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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Sechsunddreißigstes Kapitel

Worin der Leser erfährt, wie gefährlich offen stehende Hinterthüren und unternehmende Hofbediente sind.

Während sich dies droben bei der Herrschaft begeben, mußte drunten bei der Dienerschaft etwas nicht weniger Wichtiges verhandelt werden. Verhandelt ist eigentlich nicht das richtige Wort, denn zu einer Verhandlung gehören mehrere Personen, die sich im Verein mit einem Gegenstande beschäftigen; dies war aber bei der Stillfried'schen Dienerschaft im gegenwärtigen Augenblicke durchaus nicht der Fall. Sie, die sonst so einträchtig zusammen lebte, und namentlich um diese Morgenstunde stets beisammen im Hauptquartiere, in der Küche, zu finden war, machte sammt und sonders heute Morgen hievon eine betrübte Ausnahme.

Die Küche stand offen, wie gewöhnlich, auch pickte in derselben die Schwarzwälderuhr in dem gleichen Takte wie sonst, und Martha, die Köchin, war ebenfalls in ihrer Küche; aber, was seit langen Jahren nicht vorgekommen war, sie befand sich allein, nicht rührig und thätig, nein, sie saß hinter dem Küchentisch auf einem Stuhle, sie hatte die Hände zusammen gefaltet in den Schooß gelegt, sie blickte tief nachdenkend in eine Ecke der Küche, und nur dann und wann fuhr sie aus ihren tiefen Träumereien in die Höhe und griff mit einer schrecklichen Geberde nach der großen Spicknadel, um sie einem armen Hasen, der vor ihr auf dem Tische lag, mit wahrhaft kannibalischer Lust durch das Fleisch des Schenkels zu stoßen. Ja, sie that also; aber alles das in tiefes Nachdenken versunken, und als sie alsdann die Nadel drüben wieder heraus zog, merkte sie erst, daß sie den Speck vergessen hatte, und dann sank sie wieder in ihren Stuhl nieder mit einem herzbrechenden Seufzer.

Martin, der Kutscher, der seinerseits nicht um eine Million des Morgens aus der Küche geblieben wäre, befand sich heute im Stalle; und dort saß er auf der Futterkiste, hatte eine alte wollene Pferdedecke auf dem Schooße und trommelte mit den Füßen einen Trauermarsch: drumm – drumm – – drumm – – drumm! Dabei hatte er den Kopf in die Hand gestützt und schaute nachdenkend an die Decke.

Selbst Jakob, der alte ruhige Diener, der sehr schwer aus dem Gleichgewichte zu bringen war, beschäftigte sich einsam und allein auf der Porzellan- und Silberkammer, und wenn man bemerkte, wie heftig er die Schlösser aus- und zudrehte, so konnte man wohl auf die Vermuthung kommen, auch ihm sei etwas absonderlich Unangenehmes passirt, was den bedächtigen, ruhigen Mann so seltsam verwandelt; zuweilen ging er in dem Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, blickte mitunter auch wohl Minuten lang zum Fenster hinaus, hielt die Hand an die Stirn, drückte mit zwei Fingern seine Nasenspitze fest zusammen, kurz, betrug sich wie Jemand, der über eine wichtige Sache eifrig nachdenkt.

