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Eulenpfingsten

Wilhelm Raabe: Eulenpfingsten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
booktitleGesammelte Erzählungen
publisherOtto Janke
titleEulenpfingsten
created20040615
senderanitagerber@gmx.de
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Drittes Kapitel

Daß wir diesmal, wie es sich gehört, dem Strich nach erzählen, kann niemand verlangen. Ganz und gar Ephemeron fährt die Geschichte auf dem Wasserspiegel unter den überhängenden Weiden hin und wider und kreuzt sechsmal, ehe du sechs zählst, die eben hingezuckte Bahn.

Sie – der Legationsrat und der Kommerzienrat – hatten den süßesten Frühlingstag oder Frühsommertag, und zwar nachdem sie beide, der eine mit dem guten Sohn, der andere mit der lieben Tochter, behaglich zu Mittage gespeist und friedlich ihre Siesta gehalten hatten, dazu benutzt, sich in der Tat gründlich zu überwerfen.

Seien wir nun auch gründlich und berichten wir: warum!

Wir wissen bereits durch das Töchterlein, daß der Rat Nebelung nicht rauchte, sondern nur schnupfte, und letzteres harmlose Vergnügen hatten die Götter gleich benutzt (wie nachher deutlich wurde), um darzutun, daß sie Tücke im Sinne führten. Beim Eintritt in den Garten hatte der Legationsrat dem Nachbar und Freunde die goldene Dose, ein Geschenk seines höchstseligen Landesherrn, dargeboten, und Herr Florens Nürrenberg hatte behaglich den Daumen und Zeigefinger eingetaucht und – seinen Lehrjahren bei Bolongaro in Höchst sowie seinem gesamten eigenen Geschäftsbetrieb zum Trotz – sofort nach dem Genuß dreimal genießt.

»I, was ist denn das?« fragte er denn auch einigermaßen erstaunt, und er hatte recht, zu fragen: was sonst nur ein günstiges Zeichen der Götter sein soll, bleibt einem Tabaksfabrikanten gegenüber jedenfalls zweifelhaft und erwies sich diesmal als ein finsteres, unheilvordeutendes Omen.

Nach der gewohnten Begrüßung hatten die beiden würdigen Herren in gewohnter Weise ihren Inspektionsgang durch das Gärtchen angetreten, und der Kommerzienrat hatte mit der Pfeifenspitze wie der Hand selbst auf die kleineren Einzelheiten der in der Nacht vorgefallenen Veränderungen in der Vegetation aufmerksam gemacht. Der Legationsrat hatte als ein teilnehmender Dilettant über alles seine Meinung freundschaftlich abgegeben, und nach einem Einblick in das Kakteendepartement hatten die beiden Nachbarn ihre festbestimmten Plätze in der Laube eingenommen. Es gab gar nichts Behaglicheres als ihre Stimmung in diesen Augenblicken.

Von drüben herüber jubelte Käthchens Stimme und Piano in den blauen Maienhimmel hinein; und der Professor der Ästhetik, Herr Elard Nürrenberg, am offenen Fenster seines auf den Garten sehenden Schüler- und Junggesellen-Stübchens liegend, hatte nimmer in seinen Ferien himmelblauere Minuten genossen. Auf seinem Tische hinter ihm lag in des Frankfurter Poeten Wolfgang Goethes Liederbuche Alexis und Dora aufgeschlagen, und nach vorn hinaus durch das Weinlaub vor seinem Fenster blinzelte der Professor durch das halbgeschlossene Auge und sagte: »Es ist zu herzig!«

Das war es, und die Tante Lina wurde noch obendrein erwartet, und auch Herr Florens und der junge Doktor freuten sich auf die Tante. Die beiden Räte in der grünen Laube waren eben bei der Tante angelangt und bei den Blumen, die der Kommerzienrat geschickt hatte, und bei dem Monstre-Papierbogen mit dem Worte Willkommen, den der Legationsrat über die Tür genagelt hatte. Kein Wölkchen am Himmel, und morgen – Pfingsten! – morgen, Pfingsten, das Fest der Freude! – – Ja, Eulenpfingsten! – – – – Hätte Satan, der Fürst der Finsternis, ein Herz gehabt, er würde es trotz aller seiner Bosheit nicht darüber gebracht haben, jetzt seine Krallen durch den Jasmin zu strecken, die beiden guten Papas bei dem ergrauten Haarwuchs zu fassen und sie mit den Stirnen gegeneinander zu stoßen.

