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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
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Siebenunddreißigstes Kapitel.

Tiefe Stille erfüllte die weiten kühlen Gewölbe der alten Notredame-Kirche, welche feierlich und würdevoll daliegt inmitten des wogenden und drängenden Treibens von Paris, seit Jahrhunderten umdrängt von dem stets wechselnden Wellenschlage des vielgestaltigen, zu immer neuen Formen sich bildenden Lebens dieser Metropole der unruhig brausenden französischen Nation.

Leichte kleine Weihrauchwölkchen stiegen zu den hohen Gewölben empor, welche durch die Lichter der farbigen Rosenfenster mit magischen Reflexen erleuchtet wurden; es war die Zeit der Morgenmesse, das heißt der Morgenmesse für die vornehme Welt, die erst gegen elf Uhr ihre Pflicht gegen Gott zu erfüllen denkt, während die Arbeiter schon früh um sechs Uhr ihre Messe hören, bevor sie ihr mühsames Tagewerk beginnen.

Während die Töne des Meßgesanges durch den weiten Raum erklangen, knieten in den Betstühlen umher die Damen der großen Welt in der frischesten und elegantesten Morgentoilette teils in wirklicher Andacht, teils in konventioneller Devotion, wie sie der gute Ton erfordert, ihre Häupter neigend vor dem Allerheiligsten.

In nicht minder leichter und eleganter Toilette sah man vermischt mit jenen Frauen, welche die ältesten und vornehmsten Namen Frankreichs trugen, die hervorragenden Damen der Halbwelt, und sie neigten ihre Häupter mit nicht geringerer Devotion als jene. Wo aber in den Herzen die größere Andacht sein mochte, das konnte allein Der sehen, dessen heiliges Symbol der Priester am Altar emporhob; Er, der durch die Gewölbe der hohen Kathedrale herabblickt, wie durch die Dächer der niederen Hütten, der gütig die Salben der Magdalena annahm, und von dessen göttlichen Lippen die Mahnung erklang: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.«

In der Nähe des großen Einganges, ziemlich fern von dem Altar, an welchem die Messe gelesen wurde, stand der Graf Rivero neben einem der mächtigen Pfeiler, welche die hohen Gewölbe des alten Domes tragen. In ernster Andacht folgte er der heiligen Handlung. Neben dem Ausdruck dieser Andacht lag auf seinen Zügen ein Schimmer von Glück und Dankbarkeit, welcher sein ernstes Gesicht wie mit einer sonnigen Verklärung überhauchte; es schien, als wolle er dem Gott der Liebe und Gnade, dessen Hochamt hier gefeiert wurde, den besonderen Dank seiner Seele darbringen für die Fügung, durch welche sein Leben wieder Wärme und Licht erhalten hatte.

Die Eingangstür öffnete sich, man hörte das leichte Rauschen einer duftig frischen Damentoilette. Unwillkürlich wendete der Graf seinen Blick nach der Richtung des Einganges hin und sah die Marchesa Pallanzoni, ganz in helle Farben gekleidet, in die Kirche treten. Ihr wunderbar schönes Gesicht war frisch wie immer, ihre großen, dunklen Augen waren halb niedergeschlagen und ihre Züge wie ihre ganze Haltung trugen den Ausdruck frommer Demut. Sie war ein Bild einer Dame der höchsten Aristokratie, welche von den Höhen des Lebens herabsteigt, um sich vor dem Altar niederzuwerfen und allen irdischen Stolz zu den Füßen Gottes niederzulegen.

Sinnend, mit dem Ausdruck leichten Erstaunens, ruhte das Auge des Grafen auf dieser Frau. Niemand kannte wie er die tiefen Abgründe ihrer Seele, und doch mußte er sich sagen, daß dieser Ausdruck von Demut und Frömmigkeit, der wie eine leichte, durchsichtige Wolke über der weltlichen Eleganz ihrer Erscheinung lag, so echt und wahr erschien, daß man kaum an Heuchelei hätte denken können.

