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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtunddreißigstes Kapitel

Der geneigte Leser lernt das Wirthshaus zur wilden Rose, sowie kleine Theaterverhältnisse näher kennen.

Das Gasthaus zur wilden Rose, an welches wir den geneigten Leser in einem der vorhergehenden Kapitel führten, lag fast am äußersten Ende des bedeutenden Dorfes, dessen erster Gasthof, Post- und Schauspielhaus es zugleich war. Das Haus an sich war groß und geräumig, hatte im unteren Stock bedeutende Räumlichkeiten für Schenkstuben verschiedener Grade; so z. B. war eine da für die durchreisenden Fuhrleute mit ihrem Anhange, eine zweite für die Bauern, die hier ihren Schoppen tranken, eine dritte für die Honoratioren, als: den Schultheißen, den Schulmeister, den Förster oder auch zuweilen den Pfarrer, und an dieses stieß noch ein kleines Gemach, für vornehme Fremde bestimmt, die hier abgesondert ihr Mittag- oder Abendessen verzehren wollten.

Diese verschiedenen Zimmer waren ihrem Range nach auch verschieden ausgeschmückt. Während sich in dem Fuhrmannszimmer und dem darauf folgenden Gemache neben hölzernen Tischen und Bänken an den Wänden nur ein alter Kalender befand, sah man in dem dahinter befindlichen Raume, wenn auch die Möbel die gleichen waren, die Wände doch schon besser verziert; denn hier prangte eine Geschichte der heiligen Genovefa mit Hirschkuh, Schmerzenreich und Golo, dem Grausamen, Alles sauber und bunt kolorirt, mit schönen rührenden Unterschriften, welche von den Bauern und den zahlreichen Fliegen sehr aufmerksam durchgelesen wurden. Das Honoratiorenzimmer hatte schon Sessel, deren Sitz mit braunem Leder überzogen war, einen Tisch mit grünem Wachstuche, und an den Wänden die Bildnisse der königlichen Familie in einer sauberen, im nahen Städtchen verfertigten Lithographie, welche nur den einzigen Fehler hatten, daß man nämlich bei ihrem Anblicke auf die Vermuthung kommen konnte, sämmtliche Glieder dieser erlauchten Familie, wie sie hier abconterfeit waren, litten an leiblichen Gebrechen; denn während die Einen schielten, hatten die Anderen einen verdrehten Hals oder hohe Schultern, oder an Armen und Beinen verschiedene bis jetzt unentdeckte Gelenke. Ja, Seine Majestät der König, im grausamsten Waffenschmuck, saß auf einem Pferde, welches, ruhig stehend, eine solche entschiedene Neigung zum Umfallen zeigte, daß ein getreuer Unterthan nicht im Stande war, dieses Bild ohne Schrecken anzusehen.

Im letzten Zimmer hing das Bildniß der Wirthin des Hauses, in der That recht sauber gemalt, vor langen Jahren von einem durchreisenden Künstler verfertigt, welches dem heutigen Beschauer einen Begriff davon gab, welch' hübsche Frau die Wirthin zur wilden Rose damals gewesen war. Wenn wir vielleicht auch annehmen können, daß der Künstler, der sich in dem wild romantischen Thale länger aufhielt, als er Anfangs gewollt, der schönen Wirthin in jeder Hinsicht, also auch bei Anfertigung dieses Portraits, geschmeichelt habe, so wollen wir doch den Worten des alten Schulmeisters Glauben schenken, der uns auf Befragen hoch und theuer versicherte, es habe nichts Liebenswürdigeres, Lustigeres und Hübscheres gegeben, als die Wirthin, die Frau Rosel. Ja, wenn man mit dem Schulmeister näher bekannt wurde und das eben angedeutete Gespräch weiter verfolgte, so konnte man leicht auf die Vermuthung gerathen, als sei diese große Liebenswürdigkeit der Wirthin daran Schuld gewesen, daß sich der regierende Lehrer des Dorfes niemals verheirathete.

Wer aber noch Zweifel gesetzt hätte in die Worte des Schulmeisters, der brauchte sich nur die Mühe zu geben und Frau Rosel mit Kennerblick zu betrachten, so fand er selbst das, was in diesen späteren Jahren von ihrer Schönheit und Possierlichkeit übrig geblieben war, noch so bedeutend und wichtig, daß er gewiß geneigt war, dem damals durchgereisten Maler auf's Wort zu glauben und das Portrait im vornehmsten Gastzimmer für vollkommen echt und untadelhaft zu halten.

