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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

In welchem die Reisenden mit einer Künstlergesellschaft zusammentreffen und ein gutes Nachtlager finden.

Unterdessen war der Karren, den man vorhin im weiten Felde gesehen, näher und näher gerückt und jetzt am Fuße des Hügels angelangt, auf welchem sich unsere Gesellschaft befand. Der Karren war ein Mittelding zwischen einem solchen und einem Wagen, das heißt, er hatte vier Räder; der Kasten, der blau und roth angestrichen war, ruhte auf Druckfedern und war mit einem Zelt überspannt von roth und weiß gestreiftem Zeuge, unter welchem sich die Damen der Gesellschaft, das war die Frau des Direktors mit ihrer Schwester, sowie der ersteren vier Kinder befanden. Der Mann, der diese ganze Kunstanstalt leitete, hielt es nicht unter seiner Würde, sein Pferd vorwärts zu treiben und auch solcher Gestalt den Thespiskarren zu dirigiren. Er war ein großer starker Mann und hatte in seinem Aeußern etwas von einem Müller; denn sein Anzug bestand in einem gelblich-weißen tuchenen Rock, der bis unter das Kinn zugeknöpft war und von da in ansehnlicher Länge bis auf die Füße niederwallte. Seine Kopfbedeckung bestand in einem einst weiß gewesenen Filzhut, und darunter hervor blickte ein stark knochiges, ziemlich geröthetes Gesicht mit kohlschwarzem Haupthaar und einem mächtigen Backenbart von derselben Farbe.

Am Fuße des Hügels hielt der Karren, und der Schauspieldirektor rief in das Innere desselben: »jetzt könnt' es nichts schaden, wenn ihr ein bischen ausstieget; reicht mir die Kinder behutsam heraus, sie können ein wenig laufen, und dir und deiner Schwester wird's, glaub' ich, auch Vergnügen machen, den ziemlich starken Hügel hinan zu steigen. Die Sonne sinkt schon nieder, es ist nicht mehr so arg heiß.«

»Wie du meinst, Hektor,« sagte eine Frauenstimme aus dem Wagen.

»Hier nimm den kleinen Hugo« – Hugo wurde auf den Boden gesetzt. – »Sei artig, Hypolit,« fuhr die Dame fort, »man kann nicht immer gefahren werden, das Pferd will auch ein wenig ausruhen.« Hypolit schien nicht dieser Ansicht zu sein, sondern wischte sich verdrießlich die Augen und stampfte unartig mit seinen kleinen Beinen in der Luft, ehe ihn der Vater auf den Boden setzte. Hierauf kamen die beiden Direktorstöchter, junge Damen von sechs bis acht Jahren, Euphrosine und Amalie, und ihnen folgte die Prinzipalin selbst. Sie war eine Frau in gutem Alter, zwischen den Dreißig und Vierzig, ziemlich korpulent, mit dunkelm Haar, freundlichen Augen und einem munteren Wesen. Ihre Schwester, die hierauf mühsam über das Rad herab kletterte, hätte man im zweifelhaften Falle gewiß für keine Verwandte erklärt. Sie war angeblich die jüngere Schwester, in der Wirklichkeit aber die ältere, hatte eine lange, dürre Figur, hellblonde Haare und spielte Anstandsdamen und Heldinnen.

Herr Trommler hatte nicht sobald gesehen, daß drunten am Fuße des Hügels die Familie des Direktors angekommen war und ausgeschifft wurde, als er sich einen Augenblick von unseren Freunden verabschiedete und seinen Collegen entgegen eilte. Unten nahm er den Direktor auf die Seite und schien angelegentlich mit ihm zu sprechen. Eugen sah augenblicklich, daß sich die Rede des Schauspielers auf ihn und den Herrn Sidel bezog.

»Nun was meinst du,« sagte Letzterer, »zu diesen Aussichten, die sich uns hier plötzlich eröffnet haben? Bist du dem Zufalle dankbar oder nicht?«

»Das muß die Zukunft lehren,« sagte lachend Eugen; »du kennst auch meine Neigungen genugsam, um zu wissen, daß ich mir lange gewünscht, ein ähnliches Leben einmal für eine Zeit lang mitzumachen. Aber was ist mit Joseph?« setzte er leise hinzu.

