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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
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Dreizehntes Kapitel.

In der großen, breiten Allee des sogenannten Georgswalles in Hannover, vor dem großen, weiten Theatergebäude gingen etwas vor dem Beginn der Vorstellung drei Herren mit langsamen Schritten auf und nieder; bald stehen bleibend und einem vorübergehenden Bekannten zunickend, bald laut lachend, zeigten sie in ihrer ganzen Haltung jene sorglose Gleichgültigkeit unbeschäftigter Personen, welche nichts anderes zu tun haben, als ihre Zeit auf die möglichst wenig anstrengende Weise totzuschlagen.

Diese drei Herren, welche auch von den um diese Stunde hier zahlreich spazierengehenden Bürgern häufig gegrüßt wurden, waren der Leutnant von Tschirschnitz, der Hauptmann von Hartwig und der Leutnant von Wendenstein, alle drei natürlich in Zivilanzügen, welche sie mit so leichter und natürlicher Eleganz trugen, als hätten sie immer sich in dieser Tracht bewegt.

»Also Ihr wollt wirklich nicht mit uns gehen, Wendenstein?« fragte Herr von Hartwig, »besinnt Euch doch noch einmal, je zahlreicher wir sind, um so mehr können wir zur Entscheidung der Sache beitragen.«

»Laßt ihn,« sagte Herr von Tschirschnitz, »er hat andere Rücksichten zu nehmen als wir. – Ihr,« fuhr er fort, Herrn von Hartwig traurig anblickend, »seid frei durch Euren traurigen Verlust und bedürft des Herausreißens aus Eurem Schmerz, ich – nun, ein Junggesell, wie ich, hat nichts zu verlassen.«

»Ihr gebt die Kompagnie im sächsischen Dienst auf, die Euch zugesichert ist, alter Freund?« unterbrach ihn Herr von Hartwig.

»Was will das sagen?« rief Herr von Tschirschnitz, »ich habe dem Könige mich zur Verfügung gestellt und muß seinem Ruf folgen, ich tue es gern und leichten Herzens, aber seht, mit Wendenstein ist es etwas anderes, er ist verlobt, er will heiraten, er hat andere Pflichten.«

»Aber wenn es zum Schlagen kommt,« rief Herr von Hartwig, »so –«

»So werde ich gewiß nicht fehlen,« sagte Herr von Wendenstein ernst, »glaubt mir, wenn ein hannoverisches Korps sich bildet, so werdet Ihr meinen Platz nicht leer sehen! – Aber wenn nichts daraus wird –«

»Ja, das ist die Sache,« rief Herr von Tschirschnitz, »wenn aus der ganzen Sache nichts wird, so sind wir verbannt, auf lange, vielleicht auf immer, nun, wir können es darauf wagen, aber das wäre für ihn doch zu traurig.«

»Außerdem sagt, mein Vater,« sprach Herr von Wendenstein ein wenig zögernd, »Ihr wäret einverstanden, daß ich mit meinem Vater über die Sache sprechen wollte, er meint, daß diese ganze Emigration etwas voreilig und unüberlegt sei, und daß sie der Sache des Königs wenig nützen, vielleicht schaden könne –«

»Aber der König hat es befohlen!« rief Herr von Tschirschnitz, »ist es unsere Sache, seine Befehle zu prüfen, muß er nicht besser wissen, was zu tun ist?«

»Seid Ihr ganz gewiß, daß der König es befohlen, und daß nicht etwa –«

»Ganz gewiß!« sagte Herr von Hartwig, »ich habe selbst des Königs Order gesehen, durch welche er den Personen, die Ihr kennt, Vollmacht erteilt. Nun, wenn die Personen jetzt die Emigration anordnen, so muß doch die Sache nötig sein.«

»Und Graf Platen sendet Geld auf Geld für die Sache!« rief Herr von Tschirschnitz, »hier habe ich dreißigtausend Taler in meiner Tasche, in meinem Leben habe ich nicht soviel Geld beieinander gesehen,« fügte er lachend hinzu, »glaubt Ihr, daß diese Summen von hier kommen oder für einen Scherz gezahlt werden? – Nein, nein, in Hietzing muß man besser wissen, was nötig ist, also vorwärts, ich reise heute abend. Briefe, die an mich kommen, laßt Ihr mir wie bisher zugehen, nicht wahr, Wendenstein? – Eine sichere Adresse sollt Ihr erhalten.«