Nanette, das Kind, die im gewöhnlichen Leben durch ihr naives, kindisches Betragen und ihre vorzüglichen Einfälle die lustige Person in der Küche abgab, war heute Morgen am meisten verwandelt und saß in dem Waschzimmer, unter großen Haufen von Wäsche, als ein Bild der Traurigkeit. Sie hatte stark aufgelaufene, roth geweinte Augen und war gar nicht mehr zu kennen. Zuweilen arbeitete sie emsig in ihrem Geschäfte, sortirte die Wäsche und legte sie in schönen Haufen in die dazu bestimmten Schränke; gleich darauf zeigte sie wieder eine Geistesabwesenheit, die offenbar zum Weinen war. Da legte sie Hemden und Servietten auf einander, Tischtücher, Strümpfe und Küchenschürzen neben Nachtmützen der gnädigen Frau; oftmals aber auch that sie wie Martha und legte die Hände ganz in den Schooß und versank in eben solch tiefes Nachdenken, wie ihre Kollegin in der Küche. Doch müssen wir dabei bemerken, daß Nanette bei diesen unverkennbaren Ausbrüchen des tiefsten Schmerzes auch lichte Momente hatte, wo ihr Auge freudig glänzte und ihre Mundwinkel sich zum Lächeln in die Höhe hoben. In solchen Augenblicken erhob sie sich von ihrem Geschäfte, trat an's Fenster und schaute auf die Straße hinab. Ja, wir müssen gestehen, daß sie alsdann auch mitunter ihre Lippen bewegte und anfing, ein Lied zu summen, von dem aber nur die Worte zu verstehen waren:

Freudvoll und leidvoll –
Gedanken sind frei.

Das mochte in den vier eben benannten Räumen des Stillfried'schen Hauses eine gute Stunde so gedauert haben, da riß sich Martin, der Kutscher, zuerst empor aus seinem Schmerze. Er warf die Stalldecke in einen Winkel, rutschte von der Futterkiste herab und ging nach der Küche, seine schwarze Tuchmütze tief in die Augen gedrückt, die rechte Hand in den Rock gesteckt, mit langsamen, feierlichen Schritten. In der Küche angekommen, setzte er sich stumm hinter die Thüre auf seinen gewöhnlichen Platz neben der Schwarzwälderuhr und nickte, ohne ein Wort zu sagen, leise, aber bedeutsam mit dem Kopfe.

Martha, die Köchin, that sich in diesem Augenblicke die offenbarste Gewalt an, um nicht in ein lautes Weinen auszubrechen; ja sie begann mit einer wahren Wuth den armen Hasen zu spicken, stopfte ihm aber in ihrem Schmerze solche schreckliche Speckbrocken in den Leib, daß sie von dreien immer zwei wieder heraus ziehen mußte. Und wenn dies geschah, wandte sie sich achselzuckend zu Martin, und ihre jammervolle Miene wollte offenbar ausdrücken: »Muß man nicht zerstreut sein bei solchen entsetzlichen Veranlassungen?«

Auch der alte Jakob sah, daß er heute Morgen keinen Sinn für Porzellan und Silber habe, und schloß deßhalb seine Schränke und ging hinab, um ebenfalls in der Küche Trost zu suchen.

Sein Eintritt war das Zeichen zu einigen wirklichen Thränen der Köchin; der alte Martin wischte sich heftig die Augen, worauf sich selbst Jakob veranlaßt sah, eine starke Prise zu nehmen. Dann klopfte er heftig auf den Deckel seiner Dose und sagte: »was nützt alles das Geflenn? geschehene Dinge sind nicht zu ändern; jetzt muß man dafür sorgen, die Sache auf eine anständige Art zu Ende zu bringen.«

Wir können hier als Erzähler nicht umhin, die Vermuthung auszusprechen, als glaube der geneigte Leser, die Vorfälle im Schoppelmann'schen Hause in Bezug auf Herrn Eugen Stillfried seien es, was die Dienerschaft des elterlichen Hauses so in Schmerz und Betrübniß versetzt. Wir müssen aber erklären, daß der Grund hievon ein anderer ist. Hatte auch die Nachricht von dem neulichen Vorfalle die sämmtliche Dienerschaft so bestürzt gemacht, so war dagegen die Thatsache, daß Herr Eugen dem jungen Schoppelmann Tüchtiges ausgewischt und daß er darauf schleunig die Stadt verlassen, so erfreulicher Art, daß man sich hierüber bald wieder beruhigte. Auch hatte Jakob, der den Zusammenhang genau zu kennen schien, die Versicherung abgegeben, es sei für den jungen Herrn weit besser, daß er für eine Zeit lang die Stadt verlassen habe.

