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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Achtzehntes Kapitel

Nachdem sie Weitlings Schrift in einer Massenauflage sechssprachig in Druck gegeben hatte, der Enzyklopädie erster Band mit Aufsehen erschienen war, fühlte sie sich in Anbetracht ihres Zustands erschöpft, überließ der Arbeiten Leitung Rank und fuhr mit Christine nach St. Moritz im Engadin in die Schweiz.

Am Bahnhof stand sie starr und Christine schrie kleinen Schrei: in Novembernebeln und Nässe hatten sie Paris gelassen, hier stand Kranz an viertausend Meter hoher Berge bis zum Fuß in kolossalem Schnee, fuhr man zwischen weißen Wänden auf Teppich im Schlitten zum Hotel hinauf. Von Freiheit und Grenzenlosigkeit blies Hauch sie so mächtig an, daß sie ihr Inneres gefegt fühlte und neugierig Atem nachblickte, als könne sie Schwaden giftiger Pilze in ihm entfliehen sehen.

Sie nahm Wohnung nach Süden in prallste Sonne, die so auf den Balkon sengte, daß Eura auf dem Liegestuhl im leichten Kleid Feuer bis in den Bauch und des Kindes Herz fing, das unter Flammenfingern mächtig Lebenszeichen von sich gab, die die Mutter zu Seufzern und glücklichem Ächzen brachte.

Ihr gegenüber jenseits erfrorenen Sees ragte Rosatsch und behütete sie vor Angriff aus Welt; in Sonne geschmolzen, Augen in preußischblauen Himmel gekippt, fühlte mit dem Kind sie Glückseligkeit in ihr hüpfen.

Durch der Zimmertür Scheiben grüßte Christines Lächeln von Zeit zu Zeit und winkte ihr mit Blicken zu.

Vor Eura ertranken Probleme und alles, was sie in der Niederung als Schwalm, Rauch, Getöse gedacht hatte. Wenig blieb aus Chaos plastisch, undeutlich Rank und wieder nur Carl aus Bronze und Basalt.

Hier, wo ihr Hirn schlief, war sie mit zitterndem Leib wie eine Jungfrau in ihn verschwächt, fühlte sie seinen Atem, besonderen Geruch bei ihr, sah unterm Schnurrbart seiner Zähne schneidige zwei Reihen wieder und das zu große linke Ohr, in das sie oft gebissen hatte. Wie ein Murmel in Licht gerollt, schwelgte sie tagelangen Halbschlaf und wuchs an Ruhe und Körpergewicht.

Allmählich aber traten zwei Fragen in ihr erfrischtes Denken: die von Rank berührte der geheimnisvollen Zahlenkorrespondenzen, aus der sich wirkliche Dynamik und Mechanik des Alls immer berechnen lassen mußte und die, wie sie sich erinnerte, schon Schelling angerührt hatte; für die sich, mangels chemischer und physikalischer Spezialkenntnisse, ihr aus künstlerischen, besonders musikalischen Proportionsgesetzen zahllose Beweise anzubieten schienen. Wo blieb eines Musikstücks Zauber, spielte man seinen Rhythmus vom Melodischen getrennt so, daß man einzeln Takt auf Trommel schlug und dazu Melodie ohne Rhythmus am Klavier spielte? Da gab Eins (auf der Trommel) plus Eins (auf dem Klavier) doch nicht wieder die ursprünglich harmonische Zwei, sondern Wirrwarr.

Wäre sie erst ausgeruht, wollte sie gleich über dies sie am stärksten packende Phänomen mit Rank zu arbeiten beginnen. Dazu dachte sie an dessen gegen Deutschland geschleuderte Anklage.

Aus des Mitarbeiters Kenntnis schien es ihr ausgeschlossen, er habe vor ihr, der Fremden, sich aus Ressentiment so kraß und unwiderruflich geäußert; bestimmt nahm er nicht für eine ihm in der Heimat gewordene Enttäuschung, geschehenes Unrecht, Rache.