Frau Rosel war Wittwe, und obgleich sich ihr Name »Rosel« von ihrem Vornamen »Rosalia« herschrieb, ihr Familienname aber ganz anders lautete, so hatte man sich doch so daran gewöhnt, nur von der Frau Rosel zu sprechen, daß man den wirklichen Namen darüber ganz vergaß. Ja, bei öffentlichen Verhandlungen, wenn z. B. von ihrem Anwesen oder von ihren Gütern die Rede war, las man in den Blättern nicht anders, als etwa: der Krautacker der Frau Rosel, oder: die hintere Hausecke der Frau Rosel u. s. w. Selbst ihre einzige Tochter, welche man in der Taufe »Maria« nannte, wurde von Leuten, die nicht auf so vertraulichem Fuß mit ihr standen, um sie bei ihrem Vornamen nennen zu dürfen, Jungfer Rosel genannt.

Die Mutter Rosel war eine große starke Frau, sehr rund und sehr dick. Man hätte sie für eine entfernte Anverwandte von unserer guten Freundin, Madame Schoppelmann, halten können, doch war die Wirthin weit proportionirter, auch lange nicht mit derselben Körperfülle bedacht. Dabei waren Beide im Temperament vollkommen von einander verschieden. Es gab nämlich nichts Vergnügteres und Lustigeres, als das ewig heitere Gesicht der Wirthin. Ihre Augen glänzten vor Fröhlichkeit, ihr Mund war immer zum Lachen geöffnet und zeigte dabei sehr weiße Zähne, deren sich kein junges Mädchen hätte zu schämen gehabt. Dabei hatte die Frau das unschätzbare Geschenk von ihrem Schöpfer erhalten, daß es ihr nicht möglich war, etwas, das ihr in diesem Leben vorkam, lange von einer ernsten Seite zu betrachten. Sie nahm fast Alles für einen köstlichen Spaß auf, und wenn sie sich auch über etwas im ersten Augenblicke ärgerte, so dauerte das nicht viele Sekunden, und es war ihr gelungen, etwas Komisches daran aufzufinden, worüber sie herzlich lachen konnte.

Das Wirthshaus zu wilden Rose lag nicht ganz auf dem Grunde des Thales, sondern auf einem kleinen Hügel, etwas höher, als die übrigen Häuser des Dorfes. Man übersah das Letztere von den Fenstern des Wirthshauses, sah, wie sich der schlanke Kirchthurm aus den Stroh- und Ziegeldächern hervorhob; man überblickte das ganze Thal bis an die gegenüberliegende Bergwand, und wenn die Augen dort einem Wege folgten, der bald offen dalag, bald sich zwischen Bäumen und Felsen versteckte, so sah man das prächtige Schloß, welches die Anhöhe krönte, gerade vor sich liegen.

Der Karren des Schauspieldirektors war gestern Abend wohlbehalten angekommen, ein paar Stunden später auch der große Wagen mit dem Reste der Gesellschaft, mit Dekorationen, Requisiten und Costumen. Frau Rosel hatte ihren alten Bekannten lachend empfangen, und ihm, sowie seiner Gesellschaft, auf das Billigste recht ordentliche Zimmer angewiesen. Auch hatte sie sogleich Befehl gegeben, den großen Tanzsaal im Hinterhause, der während des Sommers zur Aufbewahrung von allerlei Geräthschaften benutzt wurde, alsobald auszuräumen und reinlich zu putzen. Das war noch des Morgens in aller Frühe geschehen, und als der unermüdliche Prinzipal schon um sechs Uhr eine Inspektion jener Räumlichkeiten unternahm, sah er zu seinem großen Vergnügen, daß hier schon sehr viel geschehen sei.

Frau Rosel war bereits in ihrer Küche beschäftigt, und dorthin begab sich auch der Schauspieldirektor, um der Wirthin einen guten Morgen zu wünschen. Sie saß neben ihrem Herde, auf dem ein gewaltiges Feuer loderte und die umfassendsten Zubereitungen für verschiedene Frühstücke gemacht wurden. Ihre Tochter Marie, ein hübsches, junges Mädchen, von vielleicht achtzehn Jahren, das genaue Ebenbild der Mutter und deßhalb sehr ähnlich dem Portrait im Gastzimmer, schüttelte aus einer gewaltigen Kaffeemühle die gemahlenen Bohnen in einen großen Topf, aus welchem später die verschiedenen kleineren angefüllt wurden.

