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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Viertes Buch. Die Welt

Neunzehntes Kapitel

Über ihr wurde immense Licht- und Wärmequelle eingeschaltet, die Luftwellen heizte, daß sie glühende Nadelspitzen an ihre Haut kamen, sie durchstachen, Gewebe und Zellen wärmten, lockerten und zum Platzen brachten, bis sie, ineinanderfließend, sich überstülpten. Im Hals fühlte sie Geschlecht, Herz im Schoß und atmete durch alle Poren; hatte Hunger mit Augen und griff mit Fußspitzen nach Unsichtbarem.

Lächernden Rucks durchbrach sie ihres Leibs Scharniere und schwebte auf Laken entfesselt. Für Licht und Luft war Fleisch kein Hindernis mehr, als sie aus menschlicher Isolation gelöst, gebärender Urstoff wurde.

Keine Empfindung herrschte von Raum, sondern sie schmeckte Unendlichkeit und Ewigkeit. Feucht floß Entfernung und Grenze davon; sie selbst flog und es beflog sie All.

Gedanken, die sich sträubten, wurden prachtvoll und gründlich durchblutet, daß sie wie Embryone zuckten, und in glühende Adern sickerte mählich Vision. Wie leichte Wolke verdaute sie im Nu die paar geglückten Gleichnisse aller Historie und schied ästhetische und logische Weisheiten genußreich aus Körper aus.

Sie war so mürb, daß Laut von außen wie Blei ins Blut fiel und hörte von tausend Meilen her, Stimme, die flüsterte. Seine!

»Europa!« rief die mit Reinheit, als würde auf erhabener Orgel ein einziger heller Ton im Diskant getreten, und auf einer Herzenssaite schlüge ein Grundton ohne Anklang an, »antworte!«

Sie aber aus in Wehen türmendem Leib erwiderte silbernen Schrei, der tausend Klingeln in Schwingung brachte und dem Frager ihre heimliche Bereitwilligkeit hinbimmelte. Worauf es erzen zurückläutete, daß sie verstand: »Du – ich – wir.«

Und sie zurückgab: »es!«

Danach regnete es Wärme, kein Ton war da, und sie fühlte das Kind sich weiter ins Leben entwickeln.

Das Früheste, was ferner auftrat, war ein Trieb: Anspannung!

Aber als sie in Ferne fragen wollte, kam ihre Frage von ihm schon zurück: »Warum?«

Und sie bückte sich in sich selbst, verhütete ein Aussichherausstoßen und ließ Es in sich gewähren, wie schmerzhaft es war. Sie unterschied deutlich in wimmernden Därmen, er war es, der im Kind sich zögernd besann, langsam, Geburt anschauend, genoß und nichts wollend überstürzte. Wie er ihren Elan, die weibliche Tat sänftigte und milderte, daß sie, großes Gefühl, Eingeweide mit Stürzen überflutend, wurde. Mehrmals kehrte es wieder, daß in ihren neu sich zusammenschließenden Atomen Wunsch auftrat, Richtung, Stoßtrieb nach außen, Notdurft sich unter Elementen zu behaupten, anzuordnen, zu schließen und zu berechnen, doch jedesmal trompetete und roch es überwältigender von fern: ritardando, sostenuto!

Da zerfloß sie zum andernmal in Myriaden kreisende Teile, strudelnden Teig, der nichts abstieß, sich nur kräuselte und immer wieder von außen nach innen prachtvoll zusammenstürzte.

In diesen Augenblicken ahnte sie von Sonne und Sternenglanz um sie Geheimnis, ihrer Kurven und Ellipsen Rhythmus, spürte Mischungstemperatur der Grundstoffe, Mozartscher Andantes und das Gesetz des Vogelflugs. Der Schöpfung mystische Zahlenreihen schmeckte sie am Schnürchen, und nur eine einzige schien ihr unfaßbar und lag plötzlich außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Da ballte sie sich dicht in sich zusammen, diese Wahrnehmungen in ihre Zellen zu pressen und dort festzuhalten, daß sie sie nie wieder ganz verlöre, und während es schien, mit nackten Füßen stände sie in eisbedecktem Strom, fühlte sie sich von innerer Glut mit wohlriechenden Schweißtropfen überronnen, und in hellen Seelenjubel ausbrechend, stirbt sie von höherem Most berauscht, in rollende Furche, die sie der Länge lang aufreißt, unirdischen Schreis dahin.

