Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Eulenpfingsten

Wilhelm Raabe: Eulenpfingsten - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
booktitleGesammelte Erzählungen
publisherOtto Janke
titleEulenpfingsten
created20040615
senderanitagerber@gmx.de
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Wir gehen mit ihm. Das heißt, nachdem wir dem Legationsrat das Geleit nach der Isenburger Warte gaben, eilen wir dem Professor Nürrenberg voraus auf dem Wege von Oberrad nach Frankfurt und suchen zu erkunden, wie sich Herr Florenz Nürrenberg, der Kommerzienrat, mit der Krisis des Nachmittags abfand. Selbstverständlich auf die allein sachgemäße Weise: er hatte kurzweg die sämtliche Gesellschaft und Freundschaft für eine ausbündige Narrenbande erklärt und sich für das allein vernünftige Wesen unter der ganzen Hetz. Er gebrauchte ein wunderliches Durcheinander ganz vortrefflicher Gleichnisse, die er aus seiner früheren Fabriktätigkeit zu Höchst entnahm, um sich ein schmeichelhaftes Anerkennungsdiplom über seinen Charakter und seine Lebensführung auszustellen.

»Was sollte aus dieser zerfahrenen Welt werden,« sagte er, »wenn die ewige Vorsehung nicht Unsereinen als Deckblatt für diese Pfälzer Havannas, für diese schöne deutsche Nation auf Lager hielte! Wir sind es, die das närrische Gesindel, die Gesellschaft, zusammenhalten. Wir geben dem Zigarro den Duft! Auf uns allein verläßt sich der Fabrikherr, der liebe Herrgott. O, der kennt seine Kisten und seine Fabrikation! Der weiß uns zu taxieren. Da ist nun die alte Rippe, dieser Nebelung – manch liebes langes Jahr rauche ich nun schon an dem Tabak, und immer bleibt mir ein Philister für den anderen Morgen übrig. Und dann das seltsame Produkt, mein ästhetischer Herr Sohn, – auch ein feines Kraut! Daß ich es an der rechten Brühe dafür hätte fehlen lassen, kann mir kein Mensch vorwerfen. Und nun dieses Käthchen – ganz das Blatt, welches in eine Damenzigarre gehört; – zu Knaster verschnitten etwas leicht, aber angenehm; – na, das ist denn meines Professors Sache, wie sich das Ding raucht. Auf das Deckblatt kommt es allein an: fürs Ganze bin ich’s hier in der Hanauer Landstraße; aber im einzelnen, – Donnerwetter, da bin ich mit meinen Komparationen doch am Rande, und wenn mir jetzo mein Philosophikus zur Hand wäre und ich ersuchte ihn, fortzufahren, so würde er in die Skulptur, Mythologie, Malerei, Poesie oder dergleichen auf der Stelle hineinfallen und mich noch konfuser machen, als ich schon bin. Hm, jetzt soll mich nur wundern, welch ein Arom die überseeische Tante mit sich bringt. Hm, ich habe gar nichts gegen eine gute Virginia einzuwenden, den Strohhalm möchte ich nur nicht gern für andere Leute drin spielen. Nun, wir wollen’s abwarten, ganz ruhig abwarten.«

Das war alles hinter der Oberpostamtszeitung hergesprochen; aber weder der politische Inhalt des Blattes, noch die Kursberichte wurden dem Biedermann in der Jasminlaube heute so deutlich wie an anderen Tagen. Er schob das auf die Muse der Geschichtsschreibung und brummte: »Daß gestern draußen rund um den Erdball gar nichts passiert sein sollte, kann ich mir nicht vorstellen; der Blättleschreiber hat’s nur eben nicht erfahren.«

Er gähnte und warf das Blatt auf den Tisch –

»Hm, hm, hm!« murmelte er, auf seinem Stuhle sich hin und her wiegend und schiebend. Aber plötzlich verzog sich sein Mund in ein schlaues Lächeln; er sagte noch einmal Hm! aber in einem ganz anderen Tone; griff rasch in die rechte Hosentasche und brachte einen Schlüssel mit einem ledernen Riemchen zum Vorschein. Diesen Schlüssel beäugelte er einen Augenblick zärtlich, wackelte dann ins Haus, um nach zehn Minuten wieder zum Vorschein zu kommen, eine verstaubte Flasche in der einen Hand und einen grünen Römer in der anderen.

