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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
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Siebzehntes Kapitel.

Napoleon III. hatte den Bericht des Doktor Conneau über das Befinden des kaiserlichen Prinzen erhalten, der noch immer nicht günstig lautete; noch immer verlangte der Arzt die höchste Schonung und Abgeschlossenheit für dieses Kind, auf welchem die Hoffnung der Dynastie und aller derer ruhte, welche auf die Dynastie ihre Hoffnungen für eine geordnete und sichere Zukunft Frankreichs fetzten.

Langsam ging der Kaiser, als der Arzt ihn verlassen, in seinem Kabinett auf und nieder.

»Fast möchte ich verzagen,« sagte er leise mit trübem Ausdruck,« »an der Arbeit für die Zukunft dieses Kindes, ist es nicht, als ob die Hand des Schicksals alle meine Berechnungen durcheinander wirft? – Tiefer und tiefer sinkt mein Einfluß, der Einfluß Frankreichs in Europa, ich fühle es wohl, diese schwarze Wahrheit tritt mir in den verschiedensten Gestalten in jedem Augenblick entgegen. – Oft will es mir vorkommen, als wäre die Aufmerksamkeit, mit welcher Europa meinen Worten lauscht, nur wie der succès d'estime eines Schauspielers, man bestreitet mir meine Rolle auf der Weltbühne noch nicht, aber – aus Gewohnheit, das eigentliche Interesse wendet sich ab von mir, wendet sich nach Berlin, diesem preußischen Minister zu, den ich glaubte in meiner Hand zu halten – wie Cavour – und der mir nun plötzlich so drohend auf seinen eigenen Füßen gegenübersteht.«

Er setzte sich in einen Fauteuil und drehte langsam eine Zigarette.

»Alle Versuche, die ich mache, um diesen Mann einzuschüchtern, schlagen fehl, alle Wege, um zu einer Verständigung mit ihm zu kommen, führen zu keinem Ziel, er läßt sich weder aufhalten, noch ablenken, er verlangt absolute Freiheit, die Konstituierung Deutschlands in seinem Sinne zu vollenden, und doch kann ich das nicht Zulassen, wenn ich nicht die Wurzeln meiner Dynastie zerschneiden will, denn Frankreich verlangt von dem napoleonischen Kaisertum die erste Stellung in Europa, und es hat ein Recht dazu,« sagte er, stolz den Kopf erhebend. – »Aber wie? – Wie diese Frage anfassen? Diese luxemburgische Sache war ein Fehler, ich darf sie nicht auf das Äußerste treiben, allein diesen gewaltigen Kampf aufnehmen? – Ja, wenn ich mein Oheim wäre, wenn ich selbst mit dem Degen dieses fatalistisch mich umspinnende Netz zerschneiden könnte! – Und dann,« fuhr er fort, seine Zigarette anzündend und wieder im Zimmer auf und nieder gehend, »ich will nicht mit Preußen kämpfen, ich will mich lieber mit dieser Macht alliieren, ich will den ersten und ursprünglichen Gedanken des großen Kaisers aufnehmen und ausführen, der heute um so mehr richtig ist, als diese Macht vom Strahl des Glückes beleuchtet ist, und das Glück ist ein sonderbarer Faktor in diesem geheimnisvollen Leben,« fügte er sinnend hinzu, »in der Politik wie im Spiel muß man nie gegen das Glück ankämpfen, man muß mit ihm gehen, auch wenn man seine Laune nicht versteht.«

Er schwieg längere Zeit, in tiefes Nachsinnen verloren.

Dann erheiterten sich seine Züge ein wenig.

