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Eulenpfingsten

Wilhelm Raabe: Eulenpfingsten - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
booktitleGesammelte Erzählungen
publisherOtto Janke
titleEulenpfingsten
created20040615
senderanitagerber@gmx.de
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Zweites Kapitel

»Das ist mir eine schöne Geschichte!« rief die Tante Nebelung. »Man kann ein Jahrhundert von der Heimat abwesend sein, und man findet sich nach der Rückkehr sofort wieder in dem alten Spuk. Ich hätte es mir gleich denken können. Na, ein Gutes hat es doch: da behält man eben seinen mühsam errungenen Gleichmut und verschiebt seine Rührung auf eine unbestimmte passendere Gelegenheit. Go ahead, also sie haben sich in den Haaren gelegen?«

»O ganz grimmig! Ganz schrecklich müssen sie sich gezankt haben! Elard – ich meine der Herr Professor Nürrenberg, kam atemlos, und dann war ich so ärgerlich – deinetwegen, beste Tante; und da sagte ich ihm meine Meinung über seinen Papa; und dann stürzte er wieder fort, meinem Papa nach, und die Droschke kam, und ich mußte außer mir einsteigen und hierher fahren. Und hier bin ich, und was für eine Angst ich ausgestanden habe, dich nicht zu erkennen und dich zu verfehlen, Tante Lina, das kann ich gar nicht mit Worten ausdrücken. Was wirst du von uns denken? und wir hatten doch alles getan, um deinen Empfang so festlich als möglich zu machen!«

»Hm,« sagte die Tante, »beruhige dich, mein Kind; ich kenne meine Familie, und solange ich denken kann, sind unsere Familienfeste immer in dieser Art ausgefallen. Guten Willen haben wir stets gehab, leider genügt derselbe nur nicht, um sich das Leben angenehm zu machen in dieser schlechten Welt, und so bin ich denn nicht ohne meine Gründe in die Fremde und nach Amerika gegangen. Und jetzt komm, mein Kind; jetzt wollen wir nach Hause fahren und uns eure Vorbereitungen in der Nähe ansehen.«

Damit bestiegen beide Damen das Fuhrwerk, das sie nach der Hanauer Landstraße führen sollte, und sie fuhren ab vom Main-Weser-Bahnhof durch das Gallustor, den Fluß entlang und dann über die Promenade nordwärts zum Allerheiligentor; aber am Metzgertor rief Käthchen:

»O Gott, da rennt ja der Papa! Lieber Himmel, er rennt – er rennt nach Sachsenhausen hinüber!«

»Wo?« fragte die Tante, sich aus dem Fenster biegend.

»Dort – dort über die Brücke! Halt, Kutscher – o Tante, laß uns halten, wir holen ihn noch ein und nehmen ihn wieder mit uns um!«

»Nein!« sprach die Tante Lina Nebelung mit Nachdruck. »Da er es einmal so gewollt hat, so nehmen wir ihn nicht mit uns, sondern lassen ihn laufen. Es liegt so in unserer Familie; fahr zu, Kutscher; – er wird wohl seinerzeit von selber umkehren. O Kathy, du kennst unsere Familie doch noch nicht so lange als ich.«

Sie saß bei diesen Worten sehr aufrecht, während das Käthchen nunmehr in vollständiger Verzweiflung sich zurückwarf und das Gesicht mit dem Taschentuch bedeckte. Letzteres ahmte die Tante auf der schönen Aussicht mit beiden Händen memnonsbildartig nach und ließ erst am Obermaintor die Decke wieder sinken. Da kam dann ein verzwickt-komisch Gesicht zum Vorschein, und Fräulein Karoline Nebelung sprach:

»Du, jetzt guck nur auch vergnügt auf. Will der Alex Eulenpfingsten feiern, so tanzen wir beide doch um die Maje. Also von eurem Herrn Nachbar brachte mein guter Bruder diese liebliche Stimmung mit herüber?«

