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Carl Sternheim: Europa - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Sternheim
titleEuropa
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Zwölftes Kapitel

Die gelassene Ruhe, in der er auch nach Rückkehr in die Stadt verharrte und an ihrer Seite Sehenswürdigkeiten besah, sie nicht deutend und historisch einreihend, sondern aus schönen Verhältnissen zur Umgebung wirken lassend, steckte sie nicht mehr wie in vergangenen Tagen an, sondern erbitterte sie heftiger. Denn jetzt legte sie ihr Absicht, ein vielleicht unbewußtes Prinzip nicht Carls doch des Mannes unter, der nicht wie ein poussierender Commis voyageur simpel durch Aufforderung zum Tanz überredete, Bereitschaft aber mit geistiger Schläue ein Vakuum in ihr schuf, aus dem, wann ihm beliebte, das Wunder ihrer steilen und makellosen Opferung auf Kommando steigen sollte.

Anmaßung, mit der Wundt alle Phänomene als für ihn unbefleckt, mit nichts vorher in gültiger Verbindung annahm, war auch darum für sie peinigend, weil sie nicht, wie er annahm, Mädchen mehr war, das nach seiner herrischen Erwartung unter unbescholtenen und distinguierten Bewußtseinsinhalten in von ihm gewähltem Augenblick auftreten sollte, und weil mangelnde Jungfräulichkeit zum erstenmal nicht von ihr aus – denn sie bejahte gerade jetzt fanatisch ihre Vergangenheit – doch von ihm, dem naiven Verweser männlicher Welt im sonst nahtlosen Vorstellungshimmel als störendes Loch erblickt werden konnte.

Kein Unterschied von Mädchen- oder Dirnentum hatte in ihrem hingegangenen Leben gegolten, weil kein richtendes Element als das ihres geschlechtlichen Begehrens gewesen war, und sie vor nichts in sich als organischer Verlogenheit und Verkümmerung Angst gehabt hatte. Hier aber, wie schon einmal in ihres Lebens Anfangsszenen trat an entscheidender Stelle der Held auf, der mit tiefgelegter dostojewskischer Psychologie sich des raffiniert Unheldischen Anschein gab, während doch in jedem seiner Worte, aller Geste Gewißheit war, Welt werde ihm einschließlich seiner selbst und des Weibes rein und tadellos angerichtet.

Da begriff Eura, es sei doch all ihr Trieb, der sie in Ereignissen geführt habe, vorbereitender Anschluß an diese Stunden gewesen. Ohne es sicher zu wissen, habe sie über historischen, nationalen, politischen und sozialen Verhältnissen der Menschen, die sie von Zeit zu Zeit fesseln konnten, stets das biologische gesucht, das von Grund auf anders, als der Mann immer befohlen habe, ihm das Weib im Dasein beiordne. Und sie habe sich nicht darum Welt männlicher Urteile und Zwänge in so eindringlicher, für ein Weib seltener Weise zu deuten gewußt, um wie Geschlechtsgenossinnen seit jeher männische Forderung der Sittlichkeit knechtisch zu erfüllen, heteronomes Gebot zu akzeptieren, sondern um gegen erzogene Anpassung an fremden Maßstab der Handlungen jetzt im entscheidenden Zusammenprall durch eigenes weibliches Bewußtsein und aus Tiefen der Frauennatur revoltieren zu können.

In ihr, durch unangefochtenen Willen, könne vielleicht zum überhaupt erstenmal wirklich weibliche Freiheit des Verhältniswunders Mann und Frau erscheinen, und von allen andern, sich innerhalb männlicher Urteile um diese Jahrhundertwende vorbereitenden Revolutionen, sei dieser weibliche Sklavenaufstand, den sie in Ansätzen seit langem um sich merke, die bei weitem riesigste und folgenschwerste.

Anschauung, Vorstellung, Logik mit ihren sämtlichen Klassen und Inhalten aus dem Geist des Manns gebildet, bedürften der von jeher fehlenden Ergänzung aus des Weibs Geschlechtsquelle. Verdrängungsideale und Vereinfachungstechnik des Herren der Schöpfung, die Welt schließlich zur Wüste gemacht hätten, müßten durch die Frau auflösend erweitert werden.

 

Als dieser Schluß wie eine Stahlgranate aus ihr zum Schuß bereitstand, lehnte sie Schritte vor ihm an der breiten Brücke Geländer, die in der Hauptstraße Fortsetzung über die Seine führt. Hand zum Schutz gegen Licht an die Stirn gelegt, sah sie in fließendes Wasser.

