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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Im hellen Lichte der Kerzen und der großen Lampen strahlten die Appartements der Kaiserin Eugenie in den Tuilerien. Es war einer jener intimen kleinen Montagsbälle, welche, ohne eigentlich offiziellen Charakter, um die schöne und anmutige Herrscherin von Frankreich alles vereinigten, was die Spitzen der Gesellschaft von Paris bildete, und was die Kaiserin mit ihrer besonderen Aufmerksamkeit bevorzugte.

Man sah hier die Herren von der Diplomatie und die ersten Würdenträger gemischt mit Künstlern und Schriftstellern – alles trug den einfachen schwarzen Frack, es war eben ein intimer Kreis, aus welchem die glänzende, feierliche Etikette verbannt sein sollte, und in welchem die Kaiserin nur den Herrscherstab des Geistes, der Anmut und der heiteren Geselligkeit in leichter Hand halten wollte.

Man tanzte in der kleinen Galerie, welche an die Gemächer der Kaiserin stieß; ein Flor der schönsten jungen Damen in leichten, duftigen Toiletten, bei welchen die schwere Pracht der großen offiziellen Feste ausgeschlossen war, bewegte sich dort in den anmutig verschlungenen Touren des Kotillon, welchen der Marquis de Caux und Mr. Jerningham, der Attaché der englischen Botschaft, mit unermüdlichem Eifer leiteten.

Auf einem kleinen Divan in ihrem Salon saß die Kaiserin Eugenie in einem meergrünen Kleid von wunderbar schillernder Farbe, umhaucht von einer Wolle jenes zarten Spitzengewebes, das zu allen Zeiten der Gegenstand der Bewunderung und der Wünsche der Damen war, und dessen feenhaft zierliche Muster die schlanken Hände der la Vallière umspielten, um die vollen Schultern der Dubarry wehten, das edle Gesicht Marie Antoinettes umschlossen, und noch bei der Toilette kommender Generationen ihren unbestritten ersten Platz behaupten werden. Die volle blonde Haarkrone der Kaiserin trug einfache Schleifen von der Farbe ihrer Robe, durch eine Agraffe von Perlen und Smaragden gehalten, in der Hand hielt sie ein kleines Bukett von halb erblühten Teerosen und Veilchen, heitere Fröhlichkeit strahlte von ihrem klassisch schön geschnittenen Gesicht, und mit leuchtendem Blick sah sie über die Gesellschaft hin, welche in ungezwungenen Gruppen sich unterhielt.

Um die Kaiserin her saßen auf Tabourets die Damen ihres vertrautesten Zirkels in ebenso leichten und einfachen Toiletten, und es war in der Tat ein bezaubernder Kranz von Schönheiten, der sich da um Frankreichs Herrscherin vereinigte. Eugenie liebte die Schönheit, in der Natur, in der Kunst und bei den Menschen, sie scheute sich nicht, sich mit den reizendsten und frischesten Gesichtern zu umgeben, sicher, daß sie nicht verdunkelt werden, sondern nur um so glänzender erscheinen würde; da saß neben ihr die Gräfin Walewska, die Herzogin von Mouchy, die wunderbar schöne Madame Kanisy – Fräulein Haußmann, welche später Madame Dollfus wurde, eine reizende, frisch blühende Erscheinung.

Die Kaiserin hatte den Platz neben sich auf dem Divan der Prinzessin Charlotte Bonaparte, einer schönen Frau mit großen, lebhaften und geistvollen Augen eingeräumt, welche soeben mit ihrem Gemahl, dem Grafen Primoli, in den Salon getreten.

»Nun, meine liebe Cousine,« fragte Eugenie mit heiterem Ton, »was macht die Ausstellung? Sie interessieren sich so lebhaft dafür, ich bin noch wenig dort gewesen, es geniert mich, ja, wenn man ganz unerkannt einmal hingehen könnte!«

»Warum sollten Eure Majestät das nicht können?« fragte die Prinzessin, »es wäre ja nichts Außergewöhnliches.«

»Oh, es wäre allerliebst!« rief Madame Kanisy, »Eure Majestät sollten –«

»Man würde mich erkennen,« sagte die Kaiserin, den Kopf emporwerfend, mit stolzem Lächeln, »und dann, was würde man für Erzählungen davon machen! – nein, nein, das geht nicht.«

»Apropos,« sagte sie abbrechend, »haben Sie die Festkantate gelesen, welcher man den Preis erteilt hat? Sie ist von Herrn Romain Cornut gedichtet und in der Tat sehr sinnig und schön. Sie heißt die »Hochzeit des Prometheus« und schildert die Vermählungsfeier des mythologischen Halbgottes mit der Menschheit – der Humanitas, welche ihn durch die Friedensvereinigung der Weltausstellung erlöst hat, und die auf dem Marsfelde versammelten Völker singen den Hochzeitsgesang. Sie ist für Orchester, Chöre und zwei Solis geschrieben und man erwartet nun die Preisbewerbung für die Komposition.«

Sie winkte mit ihrem Bukett dem Fürsten Metternich, der sich soeben von einer Gruppe getrennt hatte und in der Nähe stand. Der Fürst, eine elegante Erscheinung mit blassem, geistvoll heiterem Gesicht, dünnem Haar und starkem Backenbart, das große, rote Band der Ehrenlegion unter dem nach der damals neuesten Mode mit schwarzem Samt aufgeschlagenen Frack, trat eilig in den Kreis der Damen um den Divan der Kaiserin.

