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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Kurz bevor rückflutende deutsche Heere sie in Brüssel erreichten, ging sie über die holländische Grenze, Belgiern beim Abschied bezeugend, während vier Jahren Okkupation hätten sie aus Schicksals Härte vieles an menschlicher Würde gewonnen, das sie früher in Jahrhunderten nicht besaßen.

Am zweiten Tag ihres Aufenthalts im Haag bekam sie Nachricht zugesandt, Carl hätte unerwartete Gelegenheit zur Überfahrt benutzt und müßte mit der »Java« in Rotterdam eintreffen. Sie stellte fest, am gleichen Tag käme das Schiff im Hafen an.

Es regnete, als sie unscheinbar und ausgelöscht, hochklopfenden Herzens und unsicherer Eingeweide am Pier stand und versuchte, in der ankommenden Menge Menschen zu unterscheiden, die sie vierzehn Jahre nicht gesehen hatte.

Er, den sie nicht erkannt hätte, trat auf sie zu, was sie freute, weil sie begriff, sie sei sich ähnlicher geblieben; gleich aber schrie sie nach dem Kind.

Unter noch schrecklichen Umständen und mit falschem Paß habe er es nicht mitzubringen gewagt; er rechne, sie ginge auf nächstem Boot mit ihm hinüber.

Reisende, Bediente hatten längst den Pier verlassen. Sie standen sich noch unfähig gegenüber, Aufgeschleußtes zu sagen.

Zu Fuß liefen sie schließlich wortlos beieinander in Euras bescheidenen Gasthof und setzten sich im allgemeinen Wohnzimmer zum Fenster.

Als robusten Vierziger, gebräunten Teints, mit guten Augen stellte sie ihn fest. Er sah eine Dame mit scharfen, noch schönen Zügen, der ein Außerordentliches fehlte. Gleich darauf fiel es ihm ein: ihres unvergleichlichen roten Haares Masse.

Als sie seinen Eindruck sah, wollte sie lächeln, konnte es nicht. Träne trat ihr ins Auge.

»Ich habe mich verändert?«

»Sehr«, sagte er, »und das läßt mich hoffen. Du scheinst zu leiden, und es fehlt der Ausdruck des Willens zur Macht.«

Da lächelte sie, umfing ihn mit ganzem Blick, den er noch nie von ihr wahrgenommen hatte und fragte, wie es dem Kind ginge.

»Es hatte lange keinen Namen«, sagte Carl. »Ein kleiner Javane rief sie, als wir endlich drüben ankamen, ›Adirah‹, und so heißt sie seitdem. In Sorokarte wohnen wir, weit von Europäern, dicht am Urwald mit Schlinggewächsen, Parasiten und Orchideen. Vor uns ist Meer; Buddhistentempel, Pagoden und Vulkane sind da. Wir bauen Reis.« Er zog ein Bild aus der Tasche. »Das ist sie!«

Eura sah ein fünfzehnjähriges Mädchen nackt, von unaussprechlicher Schönheit. In seinem Anblick atmete sie tief, weinte leis und küßte es: »Wer machte das Bild.«

»Ich«, sagte er, »Du siehst in Tropenglut braucht sie wenig Kleider. Ganz mit uns allein sind wir bedürfnislos.«

Er beugte sich zu ihr, und sie fuhren fort, das Bild zu betrachten, wozu Wolke Wärme sich um sie stellte.

»Das Schönste«, flüsterte Eura, »das ich auf Erden sah!«

»Nicht nur schön. Feuer und Kraftquelle ist sie, die lebt und Leben gibt. Zentrum, das sprüht, und wie der Bromokrater Welt um sich zur Bewegung aus Angeln hebt, doch in dessen Trichter man zu Ruh und Götterversöhnung auch verschwinden kann. Es flutet und ebbt. Flutet nicht nur.«

Lange sah ihn Eura an und schien wortlos zu verstehen.

»Christine?« sagte sie endlich.

»Starb vor drei Jahren als eines braven Javanen Weib. Sie ließ zwei Kinder, die mit Adirah spielen und arbeiten.«

»Ihr seid glücklich.«

»Vollkommen das Kind«, sagte er. »Und Europa?«

Doch sie fragte nach Adirahs Haarfarbe.

»Rot«, sagte er. Da verschönte sie sich wundervollen Lächelns und fragte: »überall?«

Er nickte.