Er aber erblickte sie von Sonnenstrahlen durch weißen Rock und leinene Hose geröntgt, daß kein Punkt ihres Leibs ihm mehr Geheimnis blieb.

»Wie schön Frau ist!« frohlockte es bis in letzte Nerve in ihm, und er ächzte vor Glück. »Nie dächte ich Ähnliches wie Glimmer rosa und weißer Haut in durchschienenen Batisten aus. Am Platz muß ich vor Süßigkeit sterben, merke bunten Tumult durchs Blut zum Hirn. Ich falle, Gott, vor Wollust um!«

Er hatte den Mund geöffnet, Zunge lefzte, Augen glommen, und fast wäre er auf sie gefallen.

Doch faßte er sich, sah Wind mit ihren Kleidern spielen, wie äußerer Rock dem Luftsturm widerstand, inwendig aber Zipfel in den Schlitz der Beine wehten.

Von Allmacht stand er gebannt: »Wie liebe ich sie, und wie begehre ich, sie fort und fort erscheinen zu sehen. Jedes Haar, Flaum ihres Leibs, Teich ihres Fleischs muß ich mählich erspähen und kennen, zehntausendmal soll sie vor mir wieder in Abend- und Morgensonne stehen. Ich will ihrer Brustkugeln Größe vergleichen und des Rückens und Bauchs selige Delta küssen. Von Sturm beweht, von Wogen gepeitscht muß sie sein und gegen weiße, blaue, rote Himmel auf Bergeshöhen und wieder auf einer Brücke flattern. Alle Blumenfarben sollen mit ihr um die Wette blühen.«

Und er wußte schon: Hatte er sie ganz ersehen, in alle anderen Sinne, für die sie noch unnahbar spröder Stoff war, tausendfach ihr Bild getrunken, daß entfernteste Zelle in ihm von ihrer Anschauung barst, höbe aus übrigen Kräften von selbst letzter und innigster Besitz an, der das Weib zur anderen Gewißheit seines Lebens machte.

Als sie in diesem Augenblick fror, half er ihr ins Jacket, und sie gingen ins Hotel zurück, wo sie im Eingang erklärte, sei es ihm recht, führen sie am gleichen Abend noch nach Paris.

Eindringlich betonte er, er sei schon zu tief in ihrer Schuld, selbst für erste Stunden in Paris schlecht gerüstet. Wozu sie reizend lachte, prachtvolle Blicke warf und ihn in einen Laden hinüberzog, in dem er alles Nötige fand.

Während er zögernd wählte, und sie Gewähltes verwarf, Krawatten; Handschuh, Strümpfe, Unterwäsche nach ihrem Geschmack suchte, während er sie beschwor, und sie eigensinnig zurückwarf, er solle sie gewähren lassen, begann sie, auch weiblichen Kram aus Auslagen herreißend, für sich diskreten Toilettenzubehör auszubreiten und blitzschnell vor ihm ein hübsches Spiel zu treiben. Dann alles zum Mitnehmen einpacken zu lassen. Gleich darauf saßen sie im Wagen, und auf Euras Anruf zog der enorme Motor mächtig an und flog in so rasendem Tempo über Chausseen, Brücken, Überführungen, daß Wundt, des Sports unkundig, Hände in Griffe krallte, kaum Vorstellung mehr hatte und nur wußte, wie nie in seinem Leben sei er wehrlos und ausgeliefert.

Sie aber, Blick vorwärts gerichtet, schoß wie der schnittige Wagen aufs Ziel los. Nach Haus hatte sie telegraphiert, man solle alles in strahlenden Glanz setzen, ausgesuchtes Essen richten. Mit ihres jäh von ihm geschauten Reichtums Macht, der zum erstenmal größerem, über sie ausholendem Zweck diente, wollte sie Widerstände in Wundt zerschlagen, daß er schneller von dem weiblichen Paroxysmus, der in ihr siedete, geschmolzen würde.

Rampe zum Haus sausten sie hoch, Portale sprangen vor Lichtfluten auf, und Livree stand goldsprühend und steif. Teppichflut schmeichelte und Pracht posaunte von Wänden. Durch ein Bronzetor schritten sie auf der Tafel Gefunkel zu, die unter Orchideen, balsamische Fremdheit duftend, verschwand; waren flink wie Souveräne bedient und, von wehenden Kerzen flankiert, zu Türen ihrer Gemächer gebracht, wo vor der hochaufschauenden Christine sie sich förmlich verabschiedeten, nicht ohne daß mit Frohlocken Eura ihres Plans Gelingen in des Manns seltsam gesenkten Blicken gelesen hätte.