»Wir sprechen von der ›Hochzeit des Prometheus‹, mein lieber Fürst,« sagte Eugenie lächelnd, »wollen Sie sich nicht um den Preis der Komposition bewerben, ich bin überzeugt, Sie würden alle anderen Bewerber aus dem Felde schlagen,« fügte sie artig hinzu.

»Der arme Prometheus, Madame,« erwiderte der Fürst, »ist bereits einmal von Herkules befreit, und ich wage es nicht, mich mit einem solchen Konkurrenten – wenn auch nach dreitausend Jahren – in die Schranken zu stellen, übrigens weiß ich kaum, ob zu einer solchen Hochzeit eine Jubelkantate am Platze wäre.«

»Warum nicht?« fragte die Kaiserin, »geben Sie acht, meine Damen, der Fürst wird uns eine kleine Bosheit sagen, sehen Sie seine sarkastische Miene.«

»Dann werde ich schweigen,« sagte der Fürst, sich verneigend.

»Nein, nein,« rief die Kaiserin, »jetzt sollen Sie sagen, was Sie denken, wir sind in der Majorität; warum soll der arme Prometheus keine Jubelkantate zu seiner Hochzeit mit der Menschheit haben?«

»Wenn,« sagte der Fürst lächelnd, »die ganze Humanitas neben den liebenswürdigen Eigenschaften aller Frauen der ganzen Welt auch deren Launen in sich vereinigt, so –«

»Wie boshaft!« rief die Kaiserin.

»Wir werden das der Fürstin erzählen,« sagte die Gräfin Primoli, »sie soll uns rächen!«

»Übrigens,« fuhr Fürst Metternich fort, »hat auch Viktor Hugo eine Art von Manifest über die Ausstellung erlassen, bei Gelegenheit des Vorworts zum Führer durch die Weltausstellungsräume, er sagt: Frankreich lebe wohl, man trennt sich von seiner Mutter, die eine Göttin wird; wie Rom die Christenheit wurde, so wird Frankreich die Menschheit! – da ist also diese Humanitas schon ein wenig eingeschränkt, und Prometheus hat jedenfalls nur mit ihren liebenswürdigsten Repräsentantinnen zu tun!«

»Der Fürst will uns durch seine Galanterie wieder versöhnen,« sagte die Gräfin Walewska, »schade, daß dieser arme Viktor Hugo vom politischen Wahnsinn ergriffen ist; ein Dichter, wie er, sollte sich nie um die Politik kümmern, auch der Gedanke in diesem Manifest ist schön und groß, denn Frankreich ist doch ein wenig das Herz der Menschheit,« fügte sie mit einem lächelnden Blick auf den österreichischen Botschafter hinzu.

»Wenigstens,« sagte dieser, »räumt es an seinem gastlichen Herde der ganzen Menschheit mit so viel Liebenswürdigkeit einen heimischen Platz ein, daß wir alle ihm dankbar sein müssen. Lord Brougham, Majestät,« fuhr er fort, »sagt einmal: »Jeder Mensch hat eine doppelte Heimat, die eine ist in seinem Vaterland« – die zweite in Paris.«

»Das ist hübsch,« sagte die Kaiserin, anmutig den schlanken Hals neigend, »und auch ein wenig wahr, ich wünsche, lieber Fürst, daß wir Sie noch recht lange in Ihrer zweiten Heimat Paris behalten. – Doch,« rief sie, »ich muß in der Tat bald eine gründliche Besichtigung dieser wunderbaren Ausstellung vornehmen, wenn Ihre Kaiserin kommt, muß ich vorbereitet sein, die Führerin Ihrer Majestät zu machen.«

Ein schneller, forschender Blick ihres Auges richtete sich auf den Fürsten.

Dieser erwiderte, ohne daß eine Muskel seines heiteren, lächelnden Gesichts zuckte:

»Meine erhabene Souveränin wird glücklich sein, an der Hand Eurer Majestät die Wunder der Ausstellung kennen zu lernen, wenn ihre Gesundheit es ihr möglich macht, den Kaiser auf seiner Reise hierher zu begleiten. Die Kaiserin wird nach Ischl gehen.«

»Ich hoffe von Herzen auf einen guten Erfolg der Kur,« sagte Eugenie, »denn ich würde es tief beklagen, wenn mein Wunsch, diese liebenswürdige Kaiserin hier zu sehen, nicht in Erfüllung ginge. – Ah,« rief sie, sich unterbrechend, »dort sehe ich den Grafen Goltz, ich habe ihm einen Vorwurf zu machen! Kommen Sie, mein Herr Botschafter, ich muß Sie schelten,« rief sie einem Manne von ungefähr sechzig Jahren zu, der in der Tür des Salons erschienen war, und dessen Haltung sowohl wie sein frisch aussehendes Gesicht ohne die graue Farbe des militärisch gehaltenen Schnurrbarts und des kurzen Haares sein Alter nicht hätte erkennen lassen.

Der preußische Botschafter trug das große rote Band der Ehrenlegion, sein kleines, etwas verschleiertes, aber scharf umherblickendes Auge ruhte auf der Gruppe der Kaiserin, und bei dem ersten an ihn gerichteten Wort trat er eilig in den Damenkreis, welcher die schöne Beherrscherin Frankreichs umgab.

»Eure Majestät haben mir einen Vorwurf zu machen?« fragte er in scherzhaftem Tone, durch welchen indes eine kleine Nüance wirklicher Bestürzung hindurchklang. – »Eure Majestät wissen, daß es genügt, den Gegenstand Ihrer Unzufriedenheit anzudeuten, um meinen ganzen Eifer –«

»Meine Unzufriedenheit,« sagte die Kaiserin, »gilt nicht dem so liebenswürdigen und chevaleresken Grafen Goltz, sondern dem preußischen Botschafter.«

Der Graf sah mit tiefem Erstaunen in die ernsten Züge der Kaiserin, in deren Gesicht nur fast unmittelbar um die feinen Mundwinkel eine scherzhafte Heiterkeit spielte.

