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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
projectidcf96d5e8
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

In tiefe, träumerische Gedanken versunken lag Julia am Morgen nach ihrem Besuch der Weltausstellung auf dem Ruhebett ihres Zimmers, den Kopf zurückgelehnt in die Kissen unter den leicht von der Jarbiniere herüberhängenden Blumen. In wunderbar wogendem Wechsel zogen die inneren Bilder durch die junge Seele hin, welche, kaum erwacht, so schwer berührt war von dem Ernst und den Schmerzen des Lebens.

Sie träumte von der sonnigen Zeit, welche sie noch durchleben sollte, getrennt von aller Bitterkeit und Beängstigung ihres bisherigen Daseins, ganz nun hingegeben an den reinen und ungetrübten Genuß, sie sah nach dieser schnell verfliegenden Lichtwolke von Glück die lange, tiefe Nacht ihres künftigen Lebens kommen, diese Nacht, in welche sie sich versenken wollte, um den drohenden Gefahren des Lebens zu entgehen, diese Nacht, welche ihr erhellt erschien durch das milde Licht der Erinnerung und durch den himmlischen Strahl des Glaubens, und vor welcher ihre junge, lebens- und liebesfreudige Seele dennoch zurückbebte in unwillkürlicher, zitternder Scheu.

Und durch alle diese Bilder, durch alle diese widerstreitenden Gefühle hindurch trat immer von neuem vor ihre Seele die Erscheinung jenes Mannes, welchen sie einmal schon in raschem Vorbeifahren erblickt und welcher am Abend vorher sie begleitet und in dem peinlichen Augenblick ihrer Begegnung mit der heiteren Gesellschaft im chinesischen Theater sie mit seinen tiefen und beredten Augen so durchdringend angeblickt hatte.

Sie konnte weder diese Augen, noch diese Stimme vergessen – es war ihr, als müßte sie diesen Blick schon gesehen, den Klang dieser Stimme schon gehört haben.

»Graf Rivero« – sprach sie leise, »Graf Rivero, so nannte er ihn, diesen Mann, der wie der Ton einer altbekannten, märchenhaften Zaubermelodie auf mich wirkt, dessen Auge in den Tiefen meiner Seele eine so wunderbare Wärme erglühen läßt, so mächtig – und so rein, so überirdisch rein! – Graf Rivero,« wiederholte sie, »ich mag suchen in meinen Erinnerungen – sie sind ja noch so einfach und durchsichtig, ich kann diesen Namen nicht finden, ich kann diesem Manne noch nicht begegnet sein.«

Wieder versank sie in langes Nachdenken. Tiefe Traurigkeit legte sich auf ihre Züge.

»Mein Vater,« seufzte sie, »mein armer Vater, er, der Einzige, der freundliches Licht in mein einsames Leben gebracht hat, er wird traurig sein – er wird mich schmerzlich vermissen, darf ich ihn verlassen?« –

Sie faltete die Hände und blickte lange mit ihren tiefen Augen aufwärts, ein feuchter Hauch glänzte an ihren Wimpern.

»Ich muß es,« sprach sie dann mit Entschiedenheit, »ich muß es, ich fühle die Kraft nicht, den Kampf mit dem Leben, das mich umgeben würde, zu ertragen, ich kann nur die Ruhe finden in der Stille der heiligen Zurückgezogenheit – und dem Vater darf ja auch die Braut des Himmels Trost bringen und teilnehmende Liebe weihen, o er wird selbst glücklicher sein, wenn er weiß, daß ich das einzige Glück, den einzigen Frieden gefunden habe, den ich auf Erden finden kann.«

Sie stand auf, verließ ihre Wohnung und ging durch den leeren Salon ihrer Mutter, welche erst viel später ihr Schlafzimmer zu verlassen pflegte, in das einfache, ärmliche Zimmer des Malers Romano.

