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Europäische Minen und Gegenminen

Oskar Meding: Europäische Minen und Gegenminen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorOskar Meding
titleEuropäische Minen und Gegenminen
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
seriesUm Zepter und Kronen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel.

Die Kaiserin Eugenie saß in ihrem Salon in den Tuilerieen, ein halbgeöffneter Fensterflügel ließ die frische Luft eindringen, welche über die großen, im ersten Grün leuchtenden Bäume des Tuileriengartens hingestrichen war und sich mit allen Aromen des erwachenden Frühlings erfüllt hatte.

Der Kaiserin gegenüber saß in einfacher, dunkler Toilette ihre Vorleserin, Fräulein Marion, eine hübsche Erscheinung von bescheidener Haltung, mit stillen, anmutigen Zügen, vor ihr lagen einige geöffnete Briefe.

Die Kaiserin hielt in der Hand zwei jener eigentümlich gekrümmten Metallstäbchen, welche man durch geschickte Bewegung ineinanderfügen und wieder trennen mußte, ohne eine Gewalt anzuwenden, ein Problem, mit welchem sich damals ganz Paris beschäftigte und welches man »la question romaine« getauft hatte.

Fräulein Marion sah lächelnd zu, wie die schönen Finger ihrer Gebieterin sich vergeblich bemühten, die verschlungenen Enden der gekrümmten Stäbe auseinanderzubringen.

Ungeduldig warf die Kaiserin die »question« auf den Tisch.

»Ich werde niemals dahin kommen,« rief sie, »diese römische Frage zu lösen!«

»Und doch kommt es nur darauf an, einmal die richtige Bewegung erfaßt zu haben,« sagte Mademoiselle Marion mit sanfter Stimme, »dann ist die Sache sehr leicht. Ich bitte Eure Majestät, genau herzusetzen.«

Sie ergriff die Stäbchen und löste sie mit einer leichten Drehung von einander. Die Kaiserin folgte aufmerksam der Bewegung ihrer Hände, dann ließ sie den Blick sinnend durch das Zimmer schweifen und sprach mit einem kleinen Seufzer:

»Das ist wieder einmal der rechte Geist der Pariser, die ernsteste und schwerste Frage, welche je die Welt bewegt hat, verwandeln sie in ein Spielzeug! – Ich glaube wirklich,« sagte sie lächelnd, »wenn einer unserer Untertanen in der guten Stadt Paris den kleinen Kunstgriff gelernt hat, der diese Stäbchen bindet und löst, so ist er glücklich und glaubt den Schlüssel zur ›römischen Frage‹ gefunden zu haben!«

»Ist es nicht besser, Madame,« sagte Fräulein Marion, »daß die Pariser sich mit dieser römischen Frage beschäftigen, als wenn sie sich die Köpfe erhitzten über die große, wirkliche Frage, welche die Kabinette in Spannung erhält? Man muß daraus lernen, diesen großen Kindern stets zur rechten Zeit ein hübsches Spielzeug zu geben, sie werden dann von gefährlicheren Aufregungen fern bleiben.«

Die Kaiserin blickte vor sich hin, ihre schönen Züge nahmen einen ernsten Ausdruck an.

»Also mein liebenswürdiger Vetter im Palais Royal predigt jetzt den Krieg?« fragte sie langsam.

»Ich höre es von allen Seiten,« sagte Fräulein Marion, »Seine kaiserliche Hoheit soll sich sehr zornig über die bisherige Nachgiebigkeit gegen Preußen aussprechen und den Kaiser bestürmen, fest und energisch aufzutreten.

Die Kaiserin lächelte.

»Nun, das mag er tun!« sagte sie achselzuckend, »wenn es einen Eindruck macht, so dürfte es der entgegengesetzte sein. – Es ist aber wahrlich traurig,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »daß dieser Prinz, der uns eine Stütze sein sollte, alles tut, um das Kaiserreich zu diskreditieren und zu kompromittieren. Fast möchte man glauben, es läge eine böse Absicht dabei zugrunde!«

»O Madame,« sagte Fräulein Marion, »wie sollte das möglich sein? – der Prinz hat doch der Wiederaufrichtung des Kaisertums nicht wenig zu danken!«

»Er sieht sich als den eigentlichen Erben des ersten Kaisers an,« sagte die Kaiserin in ernstem Sinnen vor sich hinblickend, »er hat meinem Gemahl vielleicht verziehen, daß er den Thron eingenommen, aber er verzeiht ihm seine Heirat – und meinen Sohn nicht! – Es ist merkwürdig,« fuhr sie fort, »wie stolz diese Kinder Jérômes darauf sind, daß eine wirkliche purpurgeborene Prinzessin, eine deutsche Königstochter, ihre Mutter war. Zwar meine Cousine Mathilde ist eine geistreiche Frau von vortrefflichstem Herzen, sie beobachtet alle Déhors, aber sie liebt mich nicht, ich verstehe das,« fügte sie leise hinzu, »der Prinz aber, wo er kann, läßt er mich fühlen, wie feindlich er mir gesinnt ist, und bei jeder Gelegenheit markiert er die königliche Geburt seiner Gemahlin, der guten Clotilde, die daran gar nicht denkt. – Es liegt etwas darin,« sagte sie seufzend, »der Sohn des Prinzen hat eine Mutter und eine Großmutter aus jener Familie der Könige, welche sich für Wesen anderer Art halten, mein Louis hat nur die Namen Montijo und Beauharnais in seinem mütterlichen Stammbaum, an den Höfen Europas vergißt man das nicht! – Aber,« rief sie, indem ihre Lippe sich stolz über den weißen Zähnen kräuselte und ein flammender Strahl in ihrem Auge aufblitzte, »ist das Blut der Guzman von Alfarache nicht eben so edel, edler als das Blut so mancher Könige?«

»Eure Majestät folgen da Gedanken, welche wohl niemand zu hegen wagt,« sagte Fräulein Marion lächelnd.

»Wer weiß,« flüsterte die Kaiserin, »heute vielleicht nicht, aber es könnte eine Zeit kommen –. Jedenfalls,« sagte sie, den Kopf emporwerfend, »ist es traurig, daß dieser Prinz immer Verwirrung und Unruhe in die Familie und in das Land bringt, der Kaiser sollte strenger gegen ihn sein, aber er ist von einer merkwürdigen Schwäche diesem Tollkopf gegenüber, er hat eine abergläubische Verehrung vor dem Blut des großen Kaisers und die Ähnlichkeit des Prinzen mit seinem Oheim entwaffnet ihn, wenn er noch so zornig ist. – Ich weiß,« rief sie lebhaft, »daß die beißendsten Bemerkungen über mich und meine Umgebung im Palais Royal stets willkommen sind, es genügt, daß ich etwas wünsche, damit mein lieber Cousin das Gegenteil will, ich bin überzeugt, daß nur, weil ich die Erhaltung des Friedens wünsche, er mit aller Macht zum Kriege drängt!«

»Aber ist das nicht natürlich?« fragte Mademoiselle Marion, »ebenso wie Eure Majestät die Vertreterin des Friedens sind, als Frau, als die erste der Mütter Frankreichs, ebenso muß der Prinz die kriegerische Ehre und den Ruhm vertreten, als Mann, als Soldat –«

»Ein Soldat – er?« rief die Kaiserin, die Achseln zuckend, »oh,« sagte sie, den schönen Hals hoch emporstreckend und den Kopf zurückwerfend, »handelte es sich um einen Krieg, bei dem wirklich für Frankreich Ruhm und Ehre zu gewinnen wäre, – meine Stimme würde die erste sein, welche laut dazu drängte, – aber hier ist nur ein neuer Fehler zu machen, und alle Feinde des Kaisers und unseres Hauses, welche sich ja stets um den Prinzen sammeln, benutzen ihn, um diesen Fehler begehen zu lassen. – Dazu die Krankheit meines Sohnes, die Luft von St. Cloud hat noch nicht viel Besserung gebracht, oh, meine liebe Marion,« rief sie mit tief schmerzvollem Tone, die Hände faltend, »wenn dies Kind stürbe, was wäre ich?!« –

Mademoiselle Marion erhob sich rasch, ließ sich zu den Füßen der Kaiserin niedersinken und drückte ihre Lippen auf die Hand ihrer Gebieterin.

»Madame,« rief sie, »welche Gedanken.«

»Du bist ein treues Herz,« sagte die Kaiserin sanft und freundlich, »wie viele solche Herzen habe ich um mich,« fuhr sie mit dumpfer Stimme fort, »wo würden sie sein, alle, die sich vor mir neigen und mich mit den glühendsten Worten ihrer Ergebenheit versichern, wenn jemals ein Tag des Unglücks erschiene? –«

Und in schweigendem Sinnen strich sie sanft mit der Hand über das Haar ihrer Vorleserin.

Ein Schlag ertönte gegen die Türe. Der Kammerdiener Ihrer Majestät trat ein.

»Seine Exzellenz der Staatsminister.«

Die Kaiserin neigte den Kopf, Mademoiselle Marion stand auf.

»Das ist auch einer der wirklich Treuen und Ergebenen,« flüsterte sie, während der Kammerdiener Herrn Rouher die Tür öffnete.