»Seht Euch nicht um,« sagte Herr von Hartwig, seinen Arm in den des Herrn von Tschirschnitz legend, »ich bemerke einen Menschen, der uns fortwährend folgt, bald geht er auf dem Trottoir, bald in der Mitte der Allee, aber so oft wir umkehren, tut er's auch, das hat etwas zu bedeuten, wir müssen uns trennen!«

»Bah!« rief Herr von Tschirschnitz, »vielleicht ein harmloser, zufälliger Spaziergänger, was kann man von uns wollen? – Wir gehen hier unter freiem Himmel vor den Augen aller Welt spazieren und übrigens haben wir nichts Kompromittierendes, alle Papiere, deren überhaupt nicht viel existieren, sind in Sicherheit.«

»Und Eure dreißigtausend Taler?« fragte Herr von Hartwig.

»Donnerwetter!« rief Herr von Tschirschnitz, »jedermann weiß, daß ich soviel Geld nicht habe – das wäre ein angenehmes Corpus delicti. – Ja, Ihr habt recht,« sagte er dann, leicht den Kopf umdrehend, »da steht der Mensch, den ich schon einige Male gesehen, vor einem Schaufenster, gehen wir auseinander, damit teilen wir die Spur und können vielleicht auch sehen, auf wen es denn eigentlich abgesehen ist. – Ich werde zur Georgshalle gehen,« fuhr er fort, »und dort etwas essen, heute nacht reise ich. – Auf Wiedersehen,« sagte er, Herrn von Hartwig die Hand drückend, – »und auch Euch hoffe ich bald zu sehen, Wendenstein, wenn es etwas Ernstes gibt.«

Die drei Herren drückten sich die Hände und gingen nach verschiedenen Seiten auseinander, Herr von Tschirschnitz trat in das große Restaurationslokal des Herrn Kasten, dem Theater gegenüber, bestellte ein kleines Souper und trat dann an das Fenster, mit sorglosem Ausdruck hinausblickend. Er sah den Leutnant von Wendenstein langsam über den Platz nach der inneren Stadt hinschreiten. Ein Mann in einfachem grauen Zivilanzug, welcher an einem großen Bilderladen gegenüber die ausgehängten Kupferstiche betrachtet hatte, verließ das Schaufenster und folgte in weiter Entfernung dem jungen Mann.

»Richtig auf der falschen Fährte!« flüsterte Hell von Tschirschnitz mit Zufriedenem Lächeln, »lassen wir ihn ruhig den Unrechten beobachten, wir werden bald in Sicherheit sein.«

Und mit heiterer Miene nahm er vor dem für ihn bereiteten Kuvert Platz.

Der Leutnant von Wendenstein ging langsam und nachdenkend seinem elterlichen Hause zu.

Er dachte an die Vergangenheit, an den frischen, fröhlichen Krieg im vergangenen Jahre, an die Kameraden, die da jetzt hinauszogen zu einem Leben voll bunten Wechsels, voll bewegter Abenteuer, und fast wollte ihn schmerzliche Wehmut überkommen, daß er nun hier Zurückbleiben sollte im stillen, häuslichen Kreise, in des Lebens ruhigem Gleichmaß abwartend, was die Zukunft bringen werde. Sein Herz schlug so jung und frisch dem glühenden, wallenden Leben entgegen, und der Reiz der reichen Fülle ritterlicher Romantik, der seinen Kameraden entgegenschimmerte, lockte und bewegte seine Seele in allem Farbenglanz jugendlicher Phantasie.

Aber dann trat Helenens Bild vor ihn, mit den tiefen, klaren Augen, mit dem Lächeln voll Liebe und Vertrauen, er dachte, daß diese Augen sich in Tränen verhüllen würden, daß dies Lächeln verschwinden würde, wenn er fortginge, er, an den diese Liebe sich rankte, auf den dies Vertrauen sich stützte, und unwillkürlich schüttelte er den Kopf, wie um die lockenden Bilder des Lebens da draußen von sich zu werfen, sein Blick leuchtete in weichem Schimmer, und leise sprach er: »Ich bin zum Leben Zurückgerufen von den Grenzen des Todes, dies neu geschenkte Leben soll allein ihr gehören, deren sanfter, treuer Blick so tröstend und hoffnungsreich auf mir ruhte, als ich im Todeskampfe dalag, deren süßer Gruß mir entgegentönte, als ich zu Kraft und Gesundheit zurückkehrte!«

Raschen Schrittes kehrte er nach Hause zurück und stieg in sein Zimmer hinauf.