Dieser saß in sich zusammengesunken vor der Staffelei mit dem unvollendeten Christusbilde. Aus dem bleichen Gesicht schauten die krankhaft glänzenden Augen so schmerzvoll traurig und so sehnsüchtig verlangend zugleich auf die Leinwand hin, daß Julia bei diesem Anblick ihr Herz erbeben fühlte von innigstem, tiefstem Mitgefühl.

Schnell eilte sie zu diesem gebrochenen, kranken Manne hin, und sich in kindlicher Hingebung zu seinen Füßen zusammenschmiegend, drückte sie die warmen, frischen Lippen auf seine kalte, feuchte Hand.

Er fuhr empor wie aus einem beängstigenden Traum, sein Blick wurde milder und freundlicher, als er das junge Mädchen zu seinen Füßen erblickte.

»Wie geht es meinem lieben Vater heute morgen?« fragte sie mit liebevoll schmeichelnder Stimme, der sie einen heiteren, leichten Ton zu geben versuchte, durch welche aber doch die tiefe Bewegung hindurchklang, welche sie erfüllte.

»Wenn meine liebe Julia, mein treues, gutes Kind bei mir ist,« sagte er, sanft ihr glänzendes Haar streichelnd, »dann geht es mir immer gut; doch steh auf,« fuhr er fort, sie mit einer gewissen hastigen Bewegung erhebend, als widerstrebe es ihm, das junge Mädchen da zu seinen Füßen zu sehen, »steh auf und setze dich hier zu mir, damit wir ein wenig plaudern.« Sanft drückte er sie auf einen kleinen Sessel nieder, der neben der Staffelei stand, und sah lange in ihr schönes, jugendfrisches Antlitz.

»Wenn ich dich ansehe,« sprach er dann halb zu sich selber, »so ist es mir, als wolle die Harmonie wieder in meine Seele zurückkehren, welche sie in meiner Jugend, vor langer, langer Zeit – erfüllte, als vereinten sich die zerrissenen Linien, die verwischten Farben in mir zu einem schönen Bilde, zu einem Bilde, das ich suche, ewig suche und nicht finden kann –«

Und mit tiefem Schmerz, mit verzweiflungsvoller Unruhe richtete sich sein Blick wieder auf das unvollendete Bild vor ihm.

Ein Geräusch wurde in dem anstoßenden Salon hörbar, man vernahm einen Schritt, der auf dem weichen Teppich sich dem Zimmer des Malers näherte.

Dieser richtete das Auge auf die Tür – trübe Resignation lag auf seinen Zügen, er erwartete das Erscheinen von Madame Lucretia, welche ihm eine jener Szenen machen würde, die in ihrer steten Wiederholung wie tiefe Messerstiche sein wundes, leidendes Herz trafen.

Plötzlich aber öffneten sich seine Augen, weit und weiter brennend trat die Pupille hervor, ein Ausdruck des furchtbarsten Entsetzens, Totenblässe legte sich geisterhaft auf sein Gesicht, und tiefer und tiefer nach rückwärts zusammensinkend, breitete er die Hände wie abwehrend vor sich aus.

Erschrocken sah Julia diese schreckliche Veränderung auf dem Gesicht des Malers, schnell wendete sie sich nach der Tür um und stieß einen leichten Schrei aus, indem sie sich erhob und zitternd neben ihrem Stuhl stehen blieb.

In der geöffneten Tür, halb noch beschattet von der auf der anderen Seite derselben herabhängenden Portiere des Salons, stand der Graf Rivero ruhig und unbeweglich.

Tiefere Blässe als sonst bedeckte sein schönes Gesicht, über dessen wehmütig und schmerzvoll bewegten Zügen ein Ausdruck von kalter, bitterer Strenge lag. Lange betrachtete er das der Tür gegenüber hängende große Bild – mit weichem, mildem Strahl glitt sein Blick herab auf das junge Mädchen, die lebende Verkörperung dieses schönen Bildes, dann richtete sich sein Auge flammend wie der zuckende Blitzstrahl aus den Maler, der noch immer unbeweglich-starren Blickes auf seinem Stuhle saß.