Die Hölle hat kein Herz! Das ist es ja eben, was wir ihren Fehler nennen, was sie selber aber schnöderweise ihren Vorzug zu nennen beliebt. Und wenn wir eben dem Teufel seine alte Bezeichnung wiedergegeben haben, wenn wir ihn den Fürsten der Finsternis nannten, so widerrufen wir das Wort feierlichst. Es ist nicht wahr, daß die Nacht, die Finsternis, vorzugsweise das Reich des Bösen ist; im Gegenteil, es macht ihm gerade ein Hauptvergnügen, den schönen, hellen, lichten, sonnigen Tag zu seinen schlimmen Werken zu benutzen. Wenn die Sonne scheint, wenn die knospende Rose unter ihrem Strahl den Schoß zu öffnen willens ist, wenn die Lerche über dir singt, wenn du die Flasche Asmannshäuser der Kühlung wegen im dunkelsten Schatten des Buchengebüsches verbirgst, – wenn du, holde Braut, den Schein des prächtigsten aller Fixsterne in dem seligen Tropfen, der sich an der Wimper des Geliebten sammelt (die Tante Nebelung würde sich freilich anders ausdrücken), sich widerspiegeln sieht: dann – dann gerade ist die richtige Zeit für old iniquity: dann ist die Zeit, wo der seltene gewitzigte Mensch der Schönheit und Lieblichkeit der Welt um ihn her am wenigsten traut.

»Ich traue dem Dinge nicht so recht«, sagt der gewitzigte Mensch, und diese Redensart, die er wahrlich nicht aus sich selber hat, stammt nicht aus der dunklen Nacht, sondern von dem hellen Tag her. Der alte Feind weiß es nur allzu gut, wann er sich am nachdrücklichsten ein Vergnügen mit den Erdbewohnern machen und seine Späße am boshaftesten in Szene setzen kann.

Was war es denn gewesen, was den beiden guten alten Herren die Laune in dieser gemütlichen Stunde verdorben hatte?

Nichts! Ein Nichts! Ein Garnichts! Der Schatten eines Gespenstes – Seine höchstselige Hoheit Alexius der Dreizehnte. Aber wenn derselbe sich als der dreizehnte Gast höchsttrübseligst an einer festlich geschmückten Hochzeitstafel niedergelassen haben würde, so hätte sein Erscheinen da keine verstimmendere Wirkung haben können als hier in der Jasminlaube, wo man zu drei sich befand.

Er war in die Laube eingetreten, und zwar in his nightgowne, d.h. nicht in der Uniform seines Leibbataillons, sondern im schwarzen Frack, den Zylinderhut in der Hand und den Großkordon seines Hausordens samt dem Stern über der Brust: der Kommerzienrat Nürrenberg aber hatte unter dem Einblasen des bösen Genius der Stunde, und wahrscheinlich ohne es selber zu wissen, einen schlechten Witz über ihn gemacht, und die Hölle hatte gelacht über diesen Witz. So war es! Das war es gewesen; und wir sind fest überzeugt, daß dem gutmütigen verstorbenen Fürsten die Sache selber sehr leid getan haben würde, wenn er in der Gruft seiner Ahnen eine Ahnung davon gehabt hätte.

Eine von Feldwachtdienstübung heimkehrende und durch die Hanauer Landstraße dem Allerheiligentor zu marschierende Abteilung preußischen Fußvolks hatte Anlaß gegeben, daß sich die Unterhaltung der beiden Nachbarn in rem militarem wendete. Die Querpfeifen und Trommeln der blauen Füsiliere hatten mit kriegerischem Schall den Beginn des Krakehls begleitet.

Von den Pickelhauben war man auf die Soldateska der guten alten Zeit mit dem Zopf und den Klebelocken geraten; vom Jahre 1858 und der Schlacht bei Bronzell auf das Jahr 1757 und die Schlacht bei Roßbach; von der freien Stadt Frankfurt auf die olim freie Stadt Rottweil, und von dem Senat und Volk von Rottweil auf seine Hoheit den Fürsten Alex den Dreizehnten. Daß aber der Legationsrat Herr Alex von Nebelung es im Grunde gewesen war, der den abgeschiedenen Souverän heraufbeschwor, machte ihn nachher um so jähzorniger und grimmiger.