»Ja wohl! Sie pflegen immer an solchen schönen Tagen wie dieser im Garten des Herrn Kommerzienrats in der Laube eine Pfeife zum Kaffee zu rauchen, d.h. der Papa schnupft nur; und seit ich mich besinnen kann, ist das so gewesen! Da sagt der Papa: ‚Ich gehe noch ein Stündchen hinüber, aber zur rechten Zeit bin ich wieder da, und dann holen wir das Tantchen; nimm dich nur zusammen, Käthchen, daß wir es ihr recht behaglich bei uns machen, es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit!’ – Nun hatte der Nachbar Nürrenberg schon am Morgen ganze Körbe voll Blumen geschickt; alle Vasen sind gefüllt, und es ist ganz ein Garten bei uns. Ich hatte mir eben die letzten Schleifen zurecht gezogen und saß vor dem Klavier, um mein Herzklopfen zu verklimpern – da geschah das Schreckliche. Plötzlich stürzt der Papa in die Tür wie ein Untier, schlägt sich vor die Stirn, trampelt mit den Füßen und lacht dazwischen wie ein Bösewicht auf dem Theater. Ich sitze bleich und erstarrt und wage es nicht, ihn anzureden, und als ich ihn doch anrede, schreit er: ‚Alles hat ein Ende, selbst meine Geduld; – o dies sich sagen, sich bieten lassen zu müssen, – von solch einem Schneebergerschnupftabaksgroßhändler; – sieh aus dem Fenster, Käthchen, – siehst du was?’ – Ich war zitternd aufgesprungen und sah aus dem Fenster. ‚Siehst du was?’ ruft der Papa außer sich. – ‚Nein, o nein; was soll ich denn sehen?’ stottere ich. ‚Einen Abgrund, – den Abgrund, der sich da aufgetan hat; es ist zu Ende mit der Freundschaft, der Bekanntschaft, – für ewige Zeiten zu Ende!’ – Einen Abgrund sah ich nicht in der Hanauer Landstraße, aber jetzt stand Elard – der Herr Professor Nürrenberg, in der Gittertür und sah auch verstört nach unserem Balkon hinüber, und als er mich erblickte, erhob er die Schultern und Arme und ließ dann die ausgebreiteten Hände sinken. Er sieht sonst so geistreich aus, und nun wurde seines Aussehens wegen mein Schrecken noch um vieles größer, und ich faßte den Papa am Arm und rief: ‚Papa, o Papa, was ist vorgefallen?’ – ‚Nichts!’ schnarrt der – ‚Alles!’ fügt er hinzu als einzige Erläuterung. Und da springt er herum und schreit: ‚Luft! Luft! – die Pfingstweide!’ und er schien das heftigste Fieber zu haben. Er fand seinen Hut und seinen Stock und wollte aus der Tür; ich aber faßte ihn jetzt weinend fester und hielt ihn und schluchzte: ‚Aber, Papa, wir müssen ja nach der Eisenbahn, – du willst doch jetzt nicht nach der Pfingstweide?! Sieh mich nicht so an, liebster, bester Papa; sage mir ruhig, was geschehen ist!’ – Da sah er mich aber doch so an, aber gottlob! kannte er mich wenigstens noch, und da murmelte er: ‚Ja richtig, die Tante … auch das noch! In einer Stunde und zwanzig Minuten wird sie nach zwanzigjähriger Abwesenheit anlangen, – nein, es geht nicht, es ist nicht möglich, ich muß mir Fassung, Ruhe laufen! Kind, fahre voraus nach dem Bahnhof, ich komme dir nach!’ – Damit war er aus der Tür, und ich hörte ihn die Treppe hinabstürzen, o Gott, und unser Hausarzt wohnt in der Großen Bockenheimer Gasse! – Tante, Tante, du hast eben selber gesehen, wie er uns nachgekommen ist; – über die Brücke ist er, nach Sachsenhausen ist er hinüber, und hier fahren wir am Recheneygraben! Wir hatten uns so sehr auf dich gefreut; aber gewiß, gewiß hat er ein Gehirnfieber, und der Nachbar, der Herr Kommerzienrat, ist schuld daran; – ich habe das Elard auch scharf genug gesagt, als der nun auch noch kam und mir seine Unschuld dartun wollte. O ich habe ihn nicht zum Worte kommen lassen. So voll Angst und Zorn und Verzweiflung bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen, und wie ich zu der Überlegung kam, daß ich die beiden Photographien mit nach dem Bahnhof nahm, das weiß ich nicht, das war ein Erbarmen des Himmels, und der hat sie mir in die Hand gedrückt und mitgegeben.«

In Norddeutschland hat man für ein derartiges Erzählen oder Berichten das wenn nicht hübsche, so doch ziemlich bezeichnende Klangwort rawweln; und heiter ließ die Tante Lina das Käthchen sich ausrawweln. Daß die Frankfurter Droschke nicht auf Gummirädern lief, war sicher; aber es war nicht einzig das Stoßen des Wagens, welches den Oberkörper der Tante so häufig in eine zuckende Bewegung brachte; beim Umbiegen in die Hanauer Straße jedoch setzte sie sich plötzlich fest hin und erkundigte sich erschreckend jach, wer denn dieser oft genannte Herr Elard eigentlich sei. Und Käthchen Nebelung, ihrerseits plötzlich angestrengt aus dem Wagenfenster sehend, gab die erwünschte Auskunft, wenngleich in etwas unbestimmter und stockender Weise:

»O, nur der Sohn des Herrn Kommerzienrates, der Herr Professor Nürrenberg. Weißt du, sonst auch ein guter Freund meines Papa. Er wohnt uns auch gegenüber, das heißt, jetzt wohnt er in Heidelberg und hält Vorlesungen, und wir kennen uns ganz gut seit langen, langen Jahren.«

»So?! … Nur – und: seit langen, langen Jahren«, sagte die Tante lächelnd, und dann hielt die Droschke.