»Weil er mit uns fallen würde,« murmelte die Kaiserin fast ohne die Lippen zu bewegen.

Der Staatsminister näherte sich mit ehrfurchtsvoller Verbeugung der Kaiserin, während Fräulein Marion geräuschlos durch eine innere Türe verschwand.

Die große, volle Gestalt des Herrn Rouher, der einen schwarzen Überrock mit der großen Rosette der Ehrenlegion trug, war weder anmutig noch imponierend, und auch sein Gesicht hatte auf den ersten Anblick wenig außergewöhnliches, der Mund lächelte freundlich, unter der breiten Stirn blickte das klare Auge scharf hervor, die Züge verschwanden fast in der glatten Rundung des Gesichts, dieser Mann, dessen Wort so lange die Kammer des Kaiserreichs mit souveräner Überlegenheit beherrschte, machte den Eindruck eines Advokaten oder Bureauchefs, nicht den eines leitenden Staatsmannes.

Nur wenn er zu sprechen begann, zeigte sich auf seinem Gesicht die feste und stolze Sicherheit dieses außergewöhnlichen Geistes, der mit seiner Arbeits- und Rezeptionskraft ohne Gleichen alle, auch die verwickeltsten Fragen zu durchdringen, zu beherrschen und in lichtvollem Vortrag so darzustellen verstand, wie er wollte, daß sie den Hörern erscheinen sollten; das Auge leuchtete nicht in dem warmen Schimmer der Begeisterung, sondern im klaren, scharfen Licht des durchdringenden, analysierenden Geistes, seine Worte reihten sich aneinander regelrecht und zusammenhängend, wie die Steine eines Baues, oder drangen scharf und schneidend im dialektischen Kampf gegen die Gegner vor, niemals gewann er das Herz der Hörer, er unterwarf ihren Verstand.

Die Kaiserin streckte, ohne aufzustehen, Herrn Rouher ihre schlanke, weiße Hand entgegen, welche dieser ehrerbietig an die Lippen zog. Dann setzte er sich auf einen Wink der Kaiserin ihr gegenüber.

»Eure Majestät haben mich wissen lassen,« sagte er, »daß Sie mir erlauben wollen, vor meinem Vortrag bei dem Kaiser Ihnen meine Ehrfurcht zu bezeigen, ich danke aufrichtigst für diese Gnade.«

Die Kaiserin sah ihn lächelnd an.

»Einem andern Manne gegenüber,« sagte sie, »würde ich einen Vorwand suchen, um zu dem zu kommen, was ich eigentlich sagen wollte, Ihnen gegenüber, mein lieber Herr Rouher, nützt das nichts, Sie würden mich doch sogleich durchschauen, also will ich Ihnen ohne Umschweife sagen, weshalb ich Sie habe rufen lassen!«

»Eure Majestät sehen mich glücklich,« sagte Herr Rouher, »daß ich Ihnen in irgendetwas nützlich sein kann.«

»Sie wissen, mein lieber Minister,« fuhr die Kaiserin fort, »daß die ganze politische Welt wieder in Unruhe versetzt ist. Diese unglückliche luxemburgische Sache, ich höre es mit Entsetzen, droht eine böse Wendung zu nehmen und uns in einen furchtbaren Krieg zu stürzen. – Ich habe eine große Scheu, mich in die Politik zu mischen, das ist nicht die Sphäre, in welcher mir die Pflicht bestimmt ist Frankreich zu nützen, aber es ist gewiß die allgemeine Politik der Frauen, für die Erhaltung des Friedens zu arbeiten, und ich möchte meine Stimme erheben so laut ich kann, um diese Kriegsgefahr zu beschwören. – Ich habe den Kaiser inständigst gebeten, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, und,« fügte sie mit einem graziösen Lächeln hinzu, indem sie die rosigen Spitzen ihrer Finger aneinanderlegte, »ich möchte nun auch Sie noch besonders bitten, Sie, die festeste Stütze des Kaisers, seinen treuesten Ratgeber, helfen Sie mir den Frieden erhalten, werfen Sie Ihr gewichtiges Wort in die Wagschale, damit Frankreich, das noch aus den alten Wunden blutet, nicht von neuem einem so grausamen Kampf entgegengeführt werde.«

Der Staatsminister hatte die Kaiserin bei ihren ersten Worten ein wenig betroffen angesehen, dann hatte er mit dem unbeweglichsten Ausdruck ehrerbietigster Aufmerksamkeit sie bis zu Ende angehört.

»Es ist natürlich,« sagte er in verbindlichstem Tone, »daß Eurer Majestät edles Herz vor den Schrecknissen eines Krieges zurückbebt, obgleich ich weiß, daß Sie auch mit tapferen und stolzen Wünschen die Fahnen Frankreichs begleiten, wenn sie für den Ruhm des Vaterlandes in die Ferne getragen werden –«

Die Kaiserin drückte die Zähne leicht in die Unterlippe, sie senkte einen Augenblick das Auge zu Boden.

»Auch ich,« fuhr Herr Rouher ohne Unterbrechung fort, »gehöre gewiß nicht zu denen, welche in chauvinistischer Überreizung das Heil Frankreichs nur in ewigen Kriegen, in einer unendlichen Aufhäufung blutiger Ruhmestrophäen erblicken, aber,« sagte er mit festem Tone, »ich habe es niemals verhehlt, weder vor dem Kaiser, noch vor den Vertretern des Landes, daß dieser alle Dämme des europäischen Vertragsrechts niederreißende Sieg Preußens bei Sadowa mir patriotische Beklemmungen verursacht hat. – Ich habe lebhaft davon abgeraten,« fuhr er fort, »daß der Kaiser sich damals zwischen die erhitzten Gegner stürzen möge, wie viele verlangten, man muß die Finger nicht in siedendes Wasser tun, ich finde auch nicht, daß die Form Deutschlands, welche als Endresultat des Krieges von 1866 übriggeblieben ist, für Frankreich absolut nachteilig ist, es lassen sich vielmehr aus den jetzigen Zuständen noch manche Vorteile für unsere Politik ziehen, allein die Gleichgewichtsverhältnisse in Mitteleuropa sind so wesentlich gestört, dieser preußische Degen, dessen Spitze, wie Herr Thiers früher schon sagte, gegen die Brust Frankreichs gerichtet wurde, ist so viel stärker und scharfer geworden, daß in der Tat eine Notwendigkeit da ist, die Spitze etwas abzustumpfen, um das Gleichgewicht durch eine entsprechende Kompensation wiederherzustellen. Beides wird durch die Abtretung Luxemburgs erreicht. Luxemburg in preußischen Händen ist die Spitze des Degens, in den unsrigen ist es ein starker Schild. – Ich fürchte übrigens nicht.« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, »daß es zum Kriege kommt, man scheut in Berlin vor dem äußersten zurück, und wenn wir nur fest auftreten und nicht Zurückweichen –«

»Glauben Sie das nicht!« rief die Kaiserin lebhaft, »die preußische Zurückhaltung und Mäßigung ist nur Schein, man bereitet eine mächtige und allgemeine Aufwallung des deutschen Nationalgefühls vor, die Interpellation in der Versammlung des Reichstags ist das Losungswort gewesen, und wenn dies gelungen ist – so wird man anders sprechen. Ich bin sicher, daß man zum Kriege entschlossen ist. – Haben Sie den Grafen Goltz gesprochen?« fragte sie.

»Nein,« sagte der Staatsminister.

»Nun,« rief die Kaiserin, »ich habe ihn gestern gesehen, Sie wissen, wie tief er es beklagt, daß im vorigen Jahre keine endliche volle Verständigung zwischen Frankreich und Preußen hergestellt ist, wie sehr er die Erhaltung der guten Beziehungen wünscht, welche gesichert waren,« fügte sie nachdenklich mit leiserer Stimme hinzu, »wenn er die preußische Politik leiten könnte, er ist überzeugt, daß man in Berlin zum äußersten entschlossen ist, und hat mich beschworen, dahin zu wirken, daß man hier den Konflikt nicht auf die Spitze treiben möge.«

»Nun,« sagte Herr Rouher mit ruhigem Tone, »und wenn es zum Kriege käme? – wir würden schnell Luxemburg besetzen, die widerstrebenden Elemente in Deutschland würden Preußen große Verlegenheiten bereiten, und man würde zuletzt in Berlin froh sein, nachdem die Degen gekreuzt sind, um den mäßigen Preis von Luxemburg die unbestrittene Führung in Deutschland, die definitive Anerkennung der Erfolge von 1866 erkaufen zu können.«

»Aber wir haben keine Allianzen!« rief die Kaiserin, »während Preußen Italien hat, Rußland, das heimliche Wohlwollen dieser materiellen englischen Politik –«

»Die Geschichte zeigt,« sagte der Staatsminister, »daß das ängstliche Suchen nach Allianzen Frankreich niemals weder Stärke noch Vorteil gebracht hat, Napoleon I. hatte keine Allianzen, seine Allianzen waren die Folge seiner Siege –«

»Napoleon I.!« rief die Kaiserin mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. – »O ich sehe es wohl,« sagte sie dann traurig mit tiefem Seufzer, »mein Wort findet nirgends Gehör, und doch,« fuhr sie fort, das Auge emporrichtend und die Hände faltend, »doch habe ich nie tiefer und sehnlicher gewünscht, die Schrecken des Krieges beschwören zu können, die Gefahr, welche das Leben des kaiserlichen Prinzen bedrohte und welche noch immer nicht vorüber ist – läßt mich tiefer als je empfinden, was es heißt, seine Söhne der Todesgefahr auf den Schlachtfeldern entgegenzuschicken, und mehr als je fühle ich mich als Vertreterin der Angst und der Besorgnisse aller Mütter Frankreichs. – Außerdem,« fuhr sie mit einem langen Blick auf das ruhig unbewegliche Gesicht des Staatsministers fort, »außerdem sehe ich weiter, und die Konsequenzen dieses Krieges würden gefährlich zurückwirken auf unsere inneren Zustände.«

»Ich glaube, ein festes Auftreten nach außen würde nur zur Befestigung der inneren Verhältnisse beitragen und alle widerstrebenden Elemente zum Schweigen bringen,« sagte der Staatsminister ruhig.