Und wieder nahm sie das Bild versenkte sich lange und schien endlich verklärt: »Das wenigstens ist geglückt«, sagte sie, gab ihm beide Hände und war mit ihm glücklicher Mensch.

 

Ohne daß er viel von Krieg gehört hatte, kannte er alles, was sie erzählte. So hatte er es sich vorgestellt. Er schreibe nichts mehr, denke wenig, weil es ihn im Leben störe. Was sie von ihm gelesen hätte, läge Jahre zurück, gälte vielleicht in Europa noch, nicht mehr für ihn. Katastrophe von neunzehnhundertachtzehn aber sei sicher nur Aktschluß, noch immer nicht des schlimmen Stückes Ende.

Eura verriet ihm, deutsche Revolution heute oder morgen sei auch reif. Er fragte, was sie von ihr erhoffte. Alles unter Umständen, rief sie begeistert. Er sagte, die Umstände seien nicht da.

Aber ihre Art, miteinander zu sprechen, war gründlich anders als je. Auch Eura behauptete, nichts mehr besser zu wissen. Beide sprachen nur aus, was jeder aus tiefstem Anschluß an Mitwelt vermuten mußte und entschuldigten sich, sahen sie, der andere glaubte es anders.

In jedem Wort ließ jeder spüren, er liebte den anderen nicht mehr, sich unbedingt Genüsse aus ihm zu schaffen, sondern nur noch Schmerz wäre diese Liebe, daß der Geliebte letzte Weisheit aus Erfahrung und Vision anders hätte. Nicht mehr belehren wollten sie einander, nur beweisen, aus ihrer Natur, der sie treu geblieben waren, konnten sie nicht anders begreifen.

Unbändig schwärmte Eura für Rußland, nahm jedes von dort gerufene Wort schon als Erfüllung. Und er, der begriff, wie das kahlgefegte europäische Herz für jeden Laut Menschenliebe aufschluchzen mußte, wollte ihr das Glück hätschelnder Wärme nicht kürzen.

Als sie die in Deutschland vollendete Revolution, Absetzung des Hohenzollern und einiger Dutzend Potentaten erfuhren, tollte sie wie ein Kind, und Carl sah, sie hatte Adirahs Bewegungen, griff die nach Früchten am Baum.

Sie war nicht zu halten, wollte Hals über Kopf mit ihm nach Berlin, bis er ihr kurze Zeit zu warten riet, im Haag bequemer von Anfang an mitzuerleben, was in Deutschland gegipfelt sei.

Lenins und Trotzkis Namen nahm sie wie Süßigkeit in den Mund, entzückte sich, machte verliebte Augen, strahlte; und kam immer bessere Nachricht, nannte sie schmeichelnd ihn, Carl, Väterchen der Revolution.

Er schüttelte den Kopf und sagte: »Nicht solcher; nie bemühte ich mich für sozial-wirtschaftliche politische Probleme.«

Um aber der Stunden Jubel nicht zu trüben, suchten sie letzte notwendige Auseinandersetzung, die sie für ihr Schicksal brauchten, behutsam aufzuschieben, und erst als sich Vorboten naher Revolution auch in Holland mehrten, man in der Hauptstadt Fenster der Parterrelokalitäten verbarrikadierte, Glas mit Latten und Balken verkleidete, vom Land her gleiche Nachrichten kamen, Kavalleriepatrouillen aufritten, als Eura sich in Versammlungen und randalierende Haufen mischte und der Behörden Aufmerksamkeit schon erregt hatte, als sie ihm schließlich mitteilte, sie habe zu Zwecken der Revolution über ihres Vermögens Reste verfügt, sprach er sie entschlossen an und sagte:

»Gut. Das ist geschehen und fertig! Und ich bin mit dir der Mensch, der weiß, Leben ohne Überraschung ist unerträglich, und grauenhaft wäre es, sie bezweifeln zu wollen. Aber ich liebe dich zu sehr, nicht zu versuchen, mit Gewißheiten, die ich habe und du nicht, dir jetzt schon ein Sprungtuch zu unterbreiten, auf das du, ohne dich totzuschlagen, fällst, geht manches doch nicht das Wesentliche deiner Hoffnungen in Erfüllung. Du hast mein Leben revolutionär empfunden, nanntest mich gegen Herrschendes Rebell, und hattest recht.

Aber. Meines Aufstands Richtung ist anders. Keins von den Zielen, nach denen du und der gequälte Erdteil schreien, mag ich.