Mit langsamen, fast schüchternen Schritten näherte sich die Marquise dem Pfeiler, an dem der Graf stand, und neben welchem zugleich sich die Schale mit dem geweihten Wasser befand. Langsam schlug die junge Frau die Augen empor, fragend und erwartungsvoll ruhte ihr Blick auf dem Grafen. Die Höflichkeit erforderte, daß er ihr den Wedel mit dem Weihwasser darbot. Langsam trat er einen Schritt vor, es war, als ob ihn eine innerliche Warnung zurückhielt, die Hand dieser Frau mit einem Symbol seines Gottesdienstes in Verbindung zu bringen. Doch, wie einem raschen Entschluß folgend, trat er an den steinernen Kessel heran, tauchte den Wedel in das geweihte Wasser und sprach leise, indem die junge Frau ihre Fingerspitzen benetzte und das Zeichen des Kreuzes auf ihrer Stirn machte: »Möge dieses reine und heilige Wasser Ihre Seele reinwaschen von aller Schuld«.

Das dunkle Auge der Marquise blitzte bei diesen, nur ihr hörbaren Worten einen Augenblick unter den demutsvoll gesenkten Wimpern empor. Es lag in diesem Blick ein unbeschreiblicher Ausdruck von Hohn und Herausforderung, ja fast wildem Hasse, so daß der Graf wie entsetzt zusammenzuckte. Doch in der nächsten Sekunde war dieser Blick wieder unter den Augenlidern verschwunden, die Marquise neigte ernst und dankend das Haupt und begab sich zu einem der nächsten Betstühle, in welchen der ihr folgende Lakai ein Kissen von dunkelblauem Samt niedergelegt hatte.

Die heilige Handlung nahm ihren Fortgang, bald ertönte das Ite missa est durch die feierliche Stille als Losung für diese ganze hier versammelte elegante Welt, sich wieder zurückzubegeben in das glänzende, funkelnde und blühende Leben, nachdem man von allen dem Vergnügen geweihten Stunden einige Augenblicke geopfert hatte, um sich mit dem Himmel auf gutem Fuße zu erhalten.

Die Marquise hatte ihren Betstuhl verlassen und schritt langsam, immer den Ausdruck tiefer Bewegung und Andacht auf ihren Zügen, dem Ausgangsportal zu.

Der Graf Rivero näherte sich ihr und sprach im leichten Ton des Weltmannes: »Darf ich Sie um einen Platz in Ihrem Wagen bitten? Ich bin zu Fuß hier und möchte den weiten Weg nach den Boulevards abkürzen.«

Die Marquise nickte schweigend ihre Zustimmung; der Graf bot ihr den Arm und führte sie nach ihrer draußen wartenden Equipage, deren Schlag der Lakai bereits geöffnet hatte.

Schnell zogen die ungeduldig harrenden Pferde an und der Wagen rollte fast unhörbar auf seinen leichten Rädern den neuen und eleganten Stadtteilen zu.

»Ich habe Sie noch nicht gefragt,« sagte der Graf, »in welcher Weise Sie die Aufgabe erfüllt haben, die ich Ihnen gestellt – Sie haben mir und meiner Sache einen großen Dienst geleistet, ich hoffe, daß dabei keine Kompromittierung möglich ist.«

»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte die junge Frau mit stolzem Lächeln , »ich bin gewohnt, in diskreten Dingen zu gehen wie die Indianer auf ihren Streifzügen. Niemand wird die Spur meiner Schritte finden. Ich habe –«

»Sie werden mir das später erzählen,« sagte der Graf, »für heute wollte ich Ihnen nur mitteilen, daß ich Ihnen den jungen Hannoveraner bringen werde, den ich Ihnen neulich beim Rennen in Longchamps vorgestellt habe. Sie wissen, daß mich das Treiben der hannöverschen Emigration und des Vertreters des Königs Georg lebhaft interessiert. Sie werden mit derselben Geschicklichkeit, die Sie bei Ihrem ersten Auftrage bewährt haben, auch das Ende dieser etwas verschlungenen Fäden zu finden wissen; vielleicht,« fügte er mit einem kalten Lächeln hinzu, »ist diese Aufgabe schwieriger, doch werden Sie etwas mehr Unterhaltung dabei finden.«

Die Marquise neigte das Haupt, und indem sie sich mit einer gewissen graziösen Koketterie in die Kissen zurücklehnte, sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick:

»Ich werde versuchen, Sie auch diesmal zufrieden zu stellen.«

Der Wagen war die Seine entlang gefahren und in die Nähe der Morgue gekommen, dieses langen, niedrigen Gebäudes, unter dessen Dache die Leichen der Verunglückten zur Rekognoszierung für die Angehörigen ausgestellt werden.