»Joseph,« antwortete Herr Titel mit sehr wichtigem Gesichte, »wird, im Falle man uns engagirt, gerade so gut ausübender Künstler, wie wir Beiden. Hast du es gehört?« wandte er sich an den getreuen Pierrot; »wir sind im Begriffe, zum Theater zu gehen, und wenn wir uns für dich verwenden, was gewiß geschehen soll, so werden sie dich ebenfalls an- und aufnehmen. Aber hör' und achte auf meine Worte: dein Herr heißt von diesem Augenblicke an Eugen Wellen – ich muß das,« setzte er lachend hinzu, »unserem vortrefflichen Präsidenten zu Liebe thun. Ich bin der Herr – nun, wie heiße ich gleich? – meinetwegen Müller; also merke dir das ganz genau, getreuester Pierrot, der Herr Wellen und der Herr Müller. Du kannst dich Herr Hannibal nennen, ein sehr schöner Name und passend für dein Aeußeres. Merke dir aber, lieber Freund, daß unsere früheren Namen für uns jetzt nicht mehr existiren, vergiß dieselben also vorderhand: sei, was frühere Tage anbelangt, verschlossen wie ein Grab, überhaupt so schweigsam wie möglich, und glaube mir, daß es nur von deinem Betragen abhängt, ob dein Herr sich ferner deiner annimmt oder ob man dich in die weite Welt hinausschickt.«

Dem getreuen Pierrot war es schon nicht bei der Verhandlung vorhin, noch weniger aber jetzt bei der Rede des Herrn Sidel außerordentlich wohl zu Muthe. Er hatte von jeher keine große Achtung vor Schauspielern gehabt, sogar vor denen nicht, welche er in der Residenz gesehen und die doch in der elegantesten Toilette umhergingen und in sehr schönen Häusern wohnten. Nun aber hier erst der Kollege, der sich eben präsentirt mit seinem grauen farblosen Anzuge – o, das Leben, das unter diesen Aussichten dem armen Pierrot für die Zukunft vor die Augen trat, schien ihm ebenso Grau in Grau gemalt. Doch was war zu thun? In Geduld folgen und sehen, wie lange diese Idee seines Herrn wieder einmal dauern würde. Glücklicher Weise waren ähnliche Vorgänge da, und Joseph erinnerte sich, daß Herr Eugen Stillfried die Veränderungen liebe.

Mittlerweile war die Gesellschaft fahrender Künstler den Hügel heraufgekommen, und der Herr an ihrer Spitze beeilte sich, unsere Freunde dem Prinzipal und der Prinzipalin vorzustellen. Dies war bald geschehen, und der Direktor schlug vor, hier einen kleinen Ruhepunkt zu machen, theils weil er nach einem Marsche von sechs Stunden in der That das Bedürfniß fühlte, sich niederzulassen, theils aber auch, weil er hoffte, so behaglich im Schatten sitzend, die neu aufzunehmenden Mitglieder milder gestimmt zu finden und für sich bessere Bedingungen heraus zu schlagen.

Das Letztere wurde ihm gerade nicht schwer; denn da unsere Freunde einmal geneigt waren, diesem sich darbietenden Zufalle zu folgen, auch andererseits, wie wir recht gut wissen, von den Bedingungen des Direktors in keiner Weise abhängig waren, so wurden beide Parteien bald einig. Sie spielten gleich der übrigen Gesellschaft mit auf Theilung und behielten sich nur das Recht vor, mit achttägiger Kündigung wieder austreten zu können.

Das Fuhrwerk, welches wir vorhin erwähnt, und das der Familie des Direktors zum Fortkommen diente, enthielt außerdem nur die besten Garderobesachen. Ein anderer Wagen, mit der Einrichtung des Theaters, mit Dekorationen und Requisiten war noch zurück und wurde von dem jungen Bruder des Direktors geleitet.

Der Prinzipal traf die Bestimmung, daß die Gesellschaft hier unter der Linde auf den zurückgebliebenen Wagen warten solle, während er mit den neu angeworbenen Mitgliedern jetzt gleich nach dem nicht mehr sehr entfernten Schloßfelden aufbrechen wolle, um dort die Quartiere zu besorgen. Die Gesellschaft sollte in der Dämmerung nachrücken. Er pflegte es immer so zu machen und wollte es um Alles in der Welt nicht leiden, daß der Troß jubelnder Straßenbuben den einziehenden Thespiskarren begleite.

Nachdem sich Eugen, nunmehr Herr Wellen, sowie Herr Müller und Herr Hannibal von den Damen und dem Herrn Trommler verabschiedet – letzterer war dazu bestimmt, an des Direktors Stelle das Pferd des kleinen Karrens weiter zu führen – begaben sie sich mit dem Prinzipal auf den Weg und ließen die andere Gesellschaft hinter sich.