Fürst Metternich warf einen raschen Blick auf den preußischen Botschafter und wendete sich, ihm den Platz vor der Kaiserin überlassend, zur Gräfin Walewska.

»Ich wüßte in der Tat nicht, Madame,« sagte Graf Goltz ganz betroffen.

»Ja, ja,« fuhr Eugenie fort, »ich bin sehr böse auf Ihre Landsleute, die mir die schöne Ausstellung in Gefahr bringen!«

»Ich wüßte nicht, worüber Eure Majestät –« rief Graf Goltz.

»Sehen Sie, lieber Graf,« sagte die Kaiserin, »aus allen Ländern sendet man so reizende, wunderhübsche Sachen zu dieser Ausstellung, dem großen Werke des Friedens, des Friedens, den ich so sehr liebe und den ich immer bewahren möchte,« fuhr sie seufzend fort, »es sind da schöne, kunstvolle Erzeugnisse der Industrie, mit denen ich später meine Zimmer erfüllen will, denn ich werde meine Schatulle in Einkäufen erschöpfen, und nun – mitten in diese Vasen, Teppiche, Gemälde, in diese Gegenstände des Luxus und Komforts aller Nationen, was sendet man uns aus Ihrem Vaterlande, wie ich heute gehört habe? Eine Kanone, eine Riesenkanone, ein Ungeheuer, das wie eine finstere Mahnung des Kriegsgottes in all dieses fröhliche Leben hineinragt, oh, ich werde gar nicht mehr hingehen können, denn wenn ich den ungeheuren Schlund dieses Mordwerkzeugs sehe, so würde ich mich an all den Jammer und alle die Leiden erinnern müssen, welche ein Schuß dieses fürchterlichen Rohrs unter armen, unglücklichen Menschen anrichten müßte.«

Graf Goltz lachte.

»Wenn alle Zerstörungswerkzeuge so wenig gefährlich wären, Madame,« sagte er, »als diese große Kanone aus den Werkstätten des Herrn Krupp, so wäre die Menschheit wenig bedroht. – Um dieser drohenden Maschine Leben zu geben,« fuhr er ein wenig ernster fort, »dazu gehörte der Wille derjenigen, welche die Schicksale der Nationen lenken, und dieser Wille ist nicht vorhanden, im Gegenteil, der Geist des Friedens, welcher die an dem gastlichen Herde von Frankreich vereinigten Völker erfüllt, beseelt auch die Herzen der Souveräne.«

»Gott sei Dank, daß es so ist!« rief die Kaiserin, »ich wenigstens kann niemals ohne Schaudern an den Krieg denken, der eine Abnormität ist in unserem Zeitalter der Zivilisation und Humanität.«

Fürst Metternich hatte nach einigen mit der Gräfin Walewska gewechselten Worten sich in leichter und natürlicher Bewegung aus dem Kreise der Kaiserin entfernt.

»Ich höre mit besonderer Freude,« fuhr Eugenie fort, »daß wir in kurzem bereits den Kronprinzen erwarten dürfen?«

»Seine Königliche Hoheit hat seine Ankunft in nahe Aussicht gestellt,« erwiderte der Botschafter, »doch bittet der Kronprinz, wie ich bereits den Kaiser habe wissen lassen, daß es ihm erlaubt sei, ganz still im Botschaftshotel zu bleiben und die Ausstellung zu studieren, bis zur Ankunft Seiner Majestät.«

Die Kaiserin neigte mit anmutigem Lächeln den Kopf.

»Wir werden die Zurückgezogenheit des Prinzen respektieren,« sagte sie, »und ihn nur bitten, uns zuweilen in ganz vertraulichem Kreise seine liebenswürdige Gesellschaft zu schenken, wie freue ich mich,« fuhr sie lebhafter fort, »Seine Majestät hier zu begrüßen, diesen ritterlichen Herrn, dessen Jugendfrische des Alters spottet, hoffentlich,« fuhr sie wie zu sich selbst sprechend fort, »wird seine Anwesenheit allen Pessimisten beweisen, daß der Friede Europas gesichert ist.«

»Eure Majestät werden doch die bösartigen Stimmen nicht beachten, welche diesen Frieden erschüttern möchten?« rief Graf Goltz.

»Es gibt so viele Personen, welche den Frieden stören möchten,« sagte die Kaiserin, »ja – wenn alle dächten wie Sie,« fügte sie mit einem langen Blick auf den Botschafter hinzu.

Graf Goltz wollte etwas erwidern, da trat, von Mr. Jerningham geführt, noch glühend und tief atmend von dem eben beendeten Tanz, die schöne Spanierin von der Insel Kuba, Fräulein Erazo, aus der Gallerie zu dem Zirkel der Kaiserin heran.

»Setzen Sie sich, meine Liebe,« sagte Eugenie, auf ein Taburett deutend, »Sie haben wieder zu viel getanzt, ich werde das ein wenig einschränken müssen!«

Die junge Dame setzte sich neben die Gräfin Walewska – Mr. Jerningham zog sich zurück.