Die Marquise warf einen neugierigen Blick auf dieses einfache Gebäude, das in dem bewegten Mittelpunkte des Pariser Lebens die finster tragischen Lösungen so vieler Lebensrätsel in sich schließt.

»Ist es möglich, Herr Graf,« fragte sie, »einmal diese Morgue zu betreten, von der ich so viel gehört habe, die mich anzieht wie ein finsterer Abgrund voll entsetzlicher Geheimnisse, und welche ich noch nie gewagt habe allein zu besuchen?«

»Die Morgue steht jedem offen,« erwiderte der Graf ernst, »da sie den suchenden Angehörigen Gelegenheit geben soll, Vermißte aufzufinden; nur läßt sich's nicht vermeiden, daß sie zugleich den neugierigen Parisern ein Mittel bietet, ihre überreizten Nerven durch den Anblick grauenvoller Bilder zu kitzeln. Wenn Sie es wünschen, werde ich Sie hineinführen,« fuhr er mit tiefer Stimme fort, »Sie werden vielleicht Gelegenheit haben, zu sehen, zu welchem Ende Schuld und Verzweiflung den irrenden und von Gott abgewendeten Menschen führen können.«

Wieder schoß aus den Augen der Marquise wie ein Blitz jener Blick voll dämonischen Hasses und finsteren Hohns zu dem Grafen herüber, wie er in der Notredame ihm erschienen war, aber ebenso schnell, wie damals, verschwand auch jetzt dieses plötzliche Aufleuchten wieder unter dem gleichmäßig artigen Ausdruck der Weltdame, und indem sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms leise die Schulter des vor ihr sitzenden Kutschers berührte, sagte sie in leichtem Ton:

»Ich danke Ihnen, daß Sie meinen Wunsch befriedigen wollen, der übrigens mehr als bloße Neugierde ist. Da Sie meiner Dienste für Ihre Sache auf den Höhen wie in den Tiefen des Lebens bedürfen,« fügte sie mit einem fast unmerkbaren Anklang von Ironie in der Stimme hinzu, »so darf ich mich nicht scheuen, auch einen Blick auf den Boden der finsteren Abgründe des menschlichen Lebens zu tun.«

Der Wagen stand, dem Wink der Marquise gehorchend, unmittelbar neben dem Eingang zur Morgue. Der Graf bot der jungen Frau mit der ihm eigentümlichen, würdevollen und anmutigen Eleganz seinen Arm und in wenigen Augenblicken traten sie durch die Vorhalle in den so einfachen, von oben her erhellten Raum, dessen Anblick eben seiner Einfachheit wegen einen um so erschütternderen Eindruck macht.

Auf den Gestellen, leicht unterspült von stets frisch fließendem Wasser, lagen heute fünf Leichen, völlig entkleidet, neben dem Gestell hingen die Kleidungsstücke, und auf kleinen Taburetts lagen die Gegenstände, welche man bei den Verunglückten gefunden hatte.

Mit tiefem Ernst sah der Graf Rivero auf diese traurigen Überreste, welche die Marquise ihrerseits mit einer Neugierde betrachtete, deren Ausdruck nur durch das Gefühl des natürlichen Schauers gemildert wurde, den die lebendige, menschliche Organisation instinktmäßig beim Anblick des Todes empfindet.

Auf dem ersten Gestell, dem Eingänge zunächst, lag die Leiche eines Knaben von zwei Jahren; eine tiefe Wunde lief über den Kopf oberhalb der Stirn, die Züge des jugendlichen Gesichts waren entstellt und schmerzhaft verzogen, der Mund geöffnet, die Augen gebrochen, neben der Leiche hingen einige ärmliche Kleidungsstücke.

Während der Graf die Überreste dieses so früh auf gewaltsame Weise dem Leben entrissenen Kindes voll tiefen Mitleids betrachtete, eilte die Marquise nach einem flüchtigen Blick auf die kleine Leiche dem nächsten Tische zu.

Hier lag ein alter Mann von mindestens sechzig Jahren, mit struppigem, grauem Bart und spärlichen Haaren, die eingefallenen Züge zeigten selbst in dem vorgeschrittenen Stadium der Verwesung, in welchem die Leiche sich bereits befand, die Spuren tiefen Elends. Kleidungsstücke, welche neben dem Gestell hingen, waren durch die lange Zeit, die sie im Wasser zugebracht hatten, fast unkenntlich in den Farben geworden.

