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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Worin der Held der Geschichte zu einem Rendezvous geht, ein Unternehmen, das ziemlich schlecht für ihn endigt.

Es mochte fast neun Uhr an dem Abende dieses Tages geworden sein, als Eugen durch die schon leer werdenden Straßen dem Marktplatze zuschritt. Manchmal ward ihm zu Muth, als sei es besser, er betrete das Haus der Gemüsehändlerin nicht unter solchen Umständen; ja einige Mal blieb er stehen und wollte schon in eine Seitenstraße einbiegen, um nach seiner Wohnung zurück zu gehen; doch hielt er diese warnende Stimme in seinem Innern für Furcht und verlachte sie deßhalb. Der Markt war leer, wie gewöhnlich um diese Zeit, der Himmel, der mit Wolken überzogen war und mit Regen drohte, hatte die Spaziergänger verscheucht, und so begegnete Eugen fast Niemand und gelangte ungesehen an den Eingang des alten Hauses mit der Grafenkrone. Das große Thor stand ein klein wenig offen, das Innere des Hofes schien ruhig und still; die kleinen Hausthiere waren in ihren Ställen untergebracht, und die bösen Hunde der Gemüsehändlerin, welche sonst beim geringsten Laut, den ein menschlicher Tritt unter dem Thorbogen verursachte, mit lautem Gebell aufsprangen, gaben keinen Ton von sich. Eugen befremdete dies einigermaßen, doch dachte er bei sich, wie es denn auch sehr wahrscheinlich war, man habe, auf sein Kommen rechnend, die Hunde absichtlich entfernt. Doch wer hatte diese Vorsichtsmaßregel gebraucht – sie oder Andere?

Als er durch den dunkeln Hof dahin schritt, dachte er zum ersten Male daran, es hätte wohl nicht schaden können, bei einem ähnlichen Besuche irgend eine Waffe mit sich zu nehmen. Doch kam dieser Gedanke zu spät, und wenn er ihm auch früher gekommen wäre, dann hätte er ihn wahrscheinlich doch nicht ausgeführt; er kannte keine Furcht. So hatte er denn nichts bei sich, als einen kleinen Spazierstock mit einem dicken silbernen Knopfe, der mit Blei ausgegossen war.

Jetzt hatte er das Ende des Hofes erreicht. Rings um ihn her war tiefe Stille und Dunkelheit; er vernahm nichts als das Schütteln und Schnauben der Pferde in den Ställen und das kurze Gackern irgend eines Huhnes, das vielleicht von einem bösen Traume beunruhigt wurde. Die Eintheilung des Schoppelmannschen Hauses kannte Eugen nur nach Erzählungen Katharinen's; sie hatte ihm gesagt von der großen Vorhalle, dem Comtoir und dem Wohnzimmer ihrer Mutter, dann von den Wohnzimmern ihrer beiden Brüder und auch von dem ihrigen, das über jener Vorhalle liege. Den Eingang zu ihrem Zimmer hatte er neulich gesehen, als er Abends das Mädchen bis an's Hofthor geleitete; da hatte er im hellen Mondscheine bemerkt, daß sie neben jener Vorhalle in eine kleine Thüre getreten war; auf dem Eingang zu jener Wendeltreppe, die in den Zwischenstock führte, hatte sie von der ersten Stufe sich nochmals hinausgebeugt in den Hof und ihm zum Abschied mit der Hand gewinkt. Nach dieser kleinen Thüre lenkte er nun seinen Schritt.