»Gaëtano!« rief der Graf mit tiefer Stimme, »hier stehe ich, um Rechenschaft zu fordern: was hast du mit dem Glück, dem Frieden, dem Vertrauen deines Bruders gemacht, mit seinem Weibe, mit seinem Kinde?«

Der Maler sank einen Augenblick wie vernichtet vollständig zusammen, dann richtete er sich in einer konvulsivischen Bewegung auf, und fast ohne die Füße vom Boden zu erheben, schleppte er sich zu dem Grafen hin, zu seinen Füßen sank er nieder und streckte die zitternden Hände empor, sein Blick hing mit dem Ausdruck der Todesangst an dem ruhig-strengen Gesicht des unbeweglich vor ihm stehenden Mannes.

»Mein Bruder,« rief er dann in heiserem Ton, dem der Klang der menschlichen Stimme fehlte, »mein Verbrechen ist schwarz wie die ewige Nacht der Hölle, meine Schuld unermeßlich wie der leere Raum des Firmaments, aber ich schwöre es dir bei dem ewig rächenden Gott, dessen Zorn durch die Himmel donnert, wenn es ein Maß gibt für die Größe meiner Schuld, so ist es mein Leiden, das Leiden langer Jahre, die Reue ohne Träne, die Verzweiflung ohne Ruhe. O mein Gott,« sprach er weiter, das Gesicht mit den Händen bedeckend, »wenn, von den Furien gepeitscht, meine verzweifelnde Seele Tage und Nächte lang die tiefsten Abgründe der Schmerzen durcheilte, dürstend nach der Vernichtung, dann gab es eine Hoffnung, eine letzte einzige Hoffnung für mich, einst noch das Antlitz meines Bruders zu sehen; Gott konnte mir nicht vergeben, aber er – er, der Gekränkte, mit seiner großen Seele, er würde meine Schuld von mir nehmen, so rief mein Herz! – Jetzt steht er vor mir, und aus seinem Auge zuckt das Schwert des Gerichts auf mich herab! Hier bin ich, mein Bruder, vollziehe das Urteil, das ich so lange brennend in meinem Busen getragen habe!«

Er fiel nieder, den Boden mit der Stirn berührend.

In mächtiger Bewegung eilte Julia zu ihm hin.

»Mein Vater!« rief sie, »mein teurer Vater, erhebe dich, deine Tochter ist bei dir! Oh, mein Herr,« sagte sie, die tränenfeuchten Augen zu dem Grafen emporrichtend, »mein Herr, schonen Sie meinen Vater!«

»Mein Vater!« fügte der Graf bitter mit schneidender Stimme. »Mein Vater! Also nicht nur mein Glück hast du mir geraubt, du hast auch die Liebe dieses reinen Herzens für dich genommen, du hast dir angemaßt den Namen des Vaters, dessen Herz du zertreten, dessen Frieden du gemordet hast. Bist du nicht versunken in die geöffnete Erde, wenn diese Lippen dich Vater nannten?«

Ein rauhes Stöhnen war die einzige Antwort des unbeweglich am Boden liegenden Malers; voll Entsetzen blickte Julia auf diese gebrochene Gestalt, ihr Geist verwirrte sich vor diesem Rätsel, dessen Lösung sie noch vergeblich suchte.

»Du hast mir dieses Kind genommen,« sprach der Graf weiter, »rein, wie es aus dem Himmel Gottes herabgestiegen war, Gaëtano, ich frage dich vor dem ewigen Richter, wie gibst du mir meine Tochter zurück?«

Da leuchtete es auf wie ein Blitz des Verständnisses in Julias Augen, schreckensvoll sah sie einen Augenblick zu dem am Boden liegenden Maler herab, dann richtete sich ihr Auge mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf den Grafen, der da vor ihr stand, flammenden Blickes die Hand gegen sie ausgestreckt, das Zimmer erfüllend mit dem vollen Ton seiner tiefen Stimme.