»Welch eine wunderbare Zusammenstellung,« sagte der Graf Rivero langsam, »hier das Kind, kaum in das Leben getreten und schon auf so entsetzliche Weise wieder dem Tode geweiht! Soll man es beklagen oder beneiden, daß es dieser Welt entrückt wurde, bevor ihre Schuld und ihre Schmerzen das junge Herz erfassen konnten? Und hier daneben,« fuhr er fort, indem sein Blick langsam hinüberglitt zu der Leiche des alten Mannes, »hier daneben dieser Greis, den des Lebens Not so schwer gedrückt hat, daß er die kurze Zeit nicht mehr ertragen konnte, die ihn von dem natürlichen Ende seiner Leiden trennte. Er ist zu beklagen, der Arme, der lange Jahre die Schmerzen des Daseins ertragen, und nun, weil er die erlösende Macht des Todes nicht erwarten konnte, mit der Schuld der Selbstzerstörung beladen vor dem ewigen Richter erscheinen mußte.«

Er faltete die Hände und sprach ein stilles Gebet über der entstellten Leiche des alten Mannes.

Flüchtig nur hatte die Marquise seinen Worten zugehört und wendete sich zum nächsten Gestell, welches den toten Körper eines jungen Mädchens trug, die höchstens einen Tag in den Fluten der Seine geblieben sein konnte, so frisch war die Farbe ihrer Haut und der Zustand der saubern Kleidungsstücke, welche neben ihr hingen und deren Schnitt sie als den mittleren Bürgerständen angehörig bezeichnete. Das schwarze Haar lag, in einfachen Flechten geordnet, um die marmorbleiche Stirn, und um den geschlossenen Mund sah man die Linien schmerzlicher Seelenkämpfe.

»Armes Kind,« sagte der Graf, »dich hat die Liebe dem frühen Tode in die Arme geführt, diese Liebe, welche von den Dichtern aller Zeiten als das höchste Glück besungen wird, und welche doch so selten Glück und Frieden in das Menschenherz bringt; möge die ewige Liebe milde das Verbrechen richten, zu welchem dich die irdische Liebe geführt hat.«

Ein leichter Ausdruck des Erstaunens entfuhr den Lippen der Marquise, welche sich nach dem nächsten Gestell gewendet hatte.

Auf diesem lag der Körper eines jungen Mannes, welcher nach der daneben hängenden Bluse dem Arbeiterstande angehört haben mußte; fast wie auf einem Ruhebett ausgestreckt sah man die muskelkräftig schön gebauten Glieder daliegen, der Kopf mit dem schwarzen Haar war etwas zurückgelehnt und das bleiche Gesicht mit den geschlossenen Augen zeigte den Ausdruck eines ruhigen, fast lächelnden Friedens.

In diesem leblosen Antlitz aber erkannte die Marquise Pallanzoni die Züge von George Lefranc. Dieses geschlossene Auge hatte mit so warmer, tiefer Innigkeit die arme Arbeiterin Louise Bernard angeblickt, dieser für ewig geschlossene Mund hatte so treue, liebevolle Worte zu ihr gesprochen, Worte, die hin und wieder längst vergessene Töne einer reineren Vergangenheit, wenn auch nur in vorübergehender, zitternder Schwingung, hatten in ihrem Herzen ertönen lassen, Worte, bei denen es zuweilen leise um ihr Haupt gerauscht hatte, wie von dem fern heranwehenden Flügelschlage des längst entflohenen Schutzgeistes ihrer Kindheit.

Und nun lag dies junge Herz voll Liebe und Hoffnung erstarrt zum ewigen Schlaf vor ihr, ihr konnte kein Zweifel bleiben, was den armen, jungen Mann in den Tod getrieben hatte, sie konnte die Leiden ermessen, welche dies Herz bewegt haben mußten, bevor es zu schlagen aufgehört.

Eine dunkle, fliegende Röte war über ihr Gesicht geflammt, als sie den Toten erkannte, eine tiefe Blässe legte sich dann über ihre Züge und mit einem wunderbar tiefen Ausdruck, wie er selten in ihrem Auge zu finden war, blickte sie auf den leblosen Körper hin. Es lag etwas in diesem Blick von tiefem Mitleid, ein Schimmer von Gefühl, von Schmerz, und langsam stieg eine blinkende Träne in das klare, glänzende Auge herauf, als sie dies bleiche, in der Erstarrung des Todes so friedlich ruhige Gesicht vor sich sah. Dann glitt ihr Blick herab über den schönen Körper des jungen Mannes, dessen schlanke und kraftvolle Formen dem Meißel eines Bildhauers hätten zum Vorbild dienen können, ihr Auge verschleierte sich wie mit einer wallenden Wolke, leicht senkten sich ihre Lider herab und ein halb unterdrückter, tiefer Seufzer drängte sich aus ihren Lippen hervor.