Etwas Anderes war es demnach, was die Gemüther der sämmtlichen Stillfried'schen Dienerschaft so schmerzlich drückte. Jakob hatte gesagt: geschehene Dinge seien nicht zu ändern, und man müsse nur dafür sorgen, daß die Sache auf eine anständige Art zu Ende gebracht werde. Martha hatte bei diesen Worten augenscheinlich geschaudert.

»Ich habe das Ding schon lang gemerkt,« sprach Martin, »da mögt ihr sagen, was ihr wollt. Wenn ich auch nicht gewußt, um was es sich handelt, so sah ich doch, daß etwas nicht richtig war.« »Und woran saht Ihr das?« fragte erschrocken die Köchin.

»Das will ich Euch sagen,« fuhr der Kutscher fort. »Seht Ihr, die Nanett', die war bis vor einem halben Jahre ganz anders. Damals hatte sie noch über alles so recht herzlich gelacht; das konnte man ihrer großen Jugend schon verzeihen; denn nebenbei gesagt, wenn man ihr etwas auftrug, so hatte sie es immer pünktlich ausgerichtet; dabei bekümmerte sie sich um die ganze Welt nicht; die Hausthüre machte sie höchst ungern auf, Ausgänge für sich zu machen, liebte sie gar nicht, und wenn man sie einmal wegschickte, so kam sie in der allerkürzesten Zeit zurück.«

»Das ist alles wahr,« sagte Jakob.

»Hat sich aber in der letzten Zeit sehr verändert,« fuhr der Kutscher fort.

»Richtig,« meinte die Köchin, und legte die Spicknadel nieder mit einem so verblüfften Gesicht, als erstaune sie über ihre eigene Dummheit, das nicht früher gemerkt zu haben.

»Seit einem halben Jahre,« so sprach Martin weiter, »wenigstens seit ein paar Monaten, habe ich die Nanett' nicht mehr aus Herzensgrund lachen hören; das war, wenn es vorkam, nur so ein erzwungenes Gekicher, und wenn man einmal einen Spaß mit ihr machte, da konnte sie im vollen Ernste verlegen werden. Wißt ihr noch, wie ich vor einiger Zeit sagt«: ich hätte jetzt alles Ernstes Lust, mich zu verheirathen, und wenn sie dazu geneigt wäre, so wollte ich mit der Madame ein Wort sprechen?«

»Das war aber auch ein schlechter Spaß,« sagte einigermaßen ärgerlich die Köchin; »man muß den jungen naseweisen Dingern solche Grillen nicht in den Kopf setzen.«

»Da hat sich was in den Kopf zu setzen!« lachte der Kutscher. »Doch hört weiter! Zerstreut war die Nanett' in letzter Zeit auch sehr. Wißt Ihr noch, wie sie der gnädigen Frau vor vierzehn Tagen das Salzfaß servirte, als diese ein Glas Wasser befohlen?«

»Gerechter Gott, das ist wahr!« sagte die Köchin; »das hätte ich fast Vergessen.«

»Und wie gern ging sie in letzter Zeit aus!« sprach der Kutscher. »Hat sie nicht sogar mehrere Male gebeten, für Euch auf den Markt gehen zu dürfen? Da traf sie mit ihm zusammen; das könnt Ihr mir glauben.«

»Ja, und wie lange blieb sie nicht jedes Mal aus!« sagte die Köchin entrüstet, der auf einmal eine ganze Gasbeleuchtung aufzuflammen schien; »und dann fällt mir auch noch ein, so oft ich sie in der letzten Zeit rufen mußte, stand sie unter der Hausthüre.«

»Was hilft da alles Gerede?« mischte sich jetzt Jakob in das Gespräch, das die beiden Andern bis jetzt aufs Eifrigste allein geführt. »Glaubt Ihr, daß der junge Mensch gute Absichten auf das Mädchen hat?«

Die Köchin sah erröthend auf den halbgespickten Hasen.

