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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Deutschlands Politik, unter Bismarcks und dreier gewonnenen Feldzüge wirkendem Einfluß innerer Festigung verhaftet und dem in Nerven der Nation sprühenden Ausbreitungsdrang noch widerstehend, war genötigt worden, zu hoch gestautem Druck Ventil zu öffnen, wollte sie nicht an des eigenen Volks Bedürfnissen vorbeiregieren.

Während noch französisch-russische Militärkonvention von 1892 die deutsche Regierung zu keiner Gegenäußerung hatte veranlassen können, hatten Bülow, der auswärtigen Angelegenheiten des Reiches Leiter und Tirpitz Marinestaatssekretär 1897 durch riesige Flottenvorlage plötzlich Eingeständnis gewagt, es sei innere deutsche geistige und wirtschaftliche Neuorientierung von der Regierung auch nach außen zu ihrer gemacht.

Auf Versicherungen der Industriemagnaten fühlte man sich dem Ausland gegenüber stark genug, mit offenen Karten zu spielen. Ja, man deutete an, zu Europas Heil müsse des Deutschen aufgespeichertes Selbstgefühl schnell entladen werden, solle es nicht als sozialistische Revolution im Innern zur Katastrophe führen, die auch zum Wohl der übrigen Staaten zu vermeiden sei.

Sei es aber, man schätzte im Ausland sozialistische Bewegung vor anderen noch gering und mißtraute deshalb dem Vorgeben deutscher Regierung, der offizielle Schritt hatte unerwartete Folgen: mindestens die leitenden Kreise aller europäischen Länder machten in hitzigem innerem menschlichem und wirtschaftlichem Ausbreitungsmarsch, der auch bei ihnen Politisches ponderiert hatte, und den man überall Imperialismus zu nennen begonnen hatte, Kehrt und zogen sich glühendes Blei in kaltem Wasser jäh und einer immer enger an den andern zusammen. In Frankreich, das den Erbfeind schmeckte, in Rußland und in England, um seine Ernährung über den von ihm bisher beherrschten Ozean besorgt, trat hinter Gegensatz zu Deutschland alle Regung zurück.

Durch Rank bekam Eura Proben davon in Briefen. Es ließen in Paris sozialistische Demonstrationen gegenüber vaterländischen vor der Straßburgsäule und der Jungfrau von Orleans nach. Schlimmes Zeichen! Nach seinen Worten war Deutschlands unverblümte Haltung und daraufhin im Ausland ausgelöste politische Reaktion stärkster gegen die seit Jahrzehnten aufkommende Sozialdemokratie geführter Hieb.

Mit einem Schlag sei Steuer europäischen Willens herumgeworfen. Könne kein Abblasen deutscher Weltpolitik von der Parteileitung sofort erzwungen werden, sähe er Schlimmstes doppelt voraus: des sozialistischen Gedankens Unterliegen auf allen Gebieten, wahnsinnigen Mord und Totschlag der Kapitalisten untereinander.

Sie schrieb zurück: aus der Führer Mund habe sie Geständnis, es sei unmöglich, Hochdruck der Industrie, durch den der Arbeiter wie nie verdiene, zu bremsen, weil man keinen Ersatz, ihn anders sofort zufrieden zu stellen, habe. Im Augenblick schiene noch so hinreißende Idee schlechter Tausch für Schinken auf Butterbrot. Sie persönlich könne sich in Räder so unmittelbarer Politik nicht werfen. Einzige Aufgabe des Instituts, seine und ihre bliebe es, auf der Frauen Mentalität weiter zu wirken, um bei einer Katastrophe, der man jetzt ins Auge sehen müsse, aus Tiefen häuslichen Lebens Einfluß zu haben; sie wies auf das Beispiel katholischer Kirche.

Inzwischen sah sie ein, wie Zeitverhältnisse zur Entscheidung drängten, Tempo in öffentlichen und privaten Dingen jagend wurde, müßte sie in sich selbst am radikalsten sein und, wie gemeinsame Anstrengung es machte, eigenen Mut zum Gipfel neuer Wahrhaftigkeit stoßen.

Es sei nicht, wie es in der Enzyklopädie geschehe, mehr genug, alten Ausdruck der Sprache auszurotten; neuem müßten größere menschliche Visionen zugrunde liegen, und ehe anderer Geist in Begriffen leuchten könne, müsse jüngeres, zeitgenössisches Blut, sei es in Tumulten, getobt haben.