Der Eingang zu dieser Wendeltreppe lag so finster da, daß Eugen mit den Händen vor sich hintappen mußte, um die Stufen zu finden, welche aufwärts führten. Jetzt hatte er sie erreicht und schlich langsam in die Höhe; die Treppe war schmal und eng und rings herum von Stein. Er trat so leise und behutsam wie möglich auf, damit ihn kein Klang seiner Schritte verrathe, und dies schien ihm auch zu gelingen; denn es rührte sich nichts in dem weiten Hause, und als der junge Mann den Zwischenstock erreicht hatte und dort einen Augenblick lauschend stehen blieb, kam es ihm gerade vor, als höre er, wie unten im Hofe das große Thor langsam zugedrückt werde, auch glaubte er, das Schnauben und Schnuppern von Hunden zu vernehmen; doch kümmerte ihn dieses Geräusch wenig im gegenwärtigen Augenblicke. – Er stand vor ihrer Thüre, und sein Herz klopfte ihm so gewaltig, daß er einen Augenblick stehen bleiben mußte, und versuchte, es durch tiefe Athemzüge zu beruhigen. Ein kleiner Lichtstrahl fiel durch die Spalten jener Thüre auf den engen Gang hinaus, und das war auch die einzige Helle, die er rings um sich bemerkte. Er näherte sich der Thüre und klopfte leise an; drinnen wurde in einer kleinen Pause heftig ein Stuhl gerückt, aber es erfolgte keine Antwort. Eugen klopfte wiederholt, und als nach längerem Warten von drinnen kein begrüßendes Wort erschallte, so legte er seinen Mund an die Thürspalte und sagte: »Katharine, ich bin's! – es ist Eugen!« Zu gleicher Zeit faßte er nach der Thürklinke, und nachdem er noch einen Augenblick vergeblich auf eine Antwort gewartet, öffnete er langsam und trat in das kleine, niedere Gemach. Da saß Katharine in der hintersten Ecke des Zimmers, dicht bei dem Fenster; dort in jene Ecke hatte das plötzliche, unerwartete Klopfen, noch mehr aber Eugen's Stimme, sie hineingeschreckt. Dort saß sie zusammengeschauert und ängstlich, und das große, glänzende, weit aufgerissene Auge starrte den Eintretenden mit dem Ausdrucke des größten Schreckens an.

Eugen war durch alles das überrascht – freudig überrascht. Die Angst, welche sich auf ihren Zügen malte, war ein Bürge dafür, daß, wie er sich auch gleich gedacht, jenes Schreiben nicht von dem geliebten Mädchen herkomme, daß ihn Jemand anders damit geneckt, mochte das nun aus einem Grunde geschehen sein, welcher es wolle. Es war ihm dies im gegenwärtigen Augenblicke ganz gleichgültig.

Er wollte sich dem Mädchen nähern, doch Katharina streckte ihm ihre beiden Hände so stehend und abwehrend entgegen, daß er sich gezwungen sah, an der Thüre stehen zu bleiben.

»Wie kommst du hieher?« fragte sie nun hastig, aber mit tonloser Stimme; »wie kamst du durch das verschlossene Thor? Wie kamst du bei den Hunden vorbei?«

»Du hast mir nicht geschrieben, Katharine?« sagte der junge Mann lächelnd und zog das Briefchen hervor, »du hast dies nicht geschrieben?«

»Was soll ich dir geschrieben haben?« fragte das Mädchen in großer Angst.

»Nun, dieses Briefchen,« entgegnete der junge Mann, »das mich eingeladen hat, zu dir zu kommen. – Aber beruhige dich nur,« setzte er schnell hinzu, als er sah, wie das Mädchen heftig in die Höhe fuhr; »ich bin ja nun fest überzeugt, daß du's nicht geschrieben hast; man hat sich einen Spaß mit uns gemacht.«

»O Eugen!« rief das Mädchen und rang die Hände, »das nennst du einen Spaß! Gott im Himmel! das ist ein Spaß, der blutiger Ernst werden kann!«

»Wie so?«

»Stand das Thor offen?«

»Allerdings.«

»Und die Hunde?«

»Ich sah und hörte nichts von ihnen.«

»O, das ist eine angelegte Geschichte!« rief jammernd das Mädchen. »Sie haben dich hieher gelockt, sie haben Uebles mit dir vor! – Horch!«

Und nun, da Katharina ihn, den sie über Alles liebte, in Gefahr wußte, verlor sie plötzlich ihre jungfräuliche Scheu, welche sie vorhin bei seinem Anblick in die Ecke des Zimmers getrieben, und sie sprang rasch in die Höhe, eilte an die Thüre und schob den Nachtriegel vor. »Das ist wenigstens für den Augenblick!« sagte sie. – »O, Eugen! warum bist du hieher gekommen?«

»Ich dachte einen Augenblick,« antwortete Eugen, »du, mein geliebtes Mädchen, habest wirklich jene Zeilen geschrieben, aber nur einen Augenblick glaubte ich das; du konntest mir etwas Wichtiges mitzutheilen haben.«

»O nein! o nein!« sagte sie hastig, »das konntest du auch nicht eine Sekunde von mir denken. Weißt du denn nicht, wie ich dich vor diesem Hause stets gewarnt – vor diesem finsteren Hause, vor den beiden Brüdern?«

»Pah!« versetzte lachend der junge Mann, »du bist zu ängstlich, Katharine. Nun ja, ich bin gekommen in der Hoffnung, dich, mein Leben, einen Augenblick zu sehen, und das habe ich ja erreicht. Jetzt gehe ich wieder ruhig meinen Weg, und die Sache ist abgemacht.«

»O, Eugen!« sprach ängstlicher das Mädchen, »sei nicht so arglos, glaube mir, sie haben dir einen Hinterhalt gelegt!«

»Wer denn?« fragte zweifelnd der junge Mann.

