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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Nichts war verändert im Kabinett des Kaisers Franz Joseph seit der gewaltigen Katastrophe des vorigen Jahres, welche so mächtig das vielartige Gefüge des Kaiserstaates in seinen innersten Fugen erschüttert hatte. Da draußen war alles anders geworden in der weiten Monarchie der Habsburger, die Regierung, welche in verschlossener Beschränktheit und kurzsichtiger Überschätzung der traditionellen Macht Österreichs das große nationale Unglück herbeigeführt hatte, war verschwunden, in neuem, autonomen Leben erhob sich die feurige, ungarische Nation neben den deutschen Reichsländern des Erben der früheren Kaiser Deutschlands.

Wie vordem schon die eiserne Krone der Lombarden aus dem schimmernden Kranz der zahlreichen Diademe des Hauses Habsburg verschwunden war, so war nun auch die Königin der Adria, das stolze Venedig mit seiner reichen Vergangenheit voll lichtem Glanz und finstern Schrecken, abgetreten an das neue Reich Italien, ein neuer Geist der Freiheit rauschte mächtig und lebendig durch alle Lande und Völker Österreichs, und langsam – langsam öffnete sich immer weiter eine dunkle Kluft zwischen dem alten weihrauchduftenden und kerzenschimmernden Rom und dem neuen Österreich.

Das alles war draußen vorgegangen im rasch dahinströmenden Leben des Reiches, aber hier in des Kaisers stillen Gemächern, wo alles das entstanden war, von wo es hinausgedrungen war bis an die Grenzen des Kaiserstaates, wo alle die Fäden zusammenliefen, wo alle Schmerzen und Hoffnungen, alles Denken, Ringen, Wollen und Streben so vielseitig und mannigfaltig in einem Brennpunkt sich vereinigte, hier war alles unverändert wie sonst. Der Arcièrengardist stand vor der Türe im alten, weiten Vorzimmer, und im hellen Kabinett saß der Kaiser im grauen Soldatenüberrock vor seinem Schreibtisch, eifrig beschäftigt, die zahlreichen Papiere, welche seinen Tisch bedeckten, durchzusehen und mit Randbemerkungen zu versehen.

Nur auf des Kaisers Antlitz sah man die Spur der Zeit, welche in so kurzer Spanne so tief in die Ordnungen der politischen Welt eingegriffen hatte. Der Kaiser war nicht gealtert, in Gesundheit und Kraft blühte sein Gesicht, aber der Schimmer stolzer Zuversicht, der es vordem erleuchtet hatte, war von demselben gewichen, eine stille Ergebung lag auf seinen Zügen und hätte einen schmerzlichen Eindruck machen müssen, wenn sie nicht verbunden gewesen wäre mit dem klaren, ruhigen Licht eines festen, kraftvollen Willens, eines hohen, entschlossenen Muts. Dies kaiserliche Antlitz war in der Tat das ausdrucksvolle Bild des österreichischen Landes: Schmerz über den schweren, verhängnisvollen Fall – kraftvoll ruhiger Entschluß, sich von diesem Fall zu erheben zu glücklicher und heller Zukunft, keine frohe leichtbeschwingte Hoffnung – aber ein treuer und zuversichtlicher Glaube an die Erreichung des am Ende eines langen, mühevollen Weges winkenden, verheißungsvollen Zieles.

Der Kaiser hatte aufmerksam ein Papier durchlesen, das er in der Hand hielt, er warf es auf den Tisch und lehnte sich sinnend in seinem einfachen Sessel zurück.

»Die Bischöfe sehen den Sturm gegen das Konkordat kommen,« sagte er, »und beschwören mich, festzuhalten an dem alten Bande, welches Österreich mit der Kirche und mit Rom verbindet! Es ist wahr,« fuhr er sinnend fort, »der neue Geist, der in Österreich erweckt worden ist, erhebt sich mächtig gegen die Herrschaft Roms, und ich sehe den Augenblick kommen, in welchem der offene Kampf ausbrechen und eine Entscheidung von mir fordern wird, eine Entscheidung zwischen der Macht, welche vergangene Jahrhunderte hindurch die Geister beherrschte und mit der Geschichte meines Hauses und Reiches so eng verknüpft ist, und zwischen dieser anderen, neuen Macht, welche in siegreichem Flug die Herrschaft über die Geister unserer Tage erobert! – Roms Macht und Einfluß sei die wahre Grundlage der Stellung Österreichs, auf dieser Grundlage müsse Österreichs Zukunft neu erbaut werden, so sagen sie. Aber,« rief er rasch aufstehend, nach einigen schnellen Schritten durch das Zimmer, »wo war diese Macht, als Österreich am Boden lag, fast zertrümmert von dem gewaltigen Anprall dieser preußischen Massen? Hat Rom und seine Macht mich geschützt vor der bitteren Demütigung dieses Prager Friedens?«

Er biß die Zähne aufeinander und blickte finster zu Boden.

»Und wenn ich zurückblicke in die Geschichte Österreichs,« sprach er weiter, »hat die große Maria Theresia, welche so fest und unerschütterlich zu Rom und seiner Herrschaft stand, darum Schlesien behalten? Rom hat seinen Bannstrahl geschleudert gegen diesen Preußenkönig mit seinem spitzen Degen und seiner scharfen Feder, aber das schöne Schlesien hat er darum doch behalten! Und waren es nicht wieder die eifrigsten Freunde Roms, die im vorigen Jahre wie einen heiligen Kreuzzug diesen unglücklichen Krieg predigten, der mich reiche Provinzen kostet und unter dessen furchtbarer Erschütterung der Grund meines Reiches erzitterte? Ich bin gewiß ein guter Katholik,« sagte er mit leiser Stimme, »und Gott, der in die Herzen sieht, weiß, wie treu ich festhalte am heiligen Glauben meiner Väter, aber sollen die Priester ihre Hände ausstrecken nach der weltlichen Macht, soll die Herrschaft der Kirche gegründet werden auf den Todesschlaf der Geister des Volkes?«

Er ging abermals in tiefen Gedanken auf und nieder.

»Von allen Seiten höre ich,« sagte er dann stehen bleibend, die Hand leicht auf seinen Schreibtisch gestützt, »von allen Seiten höre ich, daß die geistige Erhebung Österreichs, welche es ebenbürtig neben die preußische Macht in die Schranken stellen soll, nicht möglich sei, so lange das Konkordat den Geist des Volkes unter die Herrschaft der Priester gibt, und vieles, vieles, was ich selbst gesehen und beobachtet habe, sagt mir, daß Wahrheit in diesen Stimmen ist, die immer mächtiger zu mir heraufdringen. Und doch,« fuhr er, das Haupt neigend, fort, »der Geist des Unglaubens, der Gleichgültigkeit, des Atheismus geht finster durch die Welt, immer mehr die Herzen loslösend von dem ewigen Mittelpunkt des Heils, von dem lichten Quell der göttlichen Gnade. Wird nicht dieser Geist des Bösen, dem schon so viel lockende Macht zu Gebote steht, immer furchtbarer die Welt umstricken, wenn der Kirche die Waffen genommen werden, mit welchen sie die Gemüter der Einfältigen gegen die Versuchungen der falschen Aufklärung verteidigt? Ging nicht das Paradies verloren durch den Genuß der Frucht vom Baume der Erkenntnis?«

Er ließ den Kopf tief auf die Brust sinken und stand lange da in ernstem Nachdenken.

»Aber hat denn die Kirche, um ihre Herrschaft zu erhalten, den Zwang des weltlichen Armes nötig?« sprach er dann, »hat sie nicht die Waffen des Geistes, um die Geister zu leiten? – und wenn sie diese Waffen nicht besitzt oder nicht zu gebrauchen versteht, kann die weltliche Macht dann ihre Herrschaft sichern?«

Er schüttelte den Kopf, wie um die widersprechend sich kreuzenden Gedanken zu verscheuchen, und trat einige Schritte zum Fenster hin, den ernsten Blick zum blauen Himmel gerichtet, der da draußen glänzte im hellen Schein der Frühlingssonne.

