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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Siebzehntes Kapitel

Was er wirklich und wahrhaftig von der Sozialdemokratie Zukunft dächte, fragte sie ein andermal plötzlich.

Er zuckte Achseln.

Er sei doch Sozialist, drängte sie.

Das sei er, weil er gerade herrschende öffentliche Meinung am unerträglichsten finde, und Sozialismus die im Augenblick wirksamste Form der Fronde sei.

Aber er leugne doch nicht, daß immer fortschreitende Aufklärung besitzloser Massen den Besitzenden bald ernstlich zu tun geben müsse?

Das nicht. Sicher würde Volk, was da sei, einmal mitbesitzen. Aber da es in unzählige Teile gehe, komme für den Einzelnen nichts als der Besitzenden Mentalität dabei heraus für die des gerade noch Hungernden. Welche scheußlicher sei? Besitz an sich, wirklicher oder eingebildeter, bringe Verhärtung, Absterben menschlicher Triebe. Je zufriedenstellender des Individuums Lage sei, um so weniger wünsche es sie geändert. So bedeute durchgeführter Sozialismus oder Kommunismus theoretisch jedes Fortschritts, der Entwicklung Ende.

Aber sei das Paradies auf Erden einmal da? Fragte sie.

Hänge er sich auf. Denn nur Chaos mache irdische Welt himmlisch. Sie fand das geistreich, doch nicht diskutabel. Letzten Endes handle es sich für den Proletarier nicht um des Kapitals, der Wertgüter Mitbesitz, sondern um den eines konkurrenzfähigen Gehirns, mit dem er Maschen des infamen tausendfachen Lügennetzes, in das er von Ausbeutern verstrickt sei, zerreiße; und in erster Linie darum, daß Weib aus dem Volk, Lebens elementare Gebärerin, die vom Mann verhedderten Knoten durchhaue.

Das sei aber, sagte er, nicht soziale Frage mehr, sondern menschliche, die freilich die andere mitlösen könne. Gewiß: zunächst einmal müsse der Mann so himmelstinkendes Fiasko machen, daß die Frau alle Chancen habe.

Wie und wann das geschehen würde?

Bald. Krieg. Ob sie einen Augenblick zweifle? Womit beschäftige sich fieberhaft seit 1871 jeder im Vordergrund Lebende? Doch mit fabelhaften Rüstungen. Welcher Führer in welchem Land für seine Eigenziele Kredit aus anderen Quellen als aus zügellosem Chauvinismus habe? Wo gewännen sich außer in der Kriegsindustrie und was mit ihr zusammenhinge, Milliardenvermögen?

Wolle sie gleich Beweis, gingen sie ins Palais Bourbon hinüber und hörten aus Stegreif Debatten. Er werde nie wieder etwas behaupten, spränge ihnen nicht aus Reden gepanzerte Faust ins Gesicht.

Das wolle sie auf der Stelle sehen.

Und sie gingen.

Als sie in die Kammer und auf die Tribüne kamen, stand ein Redner unten am Pult, dessen Mähne wie Wimpel zum Himmel fuhr, während der Finger linker Hand in den Stehkragen kratzte, als müsse der Sprechende ersticken, wozu Schweiß in Tropfen perlte. Abgeordnete aller Parteien hatten sich ihm zu vornübergebeugt. Aus Kopfreihen starrte Entschlossenheit. Man hörte:

»Im Augenblick, da die Regierung es für richtig hält, die Sorge der Nation und der Kammer für die Frage der Einfuhr südamerikanischer Milchkühe in Anspruch zu nehmen, in diesem Augenblick wird durch Zufall klar, es steht ein Tor – was sage ich – Frankreichs Herzkammer steht dem lauernden Stoß des Todfeinds offen! (Stürmische Bewegung auf allen Seiten.)

Wird offenbar, daß Jahrzehnte über Albernheiten und Allotria von verantwortlichen Männern vertrödelt sind, und das Vaterland an seiner empfindlichsten Stelle, daß buchstäblich wir alle, unsere Frauen und Kinder, unsere Städte und Departements, daß Paris, vollständig unverteidigt, allem Einfall offensteht!« (Tumult.)