Der Huissier mit der großen Kette auf den Schultern, welcher am Eingang des an den Salon der Kaiserin stoßenden Zimmers stand, öffnete die Flügel der Tür und rief mit seiner vollen, klaren Stimme:

»Der Kaiser!«

Schnell erhob sich die Kaiserin mit ihren Damen. Sie ging langsam nach der Tür des nächsten Zimmers, in welchem Napoleon III. erschien, begleitet vom General Fleury, einem starken, gedrungenen Mann mit vollem Schnurrbart und Knebelbart und eleganter, aber ein wenig theatralischer Haltung.

Der Kaiser trug schwarzen Salonanzug mit dem Bande der Ehrenlegion. Er begrüßte die Kaiserin mit Herzlichkeit und reichte ihr den Arm, um sie zu ihrem Divan zurückzuführen.

Nachdem er die Prinzessin Charlotte begrüßt und mit der Gräfin Walewska einige Worte gewechselt hatte, wendete er sich zu Fräulein Erazo, und indem der Blick seines hell aus den geöffneten Augenlidern hervorstrahlenden Auges über die schöne Gestalt der sich tief verneigenden jungen Dame glitt, sagte er:

»Ich sehe mit Freuden, daß die schöne Rose von Kuba sich auf dem Boden Frankreichs akklimatisiert, sie blüht in immer reizenderer Pracht.«

Fräulein Erazo erhob ihren gesenkten Blick zur Kaiserin, welche scharf beobachtend zu ihr herübersah, und antwortete mit Betonung:

»Sire, wer von spanischem Boden stammt, muß sich ja in Frankreich heimisch fühlen, da das edelste Blut Spaniens den Thron von Frankreich ziert!«

Die Kaiserin erhob sich.

»Ich will ein wenig mit aller Welt plaudern,« sagte sie lächelnd, mit einer leichten Verneigung gegen den Kaiser. »Man erwartet, daß wir eine Tour durch die Gesellschaft machen.«

Und langsam bewegte sie sich, bald an den einen, bald an den anderen einige Worte richtend, durch den Salon nach der Richtung der Galerie, in deren Tür der Graf Rivero stand, mit dem ruhigen Blick seines dunklen Auges die einzelnen Gruppen beobachtend.

Ein fröhliches Lachen ertönte aus einer Gruppe in der Nähe des Kaisers. Napoleon, dessen Konversation mit Fräulein Erazo der Aufbruch der Kaiserin beendet hatte, wendete sich dorthin und erblickte die Fürstin Metternich, umgeben von drei Würdenträgern des Kaiserreichs, dem Marschall Niel, dem Minister des öffentlichen Unterrichts, Herrn Durny, und dem Minister der öffentlichen Arbeiten, Herrn Forcade de la Roquette.

Die Fürstin, in leichter, heller Toilette, das schöne, dunkle Haar in einfachen Flechten geordnet, mußte soeben eines ihrer so treffenden und originellen Bonmots gesagt haben, ihre geistsprühenden großen Augen funkelten, und um ihre frischen, vollen Lippen spielte ein Lächeln voll Humor und Laune. Der elegante Forcade de la Roquette lachte herzlich, der ernste Durny nicht minder, und auch das kränkliche, militärisch strenge Gesicht des Marschalls Niel strahlte von Heiterkeit.

Rasch trat der Kaiser heran und reichte der graziös sich verneigenden Fürstin die Hand, während die drei Herren einen Schritt zurücktraten.

»Darf ich fragen, Frau Fürstin,« sagte Napoleon, »wodurch Sie meine ernsten Minister in eine so außergewöhnliche Heiterkeit versetzt haben? Ich bedarf ebenfalls eines solchen Arkanums unter der ermüdenden Last der Tagesgeschäfte, und ich hoffe, Sie werden es mir nicht vorenthalten!«

»Ach Sire,« erwiderte die Fürstin, »ich habe den Herren eine sehr ernsthafte und sehr ernst gemeinte Bemerkung über die Bezeichnung ihrer Portefeuilles gemacht, und statt mir recht zu geben, lachen sie – das ist nicht sehr galant, meine Herren!«

»Die Frau Fürstin,« sagte der Marschall Niel, zum Kaiser herantretend, »hat uns für unsere Funktionen neue Namen gegeben, die –«

»Die viel einfacher und passender sind als die langen offiziellen Benennungen,« rief die Fürstin, »Seine Majestät soll entscheiden, und ich bin gewiß, der Kaiser wird die einfache Bezeichnung akzeptieren. Ich bitte Eure Majestät, zu bemerken,« fuhr sie fort, »wie langweilig und schwer zu sagen es ist: Minister des öffentlichen Unterrichts usw. usw., Minister der öffentlichen Arbeiten usw., da ist es doch viel besser und gleichmäßiger, wenn man ganz kurz sagt – sie zeigte auf Herrn Durny: – »Ministre de l'instruction publique« und,« fuhr sie, auf Herrn Forcade de la Roquette deutend fort: »Ministre de la construction publique«, und endlich,« sie machte lächelnd dem Marschall Niel ein tiefes Kompliment: »Ministre de la destruction publique!«

»Fürstin, Fürstin,« sagte der Kaiser lachend, »ich bitte um Schonung für meine Minister und Marschälle.«

»Sire,« erwiderte die Fürstin, mit unendlich schalkhaftem Blick zum Kaiser hinüberblickend, »Eure Majestät wissen: Rien n'est sacré pour un sappeur

»Sie sehen, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, die Achseln zuckend, »Sie müssen sich auf Gnade und Ungnade ergeben, ich vermag Sie nicht zu schützen!«

»Sire,« rief die Fürstin rasch, »der Marschall muß während der Ausstellung seine Herrschaft aufgeben, jetzt herrscht der Friede, da können wir keine destruction publique brauchen!« Rasch abbrechend fügte sie hinzu, indem sie einen raschen Blick nach der Stelle warf, wo soeben noch die Kaiserin gesessen, und wo jetzt die Gräfin Walewska mit Fräulein Erazo sich unterhielt, »ich bin entzückt von dieser jungen Schönheit von Kuba, ich habe eine besondere Leidenschaft für schöne Damenerscheinungen.«

»Das ist Ihre Welt,« sagte der Kaiser galant.