Zu Carl ihre Haltung, die ihn offenbar zum Schritt der Verzweiflung getrieben hatte, wie schnöde sie sie selbst noch oft aus ererbter Meinung nenne, müsse sie aus Überbewußtsein, jauchzendem Zeit- und Zukunftsgefühl, lauter bejahen. Schamlos habe sie ihm das neue Weib gezeigt, schamloser, weil Scham des Hergebrachten Verwechslung mit Zeiteigentümlichem sei, müsse sie sich selbst ihren neuen Menschen weisen und Kameradinnen über alle Welt ein Beispiel geben.

Längst verehre sie das Meiste nicht mehr, das Menschen recht, gut und schön nannten, sondern ganz anderes. Oft das Gegenteil! Fände es dumm, wenn Mann am Weib nur Fleisch betaste, Dichtung Geschlechtsliebe sänge, und menschlichen Lebens Kern noch stets der Beischlaf scheine. Pompöse Aufbewahrung geglückter Wahrzeichen solcher Mentalität in Museen fand sie, Zeitsinn fälschend, nicht nur ekelhaft, sondern Einbau großen Kapitals, das für sie benötigtes Arbeitsergebnis war, in so fossile Dinge grotesk. Jetzt hatte sie viel stärker Lust, sah sie Kunstwerk ausbeuterisch Summen Gelds, menschlicher Duldung, ja Hingebung von Lebendigkeit fort an Zermorschtes schlingend, es zu zertrümmern, daß Raum knallte.

Gefühl heiliger lebendiger Ökonomie wurde so kraß in ihr, daß Leben nur noch Prüfung war, diente ein Phänomen, Kraft an sich verschwendet wollend, Gegenwart kräftig genug? Im andern Fall haßte sie es tödlich, Blut vergiftete sich in ihr.

Verdammt schien Luxus mit Einschluß der Erhaltung alter Kunst, die das geringe Maß an notwendige neue zu wendender Kraft minderte. Prostitution Greuel, weil für bescheidene Summe männlicher Potenz reife weibliche Schoße reichlich vorhanden waren. Kaum eine Erscheinung in der Zeit equilibrierte; überall erschien persönlicher Leistung formidables Minus dem für sich Verlangten gegenüber.

Durchaus aus keiner Morphologie der Geschichte, keinem Vergleich mit anderer Epoche war diese Zeit zu verstehen, weil alles Echte der Beziehungsinhalte nagelneu wurde, und sie, Eura Fuld, Amsterdamerin aus gutem Haus durchaus nicht Geld, Reichtümer, Sitten, die mit Vergangenheit verbanden, liebte; Andenken von Vater und Mutter keineswegs ehrte, weil es Verwandte, sondern tüchtige Menschen gewesen waren.

Sie stähle, zwänge sie Hunger, ehebreche, liebe sie fremden Mann, hasse Feiertag, weil ohne Arbeit und ehre ihn nicht.

Ja sie würde den Menschen töten können, der nicht auch schaffender Mitmensch, sondern nur Existenzen fressender Schmarotzer war. Von solchen Überzeugungen besessen schlug sie Faust ins Fenster, daß wie von krepierender Granate Glassplitterstrahl ihre eigene Brisanz bewies.

 

Wohltätigkeit übte sie so, daß sie Berufene, aus Mangel an Mitteln in Wirksamkeit beschränkt, mit ihrer Hilfe zu auserwählten Führern machte. Für die Unterstützung entschied nicht des Bittenden Not doch seines Willens Kraft, weiter, Gemeinschaft dienend, zu leben. Skeptisch blieb sie sogenannter Intelligenz aller Länder gegenüber, wo die in Bedrängnis war, indem sie um so unerbittlicher Hilfe versagte, je begabter der Bettler, seine Arbeit eigenen, und nicht der Unmündigen Loses Besserung gewidmet hatte. Fanatisch haßte sie Künstlerpack, das, statt als Arbeiter und Handwerker Werte mit deren Leben bezahlt war, zu schaffen, sich auf Grund meist geringen Talents als des Bürgertums Zuhälter füttern ließ.

Je besser sie eigener Haltung Ursachen einsah, um so klarer erkannte sie, wie Chauvinismus, ursprünglich ein Ressentiment, alsbald von Regierungen Europas aus Außenpolitik umgekehrt in innere zur Unterdrückung und Verächtlichmachung des von Unzähligen gewollten mitmenschlichen Aufstands eingeführt, und endlich von Reaktion in der Partei selbst ein Umbiegen des Denkens von internationalen sozialistischen Begriffen zu nationalem Sozialismus mit prasselnden Schlagworten versucht wurde.