Rank war aufgestanden und zog sie am Kleid. »Kommen Sie schnell fort! Das war Höhepunkt. Folgendes verflacht den Eindruck!« Im Korridor fragte er: »Aber haben Sie einen Moment überlegt, ob der Redende Sozialist oder Royalist ist? Und wissen, im Reichstag in Berlin, in jedem Parlament Europas gestern, heut und morgen geschieht im Grund dasselbe. Rastlos rattern General- und Admiralstäbe. Schlafen die Völker?«

»Sie wollen instinktiv die Krise beschleunigt und gelöst!« sagte Eura.

Sie dankte ihm für die Sensation. Das freilich hätte sie so sinnfällig nicht gewußt. Sie schien erschüttert und erschlagen.

»Aber das mußten Sie einmal mit Augen sehen«, sagte Rank. »Und doch bleibt Ihre Theorie richtig und das Größere; doch unbedingt das Spätere, weil Krieg, aber einer, den man noch nicht erlebte, für aller Ehrgeizigen Gesamtheit in Europa, Männer und Frauen, das Nähere, schneller zu Erreichende ist. Das entscheidet!« Ob es kein Mittel gäbe, Europa dieses Frühere, Entsetzliche zu ersparen?

»So wenig wie eine andere Form der Bildungswärme. Krieg ist Wärmedynamit, wie Ihr sozialer Prozeß ein chemisches. Aus beider Wechsel wird erst Leben; wie Veränderungen in organischer oder anorganischer Natur nicht ohne bestimmte Temperatur (Krieg, Revolution) vor sich gehen, so nicht ohne eine gewisse sich ändernde Kraft (Klassen-Geschlechtskämpfe). Oft scheine die eine von der andern so abhängig, daß man das Verbindungsgewicht am Thermometer ablesen könne.«

Warum es unmöglich sei, Leben genau zu berechnen?

Man berechne es nicht ungenauer als Wissenschaft: mit falschem Zahlensystem nämlich.

Glaube er etwa?

»Ich glaube, die ganze Welt ist und wird immer wieder richtig ausgerechnet. Trotz uns.« Gelänge es einmal, von der Zwangsvorstellung abzukommen, Eins hat zu Zwei kein anderes Verhältnis als daß Zwei zweimal Eins ist, und jedes Seiende und Erscheineide überhaupt könne in keiner anderen Beziehung zu Eins stehen als, sein Vielfaches seiend, begriffe man, es gibt wichtigere Korrespondenzen und Harmonien zwischen Zahlen als die, die die vier Spezies zeigen, dann erst ist entscheidender Schritt zu aller Erkenntnis getan, dann erst gibt es fröhliche, lebendige Wissenschaft!

»Also doch denken und rechnen?«

»Unbedingt.«

»Es gibt ernsthafte Menschen, die das Gegenteil behaupten.«

»Die haben nur Faulheit als Entschuldigung.«

Eura war über solche Worte glücklich, weil sie spürte, irgendwie träfen sie zu ihren Gunsten auch Kern ihres Verhältnisses zu Carl.

Sie lebten gemeinsamer Arbeit. Fast täglich kamen von allen Seiten gelungene Destruktionen und Konstruktionen lebenswichtiger Begriffe. Der Band » A« näherte sich seiner Vollendung und schien in absehbarer Zeit erscheinen zu können. In allen mann-weiblichen Determinationen hatte Rank ohne weiteres die banale Tatsache entdeckt, daß eo ipso in ihnen Frau Mannes Objekt, er Herr erschiene wie in: »ehelichen«, »heiraten«, »beischlafen« usw. »Heirat«, mittelhochdeutsch »Hîrât« bedeute geradezu »Haussorgung«. Schon lateinisch: in matrimonium ducere = in die Ehe führen; nur vom Mann gesagt.

In ihr wuchs, in eines anderen Evangeliums Sinn mit jedem Atemzug getauft, das Kind. Oft freute sie sich der Größe bewiesener weiblicher Entschlossenheit, hätte ihr Opfer womöglich schwerer gewollt, weil sie fühlte, sie hätte sonst nicht stark auf das Wachsende wirken können.