»Gewiß die beiden Brüder!« erwiderte das Mädchen. »Das Thor stand offen, als du kamst; jetzt ist es geschlossen; du merktest nichts von unseren bösen Hunden – horch, hörst du nichts? – jetzt sind sie losgelassen. Lege das Ohr an die Thüre und du hörst deutlich, wie sie unten am Eingang dieser Treppe hin- und herspringen.«

»Wahrhaftig!« sagte Eugen, nachdem er einen Augenblick gelauscht – »du hast Recht, mein Mädchen. Aber was soll das alles bedeuten?«

»Das weiß ich selbst jetzt noch nicht genau; aber etwas Gutes auf keinen Fall.«

»Aber etwas so arg Schlimmes auch nicht! Nach deinen Worten sollte man wirklich glauben, wir seien um ein paar Hundert Jahre zurück und lebten in einer Zeit, wo man unberufene Eindringlinge, wie mich, für ewig verschwinden ließ.«

»Wenn wir nicht in der gleichen Zeit leben,« sagte eifrig das Mädchen, »so doch in einer ähnlichen. Glaube mir, Eugen, die da unten haben etwas Schlimmes mit dir vor.«

»So machen wir den Versuch,« antwortete lächelnd der junge Mann, »und ziehen uns langsam dahin zurück, wo wir hergekommen; es wird das jetzt noch besser zu bewerkstelligen sein, als später.«

Katharina hatte an der Thüre gelauscht und winkte mit der Hand zurück, als wollte sie sagen, Eugen solle sich mit keinem Worte verrathen; dann wandte sie sich rasch um, legte den Finger auf den Mund und zog ihn eilig in die hinterste Ecke des Zimmers nach dem Fenster zu. »Sie sind unten an der Treppe,« sagte sie rasch und tief Athem holend. »Ja, ja, es ist nichts anders; wer den Brief geschrieben hat, das kann ich nicht wissen; aber sie haben dir den Durchweg abgeschnitten, und fort mußt du, augenblicklich fort!«

»Wohin denn?« fragte er; »wohin, wenn sie die Treppe besetzt halten?«

»Es ist schrecklich, Eugen, daß du mich in diese Lage gebracht hast,« antwortete sie, »aber es bleibt keine andere Wahl, du mußt hier zum Fenster hinaus; es ist nicht tief bis auf die enge Gasse, auch wird dich, so Gott will, kein Mensch sehen. Aber warte einen Augenblick, ich muß vorher das Licht auslöschen – willst du? – o, es hilft kein anderes Mittel!«

»Wenn du meinst, Katharine,« versetzte er; »aber die ganze Sache kommt mir in der That sonderbar vor. Was können deine Brüder von mir wollen? – Eine Erklärung, die will ich ihnen gern geben.«

»Die wollen keine Erklärung,« sagte das geängstigte Mädchen. – »Doch still, es kommt Jemand an die Thüre!«

Wirklich hörte man in diesem Augenblick schwere Tritte die steinerne Treppe heraufkommen und vernahm das Geräusch einer tappenden Faust, welche die Thürklinke suchte; es wurde darauf gedrückt; doch da der Riegel von innen vorgeschoben war, so ging die Thüre nicht auf. Eugen, der das zitternde Mädchen mit einem Arme umfaßt hatte, blickte aufmerksam nach dem Eingang.

