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Eulenpfingsten

Wilhelm Raabe: Eulenpfingsten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
booktitleGesammelte Erzählungen
publisherOtto Janke
titleEulenpfingsten
created20040615
senderanitagerber@gmx.de
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Siebentes Kapitel

Wir wenden uns jetzt dem zweiten in unmenschlicher oder vielmehr allermenschlichster Aufregung aus der Hanauer Landstraße Weggelaufenen, nämlich dem Heidelberger Professor der Ästhetik, Herrn Elard Nürrenberg, nach.

Sub specie aeternitatis sah er zuerst das, was ihm eben begegnet war, nicht an. Dazu steckte er viel zu tief mit Haut und Haar drin. Wonne und Verblüffung mischten sich auf eine Weise in ihm, daß in diesem Augenblicke die Natur wahrlich nicht seinetwegen aufgestanden wäre, um der Welt zu verkünden: Dies ist ein Mann!

Nur ein männlicher Mensch war er, und zwar ein durch den weiblichen Menschen aus Rand und Band gebrachter. Und:

»Was ist der Mensch? Und selbst der philosophisch gebildete Mensch?« fragte er geistig taumelnd im körperlichen Rennen. »Was war das nun? Welch eine entsetzliche Katzenmusik entfesselter Gefühle? Welch ein roher dorischer Päan von Leidenschaft und Gemüt! O Käthchen, Käthchen! … Und sie mußte nach dem Bahnhofe – nicht fünf Minuten hatte man, um sich nur notdürftig wieder zu verständigen. Bin ich jetzt verlobt oder nicht? Ach, der Traum war so süß – so süß: weshalb mußte ich Ungeschickter im vollen Schlürfen den zierlichen Becher fallen lassen?! Sie hatte recht, ich war ein Ungeheuer. Aber es kommt heute alles zusammen; – dies und die Tante Lina, die gerade in der Krisis von Bremen kommt und vom Main-Weser-Bahnhof abgeholt werden muß, und der abgeschmackte Zank der beiden Alten. O Ares und Aphrodite, ich wollte – was wollte ich? Ich wollte – es wäre Pfingsten übers Jahr! Ja, das ist’s, was ich wollte, das ist das einzige, worüber ich mir momentan klar bin.«

Aber er hatte doch nicht umsonst sein Auditorium, seine drei zahlenden Zuhörer und seine Hospitanten, in Heidelberg. Wie der Baron von Münchhausen faßte er, jedoch ohne es selber zu wissen, nach seinem eigenen Zopfe, um sich daran aus dem Sumpfe zu ziehen; und die auch hinter ihm dreinläutenden Glocken des Pfingstabends halfen ihm freundlich dabei.

»Ach,« seufzte er, in der Fahrgasse aufatmend, »Pfingsten Achtzehnhundertneunundfünfzig. Oder –« er blieb einen Augenblick horchend stehen – »oder vielleicht noch besser – Pfingsten Fünfzehnhundert! Die Vergangenheit ist hier doch noch angenehmer als die Zukunft, und, bei den unsterblichen Göttern, ich wollte, das, was mir heute begegnet ist, wäre mir im Jahre Fünfzehnhundert passiert.«

Sie redeten alle in Zungen; der Pfarrturm, Sankt Paul und Peter und Sankt Nikolaus; und ganz entgegen dem biblischen Wort mulier taceat in eccelsia gaben auch unsere liebe Frau und Sankta Katharina hell ihr Wort darein. Da der Wind aus der Richtung vom Paradeplatz kam, hatte Käthchen sogar dann und wann das große Wort.