»Nur der Aufregung wegen und der Einsamkeit!« sprach er, wie zu seiner Entschuldigung. »Geärgert hab’ ich mich doch, wenn auch nur im stillen, und ein Gläsle Rüdesheimer wird mir vielleicht nicht schaden. Auf die Ankunft der Tante muß ich doch auch warten – da hat man besser die Waffen zur Hand.«

Liebevoll stellte er die Flasche wieder auf dem Tische, in der linken Hosentasche nach dem Pfropfenzieher fahndend. »Was mein Bub jetzt da drüben tut und was er der Kleinen vorträgt – – geht mich nichts an; aber was ich auf den Skandal jetzo tue, das weiß ich, und was ich mir mitzuteilen habe, desgleichen.«

Er hatte bereits die Flaschen zwischen den Knien, und sich selbst von neuem Beifall nickend, setzte er das Instrument an. Schwer kam der Kork, doch er kam; stöhnend setzte sich der Kommerzienrat und Patrizius von Rottweil, schenkte das Glas voll, kostete, nickte dem Weinchen seinen Beifall und rief:

»Hoch sämtliche Alexiusse und Heringe in der Welt und im Weltmeer! Vivat Alexius der Dreizehnte! Vivat Alexius von Nebelung, mein Herr Bruder und meiner Schwiegertochter Papa!«

Schon dieses Wortes bei dieser Gelegenheit wegen haben wir den Mann hochzuachten; nein, das ist ungenügend: wir haben ihn zu lieben, und wir lieben ihn auch und stellen ihn allen übrigen Kommerzienräten, Tabaksfabrikanten, Blumenzüchtern, Weinkennern, Nachbarn, Vätern und Schwiegervätern als Muster hin.

Der alte Musterknabe sah den Legationsrat fortrennen und sah ihm nach. Er sah seinen Elard springen und laufen und sah Käthchen Nebelung nach dem Main-Weser-Bahnhof abfahren. Mit seiner Oberpostamtszeitung , seinen Kaffeeläusen, seiner Pfeife und seiner Flasche hob er sich nur etwas mehr in die Höhe, stieg empor in den wonnigen Abendhimmel und stellte sich als seine eigene Jury das Verdikt aus:

»Unschuldig an der Narrheit der anderen.«

Auf die Rückkehr der kleinen Nachbarin nebst der überseeischen Tante mit dem unbekannten Arom paßte er aber in größerer Unruhe, als sonst in seiner Konstitution und Gemütsverfassung lag. Er sah sie vorfahren, er sah die Tante Lina auf dem Balkon des Hauses gegenüber; er besah sie genau durch das Opernglas, und dann – machte er es wie sein Herr Sohn in Oberrad, er beäugelte den Himmel und die Erde durch ein ander Glas, und die Welt schien sich darüber zu freuen, daß er – er wenigstens noch in ihr vorkommen könne. Sie lachte ihn an und nickte ihm mütterlich zu, und er nickte vertraulich ihr wieder zu. Literar-historische, ästhetische oder sonst in die Kunstfächer einschlagende Bemerkungen machte er nicht, aber er meinte:

»Wenn sich alle Menschen hier unten so gut amüsierten wie ich, dann meldete ich mich heute abend noch als Prätendente für den ersten vakanten Herrscherthron und wollte regieren, daß es eine Art hätte. Na, das sollte einen Vater des Vaterlandes geben, nicht wahr, mein Sohn Florens? So aber, wie’s ist, mag sich meinetwegen das Volk konstituieren, wie’s will; ich für meinen Teil danke für Zepter und Krone oder den Präsidentenstuhl. Da trete ich doch lieber dem Nachbar Nebelung alle Ansprüche auf eine welthistorische Stellung ab. Der hat sich doch schon hereingearbeitet und weiß mit dem Käs umzugehen und fertig zu werden. Hier sitze ich und muß sagen, das Weinle ist ein gutes Weinle, und der Elard, wenn er gleich ein Blitznarr ist, ist doch nicht so übel, und das Kindle drüben, das Kätherle – na, eigentlich sollt’ ich’s nicht laut werden lassen, aber es gefällt mir im ganzen ebensogut wie dem Buben, dem Professor. Na, da verstehe ich mich am Ende ebensogut wie der Heidelberger Präzeptor auf die Ästhetik und habe doch nicht in der Beziehung meinem Vater so ein horrendes Geld gekostet, wie mein gelehrter Sprößling mir. Ho, dazu braucht man nicht nach Rom und Griechenland zu gehen, um die Kunst zu lernen, es herauszufinden, wenn seine kleine Nachbarin hübsch ist. Mit gutem Willen und einer Dosis Mutterwitz hab’ ich die Wissenschaft auch in Höchst gelernt, und da er, dieser Elard, die Frucht meiner Studien ist, so – hat er bis jetzt auch noch nicht gewagt, von diesem Griechen- und Römertum aus auf meine natürliche schwäbische Begabung herabzusehen. Ich wollte es ihm übrigens auch nicht geraten haben! Hm, hm, ich habe, bei Gott, wüstere Tanten in meinem Dasein gesehen, als da eben auf dem Balkon stand. Was tue ich nun? Lasse ich den alten Kater, den Legationsrat, nach Hause kommen und die erste Wiedersehensrührung vorbeigehen, ohne dabei gewesen zu sein, so garantiere ich mir einen dreiwochenlangen Muff und obligates Regenwetter. Auch den beiden Kindern werden sicherlich diese drei Wochen ihrer kurzen Jugend durch das gelbgraue diplomatische Reibeisen verraspelt, und die Tante – der Tante werde ich, ohne mich verteidigen zu können, in das allerschauderöseste Licht gestellt. Sie kriegt einen unmotivierten Ekel unbekannterweise von mir. – Holla, holla, Florens Nürrenberg, jetzt gilt es liebenswürdig zu sein und diesem diplomatischen Märzhasen eins auf den Pelz zu brennen, das heißt, ihm bei seiner Nachhausekunft, wie er es nennt, ein fait accompli vorzuführen oder, wie ich es nenne, ihm höflich eine lange Nase zu drehen.«

