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Eulenpfingsten

Wilhelm Raabe: Eulenpfingsten - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
booktitleGesammelte Erzählungen
publisherOtto Janke
titleEulenpfingsten
created20040615
senderanitagerber@gmx.de
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Zwölftes Kapitel

Der Patrizius von Rottweil, Tabaksfabrikant von Höchst und großherzoglich hessische Kommerzienrat Florens Nürrenberg und die Tante Lina hatten in einer Weise Freundschaft geschlossen, die etwas Überraschendes hatte. Der Nachbar war gekommen, gesehen worden und hatte gesiegt. Die Tante mit seinem Strauß in der Hand war aus dem höchsten zeremoniellen Anstande einer schier dreißigjährigen Gouvernanten- und Gesellschaftsdamenexistenz fünf Minuten nach dem Eintritt des Kommerzienrats in den allergemütlichsten Plauderton bester Bekanntschaft gefallen, und jetzt saßen sie seit Stunden behaglich beim Tee, und Käthchen Nebelung saß ihnen gegenüber und ängstete sich nicht mehr über die heikle Frage, wie wohl die Tante Lina ausfallen möge?

Fünf Minuten nach seinem Eintritt in den Salon hatte die Tante den behaglichen, lächelnden ältlichen Herrn mit der Devise: Gott, Ehre, Vaterland und der Rosenknospe im Knopfloch auf der Brust für einen Mann nach ihrem weltbürgerlichen Herzen in der Stille ihres Busens erklärt, und augenblicklich sagte sie es ihm laut.

»Sie sind der Mann, den ich in Deutschland zu finden hoffte«, sagte sie lachend. »Nach Jahren hab’ ich Heimweh gehabt! Ohne Schmeichelei, – ich versichere Sie, von Ihnen hab’ ich häufig geträumt in Amerika. Lachen Sie nur nicht, Herr Nachbar; parole d’honneur, Sie gefallen mir ausnehmend wohl.«

Der Extabaksfabrikant lachte nicht; der ließ die Welt nichts von seinem Behagen sehen; dieses luftdicht verschlossene Gefäß komprimiertesten Lebensvergnügens erwiderte nur:

»Ja, ja, Tante Lina, wir beide sind eben zwei solcher Oasen in der Wüste. Rund um uns her heult der Schakal, winselt die Hyäne, yhant der wilde Esel und rollt der Skarabäus seine heilige Kugel mit seiner Nachkommenschaft durch den Sand (Notabene, das alles weiß ich von meinem Sohn, den ich also hiemit exemplarisch und poetisch verwerte und empfehle, Fräulein Käthchen), aber in uns wachsen und blühen die Palmbäume und springt der Quell. Notabene, Käthchen, der Schlingel hat mich auf seinen Reisen nach Italien, Griechenland und Ägypten Geld genug gekostet – ich sage Ihnen, ein Heidengeld, Käthchen –«

»O, Herr Kommerzienrat!« hauchte Fräulein Käthchen Nebelung.

»Jawohl, Kind: Herr Kommerzienrat! Wenn der Bub’ einmal Wirklicher Geheimer Rat wird, so hat er das nur meinem Titel und der soliden Grundlage, aus welcher derselbige hervorblühte, zu verdanken. Nun, wir waren ja wohl in der Wüste stehen geblieben? Also, Tante, die Palmen wachsen in uns, und die Quellen rauschen in uns, da kommen die Kamele, aus uns zu trinken, und die Affen klettern in unsern Zweigen herum, und die Beduinen –«

»Verwickeln Sie sich nicht in Ihren Gleichnissen, Nachbar!« rief die Tante. »Wir sind nur die Oasen, und die Palmen mit ihren Zweigen wachsen nur in uns. Was die Affen anbetrifft, so müssen die doch in den Zweigen der Palmen klettern.«