Schwer zu sagen, was ich will, da heutige deutsche Sprache unbescholtene Inhalte entstellt. Ich bemühe mich, verständlich zu machen, was ich mit Helligkeit oft in mir sah: dieser Krieg war Wohltat für Europa. Denn er leuchtete, was auf keine andere Weise möglich war, Abgründe abendländischen Lebens gründlich ab. Also retten wir über uns zerreißende Gefühle nur Glück: wir wissen besser Bescheid!

Was wissen wir? Wir wissen es gab hundertjähriges, schließlich geglücktes Bemühen aller europäischen Führer, aus anscheinend bewiesenen ökonomischen Notwendigkeiten Beziehungen zwischen Mitmenschen geradeso zu formeln, wie ursprünglichen Zwang, daß ich Luft atmen und CU 2O unter allen Umständen Kupferoxyd sein muß.

Bewußtsein, Gewisses in der Natur ist stets und unbedingt so, daß man seine einfache Rechnung schwarz auf weiß in der Tasche besitzt, trieb den Menschen, zu wollen, auch von ihm zum Nächsten bliebe alles so ausgerechnet, wie es sich einst aus Situation ergab, und an das man sich gewöhnt hatte. Also zu Wirklichkeiten nie neue Möglichkeiten fürs Leben mehr sondern nur die Ersteren.

Da aber Schöpfung aus ursprünglicher Mannigfaltigkeit sich nicht so einfach und kalkuliert, wie es ›erkennende‹ Weise wünschten, gab, wurde Gewalt notwendig, und alle und jeder über seine Kraft begann, Beziehungsinhalte zum anderen zu zwingen, um auch bei gewollten Formeln anzukommen.

Instinktiv wird Europa seit Jahrhunderten, bewußt seit über hundert Jahren von diesem einzigen Drang nach Wirksamkeit, Tat, Fortschritt und seinem Ziel, Kapital vergewaltigt, und was letzte Jahrzehnte hinzubrachten, war nur dieses Willens zur Macht schnelleres Tempo. Arbeiter und Herrenmenschen kannten nur ihn, wünschten nichts sonst mehr. Beide häuften Summen der Mittel auf ihre Seite, an ihm am besten teilzuhaben, und Weltkrieg wurde aufs Exempel Probe, wer in diesem Ringen schon der Stärkere war. Wir haben das Resultat: der große Geldmensch noch im Westen, im Osten der Arbeiter.

Und gerade der Deutsche. Nie und nirgends, in keinem Wort, keiner Führergeste fiel ihm ein, deutschen Machtwillens, Geschäfts Methoden auf ihren geistigen Inhalt zu prüfen, sondern von Anfang an hat er dies Freibeutertum akzeptiert und zugesehen, für seine Person nach Kräften den Staat, des Ganzen bewaffneten Schutzengel mitzubeherrschen.«

Da sie unterbrechen wollte, wehrte er und fuhr fort: »Zehn Jahre vor der Zuspitzung begann ich, was ich dagegen für notwendig hielt, von der Szene und in Prosa zu wiederholen: nicht Tat; doch Haltung des Einzelnen und Ganzen!

Nicht Wettlauf zum Ziel, das keins ist, kein Äußerstes von Aktivität, doch ein Verweilen, Beharren bei sich selbst und jeder Regung der Umwelt. Kein Hinnehmen von Klischees für jede Lage, sie als ›bekannt‹ um so schneller überspringen zu können, sondern unter allen Umständen eigene Gesinnung in ihnen.

Und zum tausendstenmal: Freiheit der Beziehungsinhalte für Welt bis zum letzten Kuli gegenüber Unfreiheit vor dem, was Vernunft als notwendig und unveränderlich in Formeln und Imperativen abgrenzen mußte. Und eher Versuch, noch das Vernünftige zu beschränken; in Beziehungen aufzulösen als aussichtslosen umgekehrten, der den Europäer grenzenlos lächerlich und zum Gespött Einfältiger gemacht hat.

