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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Neuntes Kapitel

Was bedeutete das?

Das war, hatte sie Zusammenhänge begriffen, nicht deutsch. War alter Chronisten Einfachheit, guter Wille, was sich zutrug ohne Zurechtweisung anzuschauen. War schlichtes Ja ja – Nein nein, aus dem kein politisches, religiöses oder soziales Werkzeug gemacht werden sollte; Aufrichtigkeit, die nicht persönliche, sondern sachliche Autorität wollte. Keine Aufklärung, die wahre Freiheit vernichtete, doch mit großen Mitteln der Ironie preußische Tradition zerschlug und der Natur heilige Physik aufrichten wollte.

Zum natürlichen Lustgefühl war das Alarm; Aufschrei übergrübelten Hirns und des sich sehnenden Herzens.

Schien ein so riesiges, seit Jahrhunderten unvergleichliches Geschenk an Deutsche ohne Unterschied des Standes, daß Eura den Dichter mit seiner durch ihn revolutionierten Landsleute Beifall, Bewunderung und Liebe umjubelt sah, wobei sie, die die Tat aus ihren Umständen am besten begriff, nicht fehlen wollte.

Über Hemmungen entschloß sie sich zu ekstatischem Telegramm, das sie an seinen Verleger sandte. In Erwartung der Antwort aber malte sie sich Wirkung der Schrift auf das Rheinland und Länder östlich des Rheins unwiderstehlicher aus. Sie sagte sich, dies Jahr 1900, in dem sie erschienen sei, müsse für Deutschland Anfang viel größerer Umwälzung, als der Marxismus bringen konnte, bedeuten, der vor allem nur Zustände ändern wollte, während hier neue Gesinnung, endlich dem vereinsamten Deutschen Aufschluß an alle Welt, für Zwangsläufigkeiten transzendenter ethischer Werte das blühende All auch dem Proletarier zu seinem Eigentum geschenkt wurde. Und wie Voltaire, nicht Marat vor hundert Jahren Franzosen zur Besinnung gerufen hatte, sah sie Wundt zum überhaupt erstenmal sein Vaterland vom Ideal »Preußen-Deutschland« zu lebendigen Wundern im unbegrenzten Reich der Erscheinungen bekehren.

Auch hier kam endlich wieder soziale Idee nicht wie die von 1848, die keinen Dichter gefunden hatte und nur politisch auftreten konnte, sondern wie die von 1789 ursprünglich und elementar aus eines Schöpfers Hirn an und brauchte, folgte man seinen Befehlen, nicht Revolution nach Erfahrungen und parlamentarischen Erinnerungen zu bleiben und Gefahr laufen, statt zu erneuen, tiefer in Überlieferungen zu stürzen, hier konnte aus eines Einzelnen unwiderstehlicher ungeheurer Vision und Parole sie strikt in selbständige Zukunft treten und über Wortkram und Redekünste fort auf dem Boden allseitig neugeschenkter Lebendigkeit Zeitgemäßes gleich beginnen.

Zum erstenmal seit ihrem Fortgang von Berlin überfiel sie mitten auf Boulevards in aller Verehrung französischen Seins zärtliche Sehnsucht nach einer Radikalität, die, auf falsche Voraussetzungen freilich gestellt, sie nur in Deutschland gespürt zu haben glaubte. In Erwartung einer Antwort Carls war sie wieder geneigt, Deutschland für alles, was es bis jetzt entbehrte, zu entschuldigen und ihm für morgen Überlegenheit über alle Welt zu glauben.

Daß diese neue jähe Zärtlichkeit für ein Land aus Gefühlen für den Mann, der es in ihren Augen am vollkommensten vertrat, bedingt war, gestand sie sich nicht. Sie stellte vielmehr fest, viel von seinem Sinn für die Erscheinung verdanke der Franzose äußeren Ursachen. So dem Licht vor allem, das auf Frankreich und Paris scheine. Es sei klar, auch der Fremde empfinde in dieser Atmosphäre wesentlicher. In durchdachten lateinischen Stämmen seines Wortschatzes habe der Eingeborene auch immer das bessere Mittel gehabt, Wahrnehmungen sich ins Bewußtsein aufzuführen als der Deutsche mit einer durch kein Raffinement der Römer gegangenen Sprache.

