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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
projectidcf96d5e8
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Zweites Kapitel.

Vor dem großen Palais am Boulevard des Italiens, dessen weite Parterreräume von dem Grand Café eingenommen werden, und in dessen Beletage der weltbekannte Jockeyklub seine glänzenden Salons etabliert hat, hielt um die Mittagsstunde eines sonnigen Märztages in rascher Anfahrt ein kleines blaues Coupé von jener äußersten, einfachen Eleganz in dem Bau des Wagens und in dem Geschirr, welche man vorzugsweise in Paris, und in Paris wieder in höchster Vollkommenheit bei den Mitgliedern jenes berühmten Klubs findet, der den Sport auf die Höhe der anmutigsten Vollendung gebracht hat. Eine einfache, dunkle Chiffre, überragt von einer Grafenkrone, befand sich auf dem Schlage, und dem leichten Zügeldruck des in tadelloser dunkelblauer Livree unbeweglich auf dem Bock sitzenden Kutschers gehorchend, hielt das edle, hochelegante Pferd mit ruhiger Sicherheit vor dem großen Eingangstore den schnellen Trab ab und stand bewegungslos da, nur den schönen Kopf leicht erhebend und aus den weit geöffneten Nüstern den heißen Atem in die frische Märzluft ausstoßend.

Aus dem Coupé stieg ein großer, schlanker Mann, mit der höchsten Eleganz in dunkle Farben gekleidet. Große tiefdunkle Augen blickten ruhig, aber mit traurig sinnendem Ausdruck, aus dem edlen, scharfgeschnittenen Gesicht, dessen gleichförmige, matte Blässe nur durch einen kleinen, schwarzen Schnurrbart auf der Oberlippe unterbrochen wurde. Seine kurzen, schwarzen Haare bedeckte, in die Stirne gedrückt, einer jener niedrigen, graziösen Hüte aus den Magazinen von Pinaud und Amour, seine Hand, in elegantem, dunkelgrauem Handschuh, drückte leicht ein weißes Batisttuch gegen die Lippen, um sich gegen die rauhe Märzluft zu schützen.

Er warf einen prüfenden Blick auf das Pferd und befahl dem Kutscher, nach Hause zu fahren. Dann nahm er aus einem Körbchen, welches eine kleine Bouquetiere ihm präsentierte, einen kleinen Strauß duftender Veilchen, legte dafür ein Frankenstück in den Korb und stieg leichten, elastischen Schrittes die breite, mit dichten, weichen Teppichen belegte Treppe hinauf. Oben angelangt, wendete er sich zu dem mit mächtigen, geschnitzten Büffets und reichen silbernen Aufsätzen ausgestatteten Frühstückszimmer; die auf dem Korridor wartenden Lakaien des Klubs in ihren eleganten Livreen öffneten die Türe und ein junger Mann von etwa einundzwanzig Jahren, mit hochblondem, offenem und frischem Gesicht von norddeutschem Typus, welcher allein in dem großen Gemach an einem kleinen, zierlich gedeckten Tische saß, rief dem Eintretenden mit einem lächelnden Blick seiner großen, lichtblauen Augen entgegen:

»Guten Morgen, Graf Rivero – Gott sei Dank, daß Sie kommen, um diese langweilige Einsamkeit zu beleben, in welcher ich mich hier wie ein Einsiedler befinde. Ich weiß nicht, wo alle Welt heute noch steckt, ich bin früh geritten und habe einen ungeheuren Appetit, ich habe mir da ein sehr gutes, kleines Dejeuner komponiert, wollen Sie meinem Geschmack vertrauen und ein Kuvert nehmen?«

»Mit Vergnügen, Herr von Grabenow,« erwiderte der Graf, indem er seinen Hut einem Lakaien reichte.

Der Haushofmeister des Klubs war herangetreten und winkte bei der Antwort des Grafen den zum Dienst bereit stehenden Dienern, welche mit jener Geschwindigkeit und Unhörbarkeit, die der Bedienung in den guten Häusern eigentümlich ist, dem jungen Herrn von Grabenow gegenüber ein Kuvert auf den Tisch legten. »Nehmen Sie inzwischen ein Glas von diesem Sherry,« sagte der junge Mann, indem er dem Grafen, welcher sich ihm gegenübergesetzt hatte, aus dem vor ihm stehenden Karaffon von geschliffenem Kristall ein kleines Glas mit dem goldgelben Weine füllte, »er ist gut, und ich glaube, fast der einzige in Paris.«

Der Graf nahm mit leichter Verneigung das Glas, trank einige Tropfen und sagte dann mit seiner leisen und doch volltönenden und melodischen Stimme:

»Man sieht Sie so wenig in letzter Zeit, mein lieber Herr von Grabenow – bei Ihrem Alter,« fügte er mit einem halb schalkhaften, halb melancholischen Lächeln hinzu, »ist es überflüssig, zu fragen, welche Geschäfte Sie in Anspruch nehmen.«