»Es ist wieder ein Augenblick,« sagte er mit gepreßter Stimme, »in welchem ich verlangend mich sehne nach einem ratenden Freunde, der mit hellem und kraftvollem Geiste mir zur Seite stünde, wie Metternich, wie Kaunitz einst neben dem Thron meiner Vorfahren standen. Und der Mann, bei neben mir steht?« sagte er dann leise, »ich bewundere seinen scharfen Verstand, sein reicher Geist leuchtet und schimmert in vielseitigen Strahlen wie die Fassetten des Diamants, aber – aber – ist mit diesem klaren Licht auch die Härte und Festigkeit des Edelsteins verbunden? Und vor allem in dieser Frage, die da ernst und gewichtig am Horizonte der nächsten Zukunft heraufsteigt, ist sein Blick da unbefangen und frei genug, um den rechten Weg zu sehen? Er ist ein Fremder – ein Protestant!« sagte er dumpf, »die Größe Österreichs ist für ihn eine Sache des Verstandes, eine Aufgabe der Pflicht, ein Ziel des Ehrgeizes, aber ist sie ihm keine Sache des Herzens, kein Instinkt des Blutes. – Und die Kirche, ihre Mission und ihr Recht, kann das ihm alles ehrwürdig heilig sein, ihm, der nach seinem Glauben die Grundlage der katholischen Kirche für Irrtümer halten muß?«

Ein kurzer Schlag an der inneren Tür ertönte.

Rasch zusammenfahrend wendete sich der Kaiser um, und mit fast unwilligem Blick sah er seinen vertrauten Kammerdiener Dub an, der, die Flügel der Tür öffnend, rief:

»Die durchlauchtigste Frau Erzherzogin Sophie kaiserliche Hoheit steigen soeben die Treppe herauf.«

Betroffen schlug der Kaiser die Augen nieder.

»Sollte die Lösung der Zweifel aus dem Munde der Mutter mir kommen?« flüsterte er fast unhörbar. Dann eilte er schnellen Schrittes der Erzherzogin entgegen. In der Tür des Salons erschien bereits die edle Gestalt derselben mit den feinen, kränklich zarten Zügen, den großen, sanften, ernsten und so geistvollen Augen, das Haupt von einem schwarzen Spitzentuch umwunden, in einem schweren, dunklen Gewand mit weißen Spitzen, langsam mit einer trotz ihres Alters und ihrer Kränklichkeit noch immer anmutigen Würde einherschreitend.

Mit einer Bewegung voll ritterlicher Galanterie und kindlicher Ehrerbietung führte der Kaiser die Hand der Erzherzogin an seine Lippen und drückte einen innigen und liebevollen Kuß auf diese zarte, durchsichtig weiße Hand, während die sonst fast strenge abwehrenden Augen der hohen Frau mit einem warmen Blick voll mütterlichen Stolzes auf der schönen, kraftvollen Gestalt des kaiserlichen Sohnes ruhten.

»Meine teure Mutter erweist mir die Ehre, zu mir zu kommen,« sagte Franz Joseph, indem er der Erzherzogin den Arm reichte, um sie in sein Kabinett zu führen, »warum hast du dir die Mühe des Weges gemacht und mir nicht den Befehl gesendet, zu dir zu kommen?«

Die Erzherzogin setzte sich in einen Fauteuil, welchen der Kaiser ihr heranrollte.

»Es drängte mich, dich schnell zu sehen, mein lieber Sohn,« sagte die Dame mit ihrer klaren, aber leisen Stimme, »ich bin unruhig und besorgt, ich habe einen schweren, angstvollen Traum gehabt, der mir Maximilian zeigte – bleich – in weißem Gewande, mit Blutstropfen besprengt. Dreimal schlief ich wieder ein, und dreimal sah ich dasselbe Bild mit traurig wehmütigem Blick mir erscheinen. Hast du Nachrichten von deinem Bruder?« fragte sie, das Auge mit ängstlicher Spannung auf den Kaiser gerichtet.

Das Gesicht Franz Josephs, der vor seiner Mutter stehen geblieben war, verfinsterte sich, düster blickte er zu Boden und sprach mit dumpfem Tone:

»Es sind keine neueren Nachrichten gekommen. Daß Maximilian als Kaiser verloren ist, unterliegt keinem Zweifel, für sein Leben besorge ich keine Gefahr, die Regierung der Vereinigten Staaten hat ernstliche Vorstellungen bei Juarez gemacht, und Metternich schreibt, daß Napoleon alles tut und tun wird, um eine tragische Katastrophe zu verhüten.«

Ein Ausdruck von unbeschreiblicher Bitterkeit erschien auf dem Gesicht der Erzherzogin.

»Napoleon!« rief sie, die Achseln zuckend, »Napoleon, dieser böse Genius Österreichs, der Italien gegen uns erhoben und unterstützt hat, der in dem Augenblick unseres Unglücks im vorigen Jahre nichts anderes zu tun wußte, als uns auch unsere letzte Besitzung auf jener Halbinsel zu entreißen, die so viel deutsches und österreichisches Blut getrunken hat, Napoleon, der deinen unglücklichen Bruder mit trügerischen Verheißungen hinübergelockt hat über den Ozean, um dort einem französischen Vasallenreich den Glanz des habsburgischen Namens zu geben, er, der ihn dann später heimtückisch und verräterisch im Stiche ließ, er soll ihn retten? O mein Sohn,« rief sie schmerzlich, »wenn deinem Bruder Maximilian von Napoleon die Rettung kommen soll, dann ist er verloren!«

»Aber,« sagte der Kaiser Franz Joseph, unruhig einige Schritte machend und dann wieder vor seiner Mutter stehen bleibend, »was kann ich tun, die Macht Österreichs reicht nicht über den Ozean, wenn meine Flotte an den Küsten der Adria sich Achtung verschafft hat, so ist sie doch nicht imstande, in fernen Meeren meinem Willen Nachdruck zu geben – und Frankreich ist die einzige Macht, die hier helfen kann.«

Die Erzherzogin neigte das Haupt und bedeckte seufzend die Augen mit der Hand.

»So traurig und schmerzlich für uns alle,« fuhr der Kaiser fort, »das Schicksal Maximilians ist, so muß man doch gestehen, daß er es selbst heraufbeschworen hat; es hat doch wahrlich an Warnungen und Abmahnungen nicht gefehlt, daß er jenem lächerlichen Thron der Wilden fern bleiben solle, und ich meinerseits habe es vor allem nicht an Vorstellungen mangeln lassen; wenn sein Ehrgeiz ihn fortriß zu jenem phantastischen Unternehmen, so kann man dessen unglücklichen Ausgang beklagen, aber doch in der Tat niemand die Schuld beimessen, als ihm selber.«

Die Kaiser hatte in ruhigem und ehrerbietigem Tone gesprochen, aber ein leichtes Zittern der Stimme verriet seine innere Erregung.

Die Erzherzogin ließ die Hand von ihrer Stirn sinken, ihr Blick ruhte tief und einst auf dem Kaiser.

