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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Fünfzehntes Kapitel

Schien England äußerlich und innerlich Werkplatz heutiger Arbeit, stellte sich ihr Holland jetzt als einziges Kontor dar. Hier wurde, was zu im letzten schon neuen Zwecken in fernen Ländern produziert und nach Europa gefrachtet wurde, wie seit Ewigkeiten nur in Kontobücher gebucht, gab keinen anderen geistigen Anreiz, hinterließ kein Andenken als den zwischen Einfuhr und Wiederausfuhr ohne Mühe als einiger Korrespondenz und Kommission aus ihm entstandenen mystischen Mehrwert, durch den des Landes allgemeiner, beispiellos satter Reichtum sich baute.

Sofort sah Eura, ihr Vaterland durch diese Gründe, die aus unvergleichlicher Lage und uraltem Kolonialbesitz folgten, müsse europäischem Aufruhr feindlich gegenüberstehen, weil er einen Zustand bedrohen würde, der für jeden bis in Volkes Hefe noch saftig war.

Kleine Nation von acht Millionen ließ in Tropen vierzig Millionen schöner, kultivierter Rasse, Gummi, Kolonialwaren und Öl unter strenger Aufsicht für sich auf Schiffe laden und strich aus unversiegbaren Vorräten nicht nur riesigen Maklergewinn ein, vervielfachte mit Transportkosten, Versicherungen, Inkassos und Beleihungen den Warenwert, sondern lebte aus Verbindung mit phantastischem Kolonialreich bis ins Privatleben in einem, europäischer Brisanz, kahlem Tatsachenverstand entgegengesetztem, vielfarbigem Abglanz asiatischer Seelenzustände. Auch der nicht in Ostindien Gewesene blieb durch Interessen, überseeische Verwandtschaft, Straßennamen, Buchtitel, Produkte bis zu Andenken in seinen Zimmern mit anders gewordener Welt verbunden.

Plötzlich fürchtete sie, durch jahrhundertelangen Kontakt mit nichteuropäischen Untertanen möchte auch in England, in Frankreich, Belgien, Spanien und Italien allzu radikaler europäischer Umsturz durch tropische Einflüsse einst verhängnisvoll gekreuzt werden, erster Losbruch der Massen auf koloniearme germanische Länder, Deutschland, Österreich, Skandinavien, Schweiz und Rußland beschrankt oder anfangs sogar von westlichen Ländern bekämpft werden.

Für solche Vermutung gab die Heimat immer mehr Anhalte: abgesehen davon, daß des Geldverdienens innere Dynamik im Sinn neuzeitlichen Ausdehnungsdrangs gesteigert schien, war Holland charakterologisch noch Jan de Wits und Wilhelm von Oraniens Land: auf mittlerer Linie beharrlich.

Nie wie in Nachbarstaaten war, wie sie es gerade in England auf allen Gebieten gesehen hatte, hier ein Begriff, bis an seine Grenze gedrängt, zu deutlich und überflüssig geworden. Der an Küsten fließende Golf-, durchs Land strömende Goldstrom, von Surabaja her ein fremder, heißer, zimmetgewürzter Wind hatte alles Sein als lebendige Tatsache flüssig erhalten, und das Land mit Standbildern verschont. Sogar der Jude lebte, eine orientalische Buntheit mehr in alttestamentarischer Ursprünglichkeit ungestört.

Es spielten auch Musik und Dichtung keine überragende Rolle, weil der von diesen Künsten verfolgte Zweck, fließende Stoffe plastisch starr zu gießen, bei anderer Einstellung zum Leben auf kein Verständnis rechnen konnte. Nur die in undeutlichen Farben Rembrandts und holländischer Landschafter schwimmenden Bilder, konnten dem Bedürfnis, krassen, einseitigen Entscheidungen auszuweichen, genügen. Eura war unglücklich, weil auch bei kleinsten Geschäften, ihrem radikalen Drang, eine Situation, sie aus dem Augenblick zu beherrschen, auf die Spitze zu treiben, hier nirgends entsprochen, sondern Frage stets durch Frage mehr verwirrt als beantwortet wurde, und Aufzuklärendes im Helldunkel blieb. Alsbald verlor sie überhaupt des Sichzurechtfindens Möglichkeit, begann, sich vor einer Bevölkerung zu fürchten, die ihr von Natur am nächsten stand.

Sie floh nach Brüssel, wo sie im gleichen Hotelzimmer, in dem sie nach Jahren zum erstenmal Carls nackte Lache wieder gehört hatte, von Sehnsucht nach seiner menschlichen Klarheit überwältigt wurde. Nur mit ganzer Willenskraft gelang es ihr, sich an der Abreise nach Berlin, wo sie, wenn nicht ihn selbst, im Atem der Stadt einen Hauch seiner Fessellosigkeit zu finden hoffte, zu verhindern.