»So ist es! Mein Sohn hält sich ebenfalls darüber auf und verbessert mir stets das, was er meine Parabeln und Allegorien nennt, aber das ist mir ganz einerlei. Annähernd begreift mich meine Umgebung dann und wann; und ich selber verstehe mich immer recht gut, und das ist die Hauptsache. Aber bleiben wir in der Wüste, das heißt bleiben wir bei den Oasen, bleiben wir Oasen! Ich versichere Sie, Tante, so rund umgeben von Sand und Samums wie vor einer Stunde hab’ ich mich selten in meinem Leben gefühlt. Der Legationsrat hatte mich wie ein Tiger, wie der reine Wüstenkönig angeheult; mein eigen Fleisch und Blut, mein Elard, hat mir den Rücken zugewendet und hatte sich im Sturmschritt hierher verfügt. Vivat Alexius der Dreizehnte. Vivat mein bester Freund und Nachbar Alexius Nebelung! Stellen Sie es sich nur genau vor, wie alles in diesem Moment sein würde, wenn die ganze Geschichte der Regel nach verlaufen wäre. Wenn der Rat Sie mit Rührung vom Bahnhofe abgeholt hätte und ich sedate und gut bürgerlich-nachbarlich erschienen wäre, um zu gratulieren. Malen Sie sich das Gegähne, das jetzo von Mund zu Mund gehen würde! Na, ich habe mich manch liebes Mal in meinem Dasein mit allerlei Leuten überworfen, aber so zu gelegener Zeit wie heute noch nie!«

»Fahren Sie ja fort, Herr Nachbar!« rief die Tante, mit fröhlicher Miene sich über den Tisch ihm zuneigend. »Ich komme von Neuyork und Bremen und wiederhole es: Nur Ihnen hat meine Sehnsucht gegolten! Ich habe an meinen Bruder mit schwesterlichem Verlangen gedacht, aber das Ideal eines deutschen gemütlichen Nachbars, der nicht zu weit abwohnt, stand mir doch stets dicht daneben vor der Seele. Go on – sprechen Sie munter weiter, Sir.«

»Mit Vergnügen, mein verehrtes Fräulein«, rief der alte Rottweiler. »O lassen Sie uns nur erst zu einem treuvertraulichen Whist oder L’hombre kommen; lassen Sie nur erst den Schnee drei Fuß hoch in der Hanauer Landstraße liegen und die Eiszapfen drei Ellen lang am Dache hängen, da werden Sie aufgucken, da werden Sie Ihren Mann an mir finden.«

Das kleine Käthchen Nebelung hatte allmählich ganz ängstlich von der Tante auf den Nachbar und von dem Nachbar auf die Tante gesehen; nun aber sollte aus der verlegenen Verwunderung der jäheste Schrecken wie der Kobold aus der Vexierdose hervorspringen.

Ganz wie beiläufig, ganz harmlos über die Schulter richtete der Nachbar das Wort an sie und fragte – – ja, was fragte er?

»Und nun, ehe der Rat heim und uns dazwischen kommt, und ehe ich es vergesse, Käthchen; – wie weit seid ihr denn zusammen? Willst du meinen Ästhetikus, meinen Buben, meinen Professor? Oder hast du ihm heute nachmittag kurzab einen Korb gegeben?«

Das war die Frage! Und es war in der Tat eine Frage, die sich hören lassen konnte.

Fräulein Katharina Nebelung fuhr zusammen wie ihr Vater, wenn der österreichische Gesandte in der Eschenheimer Gasse das Wort ergriff. Purpurfarben, jungfräulich-wehrlos rückte sie ihren Stuhl so dicht als möglich an den der Tante heran, und die Tante tat auch einen Ruck und setzte sich gerader, als sie sonst zu sitzen pflegte, und murmelte:

»Aber Herr Kommerzienrat?!«

Aber der Herr Kommerzienrat Florens Nürrenberg kicherte vergnüglicher denn je und rief, indem er die Hand auf den Busen und das offizielle Zeichen seines Verdienstes um Hessen-Darmstadt legte:

»Tante Lina, wenn Sie die letzten Frühlinge und Sommer durch da drüben in der Jasminlaube die Oberpostamtszeitung gelesen und von Zeit zu Zeit darüber weggesehen hätten, so würden Sie mich sicher nicht ganz so undelikat finden, wie ich aus Ihrem Ausruf a conto trage. Weißt du, Käthchen, mein Herz, wenn du heute nachmittag deinen Sinn, etwa Seiner hochseligen Hoheit dem Fürsten Alexius dem Dreizehnten zuliebe, nicht geändert hast; für meinen Elard will ich einstehen. Er will dich von ganzer Seele und von ganzem Herzen, und er gäbe nicht nur die vordem freie Stadt Rottweil, sondern auch die freie Stadt Frankfurt am Main und das sonstige Universum als Beilage für dich. Sprich dich also ruhig aus, klein Käthchen; – wir sind ganz unter uns, und der Papa ist nicht zu Hause.«

»O Gott, der Papa!« hauchte Käthchen Nebelung, das Gesicht an der Brust der amerikanischen Tante verbergend; und schwermütiger, ernster als in diesem Moment hatte die Tante, seit wir die Ehre haben, sie zu kennen, noch nicht ausgesehen. Sie legte sanft die Hand auf den Kopf des armen kleinen Mädchens und strich leise tröstend und besänftigend über die dunklen Haare. Sie dachte wohl an jene ferne Zeit, wo sie mit dem guten Fritz Hessenberg in Abwesenheit von Papa, Mama, Bruder und sonstiger näherer und fernerer Verwandtschaft vollkommen einig war.

»Fasse dich, Herzchen; wir scheinen wirklich ganz unter uns zu sein, und wenn sich das so verhält, wie der Herr Nachbar in solch einer eigentümlichen Weise andeutet –«

»O Tante, Tante, liebe Tante!«

»Es verhält sich wirklich so, Tante Lina!« rief der Kommerzienrat. »Wenn es Ihnen recht ist, lasse ich auch meine Madam Drißler als Zeugin herbeiholen. Und dann ist da der Elard selber –«

»Hört einmal, Kinder,« sprach die Tante Lina Nebelung, »ich bin in die weite Welt gegangen aus Neid über die Kaiser, Könige und Fürsten, die sich aus ihren Mitteln ihre Hoftheater halten können. Nun bin ich wieder im Lande und habe mir richtig mein eigen Theater mitgebracht und lasse Europa und Amerika darauf agieren. Nur zu, Kinder! Ehe ich mir meine eigene Komödie halten konnte, hab’ ich auch vor den Leuten getanzt. Käthchen, ich weiß Bescheid!«

»Und ich wußte das«, schmunzelte der Nachbar Nürrenberg, sich die Hände reibend. »Das Kind will, Tante Lina; also kurz und gut, wir machen jetzt die Sache richtig. Im Herbst ist Hochzeit; und ich bitte um den ersten Walzer, Tante Lina.«

»Wissen Sie, was ich denke, Nachbar?«

»Zwar weiß ich viel, doch wer kann alles wissen? Ich ersuche um freundliche Mitteilung.«

»Nun, so will ich Ihnen sagen: Sie sind ein arglistiger, ein heimtückischer, ein rachsüchtiger Mensch! Ja, leugnen Sie es nur; – rächen wollen Sie sich an meinem Bruder! Er hat Ihnen den Nachmittag verdorben, und Sie wollen nun Ihr möglichstes tun, um ihm den Abend für ewige Zeiten ins Gedächtnis zu prägen! Ist es nicht so?«

Der alte Patrizier rieb sich immer schmunzelnder die Hände, zuckte aber nur die Achseln.

»Ja, es ist so!« fuhr die Tante fort. »Da schicken Sie erst Ihre Blumensträuße, und dann kommen Sie selber im Frack, aber mit dem Stiletto in der Tasche. Und dann schleppen Sie, um allem die Krone aufzusetzen, sogar Ihren unschuldigen Herrn Sohn herbei; – o, Sie wissen Ihre Mittel zu verwenden, Herr Rat, und schonen Ihr eigen Fleisch und Blut nicht, wenn es gilt, Ihre Rachgier zu befriedigen. Hätte das Kind mir nicht bereits gestanden, daß sie sich nach Ihrem Zank mit meinem Bruder, und wohl gar infolge derselben für Zeit und Ewigkeit mit dem Professor Elard versprochen habe, so – so – well, das Weitere mag folgen, wenn mein Bruder nach Hause gekommen sein wird.«