»Das glaube ich wohl,« bemerkte wichtig der Kutscher, »und ich habe dem Monsieur heute Morgen, als ich sie bei einander traf, unsere Meinung über diesen Punkt ziemlich klar auseinander gesetzt.«

»Und Ihr habt sie also wirklich bei einander getroffen?« fragte schüchtern die Köchin und hantierte eifrig mit ihrer Spicknadel.

»Das will ich meinen!« entgegnete bestimmt Martin. »Ich bin schon im Hause der Erste des Morgens aus den Federn, und wenn ich für meine Pferde Wasser hole, so dreht Ihr Euch alle noch ein paar Mal herum. Das denke ich denn heute Morgen selber, als ich so durch das stille Haus gehe, und sage mir: So ein Kutscher hat doch ein mühseliges Geschäft! und dabei nehme ich meine Eimer und trage sie in den Stall. Wie ich nun so durch den Hof gehe und von Weitem die kleine Thüre erblicke, die auf die Gasse führt, hinten am Hause, so denke ich: Blitz auch, steht die nicht offen? das wär' mir eine saubere Wirtschaft! da hätten Diebe die allerbeste Gelegenheit! Wie ich näher trete, sehe ich, daß ich mich wahrhaftig nicht geirrt: die schweren Riegel sind zurückgeschoben, und als ich langsam näher trete, höre ich leise zusammen sprechen.«

»Leise zusammen sprechen?« wiederholte die Köchin mit einem tiefen Athemzuge.

»Und wessen Stimme erkenne ich?« fuhr der Kutscher fort. »Die Stimme der Nanett'. Ich denke, mich soll der Schlag treffen, und höre zugleich die Stimme eines Mannes, und die Beiden plaudern von Liebe und ewiger Treue und solchen Geschichten.«

»Ach, hört doch auf!« bat schüchtern die Köchin und wandte ihr Gesicht schamvoll auf die Seite von dem gespickten Hasen hinweg, als habe dieses arme Geschöpf irgend einen Antheil an der trauervollen Geschichte.

»Ja, da hat sich was zum Aufhören!« sagte der Kutscher einigermaßen entrüstet. »Die Beiden hörten auch nicht, wie ich kam – ich, der Kutscher – und dachte mir doch, der Bursche, den ich da trappirte, müßte augenblicklich um eine Ecke verschwinden und das junge Ding sich in Verzweiflung ein Mauseloch suchen.«

»Nicht?« fragte die Köchin, offenbar auf's Schmerzlichste überrascht.

»Gott bewahre! die Nanett' wurde freilich ein Bischen roth, zupfte an ihrer Schürze und stammelte ein paar Redensarten ohne Sinn und Verstand, aber der Monsieur – es war ein Hofbedienter – stellte sich trotzig vor mich hin, legte die Hände auf den Rücken und sagte mit unbeschreiblicher Frechheit: Guten Morgen, Herr Kamerad! – Der Teufel auch! ich habe keine Lust. Sein Kamerad zu sein, und mir wäre es auch nie eingefallen, des Morgens in aller Frühe an fremden Hinterthüren herumzuschnuppern und junge Mädel zu verführen und mich patzig anzustellen! und was man zu einem ähnlichen Falle weiter sagt. Da wurde der Kerl ebenfalls grob und murmelte etwas von einem alten Esel, worauf ich die Nanett' am Arme hereinzog und die Thüre wieder zuriegelte. So steht die Geschichte. Ich habe aber zur Vorsorge noch ein Vorhängeschloß angebracht.«

»Ja, ja, es hat mich überrascht,« sprach Jakob bedächtig, indem er abermals eine Prise nahm; »wir hatten das Mädchen so, wie man sagt, in unsere Familie aufgenommen, in unseren Kreis, wo Eins für das Andere lebt, wo man sich hilft, wo man keine Geheimnisse vor einander hat.«

»Ja. das ist wahr!« jammerte Martha.