Hier öffnete er einen Sekretär, nahm ein Paket Briefe und ein Blatt Papier mit Adressen, legte alles in ein großes Kouvert und siegelte es mit seinem Siegelringe zu. Dann verschloß er alles wieder und steckte den Schlüssel zu sich.

»So,« sprach er, »da sind die Papiere wohlverwahrt, mag man nun den einen oder den anderen der Abreisenden arretieren, man wird nichts bei ihnen finden, und ich,« sagte er lächelnd, mit einem leichten Anflug von Wehmut, »nun – ich werde ein so ruhiges und stilles Leben führen, daß man bei mir wohl schwerlich jemals nachsuchen wird.«

Langsam stieg er hinab in das Familienzimmer.

Hier war alles wie sonst. Der gesellige Teetisch war bereitet, die Tochter des Hauses und Helene legten eben die letzte Hand an sein Arrangement, das in den alten Familien Hannovers nach der englischen Sitte einen sehr wesentlichen Mittelpunkt des häuslichen Komforts bildet, und Frau von Wendenstein betrachtete von ihrem Eckplatze im Sofa aus mit wohlgefälligen Blicken die geschickte Geschäftigkeit der jungen Mädchen.

Helene strahlte von stiller, lächelnder Glückseligkeit. Zu der besonderen Freude, mit welcher junge Mädchen, sobald die Liebe in ihr Herz eingezogen, alle jene kleinen Pflichten der Hausfrau erfüllen, welche ihnen im lieblichen Schimmer der Hoffnung jene künftigen Tage näherführen, in denen sie das eigene Haus zur anmutigen Heimat für den Geliebten zu gestalten haben werden, zu dieser stillen, süßen und sehnsuchtsvollen Freude gesellte sich in ihrem Herzen das Gefühl einer überstandenen Gefahr, denn in dem vollen Vertrauen wahrer und ernster Liebe hatte ihr Verlobter ihr von dem gesagt, was in den Kreisen seiner Kameraden vorging, sie hatte geschwiegen und kein Wort gesprochen, um ihn zurückzuhalten, aber mit innerem, jubelndem Entzücken hatte sie endlich seinen Entschluß vernommen, jenen Weg nicht zu betreten, der ihn von ihr und den Hoffnungen der Zukunft trennen mußte.

Der alte Herr ging seiner Gewohnheit gemäß langsam im Zimmer auf und ab. Finster blickte er vor sich, traurig der versunkenen Vergangenheit gedenkend, es wollte ihm nicht behagen hier in der Stadt, in der Untätigkeit, und fast murrte er gegen die Vorsehung, daß all diese Umwälzung und Zerstörung nicht später gekommen sei, daß er nicht noch hatte heimgehen können nach seinem vollbrachten Lebenswerk im alten Hannover, bevor die Zeit, welcher sein Leben, Lieben und Wirken gehört hatte, hinabgesunken war unter dem Anprall der Wogen einer neuen Strömung im Völkerleben.

Finster blickte er zur Tür, durch welche sein Sohn eintrat. Aber als er das frische Gesicht des jungen Mannes, seine kräftige Gestalt sah, da wurde sein Blick milder und richtete sich mit weichem Ausdruck nach oben, wie um für das Murren seines alten Herzens die Verzeihung Gottes zu erbitten, der ihm ja diesen Sohn gelassen und in all dem Zusammensturz so vieler Verhältnisse seine Familie unversehrt erhalten hatte.

Helene eilte ihrem Verlobten entgegen und reichte ihm die Hand. Er schloß sie innig in seine Arme und drückte einen Kuß auf ihre reine, weiße Stirn. Zitterte in seinem Herzen noch ein leiser Klang jenes Rufes aus der Ferne nach, der so lockend zu ihm gedrungen war, so verschwand er jetzt in der reinen, lieblichen Harmonie, mit welcher der Blick der Geliebten ihn erfüllte.