Ein flüchtiges Rot überflog die Stirne des jungen Mannes und mit einiger Hast erwiderte er: »Ich war nicht ganz wohl, leicht erkältet und mein Arzt hatte mir verordnet, mich sehr zu schonen.«

Der Graf nahm eine goldbraune Seezunge, welche man ihm servierte, und sprach, indem er den Saft einer Zitrone darauf träufelte, mit scherzhaftem Ton:

»Deshalb begegnete ich Ihnen auch wohl neulich im Bois de Boulogne in der Nähe der Kaskaden in einem verschlossenen Coupé mit einer – ohne Zweifel älteren Dame, welche Sie in Ihrer Krankheit pflegt – leider,« fuhr er lächelnd fort – »war das Gesicht Ihrer Duenna in so dichte Schleier gehüllt, daß ich nichts davon sehen konnte.«

Herr von Grabenow warf aus seinen großen, fast noch kindlich reinen, blauen Augen einen schnellen, erschrockenen Blick auf den Grafen.

»Sie haben mich gesehen?« fragte er schnell.

»Ich ritt dicht an Ihrem Wagen vorüber,« erwiederte der Graf, »aber Sie waren so sehr in die Unterhaltung mit Ihrer – Krankenwärterin vertieft, daß es mir unmöglich war, Sie zu grüßen.«

Und er schenkte sich aus einer größeren Kristallkaraffe ein Glas jenes leichten, duftigen St. Emilion ein, dieser so selten rein zu findenden Perle aller edlen Rebengewächse von Bordeaux.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann nach einem augenblicklichen Nachdenken, indem er mit treuherzigem Ausdruck hinüberblickte, – »ich bitte Sie herzlich, niemand sonst etwas von Ihren Beobachtungen mitzuteilen, ich möchte nicht, daß diese Sache Gegenstand der Bemerkungen – und der Nachforschungen der andern würde – Sie wissen, welche Ansichten und Grundsätze sie alle haben, und in diesem Falle passen dieselben nicht.« Der Graf blickte mit ernstem, teilnahmsvollen Ausdruck zu dem jungen Manne hinüber und ließ einen Augenblick seinen tiefen, dunkeln Blick in dessen klaren, blauen Augen ruhen.

»Meine Diskretion versteht sich von selbst,« sagte er dann mit leichter Neigung des Hauptes, »nur möchte ich Ihnen raten,« fuhr er mit freundlichem, wohlwollenden Lächeln fort, »künftig die Vorhänge Ihres Coupés zu schließen, denn nicht bei allen Ihren Bekannten könnten Sie der Diskretion so sicher sein, als bei mir.«

Herr von Grabenow blickte ihn mit dankbarem Ausdruck an.

»Und dann,« fuhr der Graf Rivero nach leichtem Zögern fort, »verzeihen Sie dem viel älteren Manne eine Bemerkung, welche nur in meiner aufrichtigen Teilnahme für Sie ihren Grund hat. Es gibt der künstlichen Schlingen so viel in Paris – und diejenigen sind oft die gefährlichsten, welche sich mit den bescheidenen Blüten unschuldiger Gefühle umwinden.«

Der junge Mann sah ihn groß mit ein wenig betroffenem Ausdruck an.

»Lassen Sie meine Bemerkung eine ganz allgemeine sein,« sagte der Graf, indem er die Hülle einer kleinen cotelette en papillote löste, welche der Lakai ihm darbot, »und erinnern Sie sich derselben bei entsprechender Gelegenheit.«

Herr von Grabenow sah ihn freundlich an, seine Erwiederung wurde abgeschnitten durch den Eintritt eines alten Herrn von ungefähr siebenzig Jahren im Reitanzug, welcher mit noch ziemlich fester und elastischer Haltung eintrat.

Herr von Grabenow und der Graf Rivero erhoben sich leicht zu seiner Begrüßung mit jener Courtoisie, welche eine gut erzogene Jugend stets dem höheren Alter entgegenbringt.

»Sieh' da, meine Herren,« rief der Eingetretene, indem er Hut und Reitpeitsche abgab und mit der Hand grüßte, »Sie sind beneidenswert – so frühstückt man nur in der glücklichen Zeit, da Magen und Herzen jung sind, später erfordert die gebrechliche Maschine eine andere Diät.«

Und er nahm von einem silbernen Teller, welchen der Haushofmeister ihm präsentierte, ein Glas Madeira und eine Schnitte jenes weichen, zarten Gebäckes, welches unter dem Namen Madeleines de Commercy unter den vielen vortrefflichen Dingen, welche die Provinzen Frankreichs ihrer Hauptstadt liefern, einen nicht geringen Rang einnimmt.