Noch eine Zeit lang gingen sie auf der Hochebene fort, und wenn sich auch der Fahrweg bald hob, bald senkte, so hatten sie doch volle zwei Stunden zu marschiren, ehe sie an den Abhang dieser Ebene kamen, an das Thal, nach welchem Eugen schon im Laufe des Tages sehnsüchtig geblickt, mit seinen grünen Gebüschen, über das hinweg die fernen blauen Berge blickten.

Der Prinzipal schien sich ein wahres Vergnügen daraus zu machen, so stattlich aussehende Mitglieder die Seinigen nennen zu können. Er erlaubte sich auch wegen der ganzen Haltung derselben nicht viele zudringlich erscheinende Fragen über ihre frühere Künstlerlaufbahn und begnügte sich damit, als Eugen durchblicken ließ, sie seien bis jetzt mir bei großen, bedeutenden Bühnen beschäftigt gewesen und nur durch gewisse Verhältnisse gezwungen worden, so bei ihm eine Zeit lang zu privatisiren. Wir sagten so eben, der Direktor begnügte sich mit dieser Aussage, wollen aber damit nicht zugestehen, als habe er dieselbe geglaubt. Er war ein alter Praktikus, hinter den Lampen, wenn auch nicht ergraut, doch groß geworden, und wenn er auch in Betreff seiner drei neuen Mitglieder nicht die volle Wahrheit traf, so schoß er doch auch nicht weit daneben. Zwei von den Dreien, dachte er bei sich, der Herr Wellen und der Herr Müller, haben irgend etwelche lockere Streiche aufgeführt, in deren Folge sie in Verbindung des Dritten, des Herrn Hannibal, der eigentlich weit unter ihnen stehe, gezwungen wurden, was man so im Leben nennt, durchzugehen. Das ist mir nun am Ende gleich viel, speculirte der Prinzipal weiter, die drei Bursche sehen gut aus, werden das Bischen schon lernen, was sie gebrauchen, um den Bauern einen vergnügten Abend zu machen, und wenn die Sache auch nicht geht, so sind wir ja beiderseitig an gar nichts gebunden.

So schlenderten sie dahin, und rauchten von den feinen Cigarren des Herrn Wellen.

»Sagen Sie mir,« hub der Direktor nach einem längeren Stillschweigen an, »mir scheint, der Herr Hannibal dort habe sich schon viel in komischen Fächern versucht, er scheint mir wenigstens das ganze Zeug zu haben, wär' auch gewiß für's Ballet und die Pantomime sehr verwendbar. In letzterer werden Sie auf alle Fälle den Pierrot geben. Sie müssen mir verzeihen, aber dazu ist ihr Gesicht in der That wie gemacht.«

Herr Müller konnte sich nicht enthalten, bei dieser Bemerkung laut hinaus zu lachen, und antwortete: »Ich muß den Scharfblick des Herrn Direktors bewundern. Wenn auch Herr Hannibal im Allgemeinen bis jetzt kein schlechter Schauspieler war, so steht er doch einzig in seiner Art in der Rolle des Pierrot da. Wahrhaftig, wenn nicht die Pantomime leider auf unseren größeren Theatern nach und nach ganz verschwände, so hätte dieser vortreffliche junge Mann in dieser sonst so beliebten italienischen Charaktermaske eine glänzende Karriere machen müssen, einen ungeheuren Weg, etwa wie Grimaldi seiner Zeit als Clown.«

»Für uns,« entgegnete der Direktor, »ist die Pantomime noch beständig sehr dankbar und ergiebig, und unser Publikum begieriger darauf, als auf die schrecklichsten Schauer- und Trauerstücke. Nebenbei ist es für unsere Künstler eine Art Ausruhen; sie brauchen keine Rollen zu lernen und können sich bei unserer Pantomime in einem ungezwungenen Extempore gehen lassen. Man gibt im Allgemeinen den Faden des Stückes an. Die Personen sind immer die gleichen: Harlekin, Colombine, Pantalon und Pierrot. Der Alte wird betrogen, die Tochter von Harlekin entführt, und Pierrot bekommt seine Schläge, wie das so der Brauch ist.«

»Ganz richtig,« sagte lachend der lustige Rath, »Pierrot bekommt seine Schläge, und das aus dem FF.«

Dem Herrn Hannibal war es bei diesen Worten nicht sehr angenehm zu Muthe, und wenn auch die beiden Felleisen – sie waren bei dem Wagen zurückgeblieben – seine breiten Schultern nicht mehr drückten, so lastete doch das Bewußtsein, so plötzlich und unverhofft aus einem ehrlichen und soliden Bedienten ein vacirender Künstler geworden zu sein, schwer auf seiner Seele.