»Soeben wurde mir ein Brief meines Bruders gegeben,« sagte der junge Mann, indem er seinem Vater einen Brief reichte, dann fetzte er sich zu seiner Mutter, und Helene sanft zu seiner Seite auf einen Sessel niederziehend, begann er heiter und scherzend Zu plaudern, während der Oberamtmann den Brief seines Sohnes las. »Herbert ist sehr Zufrieden mit seiner Stellung,« sagte der alte Herr nach einiger Zeit, an den Tisch herantretend, »er rühmt wiederholt die Freundlichkeit, mit welcher man ihm entgegenkommt, – nun,« sagte er lächelnd, »sie werden in Berlin sehen, daß die hannoverschen Beamten in keiner schlechten Schule waren, und daß die »Mißregierung«, von welcher die Zeitungen sprachen, doch so schlimm nicht gewesen ist. – Aber,« fuhr er ernster fort, »er schreibt auch, daß man dort von agitatorischen Bewegungen unterrichtet sei, welche in diesem Augenblick stärker als je hier im Gange wären, man sei bisher nachsichtig gewesen, jetzt aber bei der Verwicklung der auswärtigen Politik seien diese Dinge ernster, und man sei entschlossen, mit rücksichtslosester Strenge allen solchen Bewegungen, namentlich in den Kreisen der früheren Offiziere, entgegenzutreten und dieselben als Hochverrat nach der Strenge der Gesetze zu bestrafen. – »Man sollte doch,« fuhr der alte Herr mit einem bedeutungsvollen Blick auf seinen Sohn fort, »alle die jungen Herren zur äußersten Vorsicht ermahnen; wie leicht kann eine unvorsichtige Handlung sie für ihr ganzes Leben unglücklich machen!«

Frau von Wendenstein blickte sorgenvoll zu ihrem Sohne hinüber, Helene schlug die Augen nieder und zitterte leicht.

»Nun,« sagte der Leutnant lächelnd, »ich bin die Vorsicht selber, und ich hoffe auch, daß diejenigen meiner Kameraden, welche vielleicht etwas zu fürchten haben könnten – wenigstens die Vorsicht haben werden, sich nicht fangen zu lassen.«

»Ich habe heute einen ausführlichen Bericht von meinem Kommissionär erhalten,« sagte der alte Herr abbrechend, »und ich denke wegen des Kaufs von Bergenhof abzuschließen, damit wir zum Herbst dort einziehen und uns für den Winter bereits in der neuen Heimat behaglich einrichten können. Helene wird viel zu tun haben,« fügte er mit einem herzlichen Blick auf das junge Mädchen hinzu, »um sich ihr künftiges Reich zurechtzumachen, das sie freilich nicht ungeteilt beherrschen wird, denn die Mama wird wohl das Zepter nicht so leicht aus den Händen geben.«

Helene blickte errötend mit glücklichem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, dann sprang sie auf, und zu Frau von Wendenstein eilend, küßt sie ihr zärtlich die Hand.

Die alte Dame sah sie liebevoll an. »Nun,« sagte sie freundlich, »allmählich wird mir wohl die Regierung aus den Händen gewunden werden, zunächst wollen wir ein konstitutionelles Regiment einführen und Helene soll mein verantwortlicher Minister werden!«

Der alte Diener trat ein und überreichte dem jungen Herrn von Wendenstein ein gefaltetes Papier.

»Für den Herrn Leutnant,« sagte er.

Der junge Mann betrachtete das flüchtig gefaltete Billett mit einiger Verwunderung.

»Von wem?« fragte er.

»Ein mir unbekannter Mann übergab es mir,« sagte der Diener, »mit den Worten: Eiligst abzugeben, und unmittelbar darauf eilte er wieder fort, ehe ich weiter fragen konnte.«

Er entfernte sich.