»Der Herr Baron von Vatry will uns verhöhnen,« sagte der Graf Rivero, »indem er von den Leiden des Alters spricht; ich habe Sie gestern einen Fuchs reiten sehen, Herr Baron, dessen Temperament mir Schwierigkeiten gemacht hätte, und den Sie mit bewundernswerter Leichtigkeit und Sicherheit führten. – Sie spotten der Herrschaft der alles bezwingenden Zeit!«

Der alte Herr lächelte geschmeichelt und sagte: »Leider ist diese Herrschaft unabänderlich und unterwirft uns endlich doch, wir mögen uns noch so lange dagegen sträuben.«

Während er seine Madeleine in den Madeira tauchte, öffnete sich schnell die Türe und in rascher Bewegung trat ein ganz junger, äußerst elegant, aber ein wenig stark nach Mode gekleideter Mann ein, dessen blasses, etwas ermüdetes und abgespanntes Gesicht unverkennbar den Typus vornehmer englischer Rasse trug.

»Woher so eilig, Herzog von Hamilton?« fragte Herr von Vatry, »zu dieser für Sie so frühen Stunde?«

»Ich bin gestern abend lange im Café Anglais gewesen,« rief der junge Herzog, indem er sich vor Herrn von Vatry verbeugte und die andern Herren mit der Hand grüßte, »wir haben ein herrliches Souper gehabt, äußerst amüsant, –

A minuit sonnant commence la fête,
Maint coupé s'arrète,
On en voit sortir
Des jolies messieurs, des dames charmantes,
Qui viennent pimpantes
Pour se divertir, –«

trällerte er, mit möglichst falscher Stimme das Lied der Metella aus Offenbachs »Vie parisienne« zitirend, »es war göttlich!«

»Daher cette mine blafarde,« rief Herr von Grabenow lachend, »das ist die Folge, wie Metella weiter singt.« –

»Jetzt aber,« sagte der Herzog, »will ich mit Poëze und einigen andern Pistolen schießen, wir haben gewettet, wer das Coeur-Aß fünfmal hintereinander trifft, da muß ich mir eine feste Hand machen in dieser frühen Morgenstunde durch ein vernünftiges Frühstück. – Kognak und Wasser,« rief er dem maître d'hotel zu – »und lassen Sie mir einige deaveld cotelets machen, ich habe dem Koch neulich das Rezept gegeben – aber viel Curry, immer noch mehr Curry; diese französischen Köche verstehen den englischen Gaumen nicht.«

Der Lakai präsentierte eine geschliffene Flasche Kognak und eine Karaffe Wasser, der Herzog füllte sein Glas zu gleichen Teilen mit beiden Flüssigkeiten und leerte es auf einen Zug.

»Ah,« rief er, »das ermuntert die Lebensgeister!«

»Apropos, Graf Rivero,« rief der Herzog, nachdem er das Glas geleert, »wer ist denn dieser neu aufgegangene Stern aus Ihrem Vaterlande, der seit einiger Zeit jeden Abend im tour du lac erscheint und alle Augen blendet durch ihre Schönheit und die Eleganz ihrer Equipagen? – Marchesa Pallanzoni hat man sie mir genannt – wissen Sie etwas von dieser strahlenden Schönheitskönigin?«

»Ich kenne die Dame ein wenig,« antwortete der Graf in ruhigem, gleichgültigem Ton, »da ich Relationen mit ihrer Familie habe, welche ein altes Geschlecht Italiens ist. – Ihren Gemahl kenne ich nicht, es soll ein sehr alter, kränklicher Mann sein, von dessen Pflege sich die junge, schöne Frau wohl ein wenig hier in Paris erholen will. Ich war einigemale in ihrem Salon und habe sie sehr geistvoll und angenehm gefunden.«

»Das nenne ich Chance!« rief der Herzog, – »dann können Sie mich also bei diesem wunderbaren Phänomen, das alle Herzen bezaubert, einführen?«

»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderte der Graf mit leichter Neigung des Kopfes – »die Marchesa empfängt, wenn sie zu Hause ist, jeden Abend.«

Inzwischen hatte man dem Herrn von Grabenow und dem Grafen Rivero in jenen kleinen, zierlichen Tassen von Sèvresporzellan den Kaffee serviert, dessen aromatischer Duft sich im Zimmer verbreitete.

»Ich bin Sklave der Übeln deutschen Gewohnheit des Rauchens,« sagte Herr von Grabenow, indem er sich erhob, »und werde mich ein wenig in die beschauliche Stille des Rauchzimmers zurückziehen.«

»Fahren Sie mit mir zum Schießen, meine Herren!« rief der Herzog von Hamilton, »man sieht Sie ja nirgends mehr, Herr von Grabenow« – er sprach diesen deutschen Namen nach englischer Weise aus – »Sie werden zum Einsiedler!«

»Lassen Sie mich meine Zigarre konsultieren,« sagte der junge Mann, »ob ich es wagen kann, mit so guten Schützen wie Sie zu konkurrieren.« – Und mit artiger Verbeugung gegen den alten Baron Vatry wendete er sich zur Tür.

»Sie rauchen ebenfalls, Herr Graf?« fragte er den Grafen Rivero, welcher aufgestanden war und sich anschickte, ihn zu begleiten.