»Wenn man im Innern ebenfalls fest bleibt,« erwiderte die Kaiserin, »aber leider haben diejenigen, welche dem Kaiser zum Kriege raten, ganz besondere Absichten, die ich genau sehe – und die,« fügte sie seufzend hinzu, »vielleicht nicht ohne Aussicht auf Erfolg sein möchten.«

»Welche Absichten könnte man haben, die man durch einen Krieg zu erreichen hoffte?« fragte Herr Rouher, indem ein leichter Strahl von erhöhter Aufmerksamkeit in seinem Auge erglänzte.

»Mein Gott,« sagte die Kaiserin, indem sie leicht mit dem einen Stäbchen der question romaine spielte, welches vor ihr auf dem Tische lag, »Sie wissen, ich sehe so manches und muß manches sehen, weil die Interessen von allen Seiten sich an mich drängen und meine Feinde durch ihre Bosheit, meine Freunde durch ihren Eifer dafür sorgen, daß mir nichts entgeht, so sehe ich denn auch jetzt eine starke Pression, die man gegen den Kaiser ausübt, um die Zügel der Regierung zu lockern und ein System des Parlamentarismus einzuführen, es ist da eine lange Linie zum Angriff aufgestellt, an ihrer Spitze steht mein Vetter Napoleon, im Hintergrunde rückt Herr Ollivier heran –«

»Emile Ollivier?« rief Herr Rouher, indem er fast einen Sprung auf seinem Stuhle machte, »dieser Träumer, dieser eitle Geck, dessen Kopf voll Phrasen und Widersprüchen und dessen Herz voll kraftlosen Ehrgeizes ist? – Ich kenne ihn,« fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, »ich weiß, was dieser Spartaner wert ist, aber wie hängt er mit der Kriegsfrage zusammen?«

»Sehr einfach,« sagte die Kaiserin mit einem scharfen Blick, der schnell unter den leicht gesenkten Augenlidern hervorblitzte, »man sagt dem Kaiser, daß nun, nachdem das Kaiserreich fast zwanzig Jahre besteht, das System der straffen Konzentrierung der Gewalt nicht mehr nötig sei, es erbittere die Gemüter, entfremde sie der Dynastie und lasse den Thron vor den Augen Europas als unsicher erscheinen, man müsse jetzt ein neues parlamentarisches System inaugurieren und die Kräfte der Opposition in die Regierungssphäre hineinziehen, um für den kaiserlichen Prinzen eine Institution zu schaffen, welche unabhängig von der persönlichen Überlegenheit des Souveräns die Dynastie zu tragen und zu stützen geeignet sei.«

Herr Rouher zuckte die Achseln.

»Um aber das System des persönlichen Regiments aufzugeben,« fuhr die Kaiserin in fast gleichgültigem Tone fort, »muß – so sagt man dem Kaiser – dies System auf der Höhe seines Prestige stehen, weil sonst das Volk nicht an ein freies Geschenk glauben und dafür danken, sondern glauben würde, einen Tribut der Schwäche zu empfangen.«

»Solche Konzessionen sind immer Schwäche!« rief der Staatsminister, indem eine zornige Röte sein Gesicht überflog.

»Nun ist aber das Prestige des persönlichen Regiments schwer erschüttert,« fuhr die Kaiserin immer in demselben Tone fort, »durch die Zurückhaltung Frankreichs der deutschen Katastrophe gegenüber –«

»Schon vorher durch den kläglichen Ausgang der mexikanischen Expedition!« rief Herr Rouher in brüskem Tone.

Ein jäher Blitz sprühte aus dem Auge der Kaiserin, sie drückte das Metallstäbchen, das sie in der Hand hielt, so heftig, daß ein roter Streif ihre weißen Finger färbte, aber kein Zug ihres Gesichts änderte sich, in noch ruhigerem Tone als bisher fuhr sie fort:

»Man hat zum ersten Male gesehen, daß eine solche Erschütterung der europäischen Verhältnisse sich vollzieht, ohne daß Frankreich gefragt oder gehört wird, dieser Eindruck muß beseitigt werden, wenn aber Frankreich das Prestige wiederhergestellt hat, wenn der Kaiser die Kompensationen, welche wir bedürfen, dem französischen Volk und seinem Selbstgefühl geboten, wenn er dasteht an der Spitze siegreicher Heere, wenn sein Wort wieder gehört wird in Europa, dann – so sagt man – sei der Augenblick gekommen, um die neuen Institutionen zu begründen, welche einst den Thron unseres Sohnes sichern sollen. – Ich,« fuhr sie seufzend fort, »kann in diesen Institutionen kein Heil erblicken, ich finde, daß das Kaiserreich der ernsten, festen, konzentrierten Gewalt bedarf, um diese unruhigen Franzosen zu beherrschen, ich habe deshalb nach allen Kräften gegen diese Ideen angekämpft – und auch aus diesem Grunde alles getan, um den Kaiser vom Kriege abzuhalten, indes,« sagte sie achselzuckend, »vielleicht täusche ich mich, ich bereue schon, daß ich meinem Prinzip untreu geworden bin, mich jemals, auch in der besten Absicht, in die Politik zu mischen –«

»Und der Kaiser?« fragte Herr Nouher, welcher mit immer steigender Aufmerksamkeit den Worten der Kaiserin gefolgt war, »der Kaiser? – was sagt er zu diesen Träumereien?«

»Der Kaiser?« sagte die Kaiserin, »mein Gott, Sie kennen ihn ja, er sagt nichts, er hört zu, indes bemerke ich, daß er lange und aufmerksam zuhört – Sie wissen ja, welchen Einfluß auf ihn große liberale und zivilisatorische Ideen stets haben, ich glaube – soll ich sagen, ich fürchte – daß er im Herzen zu jenen Leuten hinneigt, welche das Kaiserreich zu einer großen parlamentarischen Apotheose führen möchten, doch,« unterbrach sie sich, »lassen wir das, ich überschreite den Kreis, den ich mir mit bestimmten Grenzen vorgezeichnet habe, außerdem habe ich einen peinlichen Gegenstand berührt,« fügte sie mit dem Ausdruck der Verlegenheit hinzu, »denn bei allen diesen Erörterungen kommt ja auch Ihre Person sehr wesentlich in Frage! – Also, mein lieber Minister,« sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »vergessen Sie, daß ich mit Ihnen Politik gesprochen, nehmen Sie meine Äußerungen für nichts anderes, als für die ängstlichen Aufwallungen einer Frau, die,« sagte sie mit leichter Neigung des Hauptes, »einen so starken Geist wie den Ihrigen, der so lange gewohnt ist, die Politik zu übersehen und zu beherrschen – nicht einen Augenblick irremachen sollen. – Ich fürchte und verabscheue diesen drohenden Krieg, deswegen spreche und handle ich dagegen, so viel ich kann, Sie sehen ihn anders an, der Kaiser wird entscheiden und der Stern Frankreichs wird alles zum Guten führen.«

Und sie lächelte mit einer Miene, welche deutlich sagte, daß dies Gespräch nunmehr zu Ende sein solle.

»Haben Sie schon gesehen,« fragte sie, die beiden kleinen Stäbe emporhebend, »auf welche Weise die guten Pariser jetzt die römische Frage lösen? – Sehen Sie, dies kleine Spielzeug hat man die question romaine getauft, es kommt darauf an –«

»Ich bitte Sie, Madame,« sagte der Staatsminister, ohne die question romaine der Kaiserin zu beachten, »ich bitte Sie, meine Äußerungen vorhin nicht so aufzufassen, als ob ich den Kaiser wegen dieser luxemburgischen Frage zum Kriege drängen wolle, der Krieg ist das Äußerste und Letzte, und wenn Frankreich sich selbst auch eine feste Haltung schuldig ist, so darf man die Dinge darum doch noch nicht bis zur Grenze des blutigen Konflikts treiben. – Eure Majestät können überzeugt sein –«

»O ich bitte Sie, mein lieber Herr Rouher,« rief die Kaiserin, »lassen wir das, Sie dürfen Ihre Ansichten in keiner Weise durch meine vielleicht recht törichten Befürchtungen beeinflussen lassen, vergessen Sie das alles, ich bitte darum! – Sehen Sie,« sagte sie, die Stäbchen ungeduldig hinwerfend, »auf diese Weise durch geschmeidiges Ineinanderfügen kann ich die römische Frage nicht lösen. – Niemals, niemals, niemals!« rief sie, mit feinem Lächeln in das erregte Gesicht des Staatsministers blickend.