 

Wirklich war Carl, als er den Saal, in dem er schlafen sollte, betrat, der auf einer Empore das Prunkbett trug und dessen Wände in faszettierten Spiegeln glänzten, wie von sonst Geschautem befangen und geblendet. Innerliche Ferne zur Herrin des fürstlichen Besitzes hatte sich aus Gründen sichtbaren gesellschaftlichen Abstands vergrößert und vergrößerte sich aus Nachdenken über sie, das anhob, als er im Bett, wie auf kostbaren Katafalk gestreckt, ausruhte:

Wo dieses prachtvollen Leibs ebenbürtige, innere Natur sei, ihre nackten Triebe blieben? Wann esse, trinke sie eigentlich mit Lust? Habe sie Hunger, Durst, oder kaue sie nur raffinierte Namen der Menus? Lache sie je herzlich und kenne Tränen der Rührung und des Schmerzes? Schlafe sie einmal wie ein in Wollust des Sichnichtwissens aufgelöstes Tier? Wahrscheinlich störe sie ihre Notdurft in höheren Zielen mit sich selbst. Ob sie Sonne, Luft und Sturm spüre, über Erdgeruch auf bloßem Boden vor Wonne schluchzen könne; Dunst des Waldes wittere und des Meeres feuchten Atem schmecke? Das alles schaue und empfinde sie wohl nicht mehr, weil sie »Vorstellung« und »Begriff« davon habe, die ihr Natur entbehrlich machten.

Und Kapital besitze, das ihr mühseligen Übergang von einem Bewußtseinsinhalt zum andern, Mitansehen des Werdens und Erscheinens der Phänomene »erspare«, indem es sie auf ihr Geheiß durch Mittel der Technik zur Stelle liefere, Gletscher heute und morgen die von Wüstenglut gebrannte Cheopspyramide, jetzt Chinesen mit Buddhatempeln und den Neger samt Kilimandscharo gleich darauf. Und, wolle sie, tausenderlei bunt Verschiedenes und Gleichartiges durcheinander. Als ihm plötzlich bewußt war, was sie aus »Segnungen der Erfindungen und des Fortschritts«, durch erhitzte Geistigkeit und Reichtum ihm Armen und den von ihm wirklich Schritt für Schritt gegangenen Wegen gegenüber entbehrte, fühlte er liebendes Mitleid mit Eura und gestand, sie sei des Erdteils, der sie trüge, Gleichnis; der auch seit Ewigkeiten Natur für immer tollere Reize aus Geist und Geld getauscht habe und, bis ins Mark gelangweilt und erschöpft, bereit sei, mit neuem, niedagewesenem Klamauk seines kothurnenen Heldentums Leere noch einmal zu überpauken.

Da war er wie nie bisher dem Schicksal dankbar, das ihn als eines Europäers Sohn, deutschen Ingenieurs, doch auch eines afghanischen Mädchens geboren hatte, das von einem Bahnbau an Indiens Grenzen sein Vater als Frau in die Heimat mitgenommen hatte.

Nur Gewicht von der Mutter ererbter, diametral anders gerichteter Sinne mache ihn fähig, vor Europas verzerrtem Veitstanz, der ihm immer verrückter schien, im innersten zu schaudern und glühend gewillt, lüstern geistige Exhibitionen, die Massenpublikum als Zuschauer und Bedürfnis seines fortwährenden Beifalls zur Voraussetzung hatten, in sich und allem, was er mit dem Schrei des Talents erreichen könnte, abzuriegeln.

Denn wie aus Sehertum erkannte er: es würden hundert Revolten und Revolutionen, mit denen Europa zurzeit schwanger sei, und die, nach dem Beispiel exakter Naturwissenschaften, mit oberflächlichen Sinnen geschaute Art- und Rassengemeinschaften der Menschen, statt durch des einzelnen Hinschwung immer mehr zu gewinnende menschliche Vollständigkeit verherrlichten und predigten, nicht an Europas Grenzen Halt machen, sondern nach lokalem delirierendem Wahnsinn alsbald außer sich, den nächsten Nachbar Asien anfallen.

In triebhaftem Widerstand fuhr er auf, da ihm des deutschen Kaisers jüngst gesprochenes Wort unter aberwitziger Zeichnung und gegen asiatische Stämme gerichtet, als Hohngipfel einfiel: »Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!«

Ressentiment, Hypokrisie und Hysterie des sich greisenhaft auflösenden Erdteils erkannte er in diesem Satz einer stelzenden, mit dem Requsit des Heldensäbels rasselnden Attrappe gestanzt, und in brausendem Impuls haßte er, was diese Mentalität teilte: das Haus, seine Bewohner und – sie vor allem!