»Mein Sohn,« sprach sie langsam in fast feierlichem Tone, »laß in dieser Stunde keine anderen Gefühle in deinem Herzen sich regen, als die alte Liebe für deinen Bruder, der mein Sohn ist wie du, und bedenke, daß es sich dort bei der entsetzlichen Katastrophe in der weiten Ferne auch um die Ehre Österreichs – die Ehre des Hauses Habsburg handelt. Maximilian hat immer ein warmes und treues Herz für Österreich gehabt, und schmerzlich hat er sich von dem Vaterlande losgerissen, das – wie er zu glauben schien« – fügte sie in leisem Tone hinzu, »seiner Kraft keinen ausreichenden Spielraum, seiner tatendurstigen Seele nicht die Gelegenheit zu großem Wirken bot.«

»Der arme Max,« sagte der Kaiser traurig, »er hat nicht zurückkehren wollen, als alle Stützen seiner Regierung brachen, als er mit seinem klaren Verstande die Unmöglichkeit, sein Werk durchzuführen, erkennen mußte, das verstehe ich, so sehr ich es beklage, und nun,« rief er bitter, die Zähne in die Lippen drückend, »nun ist es dahin gekommen, daß der Nachfolger der römischen Kaiser, der schon aus Deutschland vertrieben, betteln sollte bei den Mächten Europas, um das Leben seines Bruders zu retten!«

»Betteln bei Napoleon!« sagte die Erzherzogin mit strengem, fast vorwurfsvollem Blick.

»Aber was kann ich anders tun!« rief der Kaiser, »die einzige Macht, welche einen Einfluß zugunsten Maximilians ausüben kann, ist Nordamerika, und trotz einer noch dauernden Verstimmung nimmt man doch in Washington immer Rücksicht auf die Wünsche Frankreichs.«

»Ich glaube, mein Sohn,« sagte die Erzherzogin, »daß ein Wort von Rußland die nordamerikanische Regierung zu weit ernsterer Tätigkeit veranlassen würde, als alle Wünsche Napoleons.«

»Rußland?« rief der Kaiser, »Rußland, das uns Sebastopol nicht vergißt, das in jedem Unglück Österreichs nur mit stiller Schadenfreude die Strafe für unsere Undankbarkeit erblicken wird!«

»Und wenn es so wäre,« sagte die Erzherzogin leise, »würde man in Petersburg so ganz unrecht haben? Hatte der Kaiser Nikolaus um uns verdient, daß wir ihn im Stich ließen, daß wir seinen Feinden die Möglichkeit des Sieges gaben und dadurch dieses französische Empire befestigen halfen, das nun seit jener Zeit die Welt in Unruhe und Aufregung erhält, das uns unseren Dienst bei Solferino so herrlich vergolten hat?«

Der Kaiser schwieg.

»Doch,« fuhr die Erzherzogin fort, »es ist nicht so, wie du annimmst, ich habe die feste Überzeugung,« sagte sie mit vollem Tone, »wenn du dem Kaiser Alexander die Hand reichst, so wird sie mit Herzlichkeit angenommen werden, die Vergangenheit wird vergessen sein, und die alte Freundschaft, auf welche beide Reiche so naturgemäß hingewiesen sind, wird wieder erstehen. – Vielleicht bietet die augenblickliche Lage Maximilians die Gelegenheit zu persönlicher Annäherung, und du kannst zugleich deinen Bruder retten, und Österreich einen starken und zuverlässigen Verbündeten gewinnen.«

Der Kaiser ließ sinnend das Haupt auf die Brust sinken.

»Aber welche Demütigung,« flüsterte er, »und doch – Beust sagt mir Ähnliches.«

»Beust?« rief die Erzherzogin mit dem Ausdruck eines gewissen Erstaunens, »es wäre wahrlich seltsam, wenn seine Anschauungen sich mit den meinigen in irgendeinem Punkte begegnen sollten.«

»Er wünscht dringend eine Verständigung und bessere Beziehungen mit Rußland und hofft, daß es gelingen werde, das Petersburger Kabinett von Preußen zu trennen und zu einer Verbindung mit Österreich und Frankreich herüberzuziehen.«

»Rußland von Preußen zu trennen!« rief die Erzherzogin, den Kopf emporwerfend, in lebhafter Erregung, »das ist in der Tat eine von jenen überfeinen Kombinationen, die nur jemand machen kann, der von dem Boden der Wirklichkeit losgelöst ist und,« fügte sie mit verächtlichem Lächeln hinzu, »die großen Verhältnisse der Politik nicht kennt. Oh, ich wußte es wohl,« sagte sie mit leisem Seufzer, »daß meine Gedanken niemals mit den Spekulationen des Herrn von Beust übereinstimmen können.«

»Aber,« erwiderte der Kaiser mit fast schüchternem Ausdruck, »das Verhältnis zu Rußland ist in letzter Zeit schon freundlicher geworden, man könnte ihm noch mehr entgegenkommen, und es scheint, daß Frankreich ebenfalls geneigt ist, die Hand zur teilweisen Aufhebung der Beschränkungen zu bieten, welche man nach dem Krimkriege Rußland am Schwarzen Meer auferlegt hat, nur sind die französischen Vorschläge so weitgehend, daß sie kaum Annahme finden können, und daß ihre Ausführung selbst gefährliche Gärungen an unseren Grenzen hervorrufen dürften.«

Die Erzherzogin sah den Kaiser einen Augenblick schweigend mit tief durchdringendem ernsten Blicke an.

»Mein Sohn,« sagte sie dann langsam und ruhig, »du weißt, daß es mein fester und unumstößlicher Grundsatz ist, mich niemals in die politischen Dinge zu mischen und dir meinen Rat aufdringen zu wollen. Da nun aber die Politik zwischen uns berührt worden ist, und zwar in bezug auf einen Punkt, der mir von höchster Wichtigkeit für dein Haus und dein Reich zu sein scheint, so will ich dir ein- für allemal meine Ansicht darüber sagen, nicht um sie zu diskutieren, du wirst sie hören, prüfen und dann handeln, wie du es nach deiner Überzeugung für recht hältst, ich mache nicht den Anspruch, meine Meinung für die richtige angenommen und befolgt zu sehen.«

Der Kaiser zog einen Sessel neben den Lehnstuhl bei Erzherzogin, setzte sich und blickte mit gespannter Erwartung in das ernste Gesicht seiner Mutter.

»Ich habe,« sagte diese, »wie ich stets offen dir gegenüber ausgesprochen, den unglücklich und verfehlt kombinierten Krieg des vorigen Jahres auf das tiefste beklagt, wohl habe ich stets den innigen Wunsch gehabt, Österreich seine Stellung in Deutschland zu erhalten, aber ich war auch überzeugt, daß dies nur möglich sei durch ein enges und festes Bündnis mit Preußen, ein Bündnis, das jeden Konflikt unmöglich machte, denn bei einem Konflikt war unsere Niederlage fast mit Sicherheit vorauszusehen.«

Der Kaiser neigte schweigend das Haupt, finstere Falten legten sich über seine Stirn.

»Ich will nicht rückwärts blicken,« fuhr die Erzherzogin fort, »nicht beurteilen, was geschehen ist und was hätte geschehen können. Diese unglückliche Politik der Luftschlösser ohne reelle Basis, welche dein jetziger Minister von Sachsen aus mit den Turnern, Sängern und dem Herzog von Augustenburg in Szene setzte und welche man hier in der Staatskanzlei so bereitwillig akzeptierte, hat ihre Früchte getragen, blutige, entsetzliche Früchte.«

»Das Unglück soll wieder gutgemacht werden,« sagte der Kaiser, »das ist die Arbeit dieser Tage.«

