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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Herr Konrad Schoppelmann, welcher mit leerer Jagdtasche heimkehrt, bringt doch allerlei mit nach Hause

Madame Schoppelmann saß vor dem großen Herd, auf welchem jetzt ein größeres Feuer brannte, als neulich des Morgens, denn nebendem, daß sie ihren Nachmittags-Kaffee kochte, ließ sie Butter aus in große Töpfe, welche sie alsdann zum Winterbedarf an ihre Kunden verkaufte. Katharina war auf ihrem Zimmer; davon überzeugt, erkundigte sich Konrad zuerst durch eine anscheinend ganz gleichgültige Frage nach ihr. Er setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf in die Hände und sah einen Augenblick der Arbeit der Mutter aufmerksam zu, indem er hohnlächelnd bei sich dachte: »Na, den Spektakel wollen wir sehen, wenn die Alte dergleichen Geschichten von ihrem Herzblatt erfährt!«

Obendrein schien Madame Schoppelmann sich durchaus in keiner rosenfarbenen Laune zu befinden, und wenn sie, wie es jetzt der Fall, verdrießlich war, so pflegte sie halblaute Selbstgespräche zu halten, sich selber Red' und Antwort zu geben, woraus alsdann ein aufmerksamer Beobachter leicht erfahren konnte, um was es sich bei ihr eigentlich handle, und der Jäger merkte demgemäß auch schon nach einigen Augenblicken, daß er für die Geschichte, die er auf dem Herzen hatte, keine bessere Stunde hätte wählen können.

»Sitz' ich da auf dem Markt,« brummte die Gemüsehändlerin und drehte den Topf mit der heißen Butter, damit er auf allen Seiten gleich warm würde, »sitz' ich da auf dem Markt und kommt die Köchin der Staatsräthin daher. Guten Morgen sag' ich – danke schön, sagt sie und seufzt. Was soll's mein Kind, frag' ich, braucht Sie etwas Extra's – speist der Justizrath im Hause? – ein paar Feldhühner – wie? – – und da seufzt denn die alte Creatur wieder und sagt: ach, Frau Schoppelmann, das ist ein wahres Kreuz und ein wahres Unglück für mich.« – – – – Hier murmelte die alte Frau eine Zeit lang so leise, daß man es unmöglich verstehen konnte, dann aber fuhr sie desto lauter fort: »mich soll der Teufel holen – hat die Staatsräthin verboten, von mir, der Frau Schoppelmann, ferner etwas zu kaufen – es ist unglaublich, aber wahr! Hat nicht die Köchin, das arme Weibsbild, ordentlich geweint, daß ich die noch obendrein trösten mußte – weiß Sie was, sagte ich, da ist vor der Hand nichts zu ändern. – Ach Gott, nein! sagte sie. – Geh' Sie zur Plunker, sagte ich. – Zur Plunker? fragte sie. – Die ist nach mir die Beste, sagte ich, eine brave Frau, und wenn sie etwas nicht hat, so kann's die Plunker bei mir holen. – Wein' Sie nicht, mein Schatz, es kommen noch Zeiten, wo die Schoppelmann wieder zu Ehren gelangt,« – Hier rückte sie den Buttertopf näher an's Feuer. – »Ja, zu großen Ehren – aber als sie nun fort ging und der Plunker das Geld hinzählte, kam doch über mich ein gewaltiger Zorn – daß dich ein Donnerwetter! dachte ich,« – Madame Schoppelmann stieß bei diesen Worten so grimmig in die brennenden Kohlen, daß sich Tausende von Funken zischend den schwarzen Schornstein hinaus flüchteten. – »So was muß man sich bieten lassen – und wer ist an allem dem Schuld? – Niemand, als der saubere Herr Eugen. – Ja – ja – ja – ja – wenn wir nur nicht noch Schlimmeres erleben.«

»Dazu sage ich Amen,« mischte sich Konrad mit lauter Stimme in's Gespräch.