»Sonderbar,« sagte der Leutnant, der das Billett entfaltet und gelesen hatte, »soeben kam eine Warnung von meinem Bruder, hier ist die zweite, direkter und dringender.« Er las:

»Es wird ein großer Schlag gegen die Offiziere vorbereitet. Man kennt ihre Pläne. Alle sind beobachtet. Leutnant von Wendenstein ist zu besonderer Aufmerksamkeit bezeichnet. Äußerste Vorsicht, wenn etwas zu besorgen – schleunigste Flucht. Ein Freund.«

»Das ist merkwürdig,« sagte der alte Herr, »es muß wirklich etwas im Werke sein, und geht man einmal vor, so wird die preußische Regierung nicht scherzen.«

Angstvoll blickte Helene auf das Blatt Papier – alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.

»Hast du gewiß nichts zu befürchten?« fragte Frau von Wendenstein, besorgt ihren Sohn anblickend.

»Nicht das geringste!« erwiderte dieser ruhig mit einem Blick auf seinen Vater, »ich bin ja hier ganz harmlos – und will mich verheiraten,« sagte er lächelnd, Helenens Hand ergreifend, »da konspiriert man nicht, man kann mich immer beobachten, selbst arretieren, verhören, man wird nichts an mir finden. Daß ich mit meinen alten Freunden und Kameraden freundschaftlich umgegangen bin, kann mich ja doch nicht strafbar machen.«

Ein plötzlicher Gedanke schien ihm zu kommen; er stand auf.

»Ich könnte zu aller Sicherheit –« sagte er.

Schnell trat der alte Diener abermals ein. Bestürzung und Unruhe lagen auf seinem Gesicht.

»Ein Polizeikommissär ist draußen und verlangt den Herrn Leutnant zu sprechen.«

Angstvoll blickten sich die Damen an. Ruhig und ernst erhob sich der Oberamtmann.

»Lassen Sie den Beamten eintreten!« sagte er mit fester Stimme.

Der Polizeikommissär trat ein, er trug Zivilkleidung; in militärischer Haltung grüßte er artig und sprach mit kurzem, aber höflichem Tone:

»Ich bedaure, eine unangenehme Störung zu veranlassen. Ich habe den Befehl, den früheren Leutnant Herr von Wendenstein zu arretieren.«

Frau von Wendenstein faltete die Hände und blickte still vor sich nieder, Helene war in ihren Stuhl zurückgesunken, blaß und bewegungslos lag ihr Kopf auf der Rücklehne.

»Mein Sohn wird Ihnen folgen,« sagte der Oberamtmann, »hier steht er.«

Und er deutete auf den jungen Mann, der lächelnd und ruhig vortrat.

Der Polizeibeamte verbeugte sich artig.

»Ist Ihnen bekannt, was meinem Sohne zur Last gelegt wird?« fragte der Oberamtmann.

»Ich habe nur den Befehl, den Herrn Leutnant zum Polizeidirektor Zu führen,« sagte der Beamte, »der Herr Direktor wird ihn selbst verhören, ich hoffe und wünsche, daß eine Aufklärung erfolge, welche alle weiteren unangenehmen Folgen abschneidet.«

»Dessen bin ich gewiß,« sagte der Leutnant, »darf ich einige Sachen mitnehmen für den Fall, daß ich vielleicht einige Tage in Haft bleiben sollte?«

»Es kann Ihnen gebracht werden, was Sie zu Ihrer Bequemlichkeit bedürfen, denn es ist Befehl gegeben, mit jeder möglichen Rücksicht zu verfahren. – Für jetzt aber muß ich Sie bitten, sich ohne Verzug zum Herrn Polizeidirektor zu begeben.«

Der Leutnant nickte mit dem Kopfe. Dann wendete er sich zu den Damen.

»Die Sache wird sich sehr bald aufklären,« sagte er ruhig und lächelnd, »man wird sich von meiner Harmlosigkeit überzeugen, ich komme vielleicht sogleich wieder zurück, jedenfalls morgen oder übermorgen.«

Er küßte seiner Mutter die Hand, die alte Dame blickte ihn mit tränenden Augen an und legte die Hand wie zum mütterlichen Segen auf sein Haupt. Dann wendete er sich zu Helene und schloß sie in seine Arme.

»Adieu, meine Geliebte – auf baldiges Wiedersehen!« sagte er leise und innig.

Das junge Mädchen war noch immer in einer Art von Erstarrung. Bei der Umarmung ihres Verlobten zuckte sie zusammen – sie sprach kein Wort – sie umfaßte seine Hand und drückte sie wie krampfhaft in die ihrige, dann heftete sie den Blick starr auf ihn, als wolle sie mit der magnetischen Kraft dieses Blickes ihn festhalten.