»Ich will im Lesezimmer ein wenig die Journale durchblättern,« erwiederte der Graf.

Beide hatten den Speisesalon verlassen.

»Ich will Ihnen aufrichtig gestehen,« sagte der junge Herr von Grabenow, als sie draußen waren, »ich habe meine Rauchpassion nur zum Vorwand genommen, um fortzugehen, ich möchte nicht unter jene Gesellschaft geraten, von der man so leicht nicht wieder losgelassen wird.«

Ein Lakai überreichte dem Grafen auf einer silbernen Platte einen Brief.

»Der Kammerdiener des Herrn Grafen hat soeben dies Billett hierher gebracht.«

Der Graf warf einen schnellen Blick auf das Kuvert, auf welchem man in blauem Druck las: Maison de S. M. I'Impératrice, Service du premier Chambellan.

»Haben Sie einige Minuten übrig, Herr von Grabenow?« fragte er.

»Gewiß, mit Vergnügen,« erwiderte dieser.

»Ich habe meinen Wagen fortgeschickt, wollen Sie mich vor meiner Wohnung in der Chaussee d' Antin absetzen? – es ist wenige Schritte von hier.«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Graf.«

Beide Herren stiegen die breiten Treppen hinab, auf einen Wink des Portiers fuhr das elegante, kleine Coupé des Herrn von Grabenow vor und beide Herren stiegen ein.

Nach wenigen Augenblicken verabschiedete sich Graf Rivero von dem jungen Manne vor seinem Hause in der Chaussee d'Antin.

Herr von Grabenow rief seinem Kutscher die Nummer eines Hauses in der Rue Notre Dame de Lorette zu und in raschem Trabe eilte der leichte Wagen durch das Treiben der Equipagen auf den Boulevards und hielt nach kurzer Zeit vor einem großen Hause in der genannten Straße. Der junge Mann verließ das Coupé, befahl dem Kutscher zu warten und stieg die nicht zu breite, aber reine und saubere Treppe hinauf.

Der Vorflur der ersten Etage war durch eine große Wand von undurchsichtigem, weißen Glase verschlossen und hatte zwei Eingänge, an deren jedem ein Glockenzug mit gläsernem Knopfe sich befand.

Unter dem einen dieser Glockenzüge sah man ein Schild von Porzellan, auf welchem in einfacher, schwarzer Schrift geschrieben war: Mr. Romano. Der andere Glockenzug hatte keinen Namen.

Der junge Mann zog lebhaft den letzteren.

Eine ältere Dienerin, halb Kammerfrau, halb Haushälterin, öffnete. Herr von Grabenow trat in das kleine Vorzimmer.

»Fräulein Julia zu Hause?« fragte er – und ohne die Antwort der sich freundlich verneigenden Dienerin abzuwarten, wendete er sich rasch zu einer links vom Eingange befindlichen Flügeltür, öffnete dieselbe und trat in einen hellen, mittelgroßen Salon mit allem jenen reizenden und anmutigen Komfort ausgestattet, welchen der französische Geschmack in dem Innern der Wohnungen herzustellen weiß.

In einem tiefen, mit lichtblauer Seide überzogenen Fauteuil, welchen eine Gruppe großer Blattpflanzen, untermischt mit Rosen und Heliotrop, umgab und fast versteckte, lag anmutig zurückgelehnt ein junges Mädchen in einfacher grauer Haustoilette.

Ihre klassisch schön geschnittenen Züge, überhaucht vom duftigen Schmelz der ersten Jugend, hatten jenen wunderbar reizenden bräunlichen Teint der Italienerinnen aus den südlichen Teilen der Halbinsel, das glänzende, kohlschwarze Haar lag glatt gescheitelt und in reichen Flechten geordnet um das Haupt, ohne eine Spur jener extravaganten Coiffüren, welche um jene Zeit die französischen Damen auf ihren Köpfen zur Schau zu tragen begannen. Ihre großen, mandelförmig geschnittenen Augen blickten träumerisch nach oben, die schönen Hände ruhten gefaltet auf einem Buch in ihrem Schoß, in dessen Lektüre ihre eigenen Gedanken sie unterbrochen zu haben schienen. – Und wehmütig und schmerzlich mußten diese Gedanken sein, denn ein leises Zucken bewegte die frischen, roten Lippen, und in den langen, weit übergebogenen Augenwimpern blinkte der zitternde Schimmer einer Träne.

Bei dem Eintritt des jungen Mannes glänzte ein lichter Strahl in ihrem Blick, den sie rasch der Türe zuwendete, und ein liebliches Lächeln umspielte ihren Mund, ohne indes ganz die schmerzlichen Linien verwischen zu können, welche denselben vorher umzogen hatten. Herr von Grabenow eilte auf sie zu.