Die Frau drehte sich überrascht herum; denn dergleichen Selbstgespräche waren bei ihr wie eine Art Nachtwandlerei, und wenn sie durch ein lautes Wort daraus gestört wurde, dann schrack sie zusammen.

»Na, wenn du Amen sagst,« sprach sie nach einer Pause, »dann muß es was Schönes sein!«

»Ich sagte Amen auf Eure Reden.«

»Ach, ich sprach nicht mit dir darüber.«

»Aber ich möchte mit Euch darüber sprechen.«

»Ei, sieh doch,« entgegnete die Frau, »Hab' ich nicht Herzeleid genug, mußt du noch was dazu lügen?«

»O, keine Lüge,« sagte lächelnd Konrad, »dies Mal was ganz Wahres. – Und nun erzählte der freundliche Bruder, wie und wo er draußen die Schwester gesehen, mit welcher Beschäftigung, in welcher Gesellschaft, und wenn auch, wie der geneigte Leser weiß, die Sache an sich nicht von ihm erfunden war, so machte er doch solche Zusätze und Bemerkungen, daß die Mutter noch viel Schlimmeres glauben mußte, als wirklich geschehen, und sie legte darauf die Hände in den Schooß und saß da starr vor Entsetzen.

»Und das ist alles wahr, Konrad?« fragte sie nach einer Pause, »und nichts daran gelogen?«

»Nicht das Geringste!« sagte der Sohn, »aber die Sache ist noch nicht zu Ende.«

»Und die alte Schachtel war dabei, das miserable Weibsbild, die so fromm und scheinheilig thut, daß man glauben könnte, sie habe keinen Begriff davon, daß es auch Mannsbilder in der Welt gebe?«

Konrad nickte befriedigend mit dem Kopfe. »Die war dabei,« sagte er, »aber hört weiter, und Ihr sollt künftig nicht mehr sagen, daß wir uns um nichts Ordentliches bekümmern. Ich ging den sauberen beiden Herren nach und holte sie noch vor dem Thore ein. Guten Morgen, Herr von Stillfried, sagte ich zu diesem, wollen Sie mir nicht ein Wort allein vergönnen? Und darauf trat der Andere auf die Seite.«

»Der Schulmeister, der sich mit ihm herumtreibt?« fragte die Mutter.

»Derselbe; und nun sagte ich sehr ruhig und höflich: Herr von Stillfried, ich habe Alles gesehen und gehört, und darauf wurde er so blaß wie Eure Schürze und wollte davon gehen. Daraus wird nichts, sagte ich ihm und faßte ihn am Arm; wir sind, sagte ich, freilich nicht so vornehm wie Sie, sagte ich, aber wir sind brave Bürgersleute, sagte ich, und wir haben eine Mutter daheim, sagte ich, wenn die das erfährt, kann es ein Unglück geben. – Was wollen Sie eigentlich? sagte er. – O! sagte ich, Herr von Stillfried, man lauft nicht nur so mit den Bürgermädels in dem Stadtgraben umher, der ganzen Stadt zum Spektakel, und ich bin der Bruder, sagte ich, und frage Sie nun ein für allemal: was haben Sie mit der Katharine vor? sagte ich; – darauf lachte er laut auf und der Schulmeister trat näher.«

»Nun?« fragte die Frau Schoppelmann und griff nach ihrem gewichtigen Schüreisen; »weiter! weiter!«

»Wenn Sie mit der Katharine öffentlich gehen, sagte ich, und sie in der Leute Mäuler bringen, sagte ich, dann müssen Sie sie auch heirathen, sagte ich.«

»Nun?«

Konrad zuckte die Achsel und spielte einen Augenblick den Zurückhaltenden; doch die Gemüsehändlerin stand von ihrem Sitze auf, eilte zu ihm hin und rief: »Sprich! ich will Alles wissen! was sagte er darauf?«