»He, Katharine!« erscholl von draußen die Stimme des Fuhrmanns, »es hat sich ein Dieb in das Haus geschlichen, ein feiner Dieb.« Dabei hörte man ein halb unterdrücktes Lachen. »Weißt du was davon? Er ist die Wendeltreppe hinaufgeschlichen; wir müssen ihn finden und wollen ihm alsdann zeigen, was es bedeuten will, wenn man sich zur Nachtzeit in ehrliche Bürgershäuser schleicht. Was weißt du davon, mein Kätherle?«

Eugen hatte gute Lust, hierauf eine Antwort zu geben; doch das Mädchen, welches wohl befürchtete, er möchte solche Unvorsichtigkeit begehen, drückte ihm die Hand fest auf den Mund und sagte: »Du bist es, Fritz? Laß mich in Frieden mit deinen Narrheiten.«

»Dazu haben wir aber keine Lust!« entgegnete rauh und lachend die Stimme des Bruders. »Kommst du wieder mit deinem Trotz und Hochmuth? Wart nur, mein Schätzte, dießmal haben wir dich gefangen und noch sonst Jemanden dazu. O, wir wissen's wohl –, und nun frage ich dich nur, ob du gutwillig die Thüre öffnen willst?«

»Dir meine Thüre öffnen?« rief das Mädchen; »geh schlafen, du kommst wieder aus dem Wirthshaus!«

Obgleich sie diese Worte so kräftig wie möglich aussprach, so zitterte doch ihr ganzer Körper heftig, und Eugen mußte sie fest mit seinem Arm unterstützen, damit sie nicht auf den Stuhl niederglitt, dessen Lehne sie krampfhaft gefaßt hielt.

»Du willst also nicht gutwillig öffnen?« rief der Fuhrmann nach einer kleinen Pause draußen. »Wohlan denn, so werde ich die Thüre eintreten!«

Katharina wand sich heftig aus den Armen des jungen Mannes, legte die Hand auf ihren eigenen Mund, öffnete mit der anderen Hand geräuschvoll das Fenster; dann winkte sie heftig dort hinaus.

»Eins – zwei!« rief draußen der Bruder. »Wenn ich »drei« sage, so fliegt die Thür hinein. – Willst du nun aufmachen?«

»Wo ist die Mutter?« rief verzweifelnd das Mädchen. »Ruf die Mutter herauf! Ihr will ich die Thüre augenblicklich öffnen.«

»Ja, die Mutter!« lachte draußen der Fuhrmann, »die ist glücklicher Weise ausgegangen; wir haben das Feld allein.«

»Gottes Barmherzigkeit!« seufzte Katharina; dann faßte sie Eugen's Hand, drückte sie krampfhaft zusammen und sagte mit leiser Stimme: »Fort, fort! das ist ein großes Unglück!«

»Aber es ist ja ein einzelner Mann,« zischelte Eugen ihr empört in's Ohr, »soll ich vor einem Einzelnen fliehen?«

»O, glaube mir, es sind ihrer Mehrere. Fort, fort!«

»Meint ihr, ich habe euer Sprechen nicht gehört?« rief draußen die Stimme. »Jetzt paß auf, Schätzle! eins – zwei und drei!« Mit dem letzten Worte flog die Thüre krachend auf. Eugen, von dem Mädchen, welches im Augenblicke das Licht auslöschte, auf's Heftigste gedrängt, schwang sich auf die Fensterbrüstung, doch nicht schnell genug, daß nicht der Fuhrmann, der ihn augenblicklich bemerkte, Zeit genug gehabt hätte, auf ihn loszustürzen und mit einem umgekehlten schweren Peitschenstiele einen wüthenden Streich nach ihm zu führen. Eugen, der außerordentlich gewandt war, befand sich in einer schwierigen Lage; er hatte an dem offenen Fenster keinen sicheren Stand und konnte sich nur vor dem Hinausstürzen bewahren, indem er sich mit Kopf und Rücken fest gegen die Fensterbrüstung stemmte. In dem Augenblicke, wo der Fuhrmann den Schlag nach ihm führte, sah er obendrein noch, wie Katharina ihn mit dem Körper decken wollte, weßhalb er gezwungen war, sie unsanft von sich zu schleudern, um sie auf diese Art vor dem Schlage des Bruders zu schützen. Dieser, der augenscheinlich nach dem Kopfe Eugen's geführt war, traf in der Dunkelheit den Fensterrahmen und dann, von diesem abgleitend, seinen linken Arm.

Eugen hatte nichts, als den schon erwähnten kleinen Spazierstock mit bleiernem Knopf. Er faßte denselben jetzt an seinem unteren Ende, und in dem Augenblicke, als der Fuhrmann nach Eugen griff, um ihn zu dem Fenster herein zu ziehen, ließ der junge Mann den Stock schwingen und mit voller Kraft auf den Kopf seines Angreifers niederfallen. Dadurch verlor er aber selbst das Gleichgewicht und stürzte mehr, als er sprang, zu dem Fenster hinaus auf die enge Gasse.