»Madame,« rief Herr Rouher aufstehend, »Eure Majestät mögen überzeugt sein, daß, wenn immer die Lage der Dinge eine friedliche Lösung möglich macht, ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre so natürlichen und edlen Wünsche zu unterstützen und den Frieden nach außen zu erhalten.«

»Der Friede nach außen,« sagte die Kaiserin mit anmutigem Lächeln, »das ist die starke Regierung im Innern – dann sind wir ja Alliierte, mein lieber Minister, ich hatte das kaum gehofft, aber ich bitte Sie nochmals, nur nach Ihrer Überzeugung zu handeln, nichts um meinetwillen –«

»Eure Majestät haben die Gnade gehabt, mich als Ihren Alliierten zu bezeichnen,« sagte der Staatsminister, »ich hoffe, daß meine erhabene Alliierte auch hier im Innern mir zur Seite stehen wird gegen die Feinde, welche die starken und festen Institutionen des Kaiserreichs zerbröckeln möchten –«

»Wenn die Zweige des Ölbaumes Europa beschatten,« sagte die Kaiserin mit seinem Lächeln, »so bedürfen wir keinen Ollivier im heimischen Garten Frankreichs!«

Und mit anmutigem Lächeln sich erhebend, reichte sie dem Staatsminister die Hand; dieser führte sie an die Lippen und verließ, sich tief verneigend, den Salon.

Die Kaiserin blickte ihm lächelnd nach.

»Die einen lenkt man mit der Hoffnung,« fügte sie leise, »die anderen mit der Furcht. – Dieser hat nichts mehr zu wünschen, man muß ihn fürchten lassen!«


Während dies im Salon der Kaiserin vorging, saß Napoleon III. in seinem Kabinett, ihm gegenüber der Marquis de Moustier, welcher verschiedene Papiere auf den Schreibtisch des Kaisers gelegt hatte.

Napoleon sah finster und erregt aus, in sich zusammengesunken saß er da, sein Schnurrbart, den er immer von neuem in ungeduldiger Bewegung durch die Finger gleiten ließ, hing weniger sorgfältig geordnet als sonst über die Lippen herab, er hielt eine Zigarette in der Hand, aber sie war ausgegangen, das Auge des Kaisers blickte trübe und verschleiert zu Boden.

»Benedetti hat eine große Verantwortung auf sich geladen,« sagte der Marquis de Moustier mit leicht erregter Stimme, »indem er die Depesche, welche ich ihm über den Vertrag mit Holland gesendet, zurückhielt. Sie jetzt noch abzugeben, würde eine fast direkte Kriegserklärung sein, nachdem die Interpellation im deutschen Reichstag stattgefunden, aber jedenfalls müßte,« fuhr er mit eindringlichem Ton fort, »der Botschafter ernstlich getadelt werden, es scheint mir überhaupt zweifelhaft, ob wir einen Vertreter in Berlin lassen können, der so unter dem persönlichen Einfluß dieses Grafen Bismarck steht –«

»Lassen Sie die Sache auf sich beruhen,« sagte der Kaiser, »Benedetti hat vielleicht Frankreich einen großen Dienst geleistet,« fügte er sinnend hinzu.

Der Marquis verneigte sich schweigend mit unzufriedener Miene, welche deutlich ausdrückte, daß er die Auffassung seines Souveräns nicht teile.

»Es ist ein böses Spiel,« sagte der Kaiser nach einer kleinen Pause in dumpfem Ton, »das uns diese Indiskretion des Königs von Holland da gemischt hat, eine so einfache, natürliche Sache, die so leicht zu ordnen schien, bei der ich so wenig ernsten Widerstand voraussetzen durfte, ist da hinaufgeschraubt worden zu einem gewaltigen Konflikt, zu einer europäischen Frage – bis an die Grenzen des Krieges, o wenn ich das gewußt hätte,« rief er seufzend, »ich hätte die ganze Sache nicht angerührt, wenigstens jetzt nicht!«

»Aber glaubten denn Eure Majestät wirklich,« fragte der Marquis verwundert, »daß die Erwerbung von Luxemburg ganz ohne Widerspruch von seiten des Berliner Kabinetts vor sich gehen könne?«

»Ich glaubte es,« sagte der Kaiser, »oft habe ich früher Andeutungen über diese Sache machen lassen, ich habe nie eine bestimmte Antwort erhalten, aber eben dies ließ mich glauben, daß man in Berlin geneigt sei, diese Konzession zu machen, um eine definitive Verständigung zu erreichen, ich habe angenommen, man wolle nicht ausdrücklich zustimmen, aber man würde zufrieden sein, das fait accompli akzeptieren zu können – und nun –?«

»Aber halten denn Eure Majestät,« fragte der Marquis, »diesen jetzigen Widerstand für ernst? – ich glaube,« sagte er lächelnd, »man will durch einiges Sträuben, durch einige Schwierigkeiten den Wert der Konzession nur größer machen!«

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

»Sie täuschen sich,«, sagte er dann, »dieser Widerstand ist ernst. Die Interpellation im Reichstag würde nicht stattgefunden haben, wenn Graf Bismarck sie ernstlich nicht gewollt hätte, und daß er die Frage auf diesen Weg bringt, beweist mir unwiderleglich, daß er fest entschlossen ist, nicht nachzugeben, denn das deutsche Nationalgefühl wird sich mehr und mehr erhitzen, und das deutsche Nationalgefühl, wenn es einmal aufgeregt wird, ist eine furchtbare Waffe in der Hand eines Mannes, wie dieser preußische Minister. – Wissen Sie, mein lieber Marquis,« sagte er nach einer kleinen Pause, indem er sich etwas emporrichtete und mit großem, starrem Blick den Minister ansah, »wissen Sie, was mich an dieser ganzen Sache so peinlich, ich möchte sagen, unheimlich berührt, das ist nicht die fehlgeschlagene Kombination, nicht die Hindernisse, welchen ich in dieser speziellen Frage begegne, man könnte ja leicht eine andere Kombination, ein anderes Arrangement finden, aber,« fuhr er mit dumpfem Tone fort, »ich begegne hier abermals jenem festen, kalten, trotz der ruhigsten Form so rücksichtslos abweisenden Widerstand, den dieser preußische Minister allen meinen Schritten entgegensetzt, um zwischen dem neuen Deutschland und Frankreich ein festes, freundliches Verhältnis herzustellen, eine Allianz zu knüpfen, welche nach meiner Überzeugung die Welt beherrschen müßte! – Er betont stets seinen Wunsch, mit mir in den besten Beziehungen zu leben, aber jedesmal, wenn ich die Basis dazu schaffen will, weist er mein Entgegenkommen zurück. – Wohin soll das führen? Kann Frankreich ruhig, ohne seinerseits sich zu stärken, dieses übermächtige Anwachsen der deutschen Macht ansehen? – Das muß endlich zu einem harten, furchtbaren Kampfe führen, zu einem Kampf der Rassen, in welchem nicht nur die politische Macht Deutschlands und Frankreichs gegeneinander streiten werden, sondern in welchem gerungen werden wird zwischen der germanischen und der lateinischen Rasse um den ersten Platz in Europa!«

»Wenn Eure Majestät überzeugt sind, daß dieser Kampf endlich mit unvermeidlicher Notwendigkeit kommen muß,« sagte der Marquis de Moustier, wahrend der Kaiser düster vor sich hinstarrte, »dann ist es doch in der Tat richtiger, die Ereignisse zu beherrschen, wozu sich jetzt die beste Gelegenheit bietet, statt sie später vielleicht über uns hereinfluten zu lassen. – Halten Eure Majestät fest, zeigen Sie jetzt, bevor die deutsche Macht sich konsolidiert hat, dem preußischen Kabinett einen ernsten Willen und einen unbeugsamen Entschluß, ich bin überzeugt, daß man dort zurückgehen wird –«

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

»Und wenn nicht,« rief der Marquis, »nun so werden wir schlagen, so werden wir endlich diesen übermütigen Soldaten von Sadowa zeigen, daß Frankreich nicht Österreich ist –«

»Wir stehen allein,« sagte der Kaiser zögernd.

»Nicht ganz, Sire,« erwiderte der Marquis, »wir haben wirksamere Bundesgenossen, als die Kabinette es vielleicht sein würden, wir haben alle die widerwillig unterworfenen Elemente in Deutschland, die katholischen Parteien Süddeutschlands, welche auf ihre Regierungen drücken werden, wir haben Hannover, das unter dem preußischen Zügel schäumt, wir haben die Bevölkerung von Luxemburg selbst, welche nicht ermangeln wird, vor ganz Europa eine Demonstration zu machen.«

»Sind Sie dessen gewiß?« fragte der Kaiser.

Der Marquis ergriff ein kleines Heft, welches vor ihm auf dem Tische lag.