Der Graf hatte dies alles bemerkt – scharf und forschend sah er sie an.

Rasch wendete sich die junge Frau ab, mit einer kräftigen Willensanstrengung gab sie ihrem Gesicht seinen gewohnten, ruhigen Ausdruck wieder und mit natürlichem Ton sprach sie leicht zusammenschauernd:

»Ich habe meine Nerven doch für stärker gehalten, lassen Sie uns gehen, der entsetzliche Eindruck dieser Todesbilder überwältigt mich.«

Noch einmal glitt ihr feuchtschimmernder Blick über die schöne Gestalt der Leiche, noch einmal drängte sich jener tiefe, schwere Atemzug aus ihren Lippen hervor, dann schritt sie, ohne die andern Leichen weiter anzusehen, dem Ausgange zu.

Der Graf blieb einen Augenblick zurück und machte langsam das Zeichen des Kreuzes über dem Körper des jungen Arbeiters, dann folgte er der Marchesa, welche bereits die Morgue verlassen hatte, hob sie in ihren Wagen und setzte sich neben sie.

»Nach Hause!« rief die junge Frau, und schnell rollte der Wagen davon.

In schweigendem Nachdenken saß der Graf einige Augenblicke da, dann richtete er den Blick voll und fest auf die Marchesa, welche, wie dem magnetischen Einfluß dieses Blickes gehorchend, die Augen zu ihm aufschlug und ihn fragend und erwartungsvoll mit einer Mischung von Trotz und Demut anblickte.

»Wer war dieser Tote?« fragte der Graf mit leiser, aber tief durchdringender Stimme.

Wie unwillkürlich zuckte die Marchesa mit den Achseln, auf ihrem Gesicht erschien ein Ausdruck, als wollte sie eine flüchtig ablehnende Antwort geben. Dann aber blitzte es auf wie willenskräftiger Stolz in ihrem Auge, und indem sie den Grafen gerade und fast starr anblickte, sagte sie in ruhigem Ton, durch den aber eine leise Bewegung hindurchklang:

»Er war das Werkzeug, durch welches ich Ihren Auftrag ausgeführt habe – er liebte mich, wie ich glaube, tief und innig – er ist an dieser Liebe und an der Täuschung seines Herzens gestorben, das hat mich bewegt und schmerzlich ergriffen, vielleicht,« fuhr sie halb für sich fort, »ist es besser für ihn so, was hätte das Leben ihm bieten können, dessen Geist aufwärts strebte, während seine Lebensstellung ihn mit unlösbaren Fesseln an die Niedrigkeit geschmiedet hielt!«

Der Graf schwieg abermals lange und blickte düster vor sich hin.

»Ich werde dafür sorgen,« sagte er dann, »daß dieser arme, junge Mann eine würdige Ruhestätte finde, und nicht an die anatomischen Säle ausgeliefert werde. Sie aber –« fuhr er dann fort, seine Hand leicht, aber mit kräftigem Druck auf diejenige der Marquise legend, »Sie aber beugen sich in Demut und Reue vor Gott, daß er Ihnen die Zerstörung dieses jungen Lebens voll Hoffnung und Liebe vergeben möge, das Sie vor der Zeit vernichtet und zu einem Tode voll finsterer Verzweiflung gedrängt haben.«

Rasch in elastischer Bewegung schnellte der geschmeidige Körper der Marchesa empor, ihre Augen sprühten Blitze flammenden Stolzes, in höhnischem Lächeln kräuselten sich ihre schönen Lippen, daß die weißen Zähne schimmernd hervortraten, und mit scharfer Stimme, fast dem Zischen der zur Verteidigung sich aufraffenden Schlange vergleichbar, sprach sie:

»Ich habe bei dem Anblick dieses armen Toten Reue und Schmerz empfunden, und wenn ich glaubte, daß es eine ewige Macht gäbe, zu der mein Gebet empordringen könnte, so würde ich täglich für diese arme Seele beten, die sich voll Innigkeit mir angeschlossen hatte, und die mir alles geben wollte, was sie an Reichtum von Liebe und Treue zu bieten hatte. Sie aber, Herr Graf,« fuhr sie fort, indem ihr Haupt sich noch höher und stolzer emporrichtete und indem ihre Augen in kühner Herausforderung den Blicken des Grafen begegneten, »Sie aber haben kein Recht, mich zur Buße und Reue zu ermahnen, denn wenn hier von einer Sünde, von einem Verbrechen die Rede ist, so ist es diesmal nicht das Weib, das dem Manne den Apfel gereicht hat!«

»Welche Sprache –« sagte der Graf mit einem Erstaunen, das fast den Ausdruck des Schreckens vor der so plötzlichen Auflehnung dieser Frau zeigte, die er ganz in seiner Hand zu halten meinte, »welche Sprache – Sie vergessen –«

»Ich vergesse nichts,« erwiderte die junge Frau, ihn unterbrechend, immer in demselben festem, scharfen und zischend hervordringenden Ton, »ich vergesse nichts und ich spreche die Sprache, zu der ich berechtigt bin. Ich habe viel Schuld auf mich geladen,« fuhr sie fort, »und alle Sünde, die ich begangen aus dem Triebe meiner eigenen Wünsche, will ich tragen und verantworten – die Tat aber, die hier geschehen, ist nicht die meine und nimmer hätte ich sie um meinetwillen getan. Sie, Herr Graf, haben mir gesagt, daß ich mich von der Schuld meines früheren Lebens entsühnen könne, indem ich an Ihrer Hand als Ihr Werkzeug einer großen und heiligen Sache diene, einer Sache, von deren Sieg das Wohl der Menschheit abhinge und der Sie Ihr Leben gewidmet hätten. Ich habe diesen Dienst angenommen, und in dem Dienst jener Sache haben Sie mir den Auftrag gegeben, Ihnen den Inhalt der bekannten Kassette zu verschaffen, Sie haben mir den Weg angedeutet, den ich zu gehen habe, um mein Ziel zu erreichen, und ich bin ihn gegangen in der vollen Überzeugung, daß der Weg, auf den Sie mich gewiesen,« fuhr sie mit tief einschneidender Ironie fort, »der rechte und ein dem Himmel wohlgefälliger sei. Ich habe meinen Zweck erreicht, Sie haben mir Ihre Zufriedenheit darüber ausgedrückt – und wenn der Erreichung jenes Zweckes ein Opfer gefallen ist, so habe ich mir wahrlich dabei keinen Vorwurf zu machen, denn nicht um meiner Wünsche willen habe ich mich in den Lebenskreis jenes armen, jungen Mannes gedrängt, nicht um meinetwillen habe ich seine Liebe mir erworben. Er sollte das Werkzeug sein für Ihre Plane, er ist es geworden, und wenn nun das Werkzeug zerbrochen ist – so ist das nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Meisters, der meiner Hand sich bediente, um jenes Werkzeug in Tätigkeit zu setzen. Wenn ich die Schwäche habe – und ich habe sie, den Armen zu bedauern, so ist das eine Sache meines Herzens und meines Gefühls, Sie aber, dessen Befehlen ich gehorcht, haben kein Recht, mir einen Vorwurf zu machen.«

Der Graf hatte schweigend zugehört, endlich wich der Ausdruck des Erstaunens und der Überraschung aus seinen Zügen, eine schnelle Röte flammte über sein Gesicht, und indem er seinen Blick von oben herab über die ganze Gestalt der jungen Frau gleiten ließ, sprach er in kaltem Ton:

»Sie führen eine Sprache, die Ihnen nicht ziemt, ich bitte Sie, niemals zu vergessen, daß ich Sie in meiner Hand halte und zertrümmern kann, wenn Sie den Gehorsam vergessen.«

»Nicht in dieser Sache halten Sie mich in Ihrer Hand, Herr Graf,« rief die junge Frau, »was ich getan habe, haben Sie mich zu tun geheißen, und die Früchte meiner Tat, wenn sie strafbar ist, sind in Ihren Händen, die Verantwortung, die mich träfe, würde in demselben Augenblick auf Sie zurückfallen.«

Der Graf erhob sich fast von den Kissen des Wagens, seine Augen flammten in so gewaltigem Zorn, daß dieser Blick, wenn er ein körperliches Fluidum gewesen wäre, die Marchesa wie ein Wetterstrahl hätte vernichten müssen.