 

Dann war schlingernde Ruh, Hör- und Gesichtslosigkeit, in der sie Ewigkeiten lang in dunkle Höhle starrte. Das Dunkel war großer Friede, der wohltat und sie reinigte, bis sie blank war und Licht sich entzündete, das ihr von ihr selbst einige Ahnung wiedergab. In Weiß und Sonne merkte sie sich zu Bett und über die Brust auf der Decke Hände gefaltet, die sie vor Schwäche nicht bewegen konnte; sofort aber sank sie in Finsternis zurück.

Plötzlich saß sie in freundlichem Zimmer mit geblümten Tapeten und Tüll, bunten Blumenstöcken an Fenstern. Es schmetterte wie Klarinette Kanarienvogels Sang und Lawendelgeruch schwebte in des Teekessels summendem Wrasem. Sie aber hielt ihr Kind an getürmte Brust und sah, wie weißer Saft in Strömen ihm aus schwarzen Warzen in gierigen Mund lief.

Draußen machte der liebe Gott nur soviel Ton, daß im Genuß das Kind nicht gestört wurde, und in ihr selbst war keine Wahrnehmung als Lust an seiner mächtigen Sättigung.

Diese Geschlossenheit und Sicherheit einfachen Vorgangs schien deutlich das größte Glück, das ihr noch beschieden gewesen war. Hier geschah vor ihren Sinnen ganzer Ablauf; sie sah Quelle, Genuß und Befriedigung rein. Hier ging, was überhaupt sich ereignen konnte, vor, hier war Sitte, Vernunft und Schönheit, die sie jauchzen machte in Einem: hier der Vollkommenheit Glück.

Da durfte auch der Mann beiwohnen, weil er an Handlung nicht deuten, mindern oder steigern konnte. Weil er als Veranlasser berechtigt da, doch nicht mehr mitwirkend oder ausschlaggebend, Lenker und Herr war. Man dankbar seiner gedachte, doch für Gegenwart nicht von ihm abhing. Fortan seinem Sein und Trachten Welt von Mutter und Kind mit eigener Glorie und Allegorie, Geschichte und Auslegung entgegenstellte.

Als sie eines Morgens ins Leben zurückerwachte, legte Christine ihr das Kind in den Arm, das Eura beim ersten Blick als das heißgewünschte Mädchen erkannte; nackt entfaltete sie es auf ihren vielfach zerfetzten Bauch und berauschte sich an Hauch, der auf sie strömte.

Es schien ihr richtig, daß gleich gegenüber Tür aufging, Carl kam, ans Bett huschte und auf ihre Hand, in die sie noch des Säuglings Finger wirkte, sank. Sie lagen miteinander und verehrten Natur, liebten Gott, der sie zwang, gegen ihren ursprünglichen Willen glücklich zu sein.

 

Viel später erst stellte sich heraus: über der Herrin hoffnungslosen Zustand nach deren unerhörter Entbindung in Verzweiflung, hatte Christine einen Brief Wundts geöffnet und ihm dringendste Nachrichten gegeben. Worauf er aus seinem tunesischen Häuschen am Ufer des Ozeans in einer Parforcetour von vier Tagen hergeeilt war.

Von diesem Heim unter Palmen und azurnem Himmel sprach er, als Eura seine Hand nicht lassend, mit geschlossenen Augen lag. Nicht fern der Hauptstadt, dem »Burnus des Propheten«, daß er Spitzen der Aceituna Moschee sähe, lebe er vollkommen von Menschen getrennt, an deren größere Kraft in Vergangenheit ihn riesige Reste altrömischer Wasserleitung, die Wasser von dem über siebenzig Kilometer entfernten Zaghouan nach Karthago brachte, mahnte. Prachtvoll schilderte er! Karthago! Auf kahler Höh am Meer habe vor dreitausend Jahren dies London oder Paris der alten Welt gestanden, nicht weniger von modernen Ideen berstend, nicht weniger zwangsläufig in wissenschaftlichen, sozialen und künstlerischen Geleisen laufend als Großstädte von heute, und sich, wie später Rom, nicht minder geflissentlich an Übermaß gedachten Wollens mordend.

Jetzt aber sei auf die einst von mörderischem Konkurrenzkampf durchtobten Fluren himmlische Ruhe wiedergekehrt, in der Schöpfung, vom Menschen nicht gemaßregelt, wachse, wie es natürlich und Gott sei Dank unaussprechlich sei.

Sie hörte zu, weniger Einzelnes begreifend als merkend, wie süß und musikalisch seine Stimme war, sprach er von Dingen, die ihn nah angingen. Nicht aus Darstellung, doch aus seines Tons Timbre hatte sie von Wüstenbuntheit, gedörrter Hitze und phantastischer Stille vollkommenen Eindruck.