Obwohl noch neunzehnhundertelf die Chefs russischer und französischer Generalstäbe erklärten, nach wie vor diene die geschlossene Konvention nur des Friedens Erhaltung und im äußersten Fall einem Verteidigungskrieg, hatte Eura, die im Gegensatz zu Rank gegenüber behaupteter reinpolitischen Zurückhaltung für ihre Zwecke schon große Summen spielen ließ, Nachrichten, alle Welt sei gegen Deutschland und Österreich bereit, und nur, um des Angriffs Odium nicht zu tragen, warte man auf einen diplomatischen Fehler oder die Provokation der Mittelmächte.

Aber seit jener Flottenvorlage hatten weder Österreich noch Deutschland, die ihres Tuns Effekt bemerkt hatten, diesen von Rußland besonders, das sich auf der deutschen Ostseeprovinzen Eroberung vorbereitete, sehnsüchtig erwarteten Fehler gemacht, und Eura glaubte aus hochbezahltem Verrat zu wissen, europäische Diplomatie, die alles tat, Deutschland in diese Falle zu locken, und die russischen Botschafter in Paris und London besonders waren über diese immer wieder bewiesene Mäßigung außer sich.

Auch der Balkankrieg von Neunzehnhundertundzwölf brachte trotz russischer Anstrengungen und französischer Erzbereitschaft noch nicht die große Explosion, weil England nicht überzeugt werden konnte, in einem europäischen Krieg sei öffentliche Meinung schon feindlich genug gegen Deutschland eingestellt.

Neunzehnhundertdreizehn konnte der Krieg Skutaris, Armeniens, Adrianopels oder der deutschen Instruktoren in der türkischen Armee wegen jeden Tag ausbrechen, aber, da sich die österreichische und deutsche Regierung noch immer der ihnen zugeschobenen offensichtlichen Unklugheit enthielten, ein eklatanter Fehler nicht gemacht wurde, war es Russen und Franzosen bis Anfang neunzehnhundertvierzehn nicht gelungen, die langsam marschierende englische Einbildungskraft und damit den Kredit angelsächsischer Welt ganz auf ihre Seite zu bringen. Aber schon schien Europa Pulverfaß, um das historische Welt mit brennenden Streichhölzern tanzte.

 

Eura hatte Aufruhr in Knien, Knoten im Rachen, lebte in allem Möglichen: Angst, Hoffnung, Zuversicht, Verzweiflung. Trotz ihrer an radikale Presse reichlich gegebenen Mittel, neugegründeter, furchtloser Zeitschriften, in deren einer Fritz Führing wie ein Rasender entlarvte, sah sie plötzlich in der ganzen großen Journaille Europas auch keine Spur so grauenhafter Wirklichkeit mehr, sondern nur eingetrockneten Syrup ältester Zwangsvorstellungen wieder flüssig werden, mit dem hirnlose Leser betropft und in den sie allmählich fester eingekocht wurden.

Immer Anwachsendem gegenüber wußte sie kaum mehr Bescheid. Halben Jahrhunderts Arbeit schien wieder vergeblich, prachtvoll begattete Zeit nicht gebären zu sollen, strotzender Same, Dung – pralle Schwangerschaft nicht zur Entbindung gereicht zu haben.

Auch in ihr selbst nicht. Sie konnte nichts. Hatte bis jetzt wohl nur abgebaut? War immer noch nicht in Dingen selbst, obwohl sie klar von ihnen sprach; und auf einmal schien ihr Sprache erst das Frühere. Irgendwo sei noch größte Kraft in ihr und Zeit, fruchtvolles Entzücken nicht entjungfert.

Und doch hatte sie mit Bauch, Schoß, Hirn und Herz saftig geliebt. Wohin mußte Same noch fallen? War zu tieferem Schacht Kanal verstopft? Was, wer mußte sie blutiger anschneiden, wer sie zu seiner noch trüberen Pfütze machen, daß sie sich reiner klären konnte? Viele sah sie sterben, die bis zum dreißigsten Jahr gekämpft und dann verzagt hatten. Manche blieben verzagt auch leben und pesteten wie Leichen.