»Nun, das freut mich wirklich,« rief Frau Rosel dem Schauspieldirektor entgegen, »daß Sie sich einmal wieder hierher nach Schloßfelden verirrt haben; jetzt sind es bereits vier Jahre. – Ich glaube doch, es sind vier Jahre; nicht wahr, Marie?« unterbrach die Wirthin den eigenen Strom ihrer Rede.

»Behüt' uns Gott, Mutter!« sagte die Tochter; »das sind wenigstens schon sechs Jahre.«

»Meinst du wirklich, sechs Jahre?«

»Gewiß, Mutter, sechs Jahre! Frag nur den Herrn Direktor.«

»Dann war es in jenem Sommer,« sagte sichtlich erheitert Frau Rosel, »als die vielen Extraposten durchkamen. Nein, die Zeit vergesse ich mein Leben nicht.« Bei diesen Worten zuckte eine lachende Geberde wie ein Blitz aus ihren Augen.

»Ja wohl, Mutter,« bestätigte Marie und stieß die Frau Rosel leicht an den Arm, »das war in jenem Sommer, wo dir die Geschichte passirt ist.«

»Du bist ein gottloses Kind!« versetzte die Mutter laut lachend. »Was brauchst du mich an die Geschichte zu erinnern! Nicht wahr, du weißt es, wie das viele Lachen wehe thut, und deßhalb plagst du mich damit? O du Ausbund von Gottlosigkeit! Dabei war aber Frau Rosel, wie es schien, aus eigenem Antriebe und für nichts und wieder nichts so in's Lachen hineingekommen, daß sie ihre Hüften halten mußte und ihr die Thränen über die Wangen herab liefen. Und obgleich die Tochter von jener Geschichte gar nichts mehr erwähnte und nur hie und da die Mutter neckisch anstieß, oder mit einem Auge blinzelte, so rief doch Frau Rosel unter dem gewaltigsten Lachen, das sich in einen kleinen Erstickungsanfall zu verwandeln drohte: »so hör' doch auf, du gottloses Kind! Quäl' deine arme Mutter nicht so! 's ist ja eine Schande, wenn ich mich vor fremden Leuten so anstellen muß!«

»Das sind ja für uns keine fremden Leute, der Herr Direktor nämlich,« entgegnete Marie mit dem ruhigsten und treuherzigsten Gesichtsausdruck. Doch blickte beständig aus ihren dunkelbraunen Augen, namentlich aber im gegenwärtigen Moment, ein lustig neckender Schelm, der nicht im Stande war, irgend Jemanden in Frieden zu lassen. »O, der Herr Direktor kennt uns recht gut; er war ja, wie du selbst vorhin sagtest, in dem Sommer hier; weißt du, in jenem Sommer, wo die Extraposten kamen und wo die Geschichte vorfiel.«

Hier lachte Frau Rosel auf's Neue und heftiger als zuvor. Ihr ganzer Körper zitterte ordentlich zusammen, und sie konnte erst wieder an Erholung von dieser gewaltsamen Aufregung denken, nachdem sie ihrer Tochter streng anbefohlen, augenblicklich die Küche zu verlassen und einstweilen nach dem Hühnerhofe zu sehen.

Das that denn auch Marie als ein folgsames Kind sogleich; doch sprang sie vorher auf die Mutter zu, schlang ihr die beiden runden Arme um den Hals, küßte sie auf den Mund und zischelte ihr darauf in die Ohren: »aber vergiß mir die Geschichte nicht!«

Damit sprang sie in großen Sätzen nach der Küchenthüre, und ein gelinder Klapps, den die lachende Mutter nach dieser unartigen Tochter führte, traf nur ihr Kleid und wurde draußen auf dem Gange mit einem freundlichen Lachen beantwortet.