»Hurra! Hurra! Es leben alle Leute, die einander auf der Stelle verstehen!« rief der Kommerzienrat, das Gesicht pfingstrosenhaft entfaltend. »Es lebe das Haus Nebelung und Nürrenberg! Es lebe Alexius der Dreizehnte, der selbst noch von seiner Ahnengruft aus hier in seiner fürstlichen Machtvollkommenheit so segensreich eingegriffen hat. Ohne den alten Burschen wäret ihr wahrscheinlich auch heute noch nicht euch völlig klar geworden, Käthchen?! Und Käthchen, mein Kind, jetzt bekommt der brave, der liebe Schwiegerpapa doch wohl auch den ersten Kuß von seinem Töchterchen?«

Das hatte durchaus nicht den Anschein.

Von allen ihren Gefühlen bewältigt, brach Käthchen Nebelung in ein lautes Weinen aus und warf sich von neuem an den Busen der Tante.

»O Gott, Gott, dir hab’ ich es schon gesagt – gestanden; – ja, Elard war so gut und so freundlich, und ich war so erschreckt, und alles kam so überraschend und da – da – haben wir uns wirklich miteinander verlobt, – es war wie ein Traum, ihr könnt es mir glauben, und ich weiß auch noch nicht, ob ich das Glück nicht bloß geträumt habe! – Ach, aber dann war ich so böse! Und daran waren beide Väter schuld, und mich haben sie für mein ganzes Leben elend gemacht. Der arme Elard sprach mir so gut und traurig zu; ich aber wurde immer böser – und da – während ich die Tante abholen mußte, ist er nun hinausgelaufen, und ich habe ihn nicht wieder gesehen und weiß nicht, ob er noch was von mir wissen will – ich war so unartig! – O Gott, ich wollte ja gern’ aber was fragt ihr mich um meine Meinung? Mein Glück ist für alle Zeiten verscherzt. Fragt ihn doch – fragt Elard, – o ich wollte, ich wäre tot, ich wäre mit meiner Mutter gestorben!«

»Das alles hast du mir freilich schon mitgeteilt, Käthchen, und ich habe es für ganz dummes Zeug erklärt«, sprach die amerikanische Tante jetzt in eben dem Grade gütig wie vorhin ernst und melancholisch. »Auch meiner Erwiderung wirst du dich erinnern. Wenn der junge Mann respektabel und wohlmeinend ist, und du ihn wirklich lieb hast, so will ich das Meinige dazu tun, und du sollst ihn haben, habe ich gesagt, und dasselbe wiederhole ich dir jetzt. Sitze still, denke an deine Aussteuer und laß mich noch ein Wort mit deinem guten Schwiegerpapa da reden. Den Kuß kannst du ihm nachher geben.«

Der Kommerzienrat hatte sich bei den letzten Worten soweit als möglich der Tante über den Tisch zugeneigt. Die Lampe schien ihm hell ins Gesicht, und er lachte mit dem ganzen Gesichte.

Auch die Tante Lina lachte jetzt herzlich und hell und rief:

»Eine ganz himmlische Geschichte ist es, Nachbar. An Bord der Germania, auf der Fahrt über den Atlantischen Ozean hatte ich fast vier Wochen Zeit, mir das Wiedersehen mit meinem Bruder Alex auf die verschiedenste Art und Weise auszumalen. In allen Nuancen zwischen Ernst und Heiterkeit hat mir diese Stunde vorgeschwebt; aber so, wie sie jetzt vorhanden ist, doch nicht. Und, Nachbar, Ihre Schlechtigkeit beiseite gelassen, wenn ich unter allen Arten des Wiederfindens die Wahl gehabt hätte, so würde ich diese durch Sie arrangierte gewählt haben! O, wird der Monsieur Alex ein Gesicht machen! Wahrhaftig, ich habe dann und wann daran gezweifelt, aber nun habe ich den Glauben, und niemand nimmt mir ihn wieder; es gibt gerechte Götter über uns – es gibt eine Vergeltung – es gibt ein Etwas, das selbst nach einem Menschenalter das Hausbuch auf den Tisch legt und mit den Fingern auf jedes Defizit zwischen Soll und Haben deutet. Dieser Abend macht vieles wieder gut, was mir vor dreißig Jahren zuleid getan wurde –«