»Hier ist,« sagte er, »ein sehr ausführlicher und interessanter Bericht von Herrn Jaquinot über die Zustände im Großherzogtum –«

»Herr Jaquinot?« unterbrach der Kaiser mit fragendem Ton.

»Er ist Präfekt von Verdun, Sire,« erwiderte der Marquis, »Sohn des Generals Jaquinot, er hat ein Fräulein Collart aus Luxemburg geheiratet und die Familie seiner Frau dort oft besucht, viel beobachtet und seine Beobachtungen mit großem Geschick zusammengestellt; er konstatiert, daß die ganze Bevölkerung des Großherzogtums französisch gesinnt ist, die Bemühungen, welche früher zwei Männer besonders« – der Marquis blätterte suchend in dem Bericht, den er in der Hand hielt – »zwei Männer, namens Friedemann und Stammer, zur Verbreitung der deutschen Sprache und Literatur gemacht, sind erfolglos geblieben, die Handels- und Verkehrsbeziehungen ziehen die Bevölkerung ebensosehr als Sprache und Sitten zu uns, man wird uns bei lauten Kundgebungen in diesem Sinne nicht vorwerfen können, daß wir deutsches Gebiet beanspruchen.«

»Wollen Sie mir den Bericht hier lassen,« sagte der Kaiser, nahm das Heft aus der Hand seines Ministers und legte es auf den Tisch neben sich. – »Sie sprachen von Hannover?« fragte er dann, »glauben Sie, daß dort auf etwas Ernstes zu rechnen sei? – das wäre besonders wichtig!«

»Alle Berichte lauten übereinstimmend dahin,« erwiderte der Marquis, »daß die Bevölkerung Hannovers im höchsten Grade widerwillig die preußische Herrschaft erträgt, auch habe ich heute die Nachricht erhalten, daß eine starke Anzahl früherer hannoverischer Offiziere und Soldaten sich in Arnheim in militärischer Ordnung sammeln –«

»In der Tat?« fragte der Kaiser, »das wäre ein wichtiger Punkt, ein deutsches Volk auf unserer Seite, die Nachkommen der Soldaten von Waterloo, man muß sogleich Kundschafter dorthin schicken und Baudin instruieren –«

»Zu Befehl, Sire,« sagte der Marquis, »übrigens schreibt der Herzog von Gramont, daß der König von Hannover einen persönlichen Vertreter hierher senden wolle, man wird dann eine nähere Verbindung anknüpfen können –«

»Ich habe davon gehört,« sagte der Kaiser, »der König Georg ist trotz seiner Entthronung einer der vornehmsten Herren Europas, und ich kann trotz der völkerrechtlichen Stellung zu Preußen persönliche Beziehungen zu ihm fortsetzen, man wird seinen Vertreter mit den äußersten égards umgeben; diese hannoverische Frage ist eine Sache,« sagte er lächelnd, »die wir in einem Schubfach unseres politischen Archivs sorgfältig bewahren müssen, ohne uns zu engagieren, es kann ein Augenblick kommen, wo wir sie daraus hervorziehen werden, – Ich habe,« sprach er langsam, »die Veränderungen in Deutschland, die Annexionen der souveränen Staaten akzeptiert, nicht anerkannt, das ist eine Nüance,« fügte er mit sarkastischem Lächeln hinzu, »die ich von den legitimen Kabinetten bei der Ausrichtung des Kaiserreiches gelernt habe, sollte aus irgendeinem Grunde ein Konflikt ausbrechen, so habe ich das volle Recht, die ganze deutsche Frage als eine offene zu betrachten und zu behandeln.«

»Nimmt man nun,« fuhr der Marquis fort, »die Zustände in Hannover, die Verhältnisse in Süddeutschland zusammen, denkt man dann an den Krieg in der Weise, daß eine Armee, durch die Flotte unterstützt, von Holland aus auf Hannover hin operiert, daß sodann die Hauptmacht, den Feldzug Moreaus wiederholend, vom Süden heraufdringt und immer an der Grenze der süddeutschen Staaten, deren Bevölkerungen durch unsere Agenten vorbereitet werden, die Alternative stellt: Allianz oder feindliche Invasion, so müssen mir Eure Majestät zugestehen, daß diese Chancen vielleicht schwerer wiegen, als die Allianzen und Versprechungen europäischer Höfe. Preußen wird so viel Truppen brauchen, um seine Feinde im Innern zu bewachen und niederzuhalten, daß ihm nur wenige übrigbleiben werden, um sie unseren Armeen entgegenzustellen.«

Der Kaiser lächelte. »Da ist mein Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der Kriegspläne macht, Sie haben den Marschall Niel gesprochen?«

»Ich gestehe, Sire,« sagte der Marquis, »daß ich ein wenig den Marschall sondiert habe, indes ergibt sich jener Feldzugsplan ebensosehr aus politischen Gesichtspunkten, wie aus militärischen.«

»In der Tat,« sprach der Kaiser mehr zu sich selber, als zu dem Marquis, »sind das die Gedanken Niels, nur für später, er ist noch nicht fertig, auch will er einen Winterfeldzug machen!«

»Eure Majestät sind also entschlossen.« fragte der Minister, »ernsthaft und rücksichtslos vorzugehen?«

»Rücksichtslos?« sagte der Kaiser, »das würde unsere Position nicht verbessern; man muß uns nicht vorwerfen können, die Brandfackel in das politische Gebäude Europas geschleudert zu haben, auch ist die Situation noch nicht ganz klar. Gramont wird hierher kommen?«

»In diesen Tagen,« erwiderte der Marquis, »ich kann nach seiner Nachricht ihn heute schon erwarten.«

»Ich bin begierig, ihn zu sprechen,« sagte der Kaiser, »dieser Herr von Beust macht aus Österreich eine so komplizierte Maschine, daß ich fürchte, er wird sehr bald selbst die Direktion verlieren und diesen originellen Mechanismus nicht mehr bewegen können. – Apropos,« unterbrach er sich, »Österreich spielt ein merkwürdiges Spiel im Orient! Mich erfüllt das mit einiger Besorgnis. Sollte Herr von Beust, der sich zuweilen in höchst sonderbaren Gedanken und Experimenten gefällt, an eine Wiederaufrichtung jener alten, sogenannten heiligen Allianz denken, die wir mit so vieler Mühe getrennt haben? Er macht Rußland merkwürdige Avancen – die Revision des Vertrages von 1856 –«

»Eure Majestät sind ja selbst zu einer solchen Revision bereit,« warf der Marquis ein.

»Wenn ich,« sagte der Kaiser lächelnd, »eine Basis der Verständigung mit Rußland habe, so ist es darum nicht nötig, daß Herr von Beust sich das Verdienst derselben aneignet, eine östliche Koalition ist dasjenige, was vor allem um jeden Preis vermieden werden muß, sie könnte mit logischer Notwendigkeit ihre Spitze nur gegen uns kehren.«

»Also würden wir uns gegen die österreichischen Provositionen erklären müssen?« fragte der Marquis.

»Dadurch würden wir gerade das hervorrufen, was wir vermeiden wollen,« sagte der Kaiser, seinen Schnurrbart drehend, »wir dürfen weder Rußland feindlich gegenübertreten, noch auf der anderen Seite dulden, daß die orientalische Frage irgendwie einer endgültigen Lösung oder auch nur einem vorläufigen Abkommen entgegengeführt werde. – Wir müssen Österreich überbieten!« setzte er nach einem kurzen Nachdenken hinzu.

Der Marquis machte eine Bewegung des Erstaunens.

»Wir müssen es so weit überbieten, daß – alles beim alten bleibt!« sagte der Kaiser lächelnd.

»Ah!« machte der Marquis, indem er mehrmals mit dem Kopfe nickte.

»Lassen Sie uns vorschlagen, daß Kandia, Thessalien und Epirus, um der dortigen Unzufriedenheit ein- für allemal ein Ende zu machen, gänzlich von der Türkei abgetrennt und mit Griechenland vereinigt werden mögen! – das wird dann schließlich England erwecken – und es wird alles bleiben, wie es war. – Jedenfalls darf Österreich kein Weg zu anderen Allianzen offen gelassen werden!«

Der Marquis verneigte sich.

»Aber,« sagte er dann, »um auf die luxemburgische Frage zurückzukommen, Eure Majestät befehlen also, daß unsere Sprache in derselben sehr fest und energisch sein solle –«

»Ahmen wir das Beispiel unseres Gegners nach,« sagte der Kaiser, »und hüllen wir uns zunächst in eine kühle Zurückhaltung, echauffieren wir uns nicht vor der Zeit, die Sache wird ja doch vor eine europäische Konferenz kommen, es ist das gar nicht zu vermeiden, engagieren wir uns also nach keiner Richtung –«

»Aber, Sire,« rief der Marquis, »sollen wir denn eine neue direkte moralische Niederlage ertragen?«

»Wir wollen Zeit gewinnen,« sagte der Kaiser mit freundlichem und verbindlichem Lächeln, »und das ist ein großer Gewinn.«

Der Marquis biß mit unzufriedener Miene auf seinen kleinen Schnurrbart.