Vor den Augen unserer Wanderer that sich aber jetzt im Strahle der Abendsonne ein wunderliebliches Bild auf. Es war, als habe die Natur sich am Ende selbst gelangweilt bei Erschaffung der, wenn gleich sehr fruchtbaren, doch ermüdend einförmigen Hochebene, die sich meilenweit nach allen Seiten ausdehnte, und als habe sie jetzt in ihrer köstlichsten Laune daran ein weites Thal gewirkt voller Lieblichkeit und Anmuth.

Unsere Reisenden standen am Abhange der Ebene, und der breite Fahrweg, auf dem sie bis jetzt gewandelt, mit seinen langweiligen Karrengeleisen, seiner gleichen, weiß-grauen Farbe, seiner einförmigen Abgrenzung von grünen Rasen, mit einigen bunten Blumen verziert, schien bei dem Anblicke der Gegend zu seinen Füßen plötzlich ein ganz anderer geworden zu sein: voll Uebermuth und Jugendkraft. Er wand sich lustig hin und her, vertiefte sich zum Hohlweg mit steilen Wänden, die bald grün bewachsen waren, bald zackige Felsen zeigten, bald bröckeliges Gestein und Erde, zusammengehalten durch die Wurzeln mächtiger Bäume, welche hoch über ihm ein Laubdach bildeten, während unten diese Wurzeln selbst, phantastisch verschlungen, dem Auge des Dahinwandelnden die angenehmste Abwechslung boten.

Hie und da verflachten sich die Wände des Hohlwegs auf kurze Zeit, und das geschah immer an solchen Stellen, wo er sich im tollen Uebermuth plötzlich rechts oder links wandte, oder wo er eilig und lustig niedersteigend sich um die Felszacken wand, als wolle er selbst seinen raschen Lauf zügeln.

An solchen Stellen nun zeigte sich vor den Augen unserer Reisenden das vor ihnen liegende Thal in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Eugen hatte vorhin richtig geahnet. Dort unten schlängelte sich ein kleiner Fluß; hier, wo die beiden Thalwände enger zusammen standen und wo das Wasser von der Hochebene mit raschem Falle herunterstürzte, trieb es Mühlen und Fabrikwerke. Weiter hin wurde das Thal immer weiter und breiter, und da liefen die Wellen des kleinen Flusses ruhiger und eilten lustig dem flachen Lande zu; aber von der Höhe sah man noch lange, lange die Krümmungen desselben, besonders jetzt, wo der röthlich schimmernde Strahl der Abendsonne darauf lag und der kleine Fluß zwischen den grünen Wiesen sich dorthin wie eine goldene Schlange ringelte.

Das große Dorf oder kleine Stadtchen, der Bestimmungsort unserer Reisenden, lag dicht an den Fuß des Berges geschmiegt. Auf seiner linken Seite stand auf der sanft ansteigenden Thalwand eines der reizendsten alten Schlösser, die man sehen konnte. Es war ein mittelalterliches Gebäude, aber, wie es schien, auf's Sorgfältigste restaurirt mit zackigen Zinnen, einem hohen Thurme, vielen kleinen Erkern und Nebengebäuden, mit der freiesten Phantasie zusammengestellt, oder wie die damaligen Verhältnisse gerade einen Neubau bedingten. Alles das war durch Terrassen und Brücken mit einander verbunden, so ein wahrhaft malerisch schönes Ganzes bildend.

Als die Wanderer dieses Schlosses zum ersten Mal ansichtig wurden, blieb der Schauspieldirektor einen Augenblick stehen, fuhr mit der Hand über das Gesicht und sagte: »Ich habe so gewisse Gegenden, verschiedene Städte, zwischen denen ich Jahraus, Jahrein herumziehe. Dem Orte da unten war eigentlich für jetzt noch kein Besuch zugedacht; Trommler brachte mich auf die Idee, und es ist mir jetzt lieb, daß es so gekommen ist, einestheils, weil ich Euch, Ihr Herren, auf dem Wege dahin gefunden, und zweitens, weil ich gar gern hieher gehe. Der Ort da unten hat für mich immer etwas Gutes gehabt, der Aufenthalt dort mir etwas Angenehmes gebracht. Das sind nun schon lange Jahre, seit ich zum ersten Male hier war. Damals war das Schloß noch in vollem Glänze, d. h. es wurde von der gräflichen Familie, der es angehört, selbst bewohnt, und das war auch eine gute Zeit für unser einen. Da wurden wir wöchentlich ein oder zwei Mal eingeladen, im Schlosse selbst unsere Vorstellungen zu geben. Es befindet sich dort ein ganz charmant eingerichtetes kleines Theater. Die Gräfin, die Gemahlin des Besitzers, protegirte uns, und wenn wir abzogen, erhielten wir gewöhnlich noch ein Geschenk, das meistens unseren Verzehrungskosten gleich kam. Das war noch eine gute, glückliche Zeit; aber auch später, als das Schloß schon leer stand, ging ich doch noch gern dahin. Es ist hier, wie wir es nennen, ein gutes Klima. Die Leute verlangen nicht zu viel, sind zufrieden mit dem, was wir ihnen geben können, und bezeugen ihre Dankbarkeit dadurch, daß sie unsere Vorstellungen häufig besuchen.«