Sie hätte wohl noch länger gesprochen, wenn es dem Käthchen möglich gewesen wäre, an ihre Aussteuer zu denken und ruhig den Stoff und Schnitt ihres Hochzeitskleides in Erwägung zu ziehen. Es war ihr aber doch nicht möglich, denn sie war nicht zwanzig Jahre lang Erzieherin in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gewesen, und ihr spielte noch nicht die ganze Welt Komödie, sondern sie selber spielte noch sehr befangen in der Komödie der ganzen Welt mit, und sie hatte Talent zur Liebhaberin.

Es brach los. Sie mußte sprechen, und alles mußte heraus! Gleich einem Bach, der vom Berg herunter kommt, wenn ein Gewitter gewesen ist, war das. Das Gewitter war aber gewesen da oben im Gebirge, und der Strom sprang in die Sonne nach dem Sturm hinein. Das plätscherte und rauschte und rieselte, und alles, was drum her wuchs an Busch und Baum, hatte seine Blüten, Käfer und Raupen, sein trockenes Gezweig und seine grünen, vom großen Wind abgestreiften Blätter hineingeschüttelt. Und diesmal, im höchsten Affekt, war alles, was Käthchen Nebelung sagte, echt gewachsen und nicht künstlich angefertigt. Der Papa und Legationsrat außer Dienst glitt wie ein alter, etwas eigensinniger, aber sonst höchst wohltätiger und nur von der Welt verkannter Zauberer auf dem Strom der Rede daher. Die selige Mama stieg aus dem Bilde über dem Diwan und schwamm mit. Wie aber der Professor der Ästhetik Elardus Nürrenberg von den Wellen geschaukelt wurde, hätte schwachmütigere Charaktere als – die Tante Lina und den Kommerzienrat Florens Nürrenberg sicherlich seekrank gemacht.

Und zuletzt, tränenüberströmt – lachend und weinend, jauchzend und in heilloser Angst vor dem Papa warf die erregte Rednerin ihre Tasse und den Teetopf um, und sich schluchzend an den Hals des Extabaksfabrikanten und Vaters ihres einzig Geliebten – ihres Elards – ihres einzigen Elards, der eben gerade ihren eigenen Vater hinter der Judenmauer her in die Allerheiligengasse schleifte und ihn, rechts um die Ecke, dem Allerheiligentor zuschleppte, und zwar in zugreifendster Weise dabei unterstützt vom göttlichen Gerber Friedrikos, wie Homeros sagen würde, – vom braven Fritze Hessenberg, wie wir sagen.

Den Griffel eines Homers aber hätten wir jetzt nötig, um das Gebaren des Rottweiler Patriziers unter dem ersten Kuß seines Quasi-Schwiegertöchterchens zu schildern. Wir haben ihn nicht, und deshalb teilen wir einfach mit, daß er es ebenfalls zu zwei dicken Tränen brachte, die ihm rund und voll über die runden Biedermannswangen rollten und sich in seiner Weste verloren. Alles andere, wodurch der Mensch seine Empfindungen und Gefühle kundgibt, war heute abend an ihm dagewesen; dies war das äußerste, das letzte und war noch nicht dagewesen.

Nec plus ultra, durfte er dreist von nun an bis zur Heimkehr seines Freundes Nebelung zum Motto nehmen. Er tat’s, trocknete sich die Augen und seufzte im jovialsten Trauertone:

»Der Hansnarr verdient dich gar nicht, Kätherle. Kenne ihn nur erst so genau, wie ich ihn kenne, und du wirst dich dieses meines Wortes erinnern und sagen: Der Alte hat es mir damals schon gesagt, Elard; o lieber Himmel, hätte ich ihm doch geglaubt! – Ach, Fräulein Karoline, was ein guter Ehemann ist –«

»Krümmt sich beizeiten«, fiel die Tante ein, doch der Nachbar sprach:

»Nein, dieses nicht, sondern ich wollte nur bemerken, daß ich wissen müsse, was ein guter Ehemann sei; denn, Nachbarin, ich war meinerzeit ein wahrhaft guter Ehemann! Wenn’s drei Meilen jenseits des Horizontes donnerte, stand ich vom vergnügtesten Tische auf und ging aus der fidelsten Gesellschaft nach Hause, weil sich meine Selige vor dem Gewitter fürchtete. Ach, Kätherle, ich glaube, mein Professor wird sich nur fester hinpflanzen und ruhig dich daheim in deiner Angst sitzen lassen.«

»Ich fürchte mich aber auch nicht vor dem Donner, lieber –«

»Papa!« schloß der Patrizius und fuhr fort: »O, mich hätten Sie in meiner Blüte kennen sollen, Tante Lina. Damals war ich des Kennenlernens wert! Damals lohnte es sich noch, von Amerika herüberzufahren, um meine Bekanntschaft zu machen. Mein Bub’ hat viel zu viele Augenblicke, in denen er das Erdenleben vollständig begriffen zu haben glaubt, und das sind die Momente, auf welche ich dich hinweise, Käthchen. Wenn du erst einige Male mit ihm in der Stimmung zusammengesessen hast, dann teile mir deine Ansicht darüber mit. Ich sage dir ganz offen, hätte ich nicht einen solchen freudigen Sinn für jegliches Individuum als solches, so hätte ich mich schon sehr häufig bis zum Aus-dem-Hause-werfen an meinem – deinem himmlischen Elard geärgert.«

»Individuum als solches?« murmelte die Tante. »Nachbar, über das Wort wären Sie ohne Monsieur Elard auch nicht im Tanze gestolpert. Ei, aber Sie haben Ihrem jungen Herrn doch wohl dann und wann über die Schulter ins Buch gesehen; – ich glaube fast, Sie hätten ebensogut als ich Philosophie des Lebens den jungen Ladies im Vassor College vortragen können.« – –

Daß dieses alte Frankfurt am Main verzaubert war, stand fest; d. h. nichts schien darin mehr fest an seinem Orte zu stehen, nämlich den drei aus der freien Natur in den geheiligten Bezirk der getürmten Stadt sich einschleichenden tapferen deutschen Männern, von denen aber ein jeglicher seinen eigenen Wurm im Herzen trug.

Die sieben Schwaben, als sie sich dem Ungeheuer am See näherten, bedeuteten zusammen nicht mehr innerliches Unbehagen als diese drei Helden, und deshalb machte bereits über dem Flusse ein jeder die Bemerkung, daß er es heute abend ausnehmend schwül in Frankfurt finde.

Daß die Fahrgasse während ihrer Abwesenheit enger geworden war, unterlag weder dem Professor noch dem Legationsrat einem Zweifel. Die Häuser waren aufeinander eingerückt, und was das Schlimmste war, sie rückten noch immer aufeinander ein. Um der beängstigenden Fata Morgana zu entwischen, bog der Professor in die Predigergasse, und die beiden anderen folgten.

Sie marschierten jetzt nicht mehr en front; sie schleppten sich einer hinter dem andern, wie ein Indianerzug, dem das Feuerwasser ausgegangen ist. Einer suchte den anderen voranzuschieben und tat’s wahrlich nicht aus Höflichkeit.

Der Professor suchte einmal oder zweimal seine Begleitung auf die malerische Beleuchtung der Umgebung aufmerksam zu machen, dann unterließ er es. Der Legationsrat sagte nichts; aber er atmete desto schwerer. Hinter der Judenmauer sagte Fritze Hessenberg:

»Weißt du, Nebelung, es wird mir immer kurioser. Was soll ich ihr eigentlich sagen, wenn ich vor sie trete? – Ich hab’s mir nun ganz genau überlegt: ich bringe dich und den Professor bis zu deiner Tür, und dann kehre ich um und gehe nach Sachsenhausen in mein Wirtshaus zurück. Du sagst ihr im richtigen Augenblick, wen du heute an der Isenburger Warte getroffen hast, und merkst dir, wie sie die Benachrichtigung aufnimmt. Dann komme ich morgen früh gewiß. Alex, ein Wiedersehen wie dieses schickt sich besser für den hellen Mittag, wo man sich sofort mit allen Falten, Runzeln, grau und gelb zu Gesichte kriegt, als für solch eine dunkle Abendstunde und die Familienlampe. Ich kehre um, Alex, ich hab’s mir überlegt.«