»Übrigens,« fuhr der Kaiser fort, »dürfen wir nicht versäumen, eine energische Aktion vorzubereiten, ich bitte Sie, mein lieber Marquis, sich mit Lavalette zu verständigen, um durch die Presse auf die öffentliche Meinung wirken zu lassen, damit die nationale Seite ein wenig anklinge, auch wird es gut sein, die militärischen Rüstungen scharf zu betreiben und einige Truppen gegen die Grenze zu dirigieren. – Ich werde mit dem Marschall Kriegsminister sogleich darüber sprechen.«

Die Züge des Ministers klärten sich auf.

»Lord Cowley hat die bons offices Englands angeboten,« sagte er dann, »er hat auch eine Audienz bei Eurer Majestät erbeten und wird wahrscheinlich bald hier sein.«

Napoleon zuckte die Achseln.

»Wo es die Verkleisterung eines Konfliktes gilt, sei es auch nur auf sechs Wochen – da ist man der bons offices Englands sicher!« sagte er, »ich werde ihn empfangen, um die Phrasen zu hören, die ich schon zum voraus genau kenne! Ich bitte Sie, sogleich wiederzukommen, mein lieber Marquis,« fügte er hinzu, »sobald Sie neue Nachrichten von Wichtigkeit haben.«

Der Marquis stand auf, faltete seine Papiere zusammen und entfernte sich, indem er mit tiefer Verbeugung sprach:

»Ich wünsche, daß es Frankreich diesmal vergönnt sein möge, Reparation für Sadowa zu erlangen.«

Der Kaiser blickte ihm lange schweigend nach. Sein Auge verschleierte sich tiefer und tiefer, sein Kopf sank fast auf die Brust hinab.

»Sie haben es leicht,« sagte er dumpf, »mich zum Kriege zu drängen, was setzen sie ein, was würden sie verlieren, wenn der Würfel des Krieges ungünstig fiele? – Und halte ich den Sieg in meiner Hand? gebiete ich dem Gott der Schlachten, wie mein Oheim? – Ich fühle,« sagte er immer leiser und dumpfer, immer mehr in sich zusammensinkend, »daß die Fäden eines bösen Verhängnisses mich dichter und dichter umziehen, ich sehe den Kampf mit Deutschland immer mehr mit zwingender Notwendigkeit herannahen, diesen Kampf, den ich nicht will, von dem eine innere Stimme mir sagt, daß er verderblich sein wird für mein Haus!«

Er richtete sich empor.

»Wenn es denn aber sein muß, so sollen wenigstens alle Chancen des Sieges auf meiner Seite sein,« sprach er mit festerer Stimme, »die mächtige Waffe, welche meinen Oheim niederwarf, will ich für mich benutzen, ich will Preußen die Koalition entgegenstellen, Italien und Österreich, das ist es, an der Spitze dieser dreifachen Macht wird es nicht mehr Tollkühnheit sein, das Spiel zu wagen, aber besser wäre es doch,« fuhr er wieder leise und sinnend fort, »wenn ich mit Deutschland mich verbinden könnte, bei diesem Deutschland ist die Kraft, es vereinigt und vertritt alle Ideen, welche ich als wahr und richtig erkannt habe, sollte sich der Weg nicht finden lassen, um diese jugendlich wachsende Macht zu gewinnen, sollte dieser Mann, den ich für leicht, für oberflächlich, für einen genialen Sonderling hielt, den ich zu lenken, zu beherrschen hoffte, sollte er gar keine zugängliche Seite haben?«

Er versank in tiefes Nachdenken.

Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Kaiser ein versiegeltes Papier. Zugleich meldete er:

»Seine Exzellenz der Staatsminister steht zu Eurer Majestät Befehl!«

Der Kaiser öffnete das Papier, durchflog seinen Inhalt und verbrannte es dann lächelnd an der Kerze, welche auf seinem Tische stand.

»Die Kaiserin wird ihn friedlich stimmen wollen,« sagte er, »vortrefflich, wenn es ihr gelingt! – Ich bitte den Staatsminister einzutreten!«

Herr Rouher näherte sich dem Kaiser, welcher aufgestanden war und ihm die Hand reichte.

»Sie waren bei der Kaiserin?« fragte er.

»Ja, Sire,« antwortete Herr Rouher mit nicht ganz unterdrücktem Erstaunen, »Ihre Majestät hatte mich rufen lassen,« fuhr er fort, indem er den Blick klar und fest auf das verschleierte Auge des Kaisers richtete, »um mir ihre so natürliche Besorgnis vor dem drohenden Kriege auszusprechen und mir ans Herz zu legen, durch meinen Rat für die Erhaltung des Friedens zu wirken.«

»Ich finde das sehr natürlich und löblich von meiner Gemahlin,« sagte der Kaiser, »aber sie ist bei Ihnen nicht glücklich gewesen, Sie waren wenigstens nicht für eine Politik des Nachgebens.«

»Gewiß nicht, Sire,« erwiderte Herr Rouher, »ebensowenig aber möchte ich auch die Verantwortung tragen für ein starres Vorgehen bis zum äußersten, ich habe viel über die Frage nachgedacht, Sire,« fuhr er fort, »und ich muß Eurer Majestät sagen, daß ich mehr und mehr bedenklich geworden bin –«

»Die Kaiserin zu kontrariieren?« fragte der Kaiser lächelnd, indem er die Spitze seines Schnurrbarts drehte.

»Eure Majestät wissen,« erwiderte Herr Rouher mit Aplomb, »daß ich stets bereit bin, Ihrer erhabenen Gemahlin nach allen Kräften meine Ergebenheit zu beweisen, ebenso wie ich Ihre Ideen, Sire, durchzuführen und zu verteidigen keinen Anstand nehme, aber meine politischen Anschauungen und der Rat, den ich Eurer Majestät in den Angelegenheiten Frankreichs gebe, sind unabhängig von allen persönlichen Rücksichten.«

»Ich weiß es, ich weiß es, mein lieber Staatsminister!« sagte der Kaiser in herzlichem Tone, ihm leicht auf die Schulter klopfend, während sein Blick sich unter den tief niedersinkenden Augenlidern verbarg.

»Sie sind also der Ansicht –?« fragte er.

»Ich habe die Überzeugung gewonnen, Sire,« erwiderte der Staatsminister, »daß diese luxemburgische Affäre nicht wert ist, in diesem Augenblick fast unvorbereitet und ohne Allianzen einen Kampf aufzunehmen, bei welchem es sich um die Machtstellung Frankreichs und – um den Ruhm der Dynastie handeln würde, um so mehr –«

»Um so mehr?« fragte der Kaiser.

»Um so mehr, als ich aus allen Anzeichen sehe, daß das Land, welches in einem seltenen Aufschwung der Industrie emporblüht, den Krieg nicht wünscht, wenn es auch die unvermeidliche Notwendigkeit mit dem ganzen altfranzösischen Patriotismus akzeptieren würde! – Ganz insbesondere aber,« fuhr er fort, »wiegt für mich die schon vorbereitete Weltausstellung besonders schwer –«

Der Kaiser ließ sich, wie ermüdet, auf seinen Lehnstuhl sinken, indem er den Minister durch eine Handbewegung einlud, sich ebenfalls zu setzen.

Herr Rouher verneigte sich, trat zu einem Fauteuil dem Kaiser gegenüber, und, indem er die linke Hand auf dessen Lehne stützte, blieb er hinter demselben stehen.

Mit der leicht erhobenen Rechten seine Worte durch ruhige und würdevolle Bewegungen begleitend, fuhr er in eindringendem Tone fort:

»Die Weltausstellung, Sire, dieser große Gedanke Eurer Majestät, durch welchen Sie dem edelsten Wettkampfe der Nationen Europas und bei ganzen Welt eine herrliche Arena eröffnen, soll unmittelbar ausgeführt werden. Tausende haben ihre Vorbereitungen getroffen, ungeheure Werte sind aus den entferntesten Stätten der Kultur bereits hier angelangt, eben so große Werte schwimmen noch auf dem Ozean und werden von Karawanen und Eisenbahnzügen Eurer Majestät kaiserlicher Residenz zugeführt, Frankreich, insbesondere Paris erwartet jene Ströme von Fremden, welche ebensoviel Ströme von Gold hierherführen sollen; – wenn nun in diesem Augenblick der Brand eines europäischen Krieges sich entzündet, eines Krieges, der von dem Worte und dem Willen Eurer Majestät abhängig war, so würden alle die Werte vernichtet, alle diese Hoffnungen zerstört werden, und alle dadurch Betroffenen – das aber ist fast die ganze Welt, und wiederum Paris vor allem –, sie alle würden die Schuld davon auf Eure Majestät weisen. – Selbst der glänzendste Erfolg eines Feldzuges aber könnte kaum wieder gutmachen, was diese Stimmung Eurer Majestät schaden würde.«

Der Kaiser nickte schweigend mit dem Kopf, ohne den Blick emporzurichten.