Bei seiner Frage flog ein Zucken durch den Körper des Malers. Er richtete sich so rasch, kräftig und energisch empor, daß der Graf ihn erstaunt ansah, sein krankes, totenbleiches Gesicht erleuchtete sich mit einem Strahl von Willen und Entschlossenheit, und mit matt erschöpfter, aber fester Stimme sprach er:

»Mein Bruder, richte mich, vernichte mich, ich werde dir danken, aber laß meine Schuld keinen Schatten werfen auf dies reine Haupt. Sieh,« fuhr er fort, »es ist die Aufgabe meines Lebens gewesen, das Herz dieses Kindes zu behüten, zu erwärmen auf dem finsteren Wege, zu dem jene mich hinabgerissen, die dir und mir nie hätte begegnen sollen, ich habe von ihr fernzuhalten gesucht den Gifthauch, der sie umgab, und ich habe schwer gekämpft und gelitten für sie, um ihretwillen bin ich gefesselt geblieben an die Kette jener Elenden, denn ich hatte ja kein Recht an dieses Kind; wenn ich es schützen wollte, mußte ich ja bei ihm bleiben und bei der, die ihre Mutter ist, und« – er legte die Hand auf das Haupt Julias – »ich schwöre es dir, ich habe dies Herz behütet, sie liebt,« sagte er sanften Tones, »die Welt mag diese Liebe verurteilen, und doch, bei allen Engeln Gottes, ihr Herz ist rein wie der Tropfen des Morgentaus im Kelch der Lilie! – Niemand darf an ihr zweifeln, ich werde sie verteidigen gegen eine Welt, ich werde sie verteidigen gegen dich, mein Bruder!«

Frei und klar sah er auf seinen Bruder und umfaßte dann mit einem Blick voll unendlicher Liebe das junge Mädchen, das sich auf seine Hand niederbeugte und sie mit seinen Lippen berührte.

Stolz und gebietend stand der Graf Rivero in der vollendeten Eleganz des vornehmen Weltmannes vor diesem ärmlichen, zitternden kranken Mann, der seinen Mut und seinen Willen wiederfand, um dies von dem Herzen des Vaters gerissene Kind zu verteidigen und zu schützen. Wahrheit klang aus dem Ton der Stimme des Malers, Wahrheit strahlte aus seinem Auge, Wahrheit lebte in der liebevollen Bewegung des jungen Mädchens.

Der kalte, strenge Blick des Grafen wurde weicher und weicher. Um diesen Mund, der so gewohnt war, zu gebieten den Kräften der Welt und des Lebens wie den eigenen Gefühlen, zuckte es in immer mächtigerer Rührung, langsam erhob er die Arme und mit einer Stimme, so weich und leise und doch so tief eindringend in das Herz des unglücklichen Mannes vor ihm, sprach er:

»Gaëtano! – mein Bruder!«

Der arme Maler zuckte zusammen, als wolle er von neuem zu Boden stürzen, auf seinem Gesicht erschien zuerst der Ausdruck tiefen, fast ungläubigen Erstaunens, dann leuchtete es auf wie sonnige Verklärung – er tat langsam und zögernd einen Schritt vorwärts und sank an die Brust seines Bruders, der ihn in seinen starken Armen empfing und fest an sich drückte. Und als ob in dieser Umarmung der lange, furchtbare Krampf eines Lebens voll Leiden, Reue und Verzweiflung sich löste – der gebrochene, zitternde Mann, der da am Herzen seines Bruders ruhte, begann zu weinen, heißer und heißer rannen die strömenden Tränen aus seinen brennenden Augen, die bangen, gepreßten Seufzer seiner Brust wurden zum lauten Schluchzen, es war, als wolle er seine Seele hinhauchen in der Umarmung der verzeihenden Liebe.