»Aber wie?« fragte die Erzherzogin. »Ich vermag mich nicht zu überzeugen, daß das, was jetzt im Innern des Reiches geschieht, und in der Art, wie es geschieht, zur wirklichen Wiedererstarkung Österreichs führen kann. Ich habe,« fuhr sie fort, »nichts gegen den Ausgleich mit Ungarn, in dieser Nation wohnt eine kolossale militärische Kraft, welche einst Maria Theresia rettete, wenn sie auch im vorigen Jahre ihre Hilfe versagte, auch eine Fundgrube unerschöpflichen Reichtums, aber bei dem Ausgleich, der sich jetzt vollzieht, sehe ich nur Zugeständnisse von unserer Seite, und von der anderen – Versprechungen. Doch ich will über die Form nicht rechten, wenn ich die Sache billige, ebenso bin ich gewiß – du weißt es – deiner Meinung, daß in Österreich selbst eine freiere Bewegung, ein rüstigeres Anspannen der geistigen Volkskräfte not tut, aber wird diese künstlich komplizierte parlamentarische Maschinerie dahin führen? Wird sie nicht vielmehr den Volksgeist verflüchtigen in rhetorische Spielereien, in Phrasenkämpfe und Wortklaubereien, wie zur Zeit des konstitutionellen Schachspiels zwischen Guizot und Thiers in Frankreich, das zuletzt mit dem »Matt« des Königs endete? Und,« fuhr sie lebhafter fort, indem ihr Auge sich mit feurigem Glanz erfüllte, »man ist auf dem Wege, die Kirche, ihr Recht und ihren Einfluß anzutasten, glaubst du, mein Sohn, daß das Österreich Heil und Segen bringen kann?«

»Die moralische Macht Preußens,« sagte der Kaiser, »welche uns gefährlicher noch gewesen ist, als seine Bajonette, beruht auf der freien Intelligenz des Volkes, auf der straffen Konzentration aller Fäden der Bildung und Erziehung in der Hand des Staates, welcher alle Klassen mit seinen Grundsätzen und Zielen zu durchdringen weiß, so daß die Aufgaben der Staatspolitik von dem unwillkürlichen, fast instinktmäßig einigen Aufschwung des ganzen Volkes getragen werden; wollen wir Preußen ernstlich und wirksam gegenübertreten, wollen wir,« rief er mit funkelnden Augen, »dem Hause Habsburg und Österreich wieder seine alte ererbte, durch jahrhundertelange Arbeit erworbene Stellung in Deutschland zurückerobern, so müssen wir vor allem die mächtigsten Waffen des Gegners uns ebenfalls zu eigen machen, nicht bloß das Zündnadelgewehr, sondern auch die Bildung und Intelligenz des Volkes, welche den Gedanken der Regierung versteht und ausführt, und dazu müssen alle leitenden Fäden, welche den Geist des Volkes bilden und bewegen, in der Hand der Regierung vereinigt sein, keine fremde Macht darf den Geist des Volkes beherrschen, diesen Geist, der auch die Armeen erfüllen muß, welche ich ins Feld sende!«

»Eine fremde Macht?« fragte die Erzherzogin, indem ihr klarer Blick ruhig auf dem erregten Antlitz des Kaisers ruhte, »ist die katholische Kirche eine fremde Macht in Österreich? – Mein Sohn,« fuhr sie fort, »alles, was man dir gesagt hat, und was du mit der reinen Begeisterung deines warmen Herzens so lebhaft erfaßt hast, ist wahr – nur in einem Punkte sehe ich die Täuschung. Warum soll Intelligenz, Bildung und Aufklärung in Österreich nur erzogen und gepflegt werden können, wenn man das Volk dem Einfluß der Kirche entzieht? Um den Geist des Volkes zu erheben und zu erleuchten, soll sein Glauben untergraben und erschüttert werden?«

»Wer denkt daran?« rief der Kaiser, »zweifelt meine gnädigste Mutter an meinem festen Glauben, an meiner tiefen, treuen Ehrfurcht gegen die Kirche? Vor dem Altar ist mir der Priester heilig und hochehrwürdig, aber hierarchische Herrschsucht soll die freie Bewegung der Kräfte meines Reiches nicht hemmen.«

»Ein protestantischer Grundsatz!« sagte die Erzherzogin, indem ihre seinen Lippen sich zu einem bitteren Lächeln zusammenzogen. »Doch,« fuhr sie fort, »lassen wir diesen Gegenstand, Gott hat dich berufen, dies Reich zu regieren, und fern sei es von mir, dir meine Ansicht aufdringen oder einen Einfluß auf deine Entschlüsse ausüben zu wollen. Der Einfluß, den deine Mutter ausüben will, ist der heiligste und berechtigte – es ist das Gebet zu Gott, daß er meinen Sohn erleuchten möge, das Rechte zu erkennen, und daß er seinem Streben den herrlichsten Segen der Vollendung gebe. Du wirst prüfen und entscheiden, was du für gut und recht hältst zur inneren Erstarkung Österreichs. Aber,« sagte sie nach einer kurzen Pause, »ein Wort aus treuem mütterlichen Herzen möchte ich dir sagen über die auswärtigen Beziehungen, über die Allianzen Österreichs, über die Richtung, die meiner stillen Beobachtung sich zeigt, die ein Wort von dir vorhin mir angedeutet hat. – Mein teurer Sohn,« fuhr sie mit inniger, warm belebter Stimme fort, »ich verstehe, daß nach solchem Unglück, nach solchen Niederlagen, wie sie Österreich im vorigen Jahre erfahren hat, der heiße Wunsch nach Wiedergewinn des Verlorenen, nach Rache für die erlittene Demütigung in deinem Heizen glüht.«

Der Kaiser schwieg, finster blickte sein Auge zu Boden.

»Was menschlich natürlich ist,« fuhr die Erzherzogin fort, »ist politisch falsch, und würde schwer verhängnisvoll und verderblich für Österreich werden. Österreich ist umgeben von Italien, das nie, nie trotz aller Versuche und trotz aller Versicherungen unser Freund sein kann, von Preußen, das seine Hand auf Deutschland legt, und von dem mächtig erstarkenden Rußland, das die Bedingungen seines Lebens zum Schwarzen Meer hinabdrücken, wo seine Interessen denjenigen Österreichs begegnen. Preußen und Rußland müssen Österreichs bittere, unversöhnliche Feinde oder seine treuen Freunde und Bundesgenossen sein, je nachdem sich Österreich zu ihnen stellt. Wenn wir die berechtigten Wege ihres Strebens ihnen offen lassen, so werden wir mit ihnen vereint die Welt beherrschen, wie die heilige Allianz zur Zeit Metternichs vor ihrem Willen alle Kabinette Europas sich beugen sah, wenn Österreich aber jenen Mächten ein Hindernis wird, wenn es gar eine Politik der Rache befolgen sollte, dann werden eines Tages jene Mächte über das Reich der Habsburger hereinbrechen mit vernichtender Gewalt, und was sie von diesem Reiche noch übrig lassen, das wird Italien heimtückisch als willkommene Beute erfassen.«

Der Kaiser blickte fortwährend in düsterem Schweigen zu Boden.

»Dein Minister hat dir gesagt,« fuhr die Erzherzogin fort, »er wolle Rußland von Preußen trennen, ich wiederhole dir nochmals, mein Sohn, das ist ebenso unmöglich, als es der Gedanke war, durch Depeschen und Verfassungsprojekte den deutschen Bund zu reformieren, oder durch Beschlüsse der Turner und Schützen ein augustenburgisches Herzogtum Schleswig-Holstein aufzurichten, keine Macht wird Rußland von Preußen reißen, so lange diese Mächte nicht selbst in einer beinahe unmöglichen Verblendung ihre gegenseitigen Wege durchkreuzen, auf denen sie sich naturgemäß niemals feindlich begegnen. – Wo soll nun Österreich Schutz und Beistand finden gegen diese gewaltige, vom Norden und Osten herabdrohende Macht der militärisch konzentrierten Monarchien? Du hoffst,« fuhr sie etwas lebhafter fort, den Blick durchdringend auf den Kaiser gerichtet, »du hoffst, diesen Beistand zu finden bei Frankreich, das heißt bei Napoleon, diesem Manne mit dem doppelten Antlitz, diesem Manne, der dir Italien genommen, der dich bei Villafranca heillos betörte –«

Der Kaiser fuhr zusammen, seine Lippen öffneten sich, doch es drang kein Wort aus denselben, schweigend senkte er wieder das Haupt.