Dieser Mann, das hatte sie an seiner täglichen Arbeit erfahren, war in Gewissen und Gesinnung strikt, er persönlich seiner Behauptung Richtigkeit gewiß. Dazu mußte sie in aller Materie sein Urteil als richtig zugeben und wußte, er entschied nie zu früh.

Wie war er also zu solcher ihr entgegengesetzten Überzeugung gelangt? Sie hatte Deutschland seit Jahren nicht gesehen. Aber es war ausgeschlossen, eines großen Volks Mentalität schwankte nicht nur, sondern kulbutierte in so kurzer Frist.

Siebenzig Prozent aller im Oberengadin anwesenden Fremden, erfuhr sie von Christine, seien nach des Portiers Versicherung Deutsche. Ihnen gegenüber, die mindestens dem Vermögen nach Deutschlands Oberschicht vertraten, wollte sie Augen unbefangen, aber mit Strenge aufmachen.

Als sie nach fast zwei Wochen zum erstenmal in die Speisesäle hinunterkam, war der erste Mensch, den sie traf, Chamaillard. Er erhob sich, stutzte und stürmte mit Feuer auf sie zu, daß sie ihn willkommen hieß.

Es war klar, beim ersten Blick hatte er ihren Zustand erkannt und brachte durch Sorgfalt bei ihren Bewegungen Wissen und Teilnahme für sie zum Ausdruck. Es war ihr lieb, sie konnte vor den sie wieder bedrängenden Fragen noch in sein Geschwätz fliehen und an seiner weltmännischen Vollendung ihr Wissen um Etikettefragen repetieren, die sie aber nur als Stoff zu schreibender Gesellschaftskritik empfand.

Eines Abends in der Hotelhalle befiel sie vorm Kamin in seiner Gegenwart Schwindel. Als sie sich unter seiner Pflege erholte und ihn dankbar ansah, merkte sie, er nahm sich ein Herz, als er flüsternd sagte:

»In besonderer Lage finde ich Sie allein. Sie wissen, ich liebe Sie von ganzer Person wie je. Zurückhaltung und gute Manieren will ich aber nicht soweit treiben, daß ich verschweige: kann ich Ihnen auch nur für Ihre Bequemlichkeit Schutz als Gatte bieten, wäre ich noch der Glücklichste.«

Aber Eura rief lachend: »Sie sind verrückt, Graf! Schutz wovor? Eine weibliche Welt will ich repräsentieren und brauchte Schutz?«

Und als er bis in die Stirn rot zu Boden starrte:

»Anständig, Lieber, aus Ihrer Welt vollendet. Aber von mir aus Sintflutzeit, schon mehr Höhlenbär. Und hätte ich meine Millionen abgeliefert, wohin sie gehören, auch dann bliebe ich, Mutter mit Kind allein, rühmlich auf mich gestellt. Doch küssen Sie mir immerhin die Hand.«

In diesem Augenblick ging mit ihrer siebenzehnjährigen Tochter die holländische Gesandtin in Paris vorüber und grüßte Eura mit besonderer Zuvorkommenheit.

»Sie weiß durch ihre Jungfer Bescheid«, sagte die, »doch schätzt sie mein Vermögen höher, das zu besonderen mitmenschlichen Zwecken mich noch als Bollwerk umsteht.«

Und wie aus schlechtem Gewissen erläuterte sie Chamaillard, welche Umstände sie veranlaßten, Besitz zusammenzuhalten, auf luxuriösen Haushalt sogar nicht zu verzichten, weil, wie sie sagte, sie in der Kapitalistin Maske Zwecke unangefochtener als dekuvriert verfolgen könne.

Sie sah aber, Chamaillard nahm die Erzählung für glatte Pose, weil er sich ihr Vertrauen zu ihm in dieser Sache nicht anders erklären konnte.