Mit nichts als dem Gedanken der Flucht sprang er vom Bett auf, sah aus dem Fenster zur Straße und überlegte, wie durch Flure und Vestibüle im Dunklen er Weg fände. Vor Kälte und Erregung schlotternd im Hemd, hatte er erst nach Augenblicken Ruhe und den Entschluß, beim Morgengrauen, ohne jemanden zu sprechen, von hier, Paris und soweit als möglich aus Zonen fortzulaufen, in die mit andern üblen Geräuschen Deutschlands Gekreisch und Frankreichs Gackern als Dominanten dröhnte.

 

Als sie in ihr dunkles Zimmer getreten war, hatte sie durchs Schlüsselloch neben ihrem Bett zuerst seiner Nachtlampe Schein wie einen Stern gesehen.

Wo sie stand, warf sie Kleider ab und fuhr in den hemdartig genähten faltigen Seidenschleier.

Sie trat zur Tür und bog den Leib an sie, daß er von ihr gehalten würde. Denn es wichen Kinn und Knie, und ein Schauer schüttelte sie nach dem andern.

Gespreizte Hände legte sie an die Pfosten und richtete sich zurück, Atem und Überlegung zu finden; aber gleich wußte sie alles wieder, und daß nicht mehr zu denken, nur noch zu tun war.

Bloße Liebe zu ihm hing irgendwo in Eingeweiden und feuchtem Schoß. Doch in Herz und Hirn war sie vergrößert entnaturt und des Persönlichen entworden. Im Bewußtsein zuoberst ragte als blendender Komet ihre epochal weibliche Pflicht, das aus Zeit heute von ihr Neuzugebärende, Moleküle mit schneidenden Wehen durchhämmernd.

In Sekunden, die dem Aufklinken der Tür vorausgingen, hatte sie nur die jagende Angst, er möchte vor ihr durch den Eingang treten, sie rittlings aufs Bett nageln und sich an ihr milliardenmal gewesene männliche, herrische Freude erfüllen, die in der Welt alles beim Alten und sie gewöhnlich ließe. So daß auch in Lebens steilstem Moment sie aus Durchschnitt nicht ins Vorbildliche, in Verklärung träte und den aus ihren weiblichen Kräften möglichen mitmenschlichen, sozialen Aufstieg versäumte:

Ganz außer sich und aller Erfahrung weiß sie sich, und daß in ihrer Brust das All in diesem Augenblick den Atem anhält.

Da, als hinter der Wand bei ihr sein Schritt schlürft, drückt sie aufs Schloß und ist ihm gegenüber, der in Überfalls Überraschung ans Bett zurückweicht.

In der einzigen Lampe Lichtstrahl steht sie auf köstlich schlanken Beinen hoch im Geflatter durchsichtiger Seide. Paus vom geränderten Körper stehen Brüste nach vorn, und es dunkelt im Schoß ein Schatten.

Dem Mann, im Nachgeschmack heller Verwünschungen, die er gerade auf Zeit, Ort und alle Umgebung schleuderte, mitten in Visionen neuer Zukunft jenseits europäischer Weisheiten und in des Wunsches Inbrunst, der Herr möge ihn noch nicht aus langsamem Geschehen nehmen, Braue schon mit fremder Süße umwölkt, hängt jäh ihr Bild mit grellem Karmin der Maroquinpantoffeln auf lauter Weiß von Hemd und Fleisch im Auge.

Spitz sticht ihn Schmerz der Ahnungen, Abwehr und Dissonanz zu giftroter Flecken, daß Haut ihm perlt und Blut ohne Richtung springt.

Doch entschlüpft allem Gewand noch das Weib, und mit Ruck, der ihm die letzte Nerve aufschmeichelt, kippt es feurig das Haupt zurück, von dem Sturzflut kupferner Haare in Buchten, Flüsse und auf prangende Weiden des Leibs rollt.

Da – gegen Widerstände, die sämtlich sterben, quillt auf in ihm, was trotzdem die lüsterne, abendländische Eva ihm köstlich und unübertrefflich macht. Mit keuchendem Seufzer bricht flach er ins Bett und läßt von duftender Wolke überall runden Fleischs sich nehmen, schwächen und dem Bewußtsein entführen.

 

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