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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Fünftes Kapitel

Sie kam, den Vater zu begraben, der vier Tage nach ihrer Ankunft, ohne anders als mit Blicken Angst um sie ausgedrückt zu haben, starb. Hastig folgte in einer Woche dem, den sie im Leben nicht verlassen hatte, die Mutter, und Eura mit den vom Vater angehäuften Schätzen war allein.

Mit allen Nerven noch in Berlin, überließ sie ums Geschäft die Sorge Angestellten. Sie selbst, von Mauern des Elternhauses wie von einem Sarg umfangen, fühlte Bedürfnis, Sturm der Jahre in sich zu ordnen, ein Unmaß Sensationen zu verankern.

Erst wollte sie ein retrospektives Tagebuch schreiben. Aber die Last des dabei Wiederzuerlebenden schien für augenblickliche Kräfte zu schwer, und sie zeichnete lieber in sachlichen Anmerkungen Richtlinien zurückgelegten Wegs auf.

Jetzt aber, wo nicht Lust jähen Geschehens Abgründe zwischen Fakten ausfüllte, war es schwer, von einer Tat zur anderen nachträglich die logische Brücke zu zeigen oder sich auch nur zu erinnern, nach welchen zur Zeit bewiesenen Gesetzen sie so gehandelt hatte. Aber auch Vergangenheit war ihr nur teuer, begriff restlos ihr Verstand logische Mechanik in ihr. Da ihr der Einfall nicht kam, es könne in irgendwelchem Geschehen ein Rest ihrer Freiheit, Unabhängigkeit von hohen Notwendigkeiten sein, der durch Wiederversenkung ins Gefühl lebendig würde, war sie oft ratlos, stimmte zu gewesener Praxis ihrer Lehre Katechismus nicht.

So kam es, daß sie statt neue Genugtuung zu haben, an Kritik zum erstenmal nicht vorbei kam, die ihr den mit des Vaters Tod geschlossenen Abschnitt ihres Seins als nicht ganz gelungen zeigte, sondern Besorgnis weckte, in ihr selbst oder bisher befolgter Lehre oder in beider Beziehung zu einander sei noch ein Fehler.

Da sie den aber lieber im sozialistischen Prinzip als bei sich suchte, war sie bei der Arbeit geneigt, Kritik zum Sozialismus als sie selbst vielleicht entlastend, zu lesen.

Aber wider Erwarten blieb gegen Angriffe im ganzen Gebäude, das sie, mit Verstandeskräften auflösend, vom Dach zum Keller abdeckte, Wesentliches eindeutig und solid. Den Marxismus für Deutschland als Form neuer Verfassung angenommen, begriff er zuverlässig alles, was auch vor ihm politisch, wissenschaftlich und künstlerisch deutsche Welt erfüllt hatte und blieb trotz allen Protests in ihm innerhalb der Linie natürlicher Entwicklung.

Behauptete er auch wirklich nackt zum erstenmal abhängige Massen statt freier Individuen, hatte von Luther bis Hegel Deutschlands Entwicklung schließlich nie anderes Ziel gehabt, als zugunsten göttlicher, und in ihrer Vertretung staatlicher Obrigkeit des Einzelnen Freiheit zu beschneiden, ihm ein im wesentlichen prädestiniertes Sein in vorbestimmter Welt zu beweisen und jedermanns Anteilnahme immer mehr und dann ausschließlich auf Rassen-, Wirtschafts- und Klassenkämpfe hinzulenken und auf seine beste Qualifikation bei Verteilung der Genüsse.

Hiergegen ließ sich, merkte Eura, wie auch Carl Wundt gepredigt hatte, alles vom Individualitätsstandpunkt aus sagen. Aber aus dem exakt gewonnenen Bild der Natur stand nun einmal fest: nirgends zeigt Kampf ums Dasein an besondere Wünsche, Beschwörungen, Ekstasen des Einzelwesens, Konzession. Sondern überall gedeiht innerhalb der Klasse das nach ihrer Regel gewachsene Exemplar am besten. Es kann, stand für Eura fest, aber nicht etwas zugleich notwendig und von Vernunft anders gewollt sein. »Nicht von Vernunft«, hätte Carl wohl gesagt. Aber worauf er anspielte, Gefühl, Behauptung eines Metaphysischen, war seit der Reformation gerade von den Deutschen erledigt worden.

Und zwar mit gleicher Kraft in beiden allmächtigen Systemen, die nacheinander das Volk geführt, mitsammen um Alleinherrschaft gekämpft und sich schließlich auf ein Programm zu seiner Leitung geeinigt hatten: preußisches Junkertum und Sozialismus.

Als nämlich lange vor der durch Philosophen entdeckten Notwendigkeit, in die der Mensch geschlossen ist, auf ostelbischem Sand besonders der Junker gemerkt hatte, es gälte, diesen Boden zum Früchtetragen zu bringen oder zu verrecken, Hunger gälte es oder Fleiß und Tat, hatte er das Schicksal nicht nur hingenommen, sondern gleich begonnen, innerhalb desselben, es mit technischem Können meisternd, sich zum Verwalter und Herrn zu machen.

Der Untertan, dem man aus Mangel und Verachtung der Geistigkeit diesen Trieb eines Blutsturms nicht klar machen konnte, wurde mit der Fuchtel zu gehorchen gezwungen, für fremden Befehl, überpersönlichen Willen, in dem er eigenes Heil miterblicken sollte, wachgetrommelt und angetrieben; mit Spießruten, Militärmusik und Parademarsch in preußischen Gleichschritt zur Kulturbeherrschung hineingepaukt.