Julia war neben dem Grafen auf die Knie gesunken, blickte voll andächtiger Dankbarkeit zu ihm empor und sprach mit leiser Stimme nun die Worte: »Mein Vater, mein Vater!«

Der Graf legte seine Hand segnend auf ihr Haupt; immer seinen Bruder an seinem Heizen haltend, blickte er mit strahlenden Augen aufwärts und sprach:

»Groß ist der zürnende Gott, der im Wetter herniedersteigt von den flammenden Himmeln, aber größer ist der Vater der Liebe und Barmherzigkeit, der im Säuseln des Westwindes daher fährt, mit Trost und Verzeihung die gebrochenen Herzen zu erquicken und aufzurichten!«

Lange blieben sie schweigend, jeder erfüllt von mächtiger, tiefer Bewegung, Julias Herz zitterte in unaussprechlichen Gefühlen; was sollte aus ihrem Leben, aus ihrer Liebe, aus ihrer Zukunft werden, in welche mit einem Male dieses so unerwartete, so überwältigende Ereignis seinen hell leuchtenden, aber auch grell blendenden Lichtstrahl geworfen! Dann setzte sich der Graf auf das kleine Kanapee, der Bruder zu seiner Seite, während Julia sich zu seinen Füßen niederschmiegte, immer und immer mit dem Blicke dieses Antlitz, diese Augen trinkend, welche zu ihr sprachen von ihrer seinen Heimat, von Italien, von den Träumen ihrer Kindheit, von allem, was wie ein süßes Märchen ihre Seele geheimnisvoll und unverstanden durchklungen hatte.

Gaëtano erzählte, dem Bedürfnis seines Herzens folgend, das die lange, lange getragene Last von sich abwälzen wollte, wie er den Lockungen der sündigen Liebe unterlegen sei, er erzählte sein ganzes furchtbares Leben voll trauriger Einsamkeit, voll bitterer, unfruchtbarer Reue, und der Graf hörte schweigend in tiefem Ernste zu, zitternd lauschte Julia diesem schrecklichen Bekenntnis schwerer Schuld, diesem finsteren Drama der entsetzlichen Buße und Sühne, ihr Herz voll tiefen, innigen Mitleids wendete sich nicht ab von dem Mann, den sie Vater genannt hatte, und der so schwer gefehlt und so schwer gebüßt hatte, aber es hob sich mit ehrfurchtsvoller Scheu und begeisterter Bewunderung zu dem, der ihr Vater war und dessen großes Herz so viel Schuld verzeihen, so vielen Leiden Trost bringen konnte.

Dann mußte sie erzählen von ihrer Liebe, und sie tat es errötend und zitternd, aber wahr und klar aus reinem, treuem Herzen, voll hingebenden Vertrauens, sie erzählte von ihren Plänen für die Zukunft, von ihren Hoffnungen, die sie auf eine stille Zurückgezogenheit in das Asyl der Religion gesetzt hatte, ihr ganzes Herz bis in seine tiefsten Tiefen lag offen vor dem Vater da, dessen liebevoller, warmer Blick voll inniger Liebe auf dem schönen, bewegten Antlitz seiner Tochter ruhte.

Als sie geendet, sprach er mit tiefem Ernst und ruhiger Milde:

»Du hast recht, mein Bruder, dieses Herz ist rein wie der Tropfen des Taus im Lilienkelch! Aber,« sagte er nach einem Augenblick, indem er die Hand auf das Haupt des jungen Mädchens legte, »die Welt würde dies Herz nicht verstehen, die Welt würde urteilen nach ihren Begriffen und messen nach ihrem Maß. Und,« fuhr er fort, stolz das Haupt erhebend, »meine Tochter darf und soll nicht die Augen niederschlagen vor irgend jemand in der Welt, sie darf aber und soll auch nicht ihr Leben verträumen und verbluten in stiller, schmerzlicher Resignation. Am Herzen ihres Vaters ist der Platz, an welchem sie Trost für die Vergangenheit, Ersatz für die Gegenwart, Stärke und Glück für die Zukunft finden soll.

