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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Worin der geneigte Leser von dem Erzähler dieser Geschichte veranlaßt wird, eine kleine Fußreise zu machen.

In einem kleinen Städtchen, vom früheren Schauplatz unserer Geschichte jenseits der Grenze, war ein Gasthof, wenn wir nicht irren »Zum goldenen Bären« genannt. Doch thut hier der Name nichts zur Sache, denn für uns kommt nur der Gasthof als solcher in Betracht, und hier war am andern Morgen nach seiner Flucht aus der Stadt Eugen Stillfried angelangt mit seinem lustigen Rath, dem getreuen Pierrot und Sultan, dem Neufundländer, Eugen beschloß, sich hier eine Zeit lang aufzuhalten, vor allen Dingen um Nachricht aus der Stadt abzuwarten über das Befinden seines Gegners, den er zu Boden geschlagen, namentlich aber von Katharina, die er in einem Schreiben von Allem in Kenntniß setzte und sie bat, mit wenigen Worten sagen zu wollen, wie er sich im Allgemeinen, besonders aber ihr gegenüber verhalten solle. Da es ihm nicht räthlich erschien, das Schreiben dem Postamt zu vertrauen, so wurde Joseph dazu ausersehen, den Brief nach der Stadt zu bringen, um dort seine Erkundigungen einzuziehen und wo möglich eine Antwort von Katharina zu erhalten.

Der getreue Diener reiste auch in der nächsten Nacht wieder nach der Stadt zurück; doch glauben wir annehmen zu können, daß er entweder nicht den Muth hatte, sich in der Nähe des Marktplatzes lange umher zu treiben, oder im Falle der Noth der Madame Schilder einen Besuch zu machen, ihr den Brief zu geben und auf Antwort zu warten; oder wenn er es doch gethan, so sind wir wohl berechtigt, zu glauben, daß jene würdige Frau den Brief unterschlug oder ihn sogar dem Herrn Konrad Schoppelmann einhändigte; genug, obgleich Pierrot zwei Tage fortblieb, so brachte er doch von Katharina keine Antwort zurück, wohl aber die Nachricht, daß sich Fritz, der Fuhrmann, ziemlich außer Gefahr befinde, und daß, wenn er auch einige Wochen das Bett hüten müsse, für sein Leben durchaus keine Gefahr sei.

Eugen gab sich mit dieser Botschaft nicht zufrieden, er wollte anfänglich selbst hinüber, doch gab Herr Sidel hiezu unter keiner Bedingung seine Einwilligung; ja, in Folge der Unterredung hinüber entschloß er sich, obgleich widerstrebend, selbst nach der Residenz zurückzugehen, dort zu erforschen, wie die Sachen ständen, namentlich aber den Versuch zu machen, ob es möglich sei, Katharinen zu sehen und zu sprechen.

Der lustige Rath reiste auch wirklich ab, kehrte aber ebenso unverrichteter Dinge zurück, wie Joseph. Durch seine Bekanntschaften im musikalischen Hause hätte es ihm nicht schwer werden sollen, indem er sich dort aufhielt, die Aufmerksamkeit des gegenüber wohnenden jungen Mädchens auf sich zu ziehen. Er behauptete aber bei seiner Zurückkunft, in dieser Richtung alles Mögliche gethan zu haben; ja, er setzte hinzu, Katharina müsse ihn gesehen haben, sei ihm aber durchaus nicht gewillt erschienen. in irgend eine Unterhandlung mit ihm zu treten. Wenn wir uns erinnern, daß Herr Sidel von jeher nicht geneigt war, das Verhältnis seines jungen Freundes zu jenem Mädchen zu billigen, noch viel weniger aber dasselbe aus irgend eine Art zu unterstützen, so können wir wohl annehmen, daß er sich in dieser Sache, obwohl in der besten Absicht, eine Unwahrheit zu Schulden kommen ließ. Er sah in jener Liebe durchaus nichts Ersprießliches für seinen Freund; ihm schien es überhaupt für die ganze Zukunft Eugen's besser, wenn es ihm möglich würde, denselben für eine Zeit lang aus dem Leben und Treiben jener Stadt zu entfernen. Herr Sidel ahnete nicht, wie theuer Katharina dem Herzen seines Freundes wirklich war, er hielt diese Geschichte, wie so manche frühere ähnliche, für vorübergehend. Nebenbei hatte Eugen seinem Vertrauten leider nichts von der Unterredung mit der Staatsräthtin gesagt, und Herr Sidel, dem alles daran gelegen war, Mutter und Sohn zu vereinigen, glaubte, daß zu diesem Zweck eine Entfernung sehr heilsam sei. Die Staatsräthin erfuhr alsdann nicht Geschichten von ihrem Sohne, aufs Gehässigste verdreht, unendlich vergrößert und verschlimmert, und dem jungen Manne wurden an sich unbedeutende Worte der Mutter nicht auf die gleiche Art überbracht. Das war die an sich gute Absicht des lustigen Rathes, und aus diesem Gesichtspunkte müssen wir es verzeihlich finden, wenn er sich bei seiner Rückkehr aus der Residenz einige Unwahrheiten zu Schulden kommen ließ. Nach seiner Angabe war der junge Schoppelmann durchaus nicht außer Gefahr, der Justizrath Werner dagegen, wie er aus guter Quelle erfahren haben wollte, auf's Eifrigste bemüht, die nöthigen Mittel zu erhalten, um Eugen auch jenseits der Grenzen des Landes verfolgen zu können; Katharina aber hatte sich, so sei es ihm erschienen, gelinde ausgedrückt, bei seinem Erscheinen vollkommen theilnahmlos gezeigt. Er hätte, als sie ihn zum ersten Male wieder gesehen, weder eine große Ueberraschung, noch viel weniger eine Freude auf ihrem Gesichte entdeckt. Ihr Aussehen sei gut und wie gewöhnlich gewesen, man habe durchaus nichts Besonderes an ihr bemerkt.

Man kann sich denken, wie unangenehm diese Nachrichten auf Eugen einwirkten. Er hatte gehofft, in der nächsten Zeit nach der Residenz zurückkehren zu können, um sich mit seiner Mutter auszusöhnen und dieselbe durch die größte Nachgiebigkeit zu vermögen, daß sie zu seiner Verbindung mit Katharina endlich ihren mütterlichen Segen ertheilte. Das war jetzt alles in weite Ferne gerückt, und wenn ihn auch die Hoffnung nicht verließ, daß sich diese süßen Träume einst verwirklichen könnten, so ließ doch die gewaltsame und einigermaßen künstliche Spannung seines Gemüthes nach, und andere Lebensbilder, andere Ansichten und Wünsche strömten durch seine leicht bewegte Brust und drängten das, was dieselbe noch gestern allgewaltig ausgefüllt, leicht, wenn auch nicht schmerzlos, in den Hintergrund.

Die beiden Freunde saßen in dem Garten des benannten Gasthofes unter einem schattigen Kastanienbaume. Eugen war trübe gestimmt, und der lustige Rath suchte ihn aufzuheitern.

»Du hast mir so oft,« sagte er nach einer längeren Pause, »von deiner ersten Kunstreise erzählt und mir dieses Leben mit so glänzenden Farben ausgemalt, daß ich wahrhaftig Lust bekomme, etwas Aehnliches mitzumachen. Wir sind jetzt für die nächste Zeit vollkommen frei; es wäre überhaupt wegen vergangener Geschichten, besser, statt mit Extrapost zu reisen und in den Gasthöfen Zimmer in dem ersten Stock zu bewohnen, sich bescheidener Fortkommensmittel zu bedienen und unbemerkter zu leben. Was willst du hier in diesem langweiligen Neste liegen, um abzuwarten, ob und wie sich die Sachen in der Stadt gestalten? Laß uns ein Bischen in dieses schöne Land hinauswandern. Der Spätsommer ist da, wir werden einen prächtigen Herbst haben, laß uns das genießen! Bald,« setzte er lächelnd hinzu, »werden die Geschichten in der Stadt vergessen sein, du kehrst heim, söhnst dich mit deiner Mutter aus, wer weiß, was sonst noch geschieht? Und wenn dir im guten Falle einmal gewisse enge Grenzen gesteckt sind, so kommst du doch nimmer dazu, etwas Aehnliches ausführen zu können, eine Zeit lang ein ungebundenes, fröhliches Leben zu führen, das uns jetzt so angenehm, ja gewissermaßen glänzend winkt. Wir wollen uns,« schloß er mit komischem Pathos, »in den böhmischen Wäldern niederlassen und dort eine Räuberbande zusammenziehen.«

»Wir sind wahrhaftig beinahe in gleichem Falle mit Karl Moor,« sagte Eugen; »ich wenigstens, vertrieben von meinem väterlichen Hause, gewaltsam getrennt von dem Mädchen, die ich wahr und treu liebe, wahr und treu, trotz deiner Botschaften, Mephisto!«

»Das ist anerkennenswerth,« lachte Herr Sidel, »und Gott soll mich in Gnade bewahren, daß ich ernstlich daran dächte, an dieser Wahrheit und Treue zu rütteln; aber glaube mir nur,« setzte er ernster hinzu, »es ist wahrhaft besser, wenn wir für eine Zeit lang vollständig verschwinden. So lange du da warst, ließ sich deine Mutter bereitwillig gegen dich einnehmen, wenn man dagegen eine Zeit lang nichts von dir gehört, so wird ihre mütterliche Liebe zu dir stärker als je erwachen und dich wieder aufnehmen, vorausgesetzt, daß du dich alsdann dieser mütterlichen Zuneigung werth zu machen suchst.«

»Und für Katharina,« fügte Eugen hinzu, »ist es auch wohl besser, wenn sie längere Zeit nichts von mir hört! Was sagt deine höllische Beredsamkeit über diesen Punkt?«

»Ich bleibe vollkommen bei meiner Ansicht,« entgegnete der lustige Rath; »du hast das junge Mädchen einige Male gesehen, du bist von ihrem Aeußeren, meinethalben auch von ihrem Inneren entzückt und du denkst nun mit deinem bekannten Leichtsinn dich an das Mädchen zu fesseln – nimm's mir nicht übel, ehe du sie hiezu genau genug kennst. Um eine so glänzende Partie zu machen, wie du eine bist – ich spreche von deinem Vermögen, nicht von deiner Persönlichkeit – um also eine solche Partie zu machen, wird sich jedes Mädchen zusammennehmen und ihre glänzende Seite herauskehren, namentlich, da dieses Katharinen bis jetzt so leicht wurde.

Da kommt das Schicksal; roh und kalt
Faßt es des Freundes zärtliche Gestalt –

und wirft sie – in die Hände der Gebrüder Schoppelmann. Man hat dich als Ungeheuer der schlimmsten Gattung dargestellt; man wird Versprechungen und Drohungen nicht schonen, um das Mädchen von dir abwendig zu machen; nun gut, das ist die Zeit der Prüfung. Wenn sie wirkliches Gold ist, so laß sie es jetzt bewähren, überlaß sie auf kurze Zeit sich selbst, sieh zu, ob sie dir wirklich treu anhängt, und wenn das der Fall ist, in Gottes Namen denn, so sage auch ich: Amen!«

Da Eugen auf diese Rede nicht antwortete, so fuhr Herr Sidel nach einer Pause fort:

»Glaube mir, Eugen, sie wird in dieser Prüfung nicht zu Grunde gehen, und wäre dieses doch der Fall, dann hättest du nicht viel dabei verloren; nebenbei habe ich drinnen Alles eingeleitet, um genau zu erfahren, was in dem Hause am Marktplätze vor sich geht – aber jetzt laß das Kopfhängen sein, sei der Alte wieder, laß uns ein neues Leben anfangen; und bei diesem neuen Leben müssen wir besorgt dafür sein, dem getreuen Pierrot eine gelinde Strafe zukommen zu lassen, denn ich bin der festen Ueberzeugung, daß bei der Geschichte von jener Nacht dieser Kerl die Hand mit im Spiele gehabt.«

»Wenn man das annehmen könnte,« entgegnete Eugen, »so wäre es besser, man schickte ihn augenblicklich fort.«

»Gewiß nicht!« sagte der lustige Rath. »Trägt er wirklich auf beiden Schultern und hat neben dir noch einen anderen Herrn, so wird er augenblicklich zu diesem zurückkehren, um über unsere Schritte bis hieher zu rapportiren.«

»Wenn dein Verdacht gerecht wäre,« meinte Eugen, »so hätte er uns wohl in der Stadt verlassen und nicht so dringend gebeten, ihn mitzunehmen.«

»Heilige Einfalt!« versetzte Herr Sidel, »seine Aufträge sind wahrscheinlich noch nicht zu Ende.«

»Ich habe ihm auf deinen Rath deutlich genug erwiesen, daß er mein Vertrauen vollständig verloren,« antwortete Eugen, »und bat er trotzdem nicht de- und wehmüthig, ja fast kniefällig, ihn mitzunehmen?«

»Das ist mir ebenfalls aufgefallen,« entgegnete der lustige Rath, »und könnte mich auf die Vermuthung führen, als habe Joseph sich gegen einen anderen Herrn ebenfalls eines kleinen Verrathes schuldig gemacht, indem er uns nicht vollständig verrieth. Dem sei nun, wie ihm wolle, wir haben ihn einmal mitgenommen, er ist da, und wenn, du auch dieses Mal, wie gewöhnlich, schwach bist, so werde ich so viel wie möglich das Meinige thun, daß ihm für wirklich begangenes Unrecht die nothwendige Strafe wird. Aber jetzt sage mir, was hältst du von dem Vorschlage? Ist es dir genehm, ein Bischen in der Welt herum zu ziehen, so wollen wir gleich morgen damit anfangen; unsere Sachen lassen wir hier, denn zu einer Fußreise, wozu ich dich veranlassen möchte, taugt vieles Gepäck nicht; ein kleines Bündel, wenig Geld, ein tüchtiger Knotenstock und ein froher Muth – mehr braucht's nicht.«

»Und was willst du, daß wir beginnen sollen?« fragte Eugen.

»Das wird sich alles finden; wir ziehen einmal auf's Gerathewohl hinaus und sehen, ob und wo uns endlich einmal etwas aufstößt. Finden wir irgend zufällig eine Schulmeisterstelle vacant, gut, so werde ich mich darum bewerben, du wirst mein Famulus und der getreue Pierrot kann in doppelter Hinsicht die Stelle eines Einheizers versehen, indem er nämlich die Oefen und die unaussprechliche Freude, die Schulkinder zu bearbeiten, erhält. Vor allen Dingen aber pflichte meinem Vorschlage im Allgemeinen bei; denn du wirst mir doch zugeben, daß es hier in diesem Nest ungeheuer langweilig ist.«

Eugen fand sich mit dem neuen Lebensplane, den der lustige Rath entworfen, vollkommen einverstanden, und so wurden denn zur Ausführung desselben die nöthigen Vorkehrungen getroffen. Man bezahlte die Rechnung im Gasthofe, ließ die mitgenommenen Koffer unter dem Vorwande zurück, man wolle eine kleine Fußtour unternehmen und werde später darüber verfügen. Die nothwendige Wäsche und Kleidungsstücke wurden in Felleisen verpackt, und während Herr Sidel mit Hülfe Pierrots sie recht vollstopfte und sie dem getreuen Diener zur Probe umhängte, dachte er bei sich, wie dies ein treffliches Mittel sei, die Bestrafung desselben jetzt schon anzufangen.

So zogen die Drei an dem andern Morgen hinaus und beschlossen, es dem Zufalle zu überlassen, wo er sie hinführen wolle. Zu diesem Zwecke waren sie von der großen Landstraße abgegangen und folgten einem kleinen Fahrwege, der die benachbarten Dörfer und Städte mit einander verband. Eugen, sowie der lustige Rath hatten eine sehr einfache Toilette gemacht, bestehend in einem leichten Sommerrocke, auf dem Kopfe einen Strohhut; der getreue Pierrot aber trug beide Felleisen. So wandelten sie dahin unter dem Gesang der Vögel und dem Duft der Blumen. Der Feldweg, auf dem sie sich befanden, war breit genug, um einen einfachen Karren durchpassiren zu lassen, und daß dergleichen Fuhrwerke auf ihm fortbewegt wurden, sah man an den bald tief bald schwach eingedrückten Geleisen. Der Weg lief, wie die meisten seines Gleichen, ungebunden, wie es ihm gerade einfiel, über die Felder dahin; bald wandte er sich, ohne allen sichtbaren Grund, etwas links, dann wieder scheinbar ebenso unabsichtlich rechts, eine beständige Schlangenlinie; oftmals verließ er auch diesen schlangenähnlichen Lauf wieder, um plötzlich mit scharfem Winkel nach einer anderen Richtung abzubiegen, nach einer Sandgrube, einem Kalkofen oder dergleichen, und wenn er diese verschiedenen Gegenstände solcher Gestalt näher betrachtet und seine Neugierde befriedigt hatte, so wandte er sich wieder ebenso scharf der alten Richtung zu. Dergleichen Extravaganzen und außerordentliche Abschweifungen hatte aber der mit der Zeit karge Bauer oder der Fußgänger, welcher es gerade sein mochte, nicht geduldet, und wo der alte Fahrweg einer solchen Lust, über das Feld hinzubummeln, nicht widerstehen konnte, da waren kleine, gerade ausgehende Fußpfade entstanden, welche bald parallel mit jenem Wege liefen und dann rechts oder links durchschnitten, sich eine Zeit lang von ihm trennten, um sich am Ende nach einer scharfen Biegung mit ihm zu vereinigen. Das Ganze sah hiedurch von Weitem aus wie ein Flußbett mit kleinen Armen und Nebenflüssen, und wie ein solches verschwand es auch hier und kam dort wieder zum Vorschein, bald, wie der Lauf eines Stromes sich rechts und links um Hügel und Berge windet, bald aber wie es ein ächter und gerechter Fahrweg zu thun pflegt, in diesem Punkte eigensinnig wie ein altes Kutschenpferd, und wo sich Hindernisse befinden, gerade ausrennend. Es ist das von jeher eine Theorie aller Fahr- und Hohlwege gewesen, nie einen Hügel oder eine Schlucht zu umgehen, sondern mit größter Mühe darüber weg oder hindurch zu klettern, sich selbst zum Verderben, dem armen Fuhrmanne zur größten Beschwerde, oft zum Unglück.

Wenn man so einem Feld- und Hohlwege gedankenvoll folgt – man muß aber nicht eilig sein, sondern zu Betrachtungen aufgelegt – so entwickelt derselbe in seinem Laufe so schöne poetische Bilder und Gedanken, wie man sie in manchem Buche vergebens sucht. Jetzt ist er auf der Höhe und schaut rings um sich herum, hinweg über ein hügeliges Land bis zu fernen tiefblauen Bergen; auf allen Seiten sieht man gleiche alte Fahrwege aus dem Grün der Felder freundlich heraus winken mit ihrem weißen, sandigen Boden; die kennen sich all unter einander besser als wir uns einzubilden vermögen – sie blinzeln sich während des Tages zu, wenn sie, von der Sonne beschienen, so glänzend weiß da liegen, und in der Nacht, wenn hoch über ihnen der volle Mond steht und man sie aus der Entfernung nur ahnet, zwischen dem dunkeln Haidegestrüpp hindurch, ein nebelhafter, blasser Streifen.

Ja, man muß es wissen, in welch innigem Rapport diese Feldwege unter sich mit den breiten, langweiligen Landstraßen stehen. Das ist eine Art natürlicher Telegraphenverbindung; denn bald berühren sie sich, laufen durch einander, kreuzen sich nach allen Richtungen, und dadurch auch wird es so bald im ganzen Lande bekannt, was namentlich nächtlicher Weile auf solchen Fahr- und Hohlwegen alles geschieht. Die Nachbarn haben es doch gewiß nicht gesehen, wie jenes junge frische Bauernmädchen mit dem herrschaftlichen Jäger, der bei sinkendem Abend nach seinen Revieren zu gehen pflegt, dort unter jenem Hügel gesessen – ein Plätzchen, das außerordentlich gut versteckt ist, und kein Mensch hat's gehört, wie sie dort zusammen geplaudert und gelacht. Und ist es darum für alle Welt auf ewig verschwiegen geblieben? Gewiß nicht! Neben dem alten Holzwege haben sie dagesessen, und der listige Gesell, obgleich er sich anstellte, als laufe er ruhig über die Höhe davon, hielt sich doch oben an der Ecke auf und blinzelte neugierig zurück, und als er nun nächtlicher Weile, wahrscheinlich zur Mitternachtstunde, dort unten im Grunde den alten Kameraden traf, der ihn rechtwinkelig durchschneidet, da blieben die beiden Schwätzer bei einander sitzen und erzählten einander, was sie gesehen und gehört: dieser schmunzelnd von dem Liebespaar, jener schaudernd von einer schweren Unthat, die sich weiter oberhalb begeben und als sie genug ausgeruht und geplaudert hatten, trollten die vier Arme des Kreuzweges nach allen Seiten auseinander und fanden bald wieder andere Pfade, die sie durchschnitten, liefen auch endlich in's Dorf, wo das arme Mädchen schon längst süß träumend schlief, und trafen endlich auch auf die Chaussee, wo das Gericht den Mörder verfolgte und dieser sich entsetzt umschaute, wenn der Wind rechts und links in den Baumgipfeln neben ihm daher sauste und ebenfalls wiederholte, was der alte Hohlweg erzählt.

Von den Kreuzwegen sagt man, daß sich dort zu Nacht Hexen, Kobolde und dergleichen Gesindel aufzuhalten Pflegen, und das ist wahr und hat in dem vorher Erwähnten seinen guten Grund. Doch seien sie in Erdlöchern und hinter alten Baumstämmen und horchen den Erzählungen der alten Wege, und was sie auf diese Art erfahren vom Thun und Treiben der Menschenkinder, das wenden sie an zu ihrem Schaden und Unheil. Drum, wenn der geneigte Leser gewillt ist, aus der vorstehenden Abschweifung vom geraden Wege unserer wahrhaften Geschichte irgend eine Lehre zu ziehen, so ist es die: bei vorkommenden Gelegenheiten auch dem harmlosesten Fahr- und Hohlwege nicht unbedingt zu vertrauen.

Unser Kleeblatt that ebenfalls so, indem sie neben und hinter einander gingen, ohne längere Zeit ein Wort zu wechseln. Doch thaten sie das weniger aus Mißtrauen gegen den Weg, auf dem sie wandelten, als vielmehr, weil Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. Eugen dachte an die Stadt und Katharina, der lustige Rath an seinen Vorschlag, in dessen Folge die Drei auf dem Feldwege dahin wandelten, auf einen glücklichen Zufall hoffend, der ihnen etwas Angenehmes und Lehrreiches zuführen möchte; der Geist des getreuen Pierrot aber war am Ernsthaftesten, und wir können sagen, betrübt beschäftigt, denn er dachte an die Narrheit der Menschen und an die Wandelbarkeit der Glücksgüter. Wie hatte er noch vor einigen Tagen so stolz hinten auf dem Wagen seines Herrn gesessen, sich schaukelnd auf dem Federsitze, die Arme würdevoll über einander geschlagen und den Hut auf dem rechten Ohr, wobei er zuweilen den Postillonen zurief, schneller zu fahren, und wobei er es auch nicht unterließ, einem armen Handwerksburschen mitleidig nachzublicken, der neben ihm daher zog, keuchend unter der Last seines Felleisens! Und jetzt hatte auch ihn das unerbittliche Schicksal von der Höhe herabgeworfen, und auch er wandelte jetzt dahin im Schweiße seines Angesichts, seufzend unter der Last des ihm Aufgebürdeten. Ach, und er trug sogar zwei Felleisen! Die Sonne schien recht heiß von dem wolkenlosen Himmel, die Zeit seines zweiten Frühstücks war längst vorüber, und dazu konnte er nicht einmal seiner Lieblingsbeschäftigung nachhangen und einigen Tabak rauchen; denn er besaß letzteren nur in Gestalt von Cigarren, die seinem Herrn gehörten.

Jetzt waren die Drei auf der Höhe eines Hügels angekommen, wo ein anderer Feldweg, ganz gleich demselben, dem sie bis jetzt gefolgt, diesen in einem rechten Winkel durchschnitt. Auf diesem Punkte blieb der lustige Rath, welcher den Vortrab führte, einen Augenblick stehen und wandte sich an Eugen mit der Frage, nach welcher Richtung man sich weiter begeben solle, ob die alte beizubehalten sei, oder ob es nicht besser wäre, rechts oder links abzuschweifen.

»Für Jemand, wie du, der den Zufall zum Führer erkoren,« antwortete Eugen lachend, »ist es begreiflich, daß er auf einem Kreuzwege, wie dieser, einigermaßen in Verlegenheit gerathen kann. Hier ist guter Rath theuer, und ich möchte um Alles in der Welt dem Schicksale nicht vorgreifen, indem ich beschlösse, der alten Richtung zu folgen oder eine neue einzuschlagen. Was meinst du? Sollen wir den Strich des Windes entscheiden lassen, oder willst du dich, ein moderner Augur, nach dem Fluge der Vögel richten?«

»Beides ist sehr schwer,« meinte lachend der lustige Rath, »der Wind, der südöstlich zu gehen scheint, schneidet gerade zwischen dem Kreuzwege hindurch und zeigte also nach rückwärts über das angebaute Feld; – was den Flug der Vögel anbelangt, so scheint es mir sehr schwer zu sein, sich darnach zu richten, denn außer diesen Schwalben da, die in einem unerträglichen Zickzack stiegen, bemerke ich weit und breit nichts, als dort einen Raubvogel, der eben zur Erde herabschießt; und welche Richtung zeigt uns der an?«

»Du bist ein schlechter Zeichenerklärer,« versetzte Eugen; »der Vogel, welcher sich dort zur Erde hinabschwingt, sollte offenbar bedeuten, das uns das Schicksal befiehlt, es ebenso zu machen, das heißt, uns hier niederzulassen, bis ein neuer Zufall, nach deinem Vorschlage, uns weiter hilft.«

»Vortrefflich!« antwortete der lustige Rath; »hier im Angesicht dieser weiten gewaltigen Natur, unter dem Blau des Himmels thu' ich dir feierlichst Abbitte dafür, daß ich dich in früheren Zeiten so oft für ungelehrig erklärt; ich fange an, stolz auf meinen Zögling zu sein.«

»Ich danke für das Kompliment,« entgegnete Eugen; »aber ist diese Höhe nicht zum Ausruhen sehr einladend? Sieh hier, dicht am Wege jenes Heiligenbild unter dem Lindenbaum, der seine Zweige schattengebend ausbreitet – wie vortrefflich können wir hier ausruhen und neue Kräfte zu weiteren Unternehmungen sammeln?«

»Da unten ist auch ein Wirthshaus,« erlaubte sich schmunzelnd Joseph zu sagen, »ich erkenne es an dem großen Baume, der daneben steht, mit seinem Kranz von Tannenzweigen.« Der brave Diener hatte in Betreff von Orten, wo es zu essen und zu trinken gab, einen merkwürdigen Instinkt und ein Talent im Auffinden von Wirthshäusern, das ganz erstaunlich war.

Der lustige Rath schien augenscheinlich über diese Aeußerung des Bedienten gerührt zu sein; zuerst zuckte ein Lachen über sein Gesicht, dann aber nahm er eine sehr feierliche Miene an, klopfte dem einigermaßen erstaunten Joseph auf die Achsel, indem er so ernst wie möglich sagte: »Guter Pierrot, die Zeit der Wirthshausfreuden ist leider vorbei. Wir sind nicht mehr im Stande, dein Herr, ich und du, dort anzuhalten, wo der liebe Gott dem durstigen Reisenden so freundlich eine Hand entgegenstreckt, das heißt, wir sind es nur dann, wenn wir vorher etwas verdient haben. Ja, die Zeiten haben sich traurig geändert. Du wirst es schon noch erleben. Dein Herr ist durch einen unglücklichen Zufall für einige Zeit vollkommen verarmt, und es geschieht wahrlich nicht aus Lust am Spazierengehen, daß wir uns hier ohne Wagen und Pferde auf freiem Felde befinden.«

Pierrot sah bald seinen Herrn, bald den lustigen Rath mit aufgesperrtem Munde, mit wahrhaftem Erstaunen und mit sehr dummem Ausdruck an. Namentlich auf dem Gesichte seines Herrn hafteten ängstlich hoffend seine Blicke. Doch Eugen zuckte die Achseln und nickte mit dem Kopfe.

»Es ist so, guter Pierrot,« fuhr der lustige Rath fort, »und wir lassen dir in dieser Stunde noch die Wahl, ob du mit uns gehen oder nach der Stadt zurückkehren willst. Im letzteren Falle sollst du aufs Genügendste mit Reisegeld versehen werden, und ich will auch obendrein nicht ermangeln, dir einen wichtigen Empfehlungsbrief an den Herrn Justizrath Werner mitzugeben.«

Bei Nennung dieses Namens zuckte der Diener augenscheinlich zusammen, und die Erinnerung an diesen Herrn brachte in ihm allerhand schreckliche Vorstellungen von schweren Akten-Faszikeln und von schnappenden Bedienten lebhaft in's Gedächtniß zurück. Er versicherte hierauf, er könne unter keiner Bedingung seinen Herrn verlassen, möge auch kommen, was da wolle.

»Schön!« sagte hierauf der lustige Rath; »deine Antwort, mein treuer Pierrot, ist lobenswerth. Damit du siehst, wie schon diesseits die Belohnung für gute Thaten öfters erfolgt, so lege deine beiden Felleisen unter jenem Baume nieder, öffne das kleine, und du wirst dort für uns genug finden, um das Wirthshaus da unten mit hohem Baume und Tannenkranz vergessen zu können.

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