Als aber der Sozialismus ansprang, dem Junker die Herrschaft zu entreißen, stand er zwar mit aller anderen Regung ihm todfeindlich gegenüber, die gleiche harte äußere Notwendigkeit aber, die durch Jahrhunderte der preußische Führer aus Behauptungsinstinkt und dem Drill der Massen hatte beherrschen wollen, wurde auch immer ausschließlicher die Sphinx, auf die geblendet der Sozialismus starrte, und die er nicht mit bewußtem »Adel« des Bluts, doch mit Wissen und Vernünftigkeit zu seinem wirtschaftlichen Vorteil leiten wollte.

Da, aus Mangel augenblicklicher Zufriedenheit gereizt, erkannte Eura zum erstenmal Gefahr, die darin lag, daß über Trennendes hinaus, dunkelste Reaktion und wütender Fortschritt in Deutschland mit anderen Mitteln immer hartnäckiger zum gleichen Ziel marschierten: zur »Kulturbeherrschung«.

Und daß aus dieser Berührung beim Zusammenprall mit einem äußeren Feind, mit anderer Weltauffassung fremder Völker, die rein menschliche Bedeutung deutscher Sozialdemokratie, die ihr als dem praktisch fortgeschrittensten System des europäischen Sozialismus anhing, im Taumel eines Kriegsausbruchs verwischt und zu nationalen Zwecken mißbraucht werden mochte.

Da flammte mit schöner Flamme ihr heftigstes Bedürfnis auf: das Element in Marx's Lehre zu finden, das als radikales Fanal den von ihr über alles Irdische gehaßten preußischen Untertanengeist vor begünstigten Führern ein für allemal scheide von jenem im kommunistischen Manifest enthüllten natürlichen Zwang, dem mit aller Kreatur Menschheit aus höherer Notwendigkeit unterläge, und in dem es sich mit Revolten orientiere und behaupte.

Aber wie sie auch Material bis in ungekannte Einzelheiten durchforschte, wie tief sie zu Quellen deutscher Arbeiterbewegung stieg, sie fand in ihr keinen Gedanken und kein Kommando mehr, aus dem nicht mit Geschicklichkeit und Schmiß jeder General im gewollten Moment Kadavergehorsam für ein gewolltes Ziel der Nation fordern konnte.

So blieb aus Überlegung Skepsis in ihr, für die Gefühl bald schwerwiegende Ursachen brachte.

 

Nämlich in die Gewölbe kam sie unter Kunstwerke. Mit blinzelnden Augen auf einem Stuhl andersgerichteten Gedanken verhaftet, trat von erlesenen Dingen Bild in ihren Blickgrund und ritzte Linien auf lichtempfindliche Platte. Stellte Umrisse, die sie nicht fortdenken konnte, beharrlich in ihr auf; die allmählich mit anderen Gedankenkreisen bis ins Blut um Wette liefen.

Einer Holzskulptur barocke Form war es besonders, die sich nicht aus ihrem Schauen gewann, sondern als Eindruck von sich her aufdrängte, daß auch mit geschlossenen Lidern sie sie plastisch sah: Aufs kleine Knie Marias war des Heilands zu mächtiger Leib mit jäh über der Mutter Schenkel stürzendem Haupt und Beinen wölbig und unkundig gestülpt, daß bis in Euras Nerven Unlust über schreiendes Mißverhältnis zuckte, das sie doch wohltätig aus dunklen Gefühlsgründen entzückte.

Und sie ärgerte und kränkte, dachte sie über zeichnerisch Falsches und Unvernünftiges der Linienführung nach, das sie leicht auf Papier verbesserte.

Um mit Liebhabern, die die Gruppe bestaunten, wieder Reiz zu spüren, der nie zu Ende gefühlt war.

Je mehr sie überzeugt wurde, um so schmerzlicher empfand sie den Keil, den die Wahrnehmung in ihre Geschlossenheit trieb, und um so böser blieb sie vor einer Gewißheit, die sie floh.

Ihr geschah wirklich das Gleiche, was kurz vorher sie theoretisch als unmöglich gewußt hatte: Sie wollte nicht nur anderes, als sein mußte, sondern – und das war unerträglich – wußte es: Schönheit: fand sie, wo sie Unsinn suchte, und Eins widersprach auf Erden allem, was durch Biologie bewiesen stand.

Aber Haß gegen Nichtauszurechnendes trug sie noch einmal über Klippen, als sie erfuhr, ein Drama Wundts habe in Berlin zu beispiellosem Theaterskandal geführt, als der historisch verkleidete Held, ein Einziger mit ihm nicht zu entreißendem inneren Eigentum sich anschickte, neben dem für seinen Weg weitoffenen Tor ein spitzenstarrendes Eisengitter auf der Szene trotzdem zu überklettern, und habe zum Orkan des Abscheus bei Kritik und Publikum sich gesteigert, als dieser Don Quichote zum Schluß, einen leeren, von sechs Pferden durch alle Länder spazierengeführten Wagen öffnend, vor der aussteigenden Geliebten, die nicht da war, als hoffnungsloser Narr den kerzengeraden Degen salutierte.

Da über alles sonst sie Bewegende haßte sie stärker und war wieder in sich geschlossen und entschlossen, als ganz Unvorhergesehenes sie von Haus nach Paris rief.

 

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