Ein ganzes Gelegenheitsarsenal trug dieser Anwohner der Hanauer Landstraße bei sich. Schon hatte er wiederum in die Tasche gegriffen und diesmal ein krumm Heilbronner Gartenmesser hervorgeholt.

»Gestern, heute morgen hätte mir einer zehn Gulden bieten können, und ich hätte die Sträuche nicht angerührt« murmelte er, zwischen seinen Beeten auf und ab wandelnd. »Den bunten Ausschuß haben sie schon drüben zu Kränzen und Girlanden; aber jetzt schicke ich ihr persönlich ein Musterbukett; ha, ha, einen Selam schicke ich ihr als abgefeimter alter Araber, und wenn sie den nicht versteht und beantwortet, wie ich’s erwarte, so tun mir freilich meine Lieblinge leid, und der Rest mag meinethalben gleichfalls verregnen.«

Er stellte einen Strauß zusammen, der sich in der Tat sehen lassen konnte, und summte dazu, in sich hinein lachend:

»An Alexis send’ ich dich,
Er wird, Rose, dich nun pflegen –«

dann verfügte er sich mit den »Kindern Florens« in das Haus, um sich von seiner Frau Drißler ein blaues oder rotes seidenes Band zur Schleife zu erbitten.

»Einen wahren Greuel der Verwüstung hab’ ich angerichtet«, seufzte er, mit einem etwas kläglichen Blicke von der Treppe der Tür auf den Garten zurücksehend. »Wenn nun die Alte als eine alte Schachtel ausfällt, und gar noch mit Yankee-Verschluß und Lackanstrich, dann erklär’ ich mich gleichfalls für lackiert, denn was bleibt mir noch übrig als die Kaktuszucht, an der allein auch kein Mensch sein alleiniges Genügen haben kann.«

Madame Drißler hatte ihm außer dem seidenen Band auch die Botin in der Person des jungen schmucken Hausmädchens zur Verfügung zu stellen, und der Kommerzienrat versäumte es nicht, der Kleinen unter das Kinn zu greifen, während sie sich schnell ein weißes Schürzchen vorband und er ihr die Bestellung ausdeutete und auf das Genaueste eintrichterte.

»Du weißt also jetzt, was du zu sagen hast, Liesle?«

»Ei freilich! Der Herr Rat freuten sich arg, daß das gnädige Fräulein glücklich angelangt seien. Und was das übrige Vorgefallene anbetreffe, so lasse er sich keine grauen Haare drum wachsen. Der Herr Kommerzienrat wollten sich nur was anziehen und dann kämen Sie gleich.«

»Beinahe ganz richtig, Liesle, aber doch nicht ganz! Sie – das gnädige Fräulein – solle sich keine grauen Haare um das Vorgefallene wachsen lassen und sich’s nicht zu Gemüte ziehen, es käme schon alles ins gleiche. – Hm, Madame Drißler, kann ich der Dame das, ich meine das von den grauen Haaren, hinüber sagen lassen?«

»Geh nur, Mädle, mach nur fort und schwätz, wie dir der Schnabel gewachsen ist; aber das rat’ ich dir, daß du dich nicht festschwätzest da drüben, sondern mir auf der Stell’ wieder riwwer bist!« sprach die gestrenge Frau Aja; und der Herr des Hauses strich mit der Hand über sein stahlgraues Haupt und schlich ein wenig geduckter, als er gekommen war, zurück in seine Gartenlaube zu seinem Rüdesheimer und blinzelte dem Liesle und seinem Blumenstrauße durch das Gitter und Gezweig nach.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.