In fieberhaftem Hoffen auf ein Zeichen Carls minderte sie schon Widerstände in sich, die er etwa finden könnte. Begann Kräfte aufzubauen, die sie für ihn nötig voraussetzte, wobei sie unsicher war, da sie sich den Abgrund zwischen ihm, den sie aus eigener weher Erfahrung kannte, und der sich noch im Drama des von sich besessenen einzelfälligen Don Juans offenbart hatte, und dem ganz verwandelten Verfasser der Erzählung nicht deuten konnte.

So blieb sie in der Empfindungen Schwebe, die ihr zur bis jetzt vergötterten Umgebung Distanz schufen. Vor allem zu dem Mann, den sie zuletzt bevorzugt hatte, dem Grafen Jules Chamaillard.

Sie hatte ihn an sich gefesselt und seit langem von sich abhängig gemacht, weil er glänzend gemacht und erzogen, ein Naturwunder war, das sie mit immer neuem Entzücken genoß. Bei ihm war, wie bei einem Platz in Sonne, Schutz gegen schlechtes Wetter unnötig. Man streckte sich und ließ sich von seiner katholisch feudalen Konzentration bescheinen. Er hatte Kraft und Wärme und blieb auch hinterher temperiert genug, daß es im Raum nicht zog. Jedem Gelände Schmuck, stand ihm alles, und was er fühlte und sprach, betonte Harmonien, die er überall fand. Seine Sprache tanzte mit allem Laut, sein Geruch roch gut mit Atmosphäre. Ein Pelz war er, auf den man fiel, doch der auch zudeckte, wollte man.

Ihn begann aus Instinkten Eura zu reizen und seine behagliche Einheit zu spalten. Hatte sie bisher mit ihm für Frankreich geschwärmt, behauptete sie plötzlich wieder krassen, deutschen Sozialismus und bewies ihm, was er nicht wissen wollte, auch sein Vaterland sei bei allem Drang, sich gefühlsmäßig nach innen zu orientieren, doch Problemen des Klassenkampfes mehr unterworfen, als er zugeben möchte. Hätte Rousseau noch das ganze erscheinende Wesen der Natur für an sich auch »gut« erklärt und darum Rückkehr zu ihr als hinreichend erachtet, äußere Verhältnisse der Menschen erträglich zu gestalten, bewiesen schon Saint Simon, Comte und vor allem Proudhon, Franzosen richteten sich längst nicht mehr einseitig nach gefühlsmäßigen, sondern wie Deutsche und alle Welt, nach biologischen Begriffen. Nicht weil sie überzeugt war, sagte sie es, sondern von diesem Mann und seiner Art wieder abzurücken, Platz in sich zu machen für das, was sie Carl entweder geben und das zu rechter Zeit in ihr da sein mußte, oder was er für sie aus dem Heldentum, mit dem sie ihn verklärte, mitbrächte.

Sie maulte mit dem unglücklichen Chamaillard, der in höchstem Charme strahlte und nicht begriff, warum nicht alles noch war, wie es so lange gewesen: vollendet schön Eura, die schickste und besonderste Frau in Paris, er in jeder Hinsicht unvergleichlich; die Stadt in der es sich himmlisch ereignete, Comble, und in ihr ihre delikate Liebe wie ein Märchen aufgemacht.

Als nach acht Tagen aus Deutschland noch keine Antwort da war, schickte sie den Grafen einfach fort und grollte Christine, die schmollte, weil die Herrin auch zartesten Beziehungen nicht mehr entsprach.

 

Aber endlich kam das Telegramm, das sie völlig bestürzte. Zwar nur das Zeichen, er lebe und habe Nachricht, für die er danke, empfangen, aber doch Verbindung zu ihm, so, daß sie fühlte, Entschluß sei in ihre Hand gegeben. Jetzt erst fiel ihr ein, sie könne, wolle sie ihn wiedersehen, ihn nicht in ihren Verhältnissen, überhaupt nicht in Paris treffen. Warum diese Entscheidung fiel, wußte sie nicht, kannte sie doch seine heutige Wirklichkeit nicht; aber sie fügte sich sofort.

Stieg sie ihres Hauses Freitreppe an Tapetenwundern, Bronzekleinodien, gotischen Truhen und Prunk vorbei hinab, trat durch die von Lakaien bediente Tür in den Eßsaal, wo unter raren Blütenbüschen die in Kristall und Gold gedeckte Tafel prangte, stieg sie in ihr duftendes, brillant bespanntes Kupee und gab dem Diener abzufahrender Besuche und Kommissionen Liste, war das eine Welt, die vor dem Mann nicht galt, mit dem sie andere Beziehungen hatte.