Weil sie das ärgerte, schrieb sie am gleichen Tag an Rank, immer mehr verfalle sie dem Konflikt zwischen Überzeugung und ihrem äußeren Haben. Zwar erkenne sie alle Vorteile, die ihr zur Schau getragener Reichtum der Bewegung bringe, doch ertrage sie kaum mehr inneren Zwiespalt. Aber im Unterbewußtsein hoffte sie seinen Rat, noch nichts in der Sache zu ändern; der auch kam; sie solle nicht überstürzen. Je mehr Frucht reife, um so wichtiger sei eine Festung, hinter der niemand Angriffsvorbereitung vermute. Tat der Vermögensentäußerung, zu der es sie anscheinend unwiderstehlich dränge, sei jetzt Katastrophe, weil es sie und ihre subversiven Unternehmungen in den Scheinwerferkegel öffentlicher Aufmerksamkeit stelle.

Diesen Brief schickte sie ihrer Bank ins Depot.

Und teilte Rank zur Veröffentlichung mit: mit heutigem Datum und einem Kapital von einer Million gründe sie das Institut Fuld für sozialwissenschaftliche Forschung.

Mit Genugtuung, die letzte Skrupel betäubten, sah sie, sozialistische Presse der ganzen Welt hob Wochen hindurch ihre verhältnismäßig geringfügige Schenkung so in den Himmel, daß sie mit gesamten Vermögens Hingabe unmöglich größeren Erfolg hätte haben können.

Wenig sah sie von des Lands Charakter und konnte Rank, der sie um Mitteilung ihrer Eindrücke gebeten hatte, nicht viel davon sagen. In Hotels und auf der Straße, die den allgemeinen Korso bildete, sah sie europäische Welt, Deutsche besonders, kaum Schweizer.

In Schweizer Zeitungen, die sie aufmerksam las, gab es in der Politik nur den ihr unverständlichen lokalen Hader zwischen Welschen und Deutschen und besonders des kleinen Nachbarn Nörgelsinn gegen das große Deutschland. Im Feuilleton unentwegten Hinweis auf Gottfried Keller und Hodler, die einzigen Künstler von Weltruf, die die Republik hervorgebracht hatte. Einheimischer Bevölkerung gegenüber hatte sie sonst den Eindruck, jedermann trage nicht nur das Ideal Wilhelm Tell (und zwar den von Schiller) im Herzen, sondern sei selbst ein wenig einer; unprätentiös im Alltag, bedeutend bei Gelegenheit. An öffentlichen Orten dominierten Deutsche. Hier hatte sie besonders kraß vor Augen, was ihr in letzten Jahren auf Reisen aufgefallen war: der Deutsche überschwemmte Welt. Sei es, er bot zu Schleuderpreisen hartnäckig Fabrikate an, oder amüsierte sich lärmend und auftrumpfend für seine in europäischen Geldwert vorteilhaft eingebaute Banknote.

Hier und da hätte er diskreter, harmonischer abgestimmt sein können; im Grund gefiel ihr aber noch immer ein zum Ausdruck gebrachtes frisches Selbstbewußtsein und vor ehrwürdigen Reliquien Ungebundenheit.

In allen Mündern fiel ihr immer wieder die Redensart auf, die ihr des Deutschen engen Anschluß an das als Kern der Epoche erkannte Prinzip zu beweisen schien; was ihn packte, auf irgendeinem Gebiet bedeutend schien, nannte er: Nummer. Nummer war für den Deutschen Produkt, das Erfolg hatte; auch der Mensch.

Sie glaubte, Ranks Haß als ästhetische Empfindsamkeit verstehen zu können. Schöner war bestimmt des Briten kühles Maßbewußtsein im Affekt. Kühner des Deutschen ungezügeltes. Dafür aber müßten den Engländer, im Gesellschaftsrock und blankem, hohem Hut, ein paar Regentropfen genieren, während in Joppe und grünem Hut der Deutsche Hagel aushalte. Und es würde nach Ranks Urteil hageln!

Übrigens zogen sich die anwesenden Deutschen äußerlich wie alle Welt an. Nicht weniger weit als europäische Schwestern entblößten tagsüber in Sportröcken Frauen Beine und Waden, abends in Gesellschaftskleidern etwas fette Brüste, und der Mann ahmte den englischen Vetter mindestens soweit nach, daß man ihn oft nicht mehr am Anzug, nur an des Leibs untersetzter Schwere und seines Schädels Quadratur unterscheiden konnte. Franzosen und Italienern gegenüber war er sogar der im Durchschnitt korrekter Angezogene.