Dort koche man Eier im Sand und Kinder wüchsen auf ohne Masern, Scharlach, Diphtherie und wie die Ausschläge hießen, mit denen das durch Zivilisation gepeinigte Blut empört aus Haut schlage.

Man kenne nicht Arzt und Apotheker und stehe mangels Nachbarn nicht vom Morgen zum Abend auf einem Rechtsstandpunkt.

Von keiner Lage habe man die höhere Vorstellung, unter der sie dem Nächsten und Sippen gefallen solle, sondern jede überwältige aus ihr selbst, und man lasse es, in sie hinschmelzend, geschehen, weil man durch Auftrumpfen niemand imponieren könne. Umgekehrt wie in Europa erlebte man Welt in erster göttlicher Auflage und müßte sich nicht mit Nachdrucken und konfusen Kommentaren begnügen. Als er sie das letzte Mal sah, habe er Atmosphäre, Himmel, Wasser und Geblüh nur richtig geahnt, sie jetzt aber erlebt, und ihr vollkommener Abglanz müsse in seinen Augen stehen. Bei diesen Worten schoß solches Strahlen aus ihm, so bebten seine Nüstern und knisterte sein Haar, daß sie schwach vor der Entladung wurde.

Er aber schob den Mund auf die aus dem Hemd strotzende Brust und sog Blut der Frau in sich hinüber, daß sie vollends in Ohnmacht fiel.

»Ich möchte!« sagte er, als sie wieder zu sich kam. Und sie spürte, er könnte alles, was er möchte.

Während Wochen ihrer Genesung gelang ihm fernzuhalten, was nicht sie, er und das Kind war. Wirklich lebte sie in afrikanischer Hütte mit ihm im engsten Verein. In drei Stuben, zu ebener Erde, die er ihr bis ins Detail gemalt hatte, hatte sie das ganze einfache Frauenglück vergangener, schlichterer Jahrhunderte ohne zu fragen und zu fordern. Ewig blaute Himmel, Unterhalt wuchs zur Tür hinein, und heißes Klima verbot überflüssige innere und äußere Bewegung.

Nachts aber, summte Wüste und schlug Meer an Küsten, wenn Stimmen der Natur tönten und irgendwo Mutter Erde schrie, mischten auch sie seliges Seufzen, Schluchzen und Stampfen dem Ursprünglichen.

Sie träumte gründlich jede im Unterbewußtsein schlummernde glückselige Erfahrung der Frau: Sehnsucht, war er nicht daheim, es war die Stunde, wo er kommen mußte, und sie hörte den geliebten Schritt im Sand schlürfen. Sorge, blieb er länger, als er mußte, aus. Enttäuschung, schien er nicht sorglos, wie sie wollte, Glück, schmeckte ihm hergerichtetes Essen. Süße Scham, sah er sie bedeutungsvoll an, Ruhe bei Unterhaltung, in der es auf tausend Ja kaum ein Nein gab, weil in ursächlichem Ablauf nichts zu verneinen war.

In einer Dämmerung, die sie nicht enden mochte, vereinigte sie sich ihm immer von neuem grenzenloser bis in letzte Nerve, genoß von ihrem Glücksvolumen in irgendeiner Dichte reichlich nach, was sie zeitlich versäumt hatte. Nach außen erschien Beweis als ihre in den Himmel gekippten Augen, ekstatisch geöffneter Mund. Es kamen Tage, an denen sie an seinem Arm zuerst vom Bett aufs Lager in Sonne schlich, von dem sie wieder Blicke auf Welt außer ihnen dreien werfen konnte. Doch glückselig noch wandte sie sie auf Mann und Kind, das nackte Beinchen ins Licht reckte, zurück.

Bis sich endlich Post und Telegramme, durch Monate aufgehäuftes, mächtiges Zeugnis ihrer Verbindung zur Umwelt in seiner Dringlichkeit nicht mehr leugnen ließ, Eingehen auf so mannigfache Beziehungen gefordert werden mußte.

Mit unsicheren Gefühlen saßen sie vor Bergen Briefschaften, die Euras Einsamkeit letzthin als Flucht bewiesen, auf der sie jetzt von Verfolgern gestellt war.

Während sie in ersten Umschlag den Öffner schob, sah sie Carl fragend an. Der machte kühle Geste und sagte: »Verbrennen!«

Worauf sie den Haufen ließ, nur ein Schreiben griff, auf dem in erhabenem Druck stand: Institut Fuld für sozialwissenschaftliche Forschung, und es Carl reichte.