»Sehen Sie, so geht's, wenn man zu gut ist,« sagte Frau Rosel, nachdem sie wieder zu Athem gekommen war, zu dem Schauspieldirektor. »Das böse Ding kennt meine schwache Seite! Wie andere Leute kitzelig an ihrem Körper sind, so bin ich, wenn ich mich so ausdrücken darf, kitzelig im Lachen, und wenn man mich in dem Punkte schon des Morgens beunruhigt, so habe ich auf den ganzen Tag keine stille Viertelstunde mehr. Und das weiß das ausgelassene Geschöpf. Ich bin darin eine ganz unglückliche Frau, und wenn sie mich heute unter Tags nur ansieht, und mag da zugegen sein, wer will, so muß ich laut hinausplatzen.«

»Aber war denn die Geschichte wirklich so schlimm?« fragte der Direktor, und gewiß nicht in der Absicht, Frau Rosel zum Lachen zu bringen, wie es vorhin Marie gethan. Doch zuckte schon bei dieser Frage wieder auf's Neue ein wahres Gewitter von Lachen in den Augen und Mundwinkeln der Wirthin, und sie rief aus: »lassen Sie mich um Gotteswillen zufrieden mit der Geschichte! Jetzt fangen auch Sie an, mich zu quälen! Sprechen wir von etwas Anderem, Vernünftigerem. – Wo waren Sie eigentlich all die Zeit über?«

»Wo soll ich herumgekommen sein?« sagte mit einem trüben Lächeln der Schauspieldirektor; »bald hier, bald da. Viel gewonnen habe ich in den sechs Jahren nicht, und bin in der That froh, daß ich mit dem, was ich damals besaß, noch so auf dem Laufenden geblieben bin. Freilich, einen unersetzlichen Verlust habe ich gehabt: der kleine Bub', der, als ich mich zum letzten Male hier befand, zwei Jahre alt war – wissen Sie, Sie hatten ihn so gern, er lief Ihnen überall nach, und Sie thaten dem armen kleinen Geschöpf so viel Liebes und Gutes, Gott möge es Ihnen vergelten! – der ist gleich nachher gestorben. Es ging mir ein ganzes Stück von der Seele ab, wie ich das Kind verlor.«

Es war eigentlich gut, daß der Schauspieldirektor das Gespräch, wenn auch ohne Absicht, auf etwas Trauriges brachte; denn das aufgeregte Gemüth der Frau Rosel beruhigte sich sichtlich dabei, und sie war froh, aus dem hellen, glänzenden, sonnenbeschienenen Ankergrunde ihres Gelächters von vorhin wegsegeln zu können in eine schattige kühle Bucht, an deren Ufern Trauerweiden herabhingen.

»Ja,« sagte sie nach einer Pause, »das war ein herziges Kind; ich hätte es so gerne bei mir behalten; wenn Sie es mir gelassen hätten, wäre es vielleicht nicht gestorben.«

»Glauben Sie das ja nicht, Frau!« rief fast erschrocken der Schauspieldirektor; »wir haben das Kind gepflegt, wie nur immer möglich, und als es anfing, krank zu werden, hielten wir in einem kleinen Dorfe an, und ich miethete eine gute Stube, wo die Frau mit dem Kinde blieb, während ich vorausziehen mußte, um Theater zu spielen und Geld zu verdienen. Damals gelangen mir,« fuhr der Mann fort, »alle nachdenkenden finsteren Charaktere wie sonst nie; denn ich dachte an das Kind, wenn ich mich anzog, und das gab meinem Gesichte ein betrübtes Aussehen, und wenn ich vor dem Publikum stand und spielte, dann dachte ich immer wieder nur an das kranke Kind, und dadurch klang meine Stimme dumpf und kläglich. – Doch das ist hinter uns, wie so Vieles – von was Anderm denn! Erzählen Sie mir lieber Ihre Geschichte von damals.« Der Mann fuhr mit der Hand über das Gesicht und sah die Wirthin mit einem erzwungenen Lächeln an.

»Laßt das gut sein!« entgegnete Frau Rosel; »nicht gleich wieder hinten nach solche Spässe. Ihr Schauspieler seid ein eigenes Volk: jetzt heiter, jetzt traurig, jetzt lachen, jetzt weinen, wie es gerade kommt und wie man die Hand umdreht.«

»Ganz richtig!« sagte der Schauspieldirektor, und sein erzwungenes, aber freundliches Lächeln von vorhin verwandelte sich in ein natürliches, aber düsteres, und er setzte mit bitterem Spotte bei: »Ganz recht, dafür werden wir ja bezahlt.«

»Sie haben mir ja noch gar nicht einmal gesagt,« fuhr die Wirthin mit heiterem Tone fort, ob Ihre Gesellschaft dieselbe geblieben ist, wie damals.«

»Fast dieselbe,« entgegnete der Direktor, indem er mit dem Kopfe nickte.