Die Sonne war nun im Begriff, unterzugeben, und da die Wanderer Westen gerade vor sich halten, so erschien ihnen das ganze lange Thal vor ihnen wie mit glühendem Lichte erfüllt. Die Luft war warm und würzig, Käfer und Nachtschmetterlinge flogen; und als sie immer tiefer hinabstiegen, drangen von unten menschliche Stimmen an ihr Ohr, sowie das Klopfen der Hämmer und das Rauschen der Wasser, während hinter ihnen die Bergwand sich in die Schatten der Nacht hüllte und einsam und schweigend da lag in feierlicher Stille, die nur zuweilen unterbrochen wurde durch das Gekreische des Raubvogels oder den lauten lustigen Ruf von Kindern, welche dort oben gespielt hatten und nun mit Beeren und Blumen beladen nach Hause zurückkehrten.

Fremde waren hier etwas Ungewöhnliches, deßhalb schauten die Leute, die vor ihrer Hausthüre standen, unseren Wanderern neugierig nach und ergingen sich in Muthmaßungen, wer es wohl sein könne, hie und da blieb der Schauspieldirektor einen Augenblick stehen und lief lustig einen Namen. Der Gerufene kam dann augenblicklich in die Straße herein und schien sich in den meisten Fällen wahrhaft zu freuen, den alten Bekannten wieder zu sehen. Wenn er alsdann wieder unter seine Hausthüre zurücktrat, so sah man beim Lichte des Herdfeuers, welches auf die Gasse hinausdrang, daß die ganze Familie sich neugierig versammelte, um zu erfahren, wer es gewesen sei, der eben vorübergekommen und gegrüßt.

So zogen unsere vier Wanderer durch den größten Theil des Ortes und kamen endlich an das Wirthshaus, wo der Schauspieldirektor gewöhnlich einzukehren pflegte. Es war dies ein großes, weitläufiges Gebäude, und neben demselben befand sich eine Terrasse mit Rebenlaub überdeckt, auf welcher die Gäste saßen. Wir müssen gestehen, daß der Schauspieldirektor von den Wirthsleuten auf's Freundlichste empfangen wurde; ja, auch einige von den Gasten erschienen am Rande der Terrasse, um sich zu erkundigen, ob es denn wirklich der Herr Sommerfeld sei, der eben angekommen.

Nachdem nun der Prinzipal die Stärke seiner Gesellschaft angezeigt und gesagt, sie würde in einer kleinen Stunde mit Kind und Kegel eintreffen, machte er sich alsbald wieder auf den Rückweg, um den Seinigen entgegen zu gehen und ihnen zu helfen, damit auf dem steilen Pfade in's Thal herab Niemand Schaden leide; denn so ein ausgezeichneter Künstler der Herr Trommler auch war, so besaß er doch nicht allzu große Geschicklichkeit in der Leitung von Pferd und Wagen.

Das Wirthshaus, vor welches wir den geneigten Leser im Dunkel des Abends gefühlt, sind wir aus letzterem Grunde vorerst unmöglich im Stande genauer zu beschreiben. Wir sehen nichts, als die unbestimmte Masse des Gebäudes, im oberen Stock ein einziges Fenster erhellt, den Hausflur dagegen hell beleuchtet von der lodernden Flamme des Küchenfeuers Zwischen dem Rebenlaub hervor glänzen einige Lichter und dort hört man ein Gespräch und das Klirren von Gläsern. – Eugen, der es mit dem Prinzipal so abgemacht, verlangte ein besonderes Zimmer für sich und den Henri Müller und ein daran stoßendes für den Herrn Hannibal, was ihm augenblicklich angewiesen wurde.

Das Wirthshaus selbst hieß: »Zur wilden Rose.«

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