Der seit ihrem Wiedersehen zum erstenmal tat, was nicht mehr nur aus Sorge um ihre genesende Schwäche veranlaßt war; sondern – sie standen am Bett – machte es mit ihr einfach, wie Mann es immer mit geliebter Frau tut. Aber in ihre Hingabe hinein spürte sie steil, hier sei in ihr hinter Großes ein Punkt!

Als sie endlich in jedem Blutstropfen sicher war, es habe sich ihr aus dem Mann, der ihr bestimmt war, nach soviel Hindernissen wirklich Glück erfüllt, so natürlich wie unvergleichlich, das wiederholt doch nicht gesteigert werden könne, als schon mit nächstem Tag Briefflut und Drängen um ihre Antworten ins Außerordentliche wuchs, überwältigte sie plötzlich Empfindung, die, so sehr sie sie unterdrücken wollte, sie nicht losließ.

Sie fühlte, es sei nun eigener Freude genug! Im Jammertal der Welt, in dem abermillionen Frauen ein Leben lang vergeblich nach nur einer guten Stunde schmachteten, habe sie persönliches Glücksbedürfnis reichlich gestillt, und in der Welt erhabener Ökonomie bedeute fernere Behauptung solcher Bevorzugung Sünde am sozialen Gewissen und an aller übrigen schmaler Glücksration.

Dachte sie an den Haufen Weiber, die sie in menschlichem Elend in Brüssel gesehen hatte, an seelische Not, in der sie in jedem Augenblick Unzählige wußte, schien ihr soviel genossenes Entzücken drückend, doch noch bedrückender Aussicht auf zukünftiges vielfaches, und sie hatte die Gewißheit menschlicher Isolation durch Übermaß Freude, die ihr aus innerster Natur unerträglich und monströses, unzeitgemäßes Schicksal schien.

Auch der Begriff »Glück« war also wie gesamte Welt nicht starr, schien er in Zeitaltern, wo es Menschheit verhältnismäßig gutgegangen war, süß und aller Genugtuung Gipfel; in einer Epoche aber wie der jetzigen, da menschliches Gewissen im Glauben erschüttert war, bitter und schon schwere Last. Wie Eura Gleiches vom Wesen des Kapitals und Besitzes folgerte, der jetzt, wo neun Zehntel der Lebendigen in möglichen wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, zu ertragen war und, wie sie an sich selbst spürte, trotz anderer Theorien in dem Gewissenhaften durchaus noch nicht Gefühle persönlicher Schuld auslöste, der aber, wenn Menge einmal alles Nötigen entblößt wäre, spontan als Greuel und Unmöglichkeit auch von Besitzenden empfunden und abgeschüttelt werden würde.

Sie begann sich gegen Lust, die ihr aus Carl stets zur Verfügung stand, zu sperren, schien ihr doch täglich wiederholte, gebotene Wollust des an ihrem Busen schmausenden Säuglings schon unverdient und schließlich schmerzhafte Hyperbel.

Sie schämte sich vor Christine, die dabeisaß, Brocken Lust von ihrem verzückten Antlitz fing und sehnte immer trotziger so unkameradschaftlichen Wohlseins Ende herbei.

Bevor der Mann noch merkte, was ihres Ausweichens Ursache sei, hatte sie Rank zu kommen aufgefordert, weil sie hoffte, durch geistige Reibung zwischen Carl und ihm, unvorhergesehene Zwischenfälle möchte in lauter prangenden Oasen das Stückchen Wüste, der zu reinigende steinige Acker mitten im Paradies für sie wieder sichtbar werden.

Rank brachte Nachricht aus Paris, Krieg stände mit Deutschland vor der Tür, ohne im geringsten berichten zu können, warum. Frankreichs öffentliche Meinung, seit einigen dreißig Jahren für diese einzige Absicht erzogen, halte einfach nicht mehr zurück, zumal auch Deutschland in wirtschaftlichem Gedeihen übermächtig, Drang nach Expansion nicht mehr verhehle.

Eura hatte zwar den Eindruck, Rank, erster Begegnung mit Wundt Bedeutung zu geben, putzte Gerüchte zu Wahrscheinlichkeit auf, war aber samt Carl sichtlich durch die Mitteilung betroffen.

Mit ihr war man in ersten Minuten der Bekanntschaft fern von persönlichen Dingen mitten im Allgemeinmenschlichen, Politischen, und alle drei mußten sofort Farbe bekennen.