»Ich bin jedesmal entzückt,« fuhr die Fürstin ohne darauf zu erwidern, fort, »wenn ich die reizenden Erscheinungen sehe, mit welchen Ihre Majestät die Kaiserin sich hier in ihrem kleinen Zirkel umgibt, deshalb liebe ich diese Montage so sehr, hier sieht man nur die Blüte der Anmut, während man bei den großen Rezeptionen sich in feierlicher Steifheit umgeben sieht von allen diesen diamantfunkelnden Damen voll Würde und schweigender Grandezza – qui montrent gratis des figures, qu'on irait voir pour de l'argent!« –

»Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,« sagte der Kaiser lachend, »wenn ich Ihnen meine Marschälle und Minister preisgeben muß, gegen die Damen darf ich nichts anhören.«

Mit artiger Verbeugung wendete er sich um und trat zu dem allein in der Nähe stehenden Gesandten Italiens, dem Ritter Nigra, einem schlanken, äußerst eleganten Mann von etwa vierzig Jahren mit blassem, intelligentem Gesicht, einem vollen, dunklen Schnurrbart und vollem, sorgfältig geordnetem Haar.

»Ich freue mich,« sagte der Kaiser, »Ihnen noch persönlich zu dem erfreulichen Ereignis in der Familie Ihres Souveräns meinen Glückwunsch aussprechen zu können, der Prinz Napoleon wird dem Könige meine Glückwünsche überbringen, die Vermählung des Herzogs von Aosta ist auf den 30. Mai festgesetzt – nicht wahr?«

»Zu Befehl, Sire,« erwiderte Herr Nigra, »die Feste werden sehr glänzend sein, die ganze Nation nimmt den innigsten Anteil an dieser Verbindung, welche so recht eigentlich eine nationale ist.«

»Ich hoffe, das junge Paar wird die Ausstellung besuchen?« sagte der Kaiser.

»Die Herrschaften werden zunächst nach dem Lustschloß Stupinigi sich begeben und dort während der Festlichkeiten residieren. Dann werden sie den ehemaligen Palast Durazzo beziehen, der reizend am Strande des Meeres gelegen ist,« erwiderte Herr Nigra.

»Nun vielleicht finden sie die Zeit zu einer Reise hierher,« sprach Napoleon weiter, »der Prinz Humbert wird ja wohl bald uns die Freude seiner Ankunft machen?«

»Soviel ich weiß, Sire, denkt Seine Königliche Hoheit sogleich nach den Hochzeitsfesten hierher zu kommen.«

»Ich hoffe,« sagte der Kaiser mit einem schnellen Blick auf den Gesandten, »daß auch der Erbe Ihres Thrones bald, dem Beispiele des Herzogs von Aosta folgend, Gelegenheit zu frohen Festen geben wird, ich habe in dieser Beziehung einiges gehört, verfrühte Nachrichten vielleicht, aber ich würde mit höchster Freude eine Verbindung begrüßen, von der ich eine Andeutung erhielt.«

»Sire,« erwiderte Herr Nigra, indem sein klares, kluges Auge mit vollster Ruhe dem Blick des Kaisers begegnete, »ich weiß durch Privatbriefe von Hause, daß eine Verbindung von verschiedenen Personen gewünscht wird, welche außer der persönlich vortrefflichen Wahl zugleich eine hervorragend politische Bedeutung in einer Richtung hätte, welche mir immer als die heilsamste für mein Vaterland erschienen ist. Offiziell weiß ich darüber nichts, wenn aber Eure Majestät wünschen, daß ich –«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte Napoleon mit feinem Lächeln, »man muß die Dinge sich entwickeln lassen, es freut mich,« setzte er hinzu, »daß ich meine ganz persönliche Ansicht von Ihnen geteilt finde.«

Und mit leichter Neigung des Kopfes machte er eine Wendung, durch welche er sich dem Marschall Mac Mahon gegenüber befand.

Auf einen Wink des Kaisers trat der Herzog von Magenta zu ihm heran. Dieser populärste General Frankreichs war hier im schwarzen Zivilanzug eine durchaus andere Erscheinung, als zu Pferde an der Spitze der Truppen. Die schlanke, magere Gestalt hatte eine fast unsichere Haltung, auf dem durchsichtig blassen Gesicht mit dem blonden Schnurrbart und den vergißmeinnichtblauen Augen lag ein Ausdruck von verlegener Bescheidenheit – kaum hätte jemand in diesem stillen, einfachen Mann den Marschall wiedererkannt, der ihn gesehen, wenn er auf schnaubendem Pferde in kühnen Lançaden vor bei Front der Truppen hinsprengte, das Auge flammend und blitzend und mit dem ehernen Ton seiner Kommandostimme weithin die Bewegungen der Bataillone lenkend.

»Wie gefällt sich die Herzogin in Paris?« fragte der Kaiser, dem Marschall die Hand reichend, »ich hoffe, sie vermißt in unsern engen Straßen nicht zu sehr die feenhafte Szenerie ihrer orientalischen Residenz!«

»Sire,« erwiderte der Marschall mit jenem leisen, sanften Ton, der ihm in der Konversation eigen war, »die Herzogin genießt in vollen Zügen die Freude, sich im Mittelpunkte der Gesellschaft zu befinden, in Algier hat man bei aller orientalischen Pracht doch auch in hohem Grade die orientalische Einsamkeit und Beschaulichkeit. Ich für meine Person sehne mich freilich zurück, dort bin ich in meinem militärischen Element, auf diesem großen Exerzierplatz der französischen Armee, den uns freilich die Herren von der Feder mit ihren national-ökonomischen Projekten und Theorien ja auch nehmen wollen.«

Der Kaiser drehte den Schnurrbart. »Glauben Sie denn nicht, mein lieber Marschall,« fragte er, »daß diese von der Natur so hoch begabte Provinz, welche in früheren Kulturperioden auf einer so hohen Stufe der ökonomischen Entwicklung stand, für Frankreich besser und produktiver nutzbar gemacht werden könnte?«

»Ich wage darüber kein Urteil, Sire,« sagte der Marschall, »da ich dazu nicht kompetent bin, was ich aber beurteilen kann und wovon ich fest überzeugt bin, ist, daß Algerien vollständig militärisch organisiert bleiben muß, wenn die französische Armee den ungeheuren Vorteil einer großen Lagerschule behalten soll. Ob eine national-ökonomische Kolonisation unter der militärischen Verwaltung gedeihen kann, ist mir zweifelhaft, gewiß aber ist, daß Frankreich reich genug ist, um keine zweifelhaften ökonomischen Vorteile zu suchen, wenn dafür ein großes, wichtiges militärisches Prinzip aufgegeben werden muß.«

»Und Chalons?« fragte der Kaiser, »dort haben wir ja unser Übungslager.«

»Chalons, Sire,« erwiderte der Marschall, »ist ein Parkett im Vergleich mit Algerien.«

»Nun,« sagte der Kaiser lächelnd, »diese Projekte sind ja noch in weitem Felde und Sie wissen, mein lieber Marschall, die Feder arbeitet nicht so rasch wie der Degen. – Zunächst haben wir,« fuhr er mit etwas gedämpfter Stimme fort, »hier die Organisation der Armee. Die Kommission des Corps législatif hat mit dem Staatsrat das Gesetz noch einmal überarbeitet, ich werde Sie bitten, den Entwurf ebenfalls auch einmal zu lesen, und in einigen Tagen wollen wir ausführlich darüber sprechen.«

»Ich stehe zu den Befehlen Eurer Majestät,« sagte der Marschall, sich verneigend, »wenn ich auch kaum den so richtigen und tief durchdachten Ideen des Marschall Niel etwas Neues hinzuzufügen imstande sein dürfte.«

»Bazaine wird kommen,« sagte der Kaiser, »ich hoffe auch seine Meinung zu hören, er hat Gibraltar passiert.«

Der Herzog schwieg.

»Auf Wiedersehen, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, »ich hoffe die Herzogin noch zu begrüßen.«

»Sie ist in einem der anderen Salons,« sagte der Marschall, »und wird glücklich sein, Eurer Majestät ihren Respekt zu bezeigen.«

Napoleon neigte das Haupt. Der Marschall trat zurück.

Der Kaiser ließ den Blick über die in der Nähe befindlichen Personen streifen und trat dann zu einem großen jungen Manne von athletischem Wuchs mit dichtem schwarzen Haar und starken, aber schönen und intelligenten Zügen hin, der, die Annäherung Napoleons bemerkend, ihm schnell entgegen kam und mit tiefer Verbeugung vor ihm stehen blieb.

»Wie geht es, mein junger Heißsporn?« sagte der Kaiser freundlich lächelnd, »Sie tauchen Ihre Feder in Feuer und setzen meine Diplomatie in Verlegenheit.«

»Sire,« erwiderte Paul de Cassagnac, der junge Redakteur des Pays, »ich glaube, daß die Presse Eurer Majestät am besten nützt, wenn jeder Journalist seine wahre und wirkliche Überzeugung ausspricht, wohlan, ich habe meine Überzeugung – und ich sage sie.«

»Ich achte jede Überzeugung,« sagte der Kaiser, indem sein Blick wohlgefällig auf der kräftigen Gestalt und dem offenen, freien Gesicht des jungen Mannes ruhte, »besonders diejenige eines so guten Franzosen und so ergebenen Freundes wie Sie, aber Sie sind noch sehr jung – und in der Jugend ist das Blut heißer und der Puls schlägt schneller als es gut ist, um die Geschicke der Nationen zu bestimmen. Wer regieren will, darf sich nicht hinreißen lassen, auch nicht von Gefühlen, welche die Sympathie des Herzens für sich haben.«

»Die Weisheit Eurer Majestät wird gewiß das Beste und Würdigste beschließen,« sagte Paul de Cassagnac, »aber,« fuhr er mit einer gewissen brüsken Freiheit fort, »Eure Majestät werden es begreiflich finden, daß mein Blut sich erhitzt, wenn ich sehe, wie man in Europa anfängt alles zu tun, was man will, ohne Frankreich zu fragen, und wie selbst bei uns schon die Ironie sich regt, man kann das Kaiserreich angreifen, dadurch wird es nur befestigt werden, aber wenn man Scherze darüber macht, so wird es untergraben.«

»Ein wenig betroffen blickte der Kaiser den Sprechenden fragend an.

»Kennen Eure Majestät die kleine Anekdote,« fuhr Paul de Cassagnac fort, »welche man sich von Herrn Thiers und Herrn Rouher erzählt?«

Der Kaiser schüttelte den Kopf.

»Vor einigen Tagen,« erzählte der junge Mann, »unterhielt sich Herr Thiers im Corps legislatif mit dem Staatsminister, der ihm halb im Ernst, halb im Scherz Vorwürfe darüber machte, daß der große Geschichtsschreiber Napoleons I. zu dem zweiten Kaiserreich in Opposition stünde. ›Ich erkenne alle Verdienste des Kaiserreiches an‹, erwiderte Herr Thiers lächelnd, ,vor allem hat es das Verdienst, zwei große Minister geschaffen zu haben.‹ – Herr Rouher verneigte sich – die Bemerkung schien ihm ein Kompliment zu enthalten –, ›ich meine Cavour und Bismarck‹, fuhr Herr Thiers fort, – Herr Rouher verbeugte sich nicht wieder,« sagte Paul de Cassagnac, den Kaiser scharf fixierend.

Napoleon blickte einen Augenblick finster vor sich nieder.

»Das Bonmot ist gut,« sagte er dann mit ein wenig gezwungenem Lächeln, »aber es wäre besser, dasselbe nicht in die Öffentlichkeit zu bringen.«

»Sire,« sagte Paul de Cassagnac, »ich bin ein zu treuer Anhänger Eurer Majestät, um die weise Maxime Ihres erhabenen Oheims zu vergessen: Man muß seine schmutzige Wäsche niemals vor der Welt waschen.«

Das Gesicht des Kaisers erheiterte sich wieder, mit freundlichem Kopfnicken wendete er sich ab und schritt dem in der Nähe stehenden Grafen Goltz entgegen, mit welchem er sich längere Zeit unterhielt, scharf beobachtet von den forschenden Blicken aus allen Gruppen in der Nähe.

Die Kaiserin Eugenie hatte mit einigen Herren und Damen gesprochen und befand sich in der Nähe des Grafen Rivero, welcher in ungezwungen ruhiger Haltung auf seinem Platze geblieben war und ihre Annäherung erwartet hatte.

Die Kaiserin beendete mit gnädigem Kopfnicken ihre Unterhaltung mit dem kleinen, lebhaften Marquis von Chasseloup-Laubat und dessen junger, schöner Gemahlin, welche, in dunkle Farben gekleidet, mit ihrem schwarzen Haar und ihren klassisch antiken Zügen wie ein Bild schweigender Ruhe neben ihrem beweglichen Gemahl erschien.

Dann trat die Kaiserin mit raschem Schritt und belebtem Blick dem Grafen Rivero entgegen, der nach einer tiefen Verbeugung ihre Anrede erwartete.

»Ich bin sehr erfreut, Heu Graf,« sagte Eugenie, »Sie hier zu sehen, Sie werden,« fuhr sie, mit einem raschen Blick die Entfernung der nächststehenden Personen messend, mit etwas gedämpfter Stimme fort, »Sie werden gewiß meine Befriedigung teilen über die friedliche Wendung, welche die Ereignisse genommen haben, ich glaube,« sagte sie mit anmutigem Lächeln, »ich muß Ihnen dafür besonders dankbar sein, Sie haben Ihr Wort gelöst – und ich muß es gestehen, ich bin nicht ganz frei von ein wenig Neugier über Ihre Mittel; die Schnelligkeit und Sicherheit des Erfolges waren überraschend.«

»Jeder Künstler, Madame,« sagte der Graf, »hat seine kleinen Geheimmittel, die oft sehr einfacher Natur sind und deren Kenntnis ihm seinen Erfolg sichert, würde er sie verraten, so würde er jene Erfolge verlieren. Ich bitte Eure Majestät aber, überzeugt zu sein, daß alle meine Mittel, offene und geheime, stets auf Ihren Befehl zu Ihrer Verfügung stehen.«

Die Kaiserin blickte erstaunt auf diesen Mann, aus dessen artigen und ergebenen Worten dennoch eine gewisse kalte und verschlossene Zurückhaltung hindurchklang und dessen ruhige, überlegene Sicherheit ihr immer mehr imponierte.

»Rechnen Sie stets auf meine Dankbarkeit, Herr Graf,« sagte sie, »wenn Sie irgend einen Wunsch haben, den ich erfüllen kann.«

»Ich gehöre zu den wenigen Menschen,« sagte der Graf, »welche selten Wünsche haben, oder,« fuhr er mit einem leicht melancholischen Anklang in seiner Stimme fort, »welche es verlernt haben zu wünschen, mein Denken und meine Tätigkeit gehört einer großen und heiligen Sache – der Sache der Kirche. Darin ist mir Eurer Majestät Beistand ja stets gesichert.«

»Nach allen meinen Kräften!« rief die Kaiserin.

»Doch,« sagte der Graf nach einem augenblicklichen Nachdenken, »vielleicht werde ich Eurer Majestät Güte für eine Dame meines Landes in Anspruch nehmen, welche ich zwar persönlich weniger kenne, welche mir aber von Freunden dringend empfohlen ist und die den sehnlichsten Wunsch hegt, Eurer Majestät vorgestellt zu werden, die Marchesa Pallanzoni.«

»Von Ihnen empfohlen werde ich sie stets mit Vergnügen empfangen,« sagte die Kaiserin, »und Sie, Herr Graf, hoffe ich zu sehen, so oft Sie mir etwas mitzuteilen haben, und ich wünsche,« fügte sie mit liebenswürdiger Artigkeit hinzu, »daß dies recht bald und recht oft sein möge.« Sie wendete sich Zur Fürstin Metternich, welche sie in bei Nähe erblickte.

Nach einer Stunde zogen sich die Majestäten zurück; die Appartements der Kaiserin leerten sich und diese glänzende Elite der Gesellschaft des Kaiserreichs rollte in ihren Equipagen den verschiedenen Stadtteilen von Paris zu.

Graf Goltz, der lange mit dem Kaiser gesprochen hatte, stieg in seinen Wagen und fuhr nach kurzer Zeit in den Hof des Hotels der preußischen Botschaft in der Rue de Grenelle Saint Germain ein. »Der Geheime Hofrat Gasperini erwartet Eure Exzellenz noch,« sagte der dem Grafen die Treppe hinauf voranschreitende Diener.

»Ich lasse ihn bitten,« erwiderte der Botschafter, indem er in sein Arbeitszimmer eintrat und dem Diener seinen Hut und Überrock gab. Der Graf machte einige Schritte durch das Zimmer.

»Ich bin überzeugt,« sagte er, »daß der Kaiser eine Allianz mit Preußen allen anderen Kombinationen vorziehen würde, besonders, wenn Rußland fest in dieselbe mit aufgenommen würde.

Er klagt fortwährend, daß jeder Schritt der Annäherung von seiner Seite kalter und scharfer Ablehnung begegne, es ist eine peinliche Situation für mich. Ich habe ja hier, wie der Oberst Wrangel an Wallenstein sagt, nur ein Amt und keine Meinung!«

Der Hofrat Gasperini, ein schlanker, eleganter Mann mit zierlichen Bewegungen, trat ein.

»Ich habe Eure Exzellenz erwartet,« sagte er, »ein chiffriertes Telegramm sagt, daß alles für den 20. Mai zur Ankunft des Kronprinzen bereitet werden soll. Die Reise Seiner Majestät ist noch nicht bestimmt. Hier der dechiffrierte Text.«

Graf Goltz nahm das Papier und überflog dasselbe.

»Wollen Sie morgen sogleich alle Anordnungen treffen,« sagte er, »es ist ja alles ziemlich in Ordnung – die Arrangements können in einigen Tagen gemacht sein.«

»Zu Befehl, Exzellenz, die Dispositionen bleiben die bereits getroffenen?«

»Gewiß, sind sonst noch Briefe gekommen?«

»Einer – auf dem bekannten Wege.« Er reichte dem Grafen einen kleinen versiegelten Brief.

»Ich danke Ihnen, lieber Gasperini – auf morgen also!«

Der Geheime Hofrat entfernte sich.

Der Botschafter klingelte und ließ sich von seinem Kammerdiener entkleiden, welcher die Tür nach dem anstoßenden Schlafzimmer öffnete und sich ebenfalls entfernte.

In einen weiten weichen Schlafrock gehüllt, setzte sich Graf Goltz vor seinen Schreibtisch und öffnete langsam und vorsichtig den Brief, welchen der Geheime Hofrat Gasperini ihm gegeben hatte.

Er nahm aus der ersten Enveloppe eine zweite und endlich aus dieser ein mit einer feinen Schrift beschriebenes Papier, das er mit großer Aufmerksamkeit durchlas.

Längere Zeit blieb er noch in tiefem Nachdenken in seinen Lehnstuhl zurückgelehnt sitzen, dann öffnete er mit einem kleinen Schlüssel eine Kassette, welche seitwärts auf seinem Schreibtisch stand, warf den Brief hinein und verschloß sie wieder.

Hierauf nahm er die Lampe, welche auf seinem Tische stand und begab sich in sein Schlafzimmer, die Tür leicht hinter sich anlehnend.

Ein schwacher Schimmer des Mondlichts fiel durch den feinen Spalt, welcher die nicht ganz geschlossenen Gardinen offen ließen, in das dunkle Zimmer.

Es mochte eine Stunde vergangen sein und tiefe Stille herrschte in dem Raume und dem daneben liegenden Schlafzimmer, als ein leichtes, kaum merkbares Geräusch, ähnlich dem Rascheln einer Maus, in dem Kamin hörbar wurde.

Wäre das Licht des Mondes Heller gewesen, so hätte ein an die Dunkelheit gewöhntes Auge das Ende einer Strickleiter entdecken können, welche aus der Kaminöffnung herabfiel. Einige Augenblicke später wand sich eine dunkle Gestalt in geisterhafter Stille aus dem Kamin hervor und trat mit unhörbarem Schritt in das Zimmer.

Diese Gestalt blieb vor dem Schreibtisch stehen, man hätte das phosphoreszierende Leuchten der Augen sehen können, welche die Gegenstände auf diesem Schreibtisch zu erkennen strebten.

Nach einigen Sekunden erleuchtete ein plötzlicher Schein das Zimmer, George Lefranc in seinem schwarzen Arbeitskostüm, Gesicht und Hände geschwärzt vom Ruß, stand da, ein brennendes Zündhölzchen in der Hand, mit dem starren Blick seiner weit geöffneten Augen den Schreibtisch überblickend.

In einer weiteren Sekunde hatte er gefunden, was er suchte. Mit raschem Griff faßte er die kleine Kassette, dann zog er ein weißes Tuch aus seiner Tasche, und mit dem Zündhölzchen auf den Boden leuchtend, verwischte er zum Kamin zurückschreitend sorgfältig jede schwarze Spur seiner Tritte.

Dann erlosch das Licht und alles versank in Dunkel.

Abermals hörte man jenes Geräusch im Kamin, diesmal ein wenig lauter – und nach wenigen Minuten wurde die tiefe stille Nacht nur noch von den hie und da fernhin von den Straßen herübertönenden Stimmen unterbrochen.

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