Vom Abt zu Gengenbach, der den Leutnant zum zweiten schwäbischen Kreisregiment zu stellen hatte, und der Äbtissin von Rottmünster, die den Fähnrich lieferte, war es natürlich nur ein Schritt zur freien Stadt Rottweil, die den Oberleutnant anschaffte, gewesen. Der Legationsrat aber hatte einen guten Witz zu machen geglaubt, als er mit seinem diplomatisch feinsten Lächeln den Freund Kommerzienrat in der Person jenes Oberleutnants für alles verantwortlich machte, was dem niedergehenden heiligen römischen Reiche bis zum Jahre 1803 Komisches und Tragisches begegnet war. Himmlische Pfingsten! Die augenblicklich Station Bonames passierende Tante Lina konnte keine Ahnung davon haben, was für ein Empfangsvergnügen ihr der Abt von Gengenbach, die Äbtissin von Rottmünster, die Stadt Rottweil und der Fürst Alexius der Dreizehnte in der Hanauer Landstraße zusammenquirlten!

Nach dem guten Witz des Legationsrates war der schlechte des Kommerzienrates wie der Schwefelgestank nach dem Verpuffen des Schwärmers gekommen, und Fräulein Käthchen Nebelung hatte auch, wie wir wissen, keine Ahnung von dem, was unter dem Jasmin vorging, obgleich sie eine Sammlung der schönsten deutschen Volkslieder auf ihrem Nähtischchen liegen hatte und vor ihrem Piano sang:

»Was soll ich dir klagen,
Herztausender Schatz?
Wir beide müssen scheiden
und finden keinen Platz.

Aber:

»Alle Teufel, was haben denn die beiden Alten?« fragte jetzt mit einem Male der Professor der Ästhetik, in seinem weiland Schülerstübchen über Alexis und Dora aufhorchend.

»Geh, hol meinen Mantel,
Geh, hol meinen Stock,
Jetzt muß ich von dannen,
Muß nehmen b’hüt Gott,«

sang Käthchen; doch wenn der Vers auch paßte, so war die süße Stimme doch zu fern, den ausgebrochenen Hader zu übertönen; sie begleitete nur leise, leise die kurz und kreischend hervorgestoßenen Meinungsäußerungen ihres Papas, sowie das dumpfer gehaltene Dreinreden des Nachbars Nürrenberg.

Näher rief es: Alexis! Das heißt, der Professor Elard klappte sein Buch aufgeschlagen mit dem Druck auf den Tisch und rief aufspringend und zum Fenster eilend:

»Bei der Erinnyen Fackel, dem Bellen der höllischen Hunde, – wahrhaftig, sie zanken sich im Ernst!«

Das Weinlaub vor seinem Fenster und das Gezweig der Laube verbarg ihm die beiden Streithähne; aber er vernahm sie freilich deutlich genug, und – eine Zigarre anzündend, zitierte er:

»Halte die Blitze zurück!
Sende die schwankenden Wolken mir nach! Im nächtlichen Dunkel
Treffe dein leuchtender Blitz diesen unglücklichen Mast!«

Dann stieg er die Treppe hinunter in den Garten, Drüben beendete Käthchen Nebelung ihr Volkslied:

»Mein allerfeinst Liebchen,
Nimm mich in deinen Schutz!
Jetzt woll’n wir erst lieben,
Den Leuten zum Trutz!

Den Leuten zum Possen,
Den Leuten zum Trutz:
Ich will meinen Schatz lieben,
Wenn mich’s gleich nichts nutzt.«

Sie zankten sich wahrlich im vollen, im bittersten Ernste! Der entsetzte Elard fand die beiden Freunde in heller Wut gegeneinander aufgerichtet wie Alt-Limburg und Haus Frauenstein im Kampfe um das Recht der Verwaltung und den Stadtsäckel von Frankfurt am Main. Mit den entbrannten oder erbleichten Nasenspitzen aufeinander einbohrend, standen sie sich gegenüber am grünen Tisch und funkelten sich an mit dem uralten Giftlächeln, für welches Haus Zollern und Haus Habsburg am grünen Tisch in der Eschenheimer Gasse damals noch ebenfalls ihre Leute hatten.