Doch als der junge Mann dort niederfiel und betäubt zusammen brach, war dies nicht die Folge des Sturzes von dem Fenster, sondern in dem Augenblicke, wo er den Boden berührte, empfing er einen solch furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm für einen Augenblick Athem und Besinnung raubte – doch glücklicher Weise nur für einen Augenblick, Eugen raffte sich gleich darauf wieder zusammen, und sein erster Gedanke war, daß ihm auch hier Jemand auflaure. Er richtete sich deßhalb an der Mauer in die Höhe, und als es ihm möglich war, in der Dunkelheit die Gegenstände um sich zu erkennen, bemerkte er seinen zweiten Angreifer vor sich stehen und sah, wie dieser im Begriffe war, mit einem Handbeil einen zweiten Hieb nach seinem Kopfe zu führen. Seine Seite schmerzte ihn fürchterlich, und er wäre, dadurch gehindert, kaum im Stande gewesen, diesem Schlage auszuweichen, und demselben wahrscheinlich erlegen, wenn sich nicht in diesem Augenblicke das Fenster droben erhellt und wenn man nicht die Stimme der Gemüsehändlerin vernommen hätte, die laut und kreischend! »Konrad, Konrad!« rief. Dieser, der Angreifer mit dem Handbeil, ließ seine Waffe sinken und blickte in die Hohe. »Mörder, Mörder!« schrie die Frau droben, »sie haben den Fritz erschlagen, er liegt auf dem Boden und regt sich nicht! Hast du ihn, Konrad? Halt ihn fest! Zu Hülfe, zu Hülfe!«

Auf diese Worte hin hob Konrad sein Handbeil abermals in die Höhe, und Eugen machte eine verzweifelte Anstrengung, um dem Schlage auszuweichen, was ihm auch in so fern gelang, als derselbe nur seinen rechten Arm traf, ihm den Aermel aufschlitzte, ihn aber zu gleicher Zeit durch eine tiefe Wunde, die er dort erhielt, ganz kampfunfähig machte.

Droben schrie die dicke Frau: »Zu Hülfe! Räuber und Mörder!« gellend in die Nacht hinaus; auch vernahm man durch die nächtliche Stille schon Schritte auf dem Pflaster, die sich eilig zu nähern schienen.

Eugen fühlte, daß es mit ihm zu Ende gehe. Durch das Fenster, von welchem er sich herabgeschwungen, schwang sich jetzt noch ein Mann herab, einer der Knechte der Gemüsehändlerin, und faßte ihn so fest an dem verwundeten Arm, daß er sich nicht zu regen vermochte. Konrad ergriff ihn bei der Schulter, Beide rissen ihn von der Mauer fort, und es war augenscheinlich, daß sie die Absicht hatten, ihn in das Haus hinein zu schleppen.

In der Wohnung der Frau Schilder gegenüber ließ sich kein Licht sehen, wohl aber in dem musikalischen Hause. Dort wurden die Fenster aufgerissen und mehrere Köpfe erschienen in dem erleuchteten Zimmer; doch schien sich Keiner auf die Straße hinaus zu wagen. Aehnliche Auftritte waren hier schon mehrfach vorgekommen, und die guten Schullehrer kannten die wilde Gemütsart der Gebrüder Schoppelmann.

Eugen gab sich verloren. – –

Da wurde mit Einem Male, aber wie durch einen Blitzstrahl, Konrad, der Jäger, zu Boden gerissen, und in dem gleichen Augenblicke ließ der Knecht an der andern Seite entsetzt den Arm des jungen Mannes los. Eine zottige, wild aussehende Bestie hatte sich zwischen die Beiden geworfen, den Jäger niedergerissen und machte jetzt mit dumpfem Geheul alle Anstalten, dem Knecht ein gleiches Schicksal zu bereiten. Eugen, hoch erfreut, erkannte seinen Hund, der ihm hier, wo Alles verloren schien, so unverhofft zu Hülfe kam. Der Knecht, ohne den Angriff des ihm grausenhaft erscheinenden Feindes abzuwarten, wandte sich zur Flucht; der Neufundländer wollte ihm nach, doch faßte ihn Eugen am Halsbande, denn ihm war nun Alles daran gelegen, diesen Platz so schnell wie möglich zu verlassen. »Mörder!« schrie die Frau von ihrem Fenster immer fort und fort, die Schritte von den benachbarten Straßen kamen näher und näher, und man vernahm dazwischen Säbelgeklirr und den festen Tritt der Militärpatrouille.