Da war es natürlich, daß Carl aus natürlicher Abneigung gegen europäischen Filmzauber sofort die überlegene, weil innerlich unbeteiligte Meinung hatte, Rank in fanatischem Deutschenhaß diesem Volk Schuld ohne weiteres zumaß, und Eura, gewünschte geistige Spannung zu schaffen, Franzosen und ihre panische Furcht vor dem hypertrophen, teutonischen Erbfeind vorläufig verteidigte.

Sie wurde dabei froher und befreiter, je mehr sich – zum erstenmal seit langer Zeit – Aufmerksamkeit von ihr fort diesen Fragen zuwandte und zwar so, daß sie durch der Sprechenden Qualität hervorragend und bis zum Grund menschlicher Einsicht erörtert wurden.

Ihr fiel auf, die Männer, Unwesentliches auslassend, stießen wie männlicher Same auf weibliches Ei sofort auf den Kern der Frage zu, und Wundt behauptete entscheidend, alle europäischen Völker lebten im einzigen Drang der Assimilierung, des Prinzips, das alles Eigentümliche in und außer dem Menschen forträume, und das schon nicht mehr nur auf Oberflächen Eigenschaften der Rassen, die phänotypischen, sondern auch auf Kernmerkmale, genotypische, gewirkt habe.

Nicht nur geistig und moralisch, auch körperlich sei der Europäer heute ein einziges Mischvolk, das aus tief innerlichem Bedürfnis, letzte, einzelne Stämme noch unterscheidende Urphänomene abzuschleudern, sich unter Vorwänden in Ringkämpfen um den einzigen Besitz tummle, dem jeder leidenschaftlich hingegeben sei, weil sein Wesen persönliche Kenntlichkeit ausschließe. Kapital:

Nur der Jude besitze in Europa trotz Gastlebens unter verschiedensten Völkern, das siebenzig Generationen gewährt habe, bis ins Skelett noch Urmerkmale, und er, dem man Unterjochtsein unter Gold als wesentlichste Eigenschaft nachrechne, habe, sich aus größerer orientalischer Gewalt des Gelds nur zur Entkräftung seiner Bedrücker bedienend, als einziger neben dem Assimilierungsdrang Wurzelinstinkte erhalten, die den Einzelnen seiner selbst gewiß, ein Volk stark und unvergänglich machen.

Rank räumte das ein, wollte aber für Romanen und Franzosen besonders den gleichen starren Trieb behaupten und aus ihm Haß gegen die nur fieberhaft assimilierenden Deutschen als Elementares folgern.

Er sähe es nicht so, erwiderte Wundt. Franzosen gegen Deutsche solle er hier im Hotel betrachten. Worin, außer im Klang der Sprache, sie sich unterschieden? Auch in dem, was sie mit ihr ausdrückten? Oder darin, was sie täten? Deutsche und französische Männer habe er morgens beim Lesen ihrer Post beobachtet; das erste, worauf sich beide stürzten, sei die Zeitung und in ihr der Kurszettel. Frauen beider Völker aber schlichen nachts gleicherweise über Flure in Zimmer der respektiven Kavaliere aller Nationen, wie sie sich tagsüber übereinstimmend aus geschickten Entblößungen anböten.

»Für Geld?« fragte Eura.

Für alles, was sein Vorhandensein im Portefeuille des Mannes beweist: schicker Anzug, Geste und goldenes Zigarettenetui.

Sie sagte, richtig sei, was er von Juden und Europäern behaupte. Nur lehne sie sein Werturteil ab oder vielmehr, habe es umgekehrt.

Es sei kein Werturteil, sondern, wie er ihr schon oft bedeutet habe, Aufforderung zu freierem und heftigerem Genuß der Welt.

»Ihrer«, rief sie. »Meiner nicht!«

»So wollen wir«, sagte er, »aus uns selbst und Wirklichkeit feststellen, was wir drei bei Aussicht auf diesen möglichen Krieg empfinden. Sie Eura, aus unbedingter Anpassung an Gemeinschicksal?«

»Entsetzen und Verzweiflung!« stieß sie hervor.

»Unauslöschlichen Haß gegen die von mir gekannten Urheber«, sagte Rank auf Wundts fragenden Blick.

»Und ich: Neugier und darüber hinaus beruhigte Unterwerfung unter von Gott gewollte kernige Wirklichkeit.«

Das sei zynisch, rief Eura.

»Gibt mir von uns allen unbedingt den lohnendsten, freiesten und unmittelbarsten Anschluß«, schloß Wundt.

 

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