Noch bevor er aber ein Wort gesprochen hatte, schien ein schneller Gedanke die junge Frau zu erfüllen, ein schneller Entschluß ihre Erregung niederzukämpfen.

Der höhnische Ausdruck verschwand von ihren Lippen, ihre Augen senkten sich zu Boden, und als sie dieselben wieder aufschlug, blickten sie demütig und sanft zu dem Grafen hinüber.

Indem sie die Spitzen ihrer mit den zierlichen, hellgrauen, schwedischen Handschuhen bekleideten Finger wie bittend an einander legte, sagte sie mit einer Stimme, deren Weichheit keine Spur mehr von dem früheren scharfen, schneidenden Ton ihrer Worte hatte:

»Ich bitte um Verzeihung, mein Meister, daß ich mich von meiner Erregung habe hinreißen lassen – Sie wissen, wie schwer ich an eigener Schuld zu tragen habe, so schwer,« sprach sie leise, »daß ich wohl befugt bin, mich zu sträuben, eine Schuld auf mich zu nehmen, die nicht die meine ist, wie Sie anerkennen werden, wenn Sie gerecht gegen mich sein wollen. – Mein Gehorsam,« fuhr sie fort, »ist unbedingt und durch meinen Gehorsam gerade ist ja dies Opfer gefallen, für das, wie ich Ihnen aus voller Überzeugung schon gesagt habe, der Tod wohl eine Wohltat ist, da er ihn von den Kämpfen des Lebens erlöst hat, die seinen armen, schwer arbeitenden Geist vielleicht zu der Nacht des Wahnsinns geführt hätten.«

Der Graf sah sie mit einem langen Blicke an, der zornig überlegene Ausdruck verschwand von seinem Gesicht, eine stille, traurige Wehmut verschleierte seine soeben noch Flammen sprühenden Augen, und sich in die Kissen zurücklehnend, blieb er schweigend neben der Marchesa sitzen.

»Sie werden mir also den Baron Wendenstein zuführen?« fragte diese, als der Wagen sich ihrer Wohnung näherte, »jenen jungen Hannoveraner, mit welchem ich wohl keine so tragische Wendung zu befürchten habe, als mit dem unglücklichen George Lefranc.«

Der Graf antwortete nicht sogleich.

»Ich werde darüber nachdenken,« sagte er nach einer Pause, »ob der Zweck, den ich im Auge habe, das Spiel mit diesem jungen, frischen Herzen wert ist.«

Ein leichtes, fast unbemerkbares Lächeln zitterte über die Lippen der Marchesa.

Der Wagen hielt vor ihrer Wohnung.

»Darf ich Sie nach Hause fahren lassen?« fragte die junge Frau, als der Graf ihr die Hand zum Aussteigen reichte.

»Ich danke,« erwiderte er, »ich will zu Fuß gehen.«

Und mit artiger Verbeugung wollte er sich verabschieden, als in demselben Augenblick der Leutnant von Wendenstein aus der Tür des Hauses trat.

Befremdet blickte der Graf ihn an, während die Marchesa mit anmutigem Lächeln den Gruß des jungen Mannes erwiderte, indem ein leichter Schimmer triumphierender Freude aus ihrem Blicke leuchtete.

»Sie haben mir neulich erlaubt, Frau Marquise,« sagte der junge Mann, »mich Ihnen vorzustellen, und ich wollte soeben von dieser gütigen Erlaubnis Gebrauch machen; zu meinem tiefen Bedauern waren Sie nicht zu Hause, und ich habe meinem glücklichen Stern zu danken, der mich Ihnen jetzt gerade entgegenführt.«

»Es tut mir leid, mein Herr,« erwiderte die junge Frau mit verbindlicher Höflichkeit im vollendetsten Ton der großen Welt, »daß ich nicht imstande bin, Sie einzuladen, mich jetzt wieder in meinen Salon zu begleiten. Ich bin erschöpft und habe dann meine Toilette zu machen. Aber ich empfange Abends immer und heute abend werden Sie mich sicher zu Hause finden. Ich darf Ihnen also sagen: Auf Wiedersehen!«

Sie reichte dem Grafen die Hand, der sie mit einem leichten Zögern ergriff und unhörbar flüsterte: »Ist das die Hand des Verhängnisses?« –

Die Marquise nickte dem jungen Mann einen freundlichen Gruß zu und stieg dann schnell die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf.