Im Zwielicht, das sie vergötterte, schweifte sie täglich mit Rank durch die Straßen Paris, verglich aller Orten und immer wieder ihr Urteil mit der Menge wirklichem Leben.

Ihrer und seiner Rede Resultat blieb im Grund Übereinstimmung und gab ihr gegen ein Dämonisches Kraft, das sie von Zeit zu Zeit wie Alb bedrängte.

Bis sie eines Abends nach Tisch das sittliche und kulturelle Verhältnis europäischer Nationen zueinander auf der Basis des gemeinsam auszufechtenden Klassenkampfes besprachen.

Eura behauptete, überall stehe Deutschland voran, von ihm würde Anstoß ausgehen, und auch die eigene Bewegung müsse man dort anschließend beginnen lassen.

Rank hatte einsilbig geantwortet, und sie merkte, er wich dem Gespräch aus; was sie reizte.

Ob er anderer Ansicht sei?

»Sie sind Holländerin. Was geht Sie schließlich Deutschland an?«

Er wisse, sie sei dort aufgewachsen; fühle sich aus Neigung Deutsche.

Dagegen sei nichts einzuwenden.

»Deutsche Seele«, fuhr sie fort – – –

»Ist Profit!« rief er brüsk.

Über den grellen Schrei, der etwas in ihr anschnitt, verdutzt, machte sie Pause, ehe sie fortfuhr:

»Glauben Sie mehr als anderswo?«

Jetzt machte er einen Einschnitt, und sie sahen sich in Augen, in denen Feuer glomm.

»Verzeihen Sie«, sagte er, »ich bin Deutscher, und es ist mir peinlich, davon zu sprechen.«

Aber sie lachte und sagte: »Genieren Sie sich nicht. Ich bin Mann genug, Deutschland zu verteidigen!«

»Nun«, sagte er langsam und hob aus Schultern den Körper wie aus einem Scharnier, das ihn gefesselt hatte, »nun«, murmelte er und fauchte.

»Ah«, machte sie und bog sich vor der Haßwelle, die aus dem ganz Verwandelten schnaubte.

Er aber bis in Haarwurzeln rot schlug verhaltener Kraft auf den Tisch und begann: »Fragen Sie statt meiner jeden der Zehntausende ins Ausland geflüchteten Deutschen, was Deutschland ist. Was kann die Fremde davon wissen? Was weiß ich letzten Endes trotz Jahren Aufenthalts von Paris? Was geht Frankreich, was die ganze Welt mich an? Deutschland ging mich an, bis es mich wahrhaftig nichts mehr anging!«

Fassung hatte er verloren, Laute gurgelten über Lippen.

»Wo ist Weitling?« rief er. »Wissen Sie, wer Wilhelm Weitling war? Gab er nicht aus enthusiastischer Seele Deutschen Garantien der Harmonie und Freiheit; nicht ihnen Urchristentum, menschliche Einzelbedeutung und Eindeutigkeit wieder? Und lehnten die damals schon bis ins Mark Verkrachten, von Hölderlin Gehaßten, lehnten diese Deutschen nicht wie stets bisher Ursprüngliches, Freies, Großes, auch sein Evangelium ab, weil nichts Bares, nur rares Menschentum daran zu verdienen war? Und fielen sie nicht lieber Marx, der ihnen Ware »Arbeitskraft« als größtes erprobtes Geschäft, das zu machen wäre, anpries, um den Hals, der sie nur in dem Schachersinn erhob und erlöste, als größte Produktionskraft seien sie auch mächtigstes Kapital, das sich denken ließe. Der ihnen aus der Summe des von ihnen schon gemeinsam Aufgefressenen und wieder Ausgeschiedenen Fabelpreise Umsatz und tausend Prozent Verdienst vormachte?«

Und da sie unterbrechen wollte:

»Nicht Weitlings allgemein-brüderliche Liebe, nicht Internationalität eines zu lebenden Christentums aber die des Kaufmanns, die der erwiesenen Nachfrage und des Angebots bei Marx begeisterte die Deutschen; sein Sozialismus, der zwischen Junkern und Juden Proletarier zu Kleinbürgern und Beamten mit Respekt vor Renten, Zinsfuß, allgemeinem Wahlrecht und Wehrpflicht erzieht. Der Qualität unter schwitzender Mithilfe eines ganzen Volks für Quantität, Teilnahme am Wettkampf um die allgemeine Menschlichkeit abschaffte, seiner Nation des Herzens Leuchten nahm und ihr an Ketten ihrer Herdenhaftigkeit Glocke um den Hals hing.«

»Tolstoi!« warf sie blitzschnell ein.