»So ist es,« sagte der Professor, »der Mann, welcher nicht die Macht und Kraft hat, sich stellenweise ganz und gar von der Zeit, von dem Tage loszulösen, der ist von Grund aus verloren. Leben wir denn wirklich in der Zeit, da das Vergänglichste, der Klang, uns überlebt? Ich habe das so nie gehört; – ich habe so nie empfunden, was das da in den Lüften will; – dieser Alex der Dreizehnte hat uns alle wirbelig gemacht. Wahrhaftig, da lügt wieder einmal ein Sprichwort. Wo die Glocken hängen, wissen die Leute wohl, sie hören sie nur nicht läuten. Ich selber höre sie in dieser Stunde zum erstenmal in meinem Leben.«

Er nahm sich wieder auf unter diesem Eindruck, daß er zum erstenmal in seinem Leben wirklich die Glocken läuten höre, und rannte hastiger zu, die Fahrgasse hinab, und vor und hinter ihm und zur Seite das Volk von Frankfurt am Main im Kostüm von Anno MD. Sie hätten selbst sich über sich verwundert, die guten Frankfurter, wenn sie sich so gesehen hätten, wie Herr Elard Nürrenberg sie sah: die Herren in pelzverbrämten Mänteln und in Schnabelschuhen, die Damen in Schauben und Goldhauben. Was der dicke österreichische Oberleutnant über sich gedacht haben würde, wenn er sich plötzlich von dem Kopfe bis zu den Füßen schwarz und gelb gestreift und mit einem Zweihänder über der Schulter erblickt haben würde, wollen wir weiter nicht ausmalen. »No, aber der Troddel!« würde er sicherlich ausgerufen haben.

Daß der Heidelberger Professor auch sein Käthchen plötzlich in der Tracht von Fünfzehnhundert erblickte, war selbstverständlich, und sie war reizend – nur zu reizend, sie war zum Küssen drin, und der Ästhetiker lief schneller und ächzte:

»Wenn wir damals gelebt hätten, durch welches lächerliche Ärgernis würden wir uns dann wohl die Verlobungs-, Festtags- und Lebensfesttagsstimmung haben verderben lassen?«

Er schlug im Laufen seine Kollektaneen nach und fand allerlei Gründe, die in jenem Jahrhundert wurzelten und ihn noch untauglicher machten, die Fahrgasse im Jahre 1858 als ein verständiger Mensch zu durchschreiten. Da er nunmehr aber auch den Legationsrat von Nebelung und seinen eigenen Papa, den großherzoglich darmstädtischen Kommerzienrat, in jene Zeit, jene Hosen und Röcke hineindachte, so suchte er nach weiteren Gründen nicht weiter.

Er wurde angerannt, und er rannte an. Man sagte ihm mehrmals, was man über ihn dachte; er aber sagte zu sich selber:

»Das Wahre in der Welt ist doch, halb betrunken gemacht zu sein – zuerst natürlich durch Entzücken, nachher aber auch durch Ärger – und die Welt verschleiert zu sehen. Der richtige Mensch und vor allem der deutsche Mensch gehört nur in den Nebel hinein, in solchen Nebel! Da wird ihm wohl. Wer nicht zwei Leben hat, ist ein armseliger Hund; der Genius aber hat deren neun und klettert an den Hausmauern herauf und geht auf den Dachfirsten wie die Katze. O Käthchen, mein Mädchen, mein zweites Leben. Momentan fühle ich mein Leben dreifach; in dir, in mir, und –«

In diesem Moment wurde er in drei Teufelsnamen von einem erbosten, in die Rippen gepufften Pfahlbürger des zweiundzwanzigsten Mai Achtzehnhundertachtundfünfzig gefragt, welchem Menageriebesitzer er eigentlich von der Kette losgebrochen sei? Und er lachte und antwortete:

»Dem Gott Amor!«

Er zog auch alle seine Literaturkenntnisse herbei, dachte an Lili Schönemann und an Lilis Park. Die Liebe und die Bosheit, die alle neun Musen repräsentieren, jagten ihn in die Poesie, und das alte Frankfurt wurde immer mehr zu jenem Eiland, das Miranda trug, und Prospero, den rechtmäßigen Herzog von Mailand, Ariel, Kaliban und die anderen.