Aufbruch vom Willen zur Macht zum Trieb reinen Lebens hin, Wegbruch von Zwangsvorstellungen zur Beziehungsfreiheit! Und nicht Paul Gauguins halbgemeinten Versuch dazu, der aus Ketten der Moral ins Paradies von Tahiti aufbrach, um mit schlichter Menschheit reinlich zu leben, mit seiner Vanina Tehura gerade ein Schicksal zu haben begann, als ihn ›wichtige Familienangelegenheiten‹ von Liebe zum wilden Weib Tehura fort nach Frankreich zurückriefen, sondern Ständers treuherzigen Abmarsch aus Europa und seine Überzeugung dazu: ›Von Zunft und Gemeinschaftsidealen unabhängig will ich nur noch mein eigenes Herz durchforschen, Lehrer suchen, die meine Natur verlangt, und sollte ich sie in China und in der Südsee finden.‹«

»Gerade das fordert Lenin!« rief Eura begeistert.

»Und nicht den geringsten Willen zur Macht mehr?« fragte Carl: »Wäre es möglich, Diktatur des Proletariats soll nichts als Proletariers Vorherrschaft für des Niederreißens Augenblick heißen, für den vom Bourgeois helfende Mitarbeit natürlich nicht zu fordern und der darum für eine Zeit im Schatten aber dauernd von der Schwelle neuer Gemeinschaft nicht zu halten ist? Daß sie für des Aufräumens Periode einen Übergang bedeutet, bis aller Menschheit die saubere Plattform gefunden ist, auf der nicht wieder neue Kommandos von Führern zu neuem notwendigen Sichverhalten sondern freies Lebensgefühl, kein Gewaltregime, keine Ausrottung, Vernichtung, Unterdrückung von Gruppen aber goldenen Zeitalters schicksalhafte Notwendigkeit steht? Wie wolltest du, daß sie nicht nur eine andere höhere Phase der Gewalt ist, beweisen?«

»Die vollkommene Vision habe ich!« schrie Eura.

»Ich brauche Erfahrung dafür«, sagte Carl, »ehe ich in Asien unerläßliche mitmenschliche Bescheidenheit gegen Anschluß an europäische Kameraden tausche. Erst wenn ich gewiß wäre, so geartete innere Bereitwilligkeit der Massen, die ich als Führer nie erzwingen würde, ist elementar, könnte ich abendländischen Brüdern nützlich sein.«

»Vorbild gilt es jetzt!« herrschte Eura ihn an.

»Das wäre der Regisseur«, antwortete er, »wieder Ausnahme, der neue Aristokrat. Ich bin Plebejer.«

So ähnlich war Situation jener vor langen Jahren im Garten Flauberts, daß sie lebendig in Eura auferstand, wieder das Wort »Dilettant« hallte, Haß dichter wirbelte, und sie den Mann, der ihr Kostbares verkörperte, zischenden Atems ausstieß, daß Raum um sie bebte.

Auch er sah ihre blanke Schönheit jenes Tages wieder, als sie auf Rouens Brücke flatternd seines Lebens weiblichster Glanz gewesen war. Frisch flog Gier in ihn zurück, quoll aus Blicken, sprang in seinen Griff.

Aber »zurück!« rief sie, wuchs und war in sich selbst verklärt, für ihn unerreichbar.

Von da an, schien ihm, entfaltete sie sich hemmungslos, reifte irgendwohin. Seinen Theorien, die er vor ihr entwickelte, hörte sie lachend zu, schnitt Gesichter und gähnte schließlich.

Er schlug vor, ein Institut geistiger Zentralgewalt als Modell für künftige Regierungen mit zwei Unterabteilungen zu gründen und zwar eine Hochschule zur Gewinnung letzter Erkenntnisse (Urteile) und eine für Beziehungsbegriffe, die beide die Tendenz hätten, ins Gebiet der anderen beanspruchte Materie zu beargwöhnen, das heißt ihre Zugehörigkeit zu ihr noch immer zu bezweifeln und so zu verhüten, daß ein Phänomen leichtfertig zu früh klassifiziert sei.

Da – mit erhobener Hand riß sie plötzlich das Fenster auf, hing sich weit hinaus, wo todstiller Donner, dumpfes Brausen war, schrie »Ah!«, schwenkte Hut an Bändern, warf Kußhand und stürzte zur Straße fort.

Er aber beschloß, sie bei der Rückkehr vor die Wahl zu stellen, ging in die Agentur der Schiffahrtsgesellschaft und machte zwei Plätze für den nächsten Dampfer nach Ostindien fest.

 

Als Eura ihrem Instinkt nach atemlos in die Mitte der Stadt zum Buitenhof kam, barst der Platz vor Gedränge kochender Menschheit.