»Nach welcher Richtung gehen Sie, Herr Graf?« fragte Herr von Wendenstein, »ich wollte ein wenig zur Ausstellung.«

»Sie werden dort dem Vizekönig von Egypten begegnen, er ist vorgestern angekommen und will heute die egyptische Abteilung besuchen,« sagte der Graf, indem er den jungen Mann mit einem langen und tiefen Blick ansah, der wenig zu dem einfachen und gleichgültigen Inhalt seiner Worte paßte, »ich will nach Hause zurückkehren und habe die Ehre, Ihnen viel Vergnügen zu wünschen.«

Es schien, als wolle er noch etwas sagen, doch reichte er Herrn von Wendenstein die Hand, und artig den Hut berührend, wendete er sich um und schritt langsam das Trottoir entlang, während der junge Hannoveraner einen vorüberfahrenden Fiaker heranrief, um nach dem Champ de Mars hinauszufahren.

»Darf ich diesen jungen Mann in die Gefahr sich stürzen lassen, die ihm bei dieser Frau droht? – Ist es nicht meine Pflicht, ihn zu warnen?« fragte er sich leise, »doch,« fuhr er fort, »was sollte er denken, wenn ich ihn vor einer Frau warnte, der ich ihn selbst vorgestellt habe, und würde diese Warnung irgendeinen Erfolg haben? – Ich will über ihm wachen,« sagte er tief aufatmend, »und Gott wird mir die Kraft geben, zu verhüten, daß hier ein zweites Trauerspiel gespielt werde.«

Langsam schritt er weiter seiner Wohnung zu.

In seinem Salon angekommen, öffnete er einige Briefe, die er auf seinem Tische fand, durchflog deren Inhalt flüchtig und trat dann sinnend an das Fenster.

»Ich habe einen tiefen Blick in das Innere dieser Frau getan,« sagte er seufzend zu sich selbst, »und Entsetzen erfaßt mich bei dem Gedanken an den dämonischen Abgrund in dieser Seele, die ich zu meinem Werkzeug gemacht habe. Im tiefsten Grunde ihres Herzens schläft die Auflehnung gegen meine Macht, sie schäumt in den Zügel und wird jede Gelegenheit suchen, ihn abzuschütteln. – Und habe ich diese Macht noch,« sagte er mit einem tiefen Atemzug, »ich war ihr Herr – kann ich es noch sein, da ich ihr Mitschuldiger bin? – Ihr Mitschuldiger?« rief er, sich hoch aufrichtend, »kann es eine Schuld geben in dem großen, gewaltigen Kampf für das heiligste und höchste Ziel? – Und wenn ich, mich selbst vergriffe in der Wahl der Mittel, wenn meine Brust erfüllt ist vom edelsten Streben, wenn ich das Gute im weitesten Kreise erziele, kann ein Übel, das den Einzelnen treffen möchte, mir angerechnet werden vor dem Richter, für dessen Macht und Herrlichkeit ich streite? – Den Einzelnen?« fuhr er in finsterem Sinnen fort, »gibt es einen Einzelnen vor Gott, ist das einzelne Menschenherz nicht eine Welt in den Augen desjenigen, der die Sperlinge auf dem Dache schützt und jedes Haar unseres Hauptes behütet?«

Lange stand er schweigend.

»Also auch in dies Herz,« sagte er dann, »auch in dies Herz, das ich so fest gepanzert glaubte, dringen die Zweifel der schwachen Seelen, auch mich will die Schwäche beschleichen, die ermatten läßt in der großen Arbeit für den Ruhm Gottes und den Sieg der Kirche? – »Nein,« rief er, sich stolz emporrichtend und das große Auge mit begeistertem Blick aufschlagend, »nein, kein Zweifel, keine Schwäche soll mein Herz krank machen; mit Feuer und Schwert muß der Sieg über die Mächte der Finsternis erfochten werden, damit die Palme des heiligen Friedens die geläuterte und zum Dienste Gottes zurückgekehrte Welt beschatten könne.«

Wieder aber verschleierte sich sein verklärt aufwärts schauendes Auge, schmerzlich zuckte seine Lippe und finsterer Ernst legte sich auf seine Stirn.

Wie ermattet brach seine stolze Haltung zusammen, langsam ließ er sich in einen Lehnstuhl niedersinken, bedeckte das Gesicht mit den Händen und sprach mit tief trauriger, zitternder Stimme:

»Eritis sicut deus!«

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