Die Erzherzogin fuhr, ohne diese Bewegung zu beachten, mit ruhiger Stimme fort:

»Dieser Mann, welcher unter der Maske gleisnerischer Ergebenheit den heiligen Stuhl in Rom und die Kirche ihren Feinden preisgibt, welcher alles Unheil heraufbeschworen, das die Welt erfüllt, er wird dich treulos verlassen, wie er deinen Bruder Maximilian verlassen und geopfert hat, und wenn man ihm bietet, was er verlangt, so wird er sich mit Preußen und Rußland noch lieber verbinden, als mit dir, denn dort ist die Macht und der Erfolg, hier aber war das Unglück und die Niederlage. Wenn er aber auch bis zum Äußersten mit dir geht, wenn er den Kampf aufnimmt, so wird er geschlagen werden, seine Macht wird zusammenbrechen und Österreich mit in den jähen Sturz herabreißen.«

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

»Frankreich geschlagen?« sagte er mit ungläubigem Lächeln.

»O glaube mir, mein Sohn,« erwiderte die Erzherzogin in ernstem, überzeugungsvollem Ton, »die preußische Macht ist mir wohl bekannt, ich habe schon seit Jahren keine Gelegenheit versäumt, dieselbe zu beobachten in ihren verschiedenen Elementen, sie wird Frankreich zerschmettern, wenn es zum Zusammenstoß kommt, und wehe Österreich, wenn es dann auf der Seite des Besiegten steht. Höre mich,« fuhr sie fort, »ich verlange gewiß keine plötzliche und schnelle Entscheidung, ich will nicht eingreifen in die ruhige Überlegung, welche in so ernsten Dingen not tut, aber laß das Wort deiner Mutter in dein Herz gelegt sein zu ernster Prüfung! Das Heil Österreichs liegt nicht in dem unruhigen Streben nach Rache und Wiedereroberung des Verlorenen, die großen, mächtigen Alliierten der Vergangenheit werden auch die Zukunft des Reiches glücklich und groß machen. Wende dich hin zu Rußland und Preußen, deren feste Verbindung doch nicht auseinandergerissen werden kann, dort findest du feste Stützen, dort findest du den sicheren Boden für die Wiederaufrichtung der Macht Österreichs.«

»Aber wie könnte ich,« sagte der Kaiser, »nach allem, was vorgefallen –«

»Glaube mir, man wird dich dort von ganzem Herzen willkommen heißen und dem alten Alliierten ohne Rückhalt die Hand reichen, laß mich durch meine Schwester Elisabeth die ersten Anknüpfungen machen. Der König Wilhelm wie der Kaiser Alexander haben hohe Verehrung für sie, und so sehr sie sich sonst von aller Politik zurückhält, so bin ich überzeugt, daß sie zu solchem Werke, das so sehr im Geiste ihres seligen Gemahls ist, gern und freudig die Hand bieten würde.«

Der Kaiser war aufgestanden und ging einigemal im Zimmer auf und nieder. Ein unruhiger Kampf malte sich in seinen Zügen. Die Erzherzogin folgte prüfenden Blickes seinen Bewegungen.

»Vor allem aber,« sprach sie, als der Kaiser ihr gegenüber stehen blieb und sinnend zu ihr herabsah, »vor allem flieh' diesen treulosen Mann in Paris, der niemals Österreich Gutes bringen kann. Denke daran, mein Sohn, daß das Bündnis mit Frankreich deinem Hause und deinem Reiche immer verderblich gewesen ist, denke an die unglückliche Marie Antoinette, die diesem Bündnis geopfert wurde, denke an Marie Luise, die dasselbe Bündnis zwar nicht mit dem Leben, aber mit einer verfehlten und gebrochenen Existenz bezahlte, finstere Schatten erheben sich zwischen Österreich und Frankreich und werden Unheil heraufbeschwören, wenn du dorthin die Hand ausstreckst. Droht nicht jetzt gerade ein neues Schrecknis, von Frankreich bereitet dem Hause Habsburg, o,« rief sie, indem ein leichtes Schluchzen ihre Stimme halb erstickte, »ich kann die bange Angst um meinen Sohn, um deinen Bruder nicht bannen, eine entsetzliche Ahnung ruft mir tief in die Seele hinein, daß er als ein neues Opfer fallen werde der Politik Frankreichs, der finsteren Kombinationen dieses falschen Napoleon.«

Der Kaiser ergriff die Hand der Erzherzogin.

»Meine gnädigste Mutter,« sagte er mit bewegter Stimme, »ich verspreche dir, alles anzuwenden, um eine Gefahr für das Leben Maximilians abzuwenden, und,« fügte er langsam und nachdenklich hinzu, »ich danke dir dafür, daß du mir so gütig deinen treuen Rat in der heute so schwierigen Lage des Reiches hast geben wollen, sei überzeugt, daß deine Worte tief in meine Brust gegraben sind, ich werde alles ernstlich und eifrig durchdenken, möchte mein Blick die Kraft finden, das Rechte zu erkennen.«

»Wohl, mein Sohn,« sagte die Erzherzogin, sich erhebend und mit ihrem Taschentuch leicht über die feuchten Augen fahrend, »ich verlange nicht mehr – vergiß meine aus treuem und besorgtem mütterlichen Herzen kommende Mahnung nicht, ich werde vielleicht lange nicht wieder mit dir über diese Dinge sprechen, die zu berühren mich heute mein volles Herz hingerissen hat, denke daran, daß, wenn dein Entschluß sich nach der Seite meiner Ansichten neigt, ich stets bereit bin, seine Ausführung auf die zarteste und vorsichtigste Weise vorzubereiten. Und was du auch beschließen mögest,« fuhr sie fort, ihre Hand sanft auf die Stirn des Kaisers legend, »Gott segne deine Entschließungen zum Heile Österreichs.«

»Amen!« rief der Kaiser mit tief bewegter Stimme.

»Lebe wohl, mein Sohn, und gedenke in brüderlicher Liebe des armen Maximilian.«

Sie legte ihren Arm in den des Kaisers und verließ, von ihrem Sohne geführt, das Kabinett durch die Tür nach den inneren Gemächern.

Nach kurzer Zeit kehrte Franz Joseph zurück. In ernstem, tiefem Nachdenken stand er lange unbeweglich, die Augen zu Boden gesenkt, dann richtete er sich mit tiefem Atemzug auf und bewegte die Glocke.

»Ist der Baron Beust im Vorzimmer?« fragte er den eintretenden Kammerdiener.

»Zu Befehl, kaiserliche Majestät.«

»Ich erwarte ihn,« sagte der Kaiser, und einige Sekunden darauf trat der Minister in der kleinen Uniform lächelnd und heiter, das dünne Haar zu beiden Seiten der Schläfen sorgfältig frisiert, in das Kabinett.

Der Kaiser ging ihm freundlich entgegen. In seinem ruhigen Lächeln war keine Spur mehr von der tiefen, finsteren Sorge, welche soeben noch auf seinem Antlitz gelegen hatte.

»Nun, mein lieber Minister,« sagte er, Herrn von Beust die Hand reichend, »ich bin begierig zu hören, wie weit Sie mit diesen ungarischen Krönungsangelegenheiten gekommen sind, die Formen machen da fast ebensoviel Mühe, als die Sache selbst.«

Er setzte sich vor seinen Schreibtisch und deutete Herrn von Beust einen Sessel zu seiner Seite an.