»Auf der anderen Seite aber, Sire,« fuhr der Staatsminister, aufmerksam den Eindruck seiner Worte auf den Kaiser beobachtend, fort, »handelt es sich bei dieser ganzen Frage in diesem Augenblick weniger um den Besitz von Luxemburg, als um das Prestige Frankreichs. – Ich komme abermals auf die Weltausstellung – und ich glaube, daß dieselbe dies Prestige höher heben wird, als es je gestanden –, denn, Sire, sie hat, wie ich Eurer Majestät kaum auszuführen nötig habe, auch ihre eminent politische Bedeutung. Alle Souveräne Europas bereiten sich vor, die Wunder der Ausstellung zu sehen, selbst der Sultan rüstet sich – eine unerhörte Neuigkeit – zur Reise hierher. – Alle diese Souveräne aber besuchen nicht nur die Ausstellung, sie besuchen Eure Majestät. Sie werden also, Sire, sich umgeben sehen von einem Parterre von Kaisern und Königen, welches weitaus dasjenige an Glanz überstrahlen wird, das Ihr großer Oheim einst in Erfurt um sich versammelte, und das auf keiner Basis von Blut und zertretenen Existenzen ruht, sondern im Gegenteil errichtet ist auf dem fruchtbaren Boden der edelsten internationalen Arbeit. – Welche Anknüpfungen können da gemacht, welcher Einfluß kann gewonnen werden, wenn alle diese Souveräne, in deren Händen sich die Schicksalsfäden der Welt vereinigen, der so mächtigen Wirksamkeit der persönlichen Unterhaltung Eurer Majestät« – er verneigte sich gegen den Kaiser – »ausgesetzt werden, dieser Wirksamkeit, welcher noch niemand widerstanden hat? Und das französische Volk, das den Souverän seiner Wahl umgeben sehen wird von allem, was die Welt an Macht und Herrlichkeit, an Glanz, an Reichtum, an Arbeit und Produktion umfaßt, welches sehen wird, wie seine Hauptstadt dem ganzen Universum eine strahlende Gastfreundschaft darbietet, wird es nicht dankbar, wird es nicht stolz sein, daß sein Kaiser ein blutiges Lorbeerblatt diesem rauschenden Hain der schönsten Lorbeeren des Friedens geopfert hat? – Diese Erwägungen, Sire,« fuhr er fort, »bestimmen mich aus vollster Überzeugung, für den Frieden zu sprechen.«

Der Kaiser erhob das Haupt, sein Blick entschleierte sich ein wenig, mit einem anmutig verbindlichen Lächeln sagte er:

»Ich muß Ihnen gestehen, mein lieber Minister, daß Ihre Worte einen mächtigen Eindruck auf mich machten, ich war gereizt über diese immerfort feindliche Haltung des Berliner Kabinetts, aber ich fühle, ein Souverän darf persönlichen Gefühlen keine Rechnung tragen! Doch,« fuhr er sinnend fort, »Sie wissen, daß nicht alle denken und sprechen wie Sie, es würde nötig sein, die großen, schönen und wahren Ideen, welche Sie mir soeben entwickelt haben, in geeigneter Weise langsam und vorsichtig in die Öffentlichkeit dringen zu lassen.«

»Nichts leichter als das, Sire!« rief Herr Rouher, »ich werde die Presse –«

»Moustier bedarf,« sagte der Kaiser, ihn unterbrechend, »um die Sache in würdiger Weise zu führen, einer gewissen kriegerischen Strömung, welche seine Worte in Berlin unterstützt – Sie wissen, daß man dort sehr aufmerksam unsere öffentliche Meinung verfolgt, würde sie zu laut den Frieden predigen, so könnten unsere Gegner zu übermütig werden. – Lassen Sie also,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »lassen Sie das Auswärtige Amt immerhin eine kleine kriegerische Kampagne machen, damit man in Berlin nicht vergißt, daß Frankreich eine militärische Nation ist, aber sorgen Sie dafür, daß Ihre Ideen daneben immer tiefer in das Publikum dringen, und vor allem: sprechen Sie selbst dieselben bei jeder Gelegenheit mit derselben Festigkeit und Beredsamkeit aus, mit welcher Sie mir dieselben soeben entwickelten. – Ihre Autorität –«

»Eure Majestät erlauben also,« fragte der Staatsminister lebhaft, »daß ich mich persönlich engagiere?«

»Ich bitte Sie sogar darum,« sagte der Kaiser.

Der Kammerdiener trat ein.

»Lord Cowley bittet Eure Majestät um Audienz.«

Der Kaiser nickte mit dem Kopf.

»Ich danke Ihnen für den Freimut, mit welchem Sie mir Ihre Ansichten entwickelt haben,« fügte er, Herrn Rouher die Hand reichend.

Der Staatsminister verbeugte sich und verließ mit erhobenem Haupte, stolze Befriedigung auf den Zügen, das Kabinett.

»Die Kaiserin hat mir einen großen Dienst geleistet, ohne es zu wollen,« flüsterte Napoleon lächelnd, »er wird den Frieden predigen, vielleicht wird mich der Strom der öffentlichen Meinung zwingen, zu tun, was ich tun will, und die moralische Verantwortlichkeit wird auf ihn fallen, ich werde den Bock der Sühne haben, den ich schlachten kann, wenn es nötig wird.«

In anmutig höflicher Bewegung trat er dem englischen Botschafter entgegen, welcher in der Tür des Kabinetts erschien.

»Guten Morgen, Mylord,« sagte, ihm die Hand reichend, der Kaiser, von dessen Gesicht jede Spur des trüben, präokkupierten Ausdrucks verschwunden war, »ich freue mich, Sie zu sehen, haben Sie Nachrichten über das Befinden Ihrer Majestät der Königin?«

Lord Cowley, eine vornehme Erscheinung von englischem Typus, in einfachem, schwarzem Morgenanzug, ergriff ehrerbietig, aber doch mit jener der englischen Aristokratie eigentümlichen, selbstbewußten Würde die Hand des Kaisers und erwiderte in jener englischen, durch die lange Übung etwas verwischten, aber doch hörbar anklingenden besonderen Aussprache des Französischen:

»Ich danke Eurer Majestät. Der letzte Kurier, welcher gestern von London kam, brachte ziemlich befriedigende Nachrichten über das Befinden Ihrer Majestät, doch aber glaube ich kaum, daß die Königin daran wird denken können, wie sie es so sehr gewünscht hätte, die Ausstellung zu besuchen.«

»Die Ausstellung!« sagte der Kaiser, seufzend die Achseln zuckend, »wird diese Ausstellung, dies schöne und große Werk des europäischen Friedens, überhaupt stattfinden können?«

Lord Cowley sah ihn bestürzt an.

»Eure Majestät fürchten?« fragte er.

»Ich fürchte vielleicht lebhafter,« erwiderte der Kaiser, »weil ich mit großer Liebe an diesem so sorgsam vorbereiteten Werke hing!«

»Ich bitte Eure Majestät, überzeugt zu sein,« sagte Lord Cowley, »daß die Königin, meine erhabene Herrin, und ihre Regierung mit nicht minderer Besorgnis die Möglichkeit ins Auge faßt, daß der Frieden Europas gestört werden könne, und ich habe den Auftrag, Eurer Majestät die guten Dienste Englands zur Verständigung über diese beklagenswerte Frage Luxemburg anzutragen.«

»Bin ich es, der den Frieden stört?« fragte Napoleon mit einem leichten Anklang von Ungeduld. »Bei mir bedarf es sicherlich keiner vermittelnden und beruhigenden Einwirkung, in Berlin ist dieselbe mehr am Platze.«

»Ich kann Eure Majestät versichern,« sagte Lord Cowley, »daß auch in Berlin ernste Vorstellungen gemacht werden.«

»Warum stellt sich das Berliner Kabinett mir immer feindlich entgegen?« rief der Kaiser, einige Schritte durch das Zimmer machend. – »Trete ich ihm zu nahe, bin ich nicht vollständig in den Grenzen der Verträge? Ist der König von Holland nach der Auflösung des deutschen Bundes nicht freier und unabhängiger Souverän von Luxemburg? Warum, mit welchem Recht hält Preußen dort sein Besatzungsrecht fest, welches nur dem deutschen Bunde zugestanden war? – Mein lieber Ambassadeur,« fuhr er fort, vor dem Lord stehen bleibend und ihn mit einem vollen, flammenden Blick seiner plötzlich entschleierten Augen anblickend, »ich habe schweigend zugesehen, daß man den deutschen Bundesvertrag gewaltsam zerrissen hat, ich werde es aber nicht dulden, daß man einen damit zusammenhängenden Vertrag, ein anderes Glied aus jener 1815 geschmiedeten Kette, an den Grenzen Frankreichs gewaltsam aufrecht halte!«

»Aber, Sire,« rief Lord Cowley, erschrocken über diesen heftigen Ausbruch, »ich bitte Eure Majestät –«

»Oder halten Sie,« rief der Kaiser, »diese Luxemburger Verträge nicht mit dem deutschen Bunde für erloschen? Lord Stanley wenigstens hat dem Fürsten Latour d'Auvergne und ebenso auch dem preußischen und dem russischen Botschafter in London erklärt, daß nach seiner Meinung der König von Holland unbestreitbar das Recht habe, Luxemburg an Frankreich abzutreten.«

»Ganz gewiß, Sire,« sagte Lord Cowley in fast ängstlichem Tone, »ist das Recht nach der Auffassung meiner Regierung unzweifelhaft auf Ihrer Seite, die Aufhebung des deutschen Bundes hat die Verträge über die Besatzung der Festung Luxemburg aufgehoben, und der König von Holland kann darüber disponieren, wie er will, dies unterliegt gar keinem Zweifel, Mein –«

»Allein –?« fragte der Kaiser. »Soll ich zurückweichen, wenn ich im Rechte bin?«

»Sire,« sagte Lord Cowley in bittendem Tone, »Eurer Majestät hocherleuchteter Geist schätzt nach seinem wahren Werte den Frieden Europas, die Königin und ihre Regierung geben sich der Hoffnung hin, daß Eure Majestät dem hohen Wert dieses Friedens auch ein Opfer zu bringen bereit sein würden.«

»Ein Opfer an der Ehre Frankreichs?« rief der Kaiser, einen funkelnden Blick aus seinen weit geöffneten Augen auf den Botschafter werfend.