Irgendwo schrillten Pfiffe, von Kreischen und Heulen aufgenommen. Hüte wehten, Menschen reckten den Kopf und warfen Arme, wußten nicht, wo und was es galt; begriffen nichts, bebten. Säuerlich und heiß stand eine Wolke Schweiß steil, Staub schwirrte, Zittern fuhr durch die Menge und Stimmen krächzten heiser.

Gewalt stampfte, die nicht Weg und Ausgang hatte, sich um sich selbst drehte, Pulse hob. Eura schwang sich in eine Woge und schwamm hin, wo es am schwülsten und dichtesten im Gewühl war.

Plötzlich sieht sie Ketten Helme blitzen, Bandeliere. Ruck des Ganzen sprengt sie rückwärts gegen eine Hausmauer, an die sie hochgeschraubt wird. Seitenstraßen sind mit Druck von Dragonern und Gendarmen in den Platz gestemmt. Waffenglanz reckt sich und klirrt. Pferde mit schnaubenden Nüstern tanzen auf Massen zu.

Irgendwohin läßt sie sich zurückheben, schwebt. Dann in johlendem Schwarm, Qualm and Gliedergefuchtel stürzt sie hüpfend und stolpernd hundert Meter vor, um mit den übrigen jäh an eine Stelle anzuwachsen.

Flackernde Augen tauchen in ihre, fragen. Sie weiß nicht, sieht nicht. Schmeckt, hört nur Rauch und Leidenschaft. Umarmt Laterne, die im Weg steht.

Ein Leierkasten spielt, stockt. Schärpe, Fahne weht. Branntweindunst. Plötzlich bricht knatternd Feuerstreif auf und entzündet Augen und Nerven. Da reißt es sie weiter vorwärts und gierig leckt sie mit anderen Entscheidung entgegen.

Alles hat Atem, den sie nie gespürt. Urworte rollen auf, Muttersprache versteht und heult sie stürmisch wie Niegehörtes aus der Brust hoch. Schimpft und speit Flammen Dynamit. Köstlich wie Segel wölbt sich ihr Rock, an aufgesperrten Mäulern, Mähnen, gereckten Fäusten fliegt sie vorbei.

Hält vor leerem Raum. Kavallerie, Säbel steif in der Luft. Alles steht. Säule Schreck wächst zwischen den Parteien. Nur ein Pferd wiehert laut.

Auf Ballonmützen, zwischen Zähne festgekrampfte Zigarettenstummel sieht sie. Taucht in tausend Augenpaare, in denen Feuer glüht. Erwartet ein Zeichen, das man von ihr fordert.

Auf einen Prellstein, von dem eine eiserne Kette zum nächsten läuft, setzt sie den Fuß. Da ist sie hochgehoben und thront über Menge. Ein Meer Menschen, das an sie brandet, mündet mit elektrischen Drähten in sie. Sie steigert sich zu mächtiger Geste, und Entzücken, wie sie es seit jener Stunde, in der sie vor zwei Jahrzehnten in Berlin Massen durch Anruf weckte, nicht fühlte, schwillt in ihr.

Das wächst, hebt ihr Schenkel und Bauch, bricht ihr das Herz auf, daß gebannt Proletarier an ihren entfesselten Gliedern hängen. Jetzt kommt es darauf an, spürt sie, jetzt im Moment muß Leben gipfeln, Mensch und Mitmensch, Kommunion und Exhibition sein, und während Knie an Knie Zuschauer wanken, reckt sie mit riesiger Gebärde sich über sich selbst, klafft wie einen Schalltrichter des Jenseits das Maul auf und schleudert plastisch kolossalen Schimpf auf Militär, daß obszöne Wahrheit Alarm kreischt.

Doch da in gellendem Schrei brüllt Volk auf und wirft sich Lawine auf Bewaffnete. Wie Schaum ist Eura an die Spitze senkrecht in heißes Geschehen geschmettert, das sie von Bedingtem freibrüht.

Zu Wasser schmilzt sie, schwenkt Waffe und zielt. Noch einmal stemmt sich ein Wall gegen sie, an den sie pralle Brüste wirft, ihn endlich zu zerreißen. Da klatscht ein Knall, Singen zischt – und von herkulischem Pfeil ist sie tief zwischen den Brüsten entjungfert, daß Entscheidendes einreißt und Blut in Fontänen aus ihr zwitschert. In Orgasmus, der sie mit roter Tinte überschwemmt, sinkt sie hin. Dann schmeicheln ihr zarter rosa Horizonte.