»Gerade Rußland und Tolstoi! Wohl versucht Reaktion auch dort den ihr später erstehenden größeren russischen Weitling zu drosseln. Aber bauen nicht Bauern, Millionen Mühselige ihm so sichtbar immer größeres Denkmal in ihren Herzen, daß der Mächtigste ihn nicht anzutasten wagt, unmittelbar Bedrohte vor Achtung für ihn förmlich starren?

Glauben Sie an den Aufgang des Lichts, wo immer Sie wollen. Schauen Sie auf Honolulu und meinetwegen Hottentotten. Doch erlauben Sie mir, Sie und alle auf Befreiung gerichtete Arbeit sofort zu verlassen, denken Sie in solchem Sinn noch einen Augenblick an Deutschland!«

Sie sagte: in Anbetracht seiner Erregung wolle sie nicht antworten. Lehnte aber jetzt schon gründlich sein Urteil ab und werde sich mit ihm auseinandersetzen, habe sie in hoffentlich nicht allzu langer Zeit Deutschland wiedergesehen.

Darauf warte er getrost.

Spitz fügte sie hinzu, im übrigen empfinde ein Mann, Deutscher, dem er Verehrung bezeugt habe, das, was er von Deutschland behaupte, für sämtliches Europa.

»Er hat vielleicht nicht unrecht«, antwortete Rank. »Das ist Deutschlands augenblicklich verhängnisvollste Rolle: es reizt und führt alle Nachbarschaft aus Angst vor ihm zu seiner infamen Mentalität. Europa, bei ihm in Unterricht der Ranküne und aller niedrigen mechanischen Instinkte steht im Antlitz seines Lehrerkorporals vorm Examen, bei dem es ihm hoffentlich den Schädel einschlägt.«

Wer übrigens der von ihm verehrte Deutsche sei?

»Carl Wundt natürlich«, antwortete sie.

»Sie kennen ihn doch?«

Sie habe es nie bestritten.

»Gut.« Sagte Rank. »Wundt sieht von höherer Warte weiter und besser als ich. Tant pis. Je m'incline. Mag heute also schon Europa verloren sein. Doch Hexenkessel, Seuchenherd seit fast hundert Jahren war Deutschland. Und damit Sie mir den heutigen Abend verzeihen, schreibe ich Ihnen noch heute Abend aus Weitling ab, was Sie im Austausch freut.«

Er ging und andern Morgens lag es mit frühester Post vor ihr:

»Aus Weitlings Garantien der Harmonie und Freiheit.

Nie wird eine Organisation der Menschheit gefunden werden, welche für alle Zeiten unabänderlich die beste sein wird, weil dies einen Stillstand der geistigen Fähigkeiten des Menschen, einen Stillstand des Fortschritts voraussetzte, welcher nicht denkbar ist. Daraus aber, daß nichts nie vollkommen ist, geht schon die Notwendigkeit fortlaufender Reformen und die Schädlichkeit der Heiligung alter Gesetze und Gewohnheiten hervor!«

»Trockne deine Tränen! armes, unglückliches, verachtetes und mißhandeltes Weib! und denke, es leiden der Schwachen noch viele auf dem Erdenrund. Einst wird auch dir der goldene Frühstrahl des Befreiungsmorgens heranbrechen, um dir die heißen, bitteren Tränen der Sklaverei aus feuchten Wimpern zu küssen. Dann blick deinem Tyrannen stolz ins Auge, denn du brauchst ihn nicht mehr!«

1842!!! stand mit drei Ausrufungszeichen von Ranks Hand dahinter.

 

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