»Wer würde es wagen, daran zu denken, Sire!« rief Lord Cowley, »aber,« fuhr er fort, indem er sich einen Schritt dem Kaiser näherte, »Eure Majestät haben soeben besonders betont, daß hauptsächlich die preußische Besatzung in der Festung Luxemburg Ihnen unberechtigt erscheint und Ihr Mißfallen erregt.«

»Das Großherzogtum Luxemburg selbst ist mir höchst gleichgültig!« rief der Kaiser in wegwerfendem Tone, indem er auf den englischen Botschafter einen scharfen, beobachtenden Blick warf, der sich sogleich wieder unter den schnell sich herabsenkenden Augenlidern verbarg.

Lord Cowleys Gesicht überzog ein freudiger Schimmer.

»Eure Majestät legten also in der Tat auf den Besitz des Großherzogtums keinen Wert, und würden mit einer Neutralisation des Landes einverstanden sein?«

Der Kaiser senkte das Haupt. Langsam setzte er sich in seinen Lehnstuhl.

Lord Cowley ließ sich auf seine Aufforderung ihm gegenüber nieder.

Sie stellen da eine sehr bestimmt formulierte Frage, mein teurer Lord,« sagte Napoleon nach einigem Nachdenken, »um dem Botschafter Großbritanniens darauf zu antworten, müßte ich den Rat meiner versammelten Minister hören, und,« fügte er mit eigentümlichem Lächeln hinzu, »die öffentliche Meinung Frankreichs zu Rate ziehen, denn Sie wissen ja, mein lieber Botschafter, ich bin nicht legitimer Kaiser in jenem alten Sinne, ich bin der Erwählte der Nation, ich muß also dem Willen meiner Mandanten gehorchen, und ich weiß nicht –«

»Eure Majestät,« sagte Lord Cowley, »haben ja öfter mir schon das ausgezeichnete und mich hoch ehrende Vertrauen bewiesen, mir Ihre persönlichen Anschauungen mitzuteilen, sollte es denn jetzt –«

Der Kaiser lehnte sich, den rechten Ellenbogen auf das Knie gestützt, den Schnurrbart in den Fingerspitzen drehend, zu dem englischen Botschafter hinüber und sah ihn mit großen Augen und tief eindringendem Blick an.

»Mein teurer Lord,« sagte er, »ich habe kein Bedenken, Ihnen auch diesmal meine persönliche Anficht über die schwebende Frage zu sagen.«

Der Lord lauschte gespannt.

»Nach meiner Auffassung,« fuhr der Kaiser, immer den Schnurrbart drehend, fort, »muß Frankreich mit großem Bedauern das Herannahen eines Konflikts mit Deutschland sehen, ich stelle mich einzig und allein auf den rechtlichen Standpunkt, daß Frankreich nicht zugeben kann, das Luxemburger Land und dessen bedeutsame Festung durch die Preußen, die dort vertragsmäßig nichts mehr zu tun haben, besetzt zu sehen. – Demzufolge würde ich der Meinung sein, daß Frankreich, wenn die preußische Besatzung zurückgezogen wird, auf die Neutralisation des Landes, unter welcher Bedingung immer, eingehen könne.«

Lord Cowley atmete auf.

»Darf ich diese Ansicht Eurer Majestät nach London mitteilen?« fragte er eifrig.

»Warum nicht!« sagte der Kaiser. »Indes bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß es meine rein persönliche Meinung ist, gegen welche vielleicht meine Minister gewichtige Gründe anzuführen haben könnten.«

»Aber wenn es gelingen sollte, ein Arrangement auf der Basis dieser Anschauungen Eurer Majestät in Berlin annehmen zu lassen?«

»So würde ich versuchen, meinen Ministern gegenüber meine Meinung zu verfechten,« sagte der Kaiser lächelnd.

Lord Cowley erhob sich rasch.

»Ich bitte Eure Majestät um Erlaubnis,« sagte er, »meinen Kurier absenden zu dürfen, von einer Minute Verzögerung kann die Ruhe Europas abhängen.«

»Gehen Sie, lieber Ambassadeur,« sagte der Kaiser freundlich, »ich wünsche Ihren Bemühungen den besten Erfolg. Sie wissen wohl, daß niemand aufrichtiger wie ich den Frieden Europas Wünscht.«

Er stand auf und reichte dem Lord die Hand.

Dieser verbeugte sich tief und entfernte sich schnell.

»So,« sagte Napoleon, als er allein war, »nun werden Rouher, die Presse und England mich drängen, das zu tun, was ich will, und ich werde wohl nachgeben müssen,« fügte er lächelnd hinzu. Er bewegte eine kleine Glocke auf seinem Schreibtisch, welche mit besonderem Klange durch das Kabinett schallte.

Aus der Tür nach seinen inneren Gemächern trat sein alter Kammerdiener Felix, der Vertraute seiner Verbannung, ein alter Mann mit grauem Haar, scharfgeschnittenem und intelligentem, aber dabei offenem und treuem Gesicht.

»Mein lieber Felix,« sagte der Kaiser, freundlich zu ihm hintretend, »ich will ein wenig spazieren gehen, wo ist Nero, mein guter, braver Freund, der treueste nach dir, du altes Herz ohne Falsch und Hinterhalt?«

Und mit einem warmen, leuchtenden Blick reichte er dem alten Diener die Hand. Dieser drückte sie an sein Herz und führte sie dann an die Lippen.

Dann näherte er sich wieder der Tür und ließ einen zischenden Ton durch seine Lippen dringen.

Nach wenigen Augenblicken erschien in mächtigem Sprung ein großer, schwarzer Neufundländer-Hund, beschnupperte den Kammerdiener flüchtig und stürzte dann in einem großen Satze auf den Kaiser zu, hob sich auf den Hinterbeinen empor und legte die Vordertatzen auf Napoleons Schultern, indem er mit seiner großen roten Zunge zärtlich sein Gesicht leckte.

Der Kaiser ließ es geschehen. Sanft legte er seinen Arm um das Tier und ein Ausdruck unendlicher Weichheit legte sich über sein Gesicht, sein Auge strahlte in feuchtem Schimmer, er war wahrhaft schön in diesem Augenblick.

»Du gutes Tier,« sprach er mit sanfter, metallisch klangvoller Stimme, »ich gebe dir nichts als dein Futter und zuweilen einen freundlichen Blick, und du liebst mich, mich allein, du würdest ebenso freudig an mir emporspringen, wenn ich nicht Kaiser wäre, in der Verbannung, am Bettelstab, während diese alle, die ich mit Gold und Ehren überhäufte –«

Er seufzte tief, dann drückte er die Lippen auf den glänzend schwarzen Kopf des Hundes.

»Du treuer Freund,« sagte er leise, und der Hund, als verstände er die Worte seines Herrn, schmiegte sich innig an ihn an.

Felix nahte sich dem Kaiser und ließ sich auf ein Knie neben ihm nieder.

»Vergessen Eure Majestät mich?« fragte er leise.

Der Kaiser reichte ihm die Hand, ohne den Hund loszulassen.

»Nein, ich vergesse dich nicht, du Gefährte der bösen Tage, dich habe ich voraus vor allen Souveränen der Welt, einen Freund, den ich im Fischzug aus des Lebens Tiefen gewann!«

Und lange stand er so, aller Ausdruck von Sorge verschwand aus seinem Gesicht, sein Auge leuchtete in warmem Schein, es war nicht der Kaiser, der vielbeschäftigte, wachsame, gequälte, mächtige und ermüdete Imperator, es war der Mensch, der einfache Mensch, der seine Seele badete in rein menschlichem Gefühl.

Dann seufzte er tief auf und ließ den Hund sanft Zur Erde gleiten.

»Rufe den Adjutanten vom Dienst,« sagte er.

Felix stand auf und ging in das Vorzimmer.

Wenige, Augenblicke darauf kam er mit dem diensttuenden Adjutanten, General Fave, zurück. Er reichte dem Kaiser seinen Hut, die Handschuhe und einen schönen Stock von spanischem Rohr mit goldenem Knopf.

»Ich will ein wenig im Garten spazieren gehen,« sagte Napoleon mit freundlichem Lächeln, nahm den Arm des Adjutanten und stieg die Treppe hinab. – Nero folgte langsam und gravitätisch.

Felix blickte ihm mit weichem Blicke nach.

»Er wird alt,« sagte er mit tiefem Seufzer, »die Zeit fordert ihr Recht an uns allen. Gott schütze und erhalte den Prinzen!«

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