Eugen, von dem Blutverlust und dem Schlage in seiner Seite erschöpft und ermattet, hielt sich mit der Hand fest an dem Halsbande des riesenhaften Hundes, dann rief er ihm zu: »Ruhig, Sultan, fort!« und das getreue Thier, das ihn vollkommen zu verstehen schien, schoß davon und riß seinen Herrn mit sich fort durch die enge Gasse über den Marktplatz hinweg, seiner Wohnung zu.

+++

Nachdem der getreue Pierrot am heutigen Nachmittage einen außergewöhnlichen Rapport beim Justizrathe gehabt, hatte ihm dieser anbefohlen, sich Abends nicht in der Nähe dies Marktes sehen zu lassen. Dies stimmte auch mit den Neigungen und Wünschen des Bedienten vollkommen überein, und so begab er sich denn mit einbrechender Dunkelheit nach Hause, und wir müssen gestehen, nicht ohne einiges Herzklopfen. Jetzt, nachdem durch seine Beihülfe die Katastrophe vorbereitet war, fing er an einzusehen, wie außerordentlich schlecht er an seinem Herrn gehandelt. Zugleich aber war der Trost, den er sich selber gab, noch viel fürchterlicher, noch viel niederdrückender für ihn, »Müßte ich denn nicht dem Anderen gehorchen?« sagte er zähneknirschend; »hielt er mich nicht fest? Was half mir alles Zerren und Sträuben? Vorwärts mußte ich in's Teufels Namen!« – Je näher es aber auf neun Uhr ging, um so unruhiger wurde der getreue Pierrot. Mehrmals faßte er den Entschluß, sich mit einer Waffe zu versehen und nach der engen Gasse zu eilen hinter dem Schoppelmann'schen Hause; aber er hatte schlimme Ahnungen von vieler Polizei, die sich dort herumtreiben könnte, und dachte nicht ganz mit Unrecht: »Wenn ich da unten bei der Geschichte erwischt werde, so sorgt der Justizrath schon dafür, daß man mich unter allen Umständen fester als die Uebrigen hält; dann kommt jener Aktenfascikel zu Tage und mit mir ist's aus.«

Es war eigenthümlich, obgleich sehr natürlich, daß alle Betrachtungen und Selbstgespräche Joseph's am heutigen Abend sich stets in traurige finstere Bilder verloren. Da saß er, wir müssen gestehen, ein Bild des Jammers, auf einem kleinen Stuhl an der Thüre; er hatte die Knie hoch empor gezogen und umfaßte dieselben inbrünstig mit seinen Armen. Den Kopf hatte er tief hernieder gesenkt, und seine weit offenen Augen stierten gedankenvoll in eine Ecke. – »Und wenn die Sache jetzt nach den Begriffen des Justizrathes gut geht,« dachte er weiter, »was geschieht dann mit nur? Wenn jetzt also da unten wirklich ein Unglück geschieht – oh! ich kenne meinen Herrn; denn gutwillig läßt sich der nicht einfangen, und wenn Einer dem Andern den Schädel einschlägt und sie ihn darauf festnehmen und dann hieher kommen und die ganze Wohnung unter Siegel legen – was geschieht dann mit mir?«

Es überlief den getreuen Diener ein gelindes Frösteln.

»Trau' einer dem Teufel!« fuhr Joseph nach einer längeren Pause in seinem Selbstgespräche fort; »wer steht mir dafür, daß er mir nichts zu Leide thut, wenn er mich nicht mehr braucht? daß er sich meiner nicht entledigt, indem er mich an das Messer liefert – und wenn das nicht der Fall wäre, was kann mir Anderes daraus erblühen? Ja, nur ebenso Schlimmes – daß er mich vielleicht in seine eigenen Dienste nimmt neben jenem alten Kerl, neben jenem schnappenden, bissigen Ungeheuer! – O, ich war sehr dumm!«

Es mußte nächstens neun Uhr schlagen. Der Bediente wurde immer unruhiger. Er war so allein in der Wohnung, allein mit dem großen Hunde, der am Boden vor dem Fauteuil Eugen's lag und seinen zottigen Kopf auf den Sitz gelegt hatte. Der Neufundländer schlief nicht; seine Augen glänzten unter dem luschigen Haare hervor und folgten allen Bewegungen des Dieners, der jetzt unruhig auf und ab schritt. Plötzlich blieb Joseph vor dem Fauteuil stehen, und ihm schien ein sehr guter Gedanke zu kommen. »Sultan!« sagte er, »wo ist dein Herr?«