»Hier wohnen wir denn, und dort drüben wohnt der Herr Kommerzienrat«, seufzte Käthchen. »O lieber Himmel, wie ist mir diese schöne Stunde verdorben worden.«

»Recht nett«, sagte die Tante, und es war zweifelhaft, ob sich das Wort auf den ersten Satz der Nichte – die Benachrichtigung, oder auf den zweiten – den Stoßseufzer bezog. Sie stieg elastisch aus, und ihr Handgepäck wurde ins Haus geschafft (das übrige kam nach). Auf der Schwelle blickte die Deutsch-Amerikanerin noch einmal durch die Lorgnette nach dem gegenüberliegenden feindlichen Lager, und dann küßte sie die Nichte und sprach tröstend:

»Nun trockne dir die Tränen ab, Kind; ich heule auch nicht.«

»Ja, du auch! Du kannst wohl lachen!«

»Das ist richtig,« sagte die Tante, »als ich so jung war wie du, wurde ich mir auch häufig genug selber interessanter durch die hydrodynamischen Erscheinungen meiner Natur; aber jetzt bin ich Lehrerin der Physik und der Physiologie am Vassor College im Staate Neuyork gewesen und habe mir manchen Wind zu Wasser und zu Lande um die Nase wehen lassen. Was ist die Träne? Eine serös-schleimige Feuchtigkeit, wenig spezifisch schwerer als Wasser, und enthält viel Soda in reinem kochsalzsaurem, kohlensaurem und phosphorsaurem Zustande.«

»Gütiger Gott, Tantchen?!« stammelte Käthchen Nebelung, den Mund zierlich offen behaltend; doch ruhig schloß Fräulein Karoline Nebelung:

»Kurz, ich kenne die Welt, habe das Meinige drin erlebt und kenne deinen Papa, meinen lieben Bruder, gleichfalls. Sonst aber ist es mir seit meiner Abreise vom Vaterhause dann und wann gegeben worden, hier und da Ordnung zu stiften, und ich werde auch hier Ordnung zu stiften wissen. Laß ihn nur nach Hause kommen!«.

Sie stiegen nunmehr in die kühle, angenehme Wohnung des Herrn Rates hinauf, und sofort trat Tante Lina, auf deren Stirn jetzt das Abendrot wirklich in sehr ernstem Sinne glühte, auf den Balkon, warf einen prüfenden Blick nach rechts und links in die Hanauer Landstraße und auf das zierliche Haus hinter dem niedrigen eisernen Gitter gegenüber. Es interessierte sie doch sehr.

Über das Gitter wuchs und hing dichtes maigrünes Gebüsch, und hinter dem Busch stand der Nachbar Nürrenberg im langen grünen Schlafrock und hatte die erloschene Pfeife an den Strauch gelehnt. Gespannt vigilierte er seit dem Vorfahren der Droschke auf die Fenster des Nachbars Nebelung. Jetzo erblickte er die Tante auf dem Balkon und sah, wie sie sich graziös über die Balustrade beugte.

»Da ist sie also!« murmelte er, und hastig tief in die Tasche seines Schlafrocks greifend, riß er ein Opernglas hervor und starrte auch da hindurch.

»Hm,« sagte er, »eine gediegene, eine würdige Persönlichkeit. Gut gearbeitetes Deckblatt. Ei, ei, hm, hm, es ist mir doch unangenehm, daß diese Meinungsverschiedenheit gerade heute zutage treten mußte. Und was konnte ich dafür? Nun, zum Teufel, hätte der leidige Satan nicht bereits die ganze Dynastie geholt, so würde ich sie ihm in diesem Moment zu schleuniger Berücksichtigung anempfehlen.«

In eben diesem Moment wendete sich die Tante Nebelung und trat durch die Balkontür in den Salon zurück.

»Hm!« wiederholte Herr Florens Nürrenberg hinter seinem Operngucker. Die Tante gefiel ihm auch von der Rückseite, und sie machte also in jeder Hinsicht einen sehr vorteilhaften Eindruck auf ihn.

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