»Er – Wolfgang – hörte auch dieselben Glocken, – und die Frau Rat hörte sie, und Gretchen und Lili hörten sie, und hier gehe ich, und es ist doch der höchste Genuß auf Erden, Deutsch zu verstehen!«

Da hatte er recht. Es ist in der Tat sehr tröstlich, deutsch zu verstehen; zumal wenn man unter dem Pfingstgeläut das große Buch von Wahrheit und Dichtung, das große deutsche Buch menschlicher Erfahrung und Weisheit in Herz und Hirn trägt.

Wir wissen, daß Käthchen und die Tante von ihrer Droschke aus den Papa Nebelung laufen sahen, und wir müssen jetzt sagen, daß es uns viel lieber wäre, wenn sie statt des Legationsrates unseres Freundes Elard ansichtig geworden wären.

Ob das liebe Käthchen den Quasi-Verlobten wohl in seiner gegenwärtigen Stimmung verstanden hätte, wenn sie Kenntnis von ihr gehabt hätte?

Wir bezweifeln das.

Ein junger deutscher Professor aller möglichen Kunstanschauungen, der zugleich natürlich ein Kenner und Wisser aller möglichen Philosophien ist, ist nicht so leicht in seinen Seelenregungen zu begreifen; zumal wenn er sich selber keineswegs vollkommen klar ist und seine Verwirrung im Galopp in die freie Natur hinausträgt. Seine Kollegienhefte tragen freilich nachher die fruchtbringendsten Spuren der Exaltation. Es ist eben nichts fruchtbringender als die Verblüffung der Gelehrten und Poeten. Klares Nachdenken und ruhiges Behagen leisten lange nicht so viel für den Fortschritt sowohl der Wissenschaft wie auch der Poesie.

Unter dem Eindruck, dem Quasi-Schwiegervater nachzurennen, kreuze auch Elard den Main, durchstürmte Sachsenhausen und das Affentor, lief aber dann nicht gerade aus, wie der Rat, sondern bog, von seinem Dämon dirigiert, links ab auf den Weg nach Oberrad. Er lief bis nach Oberrad, immer in der nebeligen Idee, daß das Glück und die Ruhe seiner Lieben davon abhänge, daß er sich dem durchgegangenen Ex-Diplomaten an die Rockschöße klammere, bis zurück in die Hanauer Landstraße und die allgemeine Versöhnung. In der Idee rannte er eigentlich nur sich selber nach; wie schön der Abend war, haben wir schon mehrfach Gelegenheit gefunden zu bemerken; an den ersten Gärten des Dorfes fand Elard es auch von neuem und trocknete den Schweiß, der zu einem guten Teil leider der Angstschweiß war, von der Stirn.

»Ist denn die Welt nicht übrig?« fragte der Professor mit jenem, der den Weg nach Oberrad und dann weiter nach Offenbach seinerzeit ebenfalls so gut kannte und so oft ging:

– – – – – – – – – – – – – – – – – – »Felsenwände,
Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?
Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände
Zieht sich’s nicht hin am Fluß durch Busch und Matten?
Und wölbt sich nicht das überweltlich Große
Gestaltenreiche, bald gestaltenlose?«

Das war ganz richtig! die Welt war in der Tat noch vorhanden, und der Professor sah sich um am Himmel und auf der Erde. Der Himmel war klar und rötlich angehaucht von der sich neigenden Sonne. Die Erde war grün, und vorzüglich grün erschienen die Gärten von Oberrad. Vernunft fing wieder an zu sprechen, und ein verständig Gelüste überkam plötzlich den Ästhetiker. Es gelüstete ihn nach einer Bank im fröhlichen Schatten und nach einem Tisch davor. Es gelüstete ihn, die Welt durch ein Glas guten Weines anzuschauen, und was eben auch nur eine Idee war, machte er zu einer Realität. Er trat in eins der lustigen Vergnügungslokale – ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten selbstverständlich – und sein Dämon klopfte ihm, wahrscheinlich diesmal sehr zufrieden mit ihm, auf die Schulter.