»Nun, er lachte und meinte, wie ich ihm nur so dummes Zeug sagen könne; denn Katharine, Eure Tochter, sei gut genug zum Amusement und wolle auch nicht weiter. Ich aber sei ein Narr und solle mich nur um mich bekümmern.«

Nach diesen Worten stand die dicke Frau wie erstarrt, sie riß ihre Augen weit auf, öffnete den Mund zum Sprechen, brachte aber kein Wort hervor; auch spielte ihre Gesichtsfarbe in's Dunkelrothe, und sie schnappte so ängstlich nach Luft, daß der gute Sohn und Bruder erschrocken hinter dem Tische hervorsprang, die Mutter am rechten Arm faßte und sie auf's Kräftigste zu schütteln begann – ein Mittel, das schon oftmals in ähnlichen Fällen die gewünschte Wirkung nicht verfehlt hatte. Auch jetzt brachte es das stockende Blut der dicken Frau auf's Neue in Umlauf; sie ließ sich auf einen Stuhl nieder, der an dem Tische stand, und Konrad sah zu seiner größten Befriedigung, daß ein paar Thränen über ihre dicken Backen rollten.

»Und du hast diesen Kerl nicht sogleich zu Boden geschlagen?« fragte die Frau schluchzend; »du führst ja sonst dergleichen immer in deinem Munde – du hast ihn wahrhaftig nicht zu Boden geschlagen?«

Konrad zuckte betrübt die Achsel und sagte: »Ihr könnt Euch denken, wie mir die Faust gejuckt, aber was war da zu machen? Der Schulmeister hätte mich nicht genirt; aber denkt Euch doch, es war ganz nahe am Thor, die Soldaten lungerten auf den Steinen an der Chaussee und die Schildwache spazierte auf und ab. Da wäre ich ein rechter Narr gewesen! Ich ließ ihn laufen und dachte: du entgehst mir gewiß nicht.«

»Das hoff' ich auch,« sprach die dicke Frau und schlug mit der rechten Faust auf die linke Handfläche; »dem soll das nicht so hingehen, und die Katharine, die jag' ich aus dem Hause, und das gleich!« – Sie wollte sich erheben, doch Konrad drückte sie derb auf den Stuhl nieder und sagte: »Nun seht mir wieder, wie Ihr seid, man kann wahrhaftig mit Euch nicht sprechen! Was wollt Ihr jetzt thun? Ein Geschrei anfangen, der Katharine Alles wieder sagen, daß die es ihrem Liebhaber mittheilt und der sich in Acht nimmt! – Bewahre, bewahre! Nichts dürft Ihr sagen, keine Sylbe der Katharine – seid doch klug!«

»Und wenn es ein Unglück gibt?« fragte besorgt die Mutter.

»Dafür laßt mich und den Fritz sorgen; wir behüten sie wie unsere Augen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sich der Herr Eugen nicht nächstens einmal hier in's Haus verliert, und dann« – schloß Konrad und ballte die Faust – »laßt mich nur machen!«

Die Unterredung wurde jetzt zu einem plötzlichen Ende geführt, indem die geschmolzene Butter aus dem Topfe über und in's Feuer lief, wodurch ein solches Geprassel, ein Gestank und Dampf entstand, daß die dicke Gemüsehändlerin, die neben der Mutterpflicht auch noch andere zu erfüllen hatte, erschrocken zu ihren Töpfen hineilte, so schnell, als es ihre Körperfülle erlaubte.

Konrad ging, seinen Bruder Fritz aufzusuchen, und sagte noch im Weggehen: »Also, Mutter, kein Wort zu der Katharine, sonst verderbt Ihr die ganze Geschichte!« Hierauf winkte Madame Schoppelmann mit der Hand, als wollte sie sagen, sie wisse schon, was zu thun sei, und blieb alsdann mit ihren Gedanken allein.

Der geneigte Leser ist so gut wie wir überzeugt, daß der junge Herr Schoppelmann der Mutter die Erzählung von der Zusammenkunft in einer unsauberen Brühe von Dichtung und Wahrheit vorgetragen.

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