Meine Tochter,« sprach er weiter, ihre Hand ergreifend und ihr voll und klar in die Augen schauend, »hat mein Blut in ihren Adern, sie wird auch meine Kraft und meinen Stolz im Herzen haben, die Vergangenheit muß zu Ende sein, schnell und ganz zu Ende sein!«

Julia beugte das Haupt nieder und seufzte tief.

»Du gehst sogleich mit mir,« fuhr der Graf fort, »ich werde dir in einem Kloster, dessen Äbtissin ich kenne, ein Asyl geben für die wenigen Tage, die ich noch hier bleibe, denn ich kehre bald nach Italien zurück und führe dich, mein Kind, nach Rom, jener ewigen Stadt, wo deine Wiege stand, wo dein erster Blick emporschaute nach jenem herrlichen, reinen Himmel unseres Vaterlandes, mein Bruder begleitet uns, du wirst hier nicht bleiben wollen?« fragte er sanft den Maler.

»Wo du bist, ist meine Heimat,« sagte dieser, »hier hielt mich nichts als das Kind.«

»Oh, er wird schwer leiden,« flüsterte Julia, indem sie mit tränendem Auge zu ihrem Vater aufblickte, »er ist treu, gut und verschwiegen, darf ich ihm nicht sagen, was geschehen, darf ich nicht ein Wort des Abschiedes –«

»Nein,« rief der Graf stolz, »meine Leiden und der schwarze Flecken meines Lebens darf niemandem bekannt sein, Julia Romano muß verschwinden und die Tochter des Grafen Rivero darf keine Vergangenheit haben! Doch,« fuhr er mit einem innigen Blick auf das schmerzvoll zuckende Antlitz des jungen Mädchens fort, »ein Wort des Abschieds darfst du ihm senden. Sage ihm, daß das Rätsel deines Lebens eine Lösung gefunden, daß du in eine schöne Heimat zurückkehrst, sage ihm,« fuhr er milde und sanft fort, »daß die Zukunft vielleicht glücklicher sich gestalten könne, wenn er die Liebe und das Vertrauen zu bewahren verstände, sage ihm, was dein Herz dir eingibt, nur nichts, meine Tochter, was ihn auf deine Spur führen kann.«

Ein Schimmer von Glück und Hoffnung flog über das Gesicht des jungen Mädchens, träumerisch schien ihr Auge in dämmernde Bilder der Zukunft zu blicken.

»Doch nun fort,« rief der Graf, »du darfst keinen Augenblick hierbleiben; sobald ich dich installiert habe, kehre ich zurück, auch sie, sie, die uns allen so viel Trauer gebracht, muß ich wohl sehen und ihr sagen, was geschehen ist, und um dieses Kindes willen mag ihr verziehen sein, Gott möge ihr Herz zu sich zurückführen.«

Mit schmerzlichem Ton hatte er die letzten Worte gesprochen. Schnell holte Julia einen Hut und einen Überwurf und fuhr, von tausend wogenden, widersprechenden Gefühlen bewegt, mit ihrem Vater davon, schmerzlich ergriffen von dem Gedanken an den Geliebten, aber friedensvoll und sicher an der Seite dessen, der wie die liebevolle Vorsehung über ihrem Leben wachen würde.

Schnell hatte der Graf im Kloster des Sacré Coeur alles für die vorläufige Aufnahme seiner Tochter in tiefster Verschwiegenheit geordnet und nach zwei Stunden fuhr er zurück nach der Rue Notredame de Lorette, um mit seinem Bruder das weitere zu verabreden.

Hohes Glück, reine Freude erfüllte sein Herz.

Wie schmerzlich, wie tief traurig auch dies Wiederfinden gewesen war, wie sehr sein stolzes Gefühl gelitten hatte bei dem Gedanken, seine Tochter, sein einziges Kind so wiedergefunden zu haben, er hatte sie doch wiedergefunden am Rande des Abgrundes, er konnte sie zurückführen zu den lichten Höhen des Lebens, sein Dasein hatte ein freundliches, beglückendes Ziel, sein Herz die Blüte, seine Seele die melodische Harmonie wiedergefunden.