»Ich muß das Spiel anders mischen,« sagte er, »ich muß mich rüsten für einen möglichen Kampf mit diesem Preußen, durch eine Koalition starker Allianzen, aber ich will mir,« fügte er lächelnd hinzu, »die Hand freihalten, um im letzten Moment, wenn ich die Chancen des Erfolges auf meine Seite gebracht habe, noch einmal die Verständigung, das heißt die gemeinsame Herrschaft in Europa anzubieten. – Es wird ein langer, mühsamer Weg sein, den ich gehen muß, aber sicherer als das Würfelspiel des unvorbereiteten Krieges, zu dem man mich drängen möchte, und der Besuch aller dieser Souveräne, welche die Ausstellung Hieher führen wird,« sagte er mit zufriedenem Lächeln, »wird mir dies Spiel erleichtern.«

Der diensttuende Kammerdiener trat ein und meldete:

»Der Herr Graf Walewski.«

Der Kaiser winkte lebhaft mit der Hand.

Der Graf Colonna Walewski trat in das Kabinett des Kaisers.

Die edlen Züge seines Gesichts erinnerten in ihrem Schnitt leicht an Napoleon I., nur waren sie weicher und sanfter, der sinnige, zuweilen träumend und schwärmerisch schimmernde Blick seines großen Auges hatte nichts von dem flammenden Feuer, das aus dem Blick des großen Imperators strahlte, auch der sanft lächelnde Mund zeigte nicht jenen Ausdruck trotziger Energie, den man um die Lippen der Porträts des ersten Kaisers zucken sieht, – seine hohe und elegante, obgleich etwas volle Gestalt drückte in allen Bewegungen Anmut und vornehme Würde aus.

Der Graf näherte sich ehrfurchtsvoll dem Kaiser.

»Eure Majestät haben befohlen,« sagte er, sich tief verneigend.

»Sie lassen sich nicht sehen, mein lieber Vetter,« sagte Napoleon, ihm herzlich die Hand drückend, »darum muß ich Sie bitten, zu mir zu kommen, ich muß Ihnen noch besonders und persönlich ausdrücken, wie tief es mich schmerzt, daß Sie darauf beharrt haben, Ihre Demission als Präsident des Senats zu nehmen –«

»Sire,« sagte der Graf, »Eure Majestät kennen meine Anschauungen über parlamentarisches Leben, das ich in unserer Zeit für die festeste und sicherste Grundlage der Monarchien halte, ich finde die Ansichten nicht vereinbar mit der Art und Weise, wie Ihre Regierung die parlamentarische Bewegung leitet, ich habe mich also zurückziehen müssen, da ich dem Dienste Eurer Majestät wohl meine Kräfte, meine Arbeit, mein Leben, wenn es sein muß, zu opfern bereit bin, aber nicht meine Überzeugung.«

»Ich erkenne darin von neuem Ihren edlen und großen Sinn,« sagte der Kaiser, den entschleierten Blick hell und warm auf das schöne Antlitz des Grafen richtend, »und ich bin um so stolzer auf einen Freund, der so denkt und fühlt. On ne peut s'appuyer que sur ce qui résiste,« fügte er freundlich lächelnd hinzu.

Graf Walewski verneigte sich. »Das können Eure Majestät mit aller Sicherheit,« sagte er. »Sie sind der Richter, Sire, über die Art und Weise, Frankreich zu regieren, und kann ich auf dem Platz, auf welchen Sie mich gestellt hatten, Ihnen nicht mit Überzeugung, also mit Erfolg, dienen, so bleibt doch meine Hingebung an Ihre Dynastie und an Frankreich dieselbe, ich habe nur zu bedauern, daß ich sie nicht in Taten beweisen kann.«

»Und doch hatte ich gehofft,« sagte Napoleon, indem er sich niederließ und den Grafen einlud, sich neben ihn zu setzen, »daß Sie mir einen großen Dienst nicht abschlagen würden, um den ich Sie bitten wollte.«

Der Graf sah den Kaiser erstaunt und fragend an.

»Ich will Sie nicht zu einer Tätigkeit im Innern überreden,« fuhr der Kaiser lächelnd fort, »vielleicht wird eine Zeit kommen, in der wir uns auch in dieser Richtung besser verstehen werden als jetzt, aber in der auswärtigen Politik hoffe ich auf Ihre Unterstützung.«

»Ich erwarte Eurer Majestät Befehle,« sagte Graf Walewski mit einer leichten Zurückhaltung in der Stimme.