Sie wußte, nicht im Hinblick darauf, wie korrekt seine Krawatte, sein Hemdschnitt sei, könne sie wie seit Jahren andere Männer ihn erwarten, noch ob sein Bärtchen wie Chamaillards rötlicher Flaum nach Unaussprechlichem dufte – er brauche, solle er entsprechen, eigene Bühne, Kulissen und Sofitten.

Nach drei Tagen teilte sie ihm mit, am kommenden Montag sei sie in Brüssel. Über seine Arbeit habe sie ihm Entscheidendes mitzuteilen.

Er drahtete, er wolle kommen. Da schien vor Erdteilen ein Vorhang zu reißen. Ohne Christine reiste sie im Automobil ab.

Als sie zur verabredeten Stunde in Brüssel des Hotels Britannique Treppe hinabsprang und den Portier fragte, ob jemand für sie dagewesen sei, wies der auf einen, an dem sie vorbeigegangen, und der der Welt unwahrscheinlichste Erscheinung war.

In von Wind und Wetter erblindetem Radmantel mit farblosem Hut stand ein Mann da, der, hatte sie sich vorsorglich unscheinbar gemacht und aus ihrer Sphäre fortgekleidet, unter keinen Umständen sich mit ihr zeigen konnte.

Trotz aufgeschleußter Freude hatte sie einen Gefühlssturz und fand kein Wort ehe er sagte: me voilà!

Sie bat ihn in den Salon herauf, weil, mit ihm zur Straße zu gehen, sie nicht vermocht hätte. Er trat in das altertümlich schlichte Zimmer, setzte sich ihr gegenüber, und sie sprachen nicht, weil trotz Schweigens Peinlichkeit jeder über das, was mit dem andern geschehen schien, fassungslos war. Er über das kleine Mädchen, das er verlassen, sie über eines großen Volks Propheten, den sie auch äußerlich stattlich erwartet hatte. Schließlich fanden sie, wie unerklärlich vorläufig Persönliches blieb, wäre über vieles sachlich und über seine Schrift zu reden, und vor allem wagten Blicke Rekognoszierung.

Als er an ihren Stuhl mit dem Stock stieß, sagte er: »Pardon!«

Das aber war aus Komik und Unsinnigkeit so kraß, daß sie grinsten, dann in tolles Lachen ausbrachen, das sie von Vorbehalten freispülte.

Sie sahen sich an, als er sagte: »Der Prophet gilt nichts im Vaterland«, und ragten aus Mannigfaltigkeit als strahlende Gipfel wieder hervor. Sie gab ihm Hände, die er nahm, und sie saßen und ließen Finger ineinander, als sie merkten, Ströme Geheimnisse stürzten wortlos durch Poren schneller als durch Bekenntnisse in sie.

Vor allem erfuhren sie, was auch gewesen sei, ein Band und Respekt zwischen ihnen sei nicht zerrissen, sondern von beiden Seiten fester zu knüpfen, und sie wollten, ehe sie über den andern ein Urteil hatten, zart, behutsam und unvergleichlich menschlich sein.

Nun geschah, als Dämmerung kam, zwischen ihnen, was von spielenden Katzen gilt: sie schnurrten, streichelten mit Pfötchen, kugelten vor Hindernissen und schmiegten sich an Weiches. Sie wedelten, bäumten und krümmten sich in sich selbst, machten samtene Musik und knisterten im Haar. Mit kolofoniertem Bogen strichen sie auf Nerven, daß Sordino im Zimmer summte und feiner Schweiß auf Häuten stand, bis sie Witterung ihrer Personen in allen Sinnen und Überzeugung hatten, auch durch albernste Worte könne tiefsympathische Gewißheit zwischen ihnen nicht mehr zerstört werden.

Das erste, was sie zur Sache sagte, war der Vorschlag, im Automobil durchs schon dunkle Bois de la cambre zu fahren; und als er angenommen war, daß sie um den Wagen telephonierte.

Als man ihn meldete, ließ sie Fahrmäntel und Mützen heraufkommen und vermummte ihn und sich in riesige Falten.

Dann stiegen sie, äußerlich als Weib und Mann kaum kenntlich hinab und verschwanden in den schon ratternden Wagen mit seinen strahlenden Laternen.

 

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