Doch überall, wo Publikum sich sammelte, besetzten sie massiv und naiv die hervorragendsten Plätze, auf denen sie ungeniert schallendes Geschrei anhoben.

Das mochte aus hergebrachten Anschauungen besserer Lebensart Rank verletzen. Sie aber sah darin geradezu Ausdruck nie verstummenden inneren Geltungswillens. Mein Gott, es war leichter, über neue Formen Nase zu rümpfen, als aus dieser zu erkennen, bei des Lebenskampfs ungeheurer Verschärfung siegte stärkerer dynamischer Drang über schwächeren. Nicht Eitelkeit aber Wille, durch sich selbst immer mächtig jeweiliger Situation angeschlossen, nicht tot sondern vor sich und Welt lebendig zu sein, war hier am Werk.

Da aber Weltschicksal Gegenwart im Sinn des nicht mehr für den Bevorzugten, sondern für alle möglichen wirtschaftlichen Erreichens bestimmt hatte, der Mensch zum erstenmal in Geschichte unter einziger Botmäßigkeit ökonomisch-wirtschaftlichen Zwangs, sonst von alten Vorbehalten für neue Gesellschaftsziele grenzenlos frei schien, und es darum keine Werturteile für seine neuen Methoden, mit denen er möglichst bald in ihr ankommen wollte, gäbe, sei es sinnlos, sich über die von ihm beliebten Mittel zu seinen Zwecken aufzuregen.

Im Gegenteil: was beitrüge, den Einzelnen zum Kampf zu stärken, sei nicht erlaubt, sondern notwendig. Erst müsse der, wie immer er wolle, dann geistige oder politische Gruppen sich kräftigen. Und erst zum Schluß würde auf diesem Weg eines jeden persönlicher Erfolg des Staats und schließlich bewohnter Welt Eigentum.

Jetzt merkte Eura, wie sie Ranks Deutschenhaß als stärksten Hebel für ihre Deutschenliebe gebrauchen könnte, in ihrer Entwicklung einen gewaltigen Schritt vorwärts zu tun, nämlich mindestens aus jedes an der Oberfläche sichtbaren Deutschen brutaler Anmaßung und Rücksichtslosigkeit zu beweisen, wie das von des Sozialismus Notwendigkeit theoretisch am meisten überzeugte Volk, vorerst praktisch Wesentlichkeit des Einzelnen betonte und übertrieb.

Wie konnte einer glauben, ihr, die von Jugend an unter Sinnbildern des als gut und schon Gewerteten aufgewachsen, die durch tägliche Berührung mit dem im überkommenen Sinn Erlesenen Kennerin geworden war, wäre solcher Sieg leicht geworden, daß sie trotz häufiger Rückfälle in gewohnte Bequemlichkeiten, schließlich des Individuums Verselbständigung zu höherer Reife des Ganzen unter allen Umständen als oberstes Zeitgesetz erkannte.

Und da des rechnerischen Kombinierens Mittel mit allen Nachteilen für so ungeheure Massen das einzig brauchbare, jedes andere, wie Geschichte zeigte, offenbar viel zu mittelbar und schwierig für kurzes Menschenleben war, wie konnte ein Berufener über Äußerlichkeiten verkennen, daß es trotz innerer Hemmungen nichts anderes galt, als gegen »erhabene Wahrheiten« dringliche Wirklichkeit zu verteidigen?

Gewiß war es ästhetisch reizvoller, in Jammern über das einzige Streben nach Stelling, Wirkung und pekuniärem Verdienst mit einzustimmen; aber blieb in einer Kampfatmosphäre ohnegleichen für alles Folgende wirtschaftliche Sicherung nicht Voraussetzung? Hatte in einer aus der schlagenden Tatsache allgemeiner Übervölkerung orientierten Welt der Verarmte, ökonomisch Erledigte, überhaupt noch irgendwelche Aussichten?