»Und da sich uns nun das junge Mädel zu entfremden sucht, durch diese Liebschaft, so kann man wohl sagen, daß sie dadurch unserer Gemeinschaft treulos geworden ist.«

»Gewiß!« jammerte die Köchin; »und das hätte ich von diesem Kinde in meinem ganzen Leben nicht gedacht. Nein, es ist unverantwortlich, ganz ausgesucht abscheulich!«

»Sagen wir lieber: es ist der Lauf der Welt,« entgegnete Jakob; »man sollte eigentlich niemals auf eine von Euch Vertrauen setzen: wenn der rechte Wind kommt, segelt Ihr doch aus dem ruhigsten Hafen in die offene See hinaus. – Aber Freund Martin« – wandte er sich an diesen – »habt Ihr das Mädchen nachher nicht gehörig ausgefragt, was sie für Hoffnungen und Erwartungen von diesem Hofbedienten hat?«

»Ja, das habe ich freilich gethan, und habe ihr auch bemerklich gemacht, daß wir hier unter uns solche Liebschaften nicht gebrauchen können. Und was meint Ihr wohl, daß sie mir darauf zur Antwort gab? – Sie bedaure recht sehr, das Haus verlassen zu müssen, aber sie wolle noch den nächsten Herbst heirathen.«

»Heirathen?« sagte empört die Köchin; »so ein unreifes naseweises Ding!«

»Ja, hört nur weiter, was sie noch mehr sagte: mit der gnädigen Frau habe sie schon vor acht Tagen darüber gesprochen, und die sei vollkommen damit einverstanden. – Hinter unserem Rücken mit der gnädigen Frau zu verhandeln!«

»Das ist allerdings stark!« meinte auch Jakob.

»Und sich verheirathen zu wollen!« lachte krampfhaft die Köchin; »ich wohne mit der Nanett' nicht mehr in Einem Zimmer; eine Person, die mit dem Gedanken umgeht, nächstens heirathen zu wollen –«

»Wird Ihr deßhalb doch nicht gefährlich werden, Jungfer Martha,« meinte Jakob lächelnd; »so eine Brautschaft steckt nicht an, darüber kann Sie sich beruhigen.«

Hier wurde die Unterredung durch einen starken Zug der Klingel aus dem Zimmer der Staatsräthin unterbrochen. Jakob eilte die Treppe hinauf, und als er nach einigen Minuten wieder herunter kam, blieb er nachdenklich an der Küchenthüre stehen, stemmte seine beiden Arme in die Seiten und schüttelte bedeutsam mit dem Kopfe.

»Nun, was gibt's?« fragte Martin, der erstaunt diesem außerordentlichen Benehmen zusah.

Auch die Köchin, welche im Begriffe war, den endlich fertig gewordenen Hasen in die Bratpfanne zu legen, hielt dieses unglückliche Schlachtopfer an den beiden Hinterläufen in die Höhe und blickte ebenfalls mit Verwunderung auf Jakob.

Dieser schüttelte mehrmals seinen Kopf, nahm außerordentlich bedächtig eine Prise und sagte: »Das ist wirklich sonderbar.«

Auf diese Ausrufung hin gelangte der Hase noch nicht in die Bratpfanne, vielmehr wurde er wieder auf den Küchentisch plazirt, und Martha trat dem alten Kammerdiener näher und fragte: »Was ist denn so sonderbar, Meister Jakob?«

»Wirklich merkwürdig!« sagte dieser, »Nun rathet einmal: was hat mir die gnädige Frau für einen Auftrag ertheilt?«

»Vielleicht, daß die Nanett' plötzlich aus dem Hause soll?« meinte freundlich lächelnd die Köchin.

Jakob schüttelte abermals mit dem Kopfe und versetzte: »Das ist es nicht; aber es kam mir sehr unerwartet.«

»Nun, so sagt's gerade heraus, Jakob!« meinte der Kutscher. »Wie können wir eigentlich errathen, was Euch die gnädige Frau für einen Auftrag ertheilt hat! Betrifft es vielleicht einen von uns? mich zum Beispiel?«

»Oder mich?« meinte eifrig die Köchin.