Napoleon lehnte sich ein wenig nach der Seite des Grafen hin und sprach, indem er die Spitze seines Schnurrbarts leicht durch die Finger gleiten ließ, mit ein wenig gedämpfter Stimme:

»Es muß etwas ernstes geschehen dieser preußischen Gefahr gegenüber, welche immer drohender in Deutschland heranwächst.«

Graf Walewski blickte erstaunt auf.

»Eure Majestät wollen den Krieg, um Luxemburg zu erobern?« fragte er in einem Tone, der bewies, daß er wenig mit einem solchen Entschluß des Kaisers einverstanden sein würde.

Der Kaiser lächelte.

»Nein, mein Vetter,« sagte er, »die Partie steht nicht günstig genug und der Preis ist den Einsatz nicht wert, – bei dieser Luxemburger Sache handelt es sich für mich nur noch um einen geordneten und würdigen Rückzug von einem Wege, der vielleicht niemals hätte betreten werden sollen.«

»Ich muß gestehen, Sire,« sagte der Graf, »daß ich für diese ganze Angelegenheit niemals ein rechtes Verständnis gehabt habe. Dieser deutschen Frage gegenüber, wie sie sich nun einmal gestaltet hat, ist nach meiner Ansicht nur zweierlei möglich: vollständige Passivität oder eine groß angelegte Aktion.«

»Um unter der verhüllenden Maske der Passivität die umfassendste Aktion vorzubereiten, bedarf ich Ihres Beistandes, mein Vetter,« sagte der Kaiser.

Graf Walewski richtete sein großes Auge erwartungsvoll auf das Gesicht Napoleons, welcher den Blick senkte, wie um seine Gedanken zu sammeln und den rechten Ausdruck für dieselben zu suchen.

»Hören Sie mich an,« sagte er dann, »ich bin gesonnen, dieser in gefährlichem Wachstum drohenden preußischen Macht gegenüber das gewaltige Mittel anzuwenden, welches des großen Kaisers Macht erdrückte: die Koalition.«

»Aber wie?« fragte der Graf.

»Die Mächte, welche diese große Aufgabe zu erfüllen berufen scheinen,« fuhr der Kaiser langsam und eindringlich sprechend fort, »sind Frankreich, Österreich und Italien –«

»Italien!« rief der Graf erstaunt, »glauben Eure Majestät –«

»Italien ist absolut notwendig in diesem Bunde,« sagte der Kaiser, »ein feindliches, mit Preußen verbündetes Italien würde unsere Aktion lähmen, diejenige Österreichs unmöglich machen. – Italien kann – vielleicht – wenig nützen, aber es kann unendlich viel schaden, und eine ernste und aktive Allianz mit Österreich ist unmöglich, wenn ein feindliches oder zweifelhaftes Italien zwischen uns liegt.«

»Das ist unleugbar,« sagte der Graf, »aber wie glauben Eure Majestät, daß es möglich sein sollte, Österreich und Italien einander zu nähern, auf welcher Grundlage?«

»Die Sache ist nicht so schwer, wie sie scheinen möchte,« sagte der Kaiser, »wenn man auf den Grund der Dinge hinabsteigt, – Österreich,« fuhr er fort, »dessen bin ich gewiß, hat definitiv jeden Gedanken einer Wiedereroberung seiner italienischen Besitzungen aufgegeben, wenigstens in seinen politischen Gedanken, und wenn auch vielleicht die persönlichen Gefühle des Kaisers noch tiefer Erbitterung voll sein mögen, so wird auch er doch jedes Mittel schließlich ergreifen, um nach Deutschland hin Revanche zu nehmen. – Was nun Italien betrifft, so hat man dort noch zwei Wünsche,« sagte er, leicht den Kopf zur Seite neigend, »das ist zunächst Rom, und sodann das italienische Tirol. Dieser letztere Wunsch, allerdings der minder lebhafte, kann nur durch Österreich erfüllt werden, das töricht wäre, ihn zu versagen, nachdem es die politisch bedeutungsvollen Besitzungen in Italien aufgegeben hat, Rom aber –«

»Eure Majestät werden doch nicht den Papst opfern wollen?« rief Graf Walewski lebhaft.