Ermüdet ging sie ans gleiche Werk, auch den belgischen Generalnenner für die geplante Enzyklopädie zu finden und stellte fest, es müsse schwer sein, größeren Charakterabstand zwischen zwei Völkern als zwischen Belgiern und Niederländern zu denken. Protestierte in Religion sogar der Holländer gegen irgendwelcher Dogmenstarre, war in keiner Sparte Leben dem Belgier ein Geist, ein Glaube, eine Wissenschaft oder häusliche Gewohnheit zu ausgekocht und unzeitgemäß, daß sie seiner geistigen Bequemlichkeit nicht genügt hätte. Den aufgeklärten Belgier sich vorzustellen, war Eura nicht möglich.

Natürlich schwammen auf dem Sumpf zeitloser Brühe Fettaugen aller in anderen Ländern wirkenden geistigen Bewegungen, doch nur so, daß man mit bloßem Auge sie nicht erkennen konnte. Gesellschaft und bürgerliche Intelligenz ahmte Sitten und Frankreichs Gehirn von 1830 nach, sprach drollig französisch und aß unglaublich viel mehr als der hungrigste Deutsche. Beaudelaire bei seinem Besuch 1864 in Brüssel hatte kaustisch das Land unsterblich lächerlich gemacht und würde es aus zivilisierter Menschen Andenken überhaupt gelöscht haben, hätte, ein Buch über das Land zu vollenden, ihn Tod nicht verhindert, für das er folgende Kapitelüberschriften notiert hatte:

»Das wahre Belgien. Belgien nackt. Belgien im Unterrock.

Eine Hauptstadt zum Totlachen. Eine Affenhauptstadt.

Die belgische Groteske. Armes Belgien.«

Von seinen Aussprüchen fielen Eura ein:

»In Belgien sind nur Hunde lebendig.«

»Der Belgier ist Molluske mehr als Affe.«

»Belgier sind Wiederkäuer, die nichts verdauen.«

Und ein Coupletrefrain, der nach ihrer Erinnerung heißen mußte:

Der Belgier ist zivilisiert,
er stiehlt und ist blasiert,
ist häufig auch syphilisiert usw.

Im übrigen hatte er gesagt: »Wie Joubert Gott dankte, ihn zum Mann und nicht zur Frau gemacht zu haben, so danket alle Gott, daß ihr Franzosen und nicht Belgier seid!«

Volk, das bisher wie überall hier nichts zu bedeuten hatte, als graue Masse nicht zum Vorschein gekommen war, unterlag in seiner flämischen Mehrheit besonders einem Katholizismus, der Lernen von Schreiben und Lesen verwehrte. Es war flach, stumpf und mit einem seinen kongolesischen Landsleuten ebenbürtigen Urzustand ausgesöhnt. Nur in wenigen wallonischen Kohlenzentren hatte es von sozialer Bewegung im Unterbewußtsein Ahnung.

Eura wußte nicht, in welches Kataklysma man dies Volk hätte stürzen müssen, daß es eine inmitten europäischer Aufgeregtheit versäumte Entwicklung nachholte.

Es war freilich, sprach man von eines Volks Mentalität, überhaupt und nirgends so, daß man damit von der betreffenden Gesamtheit etwas erfuhr, sondern stets nur eines führenden Klüngels Haltung, der in früherer Vergangenheit Adel und Geistlichkeit, seit dem siebenzehnten Jahrhundert das wohlhabende Bürgertum war.

Während Volksmassen bisher zu allen Zeiten in allen Ländern trübes Gemisch darstellten, hatte nur die unterrichtete Oberschicht im Wettkampf um Führerstellen Eigenschaften und Leidenschaften bis zur Weißglut forciert und zum klaren Ausdruck gebracht. Nirgends gab es bei Völkern zu Grausamkeit oder Güte, Talent oder Dummheit, Feigheit oder Mut Berufung, sondern Neigung und Verzicht für alle Möglichkeiten. Nur die Auserwählten waren infam; Repräsentantschaft allein hielt für Geltungskämpfe ein Arsenal Scheußlichkeiten bereit, gab Epochen blutrünstiges Ansehen. Volk stand als Schatten bei Erscheinungen und Ereignissen.

Aber Eura begriff, weil hier niemand hervorrage, könne sie auch wie nirgends im Abendland primitiven menschlichen Seelenzuständen nachspüren, vor allem zusehen, wieweit heute noch dem schlichten Geschöpf katholisches Christentum Ersatz für die Summe von ihm nicht zu erfassender wirklich lebendiger Daseinswonnen gäbe.