Der Hund, den man oft auf diese Art anredete, stieß ein kurzes Geheul aus, hob den Kopf in die Höhe und blickte nach der Thüre; dabei wedelte er mit dem Schweife, was seine Bitte ausdrückte, ihn fortzulassen. Eugen hatte aber ein für alle Mal streng verboten, den Hund des Abends nach ihm auszuschicken; denn das treue Thier, seinem Herrn außerordentlich ergeben, suchte und fand augenblicklich seine Spur und wurde ihm auf diese Art zuweilen sehr beschwerlich. Dieses Mal aber glaubte Joseph eine Ausnahme machen zu können; er schnallte dem Hunde ein festes eisernes Halsband um, nahm ihn mit sich hinaus, öffnete ihm die Hausthüre und sagte: »such' den Herrn!«

In wilden Sätzen schoß der Hund die Straße hinauf, und im gleichen Augenblicke schlug es neun Uhr.

Durch dieses Manöver fühlte sich Pierrot einiger Maßen erleichtert, und er begann ernstlich zu überlegen, was in seiner Lage am besten zu thun sei. Daß der Justizrath einen angelegten Plan fest verfolge, war ihm nicht entgangen; daß dieser Plan darauf hinauslief, sich unter irgend einem Vorwande der Person und Papiere seines Herrn zu bemächtigen, war ihm ebenfalls klar geworden. Was war nun für ihn zu thun? War es lohnender, hier auf der Bahn, die er betreten, plötzlich umzukehren und seinem Herrn zu dienen, oder war es besser, wie bisher den Befehlen des Justizraths zu folgen? Für den Fall hatte er seine Ordre und sollte, was auch kommen möge, den Verlauf der Dinge in der Wohnung Eugen's ruhig abwarten. Das wäre an sich viel leichter gewesen; doch fühlte er wohl, daß seine Dienstleistungen dem Justizrathe gegenüber mit dem heutigen Abend ihr Ende erreichten, und damit war er auch der Gnade desselben anheimgefallen. Dieser Gedanke machte ihn schaudern.

Da hörte er draußen auf der Straße – die Fenster standen offen – das Schnauben des Hundes und den Klang schwerer, unregelmäßiger Schritte, die jetzt unter der Hausthüre aufhörten; dann wurde heftig die Glocke gezogen.

Joseph stürzte auf den Gang hinaus und öffnete, doch taumelte er vor Schrecken fast zurück, als er seinen Herrn bemerkte, der das Halsband des großen Hundes fest gefaßt hielt und einer Ohnmacht nahe zu sein schien. Joseph wagte kaum, seinen Herrn zu berühren, und geleitete ihn schaudernd in's Zimmer.

Eugen war ohne Hut, todtenblaß und athmete schwer und mühsam. Der Rockärmel seines rechten Armes hing in Fetzen herunter, und darunter blickte das weiße Hemd mit Blutflecken bedeckt, hervor.

Eugen stützte sich mit der linken Hand auf den Tisch und befahl dem entsetzt zuschauenden Diener, ihm den Rock auszuziehen. Dies war bald geschehen, und dann wurde die Wunde an dem Arme untersucht. Obgleich einige tiefe Risse und starke Quetschungen da waren, schien die Sache doch nicht so gefährlich. Joseph legte einen nothdürftigen Verband an, und erst als er seinen Herrn auf's Neue angekleidet und dieser sich in seinen Fauteuil niedergelassen, erlaubte er sich, eine fragende Miene anzunehmen.

»Nicht wahr,« sagte Eugen, »es kommt dir sonderbar vor, wie ich so merkwürdig zugerichtet nach Hause komme? Ja, ohne den Hund da wäre ich wohl für längere Zeit ausgeblieben. Ich glaube, die Canaillen hätten mich todt geschlagen.«

Joseph faltete die Hände, und dieses Mal war es keine Komödie. Er dachte: Gott sei Dank, daß ich den Hund losgelassen.

»Es war da drunten,« fuhr Eugen fort, »sie haben mir eine Falle gelegt. Ja, warum bin ich hingegangen? – Du mußt aber jetzt gleich fort, Joseph, um nachzusehen, wie es da unten gegangen ist.«

»Ja, was ist denn eigentlich vorgefallen, gnädiger Herr?« fragte der Bediente.