Der Minister zog mehrere Papiere aus seinem Portefeuille und sprach, dieselben überblickend: »Ich hoffe, daß nun in kürzester Frist alles geordnet sein wird, und daß die Krönung am 8. Juni stattfinden kann; die Formen, Majestät, sind in der Tat von einer gewissen Wichtigkeit, da der ungarische Volksgeist mit diesen Formen überall tiefere Bedeutung verbindet, und,« fügte er leicht lächelnd hinzu, »vielleicht erleichtert die sorgfältige Erörterung der Formfragen ein wenig manche sachliche Schwierigkeit. Zunächst, Majestät,« fuhr er fort, »wünschen die maßgebenden Kreise, und es soll darüber in geheimer Sitzung des Unterhauses Beschluß gefaßt werden, daß in Ermangelung eines Palatins nicht der judex Curiae, sondern der Ministerpräsident Graf Andrassy mit dem Fürsten Primas Eurer Majestät die Krone aufsetze, es ist das wohl ein Kompliment für Andrassy, das er wohl verdient hat.«

»Und vielleicht ein Wink für mich,« sagte der Kaiser lächelnd, »daß der konstitutionelle Ministerpräsident mir die konstitutionelle Stephanskrone aufsetzt, doch gleichviel, ich bin damit einverstanden.«

»Zu Kronhütern sind vorgeschlagen,« fuhr Herr von Beust fort, »der Graf Georg Karolyi und der Baron Nikolaus Bay.«

Der Kaiser nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»So sind denn fast alle Formalitäten geordnet,« sagte Herr von Beust, »der Krönungshügel wird aus der Erde von allen traditionellen Orten Ungarns bereits aufgeschüttet.«

»Es ist ein sonderbares Volk,« sagte der Kaiser sinnend, »da halten sie so fest an dem alten Symbol, daß der König von dem Hügel herab, der die ganze Erde des Vaterlandes darstellt, das Schwert nach den vier Himmelsrichtungen den Feinden des Reiches entgegenschwingt, und doch wollen sie die Hand, die dies Schwert führen soll, einschnüren in das Gewebe konstitutioneller Paragraphen!«

»Es bleibt,« fuhr Herr von Beust fort, »noch die definitive Feststellung des Inauguraldiploms.«

»Ah,« sagte der Kaiser, »das ist der praktische Kern in dieser glänzenden Schale nationaler Symbolik.«

»Ich habe den Entwurf mitgebracht,« sprach Herr von Beust, »wie er zwischen mir und dem Grafen Andrassy nach langen Erörterungen mit den ungarischen Parteiführern nunmehr festgestellt ist, und möchte für denselben die allergnädigste Sanktion Eurer Majestät erbitten.«

Er ergriff einen großen Bogen, und die Augen auf die Schrift gerichtet, fuhr er fort:

»Der Entwurf erwähnt zunächst die Olmützer Abdankung der Majestät des Kaisers Ferdinand, sowie die Resignation des durchlauchtigsten Erzherzogs Franz Karl, und hebt hervor, daß eingetretene schwere Hindernisse die Vornahme der Krönung nach Artikel 3 der Konstitution von 1790 hinderten, daß 1861 zwar die Dokumente vorgelegt wurden, die Krönung selbst aber noch immer nicht vorgenommen werden konnte, daß dann endlich 1865 es gelungen sei, die Verfassung wiederherzustellen, und daß man nunmehr endlich zu der feierlichen Krönung schreiten könne. Nach dieser Einleitung –«

»Aus welcher eigentlich indirekt hervorgeht, daß ich bis jetzt gar nicht König von Ungarn war, und welche alle Erhebungen gegen meine Autorität quasi legitimiert,« warf der Kaiser ein.

»Eure Majestät wissen, welche Bedeutung im Glauben des ungarischen Volkes die wirkliche Krönung mit der Krone Stephans des Heiligen hat,« erwiderte Herr von Beust, »Eure Majestät haben befohlen, daß die Vergangenheit abgeschlossen und vergessen sein soll, und jedenfalls werden Eure Majestät in der Zukunft in Wahrheit König von Ungarn sein!«

»Nachdem ich für immer der Hoffnung habe entsagen müssen, Kaiser in Deutschland zu sein!« flüsterte Franz Joseph leise.

»Nach dieser Einleitung,« fuhr Herr von Beust fort, »verspricht das Diplom zuerst Heilighaltung der im ersten und zweiten Artikel von 1723 festgestellten Thronfolge, sowie der nach Artikel 3 vom Jahre 1790 vorzunehmenden Krönung für Ungarn und die Nebenländer, Heilighaltung bei Verfassung, der gesetzlichen autonomischen Unabhängigkeit, Freiheit und Territorialintegrität.«

Der Kaiser neigte langsam das Haupt.

»Wir werden ferner heilig halten,« sprach Herr von Beust weiter, die Worte des Diploms lesend, »die gesetzlich bestehenden Freiheiten und Privilegien, die bis jetzt geschaffenen, von Unseren Ahnen sanktionierten, sowie die erst ferner zu schaffenden von Uns als gekröntem König zu sanktionierenden Gesetze.«

»Die erst ferner zu schaffenden,« sagte der Kaiser, »welch ein Feld von Interpretationen, von Kämpfen und Schwierigkeiten umfassen diese Worte! Doch weiter.«

»Endlich,« sprach Herr von Beust weiter, »verspricht das Diplom, die Krone im Lande zu behalten, alle Länder und Appendices der ungarischen Krone, soweit dieselben schon zurückerlangt sind, zu Ungarn zu bringen.«

»Das geht sehr weit,« warf der Kaiser ein.

»Es ist eine Phrase, Majestät,« erwiderte Herr von Beust, »und wie bei allen weiten Phrasen bleibt hier ein unbemessener Spielraum offen für Erörterungen und parlamentarische Diskussionen, welche einer geschickten Regierung stets eine vortreffliche Stellung geben.«

»So lange keine großen Katastrophen hereinbrechen,« sagte der Kaiser, »denn in ernsten Augenblicken gestalten sich solche Erörterungen zu peremptorischen Forderungen und die vortreffliche parlamentarische Stellung der Regierung wird zu einer praktisch sehr prekären. Leider, leider,« sagte er seufzend, »hat dieser Abschluß so viel offene Stellen, daß immer noch neue Abschlüsse aus ihm werden geboren werden.«

Er schwieg. Herr von Beust wartete einige Augenblicke und fuhr dann fort:

»Für den Fall des Aussterbens des königlichen Hauses garantiert das Diplom den Ungarn das alte angestammte Recht der freien Königswahl.«

»Gott wolle verhüten, daß dieser Fall eintrete,« sagte der Kaiser, die Hände faltend.

»Endlich sollen bei jeder künftigen Krönung diese Inauguralgarantien beschworen werden, schloß Herr von Beust, das Blatt zusammenfaltend und den Blick erwartungsvoll auf den Kaiser richtend.

»Ich habe ja alle diese Punkte schon einzeln in Erwägung gezogen,« sagte Franz Joseph, »und sie im wesentlichen gebilligt, es bleibt ja jetzt auch wohl nichts anderes zu tun übrig, als sie zu genehmigen, wie sie nun formuliert sind, doch täuschen kann ich mich darüber nicht, daß hier viel – viel versprochen wird, und daß ich bis jetzt wenig – sehr wenig von den Gegenleistungen Ungarns gehört habe, da wir nun doch einmal aus dem Boden des konstitutionellen Vertrages stehen.«

»Eure Majestät,« sagte Herr von Beust, »müssen ein wenig Vertrauen in die Geschicklichkeit Allerhöchstihrer Regierung setzen. Ich zweifle nicht, daß auf dem Boden dieses Ausgleichs das Verhältnis Ungarns im Gesamtreiche Eurer Majestät sich fruchtbar und kräftigend gestalten werde, und daß die freie Mitwirkung der reichen Kräfte Ungarns mächtig dazu beitragen werde, Österreich die große und gebietende Stellung wiederzugeben, welche ihm in Europa gebührt.«

»Lassen Sie mir den Entwurf hier,« sagte der Kaiser, »ich möchte ihn noch genau in allen Punkten durchsehen, und auch einmal mit Andrassy darüber sprechen.«

Ein wenig befremdet blickte Herr von Beust auf und legte schweigend den Entwurf des Diploms auf den Schreibtisch des Kaisers.