Ihr und ihrer Welt fehlte Durchschlagskraft?

Manchmal aber, sah sie nachts hinaus, glaubte sie Äußerstes: blau! Und hatte nichts mit Bluts kochender Röte, Ausbreitung, Pauke – mit Ruhe zu tun.

Sie wurde unsicher, ob es weiter galt, Effekte zu schmeißen, zweifelte an Posaunenkraft und hörte wieder Mozarts Violinen.

Sie spürte Carl und wollte in süßer Schwäche zu Jesus fliehen.

Als sie sah, wie Hassenswertes, das zum Krieg stieß, in allen Geschöpfen tobte und sich überschlug, Unsinniges hallend und beschwörend im Sturmgebraus gebrüllt wurde, dachte sie, man müsse, da Irrsinn laut sei, Vernünftiges aus Windstille hören. Es gäbe vielleicht des Versäumten und Vernachlässigten himmlischere Gewalt, die kein Orkan aber geduldige Liebe über den Augenblick höbe.

Inständig widmete sie sich den Allerunglücklichsten und begann, sie nicht mehr mit zudringlicher Neugier zu beschauen, mit sich zu überschwemmen, doch aus ihnen an ihnen teilzuhaben.

Es war vielleicht zu neuem Aufbruch an noch andere Grenzen Zeit. Aber noch würde sie ein Kataklisma aufhalten, ehe sie aus letzter Hülle steigen könnte, für die sie einst schon das Hemd gehalten hatte, das sie abwarf, Carl zu überfallen und aufs Bett zu nageln.

Bald aber wurde ihr von Wirklichkeit streng verwehrt, auf Vorposten zu träumen oder am Feind Waffen wegzuwerfen. Je mehr des Völkerhasses Brüllflut wuchs, um so stärker vorstoßend mußte sie tägliche Gefahren klären. Müde und voll Sehnsucht nach anderem gönnte sie Carl und einer geliebten kleinen Unbekannten Betrachtung und Ruh auf morgenländischen Balkonen. Sie selbst durchschaute schon sehr den geänderten Klang der Zeit, mußte ihm aber nur aufmerksamer lauschen.

Wieder flog sie zwischen London, Paris, Rom hin und her und nach Berlin zurück. Sah Amsterdam, Stockholm und Petersburg. Staunte auf Konstantinopel. Nahm in Regent Street, am Singel Hauch letzter Sensationen, die Völker blendeten, in Nüstern. Flog in Expreßzügen, Automobilen und Ballonen.

Angehalten war der Gegenwart Herzschlag, und widrige Vergleiche zu Vergangenheiten herrschten wie nie zuvor. Es rauschte mit Wogenprall kriegerische Metapher; rauflustige Wut rauchte zum Himmel.

Der Mann, schwertrasselnd, sprang wieder im Weltall vor, bereit, mit einem Kraftfurz Blühen der Zeit totzustinken. Man wartete nur auf Signal.

Der sich immer verstärkende Raubvogelruf von Kaiser Wilhelms Hupe täglich am Hotel vorbei war Eura greulichster Schrei.

Seinetwegen zog sie in die bescheidene Pension zurück, in der sie als heranwachsendes Mädchen gewohnt hatte. Sie sah sich wieder, wie sie, aus Maschine gestanzt mit einem bißchen gedachten Trotz dazu gewesen war. Wie sie aller Substantive, Adjektive und Verben Klischee dennoch treulich erfüllt und wo sie frondierte, doch nur gleichen Begriffs Negativ bevorzugt, noch für nichts entsprechend Ursprüngliches behauptet hatte.

War das später anders geworden? doch! Erst hatte sie aus Angst menschlichen Intensitätsverlusts Überraschendes getan, dann, nach Springflut weiblichen Glücks mitmenschlicher Instinkt sie so wütend geschüttelt, daß sie Wollust der Lenden sogar, die sie vor anderen zu groß voraus hatte, freiwillig entlaufen war.

So hatte sie doch geschafft, und es galt nur jetzt im Moment der Entscheidung nicht wie Millionen andere zu erliegen. Abzuschlagen Ranks, der plötzlich auch schlapp geworden war, hypokritischen Angriff, in dem er behauptete:

Auch die von ihnen verlangte letzte Freiheit, eigene Visionen der Beziehungswelt fordern zu müssen, bestände nicht. Auch diese Visionen könnten nie aktivistisch aus dem Einzelnen bestimmt sein, sondern jedermann sei ihnen wie Urteilen der Vernunft von Gott aus leidend unterworfen. Und es zieme, nicht sie ergreifend, sondern von ihnen ergriffen, sich demütig anzupassen. Nicht interessant, wo man sie packte, war wie Goethe gemeint hatte, Welt, doch foudroyant, wo man gepackt wurde.