In Höhlen der Armut, Kasematten ließ sie sich führen, in die Bourgeoisie unter mannigfaltigen Aufschriften Ablaß in Form von Almosen an die Allerunglücklichsten zahlt, besuchte Wöchnerinnenheime, Asyle für gefallene Mädchen, Säufer, entlassene Sträflinge und Blödsinnige. Fand, solange man das Paradies für alle auf Erden, von dem sie in naher Zukunft überzeugt war, den von Greueln eingekreisten Enterbten nicht geben könne, man ihnen mit Recht und fanatisch wie römische Priester ein jenseitiges versprechen müsse, von dem man folgerichtig die Reichen, die auf Erden ihr gutes Teil gehabt hätten, womöglich ausschloß. So daß im gesamten, über das Diesseits hinaus gespanntem Lebensbogen soziale Gerechtigkeit sich dennoch für alle vollende, ohne deren Gewißheit der Allermeisten Leben auch heut nicht erträglich war. Aller Kirchen kühle Feindin gab sie dieser die Gerechtigkeit, sie allein von menschlichen Einrichtungen sei so barmherzig, daß sie für schöne weltliche Gleichnisse und Panoramen, noch völlig außerhalb der Möglichkeiten des Durchschnitts-Einzelnen, jedem durch der Gnadenmittel Beistand seines Erschaffensein; schließlich glückselige Rechtfertigung gewähre.

 

Mit schwangeren Mädchen, größtenteils Opfern männlicher Nachlässigkeit, sprach sie in Asylen und versprach ihnen für ihre Kinder Ausgleich unverdienten sozialen Elends der Mütter; gab ihnen Haltung für bevorstehendes Ereignis, nannte sie Siegerinnen und Gebärerinnen des Geschlechts, das endlich vollenden werde.

Hierbei hörte sie eben oft den Einwand, Gegenwart gelte nicht. Recht und schlecht lebe man Irdischkeit herunter, die man bei Kindes Geburt zu enden hoffe und vertraue nach Enttäuschung durch den männlichen Menschen auf Kameradschaft unter Engeln. Diese Wesen mit dicken Bäuchen und schwarzgeränderten Augen hatten bei solchen Worten ein begeistert Zynisches, dazu Blicke voll Tränen, daß Eura in schwesterlichem Mitweh ihnen nur um so stärker ihrer Kinder baldigen Glanz hochgelobte und anbrechendes Evangelium vollkommener revolutionierter Gemeinschaft zwischen Weib und Mann heiliger verhieß.

Aber sie konnte in Mienen fassungsloses Staunen nicht verkennen, sprach sie vom Mann, der für die Insicheingesperrten furchtbares Tier sein mußte, wie von Leichtzuüberwindendem. Als in Schwung und außer sich sie wieder einmal weissagte, hob mit Ruck vor allen andern eine mickrige Schwarze Rock vorn über den Nabel, und auf ihres Unterleibs Bombe malte sich blau eines Stiefelabsatzes vollständiger Druck. Während grinsend die Mädchen hinsahen, war Eura in Blutwelle Wut purpurn getaucht und ballte Fäuste am Leib. Sturmschritt lief sie, von Segeln Haß nach Haus geweht. In diesen Augenblicken stand nur die Carl gegenüber durchgesetzte weibliche Gewalt auf ihres Lebens sonst leerer Habenseite.

Als sie am gleichen Nachmittag in Gefühlsschauern Abreise nach Paris vorbereitete, flog anderer Blutsturz jäh durch alle Pulse: Leben war innen für Sekunden still, Beine erstarrten zum Schoß, und abrupt stand, was bisher nur Wölkchen an ihrem Bewußtsein vorbeigeflogen war, fest: bald sei sie seines Kindes Mutter.

Und wie aus unerforschlichen Zusammenhängen lag abends ein Brief auf dem Tisch, von dem, ehe sie von fremder Hand beschriebenen Umschlag öffnete, sie wußte, er sei von ihm: Ohne Datum und Ortsangabe stand geschrieben:

»Für größeres Glück, das in uns auf uns lauert, sind wir elend. Jeder nimmt des anderen Verblendung und abgeirrten Kompaß an. Zu klug, durch Wortstreit, den wir als sinnlos verwerfen, gegenseitigen tieferen Glauben zu zerstören, warten wir verhaltenen Atems ab. Jeder, süßes Echo dunkel und voll, steht in des anderen Hintergründen, und in Liebe und Haß wird trotzdem, solange wir leben, immer noch Schicksal.

Arrangieren Sie weiter mit Kraft, führen Sie Lebens strenge Regie. Aber lassen Sie Natur ein Letztes: nur Ihres Todes schlichte Anordnung!

Greifen Sie darin nicht vor, löst sich herrlich ein Rätsel. So künden es mir einer unsagbar blauen Nacht Sterne, in deren Glanz ich still am Ufer warmen Meeres liege!«

Lichterloh angezündet, goß Eura Tränen auf das Papier.

 

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