Rasch durchschritt er den Salon, der noch immer leer war, denn Frau Lucretia befand sich noch in ihren inneren Räumen, er öffnete die Tür und trat in das Zimmer des Malers.

Bestürzt blieb er stehen und sah starren Blickes auf das Bild, das sich ihm darbot.

Zurückgesunken gegen die Lehne des Stuhls vor der Staffelei saß der Maler da, Pinsel und Palette in den auf den Schoß niedergesunkenen Händen. Auf seinen Zügen lag glückliche Ruhe und lächelnder Frieden, man hätte ihn bei seiner Arbeit eingeschlafen glauben können, doch jene eigentümliche wachsartige Blässe seines Gesichts und das starre, gebrochene Auge zeigten dem erfahrenen Blick des Grafen, daß hier der ernstere Zwillingsbruder des Schlafes seine Herrschaft angetreten habe.

Nach einem Augenblick erschrockenen Zögerns eilte der Graf zu seinem Bruder hin und legte die Hand auf dessen Stirn. Mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer zog er sie wieder zurück, diese Stirn hatte die durchdringend eisige Kälte des Todes.

»Mein Bruder, mein armer Gaëtano,« rief der Graf, »soll ich dich nur gefunden haben, um dich zu verlieren? Soll dein langes Leiden keine innere Versöhnung, keinen verklärenden Abschluß finden?«

Er öffnete die Falten des Hemdes auf der Brust des Leblosen und hielt die Hand auf sein Herz. Dann hob er sein Augenlid empor und prüfte lange und sorgfältig die Pupille.

»Er ist tot – keine Möglichkeit der Wiederbelebung,« sagte er leise. Dann legte er sanft die Hände auf diese starren Augen, unter der warmen Hand des Bruders löste sich die harte Spannung und die Lider senkten sich herab über die leidensmüden Augen zum Schlaf der ewigen Ruhe.

Mit tiefer Wehmut blickte der Graf auf dies nun so friedlich stille, so glücklich verklärte Antlitz.

»Seine Seele hat im Scheiden von der Welt einen letzten Sonnenblick empfangen,« sagte er, faltete die Hände und sprach ein stilles Gebet über der Leiche.

Da fiel sein Blick auf die Staffelei, ein leiser Ruf des Erstaunens drang aus seinem Munde. Denn das Bild des Erlösers war vollendet, die graue Wolke, welche früher die Stelle des Hauptes umgab, war verschwunden; nicht in ganz durchgeführter Ausmalung der Details, aber vollkommen erkennbar in Kontur und Farbe, blickte das Christushaupt aus dem Bilde herüber, von goldenem Glorienschein umflossen, und aus den Augen strahlte die unendliche Liebe und Gnade, welche das göttliche Blut am Kreuz für die Schuld der Menschen opferte.

Lange, lange blickte der Graf in tiefer Bewegung auf dies Bild, diese einfache Leinwand trug die Geschichte einer Menschenseele, ihrer Schuld, ihrer Buße, und sie trug zugleich eine jener göttlichen Offenbarungen, welche immer von neuem auch den einzelnen Menschen das ewige Evangelium der Liebe und Gnade verkünden.

»Wohl ihm,« sagte der Graf leise, mit den Lippen das Haar des Toten berührend, er hat das Antlitz Gottes geschaut im Scheiden vom Leben, seine Schuld ist hienieden geblieben, er ist eingegangen zum Frieden.« – – –

Man hörte einen Schritt im Salon, die Augen des Grafen richteten sich erwartungsvoll auf die Tür, leicht zitterte seine auf die Lehne des Stuhls gestützte Hand.