»Euch könnte es schon mitbetreffen,« sagte pfiffig lächelnd der alte Bediente.

»Gerechter Gott! 's ist doch nichts Schlimmes!« rief Martha auf diese Worte.

»Nein, nichts Schlimmes,« sagte nun Jakob außerordentlich freundlich; »gar nichts Schlimmes, was Gutes in jeder Hinsicht, und wenn es schon an sich was Angenehmes für uns Alle ist, namentlich für Euch, alte Martha, so kann es doch am Ende der Anfang zu etwas ganz Glückseligem sein, was uns Alle betrifft. – Hurrah!«

Bei diesen Worten lachte der alte Diener herzlich hinaus und stieß den Kutscher, der sich ihm ebenfalls genähert, freundschaftlich mit der Faust auf die Brust.

»Als ich hinauf kam,« fuhr er nach einer Pause fort, »saß die gnädige Frau auf ihrem Lehnstuhle an dem bekannten Plätzchen, und ich sah ihren Augen an, daß sie heftig geweint hatte. – Er war ja da gewesen!« setzte Jakob mit einer finsteren Miene hinzu. »Die gnädige Frau war sehr aufgeregt, und als ich vor ihr stand und nach ihren Befehlen fragte, wandte sie ihr Gesicht von mir ab, und es dauerte einige Sekunden, ehe sie zu mir sagte: »Ihr kennt die Frau Schoppelmann, die Lieferantin, genauer, nicht wahr, Jakob?« – »Allerdings, gnädige Frau,« sagte ich, »seit langen, langen Jahren.« – »Es ist im Grunde eine ordentliche Frau,« meinte sie. – »Wenn mir die Frau Staatsrätin zu Gnaden halten wollen,« sagte ich, »eine kreuzbrave Frau, nur hie und da ein Bischen auffahrend und heftig.« – »Und ihre Kinder?« sagte sie. – »Die taugen nichts!« antworte ich Esel, denn ich denke, sie spricht von den Söhnen; und als sie mich darauf erstaunt ansieht, fühl' ich die Dummheit, die ich gemacht, und sage: »Nun, Euer Gnaden, ich habe die beiden jungen Schoppelmänner gemeint; was aber das Mädel anbelangt, so gibt's nichts Braveres und Besseres in der ganzen Stadt.« – »Meint Ihr das wirklich, Jakob?« sagte sie darauf mit einer außerordentlich freundlichen Stimme. »Nun, ich will's ja glauben; also –«

Bei diesen letzten Worten sah Jakob mit lustiger Miene bald den Kutscher, bald die Köchin an. »Also jetzt kommt der Auftrag; nun, was meint ihr?«

»Dummheiten!« murmelte der Kutscher; »seid doch nicht so ein alter Kerl; fahrt zu!«

»Ich habe also den Auftrag,« fuhr der alte Diener ernst und feierlich fort, »die Frau Schoppelmann sammt ihrer Tochter Katharine auf heute Nachmittag vier Uhr zur gnädigen Frau zu bestellen.«

»Ah, der Tausend!« rief die Köchin; »das ist freilich eine gute Kommission.«

»Gefällt mir auch,« sagte der Kutscher; »möchte nur das Gesicht von der dicken Frau sehen.«

»Das ist am Ende gar nicht einmal freundlich,« meinte Jakob; »sie hat einen alten, hartnäckigen Kopf; nun, wir wollen ihr die Sache schon gehörig vorstellen.« Damit holte der alte Bediente seinen Hut vom Nagel herunter, zog ein Paar waschlederne Handschuhe an und begab sich in die Stadt, seinen Auftrag auszurichten.

Da er aber seiner alten Beine wegen ziemlich langsam durch die Straßen stolperte, wir dagegen die Macht haben, mit der Schnelligkeit der Gedanken ihm vorauszueilen, so treten wir schon in den Hofraum der Gemüsehändlerin ein, ehe Jakob noch das Thor des Stillfried'schen Hauses hinter sich in's Schloß gezogen.

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