Ein fast unwillkürliches seines Lächeln umspielte die Lippen Napoleons.

»Der Papst, mein lieber Vetter,« sagte er, mit der Hand über seinen Knebelbart streichend, »ist für mich – ganz abgesehen von meinen persönlichen religiösen Gefühlen – eine ernste politische Frage, welche ich nicht so leicht, selbst nicht um großen Preis aus der Hand geben kann. Sie wissen, daß Frankreich sehr katholisch ist, der Klerus ist eine große Macht in diesem Lande und ich kann seine Stütze nicht entbehren, ich kann nicht die große Kraft aufgeben, welche den Beherrschern Frankreichs aus ihrer Mission erwächst, der älteste Sohn der Kirche zu sein, ich kann auch nicht den Einfluß Frankreichs in Italien und seine Führung der lateinischen Rassen aufgeben, aber ich kann,« fuhr er fort, indem sein Auge sich langsam erhob, »dennoch den Wünschen Italiens entgegenkommen und den Papst und die Kirche mit der neuen Ordnung der Dinge versöhnen.«

Graf Walewski schüttelte langsam den Kopf. Ein Ausdruck des Zweifels erschien auf seinem Gesicht.

»Hören Sie mich an,« sagte der Kaiser, »denn dies ist der Punkt, in welchem ich auf Ihre Mitwirkung und Ihre Tätigkeit, Ihre überzeugende Beredsamkeit hoffe. – Jeder Versuch,« fuhr er fort, »den jetzigen Papst Zu einer Verständigung mit dem Königreich des einigen Italiens zu bringen, würde töricht sein, Pius IX. glaubt die liberalen Wallungen der ersten Jahre seines Pontifikats wieder gut machen zu sollen durch ein absolutes Negieren der Zeitströmung und ihrer Notwendigkeiten. Das ist ein Faktum, welches man bei allen politischen Kombinationen als unabänderlich und unumstößlich annehmen muß. – Indes«, sagte er etwas leiser, die lange Spitze seines Schnurrbarts kräuselnd, »wie lange kann das Leben dieses alten, kranken Mannes noch dauern? – Und wenn er stirbt, nun, ich darf hoffen, wenn namentlich die feste Allianz mit Österreich zustande kommt und der Einfluß von dorther ebenfalls in dieser Richtung geltend gemacht wird, daß aus dem Konklave ein Papst hervorgehen werde, welcher meine Ideen begreifen und zu ihrer Ausführung die Hand bieten wird.«

»Und in welcher Weise halten Eure Majestät eine Versöhnung der Rechte und der Würde des heiligen Stuhles mit den Wünschen, den Forderungen des nationalen Königreichs Italien für möglich?« fragte der Graf.

»Wenn der Papst,« sagte der Kaiser, »seine Souveränität über das eigentliche Patrimonium Petri behält, dagegen dies Land durch Verfassung, Gesetze und insbesondere durch Verkehrseinrichtungen als ein homogenes Glied dem nationalen Organismus einfügt, wenn er auf Militärmacht ganz verzichtet, die ja doch immer ihm keine selbstkräftige Stellung geben kann, und dafür unter den Schutz der katholischen Mächte gestellt wird, – wenn dann für große nationale Fragen ein gemeinsames Parlament in Rom errichtet wird, so wird doch Rom die Gesamthauptstadt Italiens, und der König wird, ohne seiner eigenen Würde zu schaden, wie es ja jeder katholische Souverän tut, dem Papste den Vorrang lassen können, der ihm vor dem Altare von Sankt Peter die Krone Italiens auf das Haupt setzen wird.«

Die Augen des Grafen leuchteten, mit Spannung lauschte er den Worten, welche der Kaiser in jenem tief anklingenden Tone gesprochen hatte, der ihm in gewissen Augenblicken zu Gebote stand.