Die Tür öffnete sich, Madame Lucretia trat ein, sie trug ein elegantes, aber unordentlich zerknittertes Negligé, ihr Haar war nicht frisiert, das helle Tageslicht ließ die Zerstörung ihrer einst sehr schönen Züge in erschreckender Deutlichkeit erkennen. Wie eine Bildsäule des Schreckens blieb sie stehen, als sie die Gestalt des toten Malers auf dem Stuhl erblickte und dahinten hoch aufgerichtet, mit einem unbeschreiblichen Blick voll Zorn Schmerz und Mitleid, den Mann, gegen welchen sie so unsühnbar gefrevelt, und dessen Bild im Taumel eines Lebens voll Rausch Leidenschaft, Aufregung und Erniedrigung immer aus den Tiefen ihrer Seele mahnend und drohend emporgestiegen war.

Wie einer Stütze bedürftig, ließ sie ihre Hand auf dem Griff der Tür ruhen, tiefe Blässe bedeckte ihr Gesicht, sie schlug das Auge zu Boden, ihre Lippen preßten sich fest aufeinander mit den Ausdruck trotzigen Widerstandes und starrer Verschlossenheit.

So blieb sie starr und unbeweglich stehen.

Mehrere Minuten standen sich beide schweigend gegenüber.

Dann sprach der Graf mit einer Stimme, welche vollkommen frei war von jeder heftigen, leidenschaftlichen Erregung:

»Du stehst hier vor der Leiche des Opfers deiner Sünde, du hast sein Leben zertrümmert, den heiligen Genius der Kunst verscheucht, der um sein Haupt schwebte, aber Gott hat ihm verziehen, und er ist heimgegangen, im Jenseits zu finden, was du ihm hier geraubt.«

Sie schwieg fortwährend und blickte nicht auf.

»Meine Tochter habe ich gefunden, glücklicherweise noch bevor ihre Seele vergiftet wurde, ich habe sie mit mir genommen, du wirst sie auf Erden nicht wiedersehen, sie soll es verlernen, vor ihrer Mutter zu erröten!« Ein Zittern flog durch die Gestalt der Madame Lucretia – sie blieb unbeweglich und schweigend.

»Du wirst die nötigen Anordnungen treffen,« fuhr der Graf in demselben Tone fort, »um den Tod dieses Unglücklichen gesetzlich zu konstatieren, seine Leiche soll einbalsamiert und vorläufig beigesetzt weiden, ich werde sie dann hinführen nach Italien, er soll in der Erde seines Vaterlandes ruhen.«

Sie schwieg immerfort.

»Ich werde für deine materielle Existenz sorgen, du wirst erhalten, was du bedarfst, ich will nicht, daß eine Frau, die einst an meinem Herzen ruhte, dem Elend verfalle. Das ist es,« sprach er nach einem tiefen Atemzuge, »was ich dir zu sagen habe, geh' hin und versuche, die Wege des Heils wiederzufinden.«

Er streckte gebietend die Hand gegen sie aus, da schien es, als ob ihre Kräfte sie verließen, zusammenbrechend sank sie in die Knie, ihr Blick halb starr und wild, halb angstvoll, richtete sich, wie hilfeflehend zu ihm auf. Er tat keinen Schritt zu ihr hin, es zog wie ein Kampf über sein Gesicht, dann aber erleuchtete ein milder Strahl seine Züge, und indem er mit der ausgestreckten Hand das Zeichen des Kreuzes gegen sie machte, ertönten von seinen Lippen wie in schwerem Kampfe aus seiner Brust sich hervorringend die Worte:

»Geh' deines Weges in Frieden, Gott möge dir verzeihen, wie ich dir verzeihe!«

Mit einer mächtigen Kraftanstrengung stand sie auf, wendete sich schweigend um und verschwand in dem Salon.

Der Graf trat zu der Staffelei und nahm das Bild von derselben.

»Dies sei das Vermächtnis meines Bruders, es soll mich lehren, stets zu richten, wie er richtet, der Heiland der Erlösung!«

Er ergriff einen Bleistift und schrieb unten an den Rand des Bildes:

»Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!«

Dann legte er noch einmal segnend die Hand auf das Haupt seines toten Bruders, stieg hinab und fuhr schnell davon.

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