öffnete sich weit, und es sprühte daraus hervor wie helle Flammen stolzen Mutes und hoher Begeisterung.

»Die hemmende Gewalt des Auslandes!« rief er mit dem Ausdruck tiefer Verachtung, »welche Gewalt kann es auf Erden geben, die sich dem Willen des einigen Deutschlands entgegenstellen möchte? Lassen Sie das Ausland herantreten an die deutsche Grenze; wenn die Nation einig ist, wird der germanische Riese diejenigen zerschmettern, die sich seinem Willen entgegenzustellen wagen, und es ist, als ob mir eine innere Stimme sagte, daß ich die Zeit noch erleben werde, in der dies geschehen wird, daß ich berufen sein werde, Zeugnis abzulegen für die heilige Überzeugung, die ich in mir trage, und die ich soeben vor Ihnen ausgesprochen.« Der Fürst trat einen Schritt vor und sprach, indem er sich ehrfurchtsvoll vor dem König verneigte:

»Möge der gute Geist Deutschlands die vertrauensvolle Zuversicht Eurer Majestät erfüllen, möge es Ihnen vergönnt sein, mit Ihrer königlichen Hand den Grundstein zu legen zum Aufbau des neuen deutschen Kaisertums; die Geschichte wird den spätesten Zeiten den Ruhm Eurer Majestät aufbewahren, einen Ruhm, den die gerechte Dankbarkeit der Nation in den Namen zusammenfassen müßte: Ludwig der Deutsche.«

Der König lächelte sanft und reichte dem Fürsten die Hand.

»Und diesen Namen, mein lieber Fürst,« sagte er, »würde ich gern und dankbar annehmen, denn ich würde das Bewußtsein haben, ihn ein wenig zu verdienen. Groß zu sein,« fuhr er fort, »ist nicht jedem gegeben, nur selten bietet sich die Gelegenheit, große Taten zu tun, auch wenn man den Mut und die Kraft dazu hätte; aber sein ganzes Wesen für das Vaterland hinzugeben, ist jedem und jederzeit möglich, und jeder deutsche Fürst hat vor allen Dingen den Beruf, deutsch zu sein in seinem Denken, Wollen und Wünschen. – Ich bitte Sie nicht, hierzubleiben, mein lieber Fürst,« sagte er nach einigen Augenblicken im Ton leichter Konversation, »Sie werden nach München zurückeilen müssen, um die Antwort auf jene Einladung zu geben. Nehmen Sie welchen Grund Sie wollen, meine Scheu vor großer Repräsentation, wenn Sie wollen, nur machen Sie, daß man dort vollständig klar ist über mein Nichterscheinen, und sich keinerlei Illusionen hingebe.«

»Ich kehre zurück,« sagte der Fürst, »gehobenen Mutes und stolzen Herzens. Eure Majestät haben in dieser Stunde eine große Tat getan für Bayern und für die Zukunft Deutschlands. Sie haben der Welt gezeigt und dem französischen Kaiser ganz besonders, daß heute sich keines deutschen Fürsten Hand der Einmischung in die nationalen Angelegenheiten entgegenstreckt.«

Mit tiefer Verbeugung verließ er das Zimmer. Der König trat einen Augenblick auf den Balkon hinaus und blickte weit über die Ebene zu den Bergen am Horizont.

»Eben noch verzweifelte ich,« sagte er mit lächelndem Munde, »den Punkt auf Erden zu finden, in welchem das Schöne und das Wahre sich vereine: gerade jetzt ist mir durch ein gütiges Geschick ein solcher Punkt wenigstens gezeigt worden. Schön und erhaben ist die Liebe und Treue zum Vaterland, und wahre Klugheit ist es zugleich, dem Drange dieser Liebe und Treue zu folgen in seinen Entschlüssen und Handlungen. Möchte es mir vergönnt sein, auch auf den übrigen Gebieten des Wissens und Strebens den Vereinigungspunkt zu entdecken, in welchem das Schöne und das Wahre zur ewigen Harmonie ineinander klingen.«

Er verließ den Balkon und kehrte in sein Arbeitszimmer zurück.

»Die Unruhen dieser materiellen Welt und ihrer politischen Kämpfe,« sagte er, sich vor seinem Schreibtisch niederlassend, »hätte ich mir für heute ferngehalten. Ich will die Freiheit benutzen, um mich in das Reich der großen Geister zu vertiefen und den Wegen zu folgen, auf welchen sie die Erkenntnis der Wahrheit suchten.«

Er ergriff ein neben dem Schillerschen Trauerspiel auf dem Schreibtisch liegendes Buch und vertiefte sich in die Lektüre von des Abbés Batteux »Geschichte der Meinungen der Philosophen aller Zeiten über die letzten Ursachen der Dinge«.

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