»Aber lieber Vater – aber Herr Rat – bester Herr Nachbar?!« stammelte der junge Professor. »Um Gottes willen, was hat es denn gegeben? Um was handelt es sich hier?«

»Er hat meinen hochseligen Herrn einen Hering genannt!« keuchte der Legationsrat.

»Er hat das kaiserliche Hofgericht und die Stadt deiner Väter, Elard, die freie Stadt Rottweil am Neckar einen Eselstall betituliert!« rief der Kommerzienrat, um einen Grad ruhiger als sein Gegner.

»All ihr unsterblichen Götter!« ächzte Elard.

»Ja, und ich verachte ihn mit seinen Insipiditäten, ich werfe ihn zu dem Abgetanen mit seinen abgestandenen bonmots!« schrie der Legationsrat.

»Ja und ich,« grollte der Kommerzienrat, »ich – da er es denn nicht anders haben will – ich finde ihn selber lächerlich, ich finde ihn lächerlich abgeschmackt! Dummes Zeug: Ahnengruft – Orden Herings des Großen – Alexius! Da kam schon, als ich ein Bub in meines Vaters Hause war, ein ruinierter Magister aus Tuttlingen häufig zu uns, und der schon wußte es, daß sich der Pastor Corydon einen schönen Hering briet. Ist es etwa nicht so, Elard?«

Der Heidelberger Professor der Philologie und Ästhetik hob die Hände über den Kopf, doch er schlug sie auch in heller Verzweiflung über den entsetzlichen, vorsintflutlichen, den jämmerlichsten aller gelehrten Kalauer zusammen, als sein Erzeuger fortfuhr:

»Und das sind mir alles faule Heringe. Alexis, – heißt etwa nicht der Hering auf griechisch oder lateinisch Alexis; ich bitte dich, du mußt es doch wissen, Elard?«

»Mein Name und der Name meines durchlauchtigsten Herrn ist Alexis und auf deutsch: der Heilbringer, der Helfer«, sprach der Legationsrat von Nebelung, sich plötzlich den Bundespräsidialgesandten in seinem größesten Momente zum Muster nehmend; doch die erkünstelte Ruhe hielt nicht über das Wort hinaus. »Gut also!« kreischte er, aufs neue explodierend, und stürzte aus der Laube und dem Garten, seiner eigenen Wohnung zu, und war verschwunden, ehe Elard sich fassen und ihn am Rockschoß begütigend zurückhalten konnte.

Der Kommerzienrat Florens Nürrenberg setzte sich auf einen seiner Gartenstühle, legte die Hände auf die Knie und sagte gebrochen:

»Ich will selber auf der Stelle zu einem sauern Hering werden, wenn ich sagen kann, was eben hier vorgegangen ist! Elard, ich bitte dich –«

»Jawohl,« rief der gute Sohn ärgerlich und angsthaft zu gleicher Zeit, »du hast jetzt gut bitten. O Papa, Papa, kann man euch denn keinen Augenblick allein lassen?«

Da schlug der biedere, ermattete Tabaksfabrikant und Patrizius von Rottweil mit der flachen Hand auf seinen Gartentisch und ächzte:

»Mein Junge, mein brav’ Büble, ich gebe mein Ehrenwort darauf: ich habe nicht angefangen. Zum Henker, es konnte eigentlich keiner was dafür. Da war der Abt von Gengenbach und die Äbtissin von Rottmünster –«

»Der leidige Satan hole euch verruchte zwei alte Zinshähne, die Äbtissin, den Abt von Gengenbach, den Herzog Alexius und die Stadt Rottweil obendrein!« schrie Elard wütend. »Das wird nun ein Pfingsten werden!« schloß er hier schluchzend und führte sich damit alle Folgen der gegenwärtigen Vorgänge eindringlichst zu Gemüte.

Drüben hatte Käthchen Nebelung das süße Lied: »Soviel Stern’ am Himmel« begonnen, brach aber mitten im Satz ab; der ins Zimmer hereinfallende Papa in seinem Wutsturm würde aber auch den taktfestesten Heldensänger aus dem musikalischen Sattel gehoben haben; – sein melodisches Töchterlein saß sofort stumm und erbleichte.

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