»Es handelt sich also für Italien,« fuhr der Kaiser nach einem kurzen Stillschweigen fort, »nur darum, zu warten, die Entscheidung nicht zu überstürzen und demnächst eine Lösung Zu akzeptieren, welche die nationale Einigung Italiens mit der Würde und der europäischen Stellung des Oberhauptes der Kirche vereinigt und versöhnt. – Ich glaube,« sagte er, »daß der König Viktor Emanuel, dessen Gewissen jedes scharfe Vorgehen gegen den Papst peinlich berührt, diesen Gedanken sehr zugänglich sein wird, es wird nur darauf ankommen, sie den politisch einflußreichen Persönlichkeiten in Florenz annehmbar Zu machen, und dazu,« fuhr er fort, »bitte ich Sie um Ihre Unterstützung, mein lieber Vetter, ich bitte Sie, nach Florenz zu gehen und allen Ihren persönlichen Einfluß und Ihre so wirkungsvolle Beredsamkeit aufzubieten, um meinen Ideen dort Eingang zu schaffen und von italienischer Seite die große Triple-Allianz vorzubereiten – in Österreich werde ich zugleich wirken lassen –, Graf Beust ist meinen Ideen, ich setze natürlich voraus,« fügte er in fragendem Tone hinzu, »daß auch Sie dieselben billigen –«

»Ich bewundere, wie schon so oft, Sire, sagte Graf Walewski, »den weiten Blick, mit welchem Eure Majestät die Interessen zu verbinden und die verworrensten Situationen in ihren bewegenden Ursachen zu durchschauen vermögen. Vor allem bin ich hoch erfreut, daß ich Eure Majestät bereit finde, wegen dieser untergeordneten Frage von Luxemburg Frankreich nicht in einen übereilten Krieg zu stürzen, und den Papst nicht preiszugeben. Ich hoffe sehnlichst, daß die großen Pläne, welche Eure Majestät für die Zukunft hegen, sich erfüllen mögen, und was ich dazu beitragen kann, soll mit Aufbietung alles Eifers und aller Kräfte geschehen. Mit Freuden und in voller Überzeugung nehme ich die Mission an, welche Eure Majestät mir zu übertragen so gnädig sind.«

»Ich danke Ihnen,« sagte der Kaiser, dem Grafen die Hand drückend, »Sie werden bei Ratazzi eine kräftige Unterstützung finden, wenn ich ihm meine Ideen auch nicht in allen Details entwickelt habe, so weiß ich doch, daß er in diesem Sinne disponiert ist.«

»Trauen Eure Majestät Ratazzi?« fragte der Graf Walewski.

»Ich glaube es politisch zu können,« sagte der Kaiser, »er will die Macht behalten und ist klug genug, um einzusehen, daß dies nur möglich ist, wenn er die Grundlagen eines festen Gebäudes für die Zukunft legt, die revolutionäre Aktionspartei, die ohnehin sehr schwach in Italien geworden ist, seit Mazzini sich von ihr gewendet, kann ihn nicht stützen, und in der Allianz mit Frankreich und Italien, in der Ausführung meiner Ideen wird er sich eine große Rolle und einen großen Namen schaffen durch die Vollendung des Werkes von Cavour. Übrigens,« fügte er lächelnd, »ist er – sonderbar genug – sehr abhängig von dem Einfluß seiner Frau – und sie wird für uns arbeiten, – ich habe sie gesehen und ihr eine Aussöhnung in der Ferne gezeigt, welche ihrem Ehrgeiz als höchstes Ziel vorschwebt.«

»Nun,« sagte der Graf, »immerhin wird er zunächst nützlich sein; was mich betrifft, fügte er lächelnd hinzu, »so habe ich immer gefunden, daß für Ratazzi – ebenso wie für Madame Ratazzi, jenes italienische Sprichwort gemacht scheint:

›Con arte e con inganno
Si vivi mezzo l'anno
Con inganno e con arte
Si vive l'altra parte‹«

Der Kaiser lachte. »Um so besser,« sagte er, »wenn Sie ihm nicht trauen, Sie werden um so weniger überlistet werden. – Doch noch eins,« fuhr er fort, »wenn Sie das Terrain günstig finden, der Kronprinz Humbert sucht eine Frau, das Haus Savoyen ist ja mit den Habsburgern verwandt, gegen das Blut kann man keine Einwendungen erheben, es wäre ein vortrefflicher Gedanke, die neue Allianz durch eine Familienverbindung zu besiegeln, ich habe daran gedacht, eine solche Verbindung würde sowohl in Florenz wie in Wien von großer Wirkung sein.«

»Aber,« sagte der Graf, »welche Prinzessin?«

»Die Erzherzogin Mathilde,« sagte der Kaiser, »die Tochter des Erzherzogs Albrecht paßt im Alter vollkommen für den Prinzen Humbert, es soll eine sehr schöne und liebenswürdige Prinzessin sein.«

»Die Tochter des Erzherzogs Albrecht!?« rief der Graf, »die Tochter des Siegers von Custozza, des stolzesten dieses stolzen Hauses, glauben Eure Majestät –«

»Ist doch die Gemahlin des Kaisers Ferdinand eine Prinzessin von Savoyen,« sagte Napoleon, »doch was Österreich betrifft, so lassen Sie mich dort handeln, suchen Sie die Sache in Florenz anzubahnen, ich lege großen Wert gerade auf diese Verbindung, sie würde die wahre Versöhnung sein.«

»Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,« sagte der Graf, »doch,« fuhr er fort, »da Eure Majestät die Gnade gehabt haben, mich in Ihre Pläne für die Zukunft einzuweihen, und da ich diese Pläne mit voller Überzeugung erfasse, so kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät meine Bedenken über einen Punkt auszusprechen, der ohne Zweifel Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen ist,« sagte er sich verneigend, »ich meine die drohende und gefährliche Stellung, welche Rußland in seiner sichtlich hervortretenden engen Verbindung mit Preußen einnimmt. – Wenn die Allianz geschlossen wird, welche Eure Majestät beabsichtigen, so wirb die Bedeutung Österreichs in derselben und sein Anteil an der Aktion sehr wesentlich gehemmt werden durch jene geheimnisvoll sich konzentrierende nordische Macht, welche mit dem ganzen Gewicht ihrer gesammelten Kraft auf Österreich herabdrücken wird.«

Der Kaiser erhob das Haupt. Sein Auge öffnete sich weit und aus seiner aufleuchtenden Pupille strahlte ein eigentümlich ausdrucksvoller Blick auf den Grafen.

»Ich wäre ein schlechter Spieler,« sagte er leise, »wenn ich daran nicht gedacht hätte, aber ich habe auch jene furchtbare Waffe nicht vergessen, welche, richtig benutzt, die russische Macht ins Herz trifft und zugleich ihre Spitze gegen Preußen kehrt, jene Waffe, welche bis jetzt niemals in vollem Ernste gebraucht ist, »welche selbst der große Kaiser nur zögernd und halb gebrauchte, welche aber dennoch Rußland so tiefe Wunden schlug, wenn sie von den Mächten ernstlich in die Hand genommen, von Österreich insbesondere, welches das Heft dieses zweischneidigen Schwertes hält, von Österreich, welches die historische Pflicht, ein Unrecht gut zu machen, welches Maria Theresia nur wider Willen beging –«

Der Graf sprang auf.