Franz Joseph blickte wie in Gedanken versunken vor sich hin und schien zu erwarten, ob der Minister noch weiteres vorzutragen habe.

»Bevor ich mir erlaube,« sprach Herr von Beust, leicht in seinen Papieren blätternd, »Eure Majestät auf einige Punkte der auswärtigen Politik untertänigst aufmerksam zu machen, möchte ich bitten, eine etwas delikate Sache zu berühren, in welcher vielleicht die allerhöchst persönliche Einwirkung Eurer Majestät angezeigt sein möchte.«

Der Kaiser richtete rasch den Kopf empor und blickte erwartungsvoll auf den Sprechenden.

»Bei Gelegenheit der Luxemburger Verwicklung,« fuhr der Minister fort, »hat in Hannover eine lebhafte Bewegung stattgefunden, zahlreiche Offiziere und Soldaten der hannöverschen Armee sind mit der ausgesprochenen Absicht nach Holland ausgewandert, dort eine Legion zu bilden, um bei dem Ausbruch eines Krieges für die Wiedereroberung Hannovers zu kämpfen.«

»Ich weiß davon,« sagte der Kaiser, »der König selbst hat es mir erzählt und mir zugleich gesagt, daß er von dem raschen Unternehmen jener Offiziere, deren Treue und Hingebung ihn freudig berührt, nichts gewußt habe, und die armen Leute von Herzen beklage, welche vergeblich ihre Existenz geopfert hätten.«

»Ich zweifle durchaus nicht,« sagte Herr von Beust, »daß Seine Majestät persönlich dem übereilten Unternehmen jener jungen Leute vollständig fern steht, indes sind bedeutende Mittel, aus der Kasse des Königs zur Unterhaltung dieser sogenannten Legion angewiesen, und es gehen von Hietzing aus Befehle und Anordnungen dorthin ab; man weiß dies in Berlin sehr wohl, und es ist zur Erhaltung der guten Beziehungen mit Preußen, welche doch in diesem Augenblick um einer untergeordneten Frage willen nicht getrübt werden dürfen, in der Tat notwendig, daß sich nicht unmittelbar neben der Residenz Eurer Majestät ein Herd von Agitationen bilde, welche sich gegen den Bestand des preußischen Staates richten, wie derselbe,« fügte er seufzend hinzu, »nun einmal durch den Prager Frieden festgestellt und sanktioniert ist.«

»Der König von Hannover ist ein Opfer unserer Niederlage,« rief der Kaiser, »und wenn auch seine politische Haltung schwankend, und unsicher war, persönlich hat er ritterlich für die Sache eingestanden, die uns damals gemeinsam war, ich habe ihm seinen Thron nicht erhalten können, ich bin ihm wenigstens ein freies und würdiges Asyl schuldig, niemand kann es ihm verdenken, wenn er seinen treuen Offizieren und Soldaten Unterstützungen sendet, und so lange seine und seiner Umgebung Handlungen nicht gegen die Gesetze Österreichs verstoßen, soll niemand ihm die vollständige Freiheit seines Tuns und Lassens beschränken oder verkümmern.«

»Ich war auch weit entfernt,« sagte Herr von Beust, sich verneigend, »irgend eine solche Beschränkung zu wünschen. – Seine Majestät kann gewiß seine früheren Untertanen, auch wenn dieselben sich mit den preußischen Gesetzen in Konflikt befinden, unterstützen, und werde jede darauf gerichtete preußische Interpellation bestimmt und würdig, ganz der Auffassung Eurer Majestät entsprechend zu beantworten wissen, indes,« fuhr er fort, »diese Beantwortung muß mir nicht unmöglich gemacht werden, wie dies fast geschieht, wenn die nächste Umgebung des Königs seine Beziehungen zu der Emigration in Holland des Charakters einer einfachen Unterstützung entkleidet und an diese Angelegenheit die Erörterung politischer Pläne und Hoffnungen knüpft, welche Preußen allerdings Grund zu Vorstellungen geben können. Der Polizeidirektor Strobach,« sagte er, ein Papier aus seinem Portefeuille hervorziehend, »berichtet, daß in einem Friseur- und Barbierladen zu Hietzing, wo zuweilen Herren von der Umgebung des Königs sich rasieren und frisieren lassen –«

»Nun?« fragte der Kaiser.

»In diesem Friseurladen nun,« sprach Herr von Beust weiter, »sollen Pläne eines künftigen Krieges, einer Insurrektion von Hannover, der Agitation im dortigen Lande mit einer Rücksichtslosigkeit und Offenherzigkeit, ja mit Nennung von Namen besprochen werden, daß es in der Tat ein Wunder wäre, wenn die verschiedenen preußischen Emissäre, welche sich zur Beobachtung des hannöverschen Hofes in Hietzing aufhalten, davon nichts hören sollten.«

Er reichte dem Kaiser das Papier, das er in der Hand hielt. Dieser nahm es und durchflog schnell seinen Inhalt.

»Es ist in der Tat beinahe unglaublich!« rief er. – »Der arme König!«

»Ein Wink,« sagte Herr von Beust, »den Eure Majestät dem Könige zu geben die Gnade haben würden –«

»Nein,« rief der Kaiser, stolz den Kopf emporwerfend, »das ist kein Gegenstand der Unterhaltung zwischen mir und dem König Georg; richtiger ist es,« fuhr er nach einigen Augenblicken der Überlegung fort, »Sie senden Strobach selbst nach Hietzing, der König hat ihn empfangen und ist ihm sehr gnädig gesinnt, er soll selbst dem Könige mitteilen, was er Ihnen hier berichtet hat, der König wird verstehen, daß er das nicht ohne meine Autorisation tut, und es ist genügend, daß er davon weiß, dann werden solche unerhörten Dinge ein Ende nehmen.«

»Ich bewundere die so treffende und doch so rücksichtsvolle Entscheidung Eurer Majestät,« sagte Herr von Beust, »und werde den Polizeidirektor Strobach sogleich mit der nötigen Anweisung versehen.«

»Fürst Metternich fragt an,« fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, ein anderes Papier aus seiner Mappe hervorziehend, »ob Eure Majestät bereits allerhöchst Ihre bestimmten Entschlüsse in betreff des Besuchs der Pariser Ausstellung gefaßt haben; der Kaiser Napoleon hat mehrfach danach gefragt und scheint einen großen Wert darauf zu legen, daß Eure Majestät möglichst bald nach dem Besuche des Königs von Preußen und des Kaisers von Rußland dorthin kommen.«

Der Kaiser richtete einen Augenblick schweigend den ernsten Blick auf den Minister.

»Also König Wilhelm und Kaiser Alexander gehen zusammen nach Paris?« fragte er.

»Es scheint bis jetzt so, vielleicht werden indes die Dispositionen noch geändert,« sagte Herr von Beust mit Betonung.