Da in ihrem Schreiben an Rank diese neue höhere Entschiedenheit für den Deutschen Ausdruck fand, schrieb er zurück, sie vergäße, dessen Selbstbewußtsein sei in neunundneunzig unter hundert Fällen nur Geld, Kapital, das als Unpersönliches ihm persönliche Rechte nicht gäbe.

Worauf sie bestimmter erwiderte: angeborene Würde sei zu rar, als daß man aus ihr Entwicklung von Millionen hoffen dürfe. Da aber des Einzelnen Wichtigkeit vor sich selbst alles sozialen Aufschwungs Voraussetzung zum Erfolg sei, gelte jedes Mittel, auch geldlicher Besitz, sie vielen zu verschaffen. Das sei vielleicht nicht einfach zu begreifen.

Rank respondierte: Aussicht, durch Kapitalbesitz bedeuten zu können, hemme Anstrengung, durch Eigenschaften zu glänzen, worauf sie: er überschätze der Erziehung und Selbsterziehung Möglichkeit; χαρασσω hieße einprägen. Charakter sei das von Natur Eingeprägte, ließe sich nicht vermindern oder verstärken.

Wozu er schwieg.

Sie aber schrieb von neuem: Nicht Kapital an sich, das durchschnittlich keines Menschen Kern ändere, sei im Kampf um heutigen Europäers Bedeutung entscheidend, aber der alles andere betäubende Lärm, der es seit Marx umheult und jeden, innerhalb oder außerhalb der Bewegung so betäube, daß er über diesen einen Begriff alles Gefühl für wichtige, richtige Menschlichkeiten verloren habe. Was Geld dem einzelnen Menschen wirklich bedeute, könne nur der Reiche ermessen, der selten sei. Sie habe ihr großer Besitz Kapital nicht lieben noch hassen gelehrt, ihr habe es den revolutionären Trieb nicht gemindert noch gestärkt, nichts Eigentümliches in ihr angegriffen. Keine Kraft wie des Bluts Ursprünglichkeiten besitze es, sei keine Säure, Base oder Salz, das des Menschen Substanz angreife, und bis auf verschwindende Ausnahme oxydiere er nicht einmal an ihm wie an des Mitmenschen Leid oder Freude. Rein äußerlich aber gäbe es dem historisch Zurückgebliebenen einen Absprung, sich mit dem geschichtlich Bevorzugten dennoch zu messen, sei darum im sozialsten Sinn auch Ausgleich für gewesene Ungerechtigkeiten, und sie lehne es, nachdem männliche Intelligenz durch fast hundert Jahre gesamtes Bewußtsein an den Kapitalsbegriff gesetzt habe, für Zukunft ab, sozialen Kampf nur auf dieser und nicht vielmehr auf höherer allgemeinerer Linie zu führen, und auch, die Deutschen wegen der im Ausgleich für schuldlos erlittene historische Zurücksetzung beanspruchten Hilfe durch Barmittel noch ferner in schließlichen Zielen verdächtigen zu lassen.

Worauf Rank um seine Entlassung bat; welchen Brief sie nicht mehr beantworten konnte, da jäh ihre Entbindung sie überfiel. Als sie für sie ins Bett brach, ahnte sie Qualen, Tod vielleicht würde sie für des Kindes Leben leiden müssen.

Doch noch einmal straffte sie wankende Glieder im Hochgefühl, sie litte allein, nur auf sich und weibliche Kraft gestellt, das Enorme. In schwerer Stunde stünde ihr nicht der entbehrliche Vater, irgendwo an warmem Meer genießend, noch sonst ein Männliches bei. Ihre, der Mutter Sache, sei des Kindes frühestes Werden, seine Geburt so gut wie Erziehung und spätere Zukunft.

Und sie hoffte – betete sogar – es möchten sie Schmerzen rasend martern, wie der zersprengteste Soldat sie auf dem Schlachtfeld dulde.

Das Kind aber, teils noch in ihr und mit dem Kopf in Welt voraus, möchte die schon im ersten Lebensmoment vom »schützenden Mann« leer und aus dem kreißenden Weib dessen gebärende Selbständigkeit und Größe empfinden.

So sank sie in wimmerndes Vergessen.

 

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