»Die fürchterlichsten Esel laufen doch unter der Maske eines Doktors der Philosophie herum; mein Beispiel redet davon«, murmelte er. »Was war ich nur eben? Eine Mücke, plattgequetscht zwischen den Bogen eines uralten Buches, des Buches von der Narrheit der Menschen. Ein schöner dauerhafter Tröster in Schweinsleder oder auch in Eselshaut! Sollte ich es zu einem berühmten Namen bringen, so würde man mich und den heutigen Tag vielleicht noch nach hundert Jahren darin aufgetrocknet finden.«

Er zitierte von neuem:

»Mit dem Philister stirbt auch sein Ruhm –« doch hier schon brach er ab und meinte:

»Das ist auch ein Irrtum von Schiller. Gewöhnlich ist der Mann Mitglied einer Kammer, einer Landtagsversammlung oder wenigstens Mitglied einer politischen Partei oder des Ausschusses einer Aktiengesellschaft, und dann trägt ihn wie uns die Muse in Mnemosynens Schoß. Es findet sich immer ein Vorsitzender, der die Mitteilung vom Abscheiden des verdienstvollen Mitbürgers und Kollegen macht und auffordert, sich zu seinen Ehren von den Sitzen zu erheben. Die Versammlung tut’s, und der Verstorbene hat seine Unsterblichkeit weg.«

Die Gedankenfolge hatte kaum etwas mit Käthchen Nebelung zu schaffen. Der erschöpfte Verlobte saß bereits unter einer Akazie und winkte einen Naturkellner heran.

»Einen Schoppen Eppelwei’?« fragte dieser.

»Nein!« schrie Herr Elard Nürrenberg fast zornig. »Eine Flasche Hochheimer – und rasch! – Äppelwei’?!!«

»O Käthchen, Käthchen?« flüsterte er, und dann kam der edle Trank, der allein der Minute gerecht werden konnte. »Man sollte doch toll werden«, ächzte der Professor, und dann wurde er statt dessen elegisch; gerade um die Zeit, als die Tante Lina sein süßes verweintes Liebchen zwischen die Knie zog, um es einer genaueren Okularinspektion zu unterwerfen. Da er, Elard Nürrenberg, eben die Welt durch das flüssige Gold in seinem Glase betrachtete, so tat er ganz genau das nämliche, was die Tante Lina Nebelung tat: er besah sich noch einmal genau – ganz genau Käthchen Nebelung, und er fand – – – – – bei Eros und Aphrodite, es wäre zu lächerlich, wenn wir uns lange dabei aufhalten und Punkt für Punkt auseinandersetzen wollten, wie er das Universum, alles in allem genommen, fand.

Wenn Fräulein Katharine Nebelung, die Tochter des Legationsrats, Ritter usw. Alexius von Nebelung, nur die geringste Ahnung davon gehabt hätte, wie sie dem Jüngling, dem Gelehrten, dem Idealisten in diesem Augenblick erschien und was alles sie ihm war und gab, so würde sie sich sehr über sich verwundert und wahrscheinlich gerufen haben:

»Nein, aber ist es denn die Möglichkeit?!«

Es war die Möglichkeit; und daß das eben immer wieder die Möglichkeit ist, das erhält die Erde, die Sonne und alle Gestirne im alten Glanz und Licht und wird sie in alle Ewigkeit so erhalten.

Was will das Individuum mit seiner Logik; wenn das Universum verlangt, daß es nach der seinigen lebe und sich halte und richte? – Erst mit Sonnenuntergang kam der wackere Professor von Heidelberg zum vollständigen Wiederbewußtsein seines großherzoglich badischen Unterstellungspatentes und der Vorfälle, die ihn aus der Hanauer Landstraße nach diesem verzauberten Oberrad getrieben hatten.

Da machte er sich auf den Heimweg, und zwar wie jemand, der einen guten Ruf und zwar um seiner selbst willen aufrechtzuerhalten hat. Er ging als ein wenn auch sehr gelehrter und verliebter, so doch nicht unverständiger junger Mann nach Hause.

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