»Nun,« erwiderte der Kaiser, »dann ist es ja auch noch nicht nötig, meine Dispositionen endgültig festzustellen, ich möchte das Resultat jener Zusammenkunft abwarten, auch weiß ich nicht, ob es sich ziemt, Dispositionen für diese Reise zu treffen, so lange über das Schicksal meines Bruders Maximilian nicht völlig beruhigende Nachrichten da sind.«

»Ich möchte mir untertänigst erlauben,« sagte Herr von Beust, »Eure Majestät besonders darauf aufmerksam zu machen, daß gerade das Unglück des Kaisers Maximilian Napoleon ganz besonders bestimmt, sich Österreich zu nähern, und daß er gerade im Hinblick auf jene Katastrophe besonderen Wert darauf legt, den Beweis dafür zu empfangen, daß Eure Majestät das Unglück allerhöchst Ihres Bruders nicht ihm schuld geben. Es möchte gewiß gut sein, diese Disposition zu benutzen, um für die Beziehungen zu Frankreich endlich eine feste Basis zu finden, um so mehr, als die Anknüpfung einer freundlicheren Verbindung mit Italien wesentlich in der Voraussetzung –«

Ein starker Schlag ertönte an der Türe zum äußeren Vorzimmer und unmittelbar darauf trat der diensttuende Flügeladjutant, Oberstleutnant Fürst Liechtenstein, schnell und mit erschrockener Miene in das Kabinett.

»Feldmarschalleutnant Graf Braida,« sagte der Fürst im Tone dienstlicher Meldung, »bittet Kaiserliche Majestät um allergnädigstes Gehör, um einen dringenden Auftrag des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Albrecht Kaiserliche Hoheit auszurichten.«

Der Kaiser hatte sich erhoben, winkte zustimmend mit dem Kopfe und blickte gespannt dem Feldmarschalleutnant entgegen, welcher in der kleinen Uniform, den Ausdruck schmerzlicher Erregung in Gesicht und Haltung, in die Tür trat.

»Kaiserliche Majestät halten zu Gnaden,« sprach der Obersthofmeister des Erzherzogs Albrecht, »ich bin auf Befehl des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs in aller Eile gekommen, um Eurer Majestät ein großes Unglück zu melden!«

Das Gesicht des Kaisers zog sich schmerzlich zusammen. »Seit langem bin ich keine anderen Meldungen mehr gewöhnt!« sagte er mit düsterem Blicke. »Sprechen Sie, welch' ein neuer Schlag ist gefallen?«

»Die Erzherzogin Mathilde,« sagte Graf Braida tief aufatmend, »es ist entsetzlich, Kaiserliche Majestät, die Erzherzogin hat sich schwer verbrannt, es scheint kaum Hoffnung zu sein, sie am Leben zu erhalten.«

»Verbrannt?« rief der Kaiser, »wie, – wodurch – um Gotteswillen?«

»Es ist noch nicht genau festgestellt,« sagte der Graf, »man hörte den Hilferuf der Erzherzogin auf dem Korridor; als man hinzueilte, standen die Kleider in Flammen.«

»Und was ist geschehen, was sagen die Ärzte?« rief der Kaiser.

»Die Erzherzogin ist entsetzlich verbrannt und ohnmächtig von den furchtbaren Schmerzen, die Ärzte vermögen noch nichts gewisses zu sagen, doch scheinen sie nicht viel Hoffnung zu haben, der Herr Erzherzog hat mich sofort abgesendet, um Kaiserlicher Majestät Nachricht von dem schrecklichen Unfall zu geben.«

»Eilen Sie zurück, mein lieber Graf,« sagte der Kaiser mit bewegter Stimme, »und bringen Sie meinem Oheim den Ausdruck meiner treuesten, herzlichsten Teilnahme, meiner innigsten Wünsche, daß das äußerste Unglück vorüber gehen möge. Ich komme später selbst, um zu sehen, wie es geht.«

Er neigte grüßend das Haupt – der Feldmarschalleutnant zog sich mit tiefer Verbeugung zurück.

Herr von Beust hatte schweigend in tiefer Bestürzung die ganze Szene mit angesehen.

»Welch ein entsetzliches Unglück!« sagte er tief aufatmend. »Erlauben Eure Majestät mir, mein tiefstes Mitgefühl ehrfurchtsvoll auszusprechen.«

»Ich danke – ich danke,« erwiderte der Kaiser mit milder Freundlichkeit, aber mit einer gewissen Zerstreutheit im Tone, »wir müssen heute abbrechen, mein lieber Minister,« sagte er dann, »diese Nachricht hat mich schwer erschüttert, ich bitte Sie, für morgen den Vortrag wieder aufzunehmen, die Sachen haben Zeit bis dahin, nicht wahr?«

»Gewiß, Majestät,« erwiderte Herr von Beust, indem er sein Portefeuille schloß, schweigend, mit tiefer Verneigung gegen den Kaiser, der ihn ernst und freundlich grüßte, zog er sich zurück.

Lange stand Franz Joseph unbeweglich da. »Ist das ein Wink des Himmels?« sprach er endlich, den brennenden Blick mit dem Ausdruck banger Frage nach oben richtend, »will Gott selbst den Worten meiner Mutter einen so entsetzlichen Nachdruck geben? – Marie Antoinette – Marie Luise,« fuhr er leiser fort, »Tod und Unglück steht zwischen Frankreich und Österreich, die mütterliche Ahnung sieht bereits den Leichnam Maximilians sich aus der dunklen Kluft erheben, die beide Mächte trennt, und jetzt legt Gott seine schwere Hand auf das jugendliche, blühende Leben, auf dies Leben gerade, das bestimmt war, den wichtigsten Ring in der Kette einer neuen Verbindung zu bilden mit dem Lande, welches das Blut von Habsburg auf dem Schaffott verspritzte. O mein Gott,« rief er laut mit schneidender Stimme, »wer gibt mir Licht in diesem Dunkel, wer zeigt mir den Weg, den ich gehen soll?«

Er sank wie gebrochen in seinen Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hände.

Da begann weit herüber durch das Fenster hereindringend eine ferne Glocke zu läuten, hell und rein trug die klare Luft die Schwingungen des Tons in das kaiserliche Kabinett.

Der Kaiser hob leise lauschend das Haupt empor. »Dort grüßt die irdische Welt mit ihrem letzten heiligen Abschiedsklange ein stilles Herz, das zum ewigen Frieden eingeht nach des Lebens Kämpfen im dunklen, bescheidenen Arbeitskreise, und ich hier oben auf der vielbeneideten Sonnenhöhe des Lebens kann die Ruhe nicht finden im wallenden Ringen der zweifelnden und zagenden Gedanken!«

Immer ruhiger wurde sein Auge, immer friedensvoller der Ausdruck seiner Züge.

Wie unwillkürlich faltete er die Hände, und leise die Lippen bewegend sprach er:

»O mein Gott, deine Stimme redet zu uns nicht aus den prachtvollen Tempeln, nicht aus den brausenden Hymnen, aber in reiner Klarheit dringt sie aus den Himmeln herab überall, wo ein Menschenherz in Demut sich dir beugt und in liebevoller Einfalt wie die Kinder zu dir spricht: Hilf mir, du treuer Vater, denn ich vermag nichts ohne dich! Hilf auch mir, du ewiger Vater der Großen und der Niedrigen, und sende die Erleuchtung deines Geistes in meine Gedanken und Entschlüsse, wie dieser reine Glockenton den Gruß des himmlischen Friedens in meine ringende Seele trägt!«

In einfach gleichmäßigen Tönen klang die Glocke weiter über das brausende und wogende Wien her, draußen ging der Gardist in gleichmäßigem Schritt auf und nieder, und in der tiefen Stille des einfachen Gemaches betete der Kaiser um Erleuchtung zum Heil der Völker des weiten Reiches, das seine Hand zu beherrschen berufen war. Immer demutsvollere Ergebung sprach aus seinen Zügen, in immer gläubigerer Zuversicht leuchteten seine Augen, und als endlich die Glocke in lang nachhallendem Tone verklang, da erhob er sich langsam und ruhig und sprach mit festem Tone:

»Vorwärts ohne Ermatten, je größer das Unglück, um so höher muß der Mut sein. Gott wird Österreich nicht verlassen!«

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