»Die Frau habe ich gesehen,« sagte die Wirthin, »die sieht recht gut aus, wie damals; die Schwägerin ist ein Bischen älter geworden und der lustige Trommler war auch dabei. Aber die Anderen mit dem zweiten Wagen kamen mir zu spät; ich war schon im Bette. Sind die noch alle da, wie früher?«

»Fast Alle,« antwortete der Direktor.

»Ihr Bruder?«

»Befindet sich wohl.«

»Und Ihr dicker Vetter, der die alten Väter spielte, glaub' ich, er hat auch bei uns einmal den Rummelpuff gegeben in der falschen Catalani; ich habe damals unsäglich gelacht; was er für Einfälle hatte, das war zum Sterben!«

»Ja, es war allerdings zum Sterben,« sagte ernst der Schauspieldirektor; »er ist auch daran gestorben, der arme Teufel!«

»Wer ist gestorben?« fragte entsetzt die Wirthin. »Und woran ist er gestorben?«

»An seinen Spässen,« entgegnete achselzuckend der Direktor. »Als wir einmal irgendwo waren, wo die wahre Kunst gar nicht ziehen wollte und wo wir uns auf allerlei Gaukeleien und Hanswursteaden verlegen mußten, da machte er ein verfluchtes Kunststück nach, das sie jetzt in den großen Städten sehen lassen: er spazierte nämlich auf einer Kugel, die sich unter seinen Füßen drehte, ein schief gelegtes Brett auf und ab, und dabei fiel er eines Tages hin – ich hatte ihn oft genug gewarnt – und verletzte sich so, daß er daran starb.«

»Das ist aber ganz schauderhaft!« meinte die Wirthin.

»Ja wohl,« entgegnete anscheinend ruhig der Direktor, »wie so Manches in der Welt.«

»Apropos!« fragte die Wirthin nach einem augenblicklichen Stillschweigen weiter, »was macht denn Herr Holder, der große Schauspieler mit der schönen Stimme?«

Der Direktor zuckte die Achseln und zog die Stirn in Falten. Darauf schaute er sich um, ob ihn von den Mägden Niemand belausche, und sagte: »Das ist eine ganz eigenthümliche Geschichte, Frau Rosel. Er ist freilich noch bei mir, kam gestern mit dem zweiten Wagen, ist, wenn er guten Willen und keine böse Laune hat, heute noch ein Künstler, dessen sich keine Hofbühne zu schämen brauchte; aber hier – damit zeigte er auf die Stirn – wird es immer schlimmer.«

»Das erschreckt mich,« sagte die Frau; »er thut einem doch am Ende nichts zu Leide?«

»O, unbesorgt!« entgegnete der Schauspieldirektor; »er ist im gewöhnlichen Leben wie ein Kind; ja, wie ein kleines Kind,« setzte er seufzend hinzu, »und nur Abends, wenn er vor den Lampen steht, da zeigen sich oftmals Spuren des zerstörten Denkvermögens. Das fängt so an, daß er in diesen Fällen seine Rolle plötzlich ganz und gar vergißt. Zuweilen hilft er sich nun durch ein höchst geistreiches Extemporiren; aber wenn er dazu nicht im Stande ist, seine Gedanken zu sammeln, und er die traurige Schwäche seines Kopfes fühlt und begreift, so geräth er oft in eine unbeschreibliche Wuth, und es muß nicht selten vor ihm und seinem Schwerte Alles von der Bühne flüchten. Ja, es geschah mir einmal, daß er in's Orchester hinunter sprang und anfing, einen armen Klarinettisten zu prügeln, von dem er behauptete, er schneide ihm absichtlich die fürchterlichsten Gesichter, und jener arme Teufel schnitt doch nur die Gesichter deßhalb, weil er es sich beim Blasen so angewöhnt hatte.«

»Und gibt es Niemanden, der in solchen Augenblicken eine Kraft auf ihn ausübt, der ihn von so lächerlichen Streichen abzuhalten vermag?« fragte die Wirthin.