»Du kehrst nicht um, Fritz! Du gehst mit mir!« stöhnte der Legationsrat von Nebelung und faßte blitzschnell wiederum jeden seiner Begleiter unterm Arm, um ja keinen von ihnen zu verlieren. Wir haben es oben schon gesagt, daß er sich von ihnen durch die Allerheiligengasse schleppen ließ, gerade um die Zeit, als sein einziges Kind, Wonnetränen weinend, am Halse seines größten heutigen Widersachers hing.

»Was soll ich ihr denn sagen?« rief der Rat weinerlich. »Ist mir nicht etwas kurios geworden? Muß ich ihr etwa nicht ebenfalls bei der Familienlampe vor die Augen treten? Und du, der du unsere Lina so genau kennst – gekannt hast, solltest doch einsehen, daß ich um kein Haar breit besser dran bin als du. Nein, du kommst mir nicht fort; ich lasse dich unter keiner Bedingung frei. Soll ich etwa mit dir umkehren? Willst du mich mit nach Sachsenhausen in dein Hotel nehmen?«

Sie durchwankten das Allerheiligentor, und jetzt standen sie vor dem Hause!

»Da sind wir denn«, sagte der Rat und machte wirklich den Versuch zu lächeln. »Sie treten doch mit uns ein, lieber Professor?«

Der liebe Professor hatte den Vater seiner Verlobten vor sich! Und dieser Vater wußte nichts davon; er, der Verlobte, wurde auf das dringendste von seinem Quasi-Schwiegervater eingeladen, noch auf einen Augenblick mit hinauf zu seiner Tochter zu kommen, und – – er zauderte doch!

Die Gaslaternen brannten bereits in der Hanauer Landstraße, aber Herrn Elard Nürrenberg war es noch nie in seinem Leben so schwarz vor den Augen gewesen wie in dieser Minute.

Durch die Finsternis vernahm er die Stimme des Romanshorner Lohgerbermeisters, der ihm mit einem tief heraufgeholten Ächzen auf dem Rücken klopfte und sagte:

»Na, Professorchen, Sie sind jedenfalls der Unbefangenste; also marschieren Sie voran. Die Treppe kennen Sie auch; – ich führe den Rat, und im Notfall greife ich nach Ihrem Rockschoß. Bitte, nehmen Sie auf unser Alter keine Rücksicht; Sie haben bedingungslos den Vortritt.«

Woher die Unbefangenheit kommen sollte, durfte Herr Elard sich fragen, aber leider nicht den Lohgerber und den Schwiegervater der Zukunft.

Plötzlich – mit einem Ruck – malte er sich von neuem die Geliebte, wie er sie sich von jeher gedacht hatte, rief, wie jeder andere Ritter in der höchsten Gefahr, ihren lieben Namen, d. h. er murmelte:

»Käthchen! Mein Käthchen!« und stürzte in das Haus, ohne darauf zu achten, ob die beiden anderen ihm auch folgen würden. Da er in der Tat die Treppe kannte, und da er einmal im Stürzen war, so gelangte er nach oben – der Schillersche Taucher im Wirbel der Charybde war ein Nachmittagsschläfer auf seinem Sofa gegen ihn, und um so natürlicher war’s, daß die holde Prinzessin droben sich schon lange in bängster Erwartung über den Rand der Klippe gebeugt und auf sein Wiederauftauchen mit Sehnsucht geharrt hatte.