»Ich kann nicht lange fern von meiner Julia bleiben,« rief er, sie mit entzücktem Auge betrachtend, indem er einen Arm auf den Fauteuil über ihrem Kopf stützte und mit den Lippen ihre Stirn berührte, »ich habe mich losgerissen von meinen Freunden, um hierher zu eilen.«

Und er zog einen Sessel heran, setzte sich vor sie und blickte ihr innig und liebevoll in die Augen, indem er ihre Hände an sein Herz drückte.

Sie folgte allen seinen Bewegungen mit einem träumenden, schwärmerischen Blick und sagte leise: »Wie wohl ist mir, wenn du da bist; wenn ich in deine klaren, reinen Augen blicke, so meine ich, jenen herrlichen, blauen Himmel meines Vaterlandes zu sehen, welcher mir nur als unmündiges Kind gelächelt hat, und den ich doch liebe und voll Sehnsucht im Herzen trage.«

»Und doch bist du traurig?« rief er, ihre Hand küssend, »sieh', wie schön diese herüberhängende Rose zu deinem dunkeln Haare paßt, sie scheint darum zu bitten, daß sie dich schmücken dürfe.«

Und er streckte die Hand nach einer bis zur Lehne des Fauteuils herabhängenden Moosrose aus, welche sich anmutig an die dunklen Flechten ihres Haares lehnte.

»Laß die Blume,« rief sie fast ängstlich, »warum ihr kurzes Blütenleben zerstören, für mich paßt kein Blütenschmuck,« fügte sie leise hinzu, indem sie die Hand wie abwehrend erhob.

Aber schon hatte er sich erhoben und die schöne, halb erblühte Rose ergriffen, um sie zu brechen. Plötzlich zuckte er mit leisem, unwillkürlichen Schmerzenslaut zusammen, die Rose fiel in den Schoß des jungen Mädchens.

»Non son rosa senza spine!« rief sie lächelnd, aber mit trauriger Stimme, indem sie die Blume erhob und sinnend betrachtete.

»Doch, meine Geliebte,« sagte er, »hier ist eine Rose ohne Dorn!« Er steckte die Blume leicht in die glänzend, schwarze Flechte ihres Haares und sah sie mit glückstrahlendem Blick an.

Sie seufzte tief.

»O,« rief sie mit schmerzlichem Ton, »wie scharf und schneidend ist der Dorn – in diesem Herzen, das für dich blüht, nur richtet er sich nicht nach Außen, wie bei der blühenden Rose, sondern mit bitterem Schmerz dringt er mir tief in die eigene Brust!«

»Und wie heißt der schlimme Stachel, der dich quält, selbst in meiner Gegenwart?« fragte er mit dem Tone leisen, liebevollen Vorwurfs.

Sie richtete sich empor – sah ihm mit ihrem tiefen, dunklen Blick lange in die offenen, lichten Augen und sprach langsam und ernst:

»Die Blüte meines Lebens, das ist die Gegenwart, der Gedanke an die Vergangenheit und der Gedanke an die Zukunft – das, was andere glückliche Menschen Erinnerung und Hoffnung nennen, das sind die scharfen, schneidenden Dornen! Wie bald wird die Blüte verwelkt sein, und meinem Herzen werden nur die Dornen bleiben! – Du hast eine Vergangenheit,« sprach sie, ihn innig anschauend, »du hast die Erinnerung an eine glückliche Kindheit, du hast die Hoffnung – die Zukunft – was habe ich?« flüsterte sie mit unsäglich schmerzlichem Ton und eine Träne verhüllte den Blick ihres in bläulichem Schwarz schimmernden Auges.

Der junge Mann schwieg, ein wenig betroffen, er schien nicht sogleich eine Antwort zu finden auf die aus dem bewegten Herzen des jungen Mädchens hervordringende Frage.

Sanft bog er ihr Haupt zu sich herüber und küßte den silbernen Tropfen von ihren Wimpern.

»Du hast mir noch so wenig von deiner Vergangenheit, deiner Kindheit erzählt!« sprach er leise.

»Oh, daß ich sie vergessen könnte,« rief sie, »und nur der Gegenwart leben! – Vielleicht könnte ich es« – fuhr sie düster und traurig fort, »wenn diese Gegenwart eine Zukunft hätte, aber so –! – Was soll ich dir von meiner Vergangenheit erzählen?« sagte sie nach einer Pause, während welcher sie den Blick traurig in den Schoß senkte. »Sie ist einfach, ein Bild Grau in Grau! – Ich weiß,« fuhr sie fort, »daß Italien mein Vaterland ist, ich weiß es nicht nur, weil man es mir gesagt hat, weil in der sanften, gesangreichen Sprache Dantes und Petrarcas die ersten Laute von meinen Lippen klangen, nein, ich weiß es,« rief sie mit strahlendem Blick, »weil ich in meinem Herzen trage jenen reinen, blauen Himmel, jenes schimmernde Meer mit dem flüsternden Rauschen feiner sanften Wellen, mit dem brausenden Donner seiner zürnenden Brandung – weil ich sie mit dem Auge der Seele vor mir sehe, jene dunklen, schattigen Haine, jene Marmorpaläste, jene schimmernden Statuen, weil ich vor Sehnsucht vergehe, die Lippen auf den heiligen Boden meines Vaterlandes zu drücken, zu sterben, um in dieser Erde zu ruhen.«

Sie schwieg und blickte abermals träumerisch vor sich hin. Er küßte schweigend ihre Hand.