»Es gab Jemanden,« entgegnete düster der Direktor, »und das war das kleine Kind, das uns gestorben ist. Dieses liebte er über Alles; er war ihm mit einer rührenden Anhänglichkeit zugethan, und die Spielereien des kleinen Wesens wirkten beruhigend auf seinen Gemüthszustand. Wenn er spielte, mußte das Kind auf seinem Stühlchen hinter der Coulisse sitzen, und wenn dies geschah, so hatten wir niemals den Ausbruch seines schlechten Humors, wie er seinen Zustand selbst zu benennen pflegte, zu befürchten. Er blieb alsdann meist ruhig, und wenn er sich je einmal erhitzte oder aufgeregt wurde, so begnügte er sich mit einigen Extemporationen, welche das Publikum nicht verstand, die aber auch nicht weiter störten.«

»Jetzt haben Sie aber auf einmal drei neue Leute engagirt, die gestern zuerst mit Ihnen kamen?«

»Mit denen hat es, glaube ich, eine eigene Bewandtniß,« sprach pfiffig lächelnd der Direktor. »Unter uns gesagt, glaube ich nicht, daß sie schon viel auf den Brettern gearbeitet; jedenfalls sind es Leute, die in guten Verhältnissen waren.«

»Und die noch in keinen schlechten sind,« entgegnete Frau Rosel leise und wandte ihr Gesicht dem Schauspieldirektor zu. »Der Eine von ihnen, der kleine Dicke, ließ sich heute Morgen erkundigen, was die Zimmermiethe und das Frühstück für die Woche ausmache, und nachdem man es ihm gesagt, zahlte er für vierzehn Tage voraus.«

»Das ist mir nicht unlieb,« meinte der Direktor; »sie werden alsdann keine großen Ansprüche an mich machen, und ihre Stellen füllen sie doch so gut als möglich aus.«

»Werden Sie uns schöne Stücke geben?« fragte die Wirthin. »Ach, da sind ein paar, die möchten wir gar zu gern noch einmal sehen!«

»Sie wissen, Frau Rosel,« sagte der Direktor lächelnd, »daß ich Sie immer zu Rathe zog, wenn ich mein Repertoire entwarf, und das soll auch dieses Mal geschehen, wenn Sie alsdann billige Wünsche haben.«

»Gewiß sehr billige,« antwortete Frau Rosel. »Da ist mein Leibstück, die Räuber auf Maria-Culm; dann der Hans Sachs; den habe ich neulich in der Stadt gesehen. Ich bin überzeugt, wenn Sie den Hans Sachs spielen, so geht sogar der Herr Pfarrer in's Theater; denn das ist doch gewisser Maßen ein christliches Stück; und wenn wir den Herrn Pfarrer nur einmal dazu bewegen können, so hat's durchaus keine Schwierigkeiten mit den schwarzen Kirchenmänteln und den beiden alten Ritterschwertern, die sich in der Sakristei befinden; es sind sogar drei neue dazu gekommen.«

»Was, Ritterschwerter?« sagte der Direktor mit zufriedener Miene; denn in dem Artikel war er sehr schwach versehen.

»Gott bewahre!« entgegnete die Frau; »Kirchenmäntel. Ich habe selbst einen gestiftet; er ist dunkelbraun, fast wie schwarz, die anderen aber sind ganz schwarz.«

»Ah so! das ist nicht so übel.«

»Dann noch Eins,« fuhr die Wirthin fort, welche eine große Freundin der Kunst war und den Direktor von jeher auf jede Weise und bestmöglich unterstützt hatte; »da haben sie auch hier ein Feuerlöschcorps eingerichtet; es sind ihrer Zwanzig, und die haben sich lederne Helme machen lassen mit kupfernen Knöpfen darauf. Ich kenne den Vorstand sehr genau, Sie müssen sich seiner auch noch erinnern: der junge Striegel, der Sohn des verstorbenen Steueraufsehers; er hat sich lang in der Fremde herum getrieben; man sagt sogar, er sei bei einer Seiltänzerbande gewesen, und ich glaube schon, daß was Wahres daran ist; denn klettern kann Ihnen der wie eine Katze, und Sprünge machen wie ein Eichhorn; deßhalb haben sie ihn auch zum Vorstand der Feuerlöschgeschichte gewählt. Eine sehr nützliche Anstalt; denn wo es nur in einem Kamin unrecht zu dampfen anfängt, da sind sie gleich bei der Hand und spritzen einem das ganze Haus voll Wasser. Freilich wird dadurch Manches ruinirt; aber es ist doch besser, wenn es von Wasser verdorben wird, als wenn es so unnützer Weise verbrennt.«

»Und was die Helme anbelangt,« unterbrach der Direktor den Redefluß der Frau.