Jetzt riß er die Tür des Salons auf und stand einen kürzesten Augenblick geblendet von dem Glanz des gemütlichen Teetisches. Er sah seinen Vater und sah ihn nicht; er sah eine ältliche Dame in grauer Seide durch das Geflimmer, aber sie hatte keine Bedeutung. Er sah sein Käthchen und er hörte ihren leisen Schrei, – sie allein erblickte er wirklich, und er stürzte sich gegen sie , faßte ihre Hände, riß sie ganz an sich und rief – stammelte:

»O Kind, Herz, mein Leben, mein süßes Leben, willst du mir vergeben? kannst du mir vergeben? Mein Mädchen, wie dumm und schrecklich hätten wir uns beinahe diese Pfingsten verdorben! Aber ich habe dich und halte dich wieder, und von jetzt an wird unser Dasein ein ewiges Maienfest sein, nicht wahr?! Dein guter, trefflicher Vater kommt sogleich nach; – ach, Käthchen, liebes Käthchen!«

»O Elard«, schluchzte das Kind, »ich allein war ja sehr unartig, und wie ich mich selber die letzten Stunden durch ausgescholten habe, das weiß keiner. Bist du denn wirklich wieder gut? Bist du wiedergekommen? Sieh, ganz so böse, wie du dir dachtest, als ich dich von der Droschke aus wegrennen sah, hab’ ich es doch nicht gemeint.«

Die Tante und der Kommerzienrat sahen und hörten dem zu; aber nicht lange.

»Lina?« – rief der Legationsrat Alexius von Nebelung.

»Alex!« rief die Tante, und auch die beiden hatten einander wieder, und zwar nach zwanzigjähriger Trennung. Sie umarmten sich gleichfalls und küßten einander, und dann schoben sie sich beide zu gleicher Zeit einander zurück, um sich anzusehen, und für dieses Wiederfinden gab die Familienlampe das einzig rechte Licht.

»Du hast dich wenig verändert, lieber Bruder«, sagte die alte Schwester, ihre Tränen verschluckend und laufen lassend.

»Ist er wirklich schon in seiner Jugend so gewesen?« fragte der Nachbar Nürrenberg gleichfalls mit gebrochener Stimme.« Nun, Nachbar, dann will ich weiter nichts sagen; aber ich meine, aus alter Anhänglichkeit und wegen ferneren guten Verkehrs erklären Sie sich für befriedigt und ausgesöhnt, wenn ich hiermit Seiner hochseligen Durchlaucht, dem Herzog Alexius dem Dreizehnten, in seiner Fürstengruft feierlichst Abbitte leiste. Er führt seinen Namen mit Recht und ist ein Heilbringer, und unser erster Enkel soll auch Alexius heißen.«

»Der Teufel hole den Fürsten Alexius den Dreizehnten!« rief der dritte Ankömmling, aus dem Schatten in das Licht tretend. Die Tante Karoline Nebelung schrak zusammen, sah hin, setzte sich, fuhr von neuem in die Höhe und setzte sich zum zweitenmal. Der gute Fritz setzte sich ebenfalls; seine Knie zitterten, seine Füße trugen ihn nicht länger, der Hut entfiel seinen Händen. Er holte ein grobes baumwollenes, blau- und weißgestreiftes Sacktuch hervor und trocknete sich den heißen und den kalten Schweiß von der Stirn und stotterte, tiefer geschüttelt als einer der übrigen, die Tante Lina ausgenommen:

»Ja, Linchen, ich bin Fritze Hessenberg, und wenn wem ein richtiges Eulenpfingsten zubereitet wurde im Leben, so sind wir zwei das gewesen. Und wenn zwei mit wohlmeinenden Herzen und guter Gesinnung in diese zänkische, nichtsnutzige, katzbalgerische Welt hineinmußten, so sind wir das auch gewesen. Geben Sie mir Ihre liebe Hand, Lina. Jetzt bin ich ein alter Kerl, und du – – ja, sieh, ich bin es wirklich und ich bin auch mitgekommen, um dich mit den anderen bei uns zu begrüßen.«

»O Friedrich!«

Der großherzoglich hessische Kommerzienrat sah dumm aus, der Legationsrat von Nebelung stupide. Elard und Käthchen sahen und hörten nichts; ein rosig durchleuchtet Gewölk trug sie, und Arm in Arm schwebten sie ins Paradies hinein. Sie ließen sich nicht stören durch das, was um sie her vorging, und es machte auch niemand Miene, die goldrote Wolke unter ihren Füßen wegzublasen und sie in die Wirklichkeit und auf den festen Boden zurückzurufen.

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