»Polen!« rief er mit bebenden Lippen und flammenden Augen, »Eure Majestät denkt an Polen?«

»Und warum nicht,« sagte der Kaiser, lächelnd auf den Grafen blickend, der die gewöhnliche vornehme, fast phlegmatische Ruhe seiner Haltung verloren hatte und in zitternder Erregung vor ihm stand, »warum nicht, mein Vetter? Schon die letzten der Valois hatten die hohe Bedeutung eines eng mit Frankreich verbundenen Polens erkannt, der unerstickbare Klageruf dieser edlen Nation hat später stets das Herz Frankreichs erzittern lassen, die französische Politik ist aber stets nur mit unsicheren und schwankenden Schritten diesem sympathischen Instinkt gefolgt – und es war vielleicht einer der verhängnisvollsten Fehler des großen Kaisers, daß er jenes Wort nicht aussprach, welches Poniatowski von ihm erbat, – jenes Wort: Que la Pologne existe! Es war die Rücksicht auf Österreich, welches ihn daran verhinderte, auf Österreich, dessen falsche Politik seine Stützen suchte in widerwillig festgehaltenen fremden Elementen, statt seine eigenen Kräfte zu ordnen und zu freier Ausdehnung zu bringen; nun,« fuhr er fort, »wenn Österreich von diesem Fehler zurückkommt, nachdem es sich von dem Krebsschaden seiner italienischen Besitzungen befreit hat, wenn es sich zu dem großen Entschluß erheben kann, dem wiedergeborenen Polen Galizien als Patengeschenk zu geben, dann,« – er blickte wie träumend vor sich hin und seine Stimme sank zu einem leisen Tone hinab, »dann könnte vielleicht jenes belebende Wort, das der Kaiser auf der Höhe seiner Weltmacht auszusprechen zögerte, als ein Vermächtnis des Märtyrers von St. Helena aus dem Dome der Invaliden hervortönen, und wenn es ertönte,« fuhr er mit lauterer Stimme fort, den Blick fest auf den Grafen gerichtet, »ausgesprochen von Frankreich, Österreich und Italien, wo bliebe dann die drohende Macht Rußlands? – Sie würde vor diesem Flammenworte zerschmelzen, wie die Eisblöcke vor dem Strahl der Sonne.«

»Sire,« rief der Graf in tiefer Erregung, indem er beide Hände auf seine Brust legte, »ich beuge mich bewundernd vor Eurer Majestät und ich danke Ihnen innig, daß Sie die Gnade haben, mir diesen Blick in das weite Reich Ihrer großen Idee zu erschließen.«

Der Kaiser lächelte und sprach, immer vor sich hinblickend, als folge er weiter den Bildern, die sich vor seinem inneren Auge entrollten:

»Ich kann nur langsam Stein auf Stein fügen zur Aufrichtung des großen Gebäudes, welches das kaiserliche Frankreich zu bauen berufen ist, aber es wird auch der Augenblick seiner Krönung kommen, wenn Frankreichs Fahne hoch auf der Zinne der europäischen Zivilisation weht, wenn auf dem Stuhle Petri ein Sohn Frankreichs die katholische Christenheit beherrscht.«

»Der Abbé Lucian!« rief der Graf, die Hand an die Stirn legend.

»Sollte dann nicht,« fuhr der Kaiser fort, indem er aufstand und nahe zu dem Grafen hintrat, »sollte dann nicht das als mächtiges Bollwerk gegen die asiatische Barbarei wiedererstandene Polen mit Stolz seine Krone auf einem Haupte sehen, von dessen Stirn der Abglanz des großen Kaisers leuchtet –«

»Zu viel, Sire, zu viel,« rief der Graf, den Kopf auf die Brust senkend, »mein Auge wird geblendet durch den Horizont von Licht, den Eure Majestät in immer weiteren Kreisen vor mir öffnen, und ich habe doch die Schärfe des Blickes nötig, um meinen Teil der Arbeit an Eurer Majestät gigantischem Werke auszuführen!«

Der Kaiser legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit freundlichem und ruhigem Lächeln:

»Ich sehe, wir verstehen uns vollkommen, und Sie werden im Sinne meiner Gedanken wirken, als ob ich selbst dort wäre, es versteht sich von selbst,« fügte er hinzu, »daß die letzten dieser Gedanken unser Geheimnis bleiben, ein Familiengeheimnis.«

»Sire,« rief der Graf, »es gibt Dinge, welche zu groß für die Sprache sind, sie müssen geschehen wie die großen Naturerscheinungen, die Schranke des Wortes saht sie nicht ein. So sind die Gedanken Eurer Majestät, sie werden meinen Geist erleuchten und mein Herz erwärmen, aber sie werden niemals auf meine Lippen treten. – Doch nun,« fuhr er fort, »erlauben mir Eure Majestät, die Vorbereitungen zu meiner Abreise zu treffen; jede verlorene Minute tut mir weh.«

»Gehen Sie, mein lieber Vetter,« sagte der Kaiser, »ich werde Ihnen eine Instruktion senden, welche das enthalten wird,« sagte er lächelnd, »was sich in Worte kleiden läßt. – Sie wird zugleich die Grenze bezeichnen, bis zu welcher Ihre Mission Moustier und Malaret bekannt ist. Die Welt mag glauben, daß Sie sich von den Aufregungen und Widerwärtigkeiten der Politik im Anblick bei schönen Kunstwerke von Florenz erholen wollen.«

Er drückte dem Grafen herzlich die Hand und geleitete ihn bis zur Tür des Kabinetts.

»Er wird reüssieren,« sagte er, ihm nachblickend, »denn er wird mit Überzeugung und Begeisterung arbeiten.«

Sinnend machte er mehrere Gänge durch das Zimmer.

»Ich muß mich an die Spitze einer geschlossenen Koalition stellen,« sagte er, »um den Einfluß wieder zu gewinnen, der mir entschlüpft, um handeln zu können, ohne meine Dynastie aufs Spiel zu setzen, dann,« fuhr er fort, sich aufrichtend und den Schnurrbart aufwärts drehend, »dann wird man vielleicht in Berlin mehr Eifer zeigen, die Hand zu ergreifen, die man jetzt zurückstößt. Denn,« er versank in tiefes Nachdenken, »denn – diese Gedanken alle sind sehr schön, sehr groß, aber kann ich sie ausführen?« Ein schmerzliches Zucken flog über sein Gesicht.

»Meine Kraft ist gebunden,« sagte er düster, »durch diese Krankheit, deren Schmerzen ich verbergen muß, der Wille und der Entschluß bricht unter dem schmerzlichen Beben der Nerven, unter der erschöpften Abspannung der Muskelfasern, o wieviel lieber möchte ich mich verständigen zu ruhigem und sicherem Bündnis mit diesem aufstrebenden Deutschland, in welchem die nationale Jugendkraft wohnt, als mit dem zerfallenden Österreich eine glänzende Zukunftsidee verfolgen, die vielleicht eine trügerische Fata Morgana ist! O daß das Schicksal und mein glücklicher Stern mich leiten wollte in zwingend unwiderstehlicher Führung und mir die Qual des eigenen Entschlusses ersparen,« rief er tief aufseufzend, »ich habe das Heimweh nach Ruhe.«

Er lieh sich auf seinen Lehnstuhl sinken, sein Kopf fiel auf die Brust herab und in matter Abspannung saß er da, die Augen geschlossen, das Gesicht schmerzlich verzogen, die Hände schlaff herabhängend, der gefürchtete Imperator, dessen Wink die Armeen und Flotten Frankreichs bewegte und dessen doppelsinnig geheimnisvolle Worte wie Orakelsprüche das lauschende Europa durchflogen.

Der Kammerdiener trat ein.

»Der Herzog von Gramont steht zu Eurer Majestät Befehl.«

Der Kaiser fuhr zusammen.

Mit gewaltsamer Anstrengung erhob er das Haupt und rief den ruhigen, lächelnden Ausdruck auf sein Gesicht zurück.

»Lassen Sie den Herzog eintreten,« sagte er aufstehend.

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