»Die werden wir bekommen. An Helmen hat's Ihnen doch immer gemangelt. Das wird gar nicht fehlen, daß wir sie bekommen. Dafür geben Sie ihnen ein Freibillet oder lassen sie einmal mitspielen, so als Wilde, als Rathsherren oder als Räuber; daran ist doch immer Mangel.«

»Ich könnte sie auch mit ihrer Feuerspritze einmal benutzen,« sagte der Schauspieldirektor nachdenklich, »da gibt es ein vortreffliches Stück: »Steffen Langer aus Glogau,« darin kommt eine ganze Brandspritze vor mit sämmtlicher Bedienung, was überall einen wunderbaren Effekt gemacht. An allen Orten, wo ich etwas Sinn für die Kunst vorfand, war man von dieser Idee so frappirt, daß die Brandspritze, nachdem sie abgefahren war, stürmisch da capo verlangt wurde, und dazu mußten die Musikanten im Orchester einen Tusch blasen.«

Marie kam wieder in die Küche zurück, und in ihrem schelmischen Gesichte zuckte es immer noch umher, wie ein verloren gegangenes Lächeln, das sich alle Mühe gibt, wieder gefunden zu werden. Mit wahrhaft komischem Ernste ging sie an den Herd, konnte sich aber nicht enthalten, zu sagen, ohne jedoch dabei die Mutter anzusehen: »Jetzt wollen wir aber auch nie mehr von der Geschichte sprechen.«

»Du bist ein gottloses Kind!« entgegnete Frau Rosel. »Du wirst noch einmal sehen, daß ich über deine Kindereien ernstlich böse werde.« Dabei war aber auf ihrem Gesichte von Zorn keine Spur, und ihre Augen funkelten sehr vergnüglich, und in ihren Mundwinkeln zuckte es heftig, so daß Marie, als sie zufällig aufblickte, ein leises Gekicher nicht unterdrücken konnte, was auch auf die Mutter so ansteckend wirkte, daß sie plötzlich mit aller Kraft laut hinaus lachte und nachher wahrhaft komisch aussah, als sie sich vergeblich abmühte, einige ernste Züge zusammen zu bringen, um ihre naseweise Tochter würdevoll und strafend ansehen zu können.

Auch der Schauspieldirektor mußte mitlachen, und die Mägde am Herde und Marie lachten jetzt so heftig wie möglich, und Frau Rosel am tollsten von Allen, so daß es durch das ganze Haus schallte und im ersten Stock, wo Eugen und Herr Sidel wohnten, ganz deutlich gehört wurde.

»Das ist ein lustiges Haus,« sagte der Letztere, der eben im Begriffe war, seine Morgentoilette zu machen.

Eugen lag bereits im Fenster und rauchte eine Cigarre mit unendlichem Behagen in die frische Morgenluft hinaus.

»Ich habe die ganze Nacht die besten Träume gehabt,« fuhr der lustige Rath fort, »und das war auch gar nicht anders möglich; denn gestern Abend bin ich unter einem ebenso herzlichen Lachen eingeschlafen, wie das, welches wir so eben gehört. Das muß hier ein außerordentlich vergnügtes Haus sein.«

»Ich habe es auch bemerkt,« versetzte Eugen, »und mir scheint, unsere Wirthin ist so lustiger Natur. Nun, das ist schon angenehm; ich liebe nichts so sehr, wie fröhliche Gesichter um mich. – Nun, bist du bald fertig? Komm einen Augenblick daher an's Fenster; das Thal hier gewährt, namentlich in der Morgenfrische, einen außerordentlich entzückenden Anblick, und wir haben heute einen wahrhaft prachtvollen Tag.«

»Gleich, gleich!« sagte Herr Sidel; »ich muß nur noch meine Halsbinde umnehmen; ich kann mich unmöglich so im Negligé sehen lassen, das müßte unfehlbar unserem Ansehen schaden. – Aber da bin ich.«

Der lustige Rath legte sich nun ebenfalls in's Fenster und athmete mit sichtlichem Wohlbehagen die frische, duftige Luft ein, die aus dem Thale aufstieg und die aus den Wäldern von der andern Seite herüber wehte.

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