Wollust ein letztes Mal zu kulminieren, greift sie den Soldatenstiefel, der steil in ihren Unterleib fährt, zieht ihn tief in zuckende Gedärme und entblättert in einem so gänzlichen Lächeln, daß der Sergeant seinen Tritt bremst und mit Hinblick auf die ekstatische Tote unwillkürlich »Pardon!« neuen Nachstürzenden zumurmelt.

Nach grauenhafter Nacht ohnmächtiger Erwartung las Carl am andern Morgen, mit sieben Opfern sei die unverehelichte Fuld bei einem Krawall von Truppen erschossen und von wütender Bürgerschaft ihr zertrampelter Kadaver ins Wasser geworfen. Zugleich proklamierte mit dem Standrecht die Regierung, sie sei ein für allemal eisern entschlossen, skandalöse Tumulte mißleiteter Elemente in Zukunft unmöglich zu machen, und national-katholische Vereine aus allen Gauen des Landes forderten auf, frechen Drohungen umstürzlerischer Banden gegenüber, morgen auf dem Paradefeld der Königin aller treuen Herzen Huldigung darzubringen.

Carl in Katarakten weher Gefühlsstürme wollte entrinnen und seines Aufenthalts letzten Tag auf dem Land einsam verbringen; als er frühmorgens aber das Hotel verließ, waren Straßen und Plätze von festlich geschmückter Menge schon so überfüllt, daß kein Weiterkommen war, Wagen und Trams nicht marschierten und ihm nur festzustellen blieb, in zweimal vierundzwanzig Stunden hatte ein ganzes Volk Mentalität des Aufruhrs und der Empörung über ein Jahrhundert Irrsinn europäischer Führer in treuherzige Demut und Dankbarkeit für das angestammte Königshaus ohne besonderen Anlaß zurückverwandelt. Keine Brust, die nicht mit des Hauses Oranien gelben Kokarden bepflastert war, kein Auge, das nicht fröhlich funkte. Gebäude, jeder Pfeiler und Mast, elektrische Bahnen und Schiffe wimpelten so im erdenklichen Flaggenschmuck, daß Himmel kunterbunt war. Brüste der Schutzleute zu Fuß und zu Pferd keuchten medaillenschaukelnd.

Es genügte, die Königin und das blonde Prinzeßchen im weißen Pelzmantel bei ihr fuhren in mit vier orangegelben Rössern à la Daumont bespannter Kutsche ein paarmal über den Paradeplatz, daß aller Holländer Herzen ohne Unterschied des Standes wie schon seit langem nicht geschwellt waren, kein Auge trocken blieb, und von innerer Bewegung schließlich fanatisierte Menge die vom Geschrei ermüdeten und schon nervös gewordenen Falben abschirrte, sich einspannte, und eine gerührte, vor Aufregung schwitzende Königin unter neuen Vivatstürmen in ihr Palais schleifte, von dessen Balkon sich die korpulente Dame unzähligemal gegen das bunte Gekribbel verneigte.

Von da bis in späte Nacht begoß Nation Freude über ihre Souveränin mit Strömen Alkohol, und Bürgerschaft und Adel besonders konnten sich bis zu so völliger Trunkenheit nicht fassen, daß Restaurants und Hotelsäle schließlich in trüben Lachen schwammen und Hollands sprödeste Jungfern sich feuchteten. Bis zum Morgen hörte Carl immer von neuem in sein Elend und Bett hinein Tusch und Hymne gebrüllt:

Wilhelmus von Nassauwen ben ick van duytschen bloet, Den vaederlandt getrouwhe blyf ick tot in den doedt!

Über nichtbewältigten Schmerz hinaus stand er am nächsten Morgen an Bord des Schiffs, das ihn für immer dem alten Erdteil entführte, aufrecht und dieser Erkenntnis gewiß: aus unüberwindlichen Zwängen hätte es so kommen müssen, und ob es im einzelnen sich auch anders ereignen konnte – Europa war tot!

Und wie mit Worten aus einer Unfallchronik setzte er für sich hinzu: Wiederbelebungsversuche wären aussichtslos.

Scharf warf er den Kopf herum, schloß die Lider und schaute innen mit immer wachsendem Entzücken – Adirah und Sorokarte!

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