Der Leutnant reichte seinem Vater die Hand. – »Sende mir etwas Wäsche, irgend ein Buch und einige Zigarren!« sagte er, und zu dem Polizeikommissar sich wendend, fügte er hinzu: »Ich bin bereit, mein Herr.«

Er verließ das Zimmer, der Beamte folgte ihm.

Helene hatte ihn mit ihrem starren, unbeweglichen Blick verfolgt, bis die Türe sich hinter ihm schloß. Dann ließ sie das Haupt sinken, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und brach in leises Weinen aus.

»Seid ruhig,« sagte der alte Herr an den Tisch tretend und die Hand sanft auf Helenens Kopf legend, »es kann nichts gegen ihn vorliegen, ein falscher Verdacht – vielleicht ist seine Verhaftung ein Glück für die wirklich Kompromittierten, sie werden Zeit gewinnen, um sich in Sicherheit zu bringen.«

Der Leutnant war die Treppe herabgestiegen, vor dem Hause stand ein verschlossener Wagen. Der Beamte öffnete den Schlag – ein zweiter Polizeikommissär saß im Innern.

»Ich bitte Sie, einzusteigen,« sagte sein Begleiter zu dem jungen Mann, »mein Kollege hier wird Sie zum Polizeibureau führen.«

Ein wenig betroffen blickte ihn der Leutnant an, er stieg ein. Der erste der Beamten schloß den Schlag.

Der Wagen rollte rasch davon.

Wenige Minuten darauf trat der Polizeikommissär abermals in das Zimmer der Familie.

»Herr Oberamtmann,« sprach er, »ich muh Sie bitten, mich in das Zimmer Ihres Herrn Sohnes zu führen, ich habe Befehl, die strengste Durchsuchung anzustellen.«

Schweigend neigte der alte Herr das Haupt und schritt dem Beamten voran zum Zimmer seines Sohnes.

Dort angekommen, setzte er sich in einen Lehnstuhl und sprach:

»Erfüllen Sie Ihre Pflicht, mein Herr.«

Der Beamte warf einen forschenden Blick umher.

Er trat zu dem Sekretär.

»Haben Sie den Schlüssel hierzu?« fragte er.

»Mein Sohn hat ihn wahrscheinlich,« fügte der alte Herr, »wollen Sie ihn holen oder holen lassen?«

»Ich bedaure, keine Verzögerung eintreten lassen zu können,« erwiderte der Kommissar, »ich werde das Möbel auch ohne Schlüssel öffnen können, der Schaden soll nicht groß sein.«

Er zog eine starke, schmale Stange von poliertem Stahl aus der Tasche, schob sie vorsichtig in die feine Spalte der Schlußplatte, und indem er Zugleich einen gekrümmten Haken in das Schlüsselloch steckte, öffnete er mit einer leichten und geschickten Drehung das Schloß.

Der alte Herr sah ihm ruhig zu.

Der Beamte öffnete eine Schublade nach der andern. Es waren alle möglichen Gegenstände darin, wenig Papiere, einige Blätter mit flüchtigen Notizen. – Endlich zog der Beamte ein großes, versiegeltes Kuvert hervor. Rasch öffnete er dasselbe, und indem er mit geschickter und unabsichtlich erscheinender Wendung dem Oberamtmann den Rücken zukehrte, durchflog er schnell die Papiere, welche es enthielt. Er warf einige andere Blätter, Notizen, Rechnungen darauf. Dann wendete er sich, das ganze Paket in der Hand haltend, herum.

»Ich muß alle Papiere, welche dieser Sekretär enthält, mitnehmen,« sagte er in dienstlichem Tone.

»Sie werden nicht viel darin finden,« bemerkte der Oberamtmann mit ruhigem Lächeln.

Der Kommissar erhob ein wenig die Decken der Tische, blickte darunter, öffnete den Ofen, kurz nahm eine vollständige, aber im ganzen nicht sehr eingehende Durchsuchung vor.

Dann empfahl er sich höflich und verlieh das Haus mit eiligen Schlitten, dem Gebäude der Polizeidirektion zueilend.

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