Alles habe sich, verstehend einerseits, doch andererseits ohne weiteres zu beugen, und diese allerletzte Demut kröne mit reicherem Glück als jede frühere. Man begreife doch nicht ewig sich ändernde Kurven von Flüssen und Wäldern, ihr Rauschen, Schwellen und Fallen, aber liebe das Ganze mit Leidenschaft wie Windes Rhythmus und Körpers Biegen; das alles hatte auch sein augenblickliches arithmetisches Gesetz, dem man Platz machen, vor dem man immer weichen müsse, damit es sei. Nicht nur der Mensch, auch Mitmensch müsse sich falten.

Aus Wundts höchstpersönlicher Anmaßung, wie aus ihrer gutgemeinten, vom besten Wissen und Gewissen des Individuums geführten Anteilnahme an Beziehungswelt, könne nur Krieg folgen. Den rotte allein grenzenlose persönliche Opferung aus.

Er für sich habe entschieden. Auch das Weib, zu begehrlich, sei als wahrhaftigen Lebens Mittlerin unzuverlässig. Er schlösse sich freudig Christo an. Lege in ihre Hände menschliches Amt zurück. Er habe konvertiert und hoffe, bald in die Gesellschaft Jesu aufgenommen zu sein.

Das war vor zeitlicher Gewalt erste Kapitulation, frühester Verlust am Feind, und statt aller Antwort an den pflichtvergessenen Abtrünnigen schnellte mit unvergleichlichem Impuls Eura sich mehr in die Kampffront nach vorn, wurde in demonstrierenden Öffentlichkeiten sichtbarer.

Sie kam an Kasernenhof vorbei, auf dem Rekruten hinter eisernen Lanzen übten. Schnell wollte sie vorüber, weil der Anblick schrecklich war. Plötzlich schrie junges Menschen, Monokel im Auge, schnarrende Stimme: »Augen links!« und hundert Leute warfen wirklich mit Ruck Augen links und verharrten glotzende Karpfen. Dann scholl es: »Augen rechts!« und es schmiß der Troß Augen rechts. Und nun folgte: Augen links – rechts links – rechts – links – offenbar hatte der Kommandierende, was er befahl, vergessen, in Gedanken noch beim letzten Saufgelage oder schon bei nächster Begattung. Und es kippten hundert junge deutsche Augäpfel an Stielen grauenhaft geblendet von rechts nach links, hinüber, herüber, wozu Blut in Schläfen kochte.

Mit Fäusten krallte Eura sich in Eisenstäbe, forderte von Nächststehenden, die grinsend nach dem Schauspiel guckten, flehenden Blicks Hilfe. Jetzt sprang sie auf den Steinsockel, wollte rufen, fühlte, wie Schrei ihr in Kehle quoll: aufhören! und fiel in steilen Schwindel hintenüber.

Man löste Röcke aus eisernen Spitzen, trug die Ohnmächtige in eine Droschke, in der sie zu sich kam. Als der Wagen anfuhr, und trotz Abscheus Eura noch einmal hinsah, warfen Soldaten, schon schlotternd und gesottene Krebse, Augen weiter rechts und links.

In solchem Menschenmaterial, das auf tausend Kasernenhöfen Europas zu Vieh gedrillt wurde, sah sie, war die Frage der Beziehungsinhalte auf einfachste Formel gebracht. Sie lautete, tauchte links hoher Vorgesetzter auf: Augen links! Junge Seele und ganzen Menschen hatte man an goldene Litzen, Achselstücke und Heldenantlitz zu schmeißen; Welt geradeaus und rechts lebte nicht, bis General in sie fortgeschritten war. Stand aber der von Staats wegen als »Feind« Bezeichnete gegenüber, hieß Kommando: Feuer! und man rottete aus.

Deutlicher als je begriff sie: wäre gegen solchen Wahnsinn anzustürmen, ginge Angriff von Frau aus. Mann, soweit degradiert, sei zur Teilnahme an Mitmenschlichkeiten außer zur Unterdrückung von Elementarkräften für absehbare Zeit unverwendbar.

 

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