»Was wird vorgefallen sein!« antwortete der junge Mann; »da sie mich festhalten wollten, habe ich mich natürlicher Weise gewehrt und Einen zu Boden geschlagen.«

»Und wer war das?« fragte erschrocken der Bediente.

»Nun, einer der beiden Brüder; ich glaube, der Aeltere. Was kann man da machen? ich schlug mit meinem Stock ein Bischen derb zu; aber sie haben es verdient, diese Hallunken!«

»Das weiß Gott, daß die es verdient haben!« seufzte der Diener mit einem Blick an die Zimmerdecke. »Aber gnädiger Herr! verzeihen Sie mir; die Sache wird noch nicht zu Ende sein. Wenn man Sie erkannt hat – o, und man hat Sie gewiß erkannt – so wird man Sie hier aufsuchen und – das wäre erschrecklich! – festnehmen.«

»Das ist sehr wahrscheinlich,« entgegnete Eugen, »denn die Polizei war gar schnell bei der Hand. Die Frau schrie aber auch wie besessen.«

In diesem Augenblicke hörte man das Rollen eines Wagens, der vor dem Hause still hielt. Joseph öffnete die Thüre, und gleich darauf stürzte der Herr Sidel in's Zimmer.

»Nun, Gott sei gelobt! da bist du ja! Das sind wieder einmal schöne Geschichten!«

»Nur keine Predigt!« entgegnete Eugen lachend; »du siehst, ich bin gestraft genug, also schenke mir das Uebrige.«

»Bist du schwer verletzt? forschte dringend der lustige Rath.

»Das glaube ich gerade nicht,« entgegnete Eugen. »Meine Seite schmerzt mich stark; aber ich glaube nicht, daß etwas gebrochen ist.«

»Du kannst also stehen und gehen?«

»Ich glaube so!«

»Nun dann keine Zeit verloren! Ich habe draußen einen Wagen; wir müssen augenblicklich von hier fort.«

»Du erschreckst mich!« sagte Eugen und blickte den Herrn Sidel fest an. »Sollte denn wirklich ein Unglück geschehen sein?«

Der lustige Rath zuckte mit den Achseln und entgegnete: »genau weiß ich das nicht. Du hast deinen Angreifer schwer getroffen, das ist sicher; und glaube mir, es ist besser, von fern abzuwarten, wie die Sache auslaufen wird, als hier in der Stadt, im Handbereiche unseres Freundes, des Justizrathes Werner.«

Bei den letzten Worten hatte er sich herabgebeugt und diesen Namen ganz leise ausgesprochen. Joseph hatte ihn aber dennoch verstanden.

»Hurtig! hurtig!« rief Herr Sidel diesem zu. »Wirf von der Garderobe deines Herrn und von der meinigen so viel wie möglich in ein paar Koffer, und auf den Wagen damit! Ich will unterdessen drüben die wichtigsten Papiere zusammenraffen.«

»Nimm auch drinnen mein Kästchen,« sagte Eugen, »da hast du die Schlüssel. Du kennst es ja.«

»Was machen wir mit Joseph?« fragte der lustige Rath, nachdem er aus dem Schreibtische das Kästchen geholt. »Ich denke, wir lassen ihn hier; er kann auf die Wohnung Acht geben und uns von Zeit zu Zeit Nachrichten zukommen lassen.«

Diese Worte versetzten den getreuen Pierrot in nicht geringe Bestürzung; denn das war es ja gerade, was er am meisten fürchtete: hier allein zurück zu bleiben und dem Justizrath in die Hände zu fallen. Deßhalb bat und flehte er auf's Dringendste, ihn ebenfalls mitzunehmen, und wußte für diesen Wunsch die trefflichsten Gründe anzugeben, wobei die Anhänglichkeit an seinen Herrn und die Unmöglichkeit, denselben im Unglück zu verlassen, eine Hauptrolle spielten.

Endlich gab Eugen diesen Bitten nach, obgleich Herr Sidel nicht viel Lust dazu bezeigt, und Joseph ging nun eifriger und freudiger an die Verpackung des Wagens.

Dieses Geschäft war bald besorgt. Eugen und der lustige Rath stiegen hinein, Joseph setzte sich auf den Bock, und der große Hund sprang lustig nebenher, als nun die Pferde anzogen und im raschen Trabe zur Stadt hinaus eilten, auf der Landstraße dahin, die zur nahen Grenze führte.

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