»Und mit dieser Sehnsucht im Herzen,« fuhr sie fort, »die Seele erfüllt von diesen Bildern, die immer deutlicher, immer mächtiger in mir heraufstiegen, je mehr ich älter wurde und mich entwickelte – mußte ich hier in diesem lärmenden, staubigen, unruhigen Paris leben, allein mit der Trauer meines Herzens«

»Aber deine Eltern, deine Mutter?« fragte der junge Mann.

Sie sah ihn tief in die Augen und senkte dann schmerzlich den Blick.

»O,« rief sie, »mein Freund – das ist das Allerschmerzlichste! – Mein Herz sehnte sich danach, meine Mutter lieben zu können, es drängte ihr entgegen mit allen seinen Schlägen – aber es fand weder Liebe noch Verständnis. Meine Mutter hatte keine Zeit für ihr Kind in dem unruhigen, unstäten Leben, das wir führten, bald in Überfluß und regelloser Verschwendung, bald in dürftiger Not –«

Sie senkte errötend das Haupt.

»Mein Vater,« fuhr sie dann fort, »sorgte für mich mit treuer Teilnahme, er hielt mir Lehrer und ließ mich ausbilden, so gut er es vermochte, immer hatte er, auch in den bedrängtesten Zeiten, die Mittel übrig, die notwendigen Kosten meiner Erziehung zu bestreiten und dies war der einzige Punkt, in welchem er, sonst so weich, so nachgiebig, meiner Mutter mit unbeugsamem Ernst entgegentrat. Ich liebte ihn dafür, mein Herz suchte sich an ihn zu schließen, aber – so treu und unablässig er für mich sorgte, ebenso unnahbar blieb er der Zärtlichkeit meines Herzens. Es lag wie eine ängstliche Scheu in seinem Blick, wenn er mich ansah, und oft wendete er sich zitternd und tränenden Auges ab, wenn ich an ihn herantrat und ihm mit einem Worte der Liebe und Dankbarkeit die Hand küßte. – So blieb ich einsam,« sagte sie traurig – »und lebte in mir selbst und mit mir allein ein stilles Leben, dessen Angelpunkt die ewige unbezwingliche und unerfüllte Sehnsucht nach dem fernen Lande meiner Geburt blieb, die Sehnsucht nach der Lösung eines Rätsels, das mein einsames und einförmiges Leben umgab!«

»Arme Julia!« sagte er innig.

»Als ich herangewachsen war.« fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, »änderte sich das Benehmen meiner Mutter gegen mich; sie beobachtete mich, sie achtete auf meine Toilette, auf mein Benehmen, sie ließ sich von mir vorsingen und lobte meine Stimme, sie ordnete meine Haare und sprach über die Farben, welche mir am besten ständen, aber es war keine Teilnahme, die mir wohltat, sie war kalt und ohne Liebe und sie erschreckte und ängstigte mich. – Bald nahm sie mich mit, wenn sie ausging, sie führte mich ins Bois de Boulogne, wenn dort ganz Paris sich versammelte, in die Theater, so oft sie die Ausgabe machen konnte, sie rief mich in ihr Zimmer, wenn dort fremde Herren waren, sonst hatte sie mich hinausgeschickt, wenn Besuche zu ihr kamen, sie ließ mich vorsingen, man sagte mir, daß ich Talent und gute Stimme habe, daß ich schön sei, aber in einer Weise, die mich ängstigte, verletzte, entsetzte! So kam es,« fuhr sie leiser fort, indem ein halb scheuer, halb liebevoller Blick zu ihm hinüberstreifte, »daß du mich an jenem Abend in der avant scène-Loge des Variété-Theaters fandest, du weißt, wie leicht es dir gemacht wurde, dich mir zu nähern –«

»Und bereust du das?« fragte er liebevoll, indem er sanft seinen Arm um ihre Schultern legte.

Sie bog sich zu ihm hin, ließ den Kopf an seine Brust sinken und weinte leise.

»Ich liebte dich,« flüsterte sie, »aber glaubst du, daß meine Mutter unsere Liebe begünstigte, glaubst du nicht, daß sie mich ebenso dir entgegengeführt, mich in deine Arme gedrängt haben würde, wenn ich dich nicht geliebt hätte, wenn mein einsames Herz nicht dem deinen entgegengeschlagen hätte? – O!« rief sie und Schluchzen erstickte ihre Stimme, – »für sie genügte es, daß du der reiche Kavalier warst, der ihre Tochter kaufen konnte!«

Er schwieg und voll Wehmut ruhte sein treuherziges Auge auf der schlanken, in seinem Arm zusammengebrochenen Gestalt. »Wenn ich so an deinem Herzen ruhe,« sagte sie dann, »so vergesse ich das alles und mir ist zu Mute so voll Glück, wie es der im Schatten erwachsenen Blume sein muß, wenn sie, in frische Erde verpflanzt, in sonnenwarmer Luft ihren Kelch erschließen kann, aber wenn ich dann wieder daran denke, was das alles eigentlich ist, daß alles, was mich umgibt, dieser Luxus, diese Eleganz, die mir so wohltut, daß dies alles nicht ein Geschenk der Liebe ist, sondern – o dann möchte ich fliehen, fliehen in die Einöde, fliehen in die Stille des Klosters, in den ewigen Frieden des Todes. – Und was bleibt mir anderes für die Zukunft?« rief sie lauter, indem sie sich rasch aufrichtete und ihm schmerzvoll in die Augen sah, »welche Zukunft hat der Traum des Augenblicks, als das Erwachen zur ewigen Nacht, einer Nacht, um so fürchterlicher, als mein Herz den Strahl des Lichtes gefühlt hat! – Du wirst zurückkehren in deine Heimat, zu den deinen, du wirst in reichem Leben den kurzen Traum unserer Liebe vergessen und ich – soll ich den Weg gehen, den so viele andere gehen, und der hinabführt zum ewigen Abgrund? – Und was kann mich schützen vor diesem Wege des lächelnden Verderbens? – Nicht die Hand der Mutter, die mich vorwärts drängen wird, nur der Schleier der Nonne oder das Grab!«

Immer tiefer hatte sich sein Auge verschleiert bei dem leidenschaftlichen Schmerz des jungen Mädchens.

»Arme Julia,« sagte er nochmals leise und sanft, »welche traurigen Jugenderinnerungen! – Sieh',« fuhr er fort, »meine Jugendzeit war auch einsam und einförmig, aber doch so reich und glücklich!« – und sein helles, klares Auge schien in mildem Schimmer in die Ferne zu blicken. – »Dort oben,« sagte er, »nah dem Strande der Ostsee, liegt mein väterliches Gut, ein altes Schloß, mit dem Blick auf die weißen Dünen und das rollende Meer, umgeben von ernsten, duftigen, immergrünen Tannenwäldern. Dort verfloß meine Jugend still und einsam, denn ich bin der einzige Sohn – unter den Äugen eines strengen, ernsten Vaters und einer liebevollen, sanften Mutter; ein Hauslehrer unterrichtete mich, und in den freien Stunden war es meine höchste Lust, die dunklen, rauschenden Tannenwälder zu durchstreifen oder auf den Dünen zu ruhen, in das weite Meer zu blicken und der ewigen Melodie zu lauschen, welche seine Wellen ertönen ließen, bald in leichtem, kräuselndem Spiel, vergoldet vom lichten Sonnenglanz, bald in gewaltigem, brausenden Ringen mit den schwarzen Wolken und den tosenden Stürmen.«

Das junge Mädchen war vor ihm auf die Knie niedergesunken, faltete die Hände auf seinem Schoß und blickte mit den großen, dunklen Augen zu ihm auf, welche noch durch den leichten schimmernden Duft der Tränen feucht verhüllt waren.

»Auch meine Jugend war voll von Träumen,« fuhr er fort, »aber sie suchten nicht, wie die deinen, die Ferne, sie schweiften nicht zum leuchtenden Süden hin, nicht zu den Myrten und Orangenhainen, nein, meine Träume bevölkerten die ernsten Wälder und die stillen Dünen mit den gewaltigen Gestalten der alten Nordlandsgötter, mit den Helden jener Sagen, die nicht süß berauschen, wie die Mythen deines Vaterlandes, sondern die klirrend in die Seele tönen im Waffenklange gewaltiger Kämpfe! – Und dann folgte ich den Spuren, welche jener großartig mächtige, ernste Orden, der von Palästina über Venedig nach den Bernsteinküsten zog und dort ein blühendes, wunderbares Reich schuf, überall in dem Lande seines alten Glanzes zurückgelassen hat, und heiße Sehnsucht erfüllte mich oft als Knabe, den Eisenharnisch zu tragen, und den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuze der deutschen Herren, diesen Mantel, dessen einfacher Schmuck einst so viel galt, als fürstlicher Purpur! – Sieh,« sagte er nach einer Pause, »solche Träume erfüllten meine Jugend, und als ich dann hinaustrat in die Welt, von der ich freilich nur die Universität gesehen und den Feldzug im vorigen Jahre, in welchem ich glücklich mit einer leichten Verwundung davonkam, da fand ich zwar viel Schönes, aber die Ideale meiner Träume fand ich nicht, nicht jene hohen Gestalten der nordischen Sage, nicht jenen Geist des heiligen Rittertums. – Hier erst,« fuhr er fort und strich sanft mit der Hand über ihre glänzenden Haare, »hier, bei dir, steigen sie wieder empor, jene Träume meiner Jugend, bei dir, meiner Freya, der Göttin meiner Liebe!«

Sie hatte ihm schweigend zugehört, ihre Augen tranken durstig den Anblick seiner von innerer Bewegung durchleuchteten Züge, seiner in lichtem Glanze flammenden, hellen Augen.

»Weißt du,« sagte er sinnend, »wenn ich so bei dir sitze und in die süße, tiefe Glut deiner Augen schaue und dann hinausdenke nach dem Lande meiner Jugend, dann fällt mir ein Vers eines Dichters meines Vaterlandes ein« – und wie unwillkürlich seinen Gedanken folgend, sprach er halb für sich, halb zu ihr, mit inniger Betonung:

»Ein Fichtenbaum steht einsam
Im Norden auf kahler Höh',
Ihn schläfert, mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee.
Er träumt von einer Palme,
Die fern im Morgenland
Einsam und schweigend trauert
An brennender Felsenwand!«

»Sie klingt schön, deine Sprache,« sagte sie, »erkläre mir, was das heißt.«

Er übersetzte ihr die Worte ins Französische, während sie mit tiefer Aufmerksamkeit zuhörte.

»Doch, ich habe meine Palme gefunden,« sagte er – und indem er schnell aufstand und sie zu sich emporhob, rief er lauter: »Und ich lasse sie nicht mehr, ich führe sie mit mir in meine schöne, stille, nordische Heimat, und die Wärme meines Herzens soll ihr die Strahlen der Sonne des Südens ersetzen!«

Hohe Begeisterung belebte seine Züge – tiefes Gefühl erleuchtete seinen Blick.

Fast entsetzt riß sie sich von ihm los.

»Um Gotteswillen.« rief sie zitternd, »sprich nicht solche Worte – rufe nicht Bilder in meiner Seele hervor, die niemals – niemals Wirklichkeit werden können!«

»Und warum nicht?« fragte er, »würdest du nicht mit mir gehen wollen?«

»Mit dir gehen wollen?« sagte sie, und in schwärmerischem Aufschlag richtete sich ihr Blick empor, »o mein Gott! – aber,« fuhr sie fort, und ihr Auge senkte sich zu Boden, »denke an deine Eltern, an deine Mutter, wie würde sie das Mädchen ohne Namen aufnehmen, das« – sagte sie leise, die zitternden Finger ineinander faltend, »dir nicht einmal mehr geben kann, was die Ärmste und Niedrigste ihrem Gatten bringen soll im Schmuck des bräutlichen Kranzes! – Niemals, niemals,« sprach sie dumpf und traurig, »niemals würde ich es ertragen! – Gehe du den Weg deines Lebens, und laß mich dir eine freundliche Erinnerung sein, werde ich doch,« fügte sie mit sanftem, schwermütigem Lächeln hinzu, »künftig auch eine Erinnerung haben, ein freundliches Licht in der Einsamkeit meiner Zukunft!«

Er blickte ernst vor sich hin.

»Ich werde den Kampf mit den Vorurteilen der Welt nicht scheuen für dich und meine Liebe! – Doch,« fuhr er dann in leichterem Tone fort, »wir haben noch Zeit, darüber nachzudenken, ich bleibe ja noch den Sommer hier, du wirst nicht immer so traurig denken, du wirst mir erlauben, für dich und mein Glück zu kämpfen, und ich verspreche dir,« sagte er mit lautem feierlichen Ton, »ich werde dich nicht verlassen und nicht ruhen, bis ich an dir gutgemacht habe alle Leiden, welche das Schicksal dir zugefügt.«

Sie schüttelte schweigend langsam den Kopf.

»Ich sehne mich, deine schöne Stimme zu hören,« bat er, »lassen wir jetzt die Zukunft und freuen wir uns der Gegenwart. Laß mich ein wenig träumen beim Klange deiner Lieder, die mir die Bilder meiner Kindheit in der Seele wachrufen.«

Und sanft ihre Hand ergreifend, führte er sie zu einem kleinen Pianino, welches neben dem einen Fenster des Salons stand. Auf einem kleinen Tisch daneben lagen verschiedene Notenhefte.

Sie blätterte leicht in denselben.

»Ich werde dir ein Lied singen,« sagte sie dann, »das mich wunderbar anspricht – ein Lied, das ein deutscher Komponist einem Sänger meines Vaterlandes in den Mund legt, ich habe es für mich aus der Klavierpartitur ausgezogen und für meine Stimme arrangiert, es bildet ja gewissermaßen ein Band zwischen deinem und meinem Vaterlande, weil es ein Deutscher schuf zum Preise Italiens.«

Sie legte ein beschriebenes Notenblatt auf das Instrument, und während der junge Mann sich in einem Fauteuil niederließ und mit liebevollem Blick ihren Bewegungen folgte, begann sie mit weicher, metallreicher und wunderbar umfangreicher Stimme Stradellas schönes Lied aus Flotows Oper:

»Italia, du mein Vaterland,
Wie schön bist